Die Lebensphase Jugend, beleuchtet unter der strukturellen Dimension 'Arbeit'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Definitionsversuch: Jugend

3. Die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters

4. Entstandardisierung der Übergänge vom Jugend- zum Erwachsenenalter

5. Das Ende der Normalbiographie

6. Das Bewusstsein der Jugend von die Krise der Arbeitsgesellschaft

7. Gewachsene Anforderungen an die Bewältigung des Lebensabschnittes Jugend

8. Deutungsmuster der Jugendforschung

9. Jugend – ein Moratorium?

10. Sozialpädagogik im Bewältigungszusammenhang Jugend und Arbeit

11. Schlussbetrachtung

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die sich immer schlechter entwickelnde Lage auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt lässt vor allem junge Menschen düsterer in die Zukunft schauen. Verständlicherweise sind Lehrstellenknappheit und Arbeitslosigkeit Themen, die die Jugend von heute beschäftigt (vgl. GENSICKE 2006, S. 171) und in ihrer Lebensführung beeinflusst. Im Jugendalter gilt es zwei Schwellen zu überwinden. Die erste befindet sich an der Schnittstelle zwischen dem allgemeinen und beruflichen Bildungssystem, vor allem Hauptschüler scheitern schon an dieser Schwelle (vgl. THOLE 2000, S. 193). Die zweite Schwelle befindet sich im Übergang von der Berufsausbildung in die Erwerbstätigkeit. Auch an dieser Schwelle versagt ein großer Anteil von Jugendlichen, wie die Arbeitslosenstatistik belegt (vgl. BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT 2007a, S. 27; vgl. BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT 2007b, S. 7).

In dieser Ausarbeitung soll deutlich werden, dass sich die Jugend von heute gewachsenen Herausforderungen zu stellen hat: Zum einen stellt die Lebensphase Jugend einen subjektive biographische Lebensabschnitt dar, „in der Aufgaben der inneren Entwicklung, des Lernens, der Identitätsbildung anstehen“ (MÜNCHMEIER 2002, S. 103). Vor allem aber ist sie „eine gesellschaftlich bestimmte Lebenslage“ (ebd., S. 103), die von gesellschaftlichen Bedingungen und Erwartungen abhängig ist, insbesondere „von der Zukunft und Zukunftsfähigkeit der zentralen Regelungen und Grundlagen unserer Arbeitsgesellschaft“ (ebd., S. 103). JUNGE (1995, S. 40) äußert sogar, dass die „Hauptursache für die Veränderungen der Lebensphase Jugend […] in der Struktur des Bildungs- und Beschäftigungssystems“ liegt. Daher fließen in die Darstellungen über die strukturellen Veränderungen der Lebensphase Jugend vornehmlich soziologische und daneben einige psychologische Positionen ein.

Auch die Sozialpädagogik wird in der vorliegenden Ausarbeitung in den Zusammenhang von Jugend und Arbeit gebracht und als eine „gesellschaftlich institutionalisierte Reaktion[..] auf typische, psychosoziale Bewältigungsprobleme in der Folge gesellschaftlich bedingter sozialer Desintegration“ (BÖHNISCH 2001, S. 24) begriffen.

2. Ein Definitionsversuch: Jugend

„Nach dem durchschnittlichen Alltagsverständnis wird […] die Sozialgruppe Jugend […] als spezifische ´Lebensaltergruppe` begriffen“ (MÜNCHMEIER 2002, S. 101). Der Begriff Jugend markiert jedoch nicht ausschließlich eine Altersspanne, vielmehr bezeichnet er eine biografische Phase, einen „in sich charakteristischen Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsenalter“ (SANDER 2004, S. 256). HERMANN (2006, S. 188) betrachtet Jugend als „Statuspassage“. Diese Betitelung geht konform mit klassischen erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Definitionen, in denen „das Jugendalter von der Kindheit durch die Pubertät (Geschlechtsreife) und von dem Erwachsenenalter durch die vollständige Übernahme des Erwachsenenstatus in punkto Beruf, Familie und Elternschaft, rechtlicher und politischer Mündigkeit unterschieden“ (SANDER 2004, S. 261) wird. Die Dauer sowie das Profil des biografischen Lebensabschnittes Jugend ist demnach keineswegs allein von biologischen Faktoren abhängig, sondern zudem von psychologischen und soziologischen Umständen (vgl. HURRELMANN 2004, S. 13; vgl. HOBMAIR 1997, S. 315). MÜNCHMEIER (2002, S.101) spricht in diesem Zusammenhang von einer „´Vergesellschaftung` der Jugendphase“.

Historisch gesehen ist Jugend mit ihren eigenen Ordnungen und Anforderungen „ein Produkt […] der europäischen Moderne seit dem Beginn des Industrialisierungsprozesses im 19. Jahrhundert“ (ebd., S. 101f.). Sie hat sich also zu dem Zeitpunkt etabliert, als „der Schwierigkeitsgrad der beruflichen Tätigkeit ein solches Maß erreicht hatte“ (HURRELMANN 2004, S. 21), so dass zu deren Ausübung eine Vorbereitungszeit auf das Berufsleben notwendig wurde, in der die verlangten Eignungen und Qualifikationen erworben werden können (vgl. ebd., S. 21). Demnach gewinnt die Jugendphase „ihren Sinn zentral aus ihrer Aufgabe, sich durch Qualifikationserwerb auf das spätere Leben vorzubreiten“ (MÜNCHMEIER 2001, S. 382).

Der Aufbau einer beruflichen Perspektive stellt unter anderem eine Entwicklungsaufgabe des Jugendalters dar, die im Folgenden erläutert werden.

3. Die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters

Entwicklungsaufgaben sind als Konkretisierungen von Anforderungen zu verstehen, mit denen sich Personen auseinanderzusetzen haben. Die originäre Idee lässt sich auf Havighurst (1972) zurückführen (vgl. GERHARD 2005, S.18). Er definierte schon zu Zeiten der dreißiger und vierziger Jahre „Entwicklungsaufgaben als Lernaufgaben […], anhand derer man über die gesamte Lebensspanne hinweg im Kontext realer Anforderungen Fähigkeiten und Fertigkeiten erwirbt“ (ebd., S. 18). Sie schaffen dabei einen Ausgleich zwischen individuellen Wünschen und Zielen auf der einen Seite und gesellschaftlichen Erwartungen auf der anderen Seite.

Die folgende Darstellung gibt Hurrelmanns idealtypischen Überblick über die wesentlichen Entwicklungsaufgaben in drei Lebensphasen und den dazwischenliegenden Statusübergängen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dem Status einer Übergangsphase entsprechend sind während der Lebensphase Jugend Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, die fortgesetzte Anforderungen der Kindheit darstellen (z.B. die emotionale Ablösung vom Elternhaus) als auch solche, die bis ins frühe Erwachsenalter hineinreichen (z.B. die Entwicklung einer Zukunftsperspektive) (vgl. GERHARD 2005, S. 18). Der Lebensabschnitt Jugend ist demnach „durch ein Nebeneinander von noch unselbstständigen, quasi kindheitsgemäßen, und selbstständigen, quasi schon erwachsenen Handlungsanforderungen“ (HURRELMANN 2004, S. 36) gekennzeichnet. Jugend kann demnach als Paradox der Simultaneität von Führen und Geführtwerden begriffen werden (vgl. HERRMANN 2006, S. 190), wodurch sich in der Jugendphase eine Fülle an anstrengenden Anforderungen ergeben, die „multiple Bewältigungsleistungen erfordern und Jugend zu einer Phase besonderer Herausforderungen machen“ (GERHARD 2005, S. 18). „Wenn Jugend gelingt, dann als Entparadoxierungsleistung“ (HERRMANN 2006, S. 190).

Wie in der Abbildung 1 deutlich wird, lassen sich vier zentrale Entwicklungsaufgaben im Jugendalter ausmachen:

Eine zentrale Entwicklungsaufgabe bezieht sich auf die „Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz“ (HURRELMANN 2004, S. 27), damit schulischen und später beruflichen Anforderungen eigenverantwortlich nachgegangen werden kann. Mit dem Streben nach der Aufnahme eines Berufes kann die eigene Existenz gesichert werden (vgl. ebd., S. 27).

Zur nächsten Entwicklungsaufgabe, der „Entwicklung des inneren Bildes von der Geschlechtszugehörigkeit“ (ebd., S. 27) zählt die Anerkennung der veränderten körperlichen Erscheinung, die Ausgestaltung einer Beziehung zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen Geschlechts und der Aufbau einer hetero- bzw. homosexueller Partnerbeziehung, die eine Grundlage für die Gründung einer Familie darstellen kann (vgl. ebd., S. 27f.)

Eine weiter Entwicklungsaufgabe ist die „Entwicklung selbstständiger Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwarenmarktes“ (ebd., S. 28). Damit ist auch der Aufbau einer Handlungskompetenz im Umgang mit den Medien sowie mit Geld gemeint. Das dabei anzustrebende Ziel ist die Entwicklung eines eigenen Lebensstils und der Aufbau eines „kontrollierten und bedürfnisorientierten Umgang[s] mit den ´Freizeit-Angeboten`“ (ebd., S. 28; Zus. von C.K.).

Die „Entwicklung eines Werte- und Normensystems und eines ethischen und politischen Bewusstseins“ (ebd., S. 28) soll Konformität mit dem eigenen Verhalten und Handeln aufweisen, sodass „gesellschaftliche Partizipationsrollen als Bürger im kulturellen und politischen Raum“ (ebd., S. 28) verantwortungsvoll übernommen werden können.

Nach der idealtypischen Darstellung der Entwicklungsaufgaben erfolgt der Austritt aus dem Jugendalter dann, wenn „in zentralen gesellschaftlichen Positionen die volle Selbstständigkeit als Gesellschaftsmitglied erreicht ist“ (ebd., S. 34). Dabei ist eine Korrespondenz der wichtigsten Teilbereiche des Erwachsenenstatus` mit den vier Entwicklungsaufgaben im Jugendalter zu vermerken. Es wird

1. „die Berufsrolle als ökonomisch selbstständig Handelnder,
2. die Partner- und Familienrolle als verantwortlicher Familiengründer,
3. die Konsumentenrolle einschließlich der Nutzung des Mediensektors und
4. die Rolle als politischer Bürger mit eigener Werteorientierung“ (ebd., S. 35) übernommen.

4. Entstandardisierung der Übergänge vom Jugend- zum Erwachsenenalter

Heute lässt sich in allen westlichen Gesellschaft vermerken, dass die manifeste Struktur der Statusübergänge Abweichungen von dem dargestellten Idealtypus aufweisen. Das tatsächliche „zeitliche Muster des Übergangs vom Jugend- zum Erwachsenenalter“ (ebd., S. 39) hat sich verändert, wie die folgende Abbildung veranschaulicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 (HURRELMANN 2004, S. 39)

Während sich der Übergang in die Konsumenten- sowie politische Bürgerrolle zunehmend in die Lebensphase der Jugend hineinverlagert - Jugendliche erschließen sich durch den frühen Umgang mit Geld nahezu den gesamten Freizeit- und Medienmarkt, wirken in Familie, Schule und Peer-Group an dem Arrangement von öffentlichen und privaten Lebensbereichen mit -, vollzieht sich der Übergang in die Familien- sowie Erwerbstätigkeitsrolle zunehmend später (vgl. ebd., S. 37ff.). Die Situation der Jugend „ist durch frühe öffentliche, finanzielle, mediale, konsumptive, erotische und freundschaftsbezogene Teilselbstständigkeit bei – gemessen an den traditionellen Vorstellungen – später ökonomischer und familialer Selbstständigkeit mit ´reproduktiver` Verantwortung gekennzeichnet“ (ebd., S. 39; Hervorh. i. Org.). Zum Teil wird die Rolle der ökonomischen und biologischen Reproduktion sogar überhaupt nicht erreicht. Solcherart „Verschiebungen der Zeitpunkte des Übergangs in den einzelnen Teilpassagen […] [lassen sich] nicht nur auf biologische oder psychologische Sachverhalte zurück[...]führen […], sondern – meist sogar vorherrschend – auf ökonomische, kulturelle und andere gesellschaftliche Vorgaben“ (ebd., S. 38; Zus. v. C.K.). Somit ist die Dauer und das Profil der Lebensphase Jugend in einem eminenten „Ausmaß von den jeweiligen gesellschaftlichen bedingten Lebenslagen und Chancenstrukturen abhängig“ (ebd., S. 40).

Besonders deutlich wird dieser gegebene Umstand am Beispiel der Übernahme der Berufsrolle. In Anbetracht der Tatsache, dass die Arbeitslosenquote[1] bei jüngeren Erwerbspersonen unter 25 Jahren bei 8,9 Prozent und darunter bei Jugendlichen unter 20 Jahren bei 5,8 Prozent liegt (vgl. BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT 2007a, S. 27), werden Jugendliche entsprechend der idealtypischen Darstellung der Entwicklungsaufgaben in gewisser Weise ´nicht richtig erwachsen`[2], weil zu wenige „Erwerbsarbeitsplätze zur Verfügung stehen“ (HURRELMANN 2004, S. 37). Folglich offeriert sich ihnen nicht oder nie die Möglichkeit in den Vollerwerbsstatus eintreten zu können, der die Basis für die Übernahme des Erwachsenstatus darstellt (vgl. ebd., S. 38). Was früher „einmal Statuspassage war, kann [demnach] nun zu einem sozialen Dauerstatus werden“ (JUNGE 1995, S. 42; Zus. v. C.K.).

[...]


[1] Arbeitslos im Sinne des § 16 SGB III ist der, „wer vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht, eine verscherungspflichtige Beschäftigung sucht, dabei den Vermittlungsbemühungen des Arbeitsamtes zur Verfügung steht und sich beim Arbeitsamt arbeitslos gemeldet hat“ (LUTZ 2003, S. 417).

[2] Die Definition beziehen sich auf die ´idealtypische Darstellung der Entwicklungsaufgaben` und soll verdeutlichen, dass die traditionelle Definition ´Erwachsener` einer Überarbeitung bedarf. Denn natürlich wird z.B. eine Person im Alter von 30 Jahren, auch wenn sie seit längerem arbeitslos ist, als Erwachsener betitelt.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Lebensphase Jugend, beleuchtet unter der strukturellen Dimension 'Arbeit'
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Jugend und Arbeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V87247
ISBN (eBook)
9783638010641
ISBN (Buch)
9783638940665
Dateigröße
956 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensphase, Jugend, Dimension, Arbeit, Jugend, Arbeit, Jugendforschung, Entwicklungsaufgaben, Normalbiographie
Arbeit zitieren
Corinna Kühn (Autor), 2007, Die Lebensphase Jugend, beleuchtet unter der strukturellen Dimension 'Arbeit', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87247

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