Max Webers Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik in seiner Rede 'Politik als Beruf' (PaB, 1919) hat eine Bekanntheit erreicht, die weit über den Kreis der wissenschaftlichen Weber-Interpreten hinausreicht. Sie ist fest etabliert in der modernen Ethik und wird nach wie vor in den politischen Debatten aufgegriffen, wenngleich meist für ”polemische Zwecke“ (Schluchter 1988: 337); dabei möchte freilich jeder Verantwortungsethiker sein, und Weber selbst scheint ja die Verantwortungsethik der Gesinnungsethik vorgezogen zu haben. Aber so einfach liegen die Verhältnisse nicht. Denn weder ist nach Weber ”Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit [noch] Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch“ (PaB, 70). Die beiden Ethiken verkörpern vielmehr zwei ”grundverschiedene, unaustragbar gegensätzliche“ (ebd.) Maximen des Handelns.
Ziel dieser Untersuchung ist zum einen das vertiefte Verständnis der beiden Ethiken, d.h. ihrer Begründung, ihrer Stellung im Werk von Weber und ihres Verhältnisses zueinander. Zum anderen soll daran anknüpfend das Verhältnis von Ethik und Politik (und damit auch der Begriff des Politischen) aufgehellt werden, wie Weber es sah. Die These lautet, dass zwischen Webers Gesinnungs- und Verantwortungsethik in der Tat ein ”unaustragbarer“ (PaB, 70) Gegensatz besteht, weil die beiden Ethiken in formaler Hinsicht von gleichem ethischen Rang sind, also vollwertige Alternativen darstellen. Die Verantwortungsethik kann dabei nicht am Politischen begründet werden, und sie darf nicht als Konsequentialismus missverstanden werden. Letztlich kann der angedeutete Vorrang der Verantwortungsethik in der Politik nur im Rückgriff auf außerethische Ansatzpunkte erhärtet werden, die sich im Kontext von Webers Theorie (Werttheorie, Zeitdiagnose) und vor allem in seinem Begriff des Politischen finden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Politik als Beruf
2.1 Gesinnungsethik: Leben wie ein Heiliger
2.2 Verantwortungsethik: Spiel mit diabolischen Mächten
2.3 Der ’unaustragbare Gegensatz’ der beiden Ethiken (I)
3 Zum Verständnis der beiden Ethiken
3.1 Grundlage beider Ethiken: Kant und die Gesinnung
3.2 Werttheorie, Wissenschaftslehre und Ethik
3.3 Der ’unaustragbare Gegensatz’ der beiden Ethiken (II)
4 Das Verhältnis von Politik und Ethik
4.1 Begriff des Politischen: Affinität zur Verantwortungsethik
4.2 Verantwortungsethik & Politik: Zwischen Rationalität und Irrationalität (Dezisionismus)
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Untersuchung zielt auf ein vertieftes Verständnis der Weberschen Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik sowie deren jeweilige Stellung und Begründung in seinem Werk ab. Zentrale Forschungsfrage ist dabei, wie Weber das Verhältnis von Ethik und Politik konzipierte, wobei die These aufgestellt wird, dass zwischen beiden Ethiken ein unaustragbarer Gegensatz besteht, der jedoch methodologisch und in Bezug auf den Begriff des Politischen in ein dialektisches Verhältnis gesetzt werden kann.
- Analyse und Begründung der Gesinnungs- und Verantwortungsethik
- Untersuchung der gemeinsamen ethischen Grundlagen (Kant)
- Einbettung der Ethiken in Webers Werttheorie und Wissenschaftslehre
- Klärung des Verhältnisses von Politik und Ethik bei Max Weber
- Untersuchung der rationalen und irrationalen Aspekte politischen Handelns
Auszug aus dem Buch
2.1 Gesinnungsethik: Leben wie ein Heiliger
Der Gesinnungsethiker ist dadurch charakterisiert, dass er ”weder nach den Folgen seiner Handlung fragt, noch die Verantwortung für eben diese Folgen übernehmen will“ (Möller 1983: 13). Dabei handelt der Gesinnungsethiker aber keineswegs verantwortungslos. ”’Verantwortlich’ fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, daß die Flamme der reinen Gesinnung [...] nicht erlischt“ (PaB, 71). Die moralische Rechtfertigung einer Handlung ergibt sich daraus, wie eine bestimmte Wertposition, etwa Gewaltlosigkeit, ”im Moment der Tat subjektiv realisiert“ wird (Möller 1983: 13). Der Gesinnungsethiker würde auf den Vorwurf, sich nicht um die Folgen zu kümmern, erwidern, dass ”das schließliche Resultat [nicht nur] politischen Handelns oft, nein: geradezu regelmäßig in völlig inadäquatem, oft in geradezu paradoxen Verhältnis zu seinem ursprünglichen Sinn steht“ (PaB, 65), dass sich also moralisches Handeln nicht an Folgen orientieren könne, über die wir keine Kontrolle haben.
In der Bergpredigt sieht Weber das Beispiel schlechthin für eine Gesinnungsethik oder eine ”absolute Ethik“ (PaB, 68). Deren Maxime sei: ”Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim“ (PaB, 70). Allerdings habe der Gesinnungsethiker, so freimütig er auch schlechte Folgen in Kauf nehme, das spezifische Problem, dass er auf Grund seiner Gesinnung nicht zu ethisch bedenklichen Mitteln greifen könne, um bestimmte Zwecke zu erreichen. ”Und in der Tat hat sie [Gesinnungsethik] logischerweise nur die Möglichkeit: jedes Handeln, welches sittlich gefährliche Mittel anwendet, zu verwerfen“ (PaB, 73). Weil die Kompromisslosigkeit der ethischen Gesinnung in der (politischen) Realität absurde Folgen haben könne bzw. politisches Handeln quasi unmöglich mache, disqualifiziert Weber die Gesinnungsethik scheinbar. ”Der Gesinnungsethiker erträgt die ethische Irrationalität der Welt nicht“ (PaB, 73).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in Max Webers Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik ein und legt das Ziel fest, den Zusammenhang von Ethik, Politik und Webers Begriff des Politischen zu analysieren.
2 Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Politik als Beruf: Dieses Kapitel liefert eine grundlegende Darstellung beider Ethiken anhand von Webers Rede, wobei deren Gegensätzlichkeit und die spezifische moralische Ausrichtung beider Maximen hervorgehoben werden.
3 Zum Verständnis der beiden Ethiken: Im Hauptteil der Untersuchung werden die ethischen Grundlagen bei Kant analysiert und beide Ethiken in den Kontext von Webers Werttheorie, Wissenschaftslehre und Zeitdiagnose gestellt.
4 Das Verhältnis von Politik und Ethik: Hier wird die Affinität zwischen der Verantwortungsethik und dem Politischen erörtert sowie das Spannungsfeld zwischen Rationalität und Irrationalität (Dezisionismus) analysiert.
5 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die zentralen Erkenntnisse über die rationale Unaustragbarkeit des Gegensatzes der beiden Ethiken und deren jeweilige Bedeutung für den Politiker.
Schlüsselwörter
Max Weber, Gesinnungsethik, Verantwortungsethik, Politik als Beruf, Ethik, Politik, Werttheorie, Wissenschaftslehre, Polytheismus der Werte, Dezisionismus, Rationalität, Irrationalität, Handlungsfolgen, Gesinnung, Wertkonflikt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die fundamentale Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik bei Max Weber und deren Bedeutung für das Verständnis politischen Handelns.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die ethischen Grundlagen nach Kant, Webers Werttheorie und Wissenschaftslehre, die Entzauberung der modernen Welt sowie das dialektische Verhältnis von Ethik und Politik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist ein vertieftes Verständnis der beiden Ethiken und ihrer Begründung bei Weber, um zu klären, wie Weber das Verhältnis von Ethik und Politik sah und welche Ethik für den Bereich des Politischen angemessen ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine methodische Analyse der Schriften Webers und setzt diese in Bezug zu zeitgenössischen Interpreten (z.B. Schluchter, Schelting), um die theoretische Kohärenz und den "ethischen Ort" der Politik aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Aufklärung des gemeinsamen Fundaments beider Ethiken bei Kant, der Analyse der Werttheorie und Wissenschaftslehre sowie der Ableitung der Beziehung zwischen Politik und Ethik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen Max Weber, Gesinnungs- und Verantwortungsethik, Wertpolytheismus, Rationalität sowie Dezisionismus.
Warum betrachtet Weber die Politik als "unaustragbaren" Bereich?
Aufgrund des Polytheismus der Werte und der "ethischen Irrationalität der Welt" gibt es keine rationale Letztbegründung, welche Ethik in einer spezifischen Situation absolut Vorrang hat, was den Politiker zu einer persönlichen Entscheidung zwingt.
Inwiefern ist die Verantwortungsethik für den Politiker besonders relevant?
Da Politik mit Gewalt als spezifischem Mittel operiert und der Politiker Verantwortung für die absehbaren Folgen seines Handelns übernimmt, bietet die Verantwortungsethik den geeignetsten Rahmen, wenngleich sie den gesinnungsethischen Kern beibehält.
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- Torben Büngelmann (Author), 2007, Max Weber: Politik als Beruf, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87248