Bei der Rezeption von Fußball im Fernsehen fallen vor allem dem Laien ganz besondere Sprachwendungen auf, die er meist nicht sofort verstehen kann. Burkhardt (2006, Umschlagrückseite) beschreibt es treffend:
„Wenn „Einnicken“ nichts mit Müdigkeit zu tun hat, das „Abstauben“ nichts mit dem Putztuch und ein „Double“ nichts mit Schauspielern – dann sind Fußballer unter sich. Wer mitreden will, sollte deren Sprache beherrschen. Sonst sieht er Rot.“
In der modernen Fußballkommunikation hat sich eine variantenreiche und reichhaltige Sprache herausgebildet, welche für den Laien meist unverständliche Ausdrücke produziert, die nicht im Regelbuch stehen, so genannte „Fachjargonismen“. Diese Begriffe und Wendungen sollen Hauptthema dieser Arbeit sein.
Mit dieser Arbeit wird versucht, genau diese Ausdrücke in den Fußballfernsehkommentaren zu lokalisieren sowie ihre Gestalt und Entwicklung nachzuempfinden. Da der Fachjargon vor allem durch die Medien verbreitet wird, sind die Fußballdirektkommentare Gegenstand der Untersuchung. Die meisten vorangegangenen Untersuchungen beziehen sich aber zu großen Teilen nur auf die Sport- bzw. Fußballsprache im Allgemeinen sowie hauptsächlich auf die Printmedien (vgl. Dankert 1969, Schneider 1974, Binnewies 1975, Schaefer 1989, Pohl 2005, Burkhardt 2006). Dabei wird vor allem die Verwendung des Fachjargons durch die Reporter stark kritisiert und meistens pauschal auf die Fußballdirektkommentare im Fernsehen übertragen, was auch Neugebauer (1986, 25) anspricht. Des Weiteren wird in der Literatur die diachrone Sichtweise, das heißt die Entwicklung des Fachjargons über die Jahre hinweg, nahezu vollkommen vernachlässigt, weshalb mit dieser Arbeit versucht wird, dem Plädoyer von Kalverkämper (1994, 15-31) für eine diachrone Fachsprachenforschung in Ansätzen nachzukommen.
Deshalb sollen nachfolgend die Fußballdirektkommentare der Fußballweltmeisterschaftsendspiele der deutschen Nationalmannschaft von 1966, 1974, 1982, 1986, 1990, 2002 sowie das Spiel um Platz drei 2006 in Deutschland im Hinblick auf die Verwendung, Entwicklung und Veränderung des Fachjargons untersucht und systematisiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Der Untersuchungsgegenstand
1.2 Forschungsstand
2 Theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Erläuterungen zum Fachjargon
2.1.1 Wissenschaftliche Definition des Begriffs „Fachjargon“
2.1.2 Gebrauch und Verwendungsweise des Begriffes (Fach-)Jargon in wissenschaftlichen Untersuchungen
2.1.3 Vorläufiges eigenes Verständnis des Begriffes „Fachjargon“
2.2 Fachsprache
2.2.1 Definition von Fachsprache
2.2.2 Fußballsprache und Fachsprache
2.2.3 Fußballsprache als Fach- oder Sondersprache?
2.3 Sportsprache
2.3.1 Sportsprache als Oberbegriff einzelner Fachsprachen mit sondersprachlichem Charakter
2.3.2 Dreiteilung der Sportsprache
2.4 Fußballsprache
2.4.1 Fußballsprache als Ergebnis eines komplexen und andauernden Prozesses
2.4.2 Die Wechselwirkungen der drei Bereiche in der Fußballsprache
2.4.3 Die Reportsprache
2.4.3.1 Die Funktionalität der Reportsprache
2.4.3.2 Art der Vermittlung
2.4.3.3 Einflüsse auf die Reportsprache
2.4.4 Einflüsse auf die Fußballsprache
2.4.4.1 Einflüsse von Fachsprachen auf die Fußballsprache
2.4.4.1.1 Fachsprache des Kriegswesens: Kriegsmetaphorik der Fußballsprache
2.4.4.1.2 Die Fachsprache der Arbeit und Technik und das Leistungsprinzip der Gesellschaft
2.4.4.1.3 Theater, Musik, Spiel und Profit: Die Fachsprachen des Schaugewerbes, des Spiels und der Wirtschaft in der Fußballsprache
2.4.4.1.4 Fachsprache der allgemeinen Sportsprache und anderer Sportarten
2.4.4.2 Der Einfluss der Gemeinsprache auf die Fußballsprache
2.5 Fußballdirektkommentar im Fernsehen
2.5.1 Entwicklungen des Fußballdirektkommentars
2.5.2 Die Aufgaben der Fußballkommentatoren
2.5.3 Die Kommunikationssituation des Fußballdirektkommentars
2.5.4 Kritik an der Sportberichterstattung
2.6 Endgültiges eigenes Verständnis des Begriffes „Fußballfachjargon“
3 Hypothesen
4 Methode
4.1 Untersuchungsobjekte
4.2 Erhebungs- und Auswertungsmethoden
4.3 Material
4.4 Untersuchungsdurchführung
5 Ergebnisse
5.1 Kategorie 1: Fachjargon
5.2 Kategorie 2: Sachverhalte
5.3 Kategorie 3: Sprachliche Verfahren
5.4 Kategorie 4: Domäne
5.4.1 Mikroanalyse Domäne-Sachverhalt
5.5 Kategorie 5: Funktion
5.6 Kategorie 6: Zeitpunkt der Verwendung
5.7 Kategorie 7: Erklärung
5.8 Kategorie 8: Bezug
6 Hypothesenüberprüfung und Diskussion
7 Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Verwendung, Entwicklung und Veränderung des Fachjargons in den Fußballdirektkommentaren ausgewählter Weltmeisterschaftsendspiele der deutschen Nationalmannschaft zwischen 1966 und 2006, um festzustellen, inwieweit dieser Bestandteil der Fußballsprache ist und wie er in der Live-Kommentierung funktional eingesetzt wird.
- Analyse der sprachlichen Merkmale und des Fachjargons im Fußball
- Untersuchung der Entwicklung und Verwendung von Fußballfernsehkommentaren
- Quantitative und qualitative Inhaltsanalyse von Endspiel-Direktkommentaren
- Einfluss von Fachsprachen und gesellschaftlichen Faktoren auf die Fußballsprache
- Untersuchung der funktionalen Verwendung des Fachjargons (Information, Meinung, Unterhaltung)
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Fußballsprache als Ergebnis eines komplexen und andauernden Prozesses
Die Fachsprache des Fußballs ist nicht wie zum Beispiel die Fachsprache des Turnens von einer Person, nämlich Jahn, normativ gesetzt worden, sondern ist geprägt von Ausdrücken und Begriffen, die aus einer komplexen und bisweilen schwer durchschaubaren Entwicklung hervorgegangen sind. Zwar hat Konrad Koch 1903 versucht, die vorwiegend englischen Fachausdrücke des Fußballs „einzudeutschen“, wobei er aber eine andere Ausgangsposition als Jahn hatte, da er die Begriffe nicht „normativ setzten, sondern lediglich zur Diskussion stellen konnte“ (Dankert 1969, 11). Der Einfluss von Koch auf die Entwicklung der deutschen Fußballsprache darf auch deshalb nicht zu hoch bewertet werden, da sich nur wenige seiner deutschen Kunstausdrücke wirklich durchgesetzt haben, so z.B. „Mittelstürmer“, „Ecke“, „Eckball“, „Stürmer“, „Freistoß“, „Tor“, „Halbzeit“, „Abseits“, „Strafstoß“, „Schiedsrichter“, „Aus“ (vgl. Dankert 1969, 12). Entgegen den Befürchtungen Kochs ist der Einfluss des Englischen auf die deutsche Fußballsprache bis heute recht gering geblieben.
Zwar fallen die Entlehnungen aus dem Englischen (z.B. „Forechecking“, „Top-Scorer“, „Kick and Rush“) besonders auf, allerdings ist dieses nur der Fall, da ihr Anteil am Gesamtwortschatz des Fußballs kaum mehr als ein Prozent beträgt (vgl. Burkhardt 2006, 7). Dankert (1969, 16-21) legt nun drei Entwicklungsphasen der Fußballsprache fest, wobei die letzte bis heute noch nicht abgeschlossen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema, den Untersuchungsgegenstand sowie den aktuellen Forschungsstand zum Fachjargon in Fußballfernsehkommentaren.
2 Theoretischer Bezugsrahmen: Definition und Erläuterung der Fachbegriffe wie Fachjargon, Fachsprache, Sportsprache und Fußballsprache sowie deren Interdependenz.
3 Hypothesen: Formulierung von vier zentralen Hypothesen zur Entwicklung und Verwendung des Fachjargons, abgeleitet aus dem theoretischen Rahmen.
4 Methode: Darstellung des methodischen Vorgehens, insbesondere der Inhaltsanalyse des ausgewählten Untersuchungsmaterials.
5 Ergebnisse: Ausführliche quantitative und qualitative Auswertung der erhobenen Daten, kategorisiert in Fachjargon, Sachverhalte, sprachliche Verfahren, Domänen, Funktionen, Zeitpunkt, Erklärung und Bezug.
6 Hypothesenüberprüfung und Diskussion: Kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen im Kontext der aufgestellten Hypothesen und theoretischen Annahmen.
7 Zusammenfassung: Abschließendes Resümee der zentralen Ergebnisse der Untersuchung.
Schlüsselwörter
Fußball, Fußballsprache, Fußballfachjargon, Fußballdirektkommentar, Fernsehkommentar, Sportjournalismus, Sprachwissenschaft, Inhaltsanalyse, Metaphorik, Fachsprache, Sondersprache, Diachronische Sprachanalyse, Medienkommunikation, Leistungsprinzip
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich der sogenannte Fußballfachjargon in den Direktkommentaren von Fußballweltmeisterschafts-Endspielen mit deutscher Beteiligung im Zeitraum von 1966 bis 2006 verändert und entwickelt hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die Abgrenzung von Fachsprache und Sondersprache, die Rolle der Sportberichterstattung in den Medien sowie die funktionale Bedeutung von Fachbegriffen für Information, Meinungsbildung und Unterhaltung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Verwendung und Entwicklung des Fußballfachjargons linguistisch zu systematisieren und zu prüfen, ob sich Tendenzen wie eine zunehmende Unterhaltungsdominanz oder Veränderungen in der Metaphorik statistisch nachweisen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor verwendet die Methode der Inhaltsanalyse (sowohl quantitativ als auch qualitativ), um die Sprache der TV-Kommentatoren anhand von acht definierten Kategorien zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich nach einer theoretischen Fundierung mit der methodischen Vorgehensweise und anschließend mit der detaillierten Auswertung der Analysedaten, etwa zur Verwendung von Metaphern oder der Herkunft der verwendeten Fachjargon-Domänen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung ist geprägt durch Begriffe wie Fußballsprache, Fachjargon, Fernsehdirektkommentar, Sportjournalismus, Inhaltsanalyse und diachronische Sprachanalyse.
Welche Rolle spielt die "Militärdomäne" in der Fußballsprache?
Die Analyse zeigt, dass militärische Metaphern (z.B. "attackieren", "Abwehrschlacht") weiterhin feste Bestandteile der Fußballberichterstattung sind, wenngleich ihre Verwendung prozentual zwischenzeitlich schwankte.
Gibt es einen Trend zur "Unterhaltung" im Fußballkommentar?
Ja, die Arbeit belegt einen Trend zur Steigerung der Unterhaltungsdominanz, wobei der Fachjargon heute verstärkt genutzt wird, um Emotionen und Unterhaltungseffekte im modernen Fernsehsport zu erzeugen.
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- Dennis Höppner (Author), 2007, Fachjargon in Fußballfernsehkommentaren - eine empirische Untersuchung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87278