Das Thema Ernährung rückt immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit und gewinnt stetig an Bedeutung. Tagtäglich wird man mit neuen Informationen über aktuelle Diäten und Gesundheitsempfehlungen konfrontiert. In einer Zeit, in der Gesundheitsbewusstsein mehr denn je gefragt ist und Diäten so allmächtig und präsent sind, dass sie als völlig normal empfunden werden,begegnet man teilweise der Auffassung, die ausgiebige Auseinandersetzung junger Mädchen mit Nahrung und Kalorien sei nichts weiter als eine Modeerscheinung unter Jugendlichen und folglich nicht weiter besorgniserregend. Wenn man jedoch in Betracht zieht, dass sich heutzutage bereits 50% der 11- bis 13-jährigen Mädchen als zu dick empfinden und 40% der 11- bis 19-jährigen Mädchen schon Diäterfahrungen haben, so wird deutlich, dass es sich um ein ernstzunehmendes Problem handelt, welches in einen breiteren Zusammenhang eingeordnet werden muss. An diesem Punkt soll die vorliegende Arbeit ansetzen, die sich zum Ziel gemacht hat, das Thema Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen unter mehreren Blickpunkten zu beleuchten. Zum einen geht es mir um das Hinterfragen des Kontexts, in dem Essstörungen bei Heranwachsenden entstehen, zum anderen soll darauf aufbauend eine Analyse pädagogischer Interventionsmöglichkeiten folgen. Zentrales Anliegen für mich als angehende Lehrerin ist es für die Thematik Essstörungen zu sensibilisieren und aufzuzeigen, dass Probleme im Essverhalten von Heranwachsenden kein zu bagatellisierendes Phänomen darstellen, sondern neben der Gewalt-und Drogenthematik auch in den Schulalltag integriert werden sollten.
In meiner Arbeit werde ich mich den drei wesentlichen Essstörungen Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und Binge Eating Disorder (Ess-Sucht) widmen. Im Fokus werden die beiden erstgenannten Erscheinungsformen Magersucht und Bulimie liegen, da ich es beachtlich finde, dass immer mehr junge Mädchen in einer Zeit des Nahrungsmittelüberflusses zu Hungern, Erbrechen, exzessivem Sport und anderen fragwürdigen Methoden der Gewichtskontrolle neigen.
Da die Debatten um dicke Kinder und übergewichtsbedingte Krankheiten derzeit sehr ausgiebig geführt werden, habe ich mir zur Aufgabe gemacht, vorrangig das andere Extrem zu untersuchen:das Streben nach der perfekten Figur. Die Arbeit umfasst neben einem theoretischen auch einen empirischen Teil, in dem die Problematik Essstörungen anhand von Interviews im konkreten Schulalltag näher beleuchtet wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was sind Essstörungen? Erscheinungsformen, Symptomatik und mögliche Folgeschäden
2.1. Anorexia nervosa/ Magersucht
2.2. Bulimia nervosa/ Bulimie
2.3. Binge Eating Disorder/ Ess-Sucht
2.4. Orthorexia nervosa
3. Warum treten Essstörungen auf? Hintergründe und Erklärungsansätze
3.1. Psychologische Faktoren
3.2. Familiäre Faktoren
3.3. Gesellschaftlicher Hintergrund
3.3.1. Der Traum vom gesunden Körper
3.3.2. Das Schönheitsdiktat der Medienwelt
3.3.3. Wandel der Esskultur
3.3.4. „Fit statt fett“ - Bundesregierung greift in die Ernährungsdebatte ein
3.4. Lebensphase Adoleszenz: Der schwierige Schritt ins Erwachsenenleben
3.4.1. Körperliche Veränderungen
3.4.2.Geschlechtsidentität: männliche und weibliche Rollen-
3.4.3. Autonomie und Ablösung vom Elternhaus
3.4.4. Einfluss der Peergroup
3.5. Lebensgeschichtliche (traumatische) Faktoren
4. Zwischenbilanz: Welche Konsequenzen ergeben sich für die Arbeit im schulischen Bereich?
5. Essstörungen im schulischen Kontext - Theoretischer Teil-
5.1. Bildungsauftrag der Schule
5.2. Präventive Maßnahmen
5.2.1. Primärprävention
5.2.1.1 Essstörungen als Unterrichtsgegenstand
5.2.1.2. Themenspezifische Projekttage, Workshops und AGs
5.2.1.2.1 Workshop des Mädchenhaus Heidelberg e.V.
5.2.1.2.2 Mädchen-AG „Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin…“
5.2.1.2.3 Medienkritisches Fotoprojekt „Was heißt hier schön?“
5.2.2. Sekundärprävention
5.2 2.1. Wie erkennt man als Lehrer Essstörungen?
5.2.2.2. Das erste Gespräch
5.2.2.3. Weiterführende Schritte auf dem Weg zur Therapie
6. Zum empirischen Teil
6.1. Untersuchungsmethode
6.2. Auswahl der Probanden und Durchführung der Interviews
6.3. Fragestellung und Zielsetzung
6.4. Auswertung der Interviews
6.4.1 Lehrerin
6.4.2 Schulpsychologe
6.4.3. Ehemalige Betroffene
6.5. Fazit der Interviewauswertung
7. Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Entstehungsbedingungen von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen in einer leistungsorientierten Gesellschaft und leitet daraus pädagogische Interventions- und Präventionsmöglichkeiten für den Schulalltag ab, mit einem besonderen Fokus auf die kritische Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen.
- Erscheinungsformen und Symptomatik von Essstörungen (Anorexia, Bulimia, Binge Eating, Orthorexia)
- Soziale, familiäre und psychologische Hintergründe sowie der Einfluss der Adoleszenz
- Die Rolle von Medien, Schönheitsidealen und Ernährungstrends bei der Entstehung von Körperbildstörungen
- Pädagogische Ansätze zur Primär- und Sekundärprävention im schulischen Kontext
- Empirische Einblicke durch Experteninterviews zur Wahrnehmung der Problematik in Schulen
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Der Traum vom gesunden Körper
Der Durchschnittsbürger von heute ist mehr denn je bestrebt, sich und seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun. Angesichts der massiven Ausbreitung von Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen, Diabetes etc., oftmals zurückgeführt auf Übergewicht, finden Richtlinien und Empfehlungen in Sachen Gesundheit bereitwillig ein offenes Ohr.
Gemäß den Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sollte sich die tägliche Nahrungszufuhr aus 60% Kohlenhydraten, 10-15% Eiweiß und maximal 30% Fett zusammensetzen (vgl. Martin Maria Schwarz In: Thimm/Wellmann 2004, S. 18). Es wird empfohlen, dass „bei einer vollwertigen Ernährung pflanzliche Lebensmittel, wie Getreideprodukte, vorzugsweise aus Vollkorn, Gemüse und Obst im Mittelpunkt der Ernährung stehen“ („Eine runde Sache: Der neue DGE-Ernährungskreis“, Dezember 2003).
So wie Empfehlungen gibt es auch zahlreiche Produkte auf dem Markt, die mit dem Stichwort Gesundheit werben. „Beim Gang entlang eines Kühlregals in einem beliebigen Supermarkt empfängt den Verbraucher heute ein allein schon durch die Produktnamen ausgelöstes Gesundheitsfeuerwerk: Drink fit, Vitality Fruchtdrink, Fitnessquark, Fastenfruchtjoghurt heißen die Milchprodukte, die kaum zu umgehen sind“ (Martin Maria Schwarz In: Thimm/Wellmann 2004, S. 15).
Dass der Verbraucher mit dem Stichwort „Gesundheit“ durchaus gelockt werden kann, haben Nahrungsmittelhersteller längst erkannt. Zusätzlich zu viel versprechenden Produktbezeichnungen geht der neueste Trend deshalb dahin, Nahrungsmittel mit besonders aktuellen Nährstoffen aufzupeppen. „Bonbons und Fruchtsäfte werden mit Vitaminen oder Mineralstoffen angereichert. (...) Milch und Käse werden abgesahnt, schlichter Joghurt mit Müsliflocken zum Fitneßsnack „gepowert“. Kuchen aus Weißmehl, dessen Ballaststoffe bei der Herstellung entzogen wurden, wird nun mit Weizenkleie, Zellulose oder Faserstoffen aus Sojabohnen zum „Vollwertkuchen“ umfrisiert“ (Furtmayr-Schuh 1993, S. 107).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die aktuelle gesellschaftliche Debatte über Übergewicht und das Schlankheitsideal sowie deren Auswirkungen auf junge Menschen, womit die Relevanz der pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Thema Essstörungen begründet wird.
2. Was sind Essstörungen? Erscheinungsformen, Symptomatik und mögliche Folgeschäden: In diesem Kapitel werden die klinischen Krankheitsbilder Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge Eating Disorder und Orthorexia nervosa definiert und deren charakteristische Merkmale erläutert.
3. Warum treten Essstörungen auf? Hintergründe und Erklärungsansätze: Hier werden multifaktorielle Entstehungsbedingungen analysiert, darunter psychologische und familiäre Faktoren, gesellschaftliche Einflüsse wie Medien und Schönheitsideale sowie die besondere Bedeutung der Entwicklungsphase Adoleszenz.
4. Zwischenbilanz: Welche Konsequenzen ergeben sich für die Arbeit im schulischen Bereich?: Dieses Kapitel reflektiert die theoretischen Erkenntnisse und leitet die Notwendigkeit für die Institution Schule ab, unterstützende Erfahrungsräume zur Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen.
5. Essstörungen im schulischen Kontext - Theoretischer Teil-: Der theoretische Teil untersucht den Bildungsauftrag der Schule und stellt konkrete präventive Methoden für den Unterricht sowie Möglichkeiten der Sekundärintervention bei Lehrkräften vor.
6. Zum empirischen Teil: Dieser Abschnitt beschreibt die Durchführung qualitativer Experteninterviews mit einer Lehrerin, einem Schulpsychologen und einer ehemaligen Betroffenen, um die Wahrnehmung und Handhabung des Themas in der Schulpraxis zu untersuchen.
7. Schlussbetrachtung und Ausblick: Hier werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengeführt und ein Plädoyer für eine frühzeitige Aufklärung sowie eine stärkere Sensibilisierung im schulischen Alltag gehalten.
Schlüsselwörter
Essstörungen, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Adoleszenz, Prävention, Schule, Medienwirkung, Schönheitsideal, Körperbild, Persönlichkeitsentwicklung, Suchtprävention, Lehrerrolle, Selbstwertgefühl, Intervention, Binge Eating Disorder
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der Essstörungen bei Heranwachsenden und untersucht die komplexen Ursachen sowie die Möglichkeiten für Schulen, präventiv und interventiv tätig zu werden.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die verschiedenen Erscheinungsformen von Essstörungen, der Einfluss gesellschaftlicher Normen und Medien auf das Körperbild sowie pädagogische Konzepte zur Stärkung der Persönlichkeit junger Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, Lehrkräfte für die Thematik zu sensibilisieren und konkrete Wege aufzuzeigen, wie Schule als Lebensraum zur Vorbeugung von Essstörungen beitragen kann.
Welche methodischen Ansätze werden in der Arbeit verfolgt?
Die Arbeit stützt sich auf eine fundierte theoretische Literaturanalyse sowie einen empirischen Teil, in dem qualitative Experteninterviews mit einer Lehrerin, einem Schulpsychologen und einer ehemaligen Betroffenen ausgewertet werden.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Vordergrund?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit Risikofaktoren und theoretischen Interventionsmodellen, gefolgt von der praktischen Anwendung in Form von Präventionsmaßnahmen im Schulalltag.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Essstörungen, Adoleszenz, Prävention, Schulkontext, Medienkritik und Selbstwertgefühl geprägt.
Warum ist das Thema Essstörungen für Schulen heute besonders relevant?
Laut der Arbeit sind Schulen ein zentraler Sozialisationsraum, in dem Jugendliche durch den Druck von Medien und Leistungsanforderungen oft verunsichert werden, was die Schule zur Pflicht verpflichtet, als präventiver Anker zu fungieren.
Welche Rolle spielt das "Schönheitsdiktat" laut der Autorin?
Das Schönheitsdiktat der Medienwelt, das bereits im Kindesalter durch Vorbilder wie Barbie oder Zeichentrickfiguren verinnerlicht wird, ist ein kritischer Faktor, da es die Entstehung eines instabilen Körperbildes bei jungen Mädchen massiv begünstigt.
Was fordert die Arbeit von Lehrkräften im Umgang mit Betroffenen?
Lehrkräfte sollen keine Diagnosen stellen, sondern bei Auffälligkeiten ihr professionelles Augenmerk schärfen, ein vertrauensvolles Gesprächsangebot unterbreiten und bei Verdacht die Vermittlung an professionelle Therapiestellen sicherstellen.
Was ist der Kern der "Zwischenbilanz" in der Arbeit?
Die Zwischenbilanz hält fest, dass Prävention nicht nur die reine Wissensvermittlung über Kalorien umfassen darf, sondern die Kinder aktiv "stark machen" muss, um ihre Persönlichkeit gegen gesellschaftliche Anpassungsdrücke zu schützen.
- Quote paper
- Alexandra Stoichita (Author), 2007, Essstörungen im Kindes- und Jugendalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87307