Kaspar - eine Variation und Weiterentwicklung der Sprechstücke Peter Handkes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Konzept der Sprechstücke

3. Modifikation und Weiterentwicklung
3.1 Titel
3.2 Prologcharakter
3.3 Handlung
3.4 Die Rolle des Publikums
3.5 Sprache und ihre Funktionen
3.5.1. Sprache als Gewalt
3.5.2. Sprache als totale Ordnung
3.5.3. Sprache als Sozialisation

4. Schluß

5. Literatur.

1. Einleitung

Der am 6. 12. 1942 in Griffen/Kärnten geborene Peter Handke führte sich so spektakulär wie selten ein deutscher Schriftsteller in die literarische Welt ein, indem er auf dem Kongreß der Gruppe 47 1966 in Princeton die gegenwärtige Beschreibungsliteratur angriff und rigoros provozierte. In der Tradition dieser provokativen Einführung stehen auch seine ersten Theaterstücke, mit denen ich mich beschäftigt habe.

In der vorliegenden Hausarbeit werde ich versuchen zu zeigen, daß das Drama der Kaspar eine Weiterentwicklung und Variation der von Handke selbst als Sprechstücke bezeichneten Dramen darstellt. Das Stück Kaspar wurde 1968 veröffentlicht und am 11. 5. 1968 in Frankfurt am Main im Theater am Turm und in den Oberhausener Städtischen Bühnen uraufgeführt. Inhalt des Stückes ist der Prozeß der Spracherlernung und die damit verbundenen gesellschaftlichen Repressionen.

Nur kurz sei an dieser Stelle auf die Beschäftigung Peter Handkes mit den Werken Ludwig Wittgensteins und Searles hingewiesen und auch auf den Einfluß dieser Schriften auf den Kaspar. Ich werde zudem nicht darauf eingehen, inwiefern Peter Handke den Kaspar durch konzeptualisiert habe und jedem einzelnen Satz Bedeutung zuschrieb oder ob er unreflektiert einen Teil des Textes als Füllmaterial verfaßte.[1]

Statt dessen werde ich mit einer Gegenüberstellung der poetologischen Schrift Bemerkung zu meinen Sprechstücken und dem Kaspar die Abwandlungen und Weiterentwicklungen des Kaspars in Art und Realisierung herausarbeiten und kurz auf die Funktionen der Sprache im Stück eingehen. Zuerst stelle ich das Konzept der Sprechstücke vor, vergleiche dann die einzelnen Theaterelemente und komme abschließend zur Sprache.

Als Material habe ich das bereits erwähnte Konzept der Sprechstücke, den Kaspar und eine Auswahl der Sekundärliteratur herangezogen und mich besonders auf die Arbeiten von Peter Bekes, Manfred Durzak, Renate Voris, Rainer Nägele und Mechthild Blanke konzentriert.

2. Das Konzept der Sprechstücke

Handke legt in seiner Bemerkung zu meinen Sprechstücken das Konzept seiner Sprechstücke fest.[2]

Der Hauptgedanke dabei ist die Abbildlosigkeit und Ablehnung des aristotelischen Mimesisbegriffs.[3] Nicht mittels Sprache oder Schauspiel soll versucht werden die Wirklichkeit nachzubilden, zu beschreiben oder auf sie zu verweisen, sondern mit Worten soll „die Welt in den Worten selber“ gezeigt werden. So wird der referenzielle Charakter der Sprache negiert und einzig mit dem Konstitutionscharakter von Sprache gearbeitet, dem Postulat folgend, „nicht die Wirklichkeit [...], sondern die Nachahmungsapparatur selbst“[4] nachzuahmen.

Es gibt ebenso keine Handlung in den Sprechstücken, da eine dargestellte Handlung – analog zur Sprache – „nur das Bild von einer anderen Handlung wäre“, und Bilder sollen keinesfalls gegeben werden. Einzig das hier und jetzt, die Realität des Zuschauers, ist die Realität der Stücke. Die Verschmelzung dieser beiden Ebenen ermöglicht eine größere Wirkungsmöglichkeit, da der Rezipient in seiner Wirklichkeit angesprochen und mit den Stückinhalten konfrontiert wird und sich nicht in Fiktionalität „flüchten“ kann.

Dazu trägt auch bei, daß Handke nur „Sprachformen, die in der Wirklichkeit mündlich geäußert werden“ benutzt und diese natürlichen Äußerungsformen den Gegenwarts- und Natürlichkeitscharakter der Stücke unterstützen.

Die Sprechstücke sind nicht dialogisch angelegt, aber sie „bedürfen [...] eines Gegenübers, zumindest einer Person, die zuhört“, d.h. die Zuschauer sind als Adressaten der Bühnenbotschaften notwendig und ihre Aufgabe ist es, der ironischen Nachahmung der natürlichen Äußerungen zu folgen, von ihnen wird jedoch keine Kommunikationsteilnahme erwartet oder erwünscht.

„Sprechstücke sind verselbständigte Vorreden der alten Stücke“ und haben damit die Funktionen des Prologes: Einführung in das Stück und Darlegung der dichterischen Intentionen. Sie sind “unmittelbar publikumsbezogen, reflektierend und metatheatralisch“.[5]

Hier entlarvt Handke Sprache. Die Sprache gibt zwar „einen Begriff von der Welt“, kann aber nicht per se für diese stehen, zum Zwecke der Verständigung ist sie unerläßlich, aber die „reale Welt“ kann sie nicht repräsentieren.

Diesen Mißstand aufzeigen, den Zuschauern bewußt werden lassen und ihnen einen reflektierteren Umgang mit der Sprache nahebringen, ist Ziel der Handkeschen Sprechstücke.

3. Modifikation und Weiterentwicklung

In der Forschungsliteratur herrscht Uneinigkeit über die Zugehörigkeit des Kaspar zu den Sprechstücken. Bekes argumentiert folgendermaßen:

„Die mit den Sprechstücken erprobten Methoden der Sprachpräsentation und Sprachkritik werden hier nicht einfach preisgegeben, sondern durch Anwendung tradierter theatralischer Momente [...] und

durch Vorführung von Handlungen erweitert und differenziert.“[6]

Zwar werden beim Kaspar einige Elemente der Sprechstücke beibehalten und andere modifiziert oder variiert, aber er ordnet den Kaspar explizit nicht in die Reihe der Sprechstücke ein.

Die gegenteilige Meinung vertritt Renate Voris und beruft sich dabei auf Handke selbst, der in einem Interview mit Arthur Joseph erklärt, daß Kaspar „eine Entwicklung, zu der ich einmal kam [ist], weil ich mich da wieder in ein automatisches Produzieren von Stücken aus purer Sprache einlassen mußte, wo die Wörter nur sich selbst beleuchten. Die Wörter, die puren Wörter, die vorher in der Publikumsbeschimpfung auf der Bühne vor sich gehen, verdichten sich nun zu einer Figur.“[7] Ist Kaspar also ein „handelndes Sprechstück“?

Eine affirmative Stellung zu diesem Punkt bezieht auch Günther Rühle „ein Sprechstück: wiederum – oder noch immer.“[8] und nimmt Bezug auf die im Kaspar ebenfalls mittels Umgangssprache dargestellten Sentenzenfolgen, die zeigen was Sprache möglich ist.

Ich möchte mich der Annahme anschließen und die Behauptung unterstützen, daß Kaspar ein Sprechstück ist, zwar erheblich modifiziert und verändert, jedoch in seiner Intention und seinem Ziel, nämlich den Zuschauer für den Sprachgebrauch und die Sprachverwendung zu sensibilisieren und sensitivieren, an das Konzept der Sprechstücke gebunden.

In den folgenden Kapiteln werde ich die Abweichungen und Modifizierungen einzelner theatralischer Komponenten im Hinblick auf das Konzept darstellen, untersuchen und werten, um der Behauptung gerecht zu werden.

3.1 Titel

Der Titel des Stückes Kaspar ruft zwei Assoziationen beim Rezipienten hervor: zum einen die historische Kaspar Hauser-Figur und zum anderen die Theaterfigur Kaspar - auch bekannt als Hanswurst, Harlekin oder Kasperle-, „die die interne Kommunikation der anderen Bühnenfiguren transzendieren, sich ans Publikum wenden und das Geschehen kommentieren konnte.“[9]

Die Verbindung mit Kaspar Hauser relativiert Handke am Anfang des Stückes gleich in seinen ersten Sätzen :

„Das Stück >Kaspar< zeigt nicht, wie ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem. Es zeigt, wie jemand durch Sprechen zum sprechen

gebracht werden kann. Das Stück könnte auch Sprechfolterung heißen.“[10]

Er hat keine Verarbeitung des historischen Stoffes im Sinn, sondern will die Möglichkeiten von Sprache an seinem Protagonisten exemplifizieren. Obwohl Handke die historische Dimension entschieden dementiert, greift er „zu einer Figur, deren Name, Verhalten und sie individualisierende Satz deutlich historische Assoziationen hervorruft“[11] wie Rainer Nägele in seinem Aufsatz richtig feststellt.

Die Frage, die sich dabei stellt, warum Handke diese Assoziation knüpft und sogar im ersten Satz seines Werkes explizit äußert, wenn er sie dann vehement ablehnt, läßt sich meiner Meinung nach so erklären, daß er die historische Figur schon beim Zuschauer mitaktivieren will (und es ja auch macht), aber – wie bei der Sprache -, ein einfaches Übernehmen des Lebenslaufes und die damit verbundene Annahme „nur“ eine Geschichte erzählt zu bekommen, zu verhindern weiß, indem er jegliche Zusammenhänge abstreitet.[12]

„Dieser mythopoetische Kontext der Kaspar Hauser-Figur kommt dem Stück Handkes zugute, da, von der Rezeptionssituation her betrachtet, die in Bewegung gesetzte, eigentätige Phantasie des Lesers und Zuschauers die Sprach-Skelettierung der Figur zusätzlich dimensioniert und zu einem Leben verhilft,

das sie im Text Handkes eigentlich nicht besitzt.“[13]

Dieser Wertung von Manfred Durzak möchte ich mich anschließen, denn durch das Heraufbeschwören der Kaspar Hauser-Figur ermöglicht Handke, ein besseres Verständnis seines Stückes und gleichzeitig ein plastischeres Bild seines Protagonisten. In welcher Art und Weise das geschieht, möchte ich hier nicht weiter erläutern, da das zu weit führe und nicht Untersuchungsgegenstand ist.[14]

Zu der zweiten Assoziation schreibt Handke in der Anweisung für die Aufführung, die dem ersten Akt vorangestellt ist, „Kaspar hat keine Ähnlichkeit mit einem Spaßmacher; er gleicht vielmehr von Anfang an, als er auf die Bühne kommt, Frankensteins Monster (oder King Kong)“[15] und verneint ebenso wie die historische Dimension, jene der entlarvenden Bühnenfigur. Aber natürlich steckt diese Assoziation gleichermaßen mit im Stück: „Indirekt sind der um späte Sprachfindung kämpfende Kaspar Hauser wie der von fremden Kräften bewegte Puppenkaspar mit im Spiel.“[16] Die Figur Kaspar ist von Handke als eine Tabula rasa konzipiert und hat keine andere funktionale Bedeutung als die eines Exempels.

Im Hinblick auf die früheren Sprechstücke findet Bekes heraus, daß „diese in ihren Titeln die Art und den Vollzug des Sprechens selbst, das ‚Schimpfen‘, das ‚Weissagen‘, das ‚Selbstbezichtigen‘, das ‚Hilferufen‘ dergestalt [thematisieren], daß der Gattungscharakter dieser Texte als Sprechstücke klar hervortritt.“[17] Vielleicht ein Grund für ihn den Kaspar nicht als Sprechstück anzusehen, da hier davon abweichend, ein Eigenname als Titel fungiert und damit eine Person, wenngleich nur als Typus, anstelle der Sprache in den Vordergrund tritt.

Der Hinweis Handkes, „das Stück könnte auch >Sprechfolterung< heißen“[18], deutet allerdings für mein Verständnis auf die Nähe zu den Sprechstücken hin, da mit dieser Bezeichnung wiederum die Sprache in den Mittelpunkt gestellt wird. Möglicherweise könnte man „Sprechfolterung“ als Untertitel ansehen.

[...]


[1] Darüber lassen sich in der Sekundärliteratur ausreichende Informationen finden. Eine Darstellung versucht

beispielsweise Manfred Durzak in seiner Arbeit.

[2] Die folgenden nicht gekennzeichneten Zitate beziehen sich auf Handkes Bemerkung zu meinen

Sprechstücken, 1972, S. 201

[3] Vgl. Bekes, 1984, S. 21

[4] Voris, 1984, S. 14

[5] Bekes, 1984, S. 20

[6] Bekes, 1984, S. 25

[7] Gespräch mit Peter Handke In: Joseph, Artur: Theater unter vier Augen. Gespräche mit Prominenten. Köln

1969, S. 27-39

[8] Rühle, 1972, S. 131

[9] Bekes, 1984, S. 29

[10] Kaspar, 1968, S. 7

[11] Nägele, 1976, S. 78

[12] Die damit verbundenen Aufgaben des Zuschauers werden im Kapitel 3.4 erklärt.

[13] Durzak, 1982, S. 96

[14] Die Parallelität der beiden Schicksale (Handkes Kaspar – Kaspar Hauser) zeigt Mechthild Blanke ausführlich

in ihrer Arbeit und beruft sich dabei auf Anselm Feuerbachs Psychogramm von Kaspar Hauser.

Vgl. Blanke, 1972, S. 269-275

[15] Kaspar, 1968, S. 8

[16] Schultz , 1973, S. 44

[17] Bekes, 1984, S. 28

[18] Kaspar, 1968, S. 7

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kaspar - eine Variation und Weiterentwicklung der Sprechstücke Peter Handkes
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Drama nach 1945
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V8735
ISBN (eBook)
9783638156295
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kaspar, Variation, Weiterentwicklung, Sprechstücke, Peter, Handkes, Drama
Arbeit zitieren
Anja Frentzel (Autor), 2001, Kaspar - eine Variation und Weiterentwicklung der Sprechstücke Peter Handkes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8735

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