Hybride Texte in der Literatur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
39 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in den Begriff der Hybridität
1.1 Grundlegende Betrachtungen zu hybriden Texten
1.2 Hybridität im postkolonialen Diskurs

2. Hybridität und Literatur
2.1 Postkoloniale Literatur
2.1.1 Mayanja: Die Merkmale des Hybriden und der „dritte Text“
2.1.2 Adejunmobi und Prasad: Übersetzung nicht nur als Metapher sondern als Strategie
2.2 Moderne Literatur außerhalb des postkolonialen Kontextes

3. Zur Übersetzung hybrider Texte

4. Abschlussbetrachtung

1. Einführung in den Begriff der Hybridität

[D]as Hybride ist etwas Neues, das sich aber einer einheitlichen Definition entzieht (Zapf 2002, S. 53).

In dieser Arbeit soll das Phänomen hybrider Texte in der Literatur untersucht werden. Dazu wird sich eine umfassende Analyse von hybriden Texten in postkolonialen Kontexten an eine theoretische Eingrenzung des Begriffs anschließen. Es soll dann anhand eines konkreten literarischen Beispiels untersucht werden, inwiefern die herausgearbeiteten Beobachtungen aus einem postkolonialen Kontext auf einen allgemein literarischen übertragbar sind und ein Ausblick auf Überlegungen zum Übersetzen hybrider Texte gegeben werden.

Bevor ich mit der Diskussion der Frage beginne, was ein hybrider Text ist, möchte ich zunächst einmal feststellen, dass der Begriff „Hybridität“ bzw. „hybrid“ eine Vielzahl von Phänomenen beschreibt, die nicht ausschließlich in geisteswissenschaftlichen Themenkomplexen angesiedelt sind, dass Definitionen des Konzepts – zumindest in geisteswissenschaftlichen Kontexten – allerdings meist ausgespart werden und dies auch bei weitreichenderen Ausführungen, in denen Hybridität eine zentrale Rolle spielt.[1] Dies mag zum einen darauf zurückzuführen zu sein, dass der Begriff an sich nicht neu ist, wenngleich er auch einem anderen Wissenschaftszweig entstammt und eigentlich erst ab dem 20. Jahrhundert gänzlich auf geisteswissenschaftlichem Terrain verortbar ist:

The word “hybrid” has developed from biological and botanical origins: in Latin it meant the offspring of a tame sow and a wild boar, and hence, as the OED puts it, “of human parents of different races, half-breed”. The OED continues: “A few examples of this word occur early in the seventeenth century; but it was scarcely in use until the nineteenth”, “hybrid” is the nineteenth century’s word. But it has become our own again. In the nineteenth century it was used to refer to a physiological phenomenon; in the twentieth century it has been reactivated to describe a cultural one. [...] The word’s first philological use, to denote “a composite word formed of elements belonging to different languages”, dates from 1862. An OED entry from 1890 makes the link between the linguistic and racial explicit: “The Aryan languages present such indications of hybridity as would correspond with [...] racial intermixture” (Young 1995, S. 6).[2]

Zum anderen ist die Unschärfe, die den Begriff umgibt, typisch für die postmodernen Strömungen des Poststrukturalismus und der Dekonstruktion, über die er hauptsächlich in einen geistes-wissenschaftlichen Nexus Eingang gefunden hat. So bemerkt Arrojo (2003, S. 101) in Bezug auf den Begriff „Dekonstruktion“:

Die Erkenntnis, daß das dekonstruktivistische Denken insgesamt den Glauben an die unveränderliche Bedeutung eines Wortes oder Begriffs in Frage stellt, erklärt die Schwierigkeit, Dekonstruktion zu definieren und ihre wesentlichen Implikationen [...] in wenigen Sätzen zu diskutieren. Wie der Begründer der Dekonstruktion, Jacques Derrida, erklärte, gehen „alle Sätze wie ‚Dekonstruktion ist x‘ oder ‚Dekonstruktion ist nicht x‘ a priori an der Sache vorbei, sind zumindest falsch“, da „einer der wesentlichen Gedanken der Dekonstruktion [...] gerade in der Einschränkung der Ontologie und vor allem der dritten Person Präsens Indikativ: S ist P, besteht“ (Derrida 1987 in Kamuf 1991:275).

Damit wird klar, dass eindeutige und unveränderliche Definitionen unerwünscht sind und die bezeichnende Tatsache, dass Homi K. Bhabha, der „hybridity“ als Schlüsselbegriff in die postkoloniale Literatur- und Kulturtheorie eingebracht hat[3], in seinem Werk auf eine abgrenzende Diskussion des Begriffs verzichtet, mutet vor diesem Hintergrund wenig verwunderlich an. Bevor ich versuchen werde, Bhabhas Hybriditätsbegriff zu umreißen und einige wichtige Implikationen für die Übersetzung hybrider Texte herausstelle, möchte ich zunächst doch – der dekonstruktivistischen Tradition zum Trotz – mögliche grundlegende Charakteristika von Hybridität und hybriden Texten zusammentragen, die dann wiederum durch Bhabhas Verständnis von Hybridität im postkolonialen Kontext erweitert werden sollen.

1.1 Grundlegende Betrachtungen zu hybriden Texten

Schäffner und Adab (2001)[4], die sich dem hybriden Text weniger aus einem postkolonialen, sondern aus einem translationswissenschaftlichen Blickwinkel nähern, stellen als Merkmale von hybriden Texten heraus, dass sie fremdartige und ungewöhnliche Elemente aufweisen, die mit den Erwartungen an einen „ norm alen“ Text brechen:

A hybrid text is a text that results from a translation process. It shows features that somehow seem “out of place”/“strange”/“unusual” for the receiving culture, i.e., the target culture. These features, however, are not the result of a lack of translational competence or examples of “translationese”, but they are evidence of conscious and deliberate decisions by the translator. Although the text is not yet fully established in the target culture (because it does not conform to established norms and conventions), a hybrid text is accepted in its target culture because it fulfils its intended purpose in the communicative situation (at least for a certain time) (a.a.O., S. 176).

Hervorzuheben ist zunächst einmal, dass Hybridität nicht als negativ besetztes Merkmal herausgestellt wird, wie es bei einer misslungenen Übersetzung der Fall ist, sondern das Einflechten von fremd und deplatziert wirkenden Elementen ist als bewusste Übersetzungsstrategie zu bewerten. Diese Elemente, so Schäffner und Adab weiter, entstammen der Ausgangssprache und -kultur und sind beim Übersetzungsprozess bewusst in den Zieltext übernommen worden (vgl. a.a.O., S. 171). Damit sie als fremdartig und unpassend wahrgenommen werden können, müssen sie gegen eine etablierte Norm (beispielsweise in Bezug auf Lexik, Syntax oder Stil) in der Zielkultur verstoßen: „Hybrid texts have features that are somehow contradictory to the norms of the target language and culture“ (a.a.O., S. 177). Gleichzeitig jedoch kann der Normenverstoß nicht so gravierend sein, dass der hybride Text nicht mehr rezipiert werden kann und so seine kommunikative Funktion als Text nicht mehr erfüllt. Weiterhin werden hybride Texte ausdrücklich als Produkt eines Übersetzungsprozesses beschrieben, wobei sich m.E. die Frage stellt, ob hiermit lediglich Übersetzung im engen Sinn der interlingualen Übersetzung, d.h. als Übertragung eines schriftlich fixierten Textes in einer Sprache A in einen schriftlich fixierten Text in einer Sprache B gemeint sein kann, oder ob der Übersetzungsbegriff in postkolonialen Kontexten auch auf „übersetzendes Schreiben“ ausgedehnt werden kann, wie es beim Verfassen von Texten in einer Fremdsprache geschieht. Auch Snell-Hornby, die sich die Definition von Schäffner und Adab für ihre eigenen Ausführungen zunutze macht, merkt an, dass hier nicht von einem Übersetzungsprozess im klassischen Sinn gesprochen werden kann, wohl aber, dass sich die herausgearbeitete Spezifik auf postkoloniale Texte übertragen lässt (vgl. Snell-Hornby 2001, S. 208). Ich werde später, bei der Betrachtung postkolonialer hybrider Texte, noch einmal auf diese Frage zurückkommen.

Snell-Hornby merkt an, dass sie sich auf ein Konzept hybrider Texte bezieht, das seinen Ursprung in den Postcolonial Studies hat und sich damit zunächst auf postkoloniale Texte bezog, die ich als Texte von Autoren bestimmen möchte, deren Realität durch den Einschnitt der Kolonisation verändert wurde und die in der Sprache der ehemaligen Kolonialherren schreiben (also v.a. Englisch, Französisch und Portugiesisch), wobei ich mich im Rahmen dieser Arbeit auf die Betrachtung englischsprachige Texte beschränken werde. Dabei sind die Autoren in einen Raum zwischen der als authentisch imaginierten indigenen Kultur und der Sprachwelt und des Kulturkreises der ehemaligen Kolonisatoren situiert, weshalb die Artikulation von diesem Zwischenraum aus eine neue Sprache oder Sprechart hervorbringt:

These postcolonial texts, frequently referred to as “hybrid” or “métissés” because of the culturo-linguistic layering which exists within them, have succeeded in forging a new language that defies the very notion of a “foreign” text that can be readily translatable into another language. With this literature we can no longer merely concern ourselves with conventional notions of linguistic equivalence, of ideas of loss and gain which have long been a consideration in translation theory. For these texts written by postcolonial bilingual subjects create a language “in between” and therefore come to occupy a space “in between” (Samia Mehrez 1992, S. 21, zit. in Snell-Hornby, a.a.O., S. 208).

Bevor wir uns der Frage der Spezifik des „culturo-linguistic layering“ und der Problematik der Übersetzung hybrider Texte zuwenden, möchte ich noch genauer auf das Konzept der Hybridität eingehen, wie es im Rahmen des postkolonialen Diskurses verstanden wird, dem es in seiner heutigen Form als Sammelbegriff für „kulturelle Mischformen“ (Wolf 2003, S. 103) entstammt. Dort nimmt es den Status eines Schlüsselbegriffs ein, wobei die zahlreichen Veröffentlichungen und Diskussionen um den Themenkomplex Hybridität zeigen, dass der Begriff seine Vielschichtigkeit und damit auch seine Aktualität bis heute nicht eingebüßt hat.

1.2 Hybridität im postkolonialen Diskurs

One of the most widely employed and most disputed terms in post-colonial theory, hybridity commonly refers to the creation of new transcultural forms within the contact zone produced by colonization. [...] Hybridization takes many forms: linguistic, cultural, political, racial, etc. (Ashcroft, Griffiths und Tiffin 2000, S. 118).

Wie eingangs bemerkt ist die Frage „Was ist Hybridität?“ aufgrund der Affinität des Konzepts zu poststrukturalistischem Denken nicht in wenigen Sätzen beantwortbar. Vielmehr finden sich einzelne Aussagen zu Hybridität und dessen Implikationen – der dekonstruktivistischen Ablehnung der Vorstellung eines Zentrums oder Hierarchie und eines unveränderlichen Bedeutungskerns von Realität bzw. sprachlichen Zeichen entsprechend – an zahlreichen und scheinbar unsystematisch auftauchenden Einzelstellen in Bhabhas Hauptwerk „The Location of Culture“ (1994). Der Ort des Entstehens von Hybridität ist der sogenannte „dritte Raum“ („third space“), ein Zwischenraum bzw. „space in-between“, in welchem unterschiedliche Positionierungen und Ausformungen von Realität bzw. Kultur miteinander in Bezug treten und durch ständiges Neuverhandeln etwas Neues/Drittes schaffen, das sich nicht in seine ursprünglichen Bestandteile aufgliedern lässt und doch kein homogenes Amalgam bildet[5]:

But for me the importance of hybridity is not to be able to trace original moments from which the third emerges, rather hybridity to me is the “third space” which enables other positions to emerge (Bhabha in Rutherford 1990, S. 211).

Durch ein unablässiges Neuverhandeln kommt es niemals zu einer Konsolidierung der Positionierungen in dieser „new area of negotiation of meaning and representation“ (ebd.), was für den grundsätzlich unabgeschlossenen und offenen Charakter von Bedeutungszuschreibung bzw. letztendlich auch Realität und Identität spricht. Bhabhas Hauptaugenmerk liegt dabei – aufgrund der Verortung des Diskurses im postkolonialen Kontext – auf den Prozessen, die zur wechselseitigen Konstituierung von Kulturen im Kontakt miteinander führen, wobei

die mit Uneinheitlichkeit, Unvollständigkeit, Unabgeschlossenheit und einem fragmentarischen Charakter in Verbindung gebrachte Hybriditä t von Identitäten oder auch Kulturen von postkolonialen TheoretikerInnen positiv bewertet und den binären Oppositionen und Dichotomien, auf welchen die Gegensatzpaare Kolonisator/Kolonisierter, Ost/West, Orient/Okzident, Selbst/Anderer beruhen, als Alternative entgegengestellt wird (Burtscher-Bechter 2004, S. 284).

Bhabhas Ansatz ist als Gegendiskurs zum imperialistisch-hegemonialen Machtdiskurs der Kolonisation zu bewerten und weist damit eine politische Dimension auf, wie es für Theoriebildung in postkolonialen Kontexten charakteristisch ist. Vor diesem Hintergrund ist auch der Aspekt der Mimikry zu bewerten, den Bhabha als Versuch der Nachahmung von Seiten des kolonisierten Subjekts versteht, jedoch als gescheiterten Versuch, da Mimikry – aufgrund der Beschaffenheit des dominanten Diskurses, der den Kolonisierten als den Anderen des Kolonisators festschreibt – nur zum Teil gelingen kann und immer auch Spuren des Fremden/Anderen beinhaltet.[6] Durch die Präsenz des kolonialen Anderen, der im Versuch der Mimikry die Merkmale des Hybriden angenommen hat, wird jedoch der dominante koloniale Diskurs selbst unterminiert, indem Hybridität dessen Ambivalenz offenbart und ihn selbst als Konstrukt bloßstellt, das der Existenz des kolonialen Anderen bedarf, um sich selbst in Abgrenzung zu diesem zu erschaffen:

The menace of mimicry is its double vision which in disclosing the ambivalence of colonial discourse also disrupts its authority. [...] [T]hey [the colonial subjects] are also [...] the figures of a doubling, the part-objects of a metonymy of colonial desire which alienates the modality and normality of those dominant discourses in which they emerge as “inappropriate” colonial subjects (Bhabha 1994, S. 88).

Diesen zwiespältigen Charakter kann der Kolonisierte nicht ablegen; da der dominante Diskurs letzteren als den Anderen des Kolonisators definiert, kann das kolonisierte Subjekt nicht aus seiner (post-)kolonialen Identität „aussteigen“ und bleibt damit „[the] recognizable Other, as a subject of a difference that is almost the same, but not quite” (a.a.O., S. 86). Auch Young (1995) sieht Hybridität als „doubleness that both brings together, fuses, but also maintains separation” (a.a.O., S. 22), wobei der Aspekt der Identifizierung einzelner Elemente innerhalb des hybriden Ganzes von grundlegender Bedeutung ist für die Erzeugung eines disparaten Gebildes, das sowohl das eine als auch das andere gleichzeitig ist – sowohl vertraut/bekannt als auch fremd/neu. Das charakteristische Merkmal des Hybriden ist damit die Differenz: „The hybrid object [...] retains the actual semblance of the authoritative symbol but revalues its presence by resisting it as the signifier of Entstellung – after the intervention of difference “ (Bhabha 1994, S. 115). Dabei kann es allerdings nicht zu einer Auflösung der Spannung zwischen fremd und vertraut kommen, wie es durch eine Verschmelzung beider Pole die Folge wäre, was letztlich zur Unterminierung der Differenz und damit auch der Hybridität führen würde (vgl. Zapf 2002, S. 55ff.).[7] Das Hybride weist somit immer ein subversives Moment auf, weshalb es die Möglichkeit birgt, den dominanten Diskurs zu verändern. Dieser Gedanke wird später im Zusammenhang mit der Frage nach der Übersetzung hybrider Texte und deren Potential für das zielsprachliche Sprach- und Literatursystem noch von Bedeutung sein.

Nachdem die Grundideen von Bhabhas postkolonialem Hybriditätskonzepts skizziert wurden, möchte ich nun verschiedene Möglichkeiten zur Herstellung von Hybridität bzw. Differenz in postkolonialer Literatur aufzeigen.

2. Hybridität und Literatur

In diesem Kapitel soll es um die konkreten Ausformungen von Hybridität zunächst in postkolonialer Literatur und später auch in moderner Literatur ohne postkolonialen Hintergrund gehen, indem die theoretischen Ausführungen um eine Analyse eines Textausschnitts aus dem Roman „Everything is Illuminated“ (2002) von Jonathan Safran Foer erweitert werden. Es soll damit aufgezeigt werden, inwiefern Hybridität als Merkmal postkolonialer Literatur auch auf (post-)moderne Literatur ausgeweitet werden könnte, so wie es in Bachtins Dialogizitätskonzept, dessen sich Bhabha zur Entwicklung seines eigenen Hybriditätsbegriffs bediente, bereits angelegt ist.[8]

Zunächst werde ich auf einige Ansätze zur Beschreibung der hybriden Spezifik postkolonialer Literatur eingehen, darunter Sh. Mayanja, M. Adejunmobi und G.J.V. Prasad.

2.1 Postkoloniale Literatur

Being neither entirely European nor fully African, the language of the text might perhaps be an “interlanguage” (Zabus 1991, S. 102 in Adejunmobi 1998, S. 168).

Wie bereits erläutert, schreibt der postkoloniale Autor vom „third space“ aus, einem Raum zwischen den Kulturen und Diskursen, was sich auch in der hybriden Beschaffenheit postkolonialer Literatur zeigt. Aus verschiedenen Gründen praktischer, politischer und finanzieller Natur schreibt eine Vielzahl postkolonialer Autoren, wobei im mich v.a. auf Afrika und Indien beziehe, in europäischen Sprachen.[9] Die Besonderheiten europäischsprachiger literarischer Texte von Schriftstellern mit afrikanischem und indischem postkolonialen Hintergrund sollen in diesem Kapitel näher beleuchtet werden.

Nicht unerwähnt soll die Tatsache bleiben, dass sich einige postkoloniale Schriftsteller gegen das Schreiben in europäischen Sprachen aussprechen, da sie darin eine Weiterführung des kolonialen Machtgefüges sehen, so u.a. der renommierte kenianische Schriftsteller, Kultur- und Literaturwissenschaftler Ngugi wa Thiong’o. Der Umstand, dass bereits die Wahl der Publikationssprache eine politische Entscheidung darstellt, macht deutlich, in welchem Maße der „third space“ politisch aufgeladen ist und Positionierungen – in Übereinstimmung mit Bhabhas Ausführungen – ständig neu ausgehandelt werden müssen, die erfolgte Kolonisierung somit nicht einfach als geschichtliches Ereignis ad acta gelegt werden kann. Die Vorsilbe „post“ (mit oder ohne Bindestrich angeschlossen) kann also in keinster Weise als Überwindung des Kolonialismus gewertet werden, vielmehr ist der Begriff Post(-)kolonialismus bis heute Gegenstand lebhafter Debatten (vgl. Mayanja 1999, S. 37-55; Ashcroft, Griffiths und Tiffin 2000, S. 187f.).[10]

Das auffälligste Merkmal postkolonialer Literatur[11], die in europäischen Sprachen publiziert wird, ist wohl die besondere Art der Sprachverwendung; so scheinen sich mehrere Sprachen bzw. Sprecharten auf verschiedenen Ebenen zu überlagern, was zu einer Abweichung von den standardsprachlichen Normen der europäischen Sprache führt: „By defamiliarizing the language, post-colonial writers can bring readers face to face with the reality of difference, and call into question the supremacy of the standard language.“ (Bassnett und Trivedi 1999, S. 14). In einen politisch-subversiven Kontext gestellt, könnte man die dabei stattfindenden Adaptationsprozesse als Möglichkeit auffassen, die englische Sprache zu einem subversiven Instrument werden zu lassen, indem das fremde Medium für die eigenen Zwecke „umfunktioniert“ wird, jedoch ohne dabei für die ehemaligen Kolonialherren, das „Zentrum“ bzw. Europa(/USA) unzugänglich zu werden, da die Verwendung des – wenn auch veränderten – Englischen ein gewisses Maß an Vertrautheit gewährleistet:

The appropriation of the english language is the first of a range of appropriations which establish a discourse announcing its difference from Europe. These include the adaptation or evolution of metropolitan practices: for example, genres such as “the ballad” or “the novel” or even epistemologies, ideological systems, or institutions such as literary theory. But the appropriation which has had the most profound significance in post-colonial discourse is that of writing itself. It is through an appropriation of the power invested in writing that this discourse can take hold of the marginality imposed on it and make hybridity and syncreticity the source of literary and cultural redefinition. In writing out of the condition of “Otherness” post-colonial texts assert the complex of intersecting “peripheries” as the actual substance of experience (Ashcroft, Griffiths und Tiffin 1989, S. 77).[12]

Was dies konkret bedeutet, soll durch die Diskussionen einiger postkolonialer Literatur-wissenschaftler verdeutlicht werden.

2.1.1 Mayanja: Die Merkmale des Hybriden und der „dritte Text“

Der ugandische Germanist Shaban Mayanja stellt fest, dass die „indigenization theory“[13] davon ausgeht, dass es sich bei dem „an afrikanische Gegebenheiten angepaßten Englisch um ein hybrides Produkt handele, [...] [d]as [...] aus der Übernahme afrikanischer Wörter und syntaktischer Elemente ins Englische [resultiert]“ (Mayanja 1999, S. 55). Genauer gesagt erfolgt eine Adaptation des Englischen „not merely by introducing African words or translating African proverbs, but by calquing African syntax and idioms onto their European style.“[14]

[...]


[1] So schreibt Kien Nghi Ha in seinem Buch mit dem bezeichnenden Titel „Der Hype um Hybridität – kultureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechniken im Spätkapitalismus“ (2005): „Kaum ein Begriff hat in jüngster Zeit in der intellektuell-akademischen Öffentlichkeit wie in der Tagespresse für so viel Furore gesorgt und dabei soviel Unklarheit hinterlassen. Besonders in Form des scheinbar universell ‚andockbaren‘ Adjektivs ‚hybrid‘ referiert er auf diversen Themenfeldern auf sehr unterschiedliche Formen der Hybridisierung, Vermischung und (Re-)Kombinierung“ (S. 12).

[2] Interessanterweise wurde der Terminus zunächst zur Beschreibung eines linguistischen Phänomens verwendet und später erst auf kulturelle Ausformungen übertragen, was bereits auf eine enge Verflechtung von Sprache bzw. Sprachverwendung und Kultur in diesem Zusammenhang hinweist.

[3] Vgl. Wolf (2003, S. 103); Burtscher-Bechter (2004, S. 283).

[4] Schäffner und Adab beziehen sich eher auf hybride Texte in internationalen (z.B. EU-)Kontexten und im Bereich der Werbung, allerdings wird sich das nachfolgende Konzept auch außerhalb dieses Rahmens als operabel erweisen.

[5] Vgl. Burtscher-Bechter (2004, S. 284); Wolf (2003, S. 103); Bhabha (1994, S. 38). Bhabha baut sein Hybriditätskonzept auf Michael Bachtins literaturwissenschaftliche Überlegungen zur „Dialogizität“ von Romanen auf, wie im Folgenden deutlich werden soll: „Against the homogenizing move towards assimilation, intentional hybridity [d.h. das künstlerische und bewusst dialogisierende Verfahren, dessen sich der Autor bedient, Anm. K.Z.] requires that two linguistic consciousnesses and two voices remain present but distinct, ‘fight[ing] it out within the territory of the utterance’ (1992: 360) or the text. The meaning, as Bakhtin himself indicates, lies not so much in the activity of mixing as in ‘the collision between different points of view on the world’ (1992: 360). The two elements integrated in the hybrid sign are dialogically confronted, thus refusing closure and stasis” (Manzanas und Benito 2003, S. 69).

[6] Vgl. auch Ashcroft, Griffiths und Tiffin 2000, S. 139 und S. 13: „The problem for colonial discourse is that it wants to produce compliant subjects who reproduce its assumptions, habits and values – that is, ‘mimic’ the colonizer. But instead it produces ambivalent subjects whose mimicry is never very far from mockery. Ambivalence describes this fluctuating relationship between mimicry and mockery, an ambivalence that is fundamentally unsettling to colonial dominance.“ (S. 13).

[7] Vgl. Zapf (2002, S. 55): „Welsch spricht vom Hybriden als einer ‚Verknüpfung von Kodes, [...] ohne daß Vermischung eintritt.‘“

[8] Vgl. Berman (2000, S. 296): „The novel, said Bakhtin, assembles a heterology or diversity of discursive types, a heteroglossia or diversity of languages, and a heterophony or diversity of voices (Bakhtin 1982: 89).“

[9] Dabei spielt die schwierige Sprachsituation angesichts von mehreren hundert Sprachen und Dialekten besonders in Afrika aber auch in Indien eine Rolle, hinzu kommen das Erreichen einer größeren Leserschaft bzw. die Möglichkeit zur Veröffentlichung überhaupt, was finanziellen Gewinn und internationales Prestige verspricht. Eine europäische Sprache, meist handelt es sich um Englisch oder Französisch, bietet aber auch eine einheitliche Orthografie und einen umfangreichen und differenzierteren Wortschatz, besonders in technischen und abstrakt-analytischen Bereichen, um nur einige wichtige Aspekte zu nennen. Eine detailliertere Darstellung der Sprachproblematik afrikanischer Autoren bietet Mayanja (1999, S. 36-44).

[10] Eine mögliche Definition des Begriffs ist die von Vijay Mishra und Bob Hodge: „It foregrounds a politics of opposition and struggle, and problematizes the key relationship between centre and periphery.“ (zit. nach Mayanja 1999, S. 46). Die Bezeichnung „struggle“ verweist wiederum auf den prozessualen Charakter des Verhandelns und auf die prinzipielle Unabgeschlossenheit des postkolonialen Diskursgefüges, worauf in besonderem Maße auch die Debatten um den Begriff selbst verweisen. Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht genauer auf die vielschichtige Problematik, die die Bezeichnung „Post(-)kolonialismus mit sich bringt, eingegangen werden, weshalb ich wiederum auf Mayanja (1999, S. 45-55) verweisen möchte, der die Hauptaspekte der Debatte in kompakter Form darstellt.

[11] Möglicherweise ist die Bezeichnung „postkoloniale Literatur en “ treffender, um auf den heterogenen Charakter dessen, was unter dem Begriff subsumiert wird, deutlich zu machen.

[12] Dies ist eine sehr positive Lesart postkolonialer Ermächtigungsstrategien. Andererseits lässt sich auch die Frage stellen, ob es nicht in Wirklichkeit die englische Sprache ist, die durch die kreativen Schreibprozesse bereichert wird und damit das alte Machtgefälle Zentrum–Peripherie fortsetzt. In gleicher Weise scheint die Annahme eines Zentrums die Existenz von Peripherien, von denen aus „zurück zum Zentrum“ geschrieben wird, vorauszusetzen wie es der Buchtitel „The Empire Writes Back“ selbst suggeriert (vgl. Mayanaja, a.a.O., S. 43f., 56).

[13] Die „indigenization theory“ wird u.a. von Chantal Zabus vertreten und geht nach Mayanja (1999) „davon aus, daß der europhone afrikanische Text an sich ein hybrides Produkt sei, welches sich ‚innerlich‘ an den afrikanischen Traditionen orientiere und ‚nach außen‘ von importierten Werten gekennzeichnet sei“ (S. 44). Vgl. auch Ashcroft, Griffiths und Tiffin 1989, S. 38.

[14] Ebd. nach einem Zitat von Albert Gerald im Vorwort zu ZABUS, C., 1991. The African Palimpsest. Amsterdam: Rodopoi.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Hybride Texte in der Literatur
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Anglistik und Amerikanistik)
Veranstaltung
Postcolonial Translation
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
39
Katalognummer
V87370
ISBN (eBook)
9783638031028
ISBN (Buch)
9783638928601
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Postcolonial, Translation, Postkolonial, hybrid, hybride, hybrider, hybrides, Hybridität, Literaturwissenschaft, Übersetzen, Übersetzung, Übersetzungswissenschaft, Bhaba
Arbeit zitieren
Kristin Zettwitz (Autor), 2007, Hybride Texte in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87370

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