Gewalterfahrung in Ingeborg Bachmanns „Jugend in einer österreichischen Stadt“


Seminararbeit, 2008
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt

3. Textaufbau

4. “Gangart” des Textes

5. Topographische und biographische Bezüge

6. Gewalterfahrung
6.1. Zwänge aus dem sozialen Umfeld
6.1.1. Einschränkungen im Sprachgebrauch
6.1.2. Erziehung bzw. Lernen als Zwang
6.1.3. Einschränkungen aus ökonomischen Gründen
6.2. Verängstigung durch Gewalt in Medien
6.3. Das Erlebnis Krieg
6.3.1. Aggression, Gewalt und Zerstörung
6.3.2. Die Auswirkungen des Krieges

7. Interpretationsansatz
7.1. Vernichtung der Person Kind
7.2. Distanz
7.3. Überwindung der Distanz

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Ingeborg Bachmanns Erzählung „Jugend in einer österreichischen Stadt“. Nach einer einleitenden Auseinandersetzung mit ganz allgemeinen Aspekten wie Inhalt, Struktur und Erzählweise dieses kurzen Textes kommt es zur ausführlichen Analyse der Erzählung unter dem Gesichtspunkt Gewalterfahrung in Texten Ingeborg Bachmanns. Es werden dabei Erfahrungsbereiche erschlossen, in denen physische und psychische Kränkungen der Subjekte im Text vorkommen und insbesondere dargelegt, inwieweit auch Sprache über Gewaltpotential verfügt. In diesem Zusammenhang werden Bezüge zu Ingeborg Bachmanns Leben hergestellt, zugleich jedoch eine ausschließlich autobiographische Perspektive abgelehnt. Im letzten Teil der Arbeit wird ein Interpretationsansatz präsentiert und der Versuch unternommen, ausgehend von Aussagen der Autorin Bachmann zu ihrer Erzählung einen sinnvollen Zusammenhang zwischen Form und Inhalt des Textes herzustellen.

2. Inhalt

Die Erzählung „Jugend in einer österreichischen Stadt“ von Ingeborg Bachmann ist 1961 im Erzählband Das dreißigste Jahr erschienen. Ein Versuch, den Inhalt des Textes in wenigen Sätzen einzugrenzen, könnte folgendermaßen lauten: In dieser Erzählung gibt eine mutmaßlich ideelle Reise, als reale Reise vorgestellt, dem Erzähler Anlass zur Rückreise in die Erinnerungen seiner verlorenen Kindheit. Die präsentierten Erinnerungsszenen schwanken dabei zwischen der Verarbeitung von offenkundig authentischen biographischen Erlebnissen Ingeborg Bachmanns und einer als „Dekonstruktion einer autobiographischen Skizze“ (Bachmann 1994, S. 26) zu bezeichnenden Komposition des Textes. Es findet eine Grenzerfahrung in dem Sinne statt, dass die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden überschritten wird. Zentrale Themen stellen neben dem Verlust der Kindheit bzw. der Heimat infolge des Krieges das Verhältnis von Sprache und Identität, sowie das Verhältnis von Kindheit bzw. Heimat[1] und Identität dar.

3. Textaufbau

Die Erzählung ist einfach strukturiert und gliedert sich in einen Rahmen und einen Binnen- bzw. Haupttext. Diese grenzen sich mithilfe jeweils eines Absatzes graphisch voneinander ab, sodass sich folgende Textgliederung ergibt:

Rahmen
Absatz
Binnentext
Absatz
Rahmen

Im einführenden Teil des Rahmens kommt es zur Schilderung eines optisch-magischen Erlebnisses angesichts eines Kirschbaumes, der in herbstlichen Farben erstrahlt, sowie dessen Wirkung auf den Erzähler. Nach einleitenden Worten zur Kulturgeschichte der Stadt, die sich als mit der Geschichte des Subjekts verschränkt erweist, führen die Reflektionen in Anbetracht des flammenden Baumes zum Hauptteil. Im Binnentext werden z.T. recht unzusammenhängende Erinnerungsszenen in ihrer Chronologie von der frühesten Kindheit bis zum “Eintritt ins Leben” bzw. dem Verlassen der Stadt erzählt. Im abschließenden Teil des Rahmens gelangt das Erzählsubjekt mithilfe des magischen Erlebnisses durch den Baum zur Erkenntnis und zieht ein Fazit im Hinblick auf das Verhältnis zwischen seiner Persönlichkeit und seiner Kindheit bzw. Heimat.

4. “Gangart” des Textes

Die Erzählung „Jugend in einer österreichischen Stadt“ ist nicht als Kurzgeschichte im traditionellen Sinne zu definieren, sondern durch eine unkonventionelle Erzählweise geprägt, die dem Programm einer „neue[n] Gangart“ der Sprache bei Bachmann entspricht (Bachmann 1964, S. 306). An die Stelle eines durchgehenden Handlungsstranges treten dabei im Binnentext aneinandergereihte Erinnerungsaufnahmen, die durch lyrisch anmutende Textabschnitte bzw. Abschnitte, in denen viele Einzeleindrücke in Aufzählungen gebündelt sind, unterbrochen werden. Ein Beispiel für “lyrisches Schreiben in Sätzen” sei hier gegeben:

Zeit der Trophäen, Zeit der Weihnachten, ohne Blick voraus, ohne Blick zurück, Zeit der Kürbisnächte, der Geister und Schrecken ohne Ende. Im Guten, im Bösen: hoffnungslos. (Bachmann 1961, S. 86)

Insgesamt weisen die Abschnitte untereinander einen nur losen Zusammenhang auf, was durch die formale Aufteilung in viele Paragraphen unterstützt wird. Kohäsion innerhalb der einzelnen Erinnerungssequenzen sowie zwischen diesen wird vorrangig durch die Anapher „Die Kinder“ (u.a. S. 85) geschaffen. Bezeichnend für den Schreibstil in der Erzählung sind ebenfalls ungewöhnliche Bilder, die insbesondere verwendet werden, um erschreckende Erfahrungen ausdrucksstark zu vermitteln wie in folgender Darstellung:

Bei Tisch sitzen die Kinder still da […] während es im Radio gewittert und die Stimme des

Nachrichtensprechers wie ein Kugelblitz in der Küche herumfährt und verendet, wo der Kochdeckel sich erschrocken über den zerplatzten Kartoffeln hebt. (Bachmann 1961, S. 89)

Des Weiteren sind die Größen Ort und Zeit sowie die Erzählinstanz unkonventionell eingerichtet. Raum und Zeit werden im Verlauf der Erzählung nur indirekt durch topographische Bezüge zur Heimatstadt Bachmanns (Klagenfurt) sowie biographische Bezüge zu Bachmanns Leben bestimmt. Der Erzähler ist im Großteil des Textes als weder weiblich noch männlich markiert, da entweder in der unpersönlichen “man-Form” oder der dritten Person von Ereignissen berichtet wird. Nur selten gleitet die Erzählinstanz in die erste Person ab (vorrangig im Rahmen) und hinterlässt nur einen einzigen Hinweis aufs

Geschlecht, indem sie von sich als „Durchreisende[n]“ spricht, „dem niemand seine Herkunft ansieht“ [Hervorh. S.D.] (Bachmann 1961, S. 93)[2]. Durch die wenigen Aussagen in der Ich-Form im Rahmen und vereinzelt auch im Binnentext (vgl. S. 92) ist es auch erst möglich, eine Beziehung zwischen dem Erzähler und den „Kinder[n]“ (u.a. S. 85) herzustellen. Ohne diese gäbe es keine innertextlichen Anhaltspunkte dafür, dass der Erzähler eigene Erfahrungen wiedergibt.

Zur Besprechung weiterer prägnanter Merkmale der Erzählweise in „Jugend in einer österreichischen Stadt“ (wie z.B. Ironie) kommt es im Verlauf der Arbeit in der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Verwendungskontext.

5. Topographische und biographische Bezüge

Obwohl die Erzählung nicht, wie zu erwarten wäre, aus Sicht eines weibliches Subjekts präsentiert wird, kann aufgrund zahlreicher Indizien davon ausgegangen werden, dass es sich bei den geschilderten Erinnerungen um reale Erinnerungen Ingeborg Bachmanns handelt. Einerseits bestätigt Bachmann dies selbst durch eine Aussage im Interview (vgl. Bachmann 1994, S. 26). Als äußerst interessant erweist es sich darüber hinaus, den vielen Bezüge in der Erzählung zu Bachmanns Biographie sowie zur Topographie Klagenfurts (Bachmanns Heimatort) nachzugehen. Schon im Rahmen wird auf die Kulturgeschichte der Stadt hingewiesen, die mit familiengeschichtlichen Tatsachen Ingeborg Bachmanns korreliert (vgl. Beicken 1992, S. 35). Bachmanns Eltern, die während der Bauernkriege Bayern verlassen mussten und im Grenzland Kärntens Zuflucht fanden, kamen, wie im Text beschrieben, als „ärmst[e] Siedler“ (Bachmann 1961, S. 85) nach Klagenfurt. Des Weiteren lebte Ingeborg Bachmann mit ihren Eltern tatsächlich zunächst in der „Durchlaßstraße“ (ibid.) und zog später in die „Henselstraße“ (S. 87) um, wie die Kinder in den Erinnerungsaufnahmen. Weitere Kindheitserfahrungen, die im Text beschrieben werden, zeigen solch deutliche Parallelen zur Biographie Bachmanns auf, dass sie z.B. in Beickens biographischen Darstellung zu Ingeborg Bachmann herangezogen werden, um Ausführungen zur Kindheit bzw. Jugend der Schriftstellerin zu verdichten (vgl. Beicken 1992, S. 39 ff). Anhaltspunkte im Text, die ebenfalls auf realgeschichtliche Hintergründe deuten, sind intertextuelle Bezüge und beschriebene historische Ereignisse. Sowohl die Premiere des erwähnten Films „Romanze in Moll“ (1942/43) als auch die problematisierten kriegerischen Ereignisse von 1938 bis 1945 fallen in die Zeit der Kindheit bzw. Jugend Bachmanns.

Hinsichtlich der topographischen Angaben in der Erzählung ist von einer eindeutigen Übereinstimmung mit den Merkmalen der Stadt Klagenfurt zu sprechen. Alle vorkommenden Straßennamen, Denkmäler und Plätze aus der Erzählung sind auf dem Stadtplan Klagenfurts zu finden (vgl. Stadtplan Klagenfurt im Anhang) und selbst der Friedhof liegt, wie in Bachmanns Text beschrieben, neben dem Flugplatz. Auf Grundlage dieser Aussagen konnte vom Robert-Musil-Literatur-Museum sogar eine Broschüre zum Literaturwandern entworfen werden, mit dessen Hilfe sich Bachmann-Interessierte „[a]uf den Spuren von Ingeborg Bachmann“[3] (siehe Informationsmaterial im Anhang) bewegen können.

6. Gewalterfahrung

Im Zuge der Auseinandersetzung mit der entstellten Kindheit reflektiert das Subjekt in „Jugend in einer österreichischen Stadt“ über schmerzhafte und z.T. traumatische Erfahrungen, die im weitesten Sinne als Gewalterfahrungen bezeichnet werden können. In dieser Arbeit wird der Begriff Gewalterfahrung sowohl für Erlebnisse benutzt, die eine physische oder psychische Schädigung des Subjekts zur Folge haben, als auch für solche, die eine Unterdrückungen der freien Entfaltung des Subjekts beinhalten. Solche Erfahrungen erscheinen im Text in Form von Beschneidungen der Freiheit innerhalb eines beengenden Kleinbürgerlebens sowie in Form von (mit dem Krieg einhergehenden) Erfahrungen von Gewalt und Zerstörung. Die von der Umwelt zugefügten Verletzungen werden durch ein sehr empfindsames Subjekt wahrgenommen und mittelbar als Ursache für die Entfremdung von der eigenen Kindheit bzw. der eigenen Heimat dargestellt.

6.1. Zwänge aus dem sozialen Umfeld

6.1.1. Einschränkungen im Sprachgebrauch

Erlebnisse von Einengung und Zwang werden gemacht auf Grund einer repressiven, strengen Erziehung im Elternhaus und v.a. in der Schule. Die Kinder werden hier in ihrer freien Entfaltung gehemmt, indem sie Vorgaben im Hinblick auf ihren Sprachgebrauch nachkommen müssen. Im Hause der Eltern etwa werden die Kinder einer resoluten Sprachregelung unterworfen, die widerspiegelt, dass die Eltern sich gewissen gesellschaftlichen Zwängen unterordnen (müssen). Aufgrund ihrer schlechten ökonomischen Situation können sie es sich nicht erlauben, den Hausherrn in der Durchlaßstraße durch Kinderlärm zu verärgern und aus der billigen Wohnung „am Stadtrand“ (Bachmann 1961, S. 84) verwiesen zu werden. Die Kinder müssen daher folgende Regeln beachten:

[...]


[1] Da die Größen Kindheit und Heimat in „Jugend in einer österreichischen Stadt“ miteinander einher gehen, sollen sie in der vorliegenden Arbeit als Einheit betrachtet werden.

[2] Nach Weigel (1984) ist es nicht ungewöhnlich, dass Bachmann einen männlichen Erzähler einsetzt. Ihr „Anliegen wird von ihren Erzählern stellvertretend formuliert und durchgespielt“, wodurch Bachmann „den Strukturen des traditionellen Erzählens“ entgehen wollte (S. 271). Vgl. dazu auch Weigel (2003, S.232).

[3] Quelle: http://www.kinogeschichte.at/bachmann.htm. Zugriff 8.11.07.

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Details

Titel
Gewalterfahrung in Ingeborg Bachmanns „Jugend in einer österreichischen Stadt“
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Geschlechterdifferenz und Gewalterfahrung in Texten Ingeborg Bachmanns
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V87402
ISBN (eBook)
9783638031400
ISBN (Buch)
9783656230137
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalterfahrung, Ingeborg, Bachmanns, Stadt“, Geschlechterdifferenz, Texten
Arbeit zitieren
Susan Dankert (Autor), 2008, Gewalterfahrung in Ingeborg Bachmanns „Jugend in einer österreichischen Stadt“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87402

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