Die Wortfeldtheorie nach Jost Trier im Lichte ihrer Kritik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

43 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Entstehung von Triers Theorie

3. Das Wortfeld nach Trier

4. Kritik am Ganzheitsprinzip

5. Kritik am Interdependenzprinzip

6. Kritik am Prinzip der Geordnetheit

7. Kritik am Prinzip der Wohlgeschiedenheit

8. Sprachsystem und individuelle Freiheit

9. Kritik an der starren Abgrenzung der Wörter

10. Methodische Probleme

11. Zur Bewusstheit sprachlicher Felder

12. Schlussbetrachtung - Quo vadis Wortfeldforschung?

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Eine der revolutionären Entwicklungen in der Geschichte der Semantik wurde eingeleitet durch das Wirken von Jost Trier (1894-1970). Der Linguist ebnete mit seinen Ausführungen über Wort- und Begriffsfelder den Weg für die Wortfeldforschung, die bis dahin nur in Ansätzen existiert hatte. Die Wortfeldtheorie, deren Grundzüge Trier 1931 formuliert hatte, fand zugleich zahlreiche Anhänger als auch Opponenten. Einerseits wurde die Wortfeldmethodik als erkenntnisfördernd und nützlich in der Hinsicht empfunden, dass sie eine Möglichkeit darstellt, den Wortschatz in seinen semantischen Zusammenhängen darzustellen. Andererseits boten offensichtliche methodische und konzeptuelle Schwächen vielen Kritikern Angriffsfläche.

Die vorliegende Arbeit thematisiert Triers Wortfeldtheorie von 1931 im Spiegel ihrer Kritiker. Zunächst werden wichtige Grundlagen zur Besprechung der Theorie gelegt und die theoretischen Voraussetzungen für die Entwicklung der Theorie, sowie ihre Grundcharakteristika dargestellt. Daraufhin wird konkret auf streitbare Thesen eingegangen, wobei sich die Gliederung der Kritikpunkte an den Arbeiten von den wichtigsten Kritikern der Wortfeldtheorie, G. Kandler und R. Hoberg, orientiert. Sachliche Einwände anderer wichtiger Autoren wie K. Gabka, F. Dornseiff und L. Weisgerber wird unter den groben Gliederungspunkten ebenfalls erfasst. Darüber hinaus werden Ergebnisse eines eigens im Seminar „Das sprachliche Feld von Jost Trier und Leo Weisgerber bis zur kognitiven Linguistik“ bei Prof. Dr. Ewald durchgeführten Seminartests präsentiert und anhand dieser diverse Aspekte der Wortfeldkritik praktisch belegt.

Da sich die Literatur zur Wortfeldkritik fast ausschließlich auf die ursprüngliche Theorie von 1931 bezieht, beschränkt sich auch diese Arbeit auf eine Kritik an Triers frühesten Darstellungen und vernachlässigt mit Bedacht auf den Umfang der Arbeit neuere Entwicklungen in der Wortfeldforschung und Korrekturen an der ursprünglichen Theorie.

2. Zur Entstehung von Triers Theorie

In seiner Schrift Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes von 1931 stellt Jost Trier Überlegungen dazu an, wie der menschliche Wortschatz aufgebaut sein könnte und widmet sich insbesondere der Frage, welche Rolle die Sprache im aktiven Erkenntnisprozess einnimmt. Er gibt sich einem Problem hin, dass schon andere große Sprachwissenschaftler bzw. Sprachphilosophen vor ihm zu erörtern gesucht hatten und orientiert sich an wesentlichen Aspekten vorangegangener Theorien.

Für die Entwicklung der Wortfeldtheorie von grundlegender Bedeutung war schon das Wirken Wilhelms von Humboldt (1767-1835). Bei ihm finden sich Auffassungen zur Sprache, die den Weg zur Entwicklung der Feldtheorie ebnen. In seinen Abhandlungen über Sprachentwicklung beschrieb Humboldt die Sprache als ein Mittel sowohl der Kommunikation als auch des Denkens[1]. Dieser Gedanke wurde von Johann Gottfried Herder (1744-1803) übernommen und weitergeführt, der die Ansicht vertrat, dass Sprache nicht nur Werkzeug, sondern auch die Schatzkammer und Form des Denkens ist. Aus dieser postulierten Einheit von Sprache und Denken leitet sich Humboldts Unterscheidung von Sprache als Ergon und Energeia ab (vgl. Cruse 2002, S. 722), die implizit die Frage nach dem inneren Zusammenhang der Elemente der Sprache aufwirft. Indem Humboldt die Gliederung als das wesentlichste Merkmal der Sprache bezeichnet, regte er die Sprachwissenschaft dazu an, den Wortschatz auf seinen Systemcharakter hin zu untersuchen.

Ebenfalls großen Einfluss auf Triers Wortfeldtheorie hatten die Ideen von Ferdinand de Saussure, dessen Unterscheidung von langue, parole und langage mit einer klaren Trennung von synchronischer und diachronischer Sprachbetrachtung korreliert. Diese Trennung schlägt sich bei Trier in der Form nieder, dass in seinen Betrachtungen nur auf Synchronie bzw. die Sprachinhalte eingegangen wird, und das Einzelwort in seiner historischen Entwicklung vernachlässigt wird.

Nachdem sich Sprachwissenschaftler wie G. Ipsen (1899-1984), A. Jolles (1874-1946) und W. Porzig (1922-1996) um die Weiterführung der Ideen von Humboldt bemüht hatten (vgl. Cruse 2002, S. 720 f), griff Jost Trier in seiner Habilitationsschrift Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes die Frage nach dem Zusammenhang von Kognition und Sprache erneut auf und definierte Grundzüge seiner Feldtheorie, die er dann u.a. im Aufsatz „Über Wort- und Begriffsfelder“ (1931) konkretisierte. Einerseits äußert sich Trier darin entgegen der Meinung von Ispen und Jolles, die in humboldtscher Tradition ein Verhältnis von Sprache und Weltbild sehen. Stattdessen versteht er Sprache bzw. Wortfelder im Sinne Weisgerbers als Zwischenwelt, die eine unabhängige Zwischeninstanz zwischen dem Sein und dem Menschen darstellt[2]. Dementsprechend sind Wortfelder nach Trier vom historischen Kontext losgelöste Einheiten bzw. sprachliche Symbolgefüge, wodurch sich eine diachronische Sprachbetrachtung erübrigt. Des Weiteren unterscheidet sich Triers Wortfeldtheorie von bisherigen Theorien zum sprachlichen Feld darin, dass eine ganzheitliche Sichtweise vertreten wird bzw. dass Worte nicht mehr als unabhängig Einheiten angesehen werden, sondern innerhalb linguistischer Ganzheiten begriffen werden. Diese Ganzheiten bezeichnet Trier als Wortfelder[3]. Sie enthalten Wörter, die einer bestimmten Kategorie angehören, wie z.B. Gemüse.

Triers Feldtheorie wurde aufgrund empirischer und logischer Schwächen von zahlreichen Autoren kritisiert, wobei der theoretische Kern meist unangetastet blieb. Den Ausbau der Wortfeldtheorie trieben verschiedene Vertreter der Sprachwissenschaft, wie Weisgerber, H. Gipper und H. Schwarz, voran (vgl. Cruse 2002, S. 70 f). Weisgerber leistete einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Feldtheorie, indem er in seiner Inhaltbezogenen Sprachwissenschaft (1962) Triers Konstrukt nicht nur kritisierte, sondern ausbaute und systematisierte. Er unternahm als erster den Versuch, eine Typologie der Wortfelder zu erstellen und erweiterte den Wortfeldbegriff auf „syntaktische Felder“ (vgl. Cruse 2002, S. 722). In einer weiteren Entwicklungsphase wurde die Wortfeldtheorie mit der strukturellen Semantik, die u.a. von E. Coseriu entwickelt worden ist, verbunden. Auf eine ausführliche Darstellung dieser Phase wird hier mit Verweis auf den Artikel von Cruse (2002) verzichtet, der Vollständigkeit halber seien jedoch die wichtigsten Vertreter genannt: L. Hjelmslev, E. Coseriu, J. Lyons und H. Geckeler. Triers Theorie gilt noch heute nach Ansicht vieler Autoren als Vorläufer der strukturellen Semantik. Eine ausführliche Darstellung des Feldbegriffes bei Trier soll nun im Folgenden gegeben werden und inhaltliche Schwächen diverser Aspekte des Trierschen Feldbegriffes erläutert werden.

3. Das Wortfeld nach Trier

Trier definiert in „Über Wort- und Begriffsfelder“ ausgehend von einer synchronen Auffassung des Wortschatzes das Wortfeld als einen „inhaltlich zusammengehörigen Teilausschnitt des Wortschatzes“ (Trier 1931, S.1), der sich aus begriffsverwandten Wörtern zusammensetzt und ein gegliedertes Gefüge bildet. Er nennt diese durch Bedeutungsinhalte verknüpfte Gruppe von Wörtern auch „sprachliches Zeichenfeld“ (S. 1), „Wortmantel“ (ibid.) oder „Wortdecke“ (ibid.), „Begriffsbezirk“ (ibid.), „Begriffsblock“ (ibid.), sowie „lückenloser Zeichenmantel“ (S. 2) und „Mosaik“[4] (S. 3). Die beiden letztgenannten Bezeichnungen deuten darauf hin, dass Wortfelder nach Trier in semantischer Hinsicht lückenlos sind und begrifflich gegliedert bzw. aufgeteilt werden durch starr aneinandergrenzende Wortbedeutungen. Die Worte im Feld weisen eine gegenseitige Abhängigkeit auf, da sie sich durch wechselseitige Abgrenzung voneinander inhaltlich bestimmen (vgl. Trier 1931, S. 6). In diesem Sinne entscheidet die Stellung eines Wortes im gegliederten Ganzen über seine Bedeutung und Bedeutung an sich kann es nur im Feldganzen geben. Soll ein Wort verstanden werden, muss dementsprechend das gesamte Wortfeld „gegenwärtig sein“ (S. 5). Das Wortfeld ist die zeichenhafte Seite eines in einer Sprachgemeinschaft schon vorher vorhandenen Inhaltskomplexes, erst durch das Wort wird dessen begriffliche Aufteilung jedoch greifbar (vgl. Trier 1931, S. 2). Da in jeder Sprachgemeinschaft unterschiedliche Begriffskomplexe existieren, hat das Wortfeld nur jeweils einzel-sprachlich Geltung und kann nicht als Universalie bestehen.

Trier betont, dass das Wortfeld seine Gültigkeit im Bereich Saussureschen langue beansprucht und Wortfelder folglich nur die significant -Seite eines Wortes betreffen[5].

4. Kritik am Ganzheitsprinzip

Viele Kritiker setzen bei Triers Theorie dort an, wo es zu einer offenkundigen Vernachlässigung des Einzelwortes und seiner Geschichte kommt. Das Einzelzeichen kann Trier zufolge nur verstanden werden, wenn es dem Sprecher oder Hörer mitsamt seinem gesamten Wortfeld präsent ist (vgl. Trier 1931, S. 2 f). Nur mithilfe der Zeichengesamtheit hat das Zeichen Aussagekraft bzw. „[n]ur als Teil des Ganzen hat es Sinn; denn nur im Feld gibt es Bedeuten“ (Trier 1931, S.6). Das Feld verändert sich dementsprechend bei jedem Hinzutreten oder Verschwinden eines Wortes. In folgenden Zitaten werden Triers Auffassungen diesbezüglich besonders ausdrücklich dargestellt:

Das Wortzeichenfeld als Ganzes muß gegenwärtig sein, wenn das einzelne Wortzeichen verstanden werden soll, und es wird verstanden im Maße der Gegenwärtigkeit des Feldes. Es „bedeutet“ nur in diesem Ganzen und kraft dieses Ganzen. Außerhalb eines Feldganzen kann es ein Bedeuten gar nicht geben. (Trier 1931, S. 5)

Nicht das Einzelzeichen sagt etwas; nur das System der Zeichengesamtheit kann etwas sagen, angesichts des Einzelzeichens. So bindet sich das Wort mit den übrigen Worten des gleichen Begriffsfeldes zu einem eigengesetzlichen Ganzen und empfängt von diesem Ganzen aus seinen Bezeichnungsumfang. Die Geltung eines Wortes wird erst erkannt, wenn man sie gegen die Geltung der benachbarten und opponierenden Worte abgrenzt. Nur als Teil des Ganzen hat es Sinn; denn nur im Feld gibt es Bedeuten. (Trier 1931, S. 6)

[D]ie Einzelworte bestimmen sich durch Zahl und Lagerung im Gesamtfeld gegenseitig ihre Bedeutungen, und die Genauigkeit des Verstehens eines Einzelwortes ist abhängig von der seelischen Gegenwärtigkeit des Gesamtfeldes und seiner besonderen Struktur. Soll der Hörer verstehn, so muß Zahl und Lagerung der sprachlichen Zeichen dieses Begriffsfeldes unausgesprochen gegenwärtig sein. (Trier 1931, S. 7)

Dabei muss sich der Leser darüber bewusst werden, dass Trier mit diesen Ausführungen den Forschungszweig der Lexikologie in Frage stellt.

Zur Untermauerung seiner These behalf sich Trier eines Beispiels, dass sich bei näherer Betrachtung als eher unglückliche Wahl herausstellt. Er zeigt anhand des Feldes „Leistungsbewertung“ auf, dass die Einzelwörter sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend und mangelhaft nur durch die Struktur des Feldes (in 5 Teilfelder gegliedert) ihre Bedeutung erhalten (vgl. Trier 1931, S. 6 f). Eine Gliederung in mehr oder weniger Teile würde eine Veränderung der jeweiligen Bedeutungen der Einzelwörter nach sich ziehen. Wenngleich die Notenskala sich gut dazu eignet, um nachzuweisen, dass deren einzelne Glieder sich gegeneinander scharf abgrenzen und jedes der Worte außerhalb der Skala seine spezifische Bedeutung verliert, ist sie doch eine Skala bzw. eine „Leiter“ (Betz 1953, S. 191), die zweckmäßig vom Menschen angelegt wurde. Nach W. Betz handelt es sich daher hier nicht um ein Feld, das aus sprachlichen Gegebenheiten entstanden ist, sondern um eine Art “Abmachung”, die von den Sprachteilnehmern in die Sprache hineingelegt wurde (vgl. Betz 1953, S. 191). Zur Untermauerung dieser Sichtweise führt wiederum Gabka an, dass die Notenskala je nach Kulturkreis sehr unterschiedlich sein kann (in Russland und den USA werden andere Notenskalen verwandt als in Deutschland) und folglich nicht von einer Verankerung dieser Einteilung im Bewusstsein des Menschen gesprochen werden kann (vgl. Gabka 1967, S. 20). Zudem können Wörter “natürlicher” Felder, wie etwa das Wortfeld „Lebensmittel“ nach unterschiedlichsten Kriterien umgeordnet werden (Gemüse, warme Speisen, Pflanzenprodukte etc.), was bei einer starren Skala nicht möglich ist, da sie sonst ihren Zweck nicht mehr erfüllen kann.

Das Triersche Postulat, dass das Wort keinen Eigenwert besitzt und seine inhaltliche Bestimmtheit vom Feldganzen her erhält, greift auch Kandler an. Er fordert direkt: „Das Einzelne ist mehr als bloß Glied des Ganzen“ und spricht sich für die „Individualität eines Wortes“ aus (Kandler 1959, S. 357). Nach ihm kann durch die Feldbetrachtung allein nicht die vollständige Bedeutung eines Wortes erfasst werden. Seine spezifische Besonderheit erhält ein Wort wie stieren nicht durch die Eingliederung in ein Feld des Sehens, sondern durch einen erkennbaren etymologischen Bezug zu Stier. Ebenso die Substitution des Wortes Staatsbegräbnis durch feierliches Ehrenbegräbnis nach Hitler, die ohne erkennbare Auswirkungen für die Feldnachbarn blieb, ist nach Kandler ein Indiz für eine gewisse Eigenständigkeit des Wortes (vgl. S. 358). Ein besonders aussagekräftiges Beispiel sei mit dem Feld „Haftlager“ und seinen Gliedern Internierungslager, Konzentrationslager, Schutzhaftlager, Vernichtungslager und Zwangsarbeitslager gegeben. Das Denotat Konzentrationslager mag sich durch Feldbetrachtung inhaltlich von seinen Feldgliedern abgrenzen lassen, doch die Stellung dieses Wortes im Feld kann nicht aussagen, wie weitreichend die Bedeutung des Wortes Konzentrationslager für den deutschen Muttersprachler ist. Die Feldbetrachtung kann nicht wiedergeben, welch emotionale Aufladung und bitteren Nachgeschmack dieses Wort hat. Hier zeigt sich in sehr eindrucksvoller Weise, dass ein Wort nie losgelöst von seinem Wortleib und dessen historischen Entwicklung untersucht werden sollte.

5. Kritik am Interdependenzprinzip

Eng verbunden mit dem Ganzheitsprinzip ist das „Prinzip der Wechselbestimmtheit“ (Kandler 1959, S. 355) bzw. der Interdependenz. Seine inhaltliche Bestimmtheit erhält ein einzelnes Wortes nach Trier durch seine Stellung innerhalb einer Gemeinschaft, die er mit seinen Feldnachbarn bildet, sodass es zu einer wechselseitigen Abhängigkeit aller Wörter im Feld kommt. Er drückt dies aus wie folgt:

Die Worte im Feld stehen in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander. Vom Gefüge des Ganzen her empfängt das Einzelwort seine inhaltliche begriffliche Bestimmtheit. (Trier 1931, S. 2)

Das Wort folgt hier dem allgemeinen Wesen aller Zeichen. Zu diesem Wesen gehört es, daß der Bezeichnungsinhalt und Umfang eines Zeichens sich richtet nach der Stellung, die das Zeichen innerhalb der Gesamtheit der übrigen ihm inhaltlich benachbarten Zeichen einnimmt. (Trier 1931, S. 5)

Nicht das Einzelzeichen sagt etwas; nur das System der Zeichengesamtheit kann etwas sagen, angesichts des Einzelzeichens. So bindet sich das Wort mit den übrigen Worten des gleichen Begriffsfeldes zu einem eigengegesetzlichen Ganzen und empfängt von diesem Ganzen aus seinen Bezeichnungsumfang. Die Geltung eines Wortes wird erst erkannt, wenn man sie gegen die Geltung der benachbarten und opponierenden Worte abgrenzt. Nur als Teil des Ganzen hat es Sinn; denn nur im Feld gibt es Bedeuten. (Kursiv. S.D.) (Trier 1931, S. 6)

Wenn alle Feldglieder in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander existieren, darf folglich kein Wort fehlen, ohne dass es zu einer inhaltlichen Verschiebung aller anderen Feldnachbarn kommt und Verständnisschwierigkeiten provoziert werden. Aus dieser These ergeben sich zunächst ganz offensichtliche Schwierigkeiten, die den Prozess des individuellen Spracherwerbs und den des Fremdsprachenerwerbs betreffen. So lautet eine Konsequenz des Interdependenzprinzips, dass Personen, die eine Fremdsprache erlernen, den Inhalt eines Fremdwortes erst dann erfassen können, wenn sie alle Wörter aus dem fremden Feld gelernt haben. Darüber hinaus müssten Kleinkinder, die nur weniger Worte mächtig sind, nach Triers Theorie ganz andere Wortinhalte haben als Erwachsene, da sie nicht über alle Teile des Feldes verfügen. Doch natürlich bedeutet das Wort Mutter für ein Kind das gleiche wie für einen Erwachsenen, obgleich ihm noch nicht alle Feldglieder aus dem Feld Verwandte (z.B. Cousine, Schwager etc.) bekannt sein mögen. Nun ist es unbestreitbar, dass auch für Erwachsene gilt, dass sie nie über den gesamten Wortschatz der deutschen Sprache verfügen und jeweils nur einen Ausschnitt ihrer Muttersprache im Sprachbesitz haben. Zwar fehlen dem Einzelnen eher weniger ganze Felder als einzelne Worte im Feld, doch niemand wird behaupten wollen, dass der Sprachschatz eines Landwirtes ein ebenso ausgefülltes Wortfeld Wetter aufweist wie der eines Meteorologen (vgl. Betz 1953, S. 190). Ebenso wenig wie der Durchschnittsbauer das Wort Stratuswolken kennen wird, ist zu erwarten, dass dem Süddeutschen Bürger das Wort plietsch (norddt. für gewitzt), dem Westdeutschen das Nicki (ehem. ostdt. für T-Shirt), dem Rentner das Wort chick (Jugendsprache für Mädchen) vertraut ist.

Weitere Argumente entgegen dem Interdependenzprinzip beziehen sich konkret auf die wechselseitige Bestimmung der Wortinhalte im Feld. Betrachtet man etwa Triers Beispiel der Verkehrsampel (vgl. Trier 1931, S. 5 f), das er anwendet um zu untermauern, wie die Inhalte der Signalfarben grün, gelb und rot einander bedingen, wird deutlich, dass nicht zwingend alle drei Zeichen notwendig sind, um den Bedeutungsumfang eines Wortes zu erfassen. Gabka zufolge ist es stattdessen durchaus möglich, ausgehend von einer einzelnen Farbe die Bedeutung der Warnsignale zu erschließen (vgl. Gabka 1967, S. 19). Schließlich reicht das Wissen über rot als eine allgemeine Farbe zur Signalisierung von Gefahr aus, um den Sinn der weiteren zwei anderen Farben deuten zu können.

Dornseiff wiederum argumentiert von einer höheren Ebene aus und spricht von einer Überschätzung der sprachlichen Zeichen innerhalb der Trierschen Theorie (vgl. Gabka 1967, S. 12). Trier geht davon aus, dass alles in der Welt durch Sprache wiedergegeben und alles Bedeuten in Wörtern erfasst werden kann, was zweifelsohne nicht der Fall ist. Wenn ein Wort nur durch seinen Feldnachbarn definiert wird, d.h. keine selbstständige Bedeutung hat, wird die Funktion von Wörtern als absolute Träger von Inhalt überbewertet. Dabei sind sie nach Dornseiff nur „bescheidene sprachliche Zeichen“ (Dornseiff, zitiert in: Gabka 1967, S. 12), die einer unbeschreibbaren, unerschöpflichen Realität gegenüberstehen.

Neben dieser grundlegenden Problematik ergeben sich des Weiteren Schwierigkeiten, wenn man sich Triers zugrunde gelegten Wechselbestimmtheit der Wörter auf logischem Weg nähert. Kandler weist darauf hin, dass kein Inhalt ins Wort gelangt, wenn sich ein Wort A durch ein Wort B und umgekehrt Wort B durch Wort A bestimmt (vgl. Kandler 1959, S. 358 f). Besonders deutlich wird diese logische Schwäche bei Trier, wenn man das Prinzip der gegenseitigen Abgrenzung auf Farben anwendet. Was einerseits nicht grün und gelb ist muss deshalb nicht zwingend blau sein. Außerdem setzt das Interdependenzprinzip eine klare Abgrenzung der Wortinhalte und deren Nebenordnung voraus, was aufgrund nachweisbarer Überschneidungen von Wortbedeutungen (vgl. Kapitel 9) nicht ohne Bedenken vertretbar ist.

Doch auch der Kritiker Kandler muss an dieser Stelle Kritik erfahren, wie es durch Hoberg geschieht. Denn ihm zufolge ist die Feldlehre nicht dazu bestimmt, um solch philosophische Fragen wie etwa nach der Entstehung sprachlicher Inhalte aufschlüsseln (vgl. Hoberg 1970, S. 108 f). Trotzdem, so Hoberg, ist es Trier anzukreiden, dass in seiner Theorie nicht hinreichend geklärt wurde, was unter wechselseitiger Bestimmung verstanden werden soll. Hoberg bemüht sich daher, zu konkretisieren, wie mit sprachlichen Inhalten in der Feldlehre umgegangen werden soll. Zunächst werden Wortbedeutungen als gegeben vorausgesetzt, d.h. A und B werden sozusagen vorgefunden und zudem unterstellt, dass sie sich inhaltlich abgrenzen. Aufgabe der Feldforscher ist es nun, Inhalte zu erkennen, zu beschreiben und eventuell Abgrenzungen gegenüber anderen Inhalten zu erarbeiten. Auf diese Weise ist nach Hoberg wechselseitige Bestimmung zu verstehen (vgl. Hoberg 1970, S. 109). Die Feldlehre kann seines Erachtens nach “nur” die Abgrenzung der Wörter gegeneinander und inhaltliche Abhängigkeit untereinander vom grammatisch- statischen Standpunkt aus bestimmen.

Eine weitere Frage, die hinsichtlich des Interdependenzprinzips von den Kritikern aufgeworfen wurde, ist jene nach dem Ausmaß der inhaltlichen Wechselbestimmtheit. Trier hat nicht in ausreichendem Maße geklärt, ob und wie stark die Veränderung eines Wortes im Feld sich auf alle weiteren Teile des Wortfeldes auswirkt. Kandler führt zur Veranschaulichung dieser Problematik das Feld „Verwandtschaft“ an und macht deutlich, dass z.B. das Kennenlernen des Begriffes Schwippschwägerin weder das Feldglied Vater beeinträchtigt noch dem Geltungsbereich des Wortes Schwägerin etwas anhat (vgl. Kandler 1959, S. 360). Ebenso wenig verschieben sich ihm zufolge durch das Auftauchen und Verschwinden neuer und archaischer Wörter jene anderen Teile des Feldes, so wie das Verschwinden des Begriffes Stütze (veralt. für Haushälterin) keine Auswirkungen auf den Wortinhalt von Dienstmädchen hatte.

[...]


[1] Vgl. hierzu Humboldt, zitiert in: Weisgerber (1953): Vom Weltbild der deutschen Sprache. 1. Halbband. Düsseldorf. S. 11 ff.

[2] Trier äußert sich in Der deutsche Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes folgendermaßen: „Die Sprache ist ein Gebilde, das zwar sinnliche Wirklichkeit nur im Individuum und seinem Sprechen gewinnt, das aber trotzdem vom empirischen einzelnen Individuum nicht nur wesentlich unabhängig ist, sondern sogar auf das Individuum sprachlich – begrifflich bestimmend und lenkend einwirkt“ (Trier, zitiert in: Gabka 1967, S. 18).

[3] Den Begriff des sprachlichen Feldes beansprucht Trier nicht für sich, sondern verwendet ihn mit Verweis auf Ispen, bei dem diese Bezeichnung bereits 1924 auftrat. Trotzdem wurde dieser Begriff erst durch Trier in dieser Form in der linguistischen Diskussion etabliert (vgl. Gabka, S.10 f).

[4] Vgl. zur Terminologie Triers: Cruse 2002, S. 714.

[5] Dabei umfasst die heutige Auffassung vom Wortfeld sowohl significant als auch signifié (vgl. Cruse 2002, S. 714).

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Wortfeldtheorie nach Jost Trier im Lichte ihrer Kritik
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
43
Katalognummer
V87405
ISBN (eBook)
9783638059480
ISBN (Buch)
9783640868278
Dateigröße
1990 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wortfeldtheorie, Jost, Trier, Lichte, Kritik
Arbeit zitieren
Susan Dankert (Autor), 2007, Die Wortfeldtheorie nach Jost Trier im Lichte ihrer Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87405

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