Oralität: Wissensverwahrung und –überlieferung in oralen Kulturen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 1 (ausgezeichnet)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Oralität(sforschung)

3 Mündliche Kommunikation – Orale Kulturen

4 Das Gedächtnis als Speichermedium: individuell und kollektiv zugleich
4.1 Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis: Formen kollektiver Erinnerung
4.2 Partizipationstruktur: Feste und Riten
4.3 Oral Poetry, das Epos und Mnemonik

5. Soziales Vergessen

6. Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

Gesellschaften verändern sich, entwickeln sich weiter. Worauf begründen sich diese Veränderungen? Was löst diese Veränderungen aus? Die Evolution kennt kein planvolles Handeln, sie geschieht einfach. Was beeinflusst und prägt diese planlose Weiterentwicklung einer Gesellschaft? Die Medien. Medien wie Schrift, wie Bücher stürzen ganze Strukturen um. Medien besitzen die Macht, Gesellschaftsstrukturen zu verändern, zu formen.

Der Wandel von einer Gesellschaftsform zur nächsten wird in Medientheorien anhand des Begriffes der Medien behandelt : „Medien sind die notwendige Infrastruktur sozialer Prozesse und der modernen (Welt-) Gesellschaft; Medien entstehen aus (r)evolutionären Wechselwirkungen mit den Gesellschaftsstrukturen, bevor sie sich dann eigenlogisch etablieren; Medien konstituieren, strukturieren und limitieren oder erweitern fortlaufend Handlungen und Kommunikationen; und Massenmedien verbreiten mittels ihrer Berichterstattung weltweit relevante Informationen und wirken dadurch integrierend.“ (Ziemann 2006: 9).

Ziemann beschreibt in diesen wenigen Zeilen umrisshaft, wie Medien unsere Gesellschaft prägen und strukturieren und spricht somit davon, in welcher Relation die Gesellschaft und Medien denn zueinander stehen.

Während die heutige moderne Welt, wie wir sie kennen, bereits mehrmals medial revolutioniert und zugleich verändert wurde, dies durch Schrift, Buchdruck, den Fernseher und den Computer bzw. das world wide web als klassische und moderne (Massen)Medien , kann in einer oralen Kultur nichts von alledem konstatiert werden.

Orale Kulturen und Oralität als Gegenstand dieser Seminararbeit sollen näher beleuchtet werden, insbesondere die Art, wie in einer nicht literalisierten Gesellschaft die Möglichkeit besteht, Wissen zu verwahren und der nächsten Generation zu überliefern.

Das Wissen einer Generation kann in literalisierten Gesellschaften in Büchern „aufbewahrt“ werden, das heisst, der Mensch bedient sich des Papiers und seiner Fähigkeit des Schreibens, um einen fast unumgänglichen Vorgang des Vergessen doch noch zu umgehen: Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken und vieles mehr werden schriftlich festgehalten. Noch viele Jahre

später werden die nachfolgenden Generationen diese persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse dank des Niederschreibens nachvollziehen und sogar anwenden können.

Wie verhält es sich damit in einer nicht oder nur sehr oberflächlich literalisierten Gesellschaft?

Der Laut und somit auch ein ausgesprochenes Wort sind äusserst flüchtige Komponenten der Sprache, kaum ausgesprochen, sind sie bereits wieder Vergangenheit. Wenn nicht das Papier

und die Schrift, wer dann speichert Erfahrungen und Erkenntnisse eines Einzelnen oder einer ganzen Gesellschaft? Heute noch gibt es in vielen Teilen Afrikas Experten, die mündliche Tradierung betreiben. Man nennt sie „griots“, „Schamanen“ oder einfach weise Frauen und Männer. Ihre Funktion innerhalb eines Stammes besteht darin, altes und neues Wissen zu speichern und der nächsten Generation zugänglich zu machen.

Wie die nächsten Generationen zu diesem Wissen kommen und was es braucht, damit alle Mitglieder einer Gesellschaft dieses kulturelle Wissen kennen lernen und welche Mittel und Techniken angewendet werden, um Dinge zu speichern und nicht einfach zu vergessen, wird ab dem vierten Kapitel anhand verschiedener Begriffe wie Gedächtnis, Partizipation, Feste und Mnemonik dargestellt.

Aleida und Jan Assmann, Niklas Luhmann, Astrid Erll und weitere Autoren haben sich mit diesen Themen ausgiebig beschäftigt, weswegen sich ihre Ansätze und Gedanken in meiner Arbeit wieder finden.

Bisher wurde im Grunde ausschliesslich vom Speichern bzw. Memorisieren gesprochen. Im fünften Kapitel hingegen wird ein ebenso wichtiger Punkt angesprochen: Das Vergessen. Es führt kein Weg daran vorbei und wird meist negativ konnotiert – ein Fehlschluss. Um Kapazität für Neues im Gedächtnis schaffen zu können, müssen unbedeutende Dinge vergessen werden. Wie das Vergessen vor sich geht und was seine Funktion ist, wird im fünften Kapitel anhand Elena Esposito behandelt.

2 Oralität(sforschung)

Seit Milman Parry und Albert Lord, die ab den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts wichtige Erkenntnisse über Oralität lieferten, hat sich ein verstärktes Interesse an oralen Kulturen

gezeigt, an Gesellschaften also, die keine Schriftsysteme als Speicher- und Kommunikationsmittel kennen.

Was bezeichnet der Begriff „Oralität“? Ist Oralität lediglich ein Synonym für Mündlichkeit? Oder hängt dieser Begriff mit etwas Grösserem zusammen?

Oralität hängt mit einem spezifischen gesellschaftlichen Zustand zusammen: Luhmann spricht hierbei von segmentären Gesellschaften oder Stammesgesellschaften, die nicht oder nur sehr oberflächlich literalisiert sind.

Die Oralitätsforschung beschäftigt sich mit den Kommunikationsstrukturen solcher Kulturen, mit den Konsequenzen und Nebenfolgen oraler Kommunikation. Historische Dokumente werden verstärkt auf oral geprägte Merkmale und Ausdrucksformen hin untersucht (beispielsweise bei Parry). Forscher reisen zu damals und auch heute noch existierenden oralen Kulturen, um dort anhand von Experimenten und Befragungen weitere Ergebnisse in der (Er-)Forschung von Oralität zu erzielen.

Das Wissen solcher Kulturen kann nicht wie bei uns in verschiedenen Speichermedien verwahrt werden, es kennt nur ein speicherndes Medium: Das Gedächtnis. Kulturelles Wissen wird in diesen Gesellschaften mündlich überliefert und aus diesem Grunde sind die Anforderungen an das soziale bzw. kollektive Gedächtnis einer Gemeinschaft hoch, soll es doch soziale kulturelle Eigenschaften und Traditionen der jeweiligen Gemeinschaften speichern und weitergeben.

Diese Zusammenhänge sollen im Folgenden und besonders im vierten Kapitel behandelt werden.

3 Mündliche Kommunikation – Orale Kulturen

Luhmann unterscheidet in seiner Differenzierungstheorie 3 verschiedene Ausdifferenzierungen einer Gesellschaft, in dieser Arbeit interessiert hauptsächlich die segmentäre Differenzierung.

Segmentäre Gesellschaften sind gemäss Luhmann (1998:634ff) orale Kulturen. Kulturen, die nicht oder nur oberflächlich literalisiert sind. Das heisst, sie kommunizieren ausschliesslich über das Medium der mündlichen Sprache, eine Verwendung von Schrift erfolgt nicht. Die

Komplexität einer segmentären Gesellschaft bleibt gering, da die Kommunikation auf die Interaktion zwischen Anwesenden des gleichen Segments bzw. derselben Gruppe basiert (daher ist die Möglichkeit der Aufbewahrung von Kommunikation unmöglich). So gewinnt auch Ongs Ausführung, dass orale Kulturen sehr situativ beschaffen sind, an Bedeutung: Ohne Schrift kann Kommunikation nur unter sehr konkreten Bedingungen verlaufen und wird daher durch die Merkmale, die die Situation kennzeichnen, stark beeinflusst, wenn denn nicht vollständig beherrscht (Ong 1987:30ff).

Die gesprochene Sprache bzw. orale Kommunikation erfolgt als eine Aneinanderreihung von Worten, aus Lauten bestehend – Laute, die im Moment des Aussprechens bereits zur Vergangenheit gehören. Laute, die deshalb als äusserst flüchtige Bestandteile der oralen Kommunikation gelten.

McLuhan nennt die dadurch vom Ohr entstehende Abhängigkeit des Menschen „Tyrannei des Ohres“ (Kloock/ Spahr 200: 59ff), man könnte es auch eine auditive Abhängigkeit nennen. Weiter beschreibt er orale Kulturen folgendermassen: „Die Zivilisation gibt dem barbarischen oder dem in einer Stammeskultur lebenden Menschen ein Auge für ein Ohr (…)“ (1968:39).

Es ist die Flüchtigkeit (eines Lautes) die die Schwierigkeit darstellt, das Ausgesprochene nicht nach bereits kurzer Zeit wieder zu vergessen. Diese lautliche Gebundenheit beeinflusst in oralen Kulturen nicht nur die Ausdrucksweise sondern auch die Denkweise.

Erlebnisse, wichtige (manchmal sogar lebenswichtige) Erkenntnisse und Erfahrungen sollen und dürfen nicht vergessen werden, denn sonst stünde jede Generation einer segmentären Gesellschaft wieder am Nullpunkt und könnte aus dem gewonnen Wissen der vorhergehenden Generation keinen Nutzen ziehen.

Wie aber wird diesem fast unumgänglichen Vorgang des Vergessens entgegengewirkt bzw. wie wird dieser Tendenz ausgewichen, wenn nicht durch ein Niederschreiben, welches wir, aber die orale Kultur doch nicht kennt? Welches Speichermedium kennen orale Kulturen? Es ist weder die Festplatte, noch das Buch.

Während in einer literalisierten wie auch oralen Kultur die Niederlegung bzw. Speicherung von Wissen materieller Art ist, kann in der Art der Niederlegung ein Unterschied erkannt werden: Es ist im Fall der oralen Kultur kein Environment von etwelchen Objekten, ganz im

Gegenteil, es ist das Subjekt als Gedächtnisträger selbst. Präziser wird zum einen von einem individuellen Gedächtnis und zum anderen von einem Kollektivgedächtnis gesprochen (Assmann 2005:48ff), das sich, auf die individuellen Gedächtnisse verteilt, als ein Phänomen sozialer Redundanz zu konstituieren vermag.

Diese Art der Speicherung unterliegt vielen Schwierigkeiten, die unter anderem bereits angesprochen wurden. Gerade die Flüchtigkeit des Lautes und damit auch des Wortes setzt gewisse (individuelle und soziale) Techniken voraus, damit Gespeichertes nicht wieder verloren geht.

Oralitätsforscher Walter Ong erläutert in seinem Werk „Oralität und Literalität“ in neun Punkten eindrucksvoll, wie orale Kulturen beschaffen sind. Er erwähnt unter anderem auch die hohe Redundanz als Erinnerungsmittel von Gesprochenem in solchen Gesellschaften. Denn damit Ausgesprochenes nicht vergessen wird, wird es immer wieder und wieder wiederholt und vorgetragen, ob in gesungener oder gesprochener Form. Nur wenn ständig wiederholt wird, bleibt Gespeichertes weiterhin bestehen.

Wiederholung geschieht in der Kommunikation auf Interaktionsbasis mit anderen. Damit man verlustfrei und ohne übermenschliche Mühe ins Gedächtnis zurückrufen kann, was man mit mühevoller Gedankenarbeit aneinandergereiht hat, muss man - so sagt Ong - memorierbare Gedanken denken. Aus diesem Grund haben orale Kulturen mnemonische Muster ausgebildet, um Gedächtnisinhalte nach rhythmischen Mustern, in Form von Sprichwörtern und Formeln, standardisierten Anordnungen und Aufzählungen memorisierbar zu machen.

Wie und wann solche (Erinnerungs-)Techniken angewendet werden, soll im vierten Kapitel ausführlich erläutert werden.

Wie man Ongs Werk auch entnehmen kann, sind orale Kulturen sehr traditionsbewusst. Sie konservieren Wissen, vermitteln es weiter. Doch auch unter dem Aspekt der Konservation wird vieles im Laufe der Zeit verändert – dies geschieht höchstwahrscheinlich unbewusst und als Anpassung an neue Gegebenheiten. Veränderungen in traditionalistischen Kulturen? Wie lässt sich dies mit deren „Furcht“ vor Neuem und Fremden vereinbaren? Die Antwort darauf ist nicht so schwierig, wie man es vielleicht annehmen könnte.

Das Wissen einer solchen Gesellschaft wird nur in subjektabhäniger Form, nämlich in einem Gedächtnis eines Spezialisten, gespeichert und ist später nicht nachschlagbar, es existiert kein Urtext. Und auch wenn es nachschlagbar wäre, es verändert sich langsam.

Veränderungen können also weder beobachtet noch festgehalten werden und sind somit auch nicht rückgängig zu machen, damit ist die obige Frage leicht zu beantworten.

4 Das Gedächtnis als Speichermedium: individuell und kollektiv zugleich

Orale Tradition erinnert sich mittels eines kollektiven Gedächtnisses. Mündlich tradierte Erzählungen, Verse, Lieder sind die mnemonischen Mittel.

Zweck des individuellen Gedächtnisses? Dem Tod des Augenblickes zu entgehen.

Zweck des kollektiven Gedächtnisses? Erinnerungen über den Tod des Einzelnen hinweg zu bewahren.

Ist das Gedächtnis eine Sammlung von Gegenständen wie bei Aristoteles und Augustinus oder ist es ein Ordnungsprinzip, wie man in der Renaissance dachte? Vielleicht ist es eine Art Wachsmasse (metaphorisch gesprochen), in der Berührungen (Erinnerungen) ihren Abdruck hinterlassen? Weder noch. Doch was dann?

Maurice Halbwachs hat sich mit diesen Themen beschäftigt, seine These besteht darin, dass das Gedächtnis sozial bedingt ist, was wiederum heisst, dass es kein Gedächtnis gibt, auch das individuelle nicht, das nicht sozial ist (Halbwachs 1985:121). Denn ohne die sozialen Bezugsrahmen könne sich kein individuelles Gedächtnis konstituieren und erhalten. Der Einzelne trägt das Gedächtnis in sich und die Gesellschaft prägt es mit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Oralität: Wissensverwahrung und –überlieferung in oralen Kulturen
Hochschule
Universität Luzern  (Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Medientheorien I und II
Note
1 (ausgezeichnet)
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V87407
ISBN (eBook)
9783638031417
ISBN (Buch)
9783638929202
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oralität, Wissensverwahrung, Kulturen, Medientheorien
Arbeit zitieren
Melanie Riesen (Autor), 2007, Oralität: Wissensverwahrung und –überlieferung in oralen Kulturen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87407

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