Ketzerverfolgungen im Mittelalter am Beispiel des Ketzerprozesses in Sens 1140 gegen Peter Abaelard


Seminararbeit, 2007

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abaelard, der orthodoxe Rebell
2.1 Der Reformer Abaelard
2.2 Der Weg zum Konzil von Sens 1140-Der Konflikt zwischen Peter Abaelard und Bernhard von Clairvaux

3. Das kanonistische Verfahren gegen Abaelard
3.1 Die Denuntiatio Evangelica
3.2 Der eigentliche Prozess in Sens 1140
3.3 Die Folgen des Prozesses und der abschließende Urteilsspruch

4. Fazit

Quellen und Quelleneditionen:

Literatur:

1. Einleitung

Im Rahmen dieser Arbeit soll, anhand des Beispiels des wohl „bekanntesten Theologenprozesses des 12. Jahrhunderts“ in Sens 1141 gegen Peter Abaelard, der Versuch unternommen werden, die Vorgehensweise gegen vermeintliche Häretiker des Mittelalters darzustellen.[1] Dabei muss aber im Vorfeld erklärt werden, dass es sich ausschließlich um Theologen- bzw. Ketzerprozesse des 12. Jahrhunderts handeln wird. Begründet liegt diese Abgrenzung darin, dass sich nicht nur das Ketzertum in der Zeit vom 11. zum 12. Jahrhundert stark verändert hat, sondern auch die Prozesse gegen Ketzer. Ketzer des 11. Jahrhunderts debattierten nur in geschlossenen Kreisen und versuchten durch „Weltflucht ihre strenge Lebenshaltung zu verwirklichen“.[2] Sie waren darum bemüht über „stille Missionsarbeit“ Anhänger zu gewinnen.[3] Die Ketzer des 12. Jahrhunderts waren dagegen we­sentlich offensiver in ihrem Vorgehen. Sie traten mit ihren Überzeugungen nach Außen, versuchten durch aggressive Predigten und der zum Teil verbreiteten Bereitschaft zu physischer Gewalt die Kirche zu erreichen und somit zu Reformen zu bewegen.[4] Überdies muss unterschieden werden zwischen dem „volkstümlichen Ketzertum“, das heißt einem Ketzertum, das überwiegend aus Laien bestand, und der Häresie der Gebildeten.[5] Ist in dieser Arbeit also die Rede von dem Ketzertum, so handelt es sich ausschließlich um das Ketzertum der Gebildeten des 12. Jahrhunderts.

Um ein recht deutliches Bild über die Ketzerprozesse des 12. Jahrhunderts zeichnen zu können, wird der Prozess gegen Peter Abaelard in Sens 1141 dargelegt werden. Dabei wird der Hauptteil der Arbeit in zwei Abschnitte unterteilt. Im ersten Abschnitt sollen die Eingangsvoraussetzungen um Abaelard, seine Theorien und seine Person dargelegt werden. Der zweite Abschnitt wird auf das eigentliche kanonistische Verfahren näher eingehen, um im weiteren Verlauf die Frage beantworten zu können, inwieweit der Prozess gegen Abaelard repräsentativ war.

Für den Prozesse von Sens 1141 erstreckt sich eine ganze Masse an Quellen, die die Umstände der Verhandlung ausgesprochen detailliert beleuchten können. Zu nennen wäre zum einen Gottfried von Auxerre, der zur Anhängerschaft Bernhards von Clairvaux, dem eigentlichen Ankläger Abaelards, zählte, Otto von Freising, der zu den neutralsten

Berichterstattern dieser Zeit gehört, sowie einige Berichte des Erzbischofs von Sens und Reims an Papst Innozenz II..[6]

Überdies liegen drei Erklärungen Abaelards vor und eine ganze Reihe von Briefen, die Bernhard nicht nur an den Papst adressierte, sondern auch an die päpstliche Kurie. Somit ist das Konzil von Sens der „beste dokumentierte Ketzerprozess des 12. Jahrhunderts“.[7]

Letztendlich soll der beginnende Prozess der Institutionalisierung der Ketzerprozesse und die Hinwendung zur päpstlichen Autorität, das heißt „die kritische Periode in der Geschichte der päpstlichen Beanspruchung der Gerichtshoheit“, nachgewiesen werden.[8] Außerdem ergibt sich die Frage nach der Bedeutung des Prozesses im Rahmen der später aufkommenden Inquisition. Zu diesem Zweck muss geklärt werden, inwieweit es sich bei dem Prozess gegen Abaelard um einen sogenannten Schauprozess gehandelt hat und ob Abaelard ein gerechtes Verfahren gemacht wurde. Auf diesem Gebiet haben Jürgen Miethke und Lothar Kolmer mit ihren Abwandlungen über „Theologenprozesse in der ersten Phase ihrer institutionellen Ausbildung: Die Verfahren gegen Peter Abaelard und Gilbert von Poitiers“, sowie „Abaelard und Bernhard von Clairvaux in Sens“ ein wichtiges Fundament für diese Arbeit dargestellt. In den Absichten der Protagonisten des Prozesses sind sich beide zwar zum Teil uneins, in der Verfahrensweise scheinen beide aber überwiegend konform zu sein. Clanchy erzeugt hingegen, mit seinem Werk „Abaelard: Ein Mittelalterliches Leben“, ein äußerst überzeugendes Bild über die persönlichen Beziehungen und Motive der Handelnden. Überdies bietet er eine überschaubare Einführung über den Umgang mit vermeintlichen Häretikern im 12. Jahrhundert und kann somit nicht nur klare Parallelen und Abweichungen zum Verfahren gegen Abaelard zeichnen, sondern auch die Uneinheitlichkeit der Prozesse nachweisen.[9] Auch Werner Robl hat mit seinem Onlinebuch, „Das Konzil von Sens 1141 und seine Folgen: Der Ketzerprozess gegen Peter Abaelard im Spiegel der Zeitgeschichte“, einen großen Beitrag zu dieser Arbeit geleistet. In Robls Studie steht zwar die Debatte um die Umdatierung des Ketzerprozesses im Mittelpunkt, aber trotz allem bietet er eine hervorragende Einschätzung der vorliegenden Quellen und beleuchtet die Vorgänge erstmals aus Sicht der römischen Kurie und des Papstes.[10]

2. Abaelard, der orthodoxe Rebell

2.1 Der Reformer Abaelard

Allgemein wird Abaelard heute häufig als „erster moderner Mensch“, als „der erste große neuzeitliche Intellektuelle“, als „orthodoxer Rebell“ bezeichnet.[11] Er wurde als Rittersohn, als Ältester von insgesamt drei Söhnen um 1079 in der Bretagne geboren. Schon recht früh verzichtete er auf sein Recht als Erstgeborener und überließ den väterlichen Hof seinen beiden Brüdern. Für ihn kam der Ritterdienst nicht in Betracht. In seiner Historia Calamitatum, die er 1132 verfasst hat, schreibt er später „ich gewann die Wissenschaft so lieb, dass ich allen Glanz des Rittertums dahingab, auf Erbe und Erstgeburt zugunsten meiner Brüder verzichtete und mich von Mars` Hofhaltung ganz zurückzog, um Minervas Schoßkind zu werden“.[12] In seiner Autobiographie schreibt er weiter, dass er seinem Lehrer Wilhelm von Champeaux, einer seiner späteren erbitterten Gegner, „zunächst willkommen [war], später jedoch lästig wurde, da [er] manche seiner Sätze zu widerlegen versuchte“.[13] Diese Schilderung Abaelards ist symptomatisch für sein allgemeines Auftreten. Sehr oft geriet er in Streitgespräche mit seinen Lehrern. Dabei hatte er zunächst in Loches bei dem Nominalisten Roscelin und später in Paris in der Schule der Opposition, das heißt der Schule des Realismus, gelernt.[14] Über seinen späteren Lehrer Anselm schreibt Abaelard „Ich begab mich zu diesem alten Mann, der seinen guten Ruf weniger durch Intelligenz und starkes Gedächtnis als durch lange Berufsausübung erworben hatte.“[15] Besonders interessant wirkt in diesem Zusammenhang die Einschätzung Jean Jolivets über Abaelard, der meint, dass „Abaelard weder eine geniale Geistesgröße noch ein zweitrangiger Schriftsteller [gewesen sei]. Er [wäre] zwar ein eindrucksvoller, aber auch begrenzter Denker [gewesen], gefördert wie auch behindert durch seinen Charakter und die historischen Umstände.“[16]

Schließlich entscheidet Abaelard sich zwischen 1109 und 1112 selbst zu unterrichten bzw. eine Schule auf dem Genovefaberg in Paris zu eröffnen.[17] Seine Vorlesungen erfreuen sich regen Zulaufs und zu ihm „[kommen] künftige Kardinäle der päpstlichen Kurie in Rom ebenso wie Arnold von Brescia und andere Kleriker.“[18] Erst 1117 nach seiner Beziehung mit Heloise bzw. seiner Kastration durch ihren verärgerten Onkel Fulbert, tritt Abaelard als Mönch in das königliche Benediktinerkloster in St. Denis ein.[19] Zwischen 1118 und 1121 verfasst er seine Theologia Summi Boni, in der er sich überwiegend mit dem Problem der göttlichen Einheit und Dreiheit, das heißt der Trinitätslehre, beschäftigt.[20] In diesem Werk stellt Abaelard die These auf, dass der Vater, der Sohn und der Heilige Geist in ihrer Zahl, Natur und Substanz gleich seien, aber unterschiedlich in ihren Proprietäten. Daraus folgt, dass Abaelard jeder Person zugesteht eine andere, aber nicht etwas anderes zu sein.[21] Diese abstrakte Definition der Dreieinigkeit lässt sich somit auf die These reduzieren, dass Abaelard davon ausgeht, dass der Sohn aus dem Vater geboren wurde und der Heilige Geist aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht.[22] Überdies definiert Abaelard den Vater als Allmacht, den Sohn als Weisheit und den Heiligen Geist als Güte. Der Vater setzt zwar schon die Voraussetzungen für die Trinität, aber erst durch die Symbiose aller drei ergäbe sie sich tatsächlich, wobei jeder der Drei andere Proprietäten besäße.[23] Abaelard schreibt in seiner Biographie, dass „der Traktat von vielen gelesen [wurde] und zunächst bei allen ohne Ausnahme die größte Zustimmung [fand]“, dass aber seine „Feinde darüber heftig erzürnt [waren] und ein Konzil gegen [ihn] einberiefen“.[24] De facto waren es Alberich von Reims und Lotulf von Novara, die den Prozess bzw. eine Synode gegen Abaelard 1121 in Soissons anstrebten. Genau wie Abaelard, hatten die beiden bei Anselm von Laon und Wilhelm von Champeaux gelernt.[25] Nachdem das Werk durch die Synode geprüft worden war, wurde Abaelard dazu verurteilt, seine Schriften eigenhändig ins Feuer zu werfen und das athanasianische Glaubensbekenntnis zu rezitieren, ein Glaubensbekenntnis, das im besonderen Maße auf die Vorstellung der Trinität eingeht. Überdies wurde ihm ein Lehrverbot und Klosterhaft in St.-Médard in Soissons auferlegt, aus der er wenige Tage später aber wieder entlassen wurde. Über eine Entscheidung, alle Bücher Abaelards zu verbrennen, ist nichts bekannt.[26] Verhältnismäßig rasch konnte Abaelard sich von dem Prozess, der ihm in Soissons gemacht worden war, erholen, sodass er Mitte der dreißiger Jahre wieder mit großem Erfolg lehren konnte.[27]

[...]


[1] Jürgen Miethke, Theologenprozesse in der ersten Phase ihrer institutionellen Ausbildung: Die Verfahren gegen Peter Abaelard und Gilbert von Poitiers, Viator 6 (1975), S. 96.

[2] Malcolm Lambert, Ketzerei im Mittelalter: Häresien von Bogumil bis Hus, München 1981, S. 69.

[3] Ebd., S. 69.

[4] Ebd., S. 69.

[5] Ebd, S. 7.

[6] Arno Borst geht davon aus, dass Gottfried von Auxerre als neutraler Beobachter gehandelt werden könne, mit der Begründung, dass Auxerre zunächst ein Schüler Abaelards war und erst später Bernhards Sekretär wurde. Aber wie sich im weiteren Verlauf der Arbeit, speziell in Kapitel 3.1, S. 9, zeigen wird, kann der Analyse Borsts nicht beigepflichtet werden. (s. dazu Borst, S. 507, Fußnote 4: „Da Gaufrid zur Zeit der Zusammenkunft noch Abälards Schüler war und später Bernhards Sekretär wurde, dürfte er der bestinformierte und der objektivste Beobachter sein.“)

[7] Michael T. Clanchy, Abaelard: A Medieval Life, Blackwell 1997, S. 388.

[8] Ebd., S. 377.

[9] Ebd., S. 365.

[10] Auf die Diskussion um die Datierung des Prozessen kann und soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht näher eingegangen werden. Da Robl mit seinem Onlinebuch zuletzt in die Debatte eingetreten ist und er überdies einhellige Argumente gegen eine Datierung des Konzil vor 1141 vorbringen kann, wird in dieser Arbeit sein „Datierungsversuch“ ohne weitere kritische Auseinandersetzung übernommen.

[11] Arnold Angenendt, Peter Abaelard, in: Martin Greschat (Hrsg.), Gestalten der Kirchengeschichte 3: Mittelalter I, Stuttgart u.a. 1983, S. 159; Jacques LeGoff, Les intellectuels au Moyen Age, Paris 1957; dt. Übers.: Christiane Kayser, Die Intellektuellen im Mittelalter, 2. Auflage, Stuttgart 1987, S. 40; Roger B. Lloyd, Peter Abelard: The orthodox Rebel, London 1947, S.vii; Constant J. Mews, Reason and Belief in the Age of Roscelin and Abelard, Cornwall 2002, S. 161.

[12] Dag Nikolaus Hasse (Hg.), Abaelards "Historia calamitatum". Text – Übersetzung – literaturwissenschaftliche Modellanalysen. Berlin/New York 2002, S. 3; Ursula Niggli, Zu Leben, Werk und Literatur Abaelards, in: Ursula Niggli (Hrsg.), Peter Abaelard: Leben-Werk-Wirkung, Forschungen zur Europäischen Geistesgeschichte 4, Freiburg, Basel, Wien 2003, S. 15.

[13] Hasse (wie Anm. 12), S. 5.

[14] Niggli (wie Anm. 12), S. 9.

[15] Hasse (wie Anm. 12), S.11.

[16] Ebd., S. 13.

[17] Niggli (wie Anm. 12), S. 1.

[18] Angenendt (wie Anm. 11), S. 151; Clanchy (wie Anm. 7), S. 18.

[19] Niggli (wie Anm. 12), S. 1.

[20] Angenendt (wie Anm. 11), S. 153.

[21] Ebd., S. 154.

[22] Uwe Neumahr, Inquisition und Wahrheit: Der Kampf um den reinen Glauben- Von Peter Abaelard und Bernhard von Clairvaux bis Hans Küng und Josef Ratzinger, Stuttgart 2005, S. 28.

[23] Ursula Niggli, Zur Theologie: Philosophischer Scharfsinn in der theologischen Kritik, in: Ursula Niggli (Hrsg.), Peter Abaelard: Leben-Werk-Wirkung, Forschungen zur Europäischen Geistesgeschichte 4, Freiburg, Basel, Wien 2003, S. 239 f.; Kurt Flasch, Einführung in die Philosophie des Mittelalters, Darmstadt 1987, S. 89f.

[24] Hasse (wie Anm. 12), S. 45; Niggli (wie Anm. 23), S. 249.

[25] Miethke (wie Anm. 1), S. 92f.

[26] Clanchy (wie Anm. 7), S. 386f.

[27] Niggli (wie Anm. 12), S. 16.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ketzerverfolgungen im Mittelalter am Beispiel des Ketzerprozesses in Sens 1140 gegen Peter Abaelard
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Lebensbilder und Lebensformen im Mittelalter
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V87450
ISBN (eBook)
9783638031554
ISBN (Buch)
9783638929264
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter Abaelard, Ketzerverfolgung, Sens
Arbeit zitieren
Toni Rudat (Autor), 2007, Ketzerverfolgungen im Mittelalter am Beispiel des Ketzerprozesses in Sens 1140 gegen Peter Abaelard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87450

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