„Die Masse wird als Kennzeichen unserer Zeit gesehen… Das Individuum ist in der Masse untergetaucht und eine Massenmentalität gewinnt die Oberhand.“
(Stanley Milgram, 1969) Was wir auch tun, wir tun es in der Regel zusammen mit anderen Individuen: Wir arbeiten oder studieren in so genannten Lern- oder Arbeitsgruppen. Wir spielen in Gruppen, wir leben in Gruppen, wir wachsen in Gruppen auf. Kurzum: Gruppen, denen wir angehören oder zu denen wir uns zugehörig fühlen beeinflussen unserer Denken und unserer Handeln in jeder Hinsicht.
Gruppen sind ein Gefüge zwischenmenschlicher Beziehungen, rationaler wie emotionaler Art, verbal und durch Körpersprache, Beziehungen von Macht- und Vertrauensbeziehungen. Gruppen sind ein Grundbestandteil der modernen Gesellschaft. Dabei gibt es unzählig viele Gruppen, die sich wiederum durch eine Vielzahl von Gesetzmäßigkeiten und Strukturen auszeichnen. Die Erforschung sozialer Gruppen gehört deshalb zu den Themen der Sozialpsychologie, die traditionell eine besondere Bedeutung haben. Im Folgenden soll deshalb das Wesen von Gruppen und die Tatsache, wie diese menschliches Verhalten beeinflussen, näher erläutert werden. Das heißt diese Arbeit beschäftigt sich mit einem der ältesten Themen der sozialpsychologischen Forschung überhaupt. Dabei soll zunächst eine kurze Definition gegeben werden, was Gruppen sind, wie sie zustande kommen und wodurch sich diese auszeichnen. Im nächsten Punkt wird erläutert, aus welchen Gründen Menschen sich überhaupt in Gruppen zusammenschließen, woraufhin auf die verschiedenen Formen und Strukturen von Gruppen eingegangen werden soll. Danach rücken die verschiedenen Prozesse, die in Gruppen ablaufen und diese auszeichnen in den Mittelpunkt der Betrachtungen, wobei am Ende geklärt wird, wie die Anwesenheit anderer die Leistung des Einzelnen und der Gruppe als Ganzes beeinflusst. Zum besseren Verständnis sollen noch einige Beispiele in die Arbeit einfließen, die zeigen, in wie weit die sozialpsychologischen Erkenntnisse zu sozialen Gruppen in der psychologischen Praxis ihre Anwendung finden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definition: Was ist eine Gruppe?
3 Warum schließen Menschen sich in Gruppen zusammen?
4 Gruppenformen
5 Erkenntnisse zur Gruppenbildung
6 Zusammensetzung von Gruppen
6.1 Soziale Normen
6.2 Soziale Rollen
6.3 Gruppenkohäsion
7 Soziale Strukturen der Gruppe
7.1 Entstehung von Gruppenstrukturen
7.2 Bedeutung von Gruppenstrukturen
7.3 Sozialstruktur der Gruppe
8 Gruppendynamik
9 Gruppenleistungen
9.1 Gruppengröße und Gruppenleistung
9.2 Soziale Erleichterung
9.3 Soziales Faulenzen
9.4 Risky shift
9.5 Group think
10 Fazit – Anwendung
Zielsetzung und Themen der Seminararbeit
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Wesen sozialer Gruppen sowie deren Einfluss auf das menschliche Verhalten zu erläutern und sozialpsychologische Erkenntnisse in den Kontext der psychologischen Praxis zu stellen.
- Definition und Merkmale sozialer Gruppen
- Motive für die Gruppenbildung und verschiedene Gruppenformen
- Strukturierungsprozesse und soziale Dynamiken innerhalb von Gruppen
- Einfluss von Gruppen auf die individuelle und kollektive Leistung
- Bedeutung von Gruppeneffekten für die pädagogische Praxis
Auszug aus dem Buch
9.3 Soziales Faulenzen
„Wenn andere Menschen anwesend sind, ist es […] oft nicht leicht die Leistung des Einzelnen von denen der anderen in der Gruppe zu unterscheiden. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Sie nach einem Konzert klatschen (niemand kann feststellen, wie laut sie klatschen) oder wenn sie ein Instrument in einem Musikorchester spielen (ihr Instrument wird klanglich mit all den anderen verschmelzen).“53 Es verhält sich dann genau umgekehrt wie beim Phänomen der sozialen Erleichterung, die Leistung des Einzelnen in der Gruppe nimmt ab. Auch hier kann man den Versuch von Ringelmann heranziehen: Wenn eine Gruppe von Männern an einem Seil zog, investierte jeder einzelne von ihnen weniger Mühe als wenn er allein ziehen musste. Bibb Latané, Kipling Willimas und Stephen Harkins bezeichnet diese Motivationsverluste ein Jahrhundert später als soziales Faulenzen (engl. social loafing). „Eine andere Bezeichnung ist das Trittbrettfahren, das vor allem im Zusammenhang mit Steuerhinterziehung, Schwarzfahren, Versicherungsbetrug und anderen egoistisch motivierten Normenverletzungen zum Schaden der Allgemeinheit bekannt ist.“54 Das soziale Faulenzen beschreibt also die Tendenz bei einfachen beziehungsweise Routineaufgaben, in einer Gruppe weniger hart zu arbeiten, wenn man glaubt, dass andere ebenfalls an der gleichen Sache arbeiten und es nicht möglich ist, die individuelle Leistung zu beurteilen. „Der Punkt ist, dass man sich bei fehlender Bewertung auch keine Sorgen darüber machen muss, also eine Entspannung eintritt und es unwahrscheinlich ist, dass man sich bei einer schwierigen Aufgabe innerlich verkrampft und blockiert, und man daher bessere Leistungen bringen kann.“55
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz der Sozialpsychologie ein, indem sie die tiefgreifende Bedeutung von Gruppen für das Denken und Handeln des Menschen unterstreicht.
2 Definition: Was ist eine Gruppe?: Es werden verschiedene Ansätze zur Definition einer sozialen Gruppe vorgestellt, wobei Interdependenz und gemeinsame Ziele als zentrale Merkmale hervorgehoben werden.
3 Warum schließen Menschen sich in Gruppen zusammen?: Dieses Kapitel untersucht die evolutionsbiologischen Grundlagen und die psychologischen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Identitätsstiftung.
4 Gruppenformen: Es erfolgt eine Differenzierung verschiedener Gruppentypen, unter anderem anhand von Größe, Dauer, Formalitätsgrad und der Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärgruppen.
5 Erkenntnisse zur Gruppenbildung: Hier werden phasenorientierte Modelle wie das von Tuckman erläutert, die den Entwicklungsprozess einer Gruppe beschreiben.
6 Zusammensetzung von Gruppen: Der Fokus liegt auf den Aspekten, die die Homogenität beeinflussen, sowie auf sozialen Normen, Rollen und der Gruppenkohäsion.
7 Soziale Strukturen der Gruppe: Dieses Kapitel analysiert, wie Gruppenstrukturen entstehen und welche Bedeutung sie für die Stabilität und das Verhalten innerhalb der Gemeinschaft haben.
8 Gruppendynamik: Es werden die theoretischen Grundlagen der Gruppendynamik und deren Einfluss auf die Gruppenatmosphäre beleuchtet.
9 Gruppenleistungen: Dieser Abschnitt widmet sich den verschiedenen Phänomenen, die die Leistung von Gruppen beeinflussen, wie das soziale Faulenzen, Risky shift oder Gruppendenken.
10 Fazit – Anwendung: Abschließend werden die erarbeiteten Erkenntnisse für die pädagogische Praxis und die Optimierung von Lernprozessen in Gruppen nutzbar gemacht.
Schlüsselwörter
Soziale Gruppen, Sozialpsychologie, Gruppendynamik, Gruppenleistung, Gruppenkohäsion, soziale Normen, soziale Rollen, soziales Faulenzen, Risky shift, Gruppendenken, Kleingruppen, Identität, Interdependenz, soziale Erleichterung, Lernpsychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der sozialpsychologischen Perspektive auf soziale Gruppen, deren Bildung, Strukturierung und deren Einfluss auf das Verhalten und die Leistung der Mitglieder.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Kernbereichen gehören die Definition und Kategorisierung von Gruppen, die Dynamik von Gruppenbildungsprozessen, der Aufbau sozialer Strukturen sowie die Analyse von Leistungseffekten innerhalb von Gruppen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Wesen sozialer Gruppen zu durchdringen, die zugrundeliegenden psychologischen Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen und deren Relevanz für die praktische Anwendung, insbesondere in pädagogischen Kontexten, zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden in der Arbeit herangezogen?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine fundierte Literaturrecherche und die Auswertung klassischer sozialpsychologischer Studien und Modelle von Autoren wie Tuckman, Ringelmann, Zajonc und Janis.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Gruppenstrukturen, die Untersuchung von Kommunikationsnetzen, die Auswertung von Leistungsphänomenen wie dem Ringelmann-Effekt und die theoretische Fundierung von Risky shift und Group think.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Gruppendynamik, soziale Kohäsion, soziale Rollen, soziales Faulenzen und Gruppendenken, da diese die verschiedenen Aspekte der sozialen Interaktion abdecken.
Was unterscheidet den "Risky shift" vom "Group think"?
Während der Risky shift die Tendenz von Gruppen beschreibt, risikoreichere Entscheidungen zu treffen als Individuen allein, bezieht sich das Group think auf einen Konformitätsprozess, bei dem der Wunsch nach Konsens eine kritische Reflexion und damit bessere Entscheidungen verhindert.
Wie lassen sich laut der Arbeit negative Effekte von Gruppenarbeit, wie das soziale Faulenzen, abmildern?
Negative Effekte lassen sich unter anderem dadurch verringern, dass die individuelle Leistung bewertbar gemacht wird, die Aufgaben komplex und ansprechend gestaltet sind und der Wettbewerb zwischen Gruppen gefördert wird.
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- Nina Köstler (Author), 2007, Soziale Gruppen - Gruppenleistung, Homogenität und Dynamik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87460