Die Bedeutung der Begriffe Mensch-Landschaft-Natur in Nietzsches Morgenröthe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Biografie
II.1 Friedrich Nietzsche
II.2 Zur Entstehung der Morgenröthe

III. Mensch – Landschaft - Natur
III.1 Aphorismus 142 – Mitempfindung
III.2 Aphorismus 423 – Im grossen Schweigen
III.3 Aphorismus 426 – Farbenblindheit der Denker
III.4 Aphorismus 468 – Das Reich der Schönheit ist grösser
III.5 Aphorismus 539 – Wisst ihr auch, was ihr wollt?

IV. Schlussbemerkung

V. Anhang
V.1 Zitierweise
V.2 Verzeichnis der Literatur
V.3 Verzeichnis der Bilder und Tabellen

I. Einleitung

"Im grossen Schweigen." Mit diesen drei Worten ist der erste Aphorismus[1] des fünften Buches der Morgenröthe betitelt. Im großen Schweigen wähnt sich jedoch auch der Leser, sofern er es nicht versteht, Nietzsche richtig zu lesen. Zwar findet er vordergründige Problemstellungen, mit klassischen Mitteln der abendländischen Philosophie umständlich bearbeitet, die von Albert Einstein geforderte "Ästhetik in der Formel" scheint jedoch zu fehlen. Das Ganze wirkt nicht rund, es macht nicht den Eindruck, ein in sich geschlossenes, vollendetes Werk zu bilden.

Allzu viele Bücher versuchen Anleitung zu sein; oder Hilfestellung zur Interpretation. Doch finden sich die Grundlagen bei Nietzsche selbst. Unter Anderem in der Vorrede zur Morgenröthe. In dem 1886, also mit sechs Jahren Verspätung geschriebenen Vorwort gibt er dem Leser einige Hinweise zur Behandlung seiner Schriften und beschreibt, wie er sich seinen Leser erträumt.

Nietzsche sieht sich als den einsamen Maulwurf, der die Moral untergräbt, ihr das Fundament raubt. "...wie er langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne dass die Noth sich allzusehr verriethe, welche jede lange Entbehrung von Licht und Luft mit sich bringt; man könnte ihn selbst bei seiner dunklen Arbeit zufrieden nennen."[2] Wo vordergründig Erwartetes ausbleibt, da lohnt es sich zu bohren, kleinsten Spuren zu folgen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Wo der Eilfertige einer falschen Fährte auf den Leim geht, da versteckt Nietzsche seine Aussagen.

Er betrachtet die Morgenröthe als seine Metamorphose vom Maulwurf zum Menschen, vom Ankläger zum freien Geist, als ersten Schritt auf dem Wege zur Erlösung von den Knebeln der auferlegten christlichen Moral.[3]

Er wünscht sich "gut" gelesen zu werden, "langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen..."[4] Nietzsche erwartet von seinen Lesern nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Text, sondern darüber hinaus ein Gespür für die Person Nietzsche. Für seine Zeit, sein Leben und seine Umwelt.

Hier muss eine Beschäftigung mit der Morgenröthe ansetzen, an der Schnittstelle zwischen der Person Friedrich Nietzsche und seinem Lebensumfeld. Hier setzt das Thema Mensch – Landschaft – Natur an. Die Bedeutung dieser drei Begriffe in der Morgenröthe soll in der folgenden Arbeit in den Kontext der Biografie Nietzsches sowie seiner Naturphilosophie und das Werk seiner Vorbilder bzw. Zeitgenossen Arthur Schopenhauer und Richard Wagner gestellt werden.

II. Biografie

Wenn man in der Musik überhaupt von Impressionismus, einem Begriff, der eigentlich nur in der Malerei seine vollständige Umsetzung findet, sprechen kann, so kommt Richard Wagner die Funktion zu, der Erste gewesen zu sein, der Anklänge dieser Stilrichtung in seinem Werk verwendet.[5] Dieser blieb für Nietzsche eine Bezugsperson, im positiven, wie im negativen Sinne, die ihn auf seinem gesamten Lebensweg begleiten sollte. Die Beschäftigung mit der Natur, die Einbettung von Landschaften und Stimmungen und ein Verständnis vom Menschen als Teil der Natur prägen Impressionisten in der Malerei, Musiker und Schriftsteller in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In diese Zeit fällt auch Nietzsches philosophisches Schaffen. Dies und die Ausprägung seiner Naturphilosophie muss in einem zeitlichen Kontext erfasst werden.

"Wir rechnen den Menschen wieder zur Natur. – Alle Naturwissenschaft ist nur ein Versuch, den Menschen, das Anthropologische, zu verstehen."[6] Möglicherweise fühlt und erkennt er auch sich selbst als ein Teil dieser Natur, die ihm gesundheitlich sehr mitgespielt hat. Kann er doch körperliches Wohlbefinden und Linderung seiner Leiden nur im Einklang mit der Natur finden.

II.1 Friedrich Wilhelm Nietzsche

Friedrich Wilhelm Nietzsche wird am 15. Oktober 1844 als Sohn eines Pfarrers in Röcken in Sachsen geboren. Auch seine beiden Großväter waren Pfarrer. 1846 wird seine Schwester Elisabeth geboren. 1848 bricht die schwere Gehirnerkrankung des Vaters aus. Der Tod des erst 36 Jahre alten Vaters im Jahre 1849 trifft Nietzsche sehr und verursacht bei dem Fünfjährigen große Angstzustände. Im Jahre 1850 siedelt die Mutter mit ihm und seiner Schwester nach Naumburg an der Saale über, wo er von fünf Frauen umgeben aufwächst. Ab 1858 entstehen erste Gedichte und Kompositionen und er wird Internatsschüler des Gymnasiums Schulpforta bei Naumburg. Nietzsche ist sehr kurzsichtig und leidet häufig unter starken Kopfschmerzen.

1864 beginnt er mit dem Studium der Theologie und klassischen Philologie an der Universität Bonn und folgt ein Jahr später seinem Lehrer Ritschl nach Leipzig, wo er sein Studium fortsetzt und erste Bekanntschaft mit den Schriften Schopenhauers macht. 1866 schließt Nietzsche Freundschaft mit Erwin Rohde und lernt im November des Jahres 1868 Richard Wagner in Leipzig kennen. Er leidet unter Halluzinationen.

1869 wird er auf Empfehlung Ritschls als außerordentlicher Professor für klassische Philologie an die Universität nach Basel berufen. Von dort aus besucht er am 17. Mai erstmals Wagner in der Nähe von Luzern. Ende Mai hält Nietzsche seine Antrittsrede an der Universität Basel über das Thema "Homer und die klassische Philologie", macht die Bekanntschaft Jacob Burckhardts und beginnt die Arbeit an "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Bereits 1870 erfolgt die Ernennung zum ordentlichen Professor.

Am Deutsch-Französischen Krieg nimmt Nietzsche als freiwilliger Krankenpfleger teil und kehrt im Oktober zurück nach Basel, wo er sich mit dem Theologen Franz Overbeck anfreundet.

Als 1872 "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" erscheint, erregt diese sofort Aufsehen. Mit dem "Dionysischen" und dem "Apollinischen" führt Nietzsche einen, durch Schopenhauers "Wille und Vorstellung" angeregten Gegensatz ein, der für sein ganzes Werk prägend bleibt. Dabei ist ihm der Einfluss Schopenhauers deutlich anzumerken. Nebenbei entstehen die Basler Vorträge "Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten", die erst posthum veröffentlicht werden. Am 22. Mai zur Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses ist Nietzsche bei Wagner in Bayreuth.

Zwischen 1873 und 1876 entstehen folgende Schriften Nietzsches: " Erste Unzeitgemäße Betrachtung: David Friedrich Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller", "Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen", "Zweite Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben", "Dritte Unzeitgemäße Betrachtung: Schopenhauer als Erzieher" und "Vierte Unzeitgemäße Betrachtung: Richard Wagner in Bayreuth". Er lernt Paul Reé kennen und distanziert sich von Wagner.

1876 beginnt Nietzsches Freundschaft mit dem Psychologen Paul Reé. Aufgrund zunehmender schwer definierbarer Krankheit, begleitet von starken migräneartigen Anfällen, wird Nietzsche von der Universität Basel beurlaubt und verbringt den Winter mit Reé in Sorrent, wo auch sein letztes Treffen mit Wagner stattfindet.

Als 1878 der erste Teil von "Menschliches Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister" erscheint, tritt Nietzsche in die zweite Phase seines Schaffens ein, die aufklärerisch oder positivistisch ist. Er kritisiert und demaskiert allen idealistischen Schwulst, bezieht in diesem Zusammenhang auch Position gegen Wagner und bricht letztendlich den Kontakt mit ihm ab.

1879 erreicht Nietzsches Krankheit ihren vorläufigen Höhepunkt. Er erleidet 118 schwerste Anfälle und wird von seinen Pflichten an der Universität Basel beurlaubt, um in den Vorruhestand zu treten. 1880 entsteht "Der Wanderer und sein Schatten", der 1886 als zweiter Teil von "Menschliches Allzumenschliches" veröffentlicht wird. Nietzsche hält sich zum ersten Mal in Venedig auf und verbringt den Winter in Genua. Er reist in den folgenden Jahren sehr viel und immer wieder nach Genua. 1881 verbringt Nietzsche den ersten Sommer in Sils-Maria und hört in Genua erstmals Bizets Oper "Carmen". Sie wirkt auf ihn wie eine Erlösung von Wagner und vom düsteren Norden. "Morgenröthe".

1882 entsteht "Die fröhliche Wissenschaft" als zweiter Teil der "Morgenröthe". Im Frühjahr reist er nach Sizilien und lernt Lou Andreas-Salomé kennen.

1883 entstehen die ersten beiden Teile von "Also sprach Zarathustra". Er hat Suizid-Gedanken. Seine Schwester verlobt sich in den Wagnerianer und Antisemiten Förster, mit dem Nietzsche nichts zu tun haben will. 1884 entsteht der dritte und 1885 der vierte Teil des "Zarathustra". Alle Teile erscheinen im Privatdruck. Der "Zarathustra" ist die bekannteste und für lange Zeit wirksamste Schrift Nietzsches. Hier taucht erstmals seine Vision des "Übermenschen" auf. Seine Schwester heiratet Förster in Nietzsches Abwesenheit. 1886 entsteht "Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft". Die kurze Schrift enthält in einer gedrängten, ausgefeilten Sprache die Kerngedanken von Nietzsches Philosophie. Die Geschichte seit den Griechen wird als Verfallsgeschichte (Dekadenz) verstanden. Verantwortlich für den Niedergang ist der abendländische Geist selbst, der sich in Gestalt von Sokrates die Gleichheit zum Maßstab gesetzt und damit das Mittelmaß eingeführt hat. Die "Philosophie der Zukunft" ist ein Appell an die wenigen großen Geister, sich zu erheben und dadurch die europäische Kultur von Grund auf zu erneuern. Es kommt zu einem letzten Treffen mit Erich Rohde in Leipzig. Er schreibt die Vorrede zur "Morgenröthe".[7]

Die weitere Verlauf der Biografie Nietzsches, der für diese Arbeit keine Bedeutung hat erscheint – der Vollständigkeit halber – in tabellarischer Form.

1887 "Zur Genealogie der Moral". Die psychologisch angelegte Untersuchung bildet den Hintergrund von "Jenseits von Gut und Böse".

1888 Georg Brandes hält an der Universität Kopenhagen Vorlesungen über Nietzsches Philosophie. "Der Fall Wagner". Nietzsche beendet die Arbeit an den "Dionysos-Dithyramben". "Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums" erscheint als "Umwertung aller Werte I". "Ecce homo" entsteht (1908 posthum veröffentlicht). Hier spricht Nietzsche über sich selbst und seine an Größenwahn grenzende Berufung. "Nietzsche contra Wagner. Aktenstücke eines Psychologen" (posthum veröffentlicht). Strindberg schreibt: Lest Nietzsche!

1889 "Die Götzendämmerung oder wie man mit dem Hammer philosophiert". In Turin kommt es zum Zusammenbruch Nietzsches. Das Leiden tritt offen als Geisteskrankheit auf. Der Patient redet irre und verschickt größenwahnsinnige

Nachrichten, die bemerkenswerterweise nicht ohne Bezug zu Nietzsches philosophischen Ideen sind, ja sogar als deren Konsequenz gedeutet werden können. Nach wenigen Tagen klingt die - in der Terminologie der Psychiatrie – "produktive Phase" von Nietzsches Erkrankung ab, und er fällt in einen Dämmerzustand, der bis zu seinem Tod anhält. Tod Försters.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 2: Ein Porträt von Friedrich Wilhelm Nietzsche.[8]

1897 Nach dem Tod der Mutter, die ihn bis dahin gepflegt hat, siedelt die Schwester Elisabeth mit ihrem Bruder nach Weimar über. Unter ihrer Leitung entsteht dort

das "Nietzsche-Archiv", das einer tendenziösen Rezeption des Philosophen in den folgenden Jahrzehnten Vorschub leistet und vor groben Textfälschungen

nicht zurückschreckt.

[...]


Die Vorlage für die Grafik des Titelblattes entstammt der Bildergalerie von HANSEN.

[1] Nr. 423

[2] Vorrede Nr. 1.

[3] Nach SCHULTE, Seite 74 und GERHARDT, Seite 62 ff.

[4] Vorrede Nr. 5.

[5] Erste vorimpressionistische Stilelemente treten in der Rheintöchterszene der Götterdämmerung auf.

[6] Zitat Friedrich Nietzsche, aus MITTASCH, Seite 205.

[7] Nach HANSEN und SCHULTE, Seite 127 ff.

[8] Aus der Bildergalerie von HANSEN.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Begriffe Mensch-Landschaft-Natur in Nietzsches Morgenröthe
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Friedrich Nietzsche - Morgenröthe
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V8747
ISBN (eBook)
9783638156394
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Begriffe, Mensch-Landschaft-Natur, Nietzsches, Morgenröthe, Hauptseminar, Friedrich, Nietzsche
Arbeit zitieren
Marc Seifert (Autor), 2001, Die Bedeutung der Begriffe Mensch-Landschaft-Natur in Nietzsches Morgenröthe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8747

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