Fast vier Jahre ist es her, seit das Bundesverfassungsgericht seine Empfehlung zum Thema Kopftuch im öffentlichen Dienst abgegeben hat.
Meines Erachtens hat sich in den letzten Jahren eine einseitige öffentlich-mediale Darstellung der „Frau im Islam“ entwickelt. Nach wie vor wird mehr über die Muslima geredet als mit ihr. Zumeist kommen Frauen zu Wort denen Gewalt von Seiten muslimischer Männer angetan wurde – und es ist sicherlich wichtig darüber zu berichten. Jedoch widerfährt Frauen in allen Kulturen Gewalt von Seiten der Männer und wir müssen aufpassen, dass die muslimischen Frauen nicht dazu benutzt werden, ein Bild des Islam als einer Gewalt befürwortenden Religion – das in Deutschland nach wie vor verbreitet ist – zu pflegen.
Mein Anliegen in dieser Arbeit besteht darin, erstens einen kritischen Blick auf die „westliche“ Perspektive auf die muslimische Frau zu werfen, die nach wie vor von dem Bild geprägt ist, bei muslimischen Frauen handele es sich um ungebildete, traditionelle Frauen, die befreit oder sogar gerettet werden müssen. Des Weiteren möchte ich den LeserInnen einen Einblick in die unterschiedlichen Lebenswelten und –konzepte muslimischer Frauen verschaffen und diese anhand von Beispielen von Frauen aus Ägypten, der Türkei und aus Deutschland sichtbar machen.
Zu Beginn werde ich den Verlauf des deutschen „Kopftuch-Streits“ nachzeichnen bzw. die verschiedenen Positionen darstellen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Frage der Säkularisierung und wie viel Platz für Religion in der Schule sein darf.
Der Bedeutung des Schleiers und den divergierenden Vorstellungen in Ost und West über Körper und Sexualität wird der zweite Teil der Arbeit gewidmet. Da in dieser Arbeit der Schleier der muslimischen Frau und die Reaktionen darauf verhandelt werden, wird zuerst die Bedeutung des Schleiers im Kontext islamischer Überlieferung behandelt. Des Weiteren wird versucht werden an Hand der Analyse der westlichen Kritik an „den Muslimen“ aufzudecken, von welchen Sexismen westliche und orientalische Gesellschaften durchzogen sind, die entweder verdrängt werden oder zur Normalität gehören.
Abschließend werden unterschiedliche Lebenskonzepte muslimischer Frauen beleuchtet, die sich aus verschiedensten Gründen für oder gegen ein Kopftuch entschieden haben.
Ich werde dabei versuchen, die Rolle des politischen Islam in der Entscheidungsfindung der Frauen zu erklären.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die „Kopftuch-Debatte“ – um was geht es eigentlich?
2. 1 Diskussion um das Kopftuch in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst
2. 2 Frage der Säkularisierung
3. Was sagt uns der Schleier?
3.1 Der Schleier in der islamischen Überlieferung
3.2 Körper und Sexualität
3.3 Sexismus – Ost und West
4. Emanzipation „auf islamisch“
4.1 Familie
4.2 Bildung und Identität
4.3 Politisierung
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die westliche Perspektive auf muslimische Frauen und die damit verbundene Kopftuch-Debatte. Ziel ist es, die einseitige mediale Darstellung muslimischer Frauen als unterdrückt oder ungebildet zu hinterfragen und einen Einblick in die vielfältigen Lebenskonzepte muslimischer Frauen zu geben, um ein differenzierteres Verständnis zu fördern.
- Kritische Analyse der Kopftuch-Debatte und staatlicher Neutralität.
- Untersuchung der Bedeutung des Schleiers in der islamischen Überlieferung.
- Vergleich von Geschlechterrollen und Körperwahrnehmung in Ost und West.
- Erforschung der Rolle von Bildung und politischer Teilhabe für die Emanzipation.
- Dekonstruktion des orientalistischen Diskurses und westlicher Sexismen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Körper und Sexualität
Der Körper der Frau war schon immer das Schlachtfeld für politische Machtkämpfe zwischen Männern. So wurde beispielsweise die Forderung nach der „Entschleierung der ägyptischen Frau“ bei Qasim Amin zum wichtigsten Schritt auf dem Weg der Modernisierung des Landes um 1899. Der in Europa ausgebildete Amin redete in dieser Zeit den Kolonialherren des Landes das Wort, die die Frauenfrage zum wichtigsten Aspekt im kolonialen Diskurs über den Islam machten. Einer der Kolonisatoren Ägyptens, Lord Cromer, ein Kind der viktorianischen Zeit und gleichzeitig Verfechter der Entschleierung der ägyptischen Frau, war in England ein zeitweiliger Vorsitzender des „Männerbundes gegen das Frauenwahlrecht“.
Leila Ahmed stellt für den Kopftuch-Diskurs im kolonisierten Ägypten fest: „Sowohl für Amin, als auch für Cromer waren Frauen und ihre Bekleidung strategisch wichtige Punkte in dem Diskurs über die relativen Verdienste menschlicher/männlicher Gesellschaften und Zivilisationen und deren jeweiligen Stilen männlicher Dominanz.“
Laut von Braun und Mathes war der entblößte Frauenkörper „(...) durch die gesamte Wissensgeschichte des 18. und 19.Jahrhunderts hindurch (...) eine Symbolgestalt für Erkenntnis, Entdeckung und technische Innovation.“ Nicht umsonst ist der Bikini nach dem Atoll benannt, auf dem die USA ihre ersten Atombombentests nach dem zweiten Weltkrieg durchführten; die „Sexbombe“ steht also in einem ideologischen Zusammenhang mit westlicher Machtdemonstration.
Für Frau und Mann gelten im Westen und im Islam „(...) unterschiedliche Modi der Körperwahrnehmung: Während sich das westliche >moderne< Körperbewusstsein an Gesundheit, Fitness, Jugendlichkeit orientiert und Nacktheit zum Ausdruck von Autonomie und Freiheit geworden ist, stehen für Muslime Reinigung, Fasten oder das Gebet, das dem Körper einen spezifischen Rhythmus diktiert, im Zentrum.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die einseitige mediale Darstellung muslimischer Frauen in Deutschland und setzt das Ziel, durch eine kritische Analyse der westlichen Perspektive und der Debatte um das Kopftuch ein differenzierteres Bild zu zeichnen.
2. Die „Kopftuch-Debatte“ – um was geht es eigentlich?: Dieses Kapitel analysiert den deutschen Kopftuch-Streit, hinterfragt die Rolle des Bundesverfassungsgerichts und diskutiert die schwierige Beziehung von Staat, Religion und Säkularisierung in der deutschen Gesellschaft.
3. Was sagt uns der Schleier?: Der dritte Teil beleuchtet die Bedeutung des Schleiers in der islamischen Überlieferung, analysiert unterschiedliche Körper- und Sexualitätskonzepte und dekonstruiert den westlichen sowie orientalischen Diskurs über Sexismus.
4. Emanzipation „auf islamisch“: Hier werden die Bereiche Familie, Bildung und Politisierung untersucht, um aufzuzeigen, wie muslimische Frauen ihre eigenen Wege der Identitätsbildung und Selbstbestimmung jenseits westlicher Zuschreibungen finden.
5. Ausblick: Der Ausblick fordert eine differenziertere Betrachtung muslimischer Lebensweisen ein, kritisiert die mediale Instrumentalisierung und betont die Notwendigkeit, muslimische Frauen als Individuen und nicht als Kollektiv anzuerkennen.
Schlüsselwörter
Kopftuch, Islam, muslimische Frauen, Emanzipation, westliche Perspektive, Geschlechterrollen, Körperwahrnehmung, Sexualität, Identität, Bildung, Orientalismus, Diskurs, Integration, Säkularisierung, Islamismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die öffentliche und mediale Diskussion um muslimische Frauen und das Kopftuch in Deutschland unter Berücksichtigung historischer und kulturvergleichender Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Kernbereichen gehören die Kopftuch-Debatte, die Frage der staatlichen Säkularisierung, islamische Überlieferungen zum Schleier, die Bedeutung von Körper und Sexualität sowie die Emanzipationswege muslimischer Frauen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die oft einseitige und voreingenommene westliche Sichtweise auf muslimische Frauen zu hinterfragen und zu zeigen, dass diese Frauen als Individuen komplexe Identitätskonzepte entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine diskursanalytische Untersuchung, die sich auf fachwissenschaftliche Literatur, soziologische Studien und zeitgenössische Berichterstattung stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Kopftuch-Debatte, die Auseinandersetzung mit religiösen und kulturellen Bedeutungen des Schleiers sowie die Analyse verschiedener Emanzipationsformen muslimischer Frauen im Bereich Familie und Bildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Kopftuch, Islam, Emanzipation, Identität, Diskursanalyse und Geschlechterrollen beschreiben.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Medien bei der Kopftuch-Debatte?
Die Autorin kritisiert, dass mediale Darstellungen häufig einseitig sind, Vorurteile gegen den Islam befördern und das Thema Frau im Islam zur Legitimierung politischer Interessen instrumentalisieren.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit in Bezug auf die Emanzipation muslimischer Frauen?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Emanzipation nicht linear verläuft und nicht zwangsläufig mit der westlichen Vorstellung der Entschleierung gleichzusetzen ist; muslimische Frauen sollten in ihrer persönlichen Identitätsarbeit und Bildung unterstützt werden.
- Quote paper
- Anna Kölling (Author), 2007, „Emanzipiert“ oder „unterdrückt“?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87487