Ethik und Moral in Moderne und Postmoderne aus der Sicht Zuygmunt Baumans


Seminararbeit, 2007

20 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Moral und Ethik in der Moderne
2.1 Ethik des Gehorsams
2.2 Das Böse
2.3 Trennung von Tat und Moral
2.4 Moral und Technologie
2.5 Sozialisierung und Sozialität

3. Moderne und Postmoderne Ansichten
3.1 Krise der Ethik
3.2 Verantwortung versus Vernunft

4. Moral und Ethik in der Postmoderne
4.1 Moralische Partei der Zwei
4.2 Das Auftauchen eines Dritten
4.3 Soziale Räume
4.4 Chance der Moral

5. Ansatz einer Theorie der Moral

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der polnische Soziologe Zygmunt Bauman beschäftigt sich in seinen Arbeiten vorrangig mit der Bedeutung der Menschen in der modernen und postmodernen Gesellschaft. Er bezieht sich darin zu einem großen Teil auf die ethischen und moralischen Belange der Menschen, welche die Grundlage meiner Arbeit darstellen werden. Ich werde deshalb auf die verschiedenen Erklärungsansätze ethischen und moralischen Verhaltens, die Bauman in seinen Werken darlegt, eingehen.

Zunächst folgt eine grundlegende Darstellung der Ethik des Gehorsams, die auf Stanley Milgrams Experiment zur Gewaltbereitschaft basiert. Anschließend werde ich auf das Verhältnis von Tat und Moral sowie den Charakter des Bösen in der Moderne, der den moralischen Impuls verdrängte, eingehen. In Verbindung damit wird außerdem das Verhältnis von Moral und Technologie beschrieben sowie die Auswirkungen der Begriffe Sozialisierung und Sozialität. Darauf folgend werde ich die Krise der Ethik näher erläutern und außerdem, auf die Begriffe Verantwortung in der Postmoderne und Vernunft in der Moderne eingehen. Bezug nehmend zur Verantwortung entwickelte Bauman das Konzept der moralischen Partei der Zwei und das Hinzukommen eines Dritten, was ich ebenfalls darstellen werde. Nachfolgend werden die verschiedenen Arten der sozialen Räume, in denen sich eine Person befinden kann, näher beschrieben. Abschließend werde ich mit der Darstellung der Moral als Chance sowie Baumans Ansatz einer Moraltheorie, die eine Art kurze Zusammenfassung der dargelegten Bereiche der Moral zeigt.

2. Moral und Ethik in der Moderne

Zygmunt Bauman beschäftigt sich, aufgrund seines Lebenshintergrundes ausführlich mit den Geschehnissen in der Moderne und deren Auslösern. Seine Sichtweisen über die Moderne werde ich nachfolgend darstellen.

2.1 Ethik des Gehorsams

In seinem Werk Dialektik der Ordnung geht Bauman auf Stanley Milgram ein, der in seinem Experiment untersuchte, wie sich Autorität auf die Gewaltbereitschaft von Menschen auswirkt. Bauman stellt Milgrams Ergebnisse folgendermaßen dar:

„Der wichtigste Befund war wohl, daß die Bereitschaft zur Grausamkeit steigt, je größer die Distanz zum mutmaßlichen Opfer empfunden wird“.[1] Die Probanden waren besonders gewaltbereit, d.h. sie verpassten den ‚Opfern’ höhere Stromschläge, wenn sie keinerlei Kontakt zu den Opfern hatten. Doch nicht nur die Entfernung zwischen Proband und Opfer, sondern auch die zwischen Versuchsleiter und Proband spielt eine Rolle. Durch das Abschotten des Opfers, entsteht ein engerer Kontakt zwischen Versuchsleiter und Proband. Das Opfer ist von dieser Gruppenbildung ausgeschlossen und wird so zum Außenseiter.[2]

„Die Einsamkeit des Opfers erklärt sich also nicht allein aus der physischen Trennung, sondern auch aus der Gemeinschaft der Handelnden gegenüber dem Opfer. Nähe und Zusammenarbeit [...] führen zu einem [...] Gruppenbewußtsein und dem damit normalerweise verbundenen Gefühl von Verpflichtung und Solidarität.“[3]

Die Distanz zum Opfer wird also dadurch verstärkt, wenn an der Gewalttat eine Gruppe von Menschen beteiligt ist.

Ähnlich zu erklären ist auch die Tatsache, dass die Gewalthandlungen durch den Probanden stetig fortgesetzt werden. Zu Beginn ist der moralische Druck nur gering, wächst aber mit der Zahl der Taten an. Die Versuchsperson bindet sich mit jeder weiteren Handlung stärker an das Experiment. Die Moral ist hier von besonderer Bedeutung. Der Proband hat jederzeit die Möglichkeit das Experiment abzubrechen, doch mit jeder weiteren Tat verstrickt er sich immer weiter in ein moralisches Dilemma. Lehnt der Proband allerdings die Fortsetzung der ‚Aufgabe’ ab, so wird er auch an seiner vorangegangenen Handlung zweifeln, was aber dazu führt, dass er selbst seine eigene Moral in Frage stellt.[4] „Der Täter kann sich nicht reinwaschen, ohne sich gleichzeitig anzuschwärzen.“[5]

Ein weiteres Merkmal des Gehorsams ist, dass bestimmte Taten nicht verurteilt werden, wenn die Aufmerksamkeit der Probanden in eine andere Richtung gelenkt wird. Maßgeblich ist dann nicht das Schicksal der Opfer, sondern das richtige Erfüllen der gestellten Aufgabe. Die Autoritäten ändern die Auffassung von Moral hin zu einer disziplinierten Wertvorstellung. Die Versuchsperson erfüllt ihre Pflicht gegenüber der Autorität, wodurch moralische Haltungen verdrängt werden .[6] „Die Bürokratie vereinnahmt die Moral mit dem doppelten Ergebnis, Funktionalität zu moralisieren und alles, was nichtfunktional ist, als moralisch irrelevant hinzustellen.“[7] Wenn der Proband korrekt handelt und den ihn gegebenen Anweisungen folgt, ist eine bestimmte Handlung richtig und mit dem Gewissen zu vereinbaren.

Weiterhin wird darauf hingewiesen, dass man sich für eine Tat nicht verantwortlich fühlt, wenn man statt der eigentlichen Tat, nur eine Hilfeleistung ausführt.

Des weiteren erläutert Bauman wodurch laut Milgram Verantwortung abgegeben wird. Im so genannten Agens-Zustand unterstellt sich der Proband des Befehlsgewalt des Versuchsleiters. Der Proband ist nun keine autonom handelnde Persönlichkeit mehr. Durch dieses Abgeben von Verantwortung ist es möglich, unmoralische und grausame Handlungen durchzuführen, die dann wiederum vom eigentlichen Täter nur als Pflichterfüllung betrachtet werden.

Die Versuchsleiter des Experimentes hätten allerdings einen wesentlich größeren Einfluss auf die Probanden gehabt, wenn das Experiment über einen längeren Zeitraum angedauert hätte. Dadurch wäre eine noch stärkere Bindung an die Autoritätspersonen erfolgt. Ebenso hätte sich im Laufe der Zeit Solidarität und Routine ausgeprägt, die zur Verstärkung des Gehorsams beigetragen hätten.

Doch wie wirkt sich Gehorsam aus, wenn bei den Autoritäten verschiedenen Meinungen über die Taten herrschen? Milgram untersuchte dies dadurch, dass zwei gleichrangige Autoritäten offenkundig ihre Uneinigkeit über die Stromschläge vor den Probanden darstellten. Dies führte dazu, dass die Versuchspersonen nun nicht länger an dem Experiment teilnehmen wollten.[8] „Die Bereitschaft, wider besseres Wissen und gegen das eigenen Gewissen zu handeln, ist nicht primär eine Reaktion auf einen autoritären Befehl, sondern ist aus der Konfrontation mit einer kompromißlosen, in sich geschlossenen Autorität zu erklären.“[9] Bauman führt infolge dessen Milgrams Schlussfolgerung seiner Forschung auf, welche aussagt, dass pluralistische Strukturen (im Gegensatz zu diktatorischen) es nicht ermöglichen, unmoralische Handlungen durchzuführen.[10]

2.2 Das Böse

Bauman ist der Meinung, dass jeder Mensch einen eigenen moralischen Impuls besitzt, der nicht sozial erzeugt, sondern lediglich durch die Gesellschaft manipuliert wird. Die Gesellschaftliche Moral aber besitzt einen solchen Einfluss auf die Individuen, dass sie es möglich macht, dass Einzelne entgegen ihren Vorstellungen handeln.[11] „Sozialisation und Zivilisation bedingen für ihn die Manipulation jenes moralischen Vermögens“.[12] Um moralische Verantwortung zu entwickeln, setzt Bauman die soziale Nähe des Anderen voraus, welche aber beim Eintreten von physischer oder psychischer Distanz neutralisiert werden kann. Dies geschieht vor allem innerhalb der sozialen Ordnung, welche nur auf instrumentelles, nicht aber auf moralisches Handeln ausgelegt ist.

In der Moderne waren moralische Impulse weitgehend neutralisiert, was vor allem durch Technologie und Bürokratie realisiert wurde. Moral wurde verdrängt und rationales Handeln stand im Vordergrund.[13] Dies ermöglichte dann Handlungen, die nicht auf der Grundlage von Moral basierten, sondern durch die gesellschaftliche Ordnung vorgegeben waren.

2.3 Trennung von Tat und Moral

Bauman geht außerdem auf den Prozess ein, Tat und Moral zu trennen. Für ihn bedeutet Zwang Grausamkeit und die Erfinder bestimmter Zwangsmaßnahmen scheinen für ihn keine Gefühle in Bezug auf den Schmerz anderer zu haben. Für Bauman, der sich hier auf Lévinas bezieht, liegt der Ursprung der Unmoral in der Rechtfertigung von Taten.[14] Um möglichst viele Menschen an grausamen Taten zu beteiligen, „muß die Verbindung zwischen moralischer Schuld und den Taten [...] durchtrennt sein.“[15] Um dies zu ermöglichen werden bestimmte Handlungen für moralisch neutral erklärt und unterliegen somit keiner moralischen Bewertung mehr. Um dies zu erreichen, müssen einige Menschen davon ausgeschlossen werden, moralische Subjekte zu sein. Weitere Möglichkeiten sind, die Verbindung zwischen einer Handlung und deren Wirkung zu verbergen oder auf Disziplin und Loyalität zu setzen, die eigene moralische Leistungen ersetzen sollten. Erreichbar wurde dies, wie bereits genannt, durch einen modernen Apparat von Bürokratie und Technologie.[16]

2.4 Moral und Technologie

In der Moderne wurde das Leben zunehmend technologisiert, was die moralischen Impulse stark beeinflusste. Die Technologie fragmentiert das Leben eines jeden in vielfältige Problembereiche, die mit Hilfe von verschiedenen Techniken bewältigt werden müssen. Dadurch entstehen nun Bedürfnisse, die das Individuum, durch verschiedene Güter oder Dienste befriedigen kann. Von der Technologie ist nun auch das moralische Selbst betroffen, da es eine Fragmentierung nicht überstehen würde.[17]

[...]


[1] Bauman, Zygmunt: Dialektik der Ordnung: Die Moderne und der Holocaust. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1992, S. 169

[2] Vgl. Ebd., S. 169-171

[3] Ebd., S. 171

[4] Vgl. Ebd. S. 172-173

[5] Ebd., S. 173

[6] Vgl. Ebd., S. 174-175

[7] Ebd., S. 175

[8] Vgl. Ebd., S. 175-179

[9] Ebd., S 179

[10] Vgl. Ebd., S. 180

[11] Vgl. Horn, Carsten: Die Normalität des Bösen: Ambivalenzen bei der Betrachtung von Moral in der Moderne. Oldenburg: Bis, 2005, S. 53

[12] Ebd., S. 56

[13] Vgl. Ebd., S. 58-62

[14] Vgl. Bauman, Zygmunt: Flaneure, Spieler und Touristen: Essays zu postmodernen Lebensformen. Hamburg: Hamburger Edition, 1997, S. 240

[15] Ebd., S. 241

[16] Vgl. Ebd., S. 241-242

[17] Vgl. Bauman, Zygmunt: Postmoderne Ethik. Hamburg: Hamburger Edition, 1995, S. 295

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ethik und Moral in Moderne und Postmoderne aus der Sicht Zuygmunt Baumans
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologische Theorien II
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V87552
ISBN (eBook)
9783638022644
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Moral, Moderne, Postmoderne, Sicht, Zuygmunt, Baumans, Soziologische, Theorien
Arbeit zitieren
Sophie Schneider (Autor), 2007, Ethik und Moral in Moderne und Postmoderne aus der Sicht Zuygmunt Baumans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87552

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