"[...] von jungen Mädchen findet man′s entsetzlich, wenn sie ein Selbst sein wollen, sie dürfen überhaupt nichts sein, im besten Falle eine Wohnstubendekoration oder ein brauchbares Haustier, von tausend lächerlichen Vorurteilen eingeengt. Die geistige Ausbildung wird vollständig vernachlässigt, schändlich ist′s, dass man in ihrer Erziehung und Lebensweise immer versucht, ihre Sinnlichkeit zu reizen, um sie zu verheiraten, ‚damit sie ihren Beruf erfüllen′ - und dann vollständig im Haushalt und dergleichen versumpfen. [...]"
Der Ruf nach Gleichberechtigung von Mann und Frau war schon Ende des 19. Jahrhunderts zu hören, wenn auch selten so deutlich wie in diesem Brief von Franziska zu Reventlow an einen Freund. Inwiefern der Mangel an Gleichberechtigung auch die intimsten Bereiche des Lebens - Liebe und Sexualität - berührte und damit Einfluss auf das weibliche Bildungsmodell in Realität und Literatur nahm, soll in dieser Arbeit dargestellt werden. Zu diesem Zweck sollen die Romane "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim" und "Mauprat" unter dem Gesichtspunkt der Sexualität beziehungsweise Liebe sowie der damit verknüpften Persönlichkeitsbildung untersucht werden.
Zunächst werde ich einen kurzen Abriss über die gesellschaftlichen Verhältnisse und Normen geben - hierbei soll des Umfangs wegen nur auf die Sexualität betreffende Vorgaben eingegangen werden - um danach auf die explizite Thematisierung der Sexualität in der "Geschichte des Fräuleins von Sternheim" und in "Mauprat" einzugehen. Hier soll insbesondere die Verbindung von Sexualität und Gewalt sowie ihr Stellenwert und ihr Bezug zum Bildungsmodell in der gesellschaftlichen Realität der Jahrhundertwende dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sexualität im weiblichen Bildungsmodell der Jahrhundertwende
3. Fiktion oder Realität? Liebe und Sexualität in den Romanen
3.1 Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim
3.2 Mauprat
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern der historische Mangel an Gleichberechtigung von Mann und Frau die intimsten Lebensbereiche – Liebe und Sexualität – beeinflusste und welche Auswirkungen dies auf das weibliche Bildungsmodell in der Realität sowie in der literarischen Darstellung hat.
- Gesellschaftliche Normen und geschlechtsspezifische Bildungsmodelle des 18. und 19. Jahrhunderts
- Die Rolle der Tugend, Keuschheit und Fremdbestimmung in der weiblichen Biografie
- Analyse der Darstellung von Liebe und Sexualität in "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim"
- Analyse der Darstellung von Liebe und Sexualität in George Sands "Mauprat"
- Der Zusammenhang von Persönlichkeitsbildung, Gewalt und gesellschaftlicher Stellung
Auszug aus dem Buch
3.2 Mauprat
Auch George Sand widerspricht mit ihrer umfassenden Bildung dem Ideal einer Frau nach Campes oder Rousseaus Bildungsmodell. Ihr Roman „Mauprat“ ist die Utopie einer Liebe zwischen Mann und Frau, die nach einer Zeit der Entwicklung von gegenseitigem Verständnis, Rücksichtnahme und Gleichberechtigung geprägt ist.
„Dès le début du roman, Edmée s’efforce inlassablement de créer entre Bernard et elle une association qui évite les écueils du rapport ‚normale‘ entre les sexes.“
Dennoch finden sich im Roman in Bezug auf den Bildungsdiskurs und die Stellung der Frau die Grenzen der realen Gesellschaftsverhältnisse, die jedoch mithilfe der beiden Hauptfiguren Edmée und Bernard nach und nach überschritten werden.
Edmée de Mauprat ist die Tochter eines angesehenen Adligen, die ohne eigenes Verschulden in die Hände des verrufenen Teils der Familie gerät. Sie kann mit der Hilfe von Bernard, dem jüngsten Sproß der Familie, unbehelligt von der Burg entkommen und in die Sicherheit ihres Elternhauses zurückkehren. An diesem Punkt setzt die Konfrontation mit dem normativen Diskurs die Sexualität betreffend ein: Obwohl ihr nichts geschehen ist und sie nach wie vor körperlich „unschuldig“ ist, muss sie wegen der Episode auf der Burg um ihren guten Ruf fürchten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsinteresse an der Verbindung von mangelnder Gleichberechtigung, weiblicher Persönlichkeitsbildung und den spezifischen Normen für Liebe und Sexualität.
2. Sexualität im weiblichen Bildungsmodell der Jahrhundertwende: Dieses Kapitel erläutert die ökonomische Abhängigkeit der Frau und die darauf aufbauende Geschlechtscharakterologie, welche die Frau zur passiven Bewahrerin der Tugend degradiert.
3. Fiktion oder Realität? Liebe und Sexualität in den Romanen: Der Hauptteil analysiert, wie in den Werken "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim" und "Mauprat" mit den zeitgenössischen Rollenerwartungen an die Frau umgegangen wird.
3.1 Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim: Analyse von Sophies Bemühen um tugendhaftes Verhalten unter dem Druck gesellschaftlicher Normen und ihrer schrittweisen Emanzipation.
3.2 Mauprat: Untersuchung der Utopie einer gleichberechtigten Liebesbeziehung bei George Sand, in der Bildung als Bedingung für eine bewusste Partnerschaft thematisiert wird.
4. Schluss: Das Fazit stellt die unterschiedlichen Lösungswege der Romanprotagonisten gegenüber und reflektiert die Verbindung von Tugend und Moralvorstellungen der damaligen Zeit.
Schlüsselwörter
Weibliche Bildung, Sexualität, Liebe, Geschlechtscharakterologie, Emanzipation, Tugend, Konvenienzehe, Persönlichkeitsbildung, Sophie von La Roche, George Sand, Patriarchat, Literaturanalyse, Bildungsroman, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Einfluss gesellschaftlicher Geschlechternormen des 18. und 19. Jahrhunderts auf die Themen Liebe und Sexualität sowie die daraus resultierende Persönlichkeitsbildung von Frauen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den zeitgenössischen Bildungsmodellen, dem Konzept der weiblichen Tugend, der rechtlichen und wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frau sowie der literarischen Auseinandersetzung mit diesen Themen in zwei spezifischen Romanen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Literatur die rigiden Normen der damaligen Gesellschaft reflektiert, hinterfragt oder utopisch überschreitet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die gesellschaftliche und philosophische Kontexte (z.B. Rousseau, Campe) mit der inhaltlichen Untersuchung der Romane verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erläuterung des damaligen Bildungsmodells und eine detaillierte Analyse der Romane "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim" und "Mauprat".
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Weibliche Bildung, Sexualität, Emanzipation, Tugend sowie die Namen der analysierten Autorinnen Sophie von La Roche und George Sand.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in "Mauprat" von den gesellschaftlichen Normen?
George Sand entwirft eine Utopie, in der die Frau nicht nur als passives Objekt agiert, sondern aktiv den Bildungsprozess ihres Partners mitgestaltet und Gleichberechtigung einfordert.
Welche Bedeutung hat das "Happy End" in beiden Romanen?
Das Happy End ist in beiden Werken unterschiedlich motiviert: Während Sophie von Sternheim durch eine persönliche Zäsur ihren gesellschaftlich akzeptierten Platz findet, basiert das Glück in "Mauprat" auf einer gegenseitigen, reflektierten Charakterbildung.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2002, Weibliche Persönlichkeitsbildung, Liebe und Sexualität in der 'Geschichte des Fräuleins von Sternheim' und 'Mauprat', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8764