In den letzten Jahren sind einige junge Maler wie Neo Rauch, Matthias Weischer, Christoph Ruckhäberle und Tim Eitel sehr erfolgreich geworden. Gleichzeitig zu den sich häufenden Berichten über spektakuläre Preise, die ihre Gemälde in Auktionen erzielten, sowie Teilnahmen an wichtigen Ausstellungen in den größten Museen und Galerien weltweit, wurden die Künstler in den Medien anhand unterschiedlicher Kriterien zu einer Gruppe mit dem Namen „Neue Leipziger Schule“ zusammengefasst. In anderen Veröffentlichungen hingegen wurde diskutiert, ob dieser gruppenkonstituierende Begriff seine Rechtmäßigkeit habe.
Ziel der folgenden Untersuchung ist es, die jeweiligen Akteure der verschiedenen Bereiche ausfindig zu machen, welche sich an der Entstehung, Formung und Verwirklichung der Konstruktion der NLS beteiligt haben, bzw. diesem Prozess entgegenstanden. Deshalb werden hier deren Positionen in Bezug auf die Konstruktion einer NLS anhand von Veröffentlichungen im Zeitraum von 1997 bis 2006 herausgearbeitet.
Darüber hinaus sollen die Gemeinsamkeiten, welche den Akteuren jeweils für eine Konstruktion der NLS dienen, aufgezeigt werden. Hierzu wird der zeitliche Verlauf ihrer jeweiligen Stellungsnahmen genauer beobachtet, um so Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit ergeben haben könnten, aufzudecken
Letztendlich soll die Frage beantwortet werden, ob sich bis zum Jahr 2006 ein allgemein gültiger Konsens, ein bestimmtes ‚Wissen’, welches mit dem Begriff der NLS verbunden wird, durchsetzen konnte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Herleitung zur Diskursanalyse der Neuen Leipziger Schule
2.1 Theoretische Voraussetzungen für eine akteurzentrierte Diskursanalyse
2.1.1 Ferdinand de Saussure und die soziale Bedingtheit von Kommunikation
2.1.2 Michel Foucault und die Entstehung von „Wissen“
2.1.3 Pierre Bourdieu und die Bedeutung der Akteure
2.2 Die akteurzentrierte Diskursanalyse im Anschluss an Bourdieu
2.2.1 Verhältnis des kulturellen zum sozialen Feld
2.2.2 Das kulturelle Feld und seine Akteure
2.2.3 Die Analyse des NLS-Diskurses
3 Diskursanalyse - Die Neue Leipziger Schule
3.1 Die Akteure und ihre Positionen im zeitlichen Verlauf von 1997 bis 2006
3.1.1 Die Künstler
3.1.1.1 Arno Rink
3.1.1.2 Sighard Gille
3.1.1.3 Neo Rauch
3.1.1.4 Matthias Weischer
3.1.1.5 Tim Eitel
3.1.2 Die Galeristen
3.1.2.1 Gerd Harry Lybke
3.1.3 Die Sammler
3.1.3.1 Karl-Heinz Essl
3.1.3.2 Mera und Don Rubell
3.1.4 Die professionellen Kunstkritiker
3.1.4.1 Leipziger Volkszeitung
3.1.4.2 The New York Times
3.1.4.3 Deutsche Kunstfachzeitschriften
3.1.5 Die professionellen Kunstexperten
3.1.5.1 Claus Baumann
3.1.5.2 Hans-Werner Schmidt
3.2 Zusammenfassung – Konsensbildung?
4 Diskussion und Ausblick: Die Bedeutung der amerikanischen Akteure
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob der Begriff "Neue Leipziger Schule" (NLS) durch den medialen Diskurs und die Aktivitäten verschiedener Akteure im Zeitraum von 1997 bis 2006 zu einer sozialen Wirklichkeit geworden ist. Ziel ist es, die Akteure zu identifizieren, die an der Konstruktion dieser Gruppenidentität mitgewirkt haben, und zu klären, ob sich ein allgemeingültiger Konsens über die Bedeutung des Begriffs durchsetzen konnte.
- Diskursanalyse im Anschluss an Pierre Bourdieu und Michel Foucault
- Untersuchung der Akteursgruppen: Künstler, Galeristen, Sammler, Kritiker und Kunstexperten
- Analyse der Rolle der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) als Traditionsinstanz
- Untersuchung der Rezeption und Vermarktung der Leipziger Malerei im In- und Ausland
- Betrachtung von Machtstrukturen und Definitionsmacht bei der Bildung künstlerischer Identitäten
Auszug aus dem Buch
3.1.1.3 Neo Rauch
Obwohl Neo Rauch 1993 bei einer Ausstellung in einer Galerie noch kein einziges Bild verkaufte, gibt es inzwischen lange Warteliste für neue Werke, welche „den Wert eines Einfamilienhauses“ (Beyer, Susanne/ Knöfel, Ulrike Spiegel 18.09.2006) haben. Sogar seine Kinderzeichnungen (vgl. Meinhard, Michael / Kleindienst, Jürgen LVZ 09./10.09.2006) werden über die Internet Plattform Ebay verkauft. Er wird von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum „Leipziger Superstar“ (o.V. FAZ 02.05.2005) oder der ART zum „neuen Weltstar“ (Sommer, Tim ART 02.2005) erklärt.
Die Leipziger Schule als Gruppe scheint Rauch ohne Bedenken zu akzeptieren und verwendet den Begriff ohne Zögern, obwohl er angibt grundsätzlich eine abwehrende Haltung gegenüber Gruppenbildungen zu haben. Die Gefahr eines schnellen Erfolges und eines noch schnellern Vergessen sowie die Heterogenität der Positionen der Leipziger Künstler lässt ihn (vgl. Kuhn, Nicola Tagesspiegel 15.09.2006) eine NLS ablehnen.
Die Bezeichnung NLS scheint für Rauch vorrangig geschaffen worden zu sein, um die darunter gefassten Personen und ihre Positionen „pauschal zu diffamieren“ (Beyer, Susanne/Knöfel, Ulrike Spiegel 18.09.2006). Deshalb wendet er sich auch gegen eine solchen Zusammenschluss und bezeichnet den Begriff NLS als „unsinnig“ (ebd.) oder sogar als einen „blödsinnigen Begriff“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Neuen Leipziger Schule, Darlegung der Fragestellung und der theoretischen Grundlagen.
2 Theoretische Herleitung zur Diskursanalyse der Neuen Leipziger Schule: Erläuterung der diskursanalytischen Ansätze nach Saussure, Foucault und Bourdieu als Basis für die Untersuchung.
3 Diskursanalyse - Die Neue Leipziger Schule: Detaillierte Untersuchung der Akteursgruppen, ihrer Positionen und ihrer Rolle bei der Identitätsbildung der NLS im Zeitraum von 1997 bis 2006.
4 Diskussion und Ausblick: Die Bedeutung der amerikanischen Akteure: Analyse des Einflusses der amerikanischen Rezeption und der Bedeutung der internationalen Vermarktung für die NLS-Konstruktion.
Schlüsselwörter
Neue Leipziger Schule, Diskursanalyse, Pierre Bourdieu, Kunstmarkt, HGB Leipzig, Neo Rauch, Gerd Harry Lybke, Wissenssoziologie, Akteurzentrierung, kulturelles Kapital, symbolische Macht, Kunstkritik, Globalisierung, Malerei, Gruppenbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit?
Die Arbeit analysiert die diskursive Entstehung und Konstruktion der sogenannten „Neuen Leipziger Schule“ als soziales Phänomen innerhalb eines spezifischen Zeitraums.
Welche zentralen Akteursgruppen werden untersucht?
Im Fokus stehen der innere Vermittlungsbereich (Künstler, Galeristen, Sammler) sowie die professionellen Kunstkritiker und Kunstexperten als Multiplikatoren.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wer den Begriff der NLS wann, wie und warum verwendet hat, und ob sich bis 2006 ein konsensfähiges "Wissen" über diesen Begriff gebildet hat.
Welche theoretischen Methoden werden angewandt?
Es wird eine akteurzentrierte Diskursanalyse durchgeführt, basierend auf den kultursoziologischen Erkenntnissen von Pierre Bourdieu sowie diskursanalytischen Konzepten von Michel Foucault.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Akteure und ihrer spezifischen Positionen im zeitlichen Verlauf, inklusive der Analyse von Publikationen in Presse und Katalogen.
Welche Keywords charakterisieren die Studie?
Schlüsselbegriffe sind Diskursanalyse, soziale Konstruktion, kulturelles Feld, Symbolische Macht, Kunstmarkt-Mechanismen und die Identitätsbildung einer Künstlergruppe.
Welche Rolle spielen die amerikanischen Akteure für das NLS-Phänomen?
Die Arbeit diskutiert, wie die amerikanische Kunstkritik und Sammler wie die Rubells maßgeblich zur Globalisierung und Etablierung des NLS-Labels beigetragen haben.
Wie verändert sich die Einstellung der Akteure zum Begriff NLS im Zeitverlauf?
Die Analyse zeigt auf, dass einige Akteure den Begriff anfangs nutzten, ihn später aber aufgrund der drohenden Nivellierung von Einzelpositionen und als "Marketinglabel" kritisierten oder ablehnten.
- Quote paper
- Carolin Modes (Author), 2007, Die Neue Leipziger Schule. Eine akteurzentrierte Diskursanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87671