Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion geographischer Räume in den Romanen "Krieg und Frieden" von Lev Tolstoj und "Vor dem Sturm" von Theodor Fontane


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
39 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Konzeption des Raumes
1 Raum und Zeit in Kunst und Literatur
2 Realistische Literatur des 19. Jahrhunderts
3 Räume in der realistischen Literatur
4 Geographische Räume

II Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion der geographischen Räume in “Krieg und Frieden” und in “Vor dem Sturm”
5 Darstellung und Funktion historischer und nationaler geographi­scher Räume im Kontext von Krieg und Besetzung
5.1 Krieg als Wrletzung des nationalen Raumes
5.2 Besetzung als Sakrileg, Erniedrigung und Schande
5.3 Umbruch
6 Darstellung ethnisch-nationaler Wesensmerkmale in Verbindung mit dem nationalen geographischen Raum und in Abgrenzung zu anderen Völkern
6.1 Verbindung mit der Transzendenz
6.1.1 Ost und West
6.1.2 Moskau und Petersburg
6.2 Kontinuität

Teil I Konzeption des Raumes

1 Raum und Zeit in Kunst und Literatur

Kunst ist ein wichtiger, wenn nicht gar daseinsbestimmender Bestandteil des menschlichen Lebens. Meist wird jedoch eine Unterscheidung zwischen der Wirk­lichkeit des Lebens und Kunst vorgenommen und Kunst dabei als etwas Sekun­däres eingestuft. Spätestens seit Platons und Aristoteles" Definition gilt sie in der europäischen Kultur weitestgehend als die Nachahmung der Wirklichkeit. Platon sieht den Begriff der Nachahmung und die Kunst allgemein als negativ. Aristote­les jedoch betont die reinigende, kathartische, Wirkung, die Kunst, und vor allem das Drama, auf die Psyche des Menschen haben kann. Allerdings muss sich der Mensch mit dem Dargestellten identifizieren, damit diese Wirkung eintreten kann. Deshalb sollte das Dargestellte so weit wie möglich der Realität des Rezipienten nachempfunden, also so mimetisch wie möglich, sein. Das Kunstwerk muss dem Rezipienten die Illusion einer Wirklichkeit vermitteln. Um das zu leisten, muss es zunächst die Grundlagen der menschlichen Wahrnehmung, vermittelst derer er seine Umwelt und sich selbst (re)konstruiert, reproduzieren. Zwei der wichtigsten dieser Grundlagen sind der dreidimensionale Raum und die Zeit, die anhand der Bewegung innerhalb dieses Raumes für den Menschen spürbar wird. Dabei sind Raum und Zeit untrennbar miteinander verbunden, denn in der menschlichen Vor­stellung ist kein Raum ohne Bewegung und folglich ohne Zeit und keine Bewegung ohne Raum möglich. Jeder in einem beliebigen Moment wahrgenommene Zustand des Raumes erscheint als das Ergebnis einer kontinuierlichen Bewegung innerhalb dessen. Raum und Zeit bilden ein basales System der menschlichen Wahrnehmung und jegliches Phänomen wird auf die eine oder andere Weise in dieses System ein­geordnet.[1] Demnach muss ein Kunstwerk, das eine Wirklichkeitsillusion schaffen möchte, dem Dargestellten eine räumliche und zeitliche Ausdehnung geben.

Neben der aristotelischen Auffassung von Wesen und Funktion der Kunst gab es innerhalb verschiedener Epochen und Strömungen eine Reihe unterschiedlicher Ansichten. Einige davon, wie z.B. der Symbolismus, verneinten die auf eine Nach­ahmung der Wirklichkeit festgelegte Rolle der Kunst. Folgerichtig versuchten die Symbolisten in ihren Werken, die raum-zeitlichen Bezüge so weit wie möglich außer Kraft zu setzen. Da jedoch Kunstwerke von Menschen produziert und re­zipiert werden, unterliegen sie immer einer menschlichen Perspektive, die ohne raum-zeitliche Einordnungen nicht auskommt. Deshalb wird Kunst, so wenig mi­metisch sie auch sein möchte, immer von einem Minimum an räumlich-zeitlichen Beziehungen geprägt sein.

Dabei hat jedes künstlerische Medium eigene Möglichkeiten und Verfahren diese auszudrücken. Für die Literatur, auf deren Untersuchung sich diese Arbeit beschränken wird, hat Michail Bachtin die grundlegende Einheit des Chronotopos herausgearbeitet. Er hat festgestellt, dass “Kunst und Literatur von chronotopischen Werten unterschiedlichen Grades und Umfanges durchdrungen sind. Jedes Motiv, jedes geson­derte Moment eines Kunstwerks ist ein solcher Wert.”[2]

Allgemein definiert Bachtin den Chronotopos innerhalb eines literarischen Textes “als Materialisierung der Zeit im Raum”[3]. Wie man sehen kann, verbindet der Be­griff Zeit und Raum zu einer untrennbaren Einheit und spiegelt damit die Realität der menschlichen Wahrnehmung wieder. Dadurch reflektiert er auch die Verbin­dung, die ein literarischer Text über einen Chronotopos mit der menschlichen Wirklichkeit hat. Auch Bachtin bestimmt explizit, dass “der Chronotopos die künstlerische Einheit des literarischen Werkes in dessen Verhältnis zur realen Wirklichkeit bestimmt.”[4]

2 Realistische Literatur des 19. Jahrhunderts

Chronotopoi sind demnach in jedem literarischen Werk unweigerlich vorhanden und bestimmen unter Anderem sein Verhältnis zur Realität. Besonders wichtig wird der Chronotopos in dieser Hinsicht jedoch für eine Literatur, die sich zum Ziel gesetzt hat, Realität so wahrheitsgetreu, wie möglich abzubilden[5], sprich, für die realistische Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Ausgestaltung und Struktu­rierung von Chronotopoi war sicherlich nicht die kleinste Herausforderung für die Realisten bei ihrer selbsternannten Aufgabe einer wahrheitsgetreuen Abbildung der Wirklichkeit. Allerdings ist der Begriff der Realität und folglich auch der des Realismus, wie sie im Zusammenhang mit der realistischen Literatur des 19. Jahr­hunderts verwendet werden, reichlich problematisch.

Außer in einem kunstepochalen und kunsttheoretisch-ästhetischen Sinne wird der Realismusbegriff auch auf eine philosophische Richtung des 19. Jahrhunderts angewandt, die von einer “bewusstseinsunabhängigen Realität” ausgeht, “die vornehmlich durch naturwissenschaftliche Forschung erkannt werden kann”[6].

Der gleichen Annahme folgt auch die realistische Literatur. Sowohl dem philoso­phischen als auch dem literarischen Realismus wird außerdem zugrunde gelegt, dass eine objektive Wirklichkeit “mehreren Subjekten gemeinsam ist und kol­lektive Verbindlichkeit besitzt”. Für den kunsttheoretisch-ästhetischen Realismus kommt noch die Prämisse hinzu, dass “diese kollektiv verbindliche Wirklichkeit auch in unterschiedlichsten Variationen medial abbildbar, referenzialisierbar und rezipierbar ist”[7].

In diesem Sinne wird der literarische Realismusbegriff häufig verwendet und es wird dabei meist davon ausgegangen, dass das Ergebnis eines realistischen Textes eine “vollständige und wertfreie Abschilderung einer gesellschaftlichen Wirklichkeit” ist.[8]

Währenddessen wird oft, geht man auch tatsächlich von einer objektiven, kollektiv verbindlichen Realität aus, vergessen, dass diese Realität in einem literarischen Text sprachvermittelt ist. Allein diese Tatsache schließt eine Auswahl und eine Mittelbarkeit des Textes in Bezug auf eine Realität ein.[9]

In der späteren Realismusforschung sieht Roland Barthes die Realität als einen “bestimmten kulturellen Code”, der bestimmte “gesellschaftliche, soziale und epi- stcmischc Kontexte aufruft”. Seiner Meinung nach entsteht der Realismuseffekt in der Literatur dadurch, dass sie vermittelst narrativ scheinbar funktionsloser Details auf die Realität an sich referiert, sprich, auf den kulturellen Code, der bestimmt, was als Realität wahrgenommen wird.[10] [11] Dadurch wirkt die realisti­sche Literatur des 19. Jahrhunderts oft affirmativ gegenüber der in der damaligen Zeit gesellschaftlich dominanten bürgerlichen Realitätswahrnehmung.[12] Es ist je­doch durchaus auch möglich eine bestimmte Realität, indem man sie aufruft, zu kritisieren.

Was ebenfalls oft unerkannt bleibt, ist die Tatsache, dass sowohl eine affir­mative als auch eine kritische und sogar die scheinbar neutralste Position gegen­über einer dargestellten Wirklichkeit eine Konstruktion dieser Wirklichkeit nach einer vorangegangenen Selektion und demnach auch ihre Idealisierung voraus­setzt.[13] Die Autoren des Realismus waren sich dieser Tatsache sehr wohl bewusst und setzten bei der Konstruktion “ihrer Realitäten” die Idealisierung durchaus reflektiert als Wrfahrcn ein.[14] [15] [16] Jedoch tritt die Idealisierung je nach national­historischem Charakter innerhalb einiger europäischer “Realismen” sowohl auf for­maler als auch auf inhaltlicher Ebene[17] expliziter auf als in anderen. So wird die deutsche realistische Literatur des 19. Jahrhunderts unter dem Begriff des “poe­tischen Realismus” oder “Ideal-Realismus” zusammengefasst.[18] [19] Sogar bei Fon­tane, dessen “bürgerlicher Realismus” innerhalb der deutschen realistischen Lite­ratur “den englischen Realisten am nächsten steht”[20], findet sich eine idealistisch­romantische Tendenz. Seiner Meinung nach sei “die Romantik [...] nicht aus der Welt zu schaffen, sie vertrage sich sehr gut mit dem “Realismus”; dieser schaffe nur die “falsche Romantik” aus der Welt, “die Romantik, die keine ist”.[21] [22]

Als Gegenpol zum deutschen “poetischen Realismus”, was das Verhältnis zur ex­pliziten Idealisierung angeht, stellt wohl die französische realistische Literatur dar. Eine zentrale Rolle für die Realismusdebatte in Frankreich spielte der Maler Gu­stave Courbet.[23] Er deklarierte “die Verneinung des Ideals” als “Kernpunkt des Realismus”.[24] Den geringsten Grad an expliziter Idealisierung in der französichen realistischen Literatur erreichte Flaubert mit seinem auf wissenschaftlichen Me­thoden beruhenden Stil der “impersonnalité, impassibilité und impartialité”[25]. Da­durch wird in hohem Maße die Illusion einer Objektivität erreicht, mit der eine nicht idealisierte und nicht ideologisierte Welt dargestellt zu werden scheint. Im Endeffekt ist es jedoch nur eine Illusion, die auf bestimmten Verfahren beruht.

3 Räume in der realistischen Literatur

Wie weiter oben fest gesteht, sind der Entwurf und die Darstellung von Räumen ein wichtiger Faktor für die Realitätsnähe eines Textes und die Realitätsillusi­on, die er zu schaffen vermag. Diese sind schon dadurch gegeben, dass die Dar­stellung eines Raumes die Dreidimensionalität der menschlichen Wahrnehmung widerspiegelt und seine Gestaltung mit den Zeichen einer fiktiven Zeit ermög­licht. Zudem lassen sich bei der räumlichen Ausgestaltung einer Handlung sehr gut narrativ scheinbar funktionslosc Details cinflcchtcn, die Roland Barthes für den Realismuseffekt verantwortlich macht. Jedoch sind die Räume der Literatur, wie alle Komponenten eines literarischen Textes, fiktive Konstruktionen, die auf einer Auswahl und einer bestimmten Komposition beruhen und auf eine bestimm­te Wirkung hin ausgelegt sind. Sie haben haben vielfältige Funktionen innerhalb eines literarischen Textes.

Bachtin hebt die Bedeutung der Chronotopoi für die Sujetbildung im Roman hervor.[26] Diese Bedeutung können sie dadurch gewinnen, dass die Romanhandlung sich innerhalb ganz bestimmter Räume, in denen sie ihre konkrete und unverwech­selbare Gestalt annimmt, entwickelt.[27] Dadurch, dass sie zum Aufbau des Sujets mit beitragen, haben die Chronotopoi auch eine entscheidende Funktion bei der realistischen Wiedergabe von Vorgängen und Entwicklungen. Bachtins Meinung nach lassen sich mit Hilfe des Sujets nämlich “räumlich-sinnliche Erscheinungen in ihrer Bewegung und ihrem Werden”[28] darstellen. Diese Darstellung von individu­ellen, nicht formal vor geschriebenen Entwicklungen hält er für eines der entschei­denden Merkmale, das den Roman, der für ihn eine moderne Erscheinung ist[29], vom Epos unterscheidet.[30] Bachtin zählt in seinen Überlegungen die verschiedenen genretypischen Chronotopoi des Romans auf. Dabei stellt er fest:

“Es sind dies spezifische romanhaft-epische Chronotopoi, die zur An- eignung der realen zeitlichen (im Extrem - der historischen) Wirk­lichkeit dienen und es ermöglichen, wesentliche Momente dieser Wirk­lichkeit widerzuspiegeln und in die künstlerische Ebene des Romans einzuführen.”[31]

Die Chronotopoi ermöglichen also nicht nur eine realistische Darstellung von Ent­wicklungen innerhalb von Sujets. Sie schaffen allgemein, nicht zuletzt, sondern vor allem durch ihre sujet bildende Funktion, eine Verbindung zwischen der menschli­chen Realität und einem literarischen Text und ermöglichen es, Erstere in Letzte­ren scheinbar zu “transportieren”. Damit werden die Chronotopoi zum Einen zu einem der wichtigsten Garanten dafür, dass ein Text im weitesten Sinne mimetisch und damit für Menschen überhaupt rezipierbar ist. Zum Anderen sind sie eines der wichtigsten Werkzeuge, um einen literarischen Text “realistisch” zu gestalten.

Was die Struktur der dargestellten Räume innerhalb eines Werkes angeht, so werden sie alle durch das Sujet, sowohl auf der diegetischen, als auch der metadie- getischen Ebene, miteinander verbunden und in ein semantisches Abhängigkeits­verhältnis zu einander gestellt. Auch befinden sich die Räume eines literarischen Textes mit den anderen Komponenten des Textes, wie Figuren, Handlung, Zeit­gestaltung, usw., in einem ständigen Wechselspiel. Sie nehmen Einfluss auf die Wahrnehmung dieser Komponenten, werden von diesen um bestimmte Sinnnuan­cen erweitert und tragen somit ihren Teil zum Sinnganzen des Textes bei.

Zum Einen dadurch, dass sie mit anderen Textkomponenten, die das Ergebnis von Konstruktionen sind, in Verbindung stehen und zum anderen, weil sie selbst auf einen bestimmten Effekt hin konstruiert sind, sind die Räume innerhalb eines literarischen Textes niemals wertfrei. Es sind stets idealisierte und mehr oder weniger ideologisierte Räume. Auch Bachtin stellt fest, dass “in der Kunst und Literatur, alle Zeit- und Raumbestimmungen [...] stets emotional-wertmäßig gefärbt sind.”[32]

Das heißt, dass die literarischen Räume bestimmte Denkmuster, Gedanken- und Gefühlskomplexe repräsentieren und der Text den Leser durch bestimmte Verfah­ren dazu zu bewegen versucht, diese bei ihrer Rezeption mehr oder weniger zu reproduzieren. Innerhalb der realistischen Literatur besteht eines dieser Verfah­ren darin, dass die Texte den Eindruck erwecken, eine bewusstseinsunabhängige Realität abzubilden, und dadurch in hohem Maße als objektiv und “wahr” er­scheinen. Neben dem, was dem Leser tatsächlich als real und realistisch erscheint, wird das Ideal und die Ideologie oft unbemerkt und unreflektiert “mitrezipiert”. Dabei werden auch in der realistischen Literatur Räume oft idealistisch und ideo­logisch geradezu aufgeladen. Dies geschieht zum Einem schon durch die Wahl eines bestimmten Raumes, zum Anderen durch die Elemente, die zu seiner Cha­rakterisierung herangezogen und die Art wie sie beschrieben werden. Zudem wird die Wahrnehmung eines literarischen Raumes durch seine Sinnbezüge zu anderen Räumen und durch die Haltung und die Aussagen der verschiedenen dargcstclltcn Figuren beeinflusst.

4 Geographische Räume

Dabei scheint unter Anderem besonders der Chronotopos des geographischen Raumes für die Potenzierung des idealistischen und ideologischen Sinnes geeignet zu sein. Das liegt eventuell daran, dass geographische Räume in vielerlei Hinsicht Bedeutung für den Menschen haben können: zum Beispiel im politischen Sinn, im ökonomischen, im wissenschaftlichen, im religiösen, als Identifikationsfaktor im Sinne von Herkunft, Heimat und Zuhause und vieles mehr. Jeder dieser Bereiche wird von seinen eigenen Idealen und Ideologien bestimmt. Als Folge erscheinen geographische Räume oft als semantisch überaus aufgeladen. Ein geographischer Raum ist in der Wahrnehmung des Menschen stets von einem ganz bestimmten Bewusstsein geprägt, er ist niemals wertfrei. In diesem Bewusstsein vereinigen sich kollektive und kulturell bestimmte Konzepte mit individuellen Überlegungen und Gefühlen zu einem komplexen System.

Der geographische Raum stellt für den Menschen eine bestimmte Ausprägung des dreidimensionalen Raumes dar. So wie er sich, und sein ganzes Dasein im dreidimensionalen Raum einordnet, ordnet er sich auch im geographischen Raum, und gleichzeitig in dem Wertesystem, das er für ihn ausdrückt, ein. Daher kann ein realistischer Text, der sich zum Ziel setzt, eine menschliche Realität möglichst ganz zu erfassen, es kaum vermeiden, geographische Dimensionen des Raumes wiederzugeben und damit auch die Semantik, die mit ihnen verbunden ist. Die realistische Literatur des 19. Jahrhunderts versucht jedoch nicht nur, die Beschrei­bung geographischer Räume nicht zu vermeiden, sondern setzt sie in großem Maße ein und forciert sogar ihre Semantisierung und damit ihre Idealisierung, Symboli- sierung und Ideologiesierung.

In diesem Zusammenhang stellt Franco Moretti in seinem Buch “Atlas des eu­ropäischen Romans”[33], in dem er versucht, eine Beziehung zwischen der Geogra- phie literarischer Texte und ihrer narrativen Struktur herzustellen, und zu diesem Zweck vor allem die europäischen Romane des 19. Jahrhunderts untersucht, fest, dass “die Geographie eine entscheidende Rolle beim Zustandekommen von Literatur spielt”[34].

Mit Bachtin kommt er zu der Überzeugung, dass die Handlung des modernen Romans und damit auch sein Genre in entscheidendem Maße von den Örtlich­keiten abhängen, an denen diese Handlung stattfindet,[35] [36] und dass allgemein seine narrative und sogar die stilistische Struktur ganz entscheidend von der Ka­tegorie des Räumlichen mitgeprägt werden.[37] Die Geographie umschließt dabei einen besonderen Bereich, der ganz bestimmten Gesetzen, die sich narrativ sehr gut verwerten lassen[38] und deren Darstellung im Roman des 19. Jahrhunderts den Anforderungen der Zeit entsprach, folgt. Die wichtigste dieser Anforderungen war Morettis Meinung nach die Bildung des Nationalstaates. Tatsächlich scheint die narrative Verwendung der Geographie für die Konstruktion einer Nationalstaat­lichkeit sehr gut geeignet zu sein, denn sie wird sehr oft sowohl von integrativen als auch desintegrativen Momenten bestimmt. Moretti kommt zu dem Schluss, dass der Roman die einzige symbolische Form des Nationalstaates sein konnte und da­mit auch eine seiner wichtigsten integrativen Formen war.[39] Wie man sehen kann, schreibt auch Moretti dem Raum und vor allem dem geographischen Raum im Roman eine Konstruiertheit auf einen bestimmten Effekt hin, im 19. Jahrhundert die Abbildung und Bildung des Nationalstaates, zu. Er geht sogar noch weiter und bezeichnet den Roman ganz allgemein als “Brücke [...] zwischen der kalten Welt des modernen Wissens und der verzauberten Topographie der magischen Fbüe/”[40].

Das heißt, dass Moretti die Funktion des Raumes im realistischen Roman nicht als ausschließlich objektivierende und realistische bestimmt, sondern vor allem als idealisierende, verklärende[41] und sogar mythisch-magische.

[...]


[1] vgl. dazu Bachtin, Michail: Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen zur historischen Poetik. Frankfurt a.M. 1989. S 209.

[2] Ebd. S 192.

[3] Ebd. S 201.

[4] Ebd. S 191.

[5] Lauer, Reinhard: Der europäische Realismus. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Band 17. von See, Klaus (Hrsg.). Wiesbaden. 1980. S 12-13.

[6] eEbd. S 12.

[7] Lampart. F.: Realismus. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Ueding, Gert (Hrsg). Band 7. Tübingen. 2005. S 621.

[8] Aust, Hugo: Literatur des Realismus. Stuttgart. 2000. S 27.

[9] °Ebd. S 29.

[10] Lampaxt: Realismus. S 623.

[11] Barthes, Roland: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt a.M.. 2006. S 164-172.

[12] Lampaxt: Realismus. S 624.

[13] Aust: Literatur des Realismus. S 42.

[14] Ebd. S 27 / S 53.

[15] Lauer: Der europäische Realismus. S 12.

[16] Lampaxt: Realismus. S 623.

[17] Aust: Literatur des Realismus. S 53.

[18] Lauer: Der europäische Realismus. S 22.

[19] Lampaxt: Realismus. S 634.

[20] Ebd. S 634.

[21] zitiert nach Hillebrand, Bruno: Mensch und Raum im Roman. Studien zu Keller, Stifter, Fontane. München. 1971. S 269.

[22] oder auch: “Die Romantik kann nicht aus der Welt geschafft werden und in einer neuen Gestalt, oder vielleicht auch in ihrer alten oder nur wenig gemodelten, wird sic (denn sic verträgt sich sehr gut mit dem Realismus, was man an den echten Romantikern studieren kann) aufs neue ihren siegreichen Einzug halten, aber die rechten gläubigen Dichter müssen erst wieder dafür erweckt werden, dann werden sie auch das Publikum zu erwecken im Stande sein. Solange die Romantik aber nur ein Geschäft ist, hat sie verspielt; sie wird siegen, wenn sie wieder ein lebendiges Gefühl geworden ist.” zitiert nach Osinski, Jutta: Romantikbilder und patriotische Gesinnung in Fontanes “Vor dem Sturm”. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Hofmann, Michael / Steinecke, Hartmut (Hrsg.). Band 123. Sonderheft. Berlin. 2004. S 142-152. Zitat S 151.

[23] Lampart: Realismus. S 630.

[24] Lauer: Der europäische Realismus. S 13.

[25] Lampaxt: Realismus. S 632.

[26] Bachtin: Formen der Zeit im Roman. S 200-202.

[27] Ebd. S 200-201.

[28] Ebd. S 202.

[29] Ebd. S 210 - 251.

[30] Ebd. S 214 / S 218 / S 236-237 / S 240 / S 242 / S 247.

[31] Ebd. S 202.

[32] Ebd. S 192.

[33] Moretti, Franco: Atlas des europäischen Romans. Wo die Literatur spielte. Köln. 1999. S 13-101.

[34] Ebd. S 13.

[35] Bachtin: Formen der Zeit im Roman. S 201.

[36] Moretti: Atlas des europäischen Romans. S 51 / S 98.

[37] Ebd. S 58-67 / S 98-100.

[38] 3SEbd. S 33.

[39] Ebd. S 28-30.

[40] Ebd. S 100.

[41] Zum Begriff der Verklärung siehe auch Aust: Literatur des Realismus. S 53-55.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion geographischer Räume in den Romanen "Krieg und Frieden" von Lev Tolstoj und "Vor dem Sturm" von Theodor Fontane
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Slavisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Der realistische Roman
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
39
Katalognummer
V87785
ISBN (eBook)
9783638066228
ISBN (Buch)
9783640211548
Dateigröße
1475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Vergleich, Darstellung, Funktion, Räume, Romanen, Krieg, Frieden, Tolstoj, Sturm, Theodor, Fontane, Hauptseminar, Roman
Arbeit zitieren
Katharina Friesen (Autor), 2006, Analyse und Vergleich der Darstellung und Funktion geographischer Räume in den Romanen "Krieg und Frieden" von Lev Tolstoj und "Vor dem Sturm" von Theodor Fontane, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87785

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