Die von Aristoteles in seiner Schrift De Anima getroffene Definition der Seele bildet den Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit. Die Definition befindet sich am Anfang des zweiten Buches in den Kapiteln 1-4, zu Beginn der Untersuchung über die einzelnen Seelenvermögen.
Im ersten Buch beginnt Aristoteles, indem er hinsichtlich seiner Vorgehensweise die Punkte benennt, die bei der Untersuchung zu beachten sind:
"Zuerst muss man wohl klären, in welcher von den (kategorialen) Gattungen sie (=die Seele) auftritt und was sie ist, nämlich ob sie ein Dies-da (Einzelding) und Wesen (Substanz) ist, oder etwas Qualitatives und Quantitatives, oder auch eine andere von den unterschiedlichen Kategorien, ferner ob sie zu dem in Möglichkeit Seienden gehört, oder ob sie eine Vollendung (Wirklichkeit) ist; denn dies macht keinen geringen Unterschied aus."(Zitat: an402a23-b1)
An dieses erste Kapitel, welches die Problemstellung erörtert, schließt sich in den Kapiteln 2-5 eine kritische Auseinandersetzung mit den Ansichten seiner Vorgänger an. Diese Auseinandersetzungen bilden allerdings nicht die Grundlage, für die im zweiten Buch aufgestellte Definition der Seele. Vielmehr greift Aristoteles dort auf sein Verständnis von ousía zurück, wie er es in den Metaphysikschriften erklärte, um mit Hilfe seines aus der Metaphysik übernommenen Hylemorphismus, anhand der zentralen Begriffe von hyle, morphe, dýnamis und entelécheia zur Definition der Seele zu gelangen.
Die in Buch II gemachte Definition der Seele bereitet aber nun mehrere Probleme: Zum einen ist es der Charakter der "Vorlesungsnotizen", der ein Nachvollziehen der Beweisstruktur erschwert. Dabei soll durch Rückgriffe, auf anderen Orts getroffene Bestimmungen, das Verständnis des Textes erleichtert werden. Zum anderen gibt es in Buch II mindestens zwei verschiedene Ansätze zu einer Definition der Seele. Deren Ansprüche und Funktionen werden untersucht und falls möglich in einen gemeinsamen Zusammenhang gestellt.
Eines der berühmtesten Probleme in Aristoteles De Anima ist die Umschreibung der Seele, mit Hilfe des Begriffs der "próte entelécheia". Dieser ist zugleich auch ein gutes Beispiel für Aristoteles Hang zu Begriffsbildungen, die häufig nur an vereinzelten Stellen auftauchen und ein Verständnis des Textes erschweren. Demzufolge befasst sich auch ein großer Teil der Literatur mit dieser Definition der Seele als próte entelécheia.
Inhaltsverzeichnis
1. HINFÜHRUNG
2. DIE DEFINITIONEN DER SEELE
2.1. DER RAHMEN DER SEELENDEFINITIONEN
2.2. DAS AUFGREIFEN DER ONTOLOGIE AUS DER METAPHYSIK
2.3. DIE DEFINITION α
2.4. DER "ALLGEMEINSTE BEGRIFF" DER SEELE
2.5. DIE DEFINITION β
2.6. EINE ZUSAMMENFÜHRUNG DER DEFINITIONEN
3. SCHLUSSBEMERKUNG
4. LITERATURVERZEICHNIS
4.1. PRIMÄRTEXTE:
4.2. SEKUNDÄRLITERATUR:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aristotelische Definition der Seele in der Schrift De Anima, wobei der Fokus auf der Analyse der beiden von Aristoteles entwickelten Definitionsansätze liegt. Die zentrale Forschungsfrage beschäftigt sich damit, aus welchen Gründen Aristoteles zwei unterschiedliche Ansätze zur Definition der Seele verfolgt, wie diese zueinander in Beziehung stehen und wie sie mithilfe moderner Interpretationsansätze, insbesondere von Johannes Hübner und Robert Bolton, in einen kohärenten Zusammenhang gebracht werden können.
- Analyse des aristotelischen Hylemorphismus im Kontext der Seelendefinition.
- Differenzierung und Untersuchung der Definitionen α und β.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Interpretation der Seele als "erste Vollendung" (próte entelécheia).
- Vergleich der funktionalistischen Deutung mit dem Ansatz der "organischen Selbsterhaltung".
- Einordnung der Definitionen in nominale und reale Bestimmungstypen nach Robert Bolton.
Auszug aus dem Buch
2.3. Die Definition α
Der erste Beweisgang zur Definition der Seele, als einer Wesensbestimmung dem "allgemeinsten Begriffe" nach, beginnt mit der Identifikation der Seele als Form: "Notwendig also muss die Seele ein Wesen als Form(ursache) eines natürlichen Körpers sein, der in Möglichkeit Leben hat." (Zitat: an.412a 19-21)
Damit hat Aristoteles eine formelhafte Bestimmung gefunden, im Rahmen seines hylemorphistischen Modells, die er im Folgendem weiter konkretisiert: "Die Seele ist X eines natürlichen Körpers, der in Möglichkeit Leben hat". Für "X" setzt Aristoteles im nächsten Schritt "Vollendung" (entelécheia) ein, und bestimmt diese, nach einer eingeschobenen Unterteilung in eine erste und zweite Vollendung, als "erste Vollendung"(próte entelécheia): "Die Seele ist die erste Vollendung eines natürlichen Körpers, der in Möglichkeit Leben hat, und zwar von der Art, wie es der organische ist." (Zitat: an.412a 27-b1)
Ehe die Frage nach dem Charakter dieser Wesensbestimmung gestellt werden kann, muss auf spezifische Probleme der Definition eingegangen werden. Zum einen sind dies die hier vorausgesetzte, qualifizierende Identifikation der Seele mit dem Leben, und zum anderen die Differenzierung in eine erste und zweite Vollendung. Die Identifikation von Seele und Leben wird an dieser Stelle von Aristoteles nicht gesondert hervorgehoben. Er führt aus, dass bei dem lebenden, natürlichen Körper, als Zusammengesetzten aus Form und Materie, nicht in der Materie die Ursache für das Leben enthalten sein kann, sondern diese erst durch die Form der Möglichkeit nach hinzukommt. An anderer Stelle hob Aristoteles hingegen die Bedeutung der Seele als Prinzip der Lebewesen bereits hervor, und holt diesen Beweis auch später im zweiten Kapitel nach, wenn er feststellt, dass das Beseelte gegenüber dem Unbeseelten durch das Leben ausgezeichnet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. HINFÜHRUNG: Die Einleitung erläutert die aristotelische Problemstellung bei der Definition der Seele in De Anima und führt die zentralen Begriffe seines hylemorphistischen Modells ein.
2. DIE DEFINITIONEN DER SEELE: Dieses Hauptkapitel analysiert die verschiedenen Ansätze des Aristoteles zur Seelendefinition unter Einbeziehung seiner metaphysischen Ontologie.
2.1. DER RAHMEN DER SEELENDEFINITIONEN: Es wird geklärt, wie die beiden Ansätze (α und β) inhaltlich zu unterscheiden sind und welche Funktion sie im Argumentationsgang von Buch II einnehmen.
2.2. DAS AUFGREIFEN DER ONTOLOGIE AUS DER METAPHYSIK: Dieser Abschnitt erläutert die Rückbindung der Seelenlehre an Aristoteles' Substanzbegriff sowie die Konzepte von Materie und Form.
2.3. DIE DEFINITION α: Das Kapitel untersucht die erste, formelhafte Bestimmung der Seele als "erste Vollendung" (próte entelécheia) eines natürlichen Körpers.
2.4. DER "ALLGEMEINSTE BEGRIFF" DER SEELE: Es wird kritisch hinterfragt, ob eine allgemeingültige Seelendefinition im Rahmen der aristotelischen Ontologie der ousía überhaupt widerspruchsfrei möglich ist.
2.5. DIE DEFINITION β: Dieses Kapitel behandelt den zweiten Ansatz zur Seelendefinition, der über die bloße Wesensbestimmung hinausgeht und die Seele als Ursache des lebenden Körpers bestimmt.
2.6. EINE ZUSAMMENFÜHRUNG DER DEFINITIONEN: Mithilfe der Unterscheidung von nominalen und realen Definitionen durch Robert Bolton werden die Ansätze α und β schlüssig miteinander verknüpft.
3. SCHLUSSBEMERKUNG: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und reflektiert den Wert der verschiedenen Interpretationsansätze zur Lösung des Widerspruchs in Aristoteles' Definitionslogik.
Schlüsselwörter
Aristoteles, De Anima, Seele, Definition, Hylemorphismus, próte entelécheia, Ontologie, Substanz, Lebensursache, nominale Definition, reale Definition, organische Selbsterhaltung, Funktionalismus, Vollendung, Wesensbestimmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Aristoteles in seiner Schrift De Anima die Seele definiert und warum er dabei unterschiedliche argumentative Ansätze wählt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die aristotelische Metaphysik, der Hylemorphismus, die Ursachenlehre sowie moderne Interpretationsweisen der aristotelischen Seelenkonzeption.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die zwei Definitionen α und β zu analysieren, deren logisches Verhältnis zu klären und diese mithilfe der Forschungsliteratur (insbesondere Hübner und Bolton) harmonisch zusammenzuführen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine interpretative Textanalyse, die Aristoteles' Primärtexte mit philosophiehistorischen Kommentaren und zeitgenössischen Ansätzen der analytischen Philosophie in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des ontologischen Rahmens, die detaillierte Analyse der beiden Seelendefinitionen sowie deren Zusammenführung durch das Definitionsmodell von Robert Bolton.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Aristoteles, Seele, Hylemorphismus, Vollendung, Substanz und die Unterscheidung zwischen nominaler und realer Definition geprägt.
Warum ist der Begriff "próte entelécheia" problematisch?
Der Begriff ist schwer zu interpretieren, da Aristoteles ihn selten verwendet und er sowohl Zustände der Möglichkeit als auch der tatsächlichen Ausübung von Fähigkeiten (wie Schlafen oder Wachen) umfasst, was Raum für unterschiedliche Deutungen lässt.
Wie unterscheidet Robert Bolton die beiden Seelendefinitionen?
Bolton klassifiziert die erste Definition (α) als nominale Definition, die einen ersten Umriss gibt, und die zweite (β) als reale Definition, die durch die Ursachenlehre eine tiefere Erklärung liefert.
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- M. A. Martin Hagemeier (Author), 2001, Aristoteles Definition der Seele in "De Anima II", 1-5, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87816