Auch eine Dekade nach dem Ende der Sowjetunion hat sich in Russland noch kein gefestigtes politisches System herausgebildet. In der Systemtypisierung wird die russische Demokratie mit Adjektiven wie delegativ, defekt oder illiberal bezeichnet, um auf den unvollendeten Prozeß der Systemtransformation oder die unzulängliche Umsetzung von demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen zu verweisen. Aber es ist fraglich, ob die noch nicht abgeschlossene Konsolidierung des russischen politischen Systems nur auf die institutionellen Faktoren der Umsetzung demokratischer Ideale zurückzuführen ist. Kann sich nicht vielmehr die Erfahrung jahrzehntelanger autoritärer Herrschaft negativ auf die Entwicklung der Demokratie in Russland ausgewirkt haben?
Um Hintergründe für diese Entwicklungen aufzuspüren ist das Konzept der politischen Kultur hilfreich. Es wurde in den 60er Jahren von den Soziologen Almond und Verba entwickelt, um die Stabilität von Demokratien zu erforschen. Dabei bedienten sie sich der Methode der Einstellungsforschung, um die subjektive Dimension der Gesellschaft, hinsichtlich ihrer Werte und Einstellungen gegenüber dem politischem System, zu ana-lysieren. Eine solche Untersuchung versucht zu ermitteln, in welchem Maße sich de-mokratische Ideale in der Bevölkerung verfestigt haben, und inwiefern diese Ideale mit der Unterstützung des politischen Systems korrespondieren.
An die Untersuchung der russischen politischen Kultur knüpfen zwei interessante Fragen an, welche ich in meine Hausarbeit aufnehmen möchte. Russland steht vor dem Problem der Gleichzeitigkeit von politischer und ökonomischer Transformation. Inwiefern wirken sich unter solchen Bedingungen die negativen Ergebnisse der ökonomischen Transformation auf die Wahrnehmung und Beurteilung des politischen Systems aus, bzw. inwiefern ist die ökonomische Entwicklung die Bedingung für eine Stärkung der Demokratie?
Erschwerend kommt hinzu, dass die politische Kultur durch die historische Erfahrung der Sowjetunion geprägt ist und man in Rußland nicht auf praktizierte demokratische Erfahrungen zurückblicken kann. Daher möchte ich im ersten Teil meiner Hausarbeit auf die historischen Bedingungen der russischen politischen Kultur eingehen, ehe ich mich im zweiten Teil den derzeitigen Einstellungen und Werten in Russland zuwende.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ZUKUNFT AUS DER VERGANGENHEIT?
2. TEIL: DIE POLITISCHE KULTUR RUSSLANDS
2.2. HIERARCHIE RUSSISCHER WERTE UND INTOLERANZEN
2.3. EINSTELLUNGEN GEGENÜBER DEM POLITISCHEM SYSTEM
2.4. DIE EINBEZIEHUNG IN DIE POLITIK – POLITISCHE PARTIZIPATION
2.5. AUSWIRKUNGEN DER ÖKONOMISCHEN TRANSFORMATION AUF DIE POLITISCHE KULTUR
3. SCHLUßBEMERKUNGEN
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der politischen Kultur in Russland nach dem Ende der Sowjetunion unter besonderer Berücksichtigung historischer Prägungen sowie der gleichzeitigen politischen und ökonomischen Transformation. Ziel ist es, die ambivalenten Einstellungen der Bevölkerung gegenüber dem demokratischen System, der marktwirtschaftlichen Ordnung und autokratischen Tendenzen zu analysieren.
- Historische Pfadabhängigkeiten und das Erbe autoritärer Herrschaft
- Struktur der russischen Wertehierarchie und soziale Toleranz
- Vertrauen der Bevölkerung in demokratische Institutionen
- Einfluss der ökonomischen Transformation auf die politische Partizipation
- Phänomen des politischen Skeptizismus und die Sehnsucht nach staatlicher Ordnung
Auszug aus dem Buch
2. Zukunft aus der Vergangenheit?
Die vielleicht wagemutigste These, die mir zur Entwicklung der politischen Kultur in Russland bekannt ist, wurde von Iwan Iljin vorgetragen:
“Wahrscheinlich hätte Cäsar in seinem letztgeplanten Feldzug, - Kleinasien, Partherland (Iran), Kaukasus, “Skythien”, - das römische Recht auch nach “Skythien” gebracht und das künftige Russland zur entlegensten der römischen Provinzen gemacht... Der Dolchstoß des Brutus (44 vor Chr.) hatte es jedoch verhindert und Ost-Europa auch in dieser Hinsicht abseits von der römischen Kultur gelassen.”
Damit greift Iljin unter anderem auf die Debatten zwischen Slawophilen und Westlern zurück und macht sich damit, in den 1940er Jahren, zum Fürsprecher von unausweichlichen Eigenarten die “dem” russischen Volk inhärent sind und es vom restlichen Europa unterscheidet.
Unter der Fragestellung inwiefern sich die jahrzehntelange Erfahrung autoritärer Herrschaft auf die politische Kultur eines Volkes auswirkt, greifen andere Autoren “nur” auf die zaristische und sowjetische Vergangenheit zurück, um sich der jetzigen Situation in Russland zu nähern. Nimmt man an, dass sich die postkommunistischen Staaten wie die westeuropäischen Staaten entwickeln sollten, trüben die Aussagen der politischen Kulturforschung das Bild und werden leicht als Rückschritt zur kommunistischen Vergangenheit gedeutet.
In einer mentalitätsgeschichtlichen Annäherung besteht die Gefahr einer zu kausalistischen Darstellung, aber es existieren historische Konstanten in der politischen Kultur, welche die Implementierung und Akzeptanz demokratischer Institutionen und Prozesse erschweren. Zwei Punkte möchte ich dabei hervorheben, die sich als Erbe der russischen Vergangenheit auf die jetzige Situation auswirken. Dies ist zum einen der autoritär Charakter der Macht und zum anderen die Vorrangstellung des Staates gegenüber der Gesellschaft. Beide zeigen sich heute in dem Wunsch nach einer starken Führungspersönlichkeit und der weitverbreiteten Präferenz staatlicher Ordnung, zur Bewältigung anstehender Probleme.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Schwierigkeiten der Systemtransformation in Russland und führt das Konzept der politischen Kultur ein, um den Einfluss historischer autoritärer Erfahrungen auf die junge Demokratie zu hinterfragen.
2. ZUKUNFT AUS DER VERGANGENHEIT?: Dieses Kapitel analysiert historische Konstanten der russischen politischen Kultur, insbesondere den autoritären Charakter der Macht und die Vorrangstellung des Staates.
2. TEIL: DIE POLITISCHE KULTUR RUSSLANDS: Dieser Hauptteil widmet sich der empirischen Untersuchung gegenwärtiger Werte, der systemkritischen Einstellung der Bevölkerung und dem Partizipationsverhalten.
2.2. HIERARCHIE RUSSISCHER WERTE UND INTOLERANZEN: Es wird dargelegt, dass Familie und Arbeit zentrale Werte darstellen, während Toleranz gegenüber sozialen Minderheiten nur schwach ausgeprägt ist.
2.3. EINSTELLUNGEN GEGENÜBER DEM POLITISCHEM SYSTEM: Die Analyse zeigt einen tiefen politischen Skeptizismus, bei dem zwar Demokratie abstrakt befürwortet wird, das aktuelle System jedoch auf mangelndes Vertrauen stößt.
2.4. DIE EINBEZIEHUNG IN DIE POLITIK – POLITISCHE PARTIZIPATION: Das Kapitel untersucht das Wahlverhalten und die Rolle politischer Parteien, wobei eine starke Orientierung an Führungspersönlichkeiten bei gleichzeitig schwacher Parteienbindung konstatiert wird.
2.5. AUSWIRKUNGEN DER ÖKONOMISCHEN TRANSFORMATION AUF DIE POLITISCHE KULTUR: Hier wird die Korrelation zwischen der Unzufriedenheit mit ökonomischen Reformen und der negativen Bewertung des politischen Systems aufgezeigt.
3. SCHLUßBEMERKUNGEN: Das Fazit fasst das Dilemma zwischen befürworteten demokratischen Werten und der Sehnsucht nach einem starken, ordnungspolitisch intervenierenden Staat zusammen.
Schlüsselwörter
Politische Kultur, Russland, Systemtransformation, Demokratisierung, Politische Partizipation, Wertehierarchie, Autoritäre Herrschaft, Ökonomische Transformation, Institutionelles Vertrauen, Parteiensystem, Zivilgesellschaft, Transformation, Transformationprozess, Politische Einstellung, Markttransformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung der politischen Kultur in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und untersucht, wie historische Prägungen sowie der aktuelle ökonomische Wandel die Wahrnehmung von Demokratie und Staat beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Wertehierarchie der russischen Bevölkerung, das Vertrauen in politische Institutionen, das Wahlverhalten und die Auswirkungen der Marktwirtschaft auf die politische Stabilität.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, inwiefern die Erfahrung jahrzehntelanger autoritärer Herrschaft und die gleichzeitige ökonomische Transformation die Konsolidierung demokratischer Ideale in Russland erschweren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf die Methode der Einstellungsforschung und wertet verschiedene Umfrageergebnisse (wie vom ROMIR Institut und New Russia Barometer) aus, um die subjektive Dimension der Gesellschaft zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der politischen Kultur, eine detaillierte Untersuchung der Werte und Toleranz, die Einstellungen zum politischen System sowie das Partizipationsverhalten der Bürger unter dem Druck ökonomischer Umbrüche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie politische Kultur, Systemtransformation, Demokratisierung, politische Partizipation und die Wechselwirkung von ökonomischem Wandel und politischen Einstellungen geprägt.
Wie steht es um das Vertrauen der Russen in ihre neuen Institutionen?
Das Vertrauen in öffentliche Institutionen wie das Parlament oder die Justiz ist äußerst gering, während das Bildungssystem und das Militär ein höheres Maß an Vertrauen genießen.
Wie beeinflusst das "Phänomen Putin" die Wahrnehmung von Recht und Ordnung?
Die Popularität Putins wird auf seine Rolle als "Mann des Handelns" zurückgeführt, der den Wunsch nach einer "Diktatur des Gesetzes" und einer effektiven, ordnungsschaffenden Staatsführung bedient.
- Citation du texte
- M. A. Martin Hagemeier (Auteur), 2002, Die politische Kultur Russlands, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87817