Die Anwendung von anerkannten Meinungen (endoxa) in der Philosophie Aristoteles’


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die endoxa in der Topik
2.1. Endoxa als Basis der dialektischen Deduktion
2.2. Wann X ein endoxon ist
2.3. Der Nutzen der endoxa in der Topik

3. Die endoxa in der aristotelischen Philosophie
3.1. Thithenai ta phainomena
3.2. Die Methode der endoxa
3.3. Die endoxa und die ersten Prinzipien der Wissenschaft

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

An mehreren Stellen im Corpus aristotelicum werden Sätze erwähnt, die als endoxa bezeichnet werden. Damit sind Sätze gemeint, die eine anerkannte Meinung zum Ausdruck bringen. Indem sie durch eine Autorität Anerkennung zugesprochen bekommen, unterscheiden sich endoxa von Sätzen die "bloß" eine Meinung (doxa) vertreten. Diese Autorität wird entweder qualitativ oder quantitativ begründet. Demnach ist ein Satz ein endoxon, wenn er entweder von vielen Leuten angenommen wird, oder von wenigen, dafür aber besonders angesehenen Leuten.

Durch ihre autoritative Legitimation gewinnen sie für Aristoteles an Interesse, weil sie in die Nähe von beweiskräftigem Wissen über eine Sache rücken. Sie haben nicht den gleichen Anspruch an Richtigkeit und Wahrheit wie ein Beweis, aber in ihren jeweiligen Gebieten können sie ähnliche Funktionen erfüllen.

Das Anliegen meiner Hausarbeit besteht darin, die Bedeutung der endoxa in der aristotelischen Philosophie zu untersuchen. Dabei setzte ich drei besondere Schwerpunkte. Zunächst werde ich auf das erste Buch der Topik eingehen und die Gründung der Dialektik auf endoxa besprechen. In diesem Buch der Topik geht Aristoteles erläuternd auf die endoxa ein, und erklärt ihren Nutzen für die dialektische Deduktion.

Der zweite Schwerpunkt ist die Anwendung der endoxa in der Ethik. G.E.L. Owen entdeckte, dass mit den in der Nikomachischen Ethik angesprochenen phainomena, in erster Linie nicht empirische Tatsachen gemeint sind, sondern die endoxa, als Ausdruck von Erkenntnis. Jonathan Barnes geht auf dieses Problem ein, und konzipiert eine aristotelische Methode der endoxa, die ich besprechen möchte.

Der dritte Schwerpunkt soll die Relevanz der endoxa, für die Auffindung der ersten Prinzipien der Wissenschaften klären. Aristoteles erwähnt diesen besonderen Nutzen nur nebenbei in der Topik und bleibt eine genauere Klärung schuldig. Unter Einbeziehung von C.D.C. Reeves Buch „Practise of reason“, werde ich versuchen diese epistemologische Basis der aristotelischen Philosophie darzustellen.

2. Die endoxa in der Topik

2.1. Endoxa als Basis der dialektischen Deduktion

Aristoteles beginnt die Topik mit der Angabe des zu erreichenden Zieles. Er will eine allgemeine Methode entwickeln, mit deren Hilfe aus endoxa Deduktionen gebildet werden können. Anhand von formalen Regeln, soll es einerseits ermöglicht werden zu jedem beliebigem Problem Deduktionen zu bilden und andererseits sollen diese Regeln vor Widersprüchen in der Argumentation bewahren[1]. Die Beliebigkeit der vorgelegten Probleme stellt Aristoteles Methode nicht in die Nähe der Vorgehensweise der Sophisten. Gegen diese grenzt er sich vielmehr ab, indem er an die Form des dialektischen Übungsgespräches (gymnasia) anknüpft, wie es in der Akademie abgehalten wurde[2].

Einleitend stellt Aristoteles die drei Arten der Deduktion vor: die apodiktische, die dialektische und die eristrische Deduktion. Das entscheidende Charakteristikum, der verschiedenen Arten der Deduktionen, sind die jeweils zugrunde liegenden Sätze. An der wissenschaftlichen Arbeitsweise der Deduktion werden keine Änderungen vorgenommen. Der Ausgang der apodiktischen Deduktion liegt weiterhin in ersten und wahren Sätzen, den Prinzipien und Axiomen der Wissenschaften[3]. Die Prämissen der dialektischen Deduktion hingegen, werden aus endoxa gebildet. Die Differenz, die Aristoteles zwischen den Prämissen der apodiktischen und dialektischen Deduktion ausmacht, ist die unterstellte Selbstevidenz der ersten und wahren Sätze (archai) die nicht in den endoxa enthalten ist. Die endoxa selbst gewinnen erst an Beweiskraft und Legitimation, durch eine von außen zugesprochene Autorität.

Die eristrischen Deduktionen wiederum unterscheiden sich von den dialektischen Deduktionen, indem sie aus Prämissen gebildet werden, die entweder nur scheinbar die Position einer anerkannten Meinung einnehmen, oder die nur scheinbar aus einer solchen deduziert werden[4]. Weil ihr Wahrheitsgehalt allerdings nicht mehr mit den wahren und ersten Sätzen des Beweises oder den anerkannten Meinungen der Dialektik zu vereinbaren ist, lehnt Aristoteles die eristrischen Deduktionen ab.

Aber welcher Wahrheitsanspruch steckt für Aristoteles in den Prämissen der dialektischen Deduktion? Wenn nicht mehr erste und wahre Sätze den Ausgang der Deduktion bilden, sondern „nur“endoxa, kann dann noch der gleiche Wahrheitsanspruch an die dialektische Deduktion gelegt werden? Auch wenn sich die dialektische Deduktion weiter an das in der Analytika priora beschriebene Modell hält[5], bleibt fraglich ob Aristoteles dadurch nicht zugleich einen „bescheideneren Wahrheitsbegriff“[6] einführt. Ebenso steckt in diesem Problem, ein weiterer Einspruch, der sich gegen Aristoteles erheben lässt: Die Verwendung von endoxa legt die Vermutung nahe, das Aristoteles zu einem Common Sense Denker wird, der eine Konsenstheorie der Wahrheit etablieren will.

2.2. Wann X ein endoxon ist.

Aristoteles wird durch die Verwendung von endoxa nicht zu einem Common Sense Denker. Dies geht bereits aus den Kriterien hervor, die endoxa erfüllen müssen, ehe sie als Prämissen einer dialektischen Deduktion verwendet werden können:

„Anerkannte Meinungen sind dagegen diejenigen, die entweder von allen oder den meisten oder den Weisen und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten und anerkanntesten für richtig gehalten werden.“ (Zitat Top. 100 b21-22)

Endoxa sind die vertretenen Positionen, die entweder quantitativ durch eine Vielzahl von Leuten als richtig legitimiert werden, oder qualitativ von „Weisen“ als richtig angesehen werden[7]. Dabei gibt es zusätzlich den Vorrang bestimmter besonders bekannter oder anerkannter Meinungen. Diese Erklärung erscheint auf den ersten Blick zirkulär[8]. Eine Meinung gilt als anerkannt, weil sie vielen bekannt ist, deren Bekanntheit wiederum durch ihre Anerkennung gesteigert wird. Es liegt aber die Interpretation nahe, dass Aristoteles vielmehr auf die unterschiedliche Relevanz der Personen oder Gruppen zielt, welche die endoxa aufstellen. Um diese Relevanz zu klären, ist ein Blick auf Aristoteles Epistemologie hilfreich. Es zeigt sich dabei eine „sympathische“ Seite an Aristoteles, wenn er jedem grundsätzlich die Fähigkeit zuspricht, etwas zur Erforschung der Wahrheit beizutragen:

„Die Erforschung der Wahrheit ist in einer Rücksicht schwer, in einer anderen leicht. Dies zeigt sich darin, dass niemand sie in genügender Weise erreichen, aber auch nicht ganz verfehlen kann, sondern ein jeder etwas Richtiges über die Natur sagt, und wenn sie einzeln genommen nichts oder nur wenig zu derselben beitragen, so ergibt sich aus der Zusammenfassung aller ein gewisse Größe.“ (Zitat Met.993a30-b4)

Dies ist Aristoteles beharrliche Ansicht, dass wir Menschen einen natürlichen Zugang zur Wahrheit haben. Und weil wir grundsätzlich in der Lage sind, zu Wissen zu gelangen, haben unsere Meinungen einen besonderen Stellenwert in philosophischen Untersuchungen[9].

Dieses Zitat lässt sich allerdings auch dazu verwenden, um Aristoteles in die Nähe einer Common Sense Theorie zu stellen. Mit einer anderen Übersetzung des griechischen ta endoxa, kann der Stellenwert der endoxa geschmälert werden. Ausgangspunkt ist hierfür, wie Jonathan Barnes bemerkt, die von Boethius angefertigte lateinische Übersetzung der Topik. Boethius übersetzt das griechische Adjektiv endoxos mit probabilis, woraus sich eine Übertragung auf ta endoxa machen lässt. Endoxa werden in diesem Falle als „wahrscheinliche Meinungen“ oder „plausiblen Meinungen“ aufgefasst[10]. Auf diese Weise wird aber eine wichtige Grundbestimmung der endoxa unterschlagen. Aristoteles zielt nicht nur auf den Inhalt eines endoxon, der in jedem Punkt anders sein kann, sondern vorwiegend auf die Quelle, durch die eine doxa erst zu einer anerkannten Meinung wird. Eine in der dialektischen Deduktion vorgetragenen Meinung ist abhängig von den Kriterien der Anerkennung, die sich an den Vortragenden richten.

Das sich hierin kein originärer Ansatz einer Common Sense Theorie verbirgt wird deutlich, wenn Aristoteles explizit die Autorität der endoxa anspricht: Mit „elitärer“ Betonung hebt Aristoteles hervor, dass nur die Meinungen der Weisen, der Angesehenen oder diejenigen Meinungen als endoxa gelten können, die ein gutes Argument haben. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Textstelle zu Beginn der Eudemischen Ethik.

[...]


[1] Vgl. Top. 100 a18f. Ich zitiere Aristoteles gemäß der üblichen Bekkerzitation. Die deutsche Übersetzung wurde von Christof Rapp und Tim Wagner besorgt, vgl. Aristoteles 2004.

[2] Vgl. Top. 101 a25f und Primavesi, 1996, S. 31.

[3] Vgl. Top. 100 a27f.

[4] Die zweite Art der eristrischen Deduktion gehört nicht mehr zu den Deduktionen, weil sie keinen richtigen syllogismos bilden. Die erste Art, mit den vorgetäuschten anerkannten Meinungen ist zwar als syllogismos noch formal richtig, fällt aber aus dem Rahmen, des von Aristoteles angestrebten Bereiches des wissenschaftlichen Arbeitens. Vgl. Top. 100 b23ff

[5] Vgl. an.pr. I cap.2-8, die Deduktion wird hier nicht anders definiert als in Top. 100a 25-27

[6] Zitat Höffe 1996, S.55

[7] So auch in Top. 104a8-12, EN 1095a28-30 und EN 1098b26-29

[8] Vgl. Barnes 1980, S. 510

[9] Vgl. Barnes 1980, S. 506-509

[10] Vgl. Barnes 1980, S. 498f

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Anwendung von anerkannten Meinungen (endoxa) in der Philosophie Aristoteles’
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Aritstoteles: Topik
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V87818
ISBN (eBook)
9783638033176
ISBN (Buch)
9783638931427
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anwendung, Meinungen, Philosophie, Aristoteles’, Aritstoteles, Topik
Arbeit zitieren
M. A. Martin Hagemeier (Autor), 2002, Die Anwendung von anerkannten Meinungen (endoxa) in der Philosophie Aristoteles’, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87818

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