Über Mary Kaldors These des sozialen Wandels in den neuen Kriegen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Bedingungen der neuen Kriege
2.1. Die Politik der Identität
2.2. Die Art der Kriegsführung
2.3. Die globalisierte Kriegswirtschaft

3. Kritik an der Theorie

4. Gewaltmärkte, ein Ergebnis sozialen Wandels

5. Schlussbemerkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit möchte ich das Phänomen der sogenannten neuen Kriege besprechen. In die Diskussion eingeführt wurde es unter anderem durch Veröffentlichungen von Mary Kaldor. Ihr Buch „Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung“ dient mir dabei als Ausgangspunkt.

Grob dargestellt kann man es als Gegenentwurf zum kulturellen Paradigma in der Betrachtung von Krieg und Gewalt beschreiben, als Unterfangen die strukturellen Bedingungen von Krieg und Gewalt zu analysieren. Ein wesentliches Merkmal der neuen Kriege ist die Nivellierung der Grenzen zwischen staatlicher und privater Gewalt, zwischen Krieg und organisierter Kriminalität. Mary Kaldors These, die hinter dieser nach analytischer Klärung verlangenden Entwicklung steht, ist ein grundlegender Wandel der sozialen Basis von organisierter Gewalt, den sie zurückgeführt auf ökonomische und politische Veränderungen seit Beginn der 80er Jahre.

Eine einfache Entgegnung gegen die neuen Kriege ist ein „so neu sind sie gar nicht“: Viele Muster und Verhaltensweisen sind seit Ende des 2. Weltkrieges virulent; warum also jetzt ein neues analytisches Muster erstellen, wo sich die Aufmerksamkeit, vielleicht erst durch das Ende der Blockkonfrontation, wieder auf die Konflikte in der sogenannten Dritten Welt richtet?

Mary Kaldor gegen solche Einwände verteidigend werde ich besprechen inwiefern die Theorie der neuen Kriege einen neuen Typus organisierter Gewalt beschreibt und abschließend auf die von Kaldor vorgeschlagenen Handlungsmöglichkeiten eingehen. Zur Unterstützung dieses Konzeptes möchte ich die von Georg Elwert entwickelte Theorie der Gewaltmärkte hinzunehmen, um die strukturellen Aspekte und ökonomischen Motivationen der neuen Kriege besser auszuleuchten.

2. Die Bedingungen der neuen Kriege

Aus der Konfrontation mit den verschiedenartigen Konfliktgebieten im postsowjetischen Raum und aus dem Vergleich mit den scheinbar andersartigen Konflikten in Asien und Afrika zur gleichen Zeit, entwickelte die Sozialwissenschaftlerin Mary Kaldor ihre Theorie der neuen Kriege. Sie erkannte ein neues Verhaltensmuster, welches in diesen Konflikten hervortritt und welches sie als neuen Typ von organisierter Gewalt beschreibt. Trotz aller Unterschiede zwischen den Konflikten, deren ethnischen, kulturellen und historischen Hintergründen, konstatiert Mary Kaldor eine grundlegende Veränderung der sozialen Basis, in den Konflikt behafteten Gesellschaften, welcher sie sich mit ihrer Theorie annähert.

Die unscharfe Titulierung „neue Kriege“ benutzt Kaldor zum einen, um sich von den sogenannten „alten“ im Sinne von Clausewitz geführten Kriegen abzugrenzen. Und zum anderen um sich von den Theorien zum Low Intensity Conflict abzugrenzen, welche auch von privatisierten, postmodernen oder entarteten Kriegen sprechen, dabei aber nicht die von ihr ausgemachte Dimension des sozialen Wandels berücksichtigen[1]. Im Fortgang ihres Buches verwendet Kaldor die Titulierung neue Kriege ungleich seltener und spricht zunehmend von privatisierter oder organisierter Gewalt, wodurch sie eine strikte Trennung von Krieg und Gewalt unterläuft. Diese begriffliche Formulierung verweist auf das von ihr anvisierte Ziel, der Analyse der gesellschaftlichen Hintergründe. Dabei richtet sie sich vor allem auf den qualitativen Wandel auf der Ebene der Akteure, wie er sich in der zunehmenden Privatisierung des Krieges zeigt.

In Anlehnung an Norbert Elias „Prozeß der Zivilisation“ beschreibt Kaldor die neuen Kriege als eine Umkehrung des Zivilisationsprozesses. Die Entfernung von Gewalt aus dem alltäglichen Leben, durch die Errichtung des staatlichen Gewaltmonopols, war für Elias ein wesentliches Charakteristikum des Zivilisationsprozeß.[2] Die Auflösung der Staatsautorität über das Gewaltmonopol wird durch verschiedene Prozesse gefördert: durch eine zu schwache Repräsentation der Eliten, ein fehlendes Vertrauen in den Staat seitens der Bevölkerung oder dem gezielten Unwillen, auf Seiten der jeweiligen Regierung, der Privatisierung der Gewalt entgegenzutreten. Während in den alten Kriegen der Aufbau von Staatlichkeit dazu führte, dass Gewalt mittels des verstaatlichten Gewaltmonopols zentralisiert und eingegrenzt wurde, entstehen die neuen Kriege in einer Situation, wo sich durch die zunehmende Privatisierung des Krieges, neue Formen nichtstaatlicher Organisation von Gewalt herausbilden.[3]

Deutlich wird dies für Kaldor vor allem in denjenigen Staaten, wo es zu einem Scheitern der vormaligen Emanzipationsbestrebungen kam. Sei es in den postkolonialen Staaten, in denen der nationale Befreiungskampf ein politisches Machtvakuum hinterließ, weil er nicht zur Ausbildung einer starken regulierenden Staatlichkeit geführt hat oder in den postsozialistischen Staaten, wo durch den Zusammenbruch des Sozialismus ein nicht gefülltes Machtvakuum blieb.

Kaldor erklärt diese Prozesse durch drei wesentliche Veränderungen, an denen sie die Charakteristika der privatisierten Gewalt in den neuen Kriegen festmacht. Dies ist zum einen die soziale Ausprägung und politische Formulierung einer konstruierten Legitimation, die Kaldor Politik der Identität nennt. Des Weiteren führen die technischen und strategischen Veränderungen zu einer neuen Form der Kriegführung. Und abschließend sind es die Auswirkungen der globalisierten Kriegswirtschaft, welche nach Mary Kaldor zu den neuen Kriegen führt.[4] Diese drei Punkte möchte ich ausführen, ehe ich im anschließenden Kapitel die Kritik an Kaldor aufnehmen und besprechen werde.

2.1. Die Politik der Identität

Die wachsende Zunahme kultureller Diskrepanzen zwischen globalen und ortsgebundenen Konflikten, die Entankerung sozialer Gruppen bietet den verschiedenen Akteuren eine Fläche zum schüren von Konflikten. Ausgehend von der Basis scheinbar traditioneller Identitäten (Ethnos, Stamm, Religion) werden politische Machtansprüche formuliert. In dieser Hinsicht sieht Mary Kaldor in der „Politik der Identität“ nicht mehr die Hauptursache der Akteure, sondern nur die nachträgliche Legitimation des Handelns. Die Behauptung einander ausschließender Identitäten liefert dabei eine ausgezeichnete Begründung für den Selbstzweck der Gewalt, wenn politische Identität als exkludierendes Etikett fungiert, welches die ethnischen, kulturellen oder religiösen Abgrenzungskriterien vorgibt.

Damit weist Kaldor eine kulturalistische Erklärung der neuen Kriege nicht zurück, sondern führt sie vielmehr als instrumentalisiertes Kennzeichen der neuen Kriege an und macht sich so für eine zweckrationale Erklärung der neuen Kriege stark. Sie verwendet die Begriffe „Politik“ und „Identität“ nur in dem eingeschränkten Sinn, als „Politik“ für den Anspruch auf staatliche Macht steht und „Identität“ als Basis zur Artikulation von politischen Ansprüchen dient. Dieses Ausnutzen kultureller und ethnischer Differenzen ist insofern wirkungsvoll, als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe in der Regel askriptiv bestimmt wird. Um die Besonderheit des Konstruktes der „Politik der Identität“ aufzuweisen vergleicht Kaldor dieses mit der Propagierung einer bestimmten Ideologie. Eine solche schafft Einheit und Identität durch die angestrebte Idee, wobei nur die gemeinsame Überzeugung zählt. Eine solche Bewegung tendiert zur Integration verschiedener Gruppen unter dem Banner der Ideologie, wohingegen sich die „Politik der Identität“ bereits im Vorfeld exkludierend gegen die Nichtmitglieder wendet und sich fragmentierend auf die Gesellschaft auswirkt.

Die Hauptmotive, für die Entstehung der „Politik der Identität“, sieht Kaldor in zwei negativen Effekten der Globalisierung: Einerseits begreift sie diese als Antwort auf die abnehmende politische Integrationsfähigkeit zentralistisch oder autoritär geprägter staatlicher Strukturen. Indem die politische Klasse versucht ist, eine politische Mobilisierung mittels der „Politik der Identität“ zu erreichen. Andererseits führten Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen zu der Ausbildung von Parallelökonomien, in denen sich legale und illegale Erwerbsmethoden ausbildeten, wobei sich gerade die illegalen Formen eine gesteigerte Legitimation durch die „Politik der Identität“ erhoffen.[5]

Beide Bereiche lassen sich unter dem Aspekt der Globalisierung nicht mehr genau auseinanderhalten und sind zudem in jedem Konflikt unterschiedlich stark ausgeprägt. Als Erklärungsmuster für den postsowjetischen Raum führt Kaldor unter anderem den Komplex der von der sowjetischen Führung gebildeten „Titularnationen“ an. Diese bestanden zum Teil aus künstlich geschaffenen Nationen, welche als Verwaltungseinheit in der Sowjetunion ein Garant für Stabilität waren. Nach dem Ende der Sowjetunion wurden sie jedoch zu einem Unruhefaktor. Der sich in ihnen ausbreitende Nationalismus, wandte sich gegen die ehemaligen Besatzer und entfachte überdies Konflikte in den Grenzregionen.[6]

Für den postkolonialen Raum in Afrika und Asien hingegen, verwendet Kaldor stärker die Spätfolgen der Kolonisierung und die Auswirkungen neoliberaler Politik und der damit einhergehenden „Strukturanpassungsprogramme“, welche zu einer Schwächung der Staatlichkeit führte.[7] Diese Punkte fasst Kaldor in einer einfachen aber treffenden Formel zusammen:

[...]


[1] Vgl. Kaldor 2000, S. 10.

[2] Vgl. Elias 1997, S. 320.

[3] Auf die Frage inwiefern die neuen Kriege nicht doch auf die Ausbildung von Staatlichkeit zielen und wie sich das Konzept von Kaldor angemessen kritisieren läßt komme ich im dritten Teil.

[4] Vgl. Kaldor 2000, S. 13-19.

[5] Vgl. Kaldor 2000, S. 124f.

[6] Philipp Roeder (Roeder 1991)beschreibt in seinem Text dieses Strukturmoment der Sowjetunion und zeichnet den Weg der ethnischen Mobilisation in den Titularnationen nach. Anschaulich wird dies auch am Beispiel des Ferghana Tals, wo seit 1991 territoriale Grenzen die drei zentralasiatischen Republiken Kirgisien, Tadschikistan und Usbekistan teilen und vielfache Grenzkonflikte entstanden. Vgl. Lubin, Martin, Rubin 1999.

[7] „In Ländern, in denen der Staat weite Teile der Wirtschaft kontrollierte und autonome Institutionen zur Marktwirtschaft schlichtweg nicht vorhanden sind, bedeutet „strukturelle Anpassung“ oder „Übergang zur Marktwirtschaft“ realiter die Abwesenheit jedweder Form von Regulierung. Im Großen und ganzem führt „mehr Markt“ nicht zu neuen, eigenständigen produktiven Unternehmen, sondern vielmehr zu Korruption, Spekulation und Verbrechen.“ Zitat: Kaldor 2000, S. 134.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Über Mary Kaldors These des sozialen Wandels in den neuen Kriegen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Militärsoziologie und das Phänomen Krieg: Krieg als Voraussetzung und als Einflussfaktor für das Verhältnis von Militär und Gesellschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V87819
ISBN (eBook)
9783638033848
ISBN (Buch)
9783656734901
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mary, Kaldors, These, Wandels, Kriegen, Militärsoziologie, Phänomen, Krieg, Voraussetzung, Einflussfaktor, Verhältnis, Militär, Gesellschaft
Arbeit zitieren
M. A. Martin Hagemeier (Autor), 2003, Über Mary Kaldors These des sozialen Wandels in den neuen Kriegen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87819

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