Der Autor begegnet uns im diskursiven Raum literaturtheoretischer Auseinandersetzungen als eine höchst zwielichtige Gestalt. Er scheint verdächtig, vermittelt der Beiklang seines Namens doch gemeinhin das Bild des sich autonom wähnenden schöpferischen Subjekts, ruft sein Auftreten Assoziationen bezüglich eines quasi von naturhaften Impulsen getriebenen Genies hervor- begriffliche Assoziationen, die nicht zuletzt ihre historische Wirkmächtigkeit einer mit religiöser Symbolik aufgeladenen Mystifizierung verdanken.
Und dennoch, trotz vermeintlich unzeitgemäßer Bedeutungszuschreibungen, hat der Autor bis heute all die Angriffe, Denunziationen und Todesdrohungen, die man ihm gegenüber zur Geltung brachte, nahezu schadlos überstanden. Er scheint in seiner schattenhaften Gestalt nicht greifbar zu sein, und dies möglicherweise gerade deshalb, weil der Autor an einer Schnittstelle sein Dasein fristet, an einem Grenzort existiert, an dem, so ließe sich paradox formulieren, keiner mehr redet, obwohl einer spricht. Sich innerhalb der Kämpfe, die sich um die Figur des Autors entzünden, klar zu positionieren, die scheinbar uneinnehmbare Festung der Autorschaft entweder zu verteidigen, oder sich aber an ihrer andauernden Belagerung zu beteiligen, ist aus meiner Perspektive eine uneinlösbare Forderung.
Es verlangt gewiss einiges an Gespür in jenen Irrgärten, die um die Figur des Autors herum sich aufbauen, Orientierung zu finden. Ein erster und unabdingbarer Grundsatz dieses Unterfangens besteht meiner Ansicht nach vor allem darin, jene Kategorie stets in ihrer Ambivalenz zu begreifen. Dies zu leisten wird sich die vorliegende Arbeit immer wieder selbst vergewissern müssen.
In einem ersten Teil werde ich eine Annäherung an den Autorbegriff unternehmen, die sich in der Perspektive zweier einflussreicher diskursiver Positionen entwickeln soll. Hier wird es mir nicht zuletzt darum gehen in der Auseinandersetzung mit den Texten Roland Barthes und Michel Foucaults, das Terrain für eine weiterführende Auseinandersetzung mit der Autorthematik vorzubereiten.
In einem zweiten Teil möchte ich eine spezifische Perspektive auf die Kategorie des Autors entwickeln, die jenen in seinen sozialen Vermittlungsverhältnissen begreift. Zu diesem Zweck sollen die Arbeiten des Soziologen Pierre Bourdieu herangezogen und im Bezug auf die hier behandelte Thematik spezifiziert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Autor als Strukturkategorie bei Roland Barthes und Michel Foucault
2.1. Die strukturalistische Dekonstruktion des Autors (Roland Barthes)
2.2. Der Autor als Diskursfunktion (Michel Foucault)
3. Der Autor als soziales Phänomen: Eine Annäherung
3.1. Der Autor als Naturverhältnis - Eine Abgrenzung
3.2. Die Konstitution des legitimen Sprechers ( Pierre Bourdieu )
3.3. Der Autor als Sonderfall des legitimen Sprechers
4. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kategorie der Autorschaft, indem sie den Wandel vom schöpferischen Subjekt hin zu einer durch soziale und diskursive Strukturen geprägten Funktion analysiert. Ziel ist es, den Autorbegriff kritisch zu hinterfragen und zu zeigen, wie er durch machtvolle Mechanismen und soziale Repräsentationsverhältnisse konstruiert wird.
- Dekonstruktion des Autors in der strukturalistischen Literaturtheorie (Roland Barthes).
- Analyse der Autor-Funktion innerhalb komplexer Diskursnetze (Michel Foucault).
- Betrachtung des Autors als soziales Phänomen und "legitimer Sprecher" (Pierre Bourdieu).
- Untersuchung der sozialen Rituale und Anerkennungsverhältnisse, die Autorschaft konstituieren.
- Reflektion über das Spannungsfeld zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlicher Determinierung.
Auszug aus dem Buch
Die Konstitution des legitimen Sprechers ( Pierre Bourdieu )
Die Autorkategorie im Sinne Bourdieus in ihren sozialen Vermittlungskonstellationen zu erörtern, bedeutet vor allem, eine gewisse Klarheit darüber zu gewinnen, welche Mechanismen wirksam sind, wenn eine Person mit der Zuschreibung >Autor< versehen wird. Hier bietet es sich meiner Ansicht nach in einem ersten Schritt an, Bourdieus Begriff des legitimen Sprechers einzuführen, dessen Rede nicht vorrangig deshalb einem breiten Publikum gegenüber eine gewisse Autorität entwickelt, weil jener sich durch besondere individuelle Fähigkeiten auszeichnet, sondern aus dem Grund, dass ihm innerhalb des sozialen Raumes eine spezifische Position zuerkannt wird. Gegen die sprachwissenschaftlichen Überlegungen Saussures, in deren Resultat „[…] die Macht der Wörter nur noch in ihnen selbst […], also da, wo sie nicht ist“ gesucht werden kann, wendet Bourdieu ein, dass das Wort an sich, losgelöst von sozialen Situationen und Konstellationen betrachtet, in denen Sprechakte sich vollziehen, als eine leere Form bezeichnet werden muss. Keine Aussage kann allein für sich, also außerhalb der kontextuellen Bezüge, die ihr erst einen spezifischen Sinn verleihen, plausibel nachvollzogen werden. Die soziale Position des Sprechers, die Anerkennungs- oder Distanzierungsverhältnisse in deren Rahmen sich sein Reden vollzieht, sind hier von besonderer Relevanz. In den Worten selbst liegt also demgemäß keine eigenständige Autorität begründet, im Gegenteil, eine spezifische Form von Wirkmächtigkeit erhalten sie erst dadurch, dass sie von einer bestimmten Autorität gesagt werden, denn „die Macht der Wörter, ist nichts anderes als die delegierte Macht des Sprechers.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Ambivalenz der Autorfigur als schattenhaftes Subjekt zwischen Postmoderne und dem Bedürfnis nach Autonomie.
2. Der Autor als Strukturkategorie bei Roland Barthes und Michel Foucault: Dieses Kapitel dekonstruiert den Autorbegriff anhand der strukturalistischen Ansätze von Barthes (Tod des Autors) und der Diskursfunktions-Theorie von Foucault.
2.1. Die strukturalistische Dekonstruktion des Autors (Roland Barthes): Untersucht den Einfluss Barthes’ und die Rolle des modernen Schreibers [scripteur], dessen Identität sich in der Sprache auflöst.
2.2. Der Autor als Diskursfunktion (Michel Foucault): Erörtert die Autor-Funktion als notwendige Koordinate innerhalb komplexer diskursiver Netze und gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
3. Der Autor als soziales Phänomen: Eine Annäherung: Überführt die theoretische Debatte in eine soziologische Perspektive, die Autorschaft als soziales Resultat betrachtet.
3.1. Der Autor als Naturverhältnis - Eine Abgrenzung: Kritisiert essentialistische Positionen, die Autorschaft als anthropologische oder biologische Konstante begreifen.
3.2. Die Konstitution des legitimen Sprechers ( Pierre Bourdieu ): Führt Bourdieus Konzept der sozialen Position und des symbolischen Kapitals ein, um zu erklären, wie Autorität delegiert wird.
3.3. Der Autor als Sonderfall des legitimen Sprechers: Wendet die Erkenntnisse über den "legitimen Sprecher" spezifisch auf die Autorfigur an und beleuchtet deren relative Autonomie.
4. Abschließende Bemerkungen: Fasst die Ergebnisse zusammen und schlägt eine Synthese vor, in der die Autorfigur als Kristallisationspunkt zwischen Individuum und Gesellschaft verstanden wird.
Schlüsselwörter
Autorschaft, Literaturtheorie, Strukturalismus, Roland Barthes, Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Diskursfunktion, legitimer Sprecher, soziale Konstruktion, Autorzuschreibung, literarische Praxis, symbolisches Kapital, Macht der Wörter, Subjektivierung, Literatursoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretische und soziale Konstruktion der Autorfigur und hinterfragt, wie Autorschaft als Kategorie innerhalb literarischer und gesellschaftlicher Diskurse Bestand hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Dekonstruktion des Autorbegriffs durch den Strukturalismus sowie der soziologischen Fundierung von Autorschaft durch Pierre Bourdieus Theorie der sozialen Felder.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine kritische Annäherung an den Autorbegriff, um ihn jenseits von naiver Geniekult-Romantik als soziale Institution zu begreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturtheoretische und literatursoziologische Analyse, die primär auf der Auseinandersetzung mit philosophischen Texten (Barthes, Foucault, Bourdieu) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die strukturalistischen Angriffe auf die Autorschaft diskutiert, bevor eine soziologische Perspektive eingenommen wird, die den Autor als "legitimen Sprecher" definiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Autorschaft, Diskursfunktion, legitimer Sprecher, symbolisches Kapital und die gesellschaftliche Vermittlung von Kunst.
Warum spielt Pierre Bourdieu eine zentrale Rolle in der Arbeit?
Bourdieu liefert das notwendige Instrumentarium, um soziale Tatsachen – in diesem Fall die Autorschaft – als Ergebnis von Machtstrukturen und Anerkennungsritualen zu verstehen, anstatt sie als naturgegeben vorauszusetzen.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Roland Barthes von jenem von Pierre Bourdieu?
Während Barthes den Autor primär durch die strukturalistische Sprachkritik "tötet" und die Sprache zur einzigen Instanz erhebt, fokussiert Bourdieu auf die sozialen Akteure und das Kapital, das ihnen die Macht verleiht, als "legitimer Sprecher" zu fungieren.
Welche Bedeutung kommt der Figur des Kritikers bei der Autorzuschreibung zu?
Dem Kritiker kommt eine Initiierungsfunktion zu, da er als legitimierter Sprecher einer intellektuellen Fraktion jene Aufmerksamkeit zuteilt, die einen Autor erst als solchen im sozialen Raum konstituiert.
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- Philipp Schmidt (Author), 2008, Was ist ein Autor?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87869