Die Schriftkultur der Maya


Hausarbeit, 2001
30 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Entwicklung von Schriftsystemen
1.1. Motivation
1.2. Schriftentwicklung
1.3. Elemente der Schriftentwicklung

2. Schriftsysteme
2.1. Glottographie
2.2. Semasiographie

3. Über die Maya
3.1. Schrift oder nicht?
3.2. Maya-Gesellschaft und Status der Schreiber
3.3. Inschriften und Codices
3.4. Kolonialzeitliche Schrift

4. Grundlagen der Maya-Schrift
4.1. Sprache
4.2. Schreibweise

5. Der Weg zur Silbenschrift und sein Ende

Glossar

Quellen

Die Schriftkultur der Maya

0. Einleitung

Bevor an die Betrachtung eines Schriftsystems oder einer Schriftkultur herangegangen wird, muß zunächst eine Frage beantwortet werden: was ist eigentlich Schrift?

Allgemein stellt Schrift ein sekundäres Zeichensystem für Sprache dar (Coulmas 1994, 259), wobei davon ausgegangen wird, daß Sprache ein pri- märes Zeichensystem für Gegenständliches ist. In einer spezielleren Defini- tion gemäß des Lexikons der Sprachwissenschaft handelt es sich bei der Schrift um „ein auf konventionalisiertem System von graphischen Zeichen basierendes Mittel zur Aufzeichnung von mündlicher Sprache“. Das heißt, die ansonsten flüchtige gesprochene Sprache wird per überliefertem Zei- cheninventar konserviert.

Die Genauigkeit der Sprachwiedergabe stellt hierbei ebenso wie der Sprachbezug (Coulmas 1994, 259f.) ein wichtiges Definitionskriterium dar. Struktur und Grammatik der Sprache müssen vollständig abgebildet werden können. Die Art der Schrift - Wortschrift, Merkmalschrift, Silbenschrift oder Lautschrift - ist hierbei unerheblich. Dies trifft auf altertümliche Schriften wie die ägyptischen Hieroglyphen oder die hethitische Keilschrift ebenso zu wie auf heutige „moderne“ Schriftsysteme.

Für alle Schriftentzifferungen ist auf Grund dessen im allgemeinen eine fundierte Sprachkenntnis - insbesondere einer modernen Form der dem Schriftstück zu Grunde liegenden Sprache - vorauszusetzen (Coe 65). Die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen ist für diese Voraussetzung exemplarisch, da die Kenntnis des Koptischen im Verein mit dem „Stein von Rosetta“ den Schlüssel zu dieser Schrift lieferte.

In der Ägyptologie schon seit dem 19. Jahrhundert Usus, waren in der Ma- ya-Forschung solche Kenntnisse jedoch lange Zeit eine Ausnahme. Erst mit der Einsicht, es handle sich bei den Glyphen um die phonetische Schrei- bung von Prototypen der Maya-Sprachen, wurden auch hier seit den 50er

Jahren des 20. Jahrhunderts die entsprechenden modernen Sprachkenntnisse zur Entzifferung herangezogen.

In der anschließenden Arbeit möchte ich zunächst einen allgemeinen Überblick über die Schriftsysteme geben, um eine theoretische Grundlage für die Betrachtung der Maya-Glyphen zu schaffen.

Auf der Basis der gegebenen Definition von Schrift soll im weiteren darge- legt werden, ob es sich bei den Zeichen der Maya tatsächlich um ein voll- entwickeltes Schriftsystem handelt oder um eine bloße Vorstufe. Im Rah- men dieser Darstellung spare ich aus Platzgründen das Kalender- und Re- chensystem sowie die Betrachtung der einzelnen Götter aus. Ferner ver- nachlässige ich eine differenzierte Unterscheidung zwischen Codices und Inschriften zu Gunsten eines allgemeinen Überblicks über die Maya-Schrift. Den Abschluß der Arbeit bildet eine Einordnung der Maya-Schrift in den schrifttheoretischen Kontext sowie die Verdrängung dieses Schriftsystems in Folge der Kolonialsierung.

Anschließend an die Einleitung habe ich die Arbeit daher in folgende Punkte unterteilt:

1. Entwicklung von Schriftsystemen
2. Schriftsysteme
3. Über die Maya
4. Grundlagen der Maya-Schrift
5. Der Weg zur Silbenschrift und sein Ende

1. Entwicklung von Schriftsystemen

1.1. Motivation

Primär basiert die Entwicklung von Schrift darauf, daß gesprochene Sprache flüchtig ist, vergeht und in Vergessenheit gerät. Sie bedarf daher einer Visualisierung, um erhalten zu bleiben (Coulmas 1994, 257). Die Motivation zur Findung eines geeigneten Speichermediums für Sprache unterliegt den kulturellen Eigenheiten einer Gesellschaft.

Eine Motivation für die Entwicklung einer Schrift bildet das Wachstum einer Gesellschaft. Handelsbeziehungen - und damit auch die Buchhaltung - werden komplexer und bedürfen einer Visualisierung, um im Gedächtnis der Menschen zu bleiben. Aus einer entsprechenden wirtschaftlichen Notwendigkeit entstanden zum Beispiel die Schriften des alten Orients (Grube 1994, 413) wie die sumerische Keilschrift und die ägyptischen Hieroglyphen (Coulmas 1994, 257). So wird von der Keilschrift angenommen, daß sie ihren Ursprung in Zahlsteinen nimmt, die als Hilfsmittel zur Buchführung verwendet wurden (Coulmas 1994, 257).

Einen weiteren Aspekt zur Entstehung einer Schrift bildet das Bedürfnis nach religiöser Sanktionierung und Legitimation der Herrschaft. Göttliche Abstammung und persönliche Erfolge des Herrschers sollen festgehalten werden und ermöglichen im Bedarfsfall ein anschauliches Berufen auf diese Textdokumente oder einen Vergleich mit den Ahnherren. Dies stellt bei der Maya-Schrift die vorrangige Motivation der Schriftentstehung dar (Grube 1994, 413), wobei allerdings noch nicht vollständig geklärt ist, ob es sich bei der Maya-Schrift um eine selbständige Entwicklung oder ein „Importgut“ einwandernder Bevölkerungsgruppen handelt (Grube 1994, 408). Die frü- hesten Inschriftenfunde weisen wie unter 3.3. erläutert darauf hin, daß die Schrifterfindung in Mittel- oder Mesoamerika auf die Bevölkerungsgruppe der Zapoteken zurückgeht (Coe 90), welche Vorgänger der Maya waren (Coe 87).

1.2. Schriftentwicklung

Ausgehend von ersten Versuchen mit Wortzeichen, die bei allen Schriftsy- stemen vorausgesetzt werden können (Schmitt 5), orientiert sich die weitere Entwicklung einer Schrift an der jeweils zu Grunde liegenden Sprache sowie den unter 1.1. beispielhaft genannten kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen.

Üblicherweise wird - bedingt durch eine konservative Grundeinstellung der Schreiber einer Schrift - ein Schriftsystem beibehalten, sobald eine vollstän- dige Kodierung der gesprochenen Sprache möglich ist. Eine Weiterent- wicklung ist nicht mehr notwendig und wird daher nicht angestrebt (Schmitt 5).

Hierbei besteht die Möglichkeit, daß allein die Wortzeichen schon ausreichen, eine Sprache exakt zu kodieren. Das Resultat ist eine Wortschrift wie zum Beispiel das Chinesische.

Auf den überwiegenden Teil der Sprachen trifft diese Möglichkeit - zum Beispiel auf Grund ihrer grammatikalischen Komplexität - nicht zu. Sie benötigen weitere Zeichen, die den Wortzeichen ergänzend hinzugefügt werden - wie in der Maya-Schrift - oder diese als syllabische Lautzeichen im Laufe der Zeit vollständig ersetzen (Schmitt 5). Dies bedeutet einen langsamen Wandel sprachlich polyvalenter Zeichen für Gegenstände und Ideen zu glottographischen Zeichen (Coulmas 1994, 259). Unter Anwen- dung des unter 1.3. erläuterten Rebus-Prinzips kann auf diesem Wege in Sprachen, die überwiegend aus einsilbigen Worten bestehen, eine Silben- schrift entstehen (Schmitt 5).

Die Annahme einer solchen langfristigen Entwicklung setzt voraus, daß die Zeichen über einen langen Zeitraum je nach Benutzer als Bildzeichen oder Schriftzeichen interpretiert werden konnten (Coulmas 1994, 259). Der Übergang von einer Vorstufe der Schrift zur Schrift selbst erscheint dadurch als fließend und ist nur ungenau zu lokalisieren.

Desweiteren macht der „Export“ eines Schriftsystems in ein auswärtiges Herrschafts- und Sprachgebiet eine weitere Veränderung der Schrift in Fol- ge der veränderten Sprachgrundlage möglich. Prominentestes Beispiel hier- für stellt die Adaption der phönizischen Konsonantenschrift - die Phönizier selbst betrachteten ihre Schrift vermutlich als Silbenschrift - an das Griechi- sche dar, aus welcher die Ausnahmeentwicklung zur Lautschrift bzw. Al- phabetschrift resultierte (Schmitt 6).

1.3. Elemente der Schriftentwicklung

Das einfachste Schriftelement ist das des Ikons. Es handelt sich hierbei um die Abbildung eines stofflichen Objektes (Coulmas 1990), wobei vorausgesetzt wird, daß das Ikon nicht mit festen Sprachformen verbunden und daher sprachunabhängig ist.

Wird die ursprüngliche Bedeutung eines Ikons durch Konventionalisierung abgewandelt, entsteht ein Index oder Symbol. Mit Hilfe eines solchen Zeichens wird symbolhaft ein Bedeutungszusammenhang ausgedrückt (Coulmas 1990). Ein Beispiel hierfür stellt der Pfeil „ “ dar: in seiner ursprünglichen Bedeutung ist der Pfeil eine Waffe, in der konventionalisierten Form des Index zeigt er hingegen eine Richtung an.

Diese beiden Schriftelemente - Ikon und Index - werden insgesamt als semasiographisch, bzw. ideographisch, bezeichnet (Coe 26f.) und müssen - auch wenn sie die Sprache nicht phonetisch wiedergeben - mit Hilfe der Sprache erlernt werden. Somit sind sie nicht als vollkommen sprachunabhängig zu bezeichnen (Coe 28).

Als ein weiteres Element der Schriftentwicklung stellt das sogenannte Re- bus-Prinzip - beziehungsweise der Lautrebus (Friedrich 26f.) - eine sinn- volle Lautkombination dar, die auf der Homophonie - der identischen Aus- sprache und differierenden Orthographie - eines Ausdrucks basiert. Mehre- re semasiographische Zeichen können zu einer Einheit zusammengefügt werden und stellen auf diese Weise einen anderen bildlich direkt schwer darstellbaren Begriff dar. Die einzelnen Zeichen erhalten hierbei einen syl- labischen Wert. Ein Beispiel hierfür ist die Kombination von Uhr + Mensch = Urmensch. Desweiteren kann das Rebus-Prinzip angewendet werden, um mit einem Zeichen ein gleich oder ähnlich lautendes Wort da r- zustellen (Coulmas 1994, 259), zum Beispiel das Adjektiv „arm“ durch ein Bild des Substantivs „Arm“ (Friedrich 26).

Der Rebus gibt eine bestimmte Sprache wieder und ist demnach sprachge- bunden. Eine sinnvolle Lesung der zusammengesetzten Zeichen ist nur mit Kenntnis der zugrundeliegenden Sprache und Aussprache möglich. Daher wird das Rebus-Prinzip als Beginn einer Entwicklung betrachtet, welche zu einer Phonetisierung der Schrift führt (Friedrich 27; Schmitt 8f.). Am Ende einer solchen Entwicklung stehen dann phonetische Zeichen (Schmitt 9). In den drei unabhängig voneinander entstandenen Schriftsystemen der Su- merer, Chinesen und Maya spielte dieses Schriftelement - in Folge der in der jeweiligen Sprache vertretenen Homophonie - eine zentrale Rolle (Coulmas 1994, 259).

2. Schriftsysteme

Im allgemeinen existieren drei Schriftsysteme, mit welchen es möglich ist, die gesprochene Sprache wörtlich wiederzugeben: die Wortschrift, die Sil- benschrift und die Lautschrift (Friedrich 12; Schmitt 3). Sie stellen das lei- stungsfähige Endergebnis einer langen Schriftentwicklung dar und werden von mir der Definition von Schmitt entsprechend (Schmitt 10) als Glotto- graphie bezeichnet. Auch die Merkmalschrift des koreanischen Han´gul ist dieser Kategorie zuzuordnen, soll bei diesem allgemeinen Überblick aller- dings auf Grund ihres einzigartigen Vorkommens nicht weiter berücksich- tigt werden.

Notwendigerweise gab es zu den komplexen glottographischen Schriftsy- stemen unkompliziertere Vorstufen, die ich - wieder mit Verweis auf Schmitt (Schmitt 7) - als Semasiographie bezeichne. Im weitesten Sinne können alle Arten der visuellen Aufzeichnung von Informationen als eine solche Vorstufe der Schrift betrachtet werden (Coulmas 1994, 258). Hierbei handelt es sich um die Bilderschrift, ihr körperliches Pendant die Gegen- standsschrift (Friedrich 15ff.) sowie die Ideenschrift (Friedrich 22ff.).

Im engeren Sinne kann die Definition der Vorstufe der Schrift allerdings noch dahingehend eingegrenzt werden, als daß dieser Kategorie ausschließlich solche Informationsmittel zugeordnet werden, die auch zu einer Schrift führten (Coulmas 1994, 258). In diesem Falle wäre die Gegenstandsschrift aus der Betrachtung auszuschließen, da aus ihr kein weiterführendes Schriftverfahren entstanden ist (Schmitt 10).

2.1. Glottographie

Die bekannteste Wortschrift oder Logographie (Schmitt 7) stellt das chinesische Schriftsystem dar. Im allgemeinen handelt es sich bei der Wortschrift um eine Kombination aus Lautschrift und Ideenschrift, wobei die jeweiligen Zeichenelemente in einem logographischen Zeichen vereint werden. Ein solches Zeichen entspricht einem ganzen Wort.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Schriftkultur der Maya
Hochschule
Universität Hamburg  (IAAS)
Veranstaltung
Enstehung und Entwicklung der Schrift
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
30
Katalognummer
V87971
ISBN (eBook)
9783638040006
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schriftkultur, Maya, Enstehung, Entwicklung, Schrift
Arbeit zitieren
M.A. Maike Prehn (Autor), 2001, Die Schriftkultur der Maya, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87971

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