Phèdre – «ni tout à fait coupable, ni tout à fait innocente»?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

25 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Racines Vorwort zu Phèdre

2. Eine notwendige Differenzierung von Phèdres Schuld

3. Die Schuldverteilung in Phèdres Augen
3.1. Phasen in Phèdres Schuldeinschätzung
3.1.1. Tiefes Schuldempfinden bis hin zur Todessehnsucht
3.1.2. Phèdre als „Objet infortuné des vengeances célestes“
3.1.3. Erste Anschuldigung Oenones
3.1.4. Anschuldigung der Göttin Venus
3.1.5. Zweite Anschuldigung Oenones
3.1.6. Selbstanklage und Hilflosigkeit
3.1.7. Phèdres „jalouse rage“
3.1.8. Der Höhepunkt des Schuldempfindens
3.1.9. Die Verstoßung Oenones und die Schlussbeichte
3.2. Vermehrung der Schuld durch Öffentlichkeit – das Motiv des regard regardé

4. „Alternativschuldige“
4.1. Oenone
4.1.1. Racines Konzeption der Oenone und ihrer Handlungsmotivation
4.1.2. Phèdres Verantwortungsdelegation an Oenone
4.2. Götter und Schicksal
4.2.1. Phèdres Abstammung
4.2.2. Phèdres idolâtrie
4.2.3. Jansenismus vs. antikes Götterbild

5. Die Schlussszene: Eine geläuterte Phèdre?

6. Bibliographie

1. Racines Vorwort zu Phèdre

In der Préface zu seiner berühmtesten Tragödie, „Phèdre“, beschreibt Racine eingangs seine Titelheldin mit folgenden Worten:

« En effet, Phèdre n’est ni tout à fait coupable, ni tout à fait innocente. Elle est engagée, par sa destinée et par la colère des dieux, dans une passion illégitime, dont elle a horreur toute la première. Elle fait tous ses efforts pour la surmonter. Elle aime mieux se laisser mourir que de la déclarer à personne, et lorsqu’elle est forcée de la découvrir, elle en parle avec une confusion qui fait bien voir que son crime est plutôt une punition des dieux qu’un mouvement de sa volonté. »[1]

Das Verbrechen Phèdres, ihre – streng betrachtet - inzestuöse Liebe[2] zu ihrem Stiefsohn Hippolythe, ist hier also als eine Strafe der Götter konzipiert. Diese Tatsache scheint Phèdre auf den ersten Blick fast vollkommen von Schuld an dieser unrechtmäßigen Liebe freizusprechen. Zudem wird sowohl im Vorwort als auch im Drama selbst mehrfach betont, wie sehr sich Phèdre gegen ihr Schicksal aufzulehnen versucht, in welchem Maße sie versucht, nicht schuldig zu werden.

Dennoch bezeichnet Racine sie als « ni tout à fait coupable, ni tout à fait innocente » und schreibt ihr damit durchaus einen gewissen Anteil an Schuldhaftigkeit zu. Trotz der Tatsache, dass Phèdre diese illegitime Liebe als Strafe von den Göttern hat auferlegt bekommen, trotz ihres verzweifelten Versuchs, gegen diese Liebe anzukämpfen, ist sie dennoch schuldig geworden, inwiefern, das will diese Arbeit zu klären versuchen.

In diesem Zusammenhang soll auf der Suche nach „Alternativschuldigen“ auch die Rolle der confidente Phèdres, die Figur der Oenone, Beachtung finden, so wie die der Götter und des Schicksals, die, wie eben angedeutet von entscheidender Bedeutung für die tragischen Entwicklungen der Tragödie sind.

Zunächst jedoch soll eine kurze Differenzierung im Hinblick auf die Schuldfrage erfolgen: Woran soll Phèdre schuld sein? An ihrer inzestuösen Liebe, daran, diese gestanden zu haben, am Tod Hippolythes, an dem Oenones, an ihrem eigenen Tod?

2. Eine notwendige Differenzierung von Phèdres Schuld

Sowohl im Drama selbst als auch in der Sekundärliteratur wird häufig ganz allgemein von der Schuld Phèdres gesprochen, ohne genauer zu differenzieren, woran die Titelheldin denn nun die Schuld tragen soll.[3]

Phèdre selbst empfindet ihre Liebe zu Hippolythe als ihre Hauptschuld, obwohl sie sich offensichtlich darüber im Klaren ist, dass diese ihr von den Göttern als Strafe auferlegt wurde:

Objet infortuné des vengeances célestes,

Je m’abhorre encor plus que tu ne me détestes.

Les Dieux m’en sont témoins, ces dieux qui dans mon flanc

Ont allumé le feu fatal à tout mon sang ; (V. 677-680)

Phèdre sieht sich anscheinend vollkommen in der Gewalt der Götter, die sie nach ihrer Willkür auch des körperlichen Ehebruchs mit Hippolythe schuldig werden lassen können. Im Zusammenhang damit stellt sich auch die Frage, ob Phèdre der Verdienst zukommt, sich nicht tatsächlich des Ehebruchs schuldig gemacht zu haben. Diese Problematik formuliert sie auch selbst:

Grâces au ciel, mes mains ne sont point criminelles.

Plût aux dieux que mon coeur fût innocent comme elles ! (221f.)

Fest steht, dass sie sich als vollkommen determiniert vom Willen der Götter begreift, dass sie sich jedoch nichtsdestotrotz die Schuld an dieser Liebe zuschreibt, gegen die sich zu wehren sie nicht mehr die Kraft aufbringen kann. Deshalb zieht sie zunächst den Tod vor, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie glaubt hoffen zu dürfen, ihre Liebe hätte durch den vermeintlichen Tod Thésées eine gewisse Legitimität erhalten. Diese Feststellung scheint mir bemerkenswert: Im ersten Akt ist Phèdre entschlossen zu sterben, was die Tragik des Stückes allein auf ihre Person begrenzen würde, entschließt sich jedoch (aufgrund der fälschlichen Annahme, ihr Gatte wäre nicht mehr am Leben) wieder auf die Bildfläche zurückzukehren und löst damit erst die Abfolge der tragischen Ereignisse aus.[4]

Einer interessanten Frage, nämlich Phèdres Ansicht, durch das Eingeständnis dieser Liebe würde sie noch schuldiger werden, soll in Kapitel 4 nachgegangen werden.

Einen weiteren Schuldaspekt stellt die falsche Anschuldigung Hippolythes dar, die letzten Endes zu seinem Tod führt. In diesem Punkt scheint die Schuldfrage wegen der großen Anzahl der an der Vollstreckung seines Todesurteils beteiligten Figuren schwer zu beantworten: Oenone, der die Idee zu diesem Verrat kommt und die ihn auch ausführt, Phèdre, die dies zulässt und mit ihrer „injuste silence“ (V. 1617) bei Thésée einen falschen Eindruck aufrecht erhält, Thésée, der seinen Sohn zum Tode verurteilt dadurch, dass er Neptune bittet, ihn zu töten, und wiederum die Götter, in der Gestalt eben des Meeresgottes Neptune, der die Bitte Thesées erhört, und den unschuldigen Hippolythe mit Hilfe eines Meeresungeheuers tötet.

Weiterhin ist zu fragen, ob Phèdre auch am Tode Oenones Schuld trägt, die sie durch ihre Anschuldigungen in IV.6 in den Selbstmord treibt[5]. Überhaupt verdient die Tatsache, dass Phèdre ihrer confidente noch in der Schlussbeichte fast die gesamte Schuld an den tragischen Verwicklungen der Handlung zuschreibt, eine eingehende Betrachtung. Oenone jedenfalls scheint diese Schuldzuschreibung ihrer Herrin zu akzeptieren und mit ihrer Selbsttötung die Verantwortung für die gemeinsam begangene Verschwörung zu übernehmen, was sie in Vers 1328 deutlich zum Ausdruck bringt. Für den Tod Oenones scheint Phèdre jedoch keineswegs Schuldgefühle zu empfinden. Nach ihrer Schuldzuweisung an Oenone findet Phèdre:

Elle s’en est punie, et fuyant mon courroux,

A cherché dans les flots un supplice trop doux. (1631f.)

Zusammenfassend ist also zu untersuchen, inwieweit Phèdre Schuld trägt an ihrer Liebe zu Hippolythe, und damit zusammenhängend auch, ob ihr der Verdienst zuzuschreiben ist, den Ehebruch nicht auch körperlich vollzogen zu haben. Außerdem ist ihre Schuld am Tode Hippolythes und Oenones zu klären.

Dabei ist besonderes Augenmerk darauf zu legen, wie die Beurteilung der Schuldhaftigkeit in Phèdres Augen variiert, reicht diese doch von der totalen Selbstbeschuldigung (1269ff.) bis zum quasi-totalen Selbstfreispruch von jeglicher Schuld in ihrem Schlussmonolog (1625f.).

Auf die Beurteilung der Schuldhaftigkeit der einzelnen Beteiligten, v.a. ihrer eigenen, in den Augen Phèdres soll im folgenden Kapitel eingegangen werden.

3. Die Schuldverteilung in Phèdres Augen

3.1. Phasen in Phèdres Schuldeinschätzung

Phèdres Einschätzung der Schuldverteilung kann in verschiedene Phasen unterteilt werden, in denen, wie bereits angedeutet, höchst verschiedene, geradezu gegensätzliche Ansichten bestimmend sind. Sie werden im Folgenden chronologisch dargestellt, wobei nur auf die Entwicklung ihrer Beurteilung im Handlungsverlauf selbst eingegangen werden soll. Der Bericht über den Beginn ihrer Liebe zu Hippolythe und ihre damalige Schuldeinschätzung in den Versen 269 bis 316 findet daher keine Beachtung.

3.1.1. Tiefes Schuldempfinden bis hin zur Todessehnsucht

Es wurde bereits erwähnt, dass Phèdre sich zu Beginn des Stückes so schuldig fühlt wegen ihrer Liebe zu ihrem Stiefsohn, dass sie den Tod einem Weiterleben mit dieser Schuld vorzieht. Nichtsdestotrotz sieht sie den Ursprung dieser schuldhaften Liebe nicht bei sich selbst, sondern, wie bereits erwähnt, bei den rachsüchtigen Göttern, v.a. bei der Göttin Venus, die ihr diese Schuld als eine Strafe auferlegt hat und den weiteren Verlauf dieser ihrer Liebe vollkommen in ihrer Macht hat (vgl. V. 221f.). Trotz dieser Einsicht in ihre Fremdbestimmtheit im Hinblick auf diese Liebe, die in vielfachen Anrufungen der „cruelle destinée“ (z.B. V.301) und des „ Ciel“ (V. 325) zum Ausdruck kommt, empfindet sie zunächst große Schuldgefühle, so spricht sie unter Anderem von ihrer „coupable durée“ (V. 217).

3.1.2. Phèdre als „Objet infortuné des vengeances célestes“

Ein signifikanter Wandel in Phèdres Beurteilung der Schuldverteilung vollzieht sich im „facheux entretien“ (V. 580) mit Hippolythe, nachdem sie ihm ihre Liebe gestanden hat. Sie bezeichnet sich als Opfer göttlicher Boshaftigkeit, als „Objet infortuné des vengeances célestes“ (V. 677) und äußert, sie sei „Innocente à mes yeux“ (V. 674).

Zum ersten Mal verteidigt sich Phèdre hier mit ihrer Fremdbestimmtheit durch göttliche Mächte und schreibt sich selbst keine Schuld mehr an ihrer inzestuösen Liebe zu, bezeichnenderweise genau in dem Moment, da sie ihr nachgegeben hat. Man darf vielleicht annehmen, dass ihr in diesem Augenblick, da ihre Gefühle sie gewissermaßen übermannt haben, erst die ganze Aussichtslosigkeit ihres Bemühens, gegen diese Liebe anzukämpfen bewusst wird, und sie den Glauben an ihre Willensfreiheit und Selbstbestimmung aufgibt. Die Stärke ihrer Gefühle, die sie nicht mehr zu unterdrücken in der Lage ist, lässt sie darauf schließen, diese müssten gewissermaßen als höhere Macht anerkannt werden. Dies schlussfolgernd gibt sie sowohl ihren Widerstand gegen diese Gefühle, als auch ihren Glauben an die Selbstbestimmung ihrer Handlungen, und damit auch die Gewissheit ihrer Schuldhaftigkeit auf. Denn wie könnte sie die Schuld an etwas tragen, was außerhalb ihrer Macht liegt?

3.1.3. Erste Anschuldigung Oenones

Nach diesem zweiten Stadium, in dem sie sich als schuldlos betrachtet, folgt ein drittes, in dem Phèdre nach einer Alternativschuldigen sucht, die greifbarer ist als die Götter. Sie findet sie unmittelbar in der Person ihrer Vertrauten Oenone:

Par tes conseils flatteurs tu m’as su ranimer;

Tu m’as fait entrevoir que je pouvais l’aimer. (V. 771 f.)

Phèdre scheint in Oenones Worte (337-362) mehr gehört zu haben, als Oenone sagte, hat die confidente sie doch keinesfalls ermutigt, Hippolythe ihre Liebe zu gestehen, sondern allenfalls versucht, ihr die Schuldgefühle, die durch diese Liebe ausgelöst wurden, zu nehmen:

Hippolythe pour vous devient moins redoutable,

Et vous pouvez le voir sans vous rendre coupable. (V. 353 f.)

In ihrer großen Ergebenheit Phèdre gegenüber nimmt Oenone jedoch trotzdem die zugewiesene Schuld auf sich.

Hélas! de vos malheurs innocente ou coupable,

De quoi pour vous sauver n’étais-je point capable ? (V. 773 f.)

Diese erste Anschuldigung Oenones deutet bereits voraus auf die folgenden, in denen Oenone zwar durchaus die Anschuldigungen ihrer Herrin eher verdient als in dieser Szene, jedoch gleichermaßen bereit ist, alle Schuld dafür auch auf sich zu nehmen. Ohne Rücksicht auf Verluste ist sie bereit, das Leben ihrer Herrin zu erhalten, und damit den Lebenswillen zu ersetzen, den Phèdre schon zu Beginn des Stückes verloren hat.

3.1.4. Anschuldigung der Göttin Venus

In einem weiteren Stadium ihrer Sicht der Schuldverteilung wendet sich Phèdre direkt an die Göttin Venus und sieht wiederum diese als die allein Schuldige an ihrem Schicksal (V. 813-824). Dieser kurze Monolog spiegelt eine gewisse Verwirrtheit der Titelheldin wieder, denn Phèdre wünscht sich nach einigen vorwurfsvollen Bemerkungen über den bösen Willen der Göttin, sich mit dieser gegen den geliebten Hippolythe zu verbünden:

Déesse, venge-toi: nos causes sont pareilles.

Qu’il aime…. (822 f.)

Glaubt sie einerseits, das Opfer der Liebesgöttin zu sein, so will sie nun andererseits, dass diese ihre verschmähte Liebe an Hippolythe rächen möge. Es ist wohl nicht zu gewagt, anzunehmen, dass Phèdre, die zu diesem Zeitpunkt noch annimmt, Hippolythe sei ganz grundsätzlich keiner Liebe zugänglich, von der Göttin verlangt, sich möge sich den widerspenstigen Geliebten ebenso Untertan machen, wie sie dies mit Phèdre getan hat.[6] Unter dieser Perspektive hätten die Liebende und die Göttin tatsächlich „causes (…) pareilles“.

[...]


[1] Racine, Jean: Préface de « Phèdre », S. 1

[2] Der Begriff der Inzest wird normalerweise nur für körperliche Liebe zwischen Blutsverwandten verwendet. Der Akt ist hier jedoch nicht vollzogen worden („ Jamais mon triste coeur n’a recueilli le fruit;“ V. 1292). Interessant ist weiterhin, dass alle Liebesbeziehungen der Tragödie in diesem Sinne inzestuös wären, denn auch Thésée und Phèdre, sowie Hippolythe und Aricie sind miteinander blutsverwandt. (Vgl. die schematische Darstellung in: Latgé, Max: L’interdit dans Phèdre. La prohibition de l’inceste, S. 127)

Diese eher formalen Einzelheiten sollen uns jedoch hier nicht näher beschäftigen, da es in diesem Fall ganz offensichtlich allein um die „gefühlte“ Blutschande handelt.

[3] So beispielsweise in Sambanis, Michaela: Die sprachliche Realisierung exemplarischer Schlüsselbegriffe im Werk von Jean Racine, Peter Lang, Frankfurt a.M., 2002, S. 159-181

[4] „Ce n’est pas le mort de Phèdre qui a besoin d’être expliquée, c’est plutôt sa survie, car pendant toute la pièce elle expire, (...) elle est à tout instant en sursis d’existence. » schreibt Blanchot, M. : Faux pas, S. 89, zitiert nach Batache-Watt, Emy : Profils des héroines Raciniennes, Librairie C. Klincksieck, o.O., 1976, S. 195

[5] Dieser Sachverhalt findet bei vielen Autoren kaum Beachtung. Batache-Watt (S. 216) interpretiert Oenones Selbstmord, wie Phèdre, als eine Flucht vor deren Beschuldigungen, eine Deutung, die m.E. nicht weit genug geht.

[6] vgl. auch Dédéyan, Charles: Racine et sa Phèdre, Société d’èditions d’enseignement supérieur, Paris, 1978, S. 139 und Batache-Watt, S. 104

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Phèdre – «ni tout à fait coupable, ni tout à fait innocente»?
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Jean Racine
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V88023
ISBN (eBook)
9783638023450
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phèdre, Jean, Racine
Arbeit zitieren
Christine Reff (Autor), 2006, Phèdre – «ni tout à fait coupable, ni tout à fait innocente»?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88023

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