Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelt der Philosoph George Dickie (*1926) die hier im Mittelpunkt stehende Institutionelle Theorie der Kunst. Ihr zufolge zeichnet sich ein Kunstwerk dadurch aus, dass es in einen ganz bestimmten institutionellen Rahmen, den Dickie in Anlehnung an Arthur Danto als „Kunstwelt“ bezeichnet, eingebettet ist bzw. eine ganz bestimmte Rolle innerhalb dieses Rahmens spielt.
Genau so wie ein Blatt mit fünf gleichfarbigen Karten von Zehn bis Ass nur vor dem Hintergrund eines Pokerspiels ein „Royal Flush“ ist, genau so soll es sich laut Dickie bei einem bestimmten Artefakt wie zum Beispiel bei einer bemalten Leinwand, einem Buch oder einem Musikstück nur dann um Kunst handeln, wenn es vor dem Hintergrund der Kunstwelt hergestellt wurde. Heißt es in Dickies erster Version (1969/1974) noch, dass etwas genau dann ein Kunstwerk ist, wenn es ein Artefakt ist, dass von jemandem – in der Regel dem Künstler selbst – im Namen der Kunstwelt einen bestimmten Status verliehen bekommen hat, bedeutet dies in Dickies zweiter und aktueller Version (1984), dass etwas genau dann ein Kunstwerk ist, wenn es von einem verständigen Künstler für die Präsentation vor einem verständigen Kunstwelt-Publikum hergestellt wurde.
Auch wenn Dickies Institutionstheorie – zumindest was den angelsächsischen Raum betrifft – im Großen und Ganzen zunächst einmal auf Zustimmung traf, wurden im Laufe der Jahre mehrere Einwände gegen diese vorgebracht, die auch durch Dickies zweite Version nicht entkräftet werden konnten. Ziel meiner Arbeit ist es, die meiner Meinung nach am meisten verbreiteten und stichhaltigsten Einwände zu klassifizieren und anschließend, wenn möglich, zu widerlegen.
Bevor ich jedoch im dritten Kapitel die Einwände gegen Dickies Kunsttheorie darstelle, werde ich im ersten Kapitel eine kurze historische und inhaltliche Einführung in das Thema geben. Anschließend erläutere ich im zweiten Kapitel, was genau unter Dickies Institutioneller Kunsttheorie zu verstehen ist. Um diese besser nachvollziehen zu können, beschränke ich mich hierbei nicht auf die Darstellung der aktuellen Version von Dickies Kunsttheorie (1984), sondern stelle zunächst die ursprüngliche Version (1969/1974) und deren zentrale Kritik, die zu der jetzigen Version führte, vor.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Historische und inhaltliche Einführung
1.1. Der Bereich der Kunst
1.1.1. Der Definitionsskeptizismus
1.1.1.1. Morris Weitz – Kunst als „offener Begriff“
1.1.2. Kritik an dem Definitionsskeptizismus
1.1.2.1. Maurice Mandelbaum
1.1.3. Die Institutionelle Theorie der Kunst
1.1.4. Arthur Danto
2. George Dickies Institutionelle Theorie der Kunst
2.1. Die erste Version
2.1.1. Definition von „Kunst“
2.1.1.1. Artefaktizität
2.1.1.2. Die Übertragung des Status eines Anwärters für Wertschätzung im Namen der Kunstwelt
2.1.1.2.1. Die Kunstwelt
2.1.1.2.2. Die Übertragung des Status eines Anwärters für Wertschätzung
2.1.1.2.3. Wertschätzung
2.2. Kritik an der ersten Version
2.2.1. Monroe C. Beardsley
2.3. Die zweite Version
2.3.1. Der „Kunst Zirkel“
2.3.1.1. Artefaktizität
2.3.1.1.1. Artefaktizität als notwendige Bedingung für „Kunst“
2.3.1.1.2. „Minimales Artefakt“
3. Einwände
3.1. Erklärt Dickies Kunstdefinition, warum etwas ein Kunstwerk ist?...
3.2. Ist Dickies Kunstdefinition elitär bzw. anti-demokratisch?
3.3. Schließt Dickies Kunstdefinition Kreativität aus?
3.4. Ist Dickies Kunstdefinition relativistisch?
3.5. Ist Dickies Kunstdefinition zirkulär?
3.5.1 Gutartig und bösartig zirkuläre Definitionen
3.5.1.1. Rekursive Definitionen
3.5.1.2. Gutartig zirkuläre implizite Definitionen
3.5.2. Dickies Kunstdefinition(en) als gutartig zirkuläre implizite Definition(en)
3.6. Ist Dickies Kunstdefinition zu eng?
3.6.1. Gibt es Kunst außerhalb der Kunstwelt bzw. ist Kunst außerhalb der Kunstwelt möglich?
3.7. Ist Dickies Kunstdefinition zu weit?
3.7.1. „Kunstwelt“ als indexikalischer Ausdruck
3.7.2. Die Kunstwelt als strukturierte, historische Institution
4. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit George Dickies Institutioneller Theorie der Kunst auseinander. Das Hauptziel besteht darin, die verbreitetsten und stichhaltigsten Einwände gegen diese Theorie zu klassifizieren und, sofern möglich, zu entkräften. Dabei wird untersucht, wie Dickie den Kunstbegriff sowohl in seiner ursprünglichen als auch in seiner revidierten Version definiert und ob diese Definitionen den geäußerten Einwänden standhalten können.
- Historische Entwicklung der Institutionellen Theorie der Kunst (Danto, Weitz, Mandelbaum)
- Differenzierung der beiden Versionen von Dickies Theorie (1969/1974 vs. 1984)
- Kritische Analyse von Einwänden: Zirkularität, Elitarismus, Relativismus und Kreativitätsausschluss
- Untersuchung des Begriffs der "Kunstwelt" und dessen indexikalischer Interpretation
- Rehabilitation der Theorie als funktionsfähiges, deskriptives Instrumentarium
Auszug aus dem Buch
0. Einleitung
Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelt der Philosoph George Dickie (*1926) die hier im Mittelpunkt stehende Institutionelle Theorie der Kunst. Ihr zufolge zeichnet sich ein Kunstwerk dadurch aus, dass es in einen ganz bestimmten institutionellen Rahmen, den Dickie in Anlehnung an Arthur Danto als „Kunstwelt“ bezeichnet, eingebettet ist bzw. eine ganz bestimmte Rolle innerhalb dieses Rahmens spielt. Genau so wie ein Blatt mit fünf gleichfarbigen Karten von Zehn bis Ass nur vor dem Hintergrund eines Pokerspiels ein „Royal Flush“ ist, genau so soll es sich laut Dickie bei einem bestimmten Artefakt wie zum Beispiel bei einer bemalten Leinwand, einem Buch oder einem Musikstück nur dann um Kunst handeln, wenn es vor dem Hintergrund der Kunstwelt hergestellt wurde.
Ob etwas ein Kunstwerk ist, hängt somit nicht – wie bisher von den traditionellen Kunsttheorien stets angenommen – davon ab, ob es über irgendwelche unmittelbar wahrnehmbaren, intrinsischen Eigenschaften wie zum Beispiel Schönheit oder Eleganz verfügt, sondern ob es Teil einer ganz bestimmten etablierten Praxis ist, d. h. ob es in einer ganz bestimmten Relation zu der Kunstwelt steht. Demnach ist es unmöglich, etwas unabhängig von seinem Kontext als ein Kunstwerk zu erkennen. Diese Akzentverschiebung hat zur Folge, dass die Klasse der potentiellen Kunstwerke im Prinzip unbegrenzt ist (vorausgesetzt, es handelt sich bei ihnen um Artefakte). Dickies Institutionelle Theorie der Kunst bietet demzufolge den großen Vorteil, dass sie nicht schon von vornherein bestimmte Dinge, wie zum Beispiel Alltagsgegenstände, Landschaften oder Tiere, von der Klasse der potentiellen Kunstwerke ausschließt.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Institutionelle Theorie der Kunst von George Dickie ein und erläutert die Grundidee der Einbettung eines Artefakts in den Kontext der "Kunstwelt".
1. Historische und inhaltliche Einführung: Das Kapitel zeichnet die Entstehung der Institutionellen Theorie nach, insbesondere unter dem Einfluss des Definitionsskeptizismus und der Kritik von Morris Weitz sowie Maurice Mandelbaum.
2. George Dickies Institutionelle Theorie der Kunst: Hier wird die Entwicklung der Theorie in zwei Versionen dargestellt, wobei der Schwerpunkt auf der institutionellen Einbettung und der Rolle der "Kunstwelt" liegt.
3. Einwände: Dieses umfangreiche Kapitel klassifiziert und analysiert verschiedene Kritikpunkte an Dickies Theorie, von der Zirkularität über Elitarismusvorwürfe bis hin zum Relativismus.
4. Schlussfolgerungen: Das abschließende Kapitel resümiert, dass die Institutionelle Theorie trotz berechtigter Kritikpunkte in ihrer deskriptiven Funktion als funktionstüchtig verteidigt werden kann.
Schlüsselwörter
George Dickie, Institutionelle Theorie der Kunst, Kunstwelt, Artefaktizität, Definitionsskeptizismus, Ästhetik, Kunstwerk, Arthur Danto, Monroe C. Beardsley, Institution, Status, Wertschätzung, Zirkularität, Alltagsästhetik, Diskriptiver Kunstbegriff
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die Institutionelle Theorie der Kunst von George Dickie und versucht, diese gegen zahlreiche philosophische Einwände zu verteidigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Definition von Kunst als Artefakt innerhalb eines institutionellen Rahmens, die Analyse der sogenannten "Kunstwelt" und die Auseinandersetzung mit der Kritik an diesem prozeduralen Kunstverständnis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die häufigsten Einwände gegen Dickies Theorie (wie Zirkularität oder Elitarismus) zu klassifizieren und durch eine methodische Untersuchung auf ihre Stichhaltigkeit hin zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, um Begriffe und Definitionen zu klären, sowie eine literaturwissenschaftliche Analyse von Dickies Primärtexten und deren zeitgenössischer Kritik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einleitung, die detaillierte Darstellung von Dickies zweistufiger Theorieentwicklung und eine umfassende Diskussion verschiedener Einwände, einschließlich komplexer Fragen wie der Zirkularität und der Multirealisierbarkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem: Institutionelle Theorie der Kunst, Kunstwelt, Artefaktizität, Definitionsskeptizismus, deskriptiver Kunstbegriff und Ästhetik.
Was versteht Dickie unter der "Kunstwelt"?
Dickie begreift die "Kunstwelt" als ein Bündel von ineinandergreifenden, informellen Systemen und Rollen, die es ermöglichen, einem Artefakt den Status eines Kunstwerks zu verleihen.
Wie entkräftet die Arbeit den Zirkularitätsvorwurf?
Die Arbeit argumentiert, dass die Definitionen in Dickies Theorie nicht bösartig, sondern gutartig zirkulär sind, und setzt auf die Methode der "Ramseyfizierung" als formales Instrument, um die Zirkularität zu eliminieren und explizite Definitionen zu gewinnen.
- Quote paper
- Katrin Raschke (Author), 2008, George Dickie's Institutionelle Theorie der Kunst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88066