Paarbeziehungen schwuler Männer

Ihre Kompetenzen und Konflikte vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Stigmatisierungen


Diplomarbeit, 2007

113 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

0. Vorwort

1. Einleitung
1.1. Problemskizzierung
1.2. Themenübersicht und forschungsleitende Fragen:

2. Zur Erforschung von Paarbeziehungen schwuler Männer
2.1. Begriffsklärung: Was ist eine schwule Paarbeziehung?
2.1.1. Definition: Schwul oder homosexuell
2.1.2. Definition: Paarbeziehung
2.2. Zum Problem der Repräsentativität von Studien über homosexuelle Männer
2.3. Die Entwicklung der Homosexuellenforschung und ihre theoretischen Ausgangspunkte mit Relevanz für die Partnerschaftsthematik

3. Der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität zwischen Stigmatisierung und Anerkennung
3.1. Begriffe für negative Haltungen gegenüber Homosexualität
3.1.1. Definition: Stigmatisierung
3.1.2. Zum Begriff des Stigma-Management bei homosexuellen Männern
3.2. Von Verfolgung und Tabuisierung zum kulturellen Aufbruch: Zur Geschichte des Umgangs mit Homosexualität
3.3. Divergente Haltungen zur Homosexualität in der Gegenwart
3.4. Zur rechtlichen Situation homosexueller Partnerschaften

4. Besonderheiten in der Biografie schwuler Männer
4.1. Entwicklung in Kindheit und Jugend
4.2. Chancen und Risiken beim Coming out
4.2.1. Das innere Coming out
4.2.2. Das äußere Coming out
4.3. Das Erwachsenenalter: Eine Tendenz zu Großstadtleben, beruflichem Aufstieg und schwulen Netzwerken

5. Schwule Paarbeziehungen und ihre spezifischen Bedingungen
5.1. Das Auftreten schwuler Paare als neues Phänomen
5.2. Weitgehendes Fehlen von Modellen und Bindungsritualen
5.3. Akzeptanzprobleme seitens der Herkunftsfamilie
5.4. Auswirkungen von HIV und AIDS
5.5. Zur Geschlechtsrolle schwuler Männer
5.6. Die Rolle der Sexualität in schwulen Paarbeziehungen im Unterschied zu heterosexuellen Paaren

6. Auswirkungen des Stigmas Homosexualität auf schwule Männer und deren Paarbeziehungen
6.1. Beziehungslosigkeit und neurotische Partnerwahl
6.2. Selbstdiskriminierungen, Schuldgefühle und Geheimhaltungen
6.3. Wunsch und Wirklichkeit: Barrieren bei der Findung und Etablierung von Paarbeziehungen
6.4. Partnerschaftskonzepte schwuler Männer
6.5. Zum Verlauf von stabilen und dauerhaften Paarbeziehungen

7. Paarberatung schwuler Männer: Experteninterviews mit zwei Therapeuten
7.1. Hypothesen zu schwulen Paarbeziehungen
7.2. Das Experteninterview
7.3. Zur Auswahl der Experten
7.4. Verfahren und Probleme bei den Interviews
7.5. Das Auswertungsverfahren
7.6. Thematischer Vergleich der Interviews
7.7. Aussagegehalt der Befragungen
7.8. Vergleich der Hypothesen mit den Aussagen der Experteninterviews

8. Resümee

Anhang

Leitfaden für die Experteninterviews

Interview I

Interview II

Literatur

0. Vorwort

Eine erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität fand während meines Studiums an der heutigen Alice-Salomon-Fachhochschule statt. Dort schrieb ich 1992 eine Diplomarbeit zum Thema „Jugendgruppenarbeit mit männlichen Homosexuellen. Beobachtungen und Erfahrungen in einer Coming-out-Gruppe“. Ich führte mit vier Teilnehmern einer von mir angeleiteten Gruppe Tiefeninterviews durch und stellte Fragen u.a. nach ihren Erfahrungen und Vorstellungen hinsichtlich einer Partnerschaft. Trotz eines Durchschnittsalters von 22 Jahren verfügten die Teilnehmer nur über wenige Erfahrungen, gleichzeitig waren Vorstellungen einer romantisch-idealen Beziehung erkennbar. Jedoch wurde dieser Wunsch auch als wenig realistisch, einengend und für derzeit nicht aktuell betrachtet. Die perspektivische Suche nach einer Liebesbeziehung stellte für drei der vier Befragten aber ein zentrales Thema dar.

Das Thema der schwulen Partnerschaften blieb für mich seither von Interesse. Auch mein eigenes Schwulsein und Beobachtungen im persönlichen Umfeld motivierten mich zu einer Auseinandersetzung: Wie steht es wirklich um Liebesbeziehungen zwischen Männern? Ich hatte eine Ahnung oder ein nicht belegtes Wissen, dass schwule Partnerschaften anders als die von Heterosexuellen verlaufen, das es eigene Themen und Glücksmöglichkeiten gibt. Mein Eindruck war, dass schwule Männer Schwierigkeiten in der Realisierung realer Liebesbeziehungen haben. Manche schienen nie eine Partnerschaft zu haben oder wechselten ihre Partner in kurzen Abständen.

Der vorliegenden Diplomarbeit vorausgehend schrieb ich eine Hausarbeit „Über Diskriminierungen von männlicher Homosexualität und Fritz Morgenthalers psychoanalytisch orientierter Sicht als Beitrag zur Entpathologisierung“. Morgenthaler entwickelte erstmals ein psychoanalytisches Modell, nach welchem es sich bei Homosexualität um eine nichtpathologische und zur Heterosexualität gleichwertige Entwicklung handelt. Die Erkenntnisse dieser Hausarbeit stellten für das Thema dieser Diplomarbeit eine wichtige Grundlage dar.

Mein Anliegen war es, mit vielen Personen über das Thema zu sprechen. Ich habe es im sozialtherapeutischen Forschungskolloquium der Universität Kassel und auf einer öffentlichen Veranstaltung des dortigen Schwulenreferats vorgestellt und mich mit zahlreichen Freund/innen, Komiliton/innen, Kolleg/innen darüber ausgetauscht.

Manche Gesprächspartner reagierten interessiert und aufgeschlossen, bewerteten das Thema als wichtig. Es wurde übereinstimmend oder auch kontrovers diskutiert. Andere reagierten ablehnend oder mit einem Schweigen, wirkten betroffen, als ginge es um ein schwer aussprechbares, sehr spezielles oder auch unbekanntes Thema. Einige markante Beiträge möchte ich skizzieren:

- Ein schwuler Mann fragte, warum es denn eine Arbeit über schwule Paarbeziehungen sein müsse. Könne man nicht allgemein über Paare schreiben? Er berichtete im weiteren Verlauf des Gesprächs, dass er kürzlich mit einem Bekannten Händchen haltend durch die Straßen Kassels gelaufen sei und beide hätten zahlreiche skeptische Blicke registriert. Ihm war damit die Unterschiedlichkeit bewusst und er betrachtete seinen Einwand als erledigt.
- Eine andere Gesprächspartnerin sagte etwas lapidar, es sei doch zwischen zwei Männern genauso wie bei Mann und Frau. Das allein schon die Geschlechterkonstellation eine andere ist, schien sie nicht zu berücksichtigen.
- Ein heterosexueller Kommilitone brachte ein, dass Schwule ihre Unterschiede sehr betonen würden. Erst dadurch entstünde überhaupt eine Ungleichheit. In der weiteren Diskussion aber erzählte er, ihm sei von Kindheit an „eingeimpft worden und er kriege es schwer heraus: Schwulsein ist böse“.
- Eine Gesprächspartnerin fragte, ob ich selbst Beziehungsprobleme habe. Meinte sie damit, dies sei meine Motivation?
- Eine Kommilitonin fragte, ob ich selber als Homosexueller betroffen sei. Ich wisse ja, wie sie das meine. Sie stellte als Vergleich her: In einem Seminar habe eine Referentin ein Referat über Krebs gehalten und im Laufe des Vortrages habe sich herausgestellt, dass sie selbst erkrankt sei. Die ganze Diskussion sei sehr schwierig und bedrückend gewesen.

Diese Aussagen lösten Irritationen in mir aus. Ich stellte mir die Frage, was die Gesprächspartner wohl ausdrücken wollten: Würde man bspw. bei einer Arbeit über „Konflikte binationaler Paare“ einwenden, man könne doch allgemein über Paare schreiben? Würde man unterstellen, es sei genauso wie bei einem deutschen Paar? Würde man bspw. bei einer Fragestellung über „Paarbeziehungen mit einer Altersdiskrepanz von über 20 Jahren“ sagen, erst durch die Betonung von Unterschieden entstünden diese überhaupt?

Mein Eindruck ist, dass ein mangelndes Problembewusstsein bis hin zur Bagatellisierung in Bezug auf das Thema bestehen. Dies ist umso erstaunlicher angesichts des Raums, den die Gestaltung von heterosexuellen Paarbeziehungen in Literatur, Medien, Wissenschaft, Gesetzgebung, Beratungsgesprächen oder auch in privaten Gesprächen und Gedanken bekommt. Welches könnten die Gründe sein? Zu vermuten ist, dass es zum einen mit Distanz und Vorbehalten gegenüber Homosexualität zu tun hat. Es handelt sich um ein noch immer schwer kommunizierbares Thema. Daneben sind auch andere Motive denkbar. Man möchte Partnerschaftsfragen nicht „entschlüsseln“. Dies sei auch gar nicht möglich. Partnerschaft und Liebe unterlägen ihren eigenen Gesetzen, die man nicht erklären könne, sie seien geheimnisvoll und jeweils einzigartig.

1. Einleitung

1.1. Problemskizzierung

„Homosexuelle sind Exoten, witzig, wohlhabend und setzen Trends in Mode, Kunst und Kultur. Soweit ein gängiges Klischee. Die Einführung der Homoehe aber zeigt beispielhaft die Unsicherheit der Gesellschaft im Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe: von der Verfassungsklage CDU-regierter Länder bis zur fundamentalistischen Phillipika aus Rom“ (Spiegel Online, 25.04.05).

Als 2006 der FDP-Vorsitzende Westerwelle seinen Lebensgefährten auf einen politischen Empfang mitbringt, wird dies am folgenden Tag auf den Titelseiten der Boulevardblätter in großen Buchstaben verkündet und eher wohlwollend kommentiert. Mutig von Westerwelle, mag man sagen. Aber um die Problematik zu verdeutlichen, wäre zu fragen: Wie viele Jahre zuvor hatte er seine sexuelle Orientierung der breiten Öffentlichkeit verschwiegen und seinen Freund verleugnet? Und kann ein nicht so einflussreicher FDP-Provinzpolitiker mit dem gleichen Wohlwollen und der gleichen Aufmerksamkeit rechnen, wenn er seinen Freund auf den Empfang eines CSU-Landrates mitbringt?

Auseinandersetzungen um Paarbeziehungen schwuler Männer und lesbischer Frauen bringen Emotionen in der Bevölkerung zum Vorschein. Europaweite Diskussionen, Demonstrationen und Parlamentsdebatten zur „Homo-Ehe“ in ihren länderspezifischen Varianten belegen dies.

Auch innerhalb der schwulen Szene und deren Medien wird kontrovers über Partnerschaften diskutiert. Es finden sich Beiträge, Schwule seien generell beziehungsunfähig, ständig auf der Suche nach einem Lover und die durchschnittliche Dauer einer Partnerschaft betrage drei Wochen. Andere Beiträge zeichnen ein Bild von möglichen stabilen und lebendigen Paarbeziehungen. Wieder andere ordnen eine Zweierbeziehung der Heterosexualität zu und suchen nach alternativen Lebensformen.

Das Thema schwuler Paarbeziehungen ist offensichtlich nicht nur von privater und individueller Relevanz, sondern lässt auch auf eine spezifische gesellschaftspolitische Dimension schließen. Dieser Arbeit liegt als Ausgangshypothese die Annahme zugrunde, dass der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität eine signifikante Auswirkung auf Paarbeziehungen schwuler Männer hat.

Die Erörterung schwuler Partnerschaften umfasst ein weites und vielschichtiges Feld, welches in einer Diplomarbeit nicht umfassend zu leisten ist. Das Anliegen meiner Arbeit ist es, ein stärkeres Bewusstsein für das Thema zu entwickeln. Die Arbeit versteht sich als Problemaufriss und möchte Zusammenhänge darstellen. Subjektive Eindrücke sollten möglichst objektiviert werden.

Nach Aussagen vieler Autoren ist das Themengebiet schwule Paarbeziehungen zu wenig und nicht repräsentativ erforscht. Die vorliegende Arbeit geht daher eher in die Breite als in die Tiefe und will auf die Spurensuche nach relevanten Themen und Fragen gehen, bevor diese in einem weiteren Schritt vertieft werden könnten.

Gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen von Frauen werden in der Arbeit nur an einzelnen Stellen berücksichtigt. Ich gehe davon aus, dass sie sich in vielem von Männerbeziehungen unterscheiden, z.B. in ihren Diskriminierungserfahrungen oder der Geschlechtsrolle, so dass sie einer eigenen Betrachtung bedürften.

Die Arbeit bezieht sich überwiegend auf den deutschen und in geringeren Teilen auf den europäischen oder als westlich bezeichneten Kulturkreis.

Dieser Arbeit liegt die Überzeugung zu Grunde, dass Homosexualität als „gesunde Variante der menschlichen Entwicklung“ zu verstehen ist (Rauchfleisch, 1994, S. 207). Homosexualität stellt einen „Ausdruck andersartiger erotischer Zuneigung“ dar (McWhirter/Mattison, 1986, S. 8). Es handelt sich um eine Entwicklung, die im Vergleich zur Heterosexualität zwar anders verläuft, aber gleichwertig ist (vgl. Morgenthaler, 2004, S. 86 f.). Die gegenteiligen Grundannahmen, Homosexualität sei pathologisch, abnorm oder sündhaft, werden in erster Linie in ihren Auswirkungen diskutiert.

1.2. Themenübersicht und forschungsleitende Fragen:

Im Kapitel 2 werden als Grundlage relevante Begriffe referiert: Was ist eine schwule Paarbeziehung? Es werden Probleme bei der Erforschung der Zielgruppe erörtert. Warum gibt es keine repräsentativen Aussagen über schwule Männer? Abschließend werden theoretische Grundlagen der Homosexuellenforschung mit Relevanz für die Partnerschaftsfrage vorgestellt.

In Kapitel 3 ist der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität zwischen Stigmatisierung und Anerkennung Gegenstand der Betrachtung. Dieses ist Voraussetzung, um die Auswirkungen gesellschaftlicher Stigmatisierungen auf schwule Paarbeziehungen einschätzen zu können. Wie sah der historische Umgang mit Homosexualität aus? Welche Einstellungen finden sich in der Gegenwart zur Homosexualität? Wie ist dir rechtliche Situation schwuler Partnerschaften heute? Damit verbunden ist eine Einschätzung, in welcher Akzeptanz-Situation sich Paarbeziehungen schwuler Männer aktuell befinden.

In Kapitel 4 werden Besonderheiten in der Biografie schwuler Männer herausgearbeitet. Was kann als typisch eingeordnet werden? Die Biografie schwuler Männer unterscheidet sich an manchen Stellen während des Heranwachsens und im Erwachsenalter sowie besonders während des Coming out von der Biografie Heterosexueller. Der Verlauf einer schwulen Biografie hat Auswirkungen auf Chancen und Risiken in Paarbeziehungen.

Paarbeziehungen schwuler Männer leben unter spezifischen Bedingungen. Im Alltag müssen schwule Paare damit umgehen, dass ihre Konstellation in vergleichsweise geringer Anzahl existiert und zunehmend generell erst seit den 1970 er Jahren vorkommt. Sie haben kreative Lösungen zu finden, da für sie nur wenige Modelle und Bindungsrituale existieren. Welche Einstellungen haben die Familien schwuler Paare? Welche Auswirkungen können durch die Bedrohung von HIV und AIDS entstehen? Nicht zuletzt stellen männliche Sozialisationsprozesse für die Gestaltung einer Mann-Mann-Beziehung eine Herausforderung dar. Es verdienst einer näheren Betrachtung: Welches Geschlechtsrollenverständnis besteht in schwulen Paarbeziehungen? Erörterungen dazu finden sich im Kapitel 5.

Gesellschaftliche Diskriminierungen und damit verbundene biografische Erfahrungen haben konkrete Auswirkungen auf Partnerschaften schwuler Männer. Im Kapitel 6 werden Konflikte bei der Partnerwahl, bei der Suche, dem Beginn, der Aufrechterhaltung und dem Fortbestand vor dem Hintergrund von Stigmatisierungsprozessen aufgezeigt.

Bis zu Kapitel 6 wird vorhandene Literatur ausgewertet, vorgestellt und kritisch eingeschätzt. In Kapitel 7 wird dieser theoretische Teil durch zwei Experteninterviews ergänzt. Die Aussagen von zwei Praktikern aus der Paarberatung werden dahin untersucht, ob sie mit der Theorie übereinstimmen, ihr widersprechen oder neue und aktuelle Gesichtspunkte zum Vorschein bringen. Zu Beginn des Kapitels werden Hypothesen zu schwulen Paarbeziehungen vorgestellt. Diese galt es in den Interviews zu überprüfen. Neben den Ergebnissen der Interviews werden deren Vorbereitung, ihr Verlauf und ihre Auswertung skizziert.

Unter Einbeziehung von Theorie und Praxis wird in Kapitel 8 ein Resümee gezogen. Darin werden als Ergebnis zwölf Hypothesen zu schwulen Partnerschaften vorgestellt.

2. Zur Erforschung von Paarbeziehungen schwuler Männer

In diesem Kapitel werden Grundlagen für den weiteren Verlauf der Arbeit vorgestellt und diskutiert. Relevante Begriffe werden erörtert, Probleme bei der Repräsentativität von Studien werden aufgezeigt und eine Übersicht zur Homosexuellenforschung wird aufgezeigt.

2.1. Begriffsklärung: Was ist eine schwule Paarbeziehung?

Bevor eine Definition des Begriffs „schwule Paarbeziehung“ vorgenommen werden kann, ist im ersten Schritt zu erörtern, wann eher die Bezeichnung „schwul“ und wann eher „homosexuell“ verwendet wird.

2.1.1. Definition: Schwul oder homosexuell

Als homosexuell werden Personen bezeichnen, deren sexuelle Phantasien oder Verhaltensweisen sich überwiegend auf das eigene Geschlecht richten (vgl. u.a. Rauchfleisch, 1994, S.37 ff.; Isay, 1993, S. 19).

Wie geht man aber damit um, dass sexuelles Verhalten und Selbstdefinition in der Realität keineswegs übereinstimmen müssen? Ein sich in einer Situation homosexuell verhaltender Mann könnte sich als bisexuell definieren. Er könnte es auch als Ergänzung seiner ansonsten praktizierten Heterosexualität verstehen oder auf besondere äußere Umstände (Gefängnis, Militär, Alkohol) verweisen.

Nach Biechele hat man sich in jeder empirischen Untersuchung zu entscheiden, ob man das homosexuelle Sexualverhalten oder die homosexuelle Selbstdefinition als Kriterium gelten lässt. Die dem Verhalten nach definierte Gruppe ist regelmäßig größer, weil eine beachtliche Anzahl gleichgeschlechtlichen Sex praktizierender Männer sich keine homosexuelle Identität zuschreibt (Biechele, 1996, S. 14). Unter homosexueller Identität wäre zu verstehen, dass sich ein Mann als homosexuele definiert und dies auch in Zusammenhang mit inneren Bildern, Gefühlen und seinem Selbstverständnis setzt.

In der Literatur, in den Medien oder im Alltag werden homosexuelle Männer auch als Schwule oder schwule Männer bezeichnet. Eine Begriffwahl, die ursprünglich abwertend zu verstehen war und auch heute noch bei manchen homo- wie heterosexuellen Menschen „Unbehagen“ auslöst. Er wurde von schulen Männern gezielt zur Selbstbeschreibung verwendet, um Diskriminierungen entgegenzutreten. Die Begriffe schwul und lesbisch „werden vor allem von denjenigen verwendet, die sich bewusst zu ihrer schwulen und lesbischen Identität und Lebensweise bekennen und den vielfältigen gesellschaftlichen Diskriminierungen damit ein trotziges „Dennoch“ entgegenhalten“ (Rauchfleisch, 1994, S. 9).

In Bezugnahme auf Donovan definiert Biechele, dass schwul eher die soziale Identität und homosexuell eher das Sexualverhalten beschreibt (Biechele, 1996, S. 19). Folgt man Rauchfleisch und Biechele, dann hat das Wort schwul einen politischen Hintergrund mit emanzipatorischem Anspruch und kennzeichnet einen bewusst akzeptierenden Lebensstil hinsichtlich der sexuellen Orientierung. Wenn der Begriff homosexuell eher auf das Sexualverhalten zu beziehen wäre, dann stellt sich die Frage, wie Männer zu bezeichnen wären, die ihre sexuelle Identität akzeptieren, sich aber eher verdeckt halten und keinen emanzipatorischen Anspruch verfolgen?

Die Diskussion macht deutlich, dass eine unmissverständliche, unumstrittene Begriffswahl schwierig ist. Ich habe mich in der Formulierung des Titels der Diplomarbeit für den emanzipatorischen Begriff schwul entschieden. Formulierungen wie „gleichgeschlechtlich orientiert“, die aus Gründen der Abwechslung zwar auftauchen, erschienen kompliziert und letztlich auch verklemmt. Eine eindeutige begriffliche Unterteilung zwischen schwul und homosexuell ist nicht an jeder Stelle möglich.

2.1.2. Definition: Paarbeziehung

Auch in Erörterungen der Definition einer Paarbeziehung spiegelt sich die Diskussion Selbstdefinition vs. Verhalten wieder . Darüber hinaus wird der Aspekt der Daue r unterschiedlich bewertet.

Der Sexualforscher G. Schmidt legt in seiner Studie für die Bezeichung „feste Beziehung“ die Selbstdefinition der Befragten zu Grunde. „Für uns ist eine Beziehung das, was die Befragten als solche benennen, und zwar unabhängig von der Dauer und dem Familienstand“ (Schmidt, 2003, S. 2). Eine solche Definition könnte aber in einer Studie zur Folge haben, dass bspw. ein 30 Jahre zusammenlebendes Paar mit einem frisch verliebten, sich erst seit ein paar Wochen kennenden Paar gleichgesetzt wird.

Pingel/Trautvetter lehnen es in ihrer Studie ab, allein die Selbstdefinition als Kriterium gelten zu lassen. Sie kritisieren, dass dabei „alle möglichen Probanten“ anzutreffen wären. „Die bloße Selbsteinschätzung lässt keine Rückschlüsse auf das übliche partnerschaftliche Verhalten zu“ (Pingel/Trautvetter, 1987, S. 34). Dauer ist für sie kein Indiz für Glück, „dennoch ist der Aspekt der Dauer wichtig, weil ohne zeitliche Erstreckung keine Regelbildung erfolgt, der Wandel einer Beziehung nicht erprobt, Frustrationstoleranz nicht entwickelt werden kann etc“ (S. 35). Der Aspekt der Dauer spielt möglicherweise gerade bei schwulen Männern eine besondere Rolle. Die Psychologin Drexler beobachtet in ihrer Beratungsarbeit eine Tendenz schwuler Männer, schnell von „fester Freundschaft“ zu reden, diese aber auch schnell wieder zu kündigen (Drexler, 2005, S. 185). Bei Richtigkeit dieser Annehme könnte besonders in Erhebungen über Schwule das Risiko bestehen, etwas als Beziehung zu bezeichnen, was bei näherer Betrachtung als kurzzeitiges Abenteuer endet.

Den Aspekt der Dauer schwuler Beziehungen gewichtet Isay nach drei Kategorien: Die langfristige Beziehung, die ein Jahr oder länger besteht. Die kurzfristige Beziehung, die sich von zwei bis drei Nächten bis zu einem Jahr erstrecken kann und die anonyme sexuelle Begegnung (Isay, 1993, S. 92).

Gensler diskutiert den Qualitätsaspekt einer Beziehung unter Bezugnahme auf verschiedene Autoren, wonach unter Qualität zu verstehen ist, wie die Partner ihre Beziehung hinsichtlich Zufriedenheit, Glück und Erfolg einschätzen. Als Messinstrumente gelten die Kommunikation, die Wahrnehmung der Partner und die Erwartungshaltung. Qualität und Stabilität sind danach nicht identisch, sie korrelieren aber miteinander (Gensler, 2004, S. 8 f.).

McWhirter/Mattison haben in ihrer Studie „Männerpaare“ neben der Selbstdefinition (sich als Paar verstehen), der Dauer (mindestens ein Jahr) noch die sexuelle Identität (zwei schwule Männer) und das zusammen wohnen (im selben Haus) als Kriterien verwendet. Als Grund dafür geben sie an, dass homosexuelle mit heterosexuellen Beziehungen vergleichbar sein sollen. Getrennt lebende Männer werden darin nicht berücksichtigt (McWhirter/Mattison, 1986, S. 9 ff.).

Was ist das Besondere und sich Unterscheidende an einer Paarbeziehung, in Abgrenzung bspw. zu einer Zweierkonstellation im freundschaftlichen Umfeld? Nach McWhirter/Mattison wollen zwei Männer beim Kennenlernen zu Beginn einer Liebesbeziehung „mehr voneinander erfahren und sich mehr von dem Wohlgefühl verschaffen, das dabei entsteht“ (McWhirter/Mattison, 1986, S. 9). Für Gensler, die sich auf Asendoph und Banse bezieht, „erklärt sich eine Liebesbeziehung einerseits durch die Sexualität eines Paares und andererseits durch eine stärkere Abhängigkeit und Bindung der Partner untereinander“ (Gensler, 2004, S. 7). Nach Rauchfleisch ist in einer dauerhaften Beziehung neben dem körperlich-sexuellen und dem emotionalen Aspekt besonders auch die Präsentation als Paar in der Öffentlichkeit relevant (Rauchfleisch, 1994, S. 98). Nach Drexler bedeutet in Partnerschaft zu leben: „Nicht mehr auf jemand Besseren zu warten und über Auseinandersetzung und Anerkennung einen gemeinsamen Weg zu finden. Partnerschaft bedeutet Bindung und somit in gewisser Weise Unfreiheit“ (Drexler, 2005, S. 185).

In dieser Diplomarbeit wird überwiegend der Begriffe Paarbeziehung gebraucht, die Wortwahl Partnerschaft, Liebesbeziehung, feste Freundschaft oder auch Zweierbeziehung sind synonym zu verstehen. Der Verfasser definiert schwule Paarbeziehung wie folgt: Beide Partner bekennen sich zu ihrer sexuellen Identität und verstehen sich als Paar. Der Argumentationslinie von Pingel/Trautvetter folgend ist die Dauer mit einzubeziehen, wenn von einer stabilen oder langfristigen Paarbeziehung die Rede ist. Dabei erscheint ein Jahr als sinnvoll. Der Aspekt gemeinsames Wohnen ist für die Nähe und Verbindlichkeit einer Partnerschaft relevant, für die Definition erscheint er nicht ausschlaggebend. Es ist davon auszugehen, dass in einer Liebesbeziehung Interesse am Partner, praktizierte Sexualität sowie eine stärkere emotionale Bindung eine Bedeutung haben. Für sich heimlich treffende Partner (bspw. weil ein Partner noch gebunden ist oder sich nicht öffentlich zeigen will) fällt der Begriff Paarbeziehung schwer. Die Beziehung mag sich auf verschiedenen Ebenen zwar intensiv gestalten, der Aspekt der Öffentlichkeit ist aber nicht erfüllt und die gemeinsame Definition als Paar wahrscheinlich ebenso nicht.

Gegenstand dieser Arbeit sind freiwillige Bindungen oder zumindest Bindungswünsche erwachsener Partner. An finanzielle Interessen gekoppelte Freier-Stricher-Verhältnisse fallen nicht in die Kategorie der definierten Paarbeziehung. Auch Pädophilie ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Dies wird mit erwähnt, weil es Diskussionen zur Homosexualität häufig zur Vermischung dieser Phänomene kommt.

2.2. Zum Problem der Repräsentativität von Studien über homosexuelle Männer

Es bestehen Schwierigkeiten hinsichtlich generalisierbarer Aussagen zu schwulen Männern. Schwule Männer sind in keiner offiziellen Statistik als solche erfasst. Würde bspw. in einer Volksbefragung nach der sexuellen Orientierung gefragt, so bliebe der Wahrheitsgehalt der Antwort dem Befragten überlassen. Man ist daher auf wissenschaftliche Erhebungen angewiesen. Alle in Augenschein genommenen Studien haben eine erhebungsmethodische Schieflage und bezeichnen sich selbst in unterschiedlicher Deutlichkeit als nicht repräsentativ: Offen schwul lebende Männer lassen sich relativ leicht für Interviews arrivieren, bei verdeckt lebenden ist dies schwieriger. Die Problembeschreibung Rauchfleischs trifft genauso auf neuere Erhebungen zu: „…und es war deshalb auch mit den geschicktesten Untersuchungs-Designs nicht möglich, diese unauffällig lebenden Menschen in Studien einzubeziehen“ (Rauchfleisch, 1994, S. 19).

Das Problem der Repräsentativität sei hier exemplarisch an den Erhebungen von Bochow und seinen Mitarbeiter diskutiert. Bochow führt im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung regelmäßige Befragungen über das Sexualverhalten schwuler Männer in Zeiten von Aids durch. Dazu wird ein vierseitiger Fragebogen in den wichtigsten Monatszeitschriften der Schwulenpresse geschaltet. Ungefähr 2/3 der Zeitschriften werden kostenlos vertrieben und liegen in Bars, Cafés, Buchläden, Saunen und Kinos aus, die sich überwiegend in deutschen Ballungszentren befinden. Diese Lokalitäten werden teils ausschließlich von Homosexuellen, teils auch von Heterosexuellen frequentiert. Das verbleibende 1/3 an kostenpflichtigen Zeitschriften ist über den Zeitschriftenhandel oder im Abonnement erhältlich. Beide Zeitschriftentypen können auch in Lokalen kleineren Orten ausgelegt sein.

Seit der Befragung 2003 wird die Befragung zusätzlich über drei Internetportale für Schwule durchgeführt, was zu einem Anstieg von Teilnehmern unter 23 Jahren und von Männern aus Orten mit weniger als 100.000 Einwohnern führte. Insgesamt ergibt sich unter den Befragten folgendes: 48% leben in Großstädten mit über 500.000 Einwohnern; 65% haben Abitur oder einen höheren Abschluss (vgl. Bochow/Wright/Lange 2004, S. 7 ff.).

Sind die Untersuchungsergebnisse dem Medium der Erhebung geschuldet oder zeigen sie signifikante Unterschiede gegenüber Heterosexuellen? In der Allgemeinbevölkerung leben deutlich weniger in Großstädten über 500.000 Einwohner und deutlich weniger verfügen über Abitur oder einen höheren Abschluss. Ist z. B. die Gruppe der in einer Kleinstadt szenefern lebenden schwulen Männer schwerer erreichbar oder existiert sie in geringerem Umfang? Biechele kritisiert, dass alle quantitativen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte, auch wenn die Verteilung der Fragebögen durch Kontaktpersonen ergänzt wurde, sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass überproportional die schwulen Männer erreicht werden, die mehr oder weniger intensiv in der schwulen Szene integriert sind (Biechele, 1996, S. 15 f.).

Es ist gut vorstellbar, dass ein schwuler Mann mit oder ohne Hauptschule weniger Interesse zeigt, einen vierseitigen Fragebogen auszufüllen und abzusenden. Biechele benennt den „Schichteffekt“ als Problem. Die Erhebungsmethoden seien eher „mittelschichtslastig“, schwule Männer mit niedrigerem Bildungsniveau oder sozialem Status hätten eine geringere Teilnahmebereitschaft (ebd.).

Vaskovics vermutet, „dass die Bereitschaft, sich als Homosexueller zu „outen“, mit der Höhe der Schulbildung und auch der beruflichen Position korreliert“ (Vaskovics, 2000, S. 19). Entsprechend formuliert er: „Diese immer wieder festgestellte Mittelschicht-Dominanz bei den Homosexuellen ist daher vermutlich ein methodisches Artefakt“ (ebd.). Die in Untersuchungen festgestellte Konzentration in den Großstädten ist für ihn hingegen nicht auf die Methodik der Erhebung zurückzuführen: „Dies hängt vermutlich wieder damit zusammen, dass in ländlichen Gebieten Homosexuelle ihre sexuelle Neigung eher geheim halten wollen oder müssen und dass Homosexuelle räumlich mobiler sind und aus verschiedenen Gründen eher das städtische Milieu suchen“ (ebd.). Dennoch gibt es Gründe zur Annahme, dass schwule Männer tendenziell nicht nur eher in Großstädte umziehen, sondern auch eine Motivation entwickeln, sich einen beruflichen Aufstieg über höhere Bildungsabschlüsse zu erarbeiten, der in bestimmten Berufsbranchen stattfindet (vgl. Kap. 4.3.).

Biechele weist auf zwei weitere Probleme in der wissenschaftlichen Homosexuellenforschung hin: In der Vergangenheit wurden Erkenntnisse über Schwule, die Kliniken, Beratungsstellen oder psychotherapeutische Praxen aufsuchten, auf Schwule allgemein übertragen wurden. Folgend entstanden pathologisierende und verzerrende Theorien. Insbesondere den größten Teil der psychoanalytischen Forschung kritisiert Biechele in diesem Zusammenhang (Biechele, 1996, S. 13). Ein weiteres Problem wird mit dem Begriff Ethnozentrismus bezeichnet, was bedeutet, dass Wissenschaftler häufig „in ihren Erkenntnissen nichts anderes produzieren als Bilder ihrer selbst, ihrer eigenen Klasse, ihres eigenen Geschlechts, ihrer eigenen Ethnie“ (S. 14). Das von Dannecker/Reiche skizzierte Bild des gewöhnlichen Homosexuellen zeige einen Mann, der gut ausgebildet und beruflich integriert sei, in der Großstadt lebe und sich in der schwulen Subkultur bewege. Diese Eigenschaften träfen auch auf die beteiligten Forscher zu (ebd.).

Fthenakis/Ladwig geben am Beispiel eines Textes über „Homosexuelle Väter“ zu bedenken, dass bei solchen Untersuchungen generell die Gefahr bestehe, dass die Teilnehmer sich in einer „sozial erwünschten“ Art und Weise verhalten. Es handele sich um eine diskriminierte Gruppe, die darauf bedacht sei, bestehende Vorurteile abzuschwächen oder zu negieren (Fthenakis/Ladwig, 2002, S. 3). Dieser Einwand erscheint plausibel, wenn man berücksichtigt, dass durch frühere Untersuchungen diskriminierende Bilder gezeichnet wurden. Es ist vorstellbar, dass eine Motivation entsteht, positive Bilder zu produzieren.

Entsprechend dieser Erhebungsschwierigkeiten ist die Anzahl homosexueller Männer oder Paare in der Gesamtbevölkerung nicht genau zu ermitteln: „Solange gleichgeschlechtliche Sexualkontakte noch in breiten Bevölkerungsschichten tabuiert und stigmatisiert werden, bleibt es unmöglich, den Anteil homosexueller Frauen und Männer zu bestimmen“ (Bochow, 2001, S. 44). Nach Bochow hatte Kinsey in den USA 13% an Männern zwischen 16 und 55 Jahren ermittelt, die innerhalb von drei Jahren überwiegend gleichgeschlechtlichen Sex hatten. Unter Berücksichtigung wichtiger nationaler und internationaler Umfragen zum Sexualverhalten vermutet Bochow für Deutschland folgendes: Ungefähr 1,5% der über 20-jährigen Männer sind „selbstidentifiziert“ schwul und leben relativ offen. Weitere 1,5% sind selbstidentifiziert homosexuell, leben aber eher verdeckt. Ein ähnlich hoher Anteil weist in seiner Biographie längere bisexuelle Phasen auf oder geht häufige/sporadische gleichgeschlechtliche Sexualkontakte ein (ebd.). Nach Vaskovics könnte die Zahl der homosexuellen Männer auf 1,0 bis 1,2 Millionen in der Altersgruppe von 19 bis 59 geschätzt werden (Vaskovics, 2000, S. 18). Die Zahl der zusammenlebenden schwulen Paare wird in der gleichen Altersgruppe auf 80.000 bis 100.000 geschätzt (S. 20).

Es scheinen keine Erhebungen zu existieren, ob die Zahl homosexueller Männer eher als konstante oder sich verändernde Größe zu verstehen ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die forschungsmethodischen Zugangsprobleme neben schichtspezifischen Aspekten auch im Zusammenhang mit dem Stigma Homosexualität zu verstehen sind. In dessen Folge wollen Homosexuelle sich nicht erkennbar zeigen, weil ggf. Repressionen zu befürchten sind. Dennoch sind die gezogenen Stichproben über homosexuelle Männer verwertbar und nützlich. Homosexuelles Verhalten wird darin beschrieben und Probleme werden benannt oder angedeutet, wenn auch einige Fragen unbeantwortet bleiben (müssen).

Aufgrund der wissenschaftlich nicht repräsentativ abgesicherten Literatur zum Thema greift der Verfasser ergänzend an einigen Stellen auf Erfahrungsberichte der Beratungsliteratur zurück. Es handelt sich dabei um subjektive Wahrnehmungen, die in einem bestimmten Setting gemacht werden. Dennoch können darin die Thematik belebende Gedanken geäußert sein. Auffassungen aus der Beratungsliteratur werden als solche besonders erwähnt.

2.3. Die Entwicklung der Homosexuellenforschung und ihre theoretischen Ausgangspunkte mit Relevanz für die Partnerschaftsthematik

Homosexuellenforschung wurde oder wird oft durch Homosexuelle selbst vorgenommen. Zwei Gründe dürften dafür ausschlaggebend sein: Einerseits trugen Forschungen Nichthomosexueller in der Vergangenheit wesentlich zur Diskriminierung bei. Andererseits wird das Thema Homosexualität in vielen wissenschaftlichen Publikationen ignoriert. „Die zahlreichen Studien zu den nichtehelichen Lebensgemeinschaften beschränken sich auf den heterosexuellen Fall, manchmal mit der knappen Anmerkung, über die homosexuellen wisse man zu wenig, wiewohl sie wahrscheinlich genau gleich zu sehen seien“ (Lautmann, 2001, S. 35).

Nach Zillich haben drei gesellschaftliche Ereignisse die Forschungen zu männlicher Homosexualität entscheidend auf den Weg gebracht: Die Strafrechtsreformen von 1969/73, die Studentenbewegung mit ihren Auswirkungen auf die Wissenschaftskultur sowie die Emanzipationsanliegen der Frauenbewegung. „Von der Sexualwissenschaft bzw. Psychoanalyse abgesehen, die Homosexualität traditionell zu ihrem Objektbereich zählen, entstanden Studien in bis dahin weitgehend desinteressierten Disziplinen wie Sozial-, Geschichts- und Literaturwissenschaft“ (Zillich, 1993, S. 353).

Die homosexuelle Partnerschaftsfrage war auf der Prioritätenliste der schwullesbischen Forschung eher im unteren oder allenfalls mittleren Bereich angesiedelt. Von Interesse waren eher Fragen der Subkultur und der Repression (Pingel/Trautvetter, 1987, S. 7).

Studien, die sich explizit mit schwulen Partnerschaften befassen, gibt es nur wenige in Deutschland: Die Untersuchungen von Pingel/Trautvetter („Homosexuelle Partnerschaften“, 1987) sowie die aus den USA stammende und übersetzte Untersuchung von McWhirter/Mattison („Männerpaare“, 1986). Buba/Vaskovics haben 2000 eine Studie über „Benachteiligungen gleichgeschlechtlich orientierter Personen und Paare“ im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz herausgegeben.

Das Partnerschaftsthema taucht eher als Unterthema innerhalb wissenschaftlicher Studien oder Texten zu anderen Fragestellungen auf, z.B. bei Bochow, Dannecker, Hutter, Isay, Lautmann, Rauchfleisch. Folgende Themen werden diskutiert: Die Dauer einer Beziehung, Promiskuität vs. Monogamie, die Wohnform, Sexualverhalten innerhalb einer Beziehung, Umgang mit den Geschlechtsrollen, fehlende Traditionen und Vorbilder für Paare, die Anzahl schwuler Paare, das Nähe-Distanz-Verhältnis, der Verlauf der Partnerschaften in Phasen sowie der Einfluss des Coming out auf die Partnerschaft.

Paarbeziehungen Homosexueller sind Gegenstand von Diplomarbeiten. Internetrecherchen haben drei aktuellere Arbeiten erbracht: Roland Kirchhof schrieb 2006 in Psychologie über „Beziehungsverhalten schwuler Männer im Bezug auf Monogamie“. Safet Seferovic schrieb 2001 in Psychologie über „Korrelate der Partnerschaftszufriedenheit bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften“. Schließlich schrieb Katrin Gensler 2004 „Eine qualitativ-quantitative Untersuchung zu Gründen von Beziehungstrennung homosexueller und heterosexueller Paare“ in Psychologie.

Zillich hat die Homosexuellenforschung in Deutschland nach den Disziplinen Sexualwissenschaft/Psychoanalyse, Sozialwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Literaturwissenschaft eingeteilt. Nach dieser Unterteilung werden die theoretischen Grundlagen vorgestellt:

Sexualwissenschaft / Psychoanalyse:

Zillich bezeichnet das „Pathologie-Verdikt“ als zentrales wissenschaftliches Erbe in diesem Bereich, welches insbesondere von der Schulpsychiatrie ausgesprochen worden sei. Daran knüpften Dannecker/Reiche an, die sich im Rahmen psychoanalytischer Theoriebildung bewegten. Zillich wirft ihnen vor, dass es offen bleibt, „ob die kollektiv-pathologisch gebrochene individuelle Normalität auch eine neurosefreie Form annehmen kann“, von daher „veränderte sich der pathologisierende Blick auf homosexuelle Männer letztlich nicht. Sie erfahren in diesem Ansatz lediglich defensive Rehabilitierung“ (Zillich, 1993, S. 354). Nach Blazek hingegen weist Dannecker die Vorstellung, Homosexualität sei eine Krankheit oder minderwertige Form der Sexualität, entschieden zurück (Blazek, 1996, S.275 f.). Die Ursachen der Homosexualität würden von ihm hinten angestellt, von zentraler Bedeutung sei vielmehr das Coming-out. Er habe sich von bisherigen Forschungen zur Homosexualität abgegrenzt, weil gesellschaftliche Mechanismen darin ausgeblendet seien. Zillich erwähnt die Rolle von Morgenthaler, „der einen Umbruch im psychoanalytischen Denken anregte und die Vorstellung von einem gesunden Homosexuellen nicht grundsätzlich verwarf“ (Zillich, 1993, S. 354). Erwähnt sei noch, dass die Autoren Rauchfleisch und Isay sich ebenso innerhalb der psychoanalytischen Theorie bewegen.

Sozialwissenschaft:

Diese sei maßgeblich durch Lautmann vorangetrieben. Der Konflikt Homosexueller bestehe in deren sozialer Stigmatisierung, die sich in physischer, materieller, normativer und symbolischer Form zeige. Lautmanns Ansatz fokussiert nach Zillich das machtvolle Handeln der heterosexuellen Mehrheit, demgegenüber die homosexuelle Minderheit reaktiv handele (Zillich, 1993, S. 356).

Blazek beschreibt Lautmanns Ansatz folgend: Das spezifische Verhalten Homosexueller sei mit ihrer Stigmatisierung in Verbindung zu sehen. Wem massive Ablehnung entgegenschlage, der entwickle Schwierigkeiten mit seiner Identität, der entwickle Formen von Selbsthass, womit Neurosen begünstigt werden. Das Stigma treibe Homosexuelle aus Partnerschaften hinaus in eine anonymisierende Subkultur mit promisken Verhalten (Blazek, 1996, S. 273). An den soziologischen Theorien kritisiert Dannecker nach Blazek, dass sie psychoanalytische Theorien zur Homosexualität ignoriere. Die individuelle Biographie schwuler Männer werde darin nicht beachtet und eine mechanische Reaktion zwischen gesellschaftlichen Diskriminierungen und den Schwierigkeiten von Schwulen hergestellt (S. 274 f.). Das Sexualverhalten wurde im Zuge der Aids-Forschung besonders von Bochow und Dannecker untersucht. Zillich gibt zu bedenken, dass der schwule Mann darin häufig auf sein Sexualverhalten reduziert werde (Zillich, 1993, S. 356). In eine ähnliche Richtung kritisiert Hutter, dass man in sozialwissenschaftlichen Studien die Dimension der Liebe vergebens suche. Häufig werde über sexuelle Szenarien diskutiert (Hutter/Koch/Lautmann, 2000, S. 168).

Literaturwissenschaft:

Hier habe sich eine rege Diskussion entfaltet, besonders weil Texte beabsichtigte oder unbeabsichtigte Verschlüsselungen enthielten, die es zu decodieren gelte. In der Literatur existiere häufig ein Mangel an Eindeutigkeit. Insbesondere werde am Beispiel Thomas Mann diskutiert, ob seine sexuellen Lebenskonflikte (seine Tagebücher weien ihn trotz Ehe und vier Kindern als Homosexuellen aus) gar sein Schaffensantrieb gewesen seien (Zillich, 1993, S. 359).

Geschichtswissenschaft:

Hier sei die universitäre Verankerung prekär, weil das Forschungsgebiet von keinem bundesdeutschen Lehrstuhl vertreten werde. Einige Forschungen sind erwähnt: Einflussreich sei eine Studie von Bleibtreu-Ehrenburg über die Entstehung des antihomosexuellen Vorurteils geworden. Hergemöller forsche über die Situation gleichgeschlechtlich Handelnder im Mittelalter. Lautmann sei der Situation homosexueller KZ-Insassen nachgegangen (Zillich, 1993, S. 356 ff.).

Fazit ist, dass die Auseinandersetzung mit Homosexualität an verschiedenen Stellen der Forschung zu wenig Aufmerksamkeit findet oder verzerrende Bilder gezeichnet wurden. Entsprechend sind Paarbeziehungen schwuler Männer zu wenig erforscht. Verschiedene historische Entwicklungen ab 1969 haben eine Auseinandersetzung mit Homosexualität begünstigt bzw. überhaupt ermöglicht. Wissenschaftliche Erläuterungen über Homosexualität sind vor ihrem theoretischen Ansatz zu betrachten. Als wesentliche Disziplinen zum Thema sind nach Zillich die Sozialwissenschaften und die Sexualwissenschaft/Psychoanalyse zu verstehen. Alle neueren Aufsätze berücksichtigen den Einfluss sozialer Nachteile auf die Entwicklung schwuler Männer, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Es besteht ein wissenschaftliches Interesse, sich mit schwulen Männern und ihren Paarbeziehungen zu beschäftigen. Ziel ist die Erlangung neuer Erkenntnisse. Diese können ein Interesse und einen Diskurs zwischen den verschiedenen sexuellen Orientierungen und auch innerhalb der jeweiligen Gruppen anregen.

3. Der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität zwischen Stigmatisierung und Anerkennung

In diesem Kapitel wird die gesellschaftliche Haltung gegenüber Homosexualität herausgearbeitet. Beschreibt der Begriff Stigmatisierung den Umgang der gesellschaftlichen Majorität mit Homosexualität treffend? Man könnte auch ein Gegenbild vom beruflich und gesellschaftlich anerkannten und integrierten schwulen Mann entwerfen, der Diskriminierungen überwunden hat und anerkannt wird. Schwierigkeiten könnten als Persönlichkeitsmerkmale oder normale Alltagsprobleme verstanden werden. Zur Beurteilung, ob und in welchen Feldern sowie in welchem Umfang Schwule und ihre Partnerschaften diskriminiert werden, lohnt ein Blick in die Geschichte, auf die Einstellungen der Bevölkerung sowie auf die rechtliche Situation.

3.1. Begriffe für negative Haltungen gegenüber Homosexualität

Negative Einstellungen oder Gefühle gegenüber Homosexuellen werden mit leicht variierenden und sich teilweise innerhalb eines Textes auch abwechselnden Begriffen wie Homosexuellenfeindlichkeit (Bochow), Homophobie (Seferovic), Heterosexismus (Wiesendanger), Heteronormativität (Bochow), Angst vor Homosexualität (Morgenthaler), Homosexuellenhass und Anti-Homosexualität (beide Roth) bezeichnet. Es bleibt dem Leser oft unklar, wer wann aus welchen Gründen den jeweiligen Begriff verwendet. Im Zusammenhang mit negativen Einstellungen ist von Relevanz, dass im allgemein gültigen Sprachverständnis Ungleichbehandlungen oder Benachteiligungen gegenüber Gruppen oder einzelnen Personen als Diskriminierungen bezeichnet werden. An dieser Stelle sollen die genannten Begriffe nicht erläutert werden, sie dienen als Grundinformation, um weitere Diskussionen führen und folgende Begriffe definieren zu können.

3.1.1. Definition: Stigmatisierung

Eine ausführliche und differenzierte Diskussion zur Begrifflichkeit liefern Ausführungen des Soziologen Hohmeier: Der soziologische Begriff Stigmatisierung wird im Zusammenhang mit Ausgliederungsprozessen verwendet. Stigmatisierte sind „Personen oder Gruppen, denen ein bestimmtes - meist negatives - Merkmal oder mehrere Merkmale zugeschrieben werden“ (Hohmeier, 1975, S. 2). Sie werden primär über diese Merkmale wahrgenommen. Die Eigenschaften oder Verhaltensweisen der Stigmatisierten selbst können dabei eine Rolle spielen, typischerweise weichen sie von denen der Mehrheit ab. Stigmatisierungen sind eher gegen Gruppen mit weniger Macht durchzusetzen. Gruppen mit mehr ökonomischer oder politischer Macht hingegen können eher ihren Definitionen Geltung verschaffen. Stigmatisierungen dienen der „Orientierungsfunktion in sozialen Interaktionen“, über eine Person werden Vermutungen angestellt und sich darauf eingestellt (S. 3). Beispiele für stigmatisierte Gruppen in der Bundesrepublik sind Zigeuner, Gastarbeiter, Obdachlose, sexuell Deviante, Strafentlassene, Blinde, Zeugen Jehovas, Alte. „Für den Stigmatisierten stellt sich als Problem, ob er als Person oder gesellschaftlicher Partner anerkannt wird“ (S. 4).

Das Verhältnis zwischen dem Stigmatisierten und seiner Umwelt verändert sich. Das gesamte Verhalten kann auf das Stigma bezogen interpretiert werden. Stigmatisierungen sind als veränderliche Prozesse zu verstehen. Hohmeier führt aus, dass ein beruflicher Aufstieg davon abhängen könne, ob ein Stigma erfolgreich verborgen werden kann (S. 4). Der Nicht-Stigmatisierte kann sich seinem Gegenüber nicht gewachsen fühlen: „Spannungen, Unsicherheit, Verlegenheit und Angst zeichnen deshalb Interaktionen zwischen Stigmatisierten und Nicht-Stigmatisierten in der Regel aus“ (S. 5). Bezüglich der Sozialisation spricht Hohmeier von einem Zwang des Stigmatisierten, die angebotene Rolle zu übernehmen bzw. sich mit ihr zu identifizieren und selbst als defizitär zu erleben (vgl. Hohmeier, 1975, S. 1 - 10).

Zusammenfassend weicht der Stigmatisierte von einer definierten Normalität ab. In dessen Folge werden ihm zu Diskriminierungen führende Eigenschaften oder Verhaltensweisen zugeschrieben. Diesen Prozess bezeichnet man als Stigmatisierung. Das Stigma benennt die jeweilige Abweichung (Obdachlosigkeit, Behinderung, sexuelle Orientierung).

3.1.2. Zum Begriff des Stigma-Management bei homosexuellen Männern

Der Begriff Stigma wird im Zusammenhang mit Homosexualität von vielen Autoren verwendet (Dannecker, Isay, Hutter, Pollak, Biechele, Rauchfleisch, Fthenakis u. a.). Insbesondere Hutter hat sich mit dem auf Goffman zurückzuführenden Begriff des Stigma-Managements profiliert, den er auf Homosexuelle überträgt. Er sieht darin „alle Chancen und Risiken“, wie sich ein einzelner Homosexueller mit gesellschaftlichem Druck auseinandersetzt, wie er als Interaktionspartner mit seinem Gegenüber die Tatsache der eigenen Diskreditierung behandelt. Für Hutter/Koch/Lautmann ist es Ausdruck des Stigma-Managements, wie die Information der Homosexualität vermittelt oder auch unterdrückt wird. Sie gehen davon aus, dass das „Sosein“ des Homosexuellen als „situationsrelevant“ vom Interaktionspartner betrachtet wird. Für den Homosexuellen gehe es dabei um die Frage, wie weit die diskreditierende Wirkung des Stigmas minimiert werden kann. Wie können „befürchtete Negativeffekte“ überspielt oder kompensiert werden? Die dabei erzielten Erfolge prägen demnach die Lebensqualität oder auch die Krankheitsanfälligkeit des Betroffenen entscheidend (Hutter/Koch/Lautmann, 2000, S. 31 ff.). Stigma-Management bedeutet somit weniger, „Wann erzähle ich wem von meiner Homosexualität“ (Biechele, 1996, S. 18), sondern eher „Wann erzähle ich wem und wie von meiner Homosexualität“.

Pollak macht darauf aufmerksam, dass viele Homosexuelle sich in Begriffen wie Stigma nicht wiederfinden und empfindlich darauf reagieren (Pollak, 1990, S. 21). Die Verwendung des Begriffs Stigma-Management stößt auch unter Experten nicht auf allgemeingültigen Konsens. Buba/Vaskovics sprechen von „Situationsmanagement“ (Buba/Vaskovics, 2000, S. 17). Dannecker erwähnt auch den Begriff des Stigma-Managements in Bezug auf Hutter, nennt es selber aber „flexible Umgangsweise mit der Homosexualität“. (Dannecker, 2000, S. 189). Buba/Weiß verwenden die Formulierung „Unterschiede im strategischen Vorgehen“ (Buba/Weiß, 2003, S. 36). Es besteht in der Literatur kein Konsens, wie die das interagieren des Homosexuellen bezüglich der sexuellen Orientierung zu bezeichnen ist.

Der Begriff des Stigma-Managements erscheint aber angebracht. Betrachtet man die gesellschaftliche Situation Homosexueller genauer, so kann man kaum zu der Einschätzung gelangen, dass es sich dabei um eine vollkommen akzeptierte Gruppe handelt (vgl. Kapitel 3.2. und 3.3.). Die Begriffe Stigmatisierung oder Stigma-Management machen deutlich, dass es durch das von der Norm abweichende Phänomen zu Schwierigkeiten zwischen Interaktionspartnern kommen kann. Schwierigkeiten zwischen Interaktionspartnern entstehen zwar täglich, sind aber eher auf Kommunikation, Strukturen, unterschiedliche Interessen usw. zurückzuführen. Hier geht es um Konflikte aufgrund des Stigmas Homosexualität. Eine Wortwahl wie „Situationsmanagement“, „flexible Umgangsweise“ oder „strategisches Vorgehen“ beschreibt die zu treffende Umgangsweise nur unzureichend vor ihrem stigmatisierten Hintergrund und suggeriert eine normale Situation.

3.2. Von Verfolgung und Tabuisierung zum kulturellen Aufbruch: Zur Geschichte des Umgangs mit Homosexualität

„Schwule müssen heute nicht mehr mit strafrechtlichen Konsequenzen, mit Einweisungen in psychiatrische Kliniken, mit hirnchirurgischen Eingriffen oder mit Inhaftierungen in Konzentrationslager rechnen“ (Rauchfleisch, 1994, S. 137). Um Probleme der Gegenwart im Umgang mit Homosexualität zu verstehen, lohnt der Blick in die Vergangenheit. Es ist davon auszugehen, dass negative Haltungen und Strukturen gegenüber Homosexualität im kollektiven Gedächtnis einer Bevölkerung fortwirken und es langer Zeit bedarf, diese zu verändern.

Folgend werden verschiedene Formen der Diskriminierung ausschnittsartig dargestellt. Zunächst war zu entscheiden, wie verschiedene Phänomene der Geschichte zu kategorisieren sind. Die Geschichte der Verfolgung war nicht linear verlaufen, ebenso war eine Einordnung nach Schwere der Diskriminierung kaum zu leisten. Manches ist schwer vergleichbar, teilweise erfolgten es nebeneinander. Eine systematische Anordnung fiel schwer, sie wurde in Ansätzen nach chronologischer Reihenfolge vorgenommen:

Brandmarkung als Sünde:

Bereits im ersten Jahrhundert wurde in dem Römerbrief des Paulus eine „Demarkationslinie“ zwischen Erlaubtem und Verbotenem gezogen. Auf Fortpflanzung bezogene Sexualität galt als naturgemäß, ihr zuwiderlaufende wurde als „widernatürlich“ bezeichnet (Hergemöller, 2000, S. 17 ff.). Anfang des 19. Jahrhunderts dominiert die christliche Sicht, dass gleichgeschlechtliche Sexualität Sünde sei und Vergehen dagegen mit drakonischen Strafen zu ahnden seien (Bochow, 2001, S. 42).

Todesstrafe:

Auf gleichgeschlechtliche Liebe stand in vielen christlichen Staaten seit dem vierten Jahrhundert die Todesstrafe. In der Zeit der Reformation (16. Jahrhundert) schrieb Kaiser Karl V für homosexuelles Handeln im ganzen Heiligen Römischen Reich den Feuertod vor (Blazek, 1996, S. 11). Bis 1794 galt in Preußen die Todesstrafe für ‚Sodomie“ (Dworek, 1988, S. 63 f.).

Verleugnung / Nichtbenennung:

Durch die Reformation und Gegenreformation wurde das Thema weitgehend verdrängt. Gleichgeschlechtliches Verhalten tauchte etwa in der Literatur nicht mehr auf (Blazek, 1996, S. 10 f.). In England dagegen bestanden etwas liberalere Einstellungen, z.B. bekannte sich Shakespeare zur Liebe gegenüber einem jungen Mann (S. 55). Erst in der Epoche der Aufklärung (18. Jahrhundert) wurde in Deutschland wieder darüber diskutiert (S. 11).

Aufforderung zum Nichtausleben:

Als klassisches Beispiel hierfür gilt Michelangelo, der sich zu Cavalieri hingezogen fühlte und ihm Gedichte und Zeichnungen widmete. Die Freundschaft zwischen beiden blieb bis zu Michelangelos Tod 1566 bestehen (Blazek, 1996, S. 51 f.). Eine liberale Einstellung zur Homoerotik bestand in Teilen im Zeitalter der Aufklärung. Blazek ordnet sie den „Intellektuellen der Goethe-Zeit“. Homoerotische Empfindungen wurden nicht negativ bewertet, ein sexuelles Ausleben sollte aber nicht stattfinden. Die platonischen Ideale waren zu beachten (S. 91).

Strafrechtliche Verfolgung bis zur Internierung:

Während des Nationalsozialismus kam es in Deutschland zu einer einzigartigen strafrechtlichen Verfolgung. Der die Homosexualität bestrafende § 175 StGB wurde entscheidend verschärft. Der Straftatbestand wurde ausgeweitet und die Zahl der Verurteilten nahm sprunghaft zu. Während der Nazi-Zeit wurden Homosexuelle als Bedrohung für das Volkswachstum oder auch als „boshafte Triebe der Judenseele“ betrachtet, 5000 – 15000 Homosexuelle kamen in den KZs zu Tode (Blazek, 1996, S. 199 ff.).

Im westlichen Nachkriegsdeutschland war Wiedergutmachung an Homosexuellen kein Thema. Im Gegenteil wurden von 1953 bis 1965 fast 100.000 „Täter“ registriert. Ein Teil dieser Personen wurde freigesprochen, manche Verfahren eingestellt. Durchschnittlich wurden jährlich dennoch 3.300 Männer rechtskräftig verurteilt. „Diese Zahlen sind in ihrer Höhe weder mit denen der Kaiserzeit noch mit denen der Weimarer Republik, sondern allenfalls mit denen der nationalsozialistischen Herrschaft vergleichbar“(Blazek, 1996, S. 250). Ab 1965 vollzog sich die Strafverfolgung zunehmend zurückhaltender. In der DDR war die strafrechtliche Verfolgung insgesamt weniger ausgeprägt: Homosexualität unter Erwachsenen wurde ab 1957 nur noch selten bestraft und der entsprechende Paragraph 1968 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen (ebd.). In der BRD wurde der § 175 StGB erst 1969 und im zweiten Schritt 1973 liberalisiert, 1994 wurde er ganz gestrichen. Eine erste Ausnahme in der Strafverfolgung machte bereits 1791 Frankreich in der Folge der Revolution. Die Gesetzgebung unterließ es, Strafbestimmungen gegen Homosexualität im neuen bürgerlichen Recht aufzunehmen. Auch im Code Pénal von Napoleon richtete sich 1810 kein Paragraph gegen Homosexuelle (Bochow, 2001, S. 42).

Erpressungen:

Während der Kaiserzeit und der Weimarer Republik wurden zahlreiche Homosexuelle von Nachbarn, Kollegen usw. erpresst. Erpresser nutzten die Kenntnis von der Homosexualität, um aus dem Geheimnis Kapital zu schlagen (Blazek, 1996, S. 164). Dies konnte geschehen, weil der § 175 StGB bestand und Homosexualität gesellschaftlich missbilligt wurde.

Pathologisierung:

In Deutschland setzte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei vielen Psychiatern die Auffassung durch, dass Homosexualität eine krankhafte Erscheinung sei. Begriffe wie „Entartung“ oder „Degeneration“ gelten als Schlüsselbegriffe in der pathologisierenden Epoche (Bochow, 2001, S. 42).

Erzwungene Heimlichkeit:

Homosexuelle schufen sich immer wieder heimliche Nischen. Für die Kaiserzeit und die Weimarer Republik wird von regen Aktivitäten Homosexueller vor allem in Berlin berichtet, bspw. in der Nähe von Kasernen führen Soldaten „Verhältnisse“ mit Homosexuellen (Blazek, 1996, S. 162). Während der NS-Zeit entging die Mehrheit der homosexuellen Männer polizeilicher Verfolgung und Inhaftierung. Sie lebten zwar bedrängt, aber nicht durchgängig unglücklich (Zillich, 1993, S. 358).

Kultureller Aufbruch:

Eine erste Bewegung Homosexueller entstand während des Kaiserreichs. In der Weimarer Republik entwickelte sich eine beachtliche Ausfaltung homosexueller Kultur und eine gewisse Aufbruchstimmung war spürbar. Das Wissenschaftlich humanitäre Komitee um Hirschfeld wurde 1919 gegründet und setzt sich auf wissenschaftlicher und politischer Ebene für die Rechte Homosexueller ein (Zillich, 1993, S. 189).

Für die globale Schwulengeschichte gilt 1969 als entscheidender Wendepunkt. In der Christopher Street in New York wehrten sich Schwule erstmals gegen Razzien der Polizei. In Deutschland entstand während dieser Zeit die Schwulenbewegung: Organisationen und Gruppen bildeten sich, öffentliche Aufklärungsarbeit wurde geleistet, politische Forderungen gestellt, Analysen über die Diskriminierungen wurden vorgenommen. Von dieser Zeit an wurden strafrechtliche Verbesserungen für Homosexuelle durchgesetzt und das Leben von schwulen Männern gewann in der Öffentlichkeit und den Medien spürbar an Präsenz. Mit Beginn der 1970er Jahre gründeten sich auch in der DDR Gruppen aus Lesben und Schwulen.

Fazit: Die Stigmatisierung homosexueller Männer ist historisch nachweisbar. Kirche, Wissenschaft, Staat und Psychiatrie leisteten ihre Beiträge dazu. Nach einer kollektiven Antihomosexualität über Jahrtausende können die Veränderungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts als Zäsur im positiven Sinne betrachtet werden. Sigusch spricht im Zusammenhang mit den Strafrechtsreformen von 1969 und 1973 davon, dass homosexuelle Männer zum ersten Mal die Chance hatten, ihre Eigenart „ohne Gefahr für Leib und Leben zu bekennen und zu einer gewissen Bewusstheit ihrer selbst zu gelangen“ (Sigusch, 2000, S. 85). Diese gesellschaftlichen Veränderungen bewirkten, dass erotische, stabile Paarbeziehungen zwischen zwei Männern überhaupt erst legal möglich waren. Man kann davon ausgehen, dass Antihomosexualität tief verwurzelt ist und auch heute noch an verschiedenen Stellen zum Vorschein kommt: In feindseligen, unsicheren, gleichgültigen oder zumindest unreflektierten Reaktionen.

3.3. Divergente Haltungen zur Homosexualität in der Gegenwart

Welche Einstellungen zur Homosexualität sind gegenwärtig vorhanden? Nach Vaskovics hat sich die überwiegende Ablehnung der 1950er und 1960er Jahre zu einer mehrheitlichen Tolerierung gewandelt, die sich in Richtung gesellschaftlicher Akzeptanz bewegt (Vaskovics, 2000, S. 27). Die entspanntere „Dramatik“ des Homosexuellseins ist auch daran erkennbar, dass sich der Zeitraum der Selbstfindung für Schwule verkürzt hat (Hutter/Koch/Lautmann, 2000, S. 30). Schwule sind im Vergleich zu früher „völlig anders in der Normalität positioniert“, schreibt Dannecker: „Nicht nur die Schwulen sind hip. Schwulsein ist es nicht minder“ (Dannecker, 2000, S. 177). Gleichzeitig geht er aber davon aus, dass sich Homosexualität nur an bestimmten Orten wie Paraden, Kneipen oder Discotheken artikulieren kann (Dannecker, 2000, S. 177).

Noch 1991 stimmten in einer Repräsentativumfrage 42% der West- und 36% der Ostdeutschen der vorgegebenen Aussage zu „In der Gegenwart von Homosexuellen kann einem körperlich unwohl werden“ (Bochow, 2001, S. 48). Weiter sprachen sich 1991 gut 13% aller West- und knapp 10% aller Ostdeutschen für ein generelles Verbot homosexueller Handlungen aus. In Westdeutschland plädierten 45% für ein Zugangsverbot zum Beruf des Lehrers, in Ostdeutschland betrug diese Zahl nur 31%.

Eine von Bochow zu Beginn der 1990er vorgestellte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, „dass noch mindestens ein Drittel der deutschen Bevölkerung als stark schwulenfeindlich eingestuft werden muss; ein weiteres Drittel ist ambivalent, d.h. nicht durchgängig antihomosexuell, aber keinesfalls frei von ablehnenden oder klischeehaften Einstellungen“ (Bochow, 2001, S. 48). Der Anteil schwuler Männer, die ihre Homosexualität im sozialen Umfeld (Eltern, Geschwister, Kollegen, heterosexuelle Freunde) akzeptiert oder toleriert sehen, stieg hingegen in den Befragungen durch Bochow von 56% in 1991 auf 71% in 1999 (Bochow, 2001, S. 47).

Aktuellere Studien zur Haltung der Bevölkerung sind scheinbar nicht vorhanden. Seit diesen Umfragen sind mehrere Jahre vergangen. Es wäre zu untersuchen, welche aktuellen Einstellungen bestehen. Einerseits gibt es Entwicklungen, die eine weitere Zunahme in Richtung Selbstverständlichkeit erwarten lassen würden (Stärkere Präsenz von Homosexualität in den Medien, Outing prominenter Personen, Abschaffung des § 175 StGB, Einführung der „Homo-Ehe“). Andererseits kultivieren Rapper in ihren Texten regelrecht negative Assoziationen gegenüber Schwulen, die in ihrer Wirkung auf Jugendliche nicht zu unterschätzen sind. Kinofilme wie „(T)Raumschiff Surprise“ vermitteln klischeehafte Bilder, die zu einer realistischen Sicht auf männliche Homosexualität kaum beitragen dürften. Es ist zu vermuten, dass sich bei möglichen geringen prozentualen Verschiebungen nichts Fundamentales an den Einstellungen der Bevölkerung verändert hat. Die Einschätzung von Bochow, dass die deutsche Bevölkerung von einer „tief verankerten Toleranz“ noch weit entfernt ist (Bochow, 1993, S. 49 f.), dürfte ihre Gültigkeit nicht verloren haben.

Von Interesse ist, welche gesellschaftlichen Gruppen oder Milieus eine ambivalente bis ablehnende Haltung kultivieren. Die sozioökonomische Lage stellt einen Faktor dar. Befragte, denen es nach ihrer Selbsteinschätzung schlechter als der „Zwei-Drittel-Mehrheit“ geht, „sind zu einem signifikant höheren Teil homosexuellenfeindlich als der Personenkreis, der seine sozioökonomische Situation eher positiv beurteilt“ (Bochow, 1993, S. 52). Ebenso ist der Umgang mit der eigenen Sexualität relevant. Negative Urteile über Homosexualität legen die Befragten zu Tage, die zu einem späteren Zeitpunkt mit eigenem Geschlechtsverkehr beginnen, die ihn seltener praktizieren, die mit seiner Qualität weniger zufrieden sind und monogamer leben. Bei diesen Angaben handelt es sich zum Teil um subjektive Einschätzungen der Befragten oder um Vergleiche zu Personen aus der gleichen Altersgruppe. Bei antihomosexuell eingestellten Personen zeigen sich „eine stärkere Orientierung an traditionellen patriarchalisch bestimmten Geschlechtsrollen und größere Berührungsängste mit dem Sexuellen“ (Bochow, 1993, S. 53 f.).

Als aufgeschlossener gegenüber Homosexualität zeigen sich die Personen „mit offenerem Interaktions- und Kommunikationsverhalten, die auch außerhalb der Familie über persönliche Dinge reden können“ (S. 54). Dem gegenüber stehen Personen, „die überhaupt niemanden haben, mit dem sie über persönliche Dinge reden können“ mit der ausgeprägtesten antihomosexuellen Tendenz (S. 54).

Bochow geht davon aus, dass die Einstellungen zur Homosexualität sowie zur Frauenemanzipation sich in etwa deckungsgleich verhalten. Auch auf diesem Feld könne man die Haltungen in drei Drittel („aufgeschlossen und sympathisierend“, „versucht sich durchzuschlavinern“, „hält hart dagegen“) einteilen. „Frauen-, Fremden- und Schwulenfeindlichkeit basieren auf den gleichen chauvinistischen und machistischen Normen und Orientierungen“ (Bochow, 2001, S. 48 f.).

Welche Institutionen oder gesellschaftlichen Gruppen pflegen negative Haltungen? Nach Isay reagieren Männer im Allgemeinen homophobischer als Frauen. Homophobie herrsche vor allem in Gruppen, in denen Männer aufgrund ihrer maskulinen Eigenschaften angehören und feminine Qualitäten aus Imagegründen unterdrückt werden (z.B. Militär, Geheimdienste, Berufsathleten). Zu besonderen Ängsten oder Konflikten könnten „paradoxe Situationen“ führen: Wenn innerhalb einer Gruppe auch auf feminine Qualitäten eines Mannes Wert gelegt wird, das Mannsein aber hoch bewertet wird. Als Beispiele werden die katholische Kirche und psychoanalytische Berufsverbände genannt (Isay, 1993, S. 89). Rauchfleisch kommt zu der Einschätzung, dass Diskriminierungen im kirchlichen Bereich und bei den Ausbildungen zur Psychoanalyse „ein besonders düsteres Kapitel“ darstellen (Rauchfleisch, 1994, S. 138).

Manche Institutionen drücken keine offen negativen Haltungen aus, das Thema wird aber vermieden und nicht benannt. Exemplarisch sein das Veranstaltungsverzeichnisse der Universität Kassel im Fachbereich Sozialwesen der letzten Semester genannt. Dem Verfasser ist keine Seminar- oder Vorlesungsbeschreibung in Erinnerung, in der das Wort Homosexualität auch nur erwähnt wurde. Gleichwohl sind Schwule auch im sozialen Bereich als Jugendliche, Behinderte, Arme, Drogenkonsumenten, Prostituierte, verheiratete Ehemänner und Kollegen anzutreffen.

Ein Blick sei auf die Einstellungen Jugendlicher geworfen. Braun/Lähnemann zitieren eine 2002 durchgeführte und als repräsentativ ausgegebene Umfrage, wonach 61% der Jugendlichen (71% der Jungen, 51% der Mädchen) eine negative Einstellung zu Lesben und Schwulen haben. Einen weiteren Eindruck zu Einstellungen Jugendlicher kann man erhalten, wenn man wie der Verfasser als praktisch tätiger Sozialarbeiter mit schwulenfeindlichen Haltungen Jugendlicher konfrontiert wird. „Schwuchtel“ scheint unter manchen Jugendlichen neben „Opfer“ und „Hurensohn“ eines der am häufigsten verwendeten Schimpfwörter zu sein. Manche Autoren vertreten gar die Auffassung, kaum eine Angst unter heterosexuellen Männern oder Jungen sei größer als die, für schwul gehalten zu werden oder sich als solcher zu entwickeln (Braun/Lähnemann, 2002, S. 4). Auch vor diesem Hintergrund erscheint eine Auseinandersetzung mit Homosexualität und Homophobie im sozialpädagogischen Lehrplan als ratsam.

Ursachen für schwulenfeindliche Einstellungen können an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Für die vorliegende Arbeit sind eher ihre Auswirkungen von Relevanz. Gleichwohl sollen Erklärungsversuche zumindest benannt werden. Drei Faktoren machen die homosexuelle Orientierung nach Rauchfleisch zum Skandal: 1. Die Mann-Frau-Beziehung wird in Frage gestellt. 2. Das traditionelle Männerbild wird in Frage gestellt. 3. Lesben und Schwule werden zu einer Minorität, sie dienen als Sündenböcke (Rauchfleisch, 1994, S. 173). Eines der Motive für Diskriminierungen sei die Angst vor der eigenen latenten Homosexualität, die es abzuwehren gelte. Gegenüber Schwulen gewalttätigen Jugendliche läge eine labile eigene Identität zugrunde, die eine weit überdurchschnittliche Angst vor der eigenen Homosexualität und vor allem Weichen, was sie oft mit weiblich gleichsetzen, beinhalte (Rauchfleisch, 1994, S. 129 ff.). In diesem Sinn betont Lautmann, dass es in der Homosexuellenfrage nicht nur um die Homosexuellen selber gehe. Vielmehr gehe es um die Geschlechterordnung (Lautmann, 2001, S. 33 ff.). Nach Roth sei mann-männliche Beziehungen bei Rivalität, Aggressionen, Sport und Kriegen akzeptiert. Liebevoll-zärtliche Begegnungen stellten hingegen eine Zäsur dar. Gegenüber weiblich-passivem Verhalten sei die Aggressivität noch größer. Für viele diene Homosexualität als Projektionsfläche (Roth, 2001, S. 52 ff.).

3.4. Zur rechtlichen Situation homosexueller Partnerschaften

Bei einer Debatte über schwule Partnerschaften ist es erforderlich, die rechtliche Situation darzustellen und mögliche Folgen zu erörtern. Zunächst ist zu erinnern, das bis zur Reform des § 175 StGB in 1969 das gesamte homosexuelle Leben (Geselligkeit, soziale Netzwerke, Partnersuche usw.) erschwert war. Die Gesetzeslage erforderte heimliches Schwulsein. Buba/Weiß gehen davon aus, dass diese Erfahrungen bei den heute älteren Schwulen noch wirksam sind und diese sich bspw. eher zurückziehen (Buba/Weiß, 2003, S. 141).

Nachdem die Straffreiheit von Homosexualität zwischen Erwachsenen erlassen war, hatten schwule Männer die Möglichkeit, sich legal zu treffen, sich zu befreunden, zusammen zu wohnen. Ab den 1990er Jahren fand zunehmend eine öffentliche Debatte zur rechtlichen Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften statt.

Innerhalb der schwul-lesbischen Szene wurde dieses Anliegen ambivalent diskutiert. Das Thema berührte die kollektive homosexuelle Identität, es ging um die Entscheidung, ob man sich als Gruppe eher im Zentrum oder eher in der Peripherie der Gesellschaft positionieren wollte (Lautmann, 2001, S. 37). Das Ziel des Gesetzes zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften „besteht wohl darin, die Lebenschancen in einem Bevölkerungsteil zu verbessern, der lange eine Zielscheibe kollektiver Aggressionen gewesen ist.“ Demnach lautet das „allgemeine Politziel“: „Partizipation einer vormaligen Randgruppe, die um ihre soziale Anerkennung kämpft“ (ebd.). Nach Lüscher/Grabmann sprechen aus homosexueller Sicht drei Faktoren für eine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften: Es handele sich um einen symbolischen Akt, es gehe um eine Anerkennung für erbrachte Leistungen und um den Abbau von Unterschieden (Lüscher/Grabmann, 2002, S. 3).

Zum 01. August 2001 trat das Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG) in Deutschland in Kraft, welches umgangssprachlich allgemein als „Homo-Ehe“ bezeichnet wird. Erstmals konnten gleichgeschlechtliche Paare eine rechtlich anerkannte Verbindung eingehen. Seit dem 01.01.2005 ist zudem das Gesetz zur Überarbeitung des Lebenspartnerschaftsrechts (LPartGErgG) in Kraft. Einige Regelungen sowie bestehende Lücken sollen hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit skizziert werden (Quelle: LSVD Rechtsratgeber Lebenspartnerschaftsrecht, 2005, S. 2 ff.).

Regelungen durch das LPartG:

- Die Partner erhalten ein Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht.
- Die Partner haben ein Recht auf ärztliche Auskunft im Krankheitsfall.
- Schwule und Lesben können sich rechtswirksam verloben, ein „Lebenspartnerschaftsversprechen“ ablegen.
- Lebenspartner können einen gemeinsamen Namen bestimmen.
- Lebenspartner sind rechtlich als Familienangehörige anzusehen. Man gilt als verschwägert zu den Verwandten des Lebenspartners.
- Lebenspartner können die leiblichen Kinder des Partners adoptieren.
- In der gesetzlichen Erbfolge wird ein Lebenspartner genauso wie ein Ehegatte behandelt.
- Bei Aufhebung der Lebenspartnerschaft findet ein Versorgungsausgleich hinsichtlich Rentenansprüche zum entsprechenden Zeitpunkt statt.
- Die Lebenspartner sind einander zu Fürsorge, Unterstützung und gemeinsamer Lebensgestaltung verpflichtet, sie tragen füreinander Verantwortung.
- Dem Lebenspartner eines allein sorgeberechtigten Elternteils kann die Befugnis des kleinen Sorgerechts zustehen, sofern er mit dem Kind zusammenlebt.
- Die Lebenspartnerschaft wird auf Antrag eines oder beider Partner nach einer Trennungsfrist durch gerichtliches Urteil aufgehoben.
- Nach Aufhebung der Lebenspartnerschaft hat jeder Partner für sich alleine zu sorgen, von Ausnahmen abgesehen.
- Lebenspartner erhalten dieselbe Hinterbliebenenrente wie Ehepartner.
- Nach bestimmten Voraussetzungen besteht für den ausländischen Lebenspartner ein Rechtsanspruch auf Erteilung der Aufenthaltserlaubnis.
- Nach den Landesauführungsgesetzen sind in einigen Bundesländern (z.B. Berlin, Bremen, Hamburg, NRW, Sachsen, Schleswig-Holstein) die Standesbeamten zuständig.

Ungleichbehandlungen gegenüber der Ehe beim LParG

- Im Sozialrecht werden die Lebenspartner in die Pflicht genommen, bei der Einkommenssteuer dagegen wie Ledige behandelt. Lebenspartner können bei der Einkommenssteuer nicht zusammen veranlagt werden, wodurch sich ihre Höchstbeträge wie bei Eheleuten verdoppeln würden.
- Die gemeinschaftliche Adoption eines Kindes ist nicht möglich. Einzeln hingegen hätte jeder die Möglichkeit einer Adoption.
- Im Bereich der Erbschafts- und Schenkungssteuer erfolgte keine Gleichstellung mit Ehegatten.
- In manchen Bundesländern (z.B. Brandenburg, Hessen, Saarland, Thüringen) sind Gemeinden, Stadtverwaltungen oder kreisfreie Städte für zuständig erklärt worden, in Bayern sind es Notare.

Das Gesetz wurde am 17.07.02 vom Bundesverfassungsgericht für verfassungskonform erklärt. Der besondere Schutz der Ehe hindert den Gesetzgeber nicht, für die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft Rechte und Pflichten vorzusehen, die denen der Ehe gleich oder nahe kämen. Die vollständige Gleichsetzung ist eine Frage des politischen Willens

Internationale Ebene: Die Niederlande, Spanien, Kanada, Belgien sowie Südafrika und der US-Bundesstaat Massachusetts haben die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Dem skandinavischen Modell der eingetragenen Partnerschaft haben sich 2005 Großbritannien, Tschechien und die Schweiz angeschlossen. In der Schweiz wurde die Einführung sogar per Volksabstimmung mit 58% bestätigt. Dem gegenüber haben eine Reihe von US-Bundesstaaten und Lettland ein Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe in ihre Verfassung aufgenommen.

Auf welche Resonanz stößt die eingetragene Partnerschaft bei Lesben und Schwulen? Nach Buba/Weiß gibt folgender Satz die ambivalente Stimmung wieder: Das Gesetz „ist durchaus ein Schritt in die richtige Richtung, aber eine allgemeine Akzeptanz ist nicht unbedingt damit verbunden“ (Buba/Weiß, 2003, S. 183). Schwule und Lesben kritisieren, dass das Gesetz keine Gleichstellung mit der heterosexuellen Ehe bewirkt, die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften seien „minderwertig“, das Selbstverständnis homosexueller Paare werde nicht gefördert. (S. 183 f.).

In einer von Bochow durchgeführten Studie lebten 3% der insgesamt Befragten (entspricht 6% der Personen in einer festen Beziehung) in einer eingetragenen Partnerschaft. 17% der insgesamt Befragten erwägen einen solchen Schritt mit ihrem Freund. Für die Mehrheit der anderen Befragten stellt die eingetragene Partnerschaft eine Option dar, eine große Minderheit möchte sie eher nicht oder auf keinen Fall eingehen (Bochow/Wright, 2004, S. 25). Es bleibt offen, wie weit die „Homo-Ehe“ zweiter Klasse den Bedürfnissen und Lebenswirklichkeiten schwuler Männer entspricht. Die Resonanz hält sich derzeit in Grenzen.

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Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Paarbeziehungen schwuler Männer
Untertitel
Ihre Kompetenzen und Konflikte vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Stigmatisierungen
Hochschule
Universität Kassel  (Sozialwesen)
Veranstaltung
Sozialtherapeutisches Kolloquium
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
113
Katalognummer
V88100
ISBN (eBook)
9783638023658
ISBN (Buch)
9783638933155
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paarbeziehungen, Männer, schwul, Paarberatung, Geschlechtsrolle, Experteninterviews, Coming-out, Single
Arbeit zitieren
Diplom II - Sozialpädagoge Dirk Wagner (Autor), 2007, Paarbeziehungen schwuler Männer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88100

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