Zwischen Rollenklischee und Emanzipation: Identitätssuche und Identitätsfindung in Laura Esquivels Roman -Como agua para chocolate-


Seminararbeit, 2000
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Aufbau, Struktur und Erzählsituation

2. Historischer Hintergrund

3. Identitätssuche und Identitätskonstruktion
3.1 Mamá Elena - die Un-Mutter
3.2 Zwischen Weiblichkeit und Revolution: Gertrudis
3.3 Resignation und Doppelmoral: Rosaura
3.4 Tita, Ernährerin und große Mutter

4. Schluß

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Mexiko ist ein Land, das sich schon aufgrund seiner geographischen Lage in einer zwiespältigen Situation befindet. Nicht nur daß Mexiko unmittelbar an die USA angrenzt, im Krieg von 1846 bis 1848 verlor der Staat auch noch wesentliche Teile seines Territoriums (Texas, New-Mexiko, Arizona und Nordkalifornien) an den großen Bruder Nordamerika. Hinzu kommt, daß das 1821 zur Unabhängigkeit gelangte Mexiko vor allem von Diskontinuität sowohl auf wirtschaftlicher, als auch auf politischer Ebene geprägt wurde. Über dreißig Präsidenten regierten das Land von 1821 bis 1910, d.h. bis zum Ausbrechen der mexikanischen Revolution. In dieser Zeit erfuhr Mexiko eine Politik der Beschneidung durch wirtschaftliche und politische Eliten; es litt unter Einschränkungen der Meinungsfreiheit ebenso wie unter dem Ausverkauf nationaler Rohstoffe und der systematischen Herabwirtschaftung einer einstmals florierenden Handelsmacht. Kultur und somit auch Identität der indigenen Bevölkerung wurden gnadenlos ausgemerzt, so daß man ohne zu übertreiben feststellen kann:

„ Die Begründung der mexikanischen Nation fuß t auf der Zerstörung der Urbevölkerung. “ 1

Eine Suche nach dieser verschütteten Identität, auch in Abgrenzung zu Nordamerika und Europa wurde erst mit dem Ende der Revolution überhaupt in Betracht gezogen. Einen richtiggehenden „Boom“ der Identitätssuche erfährt Mexiko aber erst viel später. Vor allem auf literarischer Ebene findet die Auseinandersetzung mit der eigenen, verschütteten Identität. Namhafte Schriftsteller wie Juan Rulfo oder Octavio Paz haben diesen Versuch einer mexikanischen Identitätskonstruktion schon in den 70er Jahren treffend beschrieben. Nichtsdestotrotz wird auch heute noch die mexikanische Literatur durch die Suche nach einer lateinamerikanischen Identität ausgezeichnet.

„ Neben der Frage nach der Definition der eigenen nationalen Identität intensivierte sich in Mexiko wie auch in Europa seit den sechziger

Jahren die Diskussion um den Selbstfindungsprozeß der Frau in einer

patriarchalisch geprägten Gesellschaft. 2

Immer häufiger drängen nun auch Schriftstellerinnen ins literarische Geschehen, um ihre eigene Vorstellung von Mexikanität gepaart mit Weiblichkeit zu konzipieren. Entsprechend vielfältig sieht die literarische Produktion am Ende des 20. Jahrhunderts aus. Im folgenden soll der Versuch gemacht werden, weibliche Identitätskonstruktionen in Laura Esquivels Roman „Como agua para chocolate“ durchschaubar und somit verständlich zu machen.

1. Aufbau, Struktur und Erzählsituation

Die Geschichte wird viele Jahre nach Titas Tod von Esperanzas Tochter, Titas Großnichte, erzählt. Wir haben es mit einer auktorialen Erzählsituation zu tun, die allwissende Erzählerin tritt allerdings nur zweimal, am Anfang und am Ende des Romans aus ihrer Anonymität hervor und bleibt sonst im Hintergrund. Ungewöhnlich ist besonders die äußere Form des Romans: „Como agua para chocolate“ gliedert sich in zwölf Kapitel, denen jeweils ein typisches Rezept der mexikanischen Küche vorangestellt ist. Jedes Kapitel, und somit auch jedes Rezept, repräsentiert einen Monat. Die Handlung erstreckt sich also über die Zeit von Januar bis Dezember, wobei das letzte Kapitel zweiundzwanzig Jahre später situiert ist. Die erzählte Zeit umfaßt also den Zeitpunkt von Pedros Heiratsantrag an Tita bis zu Esperanzas Hochzeit mit Johns Sohn Alex. Es würde jedoch zu weit gehen, dies als Konzept einer zyklischen Zeitauffassung zu werten. Vielmehr handelt es sich um einen literarischen Kunstgriff der Autorin, der damit die überraschende Wendung ihres Romans gelingt. Die Kochrezepte haben also einerseits eine strukturierende Funktion, andererseits verdeutlichen sie durch ihre Originalität den nationalen Bezug und leisten innerhalb des Plots einen Beitrag zur individuellen Identitätsfindung der Charaktere. Insbesondere Tita definiert einen Teil ihrer Persönlichkeit über ihre Tätigkeit als Köchin. Die Kochrezepte, die teils von ihrer Ziehmutter Nacha, teils von Johns Großmutter der „Kikapú“ stammen, dienen ihr zur Konzeption ihrer eigenen Weiblichkeit insofern, als daß sie sich verbotenerweise über die vorgegebenen Rezeptvorgaben hinwegsetzt und somit - wenn auch nur heimlich - gegen die gestrenge Mamá Elena revoltiert:

Gleichwohl konnte sie grundsätzlich der Versuchung nicht widerstehen, die strengen Vorschriften, die ihre Mutter ihr in der Küche...und im Leben auferlegt hatte, zu durchbrechen. “ 3

Besonders deutlich wird das, als Tita Wachteln in Rosenblättern zubereitet. Die Rosen hat sie zuvor von Pedro geschenkt bekommen, Mamá Elena faßt das als Affront auf und befiehlt ihrer Tochter, die Blumen wegzuwerfen. Tita aber setzt sich über diesen Befehl hinweg und zaubert so eine kulinarische Köstlichkeit, die nicht nur zu Gertrudis „Aufflammen“ führt, sondern einen gewissermaßen platonischen Geschlechtsakt zwischen Tita und Pedro ermöglicht:

„ Auf diese Weise drang sie in Pedros Körper ein, wollüstig, aromatisch, wohlig erhitzt und voller Sinneslust. “ 4

2. Historischer Hintergrund

Die Handlung der Binnenerzählung beginnt mit Titas Geburt (ca. 1895), spielt sich aber hauptsächlich 1910, also im Jahr der mexikanischen Revolution ab. Der Hintergrund der Handlung könnte nicht bedeutender sein:

„ Kein Ereignis hat die mexikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts so geprägt, wie die Revolution, die 1911 mit dem Regime von Porfirio D í az auch den Liberalismus der Independencia, den Positivismus und die Oligarchie der Grundbesitzer - kurz, den Geist des 19. Jahrhunderts - hinwegfegte. “ 5

Mit dem Ende der Revolution und der anschließenden Rekonstitutionalisierung der mexikanischen Nation setze auch die noch immer nicht abgeschlossene Phase der nationalen Identitätssuche ein. Unter der Präsidentschaft von Álvaro Obregón institutionalisierte man die Revolution zu einem Aufstand der unterdrückten Bevölkerung. Doch der Mythos des kollektiven Handelns entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Trugbild. In Wahrheit ging die mexikanische Revolution vielmehr aus einer spontanen Regung der unzufriedenen Massen, als aus der geplanten Aktion eines intellektuellen Kollektivs hervor. Eine Revolution also, aber ohne Inhalte, eine leere Hülse, die es zu füllen galt. Zu diesem Zwecke benutzte man den Prozeß der nationalen Identitätsfindung um der Revolution nachträglich einen ideologische Bedeutung zu geben und somit die Macht der neuen Regierungspartei zu manifestieren. Besonders die Künste wurden damals einbezogen, um die ideologischen Inhalte der Revolution zu verbreiten und dabei auch die ungebildeten Unterschichten zu erreichen.6

In ihrem Essay „Die ‘Weibliche Revolution’“ macht Susanne Lieber den wenig überzeugenden Versuch, Esquivels Roman als Allegorie auf die mexikanische Revolution zu werten. Zentraler Beweis ist ihr hierfür die Tatsache, daß „ [...] der Beginn der Revolution 1910 [...] dem Beginn von Titas ‘ persönlicher Revolution ’ bzw. Pedros Werben um Tita [entspricht] “ 7

In Mamá Elena sieht Lieber die Personifizierung Porfirio Díaz’, Gertrudis repräsentiert angeblich die mestizische Bevölkerung, die sich gegen den Diktator auflehnt. Rosaura kommt in dieser Lesart die Rolle der konservativen Großgrundbesitzer zu, während die Indias Nacha, Chencha und Luz del Amanecer (Morgenlicht) „ für die seit der Conquista unterjochten, miß handelten und unterdrückten Indios [...] “ 8 stehen. Für die Protagonistin Tita findet Lieber allerdings keine befriedigende Rollenzuweisung. Sie ist innerhalb dieses Interpretationsansatzes lediglich die „mala mujer“, die sich gegen ihre Mutter, bzw. gegen den Diktator Porfirio Díaz auflehnt.

Sicherlich ist es zulässig gewisse Parallelen zwischen Roman und Revolution zu ziehen. Nicht ohne Grund hat die Autorin ihre Geschichte genau zu dieser Zeit stattfinden lasse. Allerdings spielt hier meines Erachtens der Beginn einer kollektiven Identitätssuche auf historischer Ebene und der weiblichen Identitätssuche auf narrativer Ebene eine viel größere Rolle, als die angeblichen Übereinstimmungen zwischen Esquivels Charakteren und den historischen Gestalten und Bevölkerungsgruppen der mexikanischen Revolution. Einige Elemente der Erzählung mögen dem historischen Geschehen entlehnt sein, den Roman aber als Allegorie auf die mexikanische Revolution zu lesen, erscheint mir vor oben genanntem Hintergrund aber zu weit hergeholt.

3. Identitätssuche und Identitätskonstruktion

„ Emanzipationssuche und Identitätsstreben gelten heute als Kennzeichen lateinamerikanischer Literatur schlechthin, und die Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Neokolonialismus wird als wesenhafter Ausdruck des lateinamerikanischen Menschen anerkannt, ausgenommen, sie findet im Werk einer Frau statt. “ 9

Auch wenn dieses Zitat aus den 80er Jahren heute nicht mehr die gleiche Gültigkeit besitzt, so befindet sich die von Frauen produzierte Literatur in Lateinamerika immer noch in einem Zustand der Marginalisierung. Sie wird ignoriert und an den Rand des literarischen Geschehens gedrängt. Nur selten gelingt es Schriftstellerinnen wie der Chilenin Isabel Allende, dem Nischendasein der „Trivialliteratur“ zu entfliehen; Literatur von Frauen wird entweder trivialisiert oder vegetiert als Insiderliteratur vor sich hin. Und obwohl Schriftstellerinnen wie Laura Esquivel oder Angeles Mastretta durchaus anspruchsvolle Werke veröffentlicht haben, gelingt es ihnen nicht, sich vom Klischee der Trivialautorinnen zu befreien. Die Auffassung „Frauen schreiben für Frauen, Männer schreiben für die Welt“ prägt am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts noch immer das literarische Geschehen, auch in Lateinamerika. Besonders im Bereich der Literaturwissenschaft wird dies deutlich. Allein schon der Begriff „Frauenliteratur“ muß kritisch betrachtet werden, „ weil bei der Verwendung dieses Begriffes Werke von Schriftstellerinnen aus der Gesamtheit des literarischen Schaffens ausgegrenzt werden. “ 10 Trotzdem verwenden selbst promovierte Literaturtheoretikerinnen wie Lena Lindhoff immer wieder diese Wendung und lassen dabei eines außer acht:

„ Was die schreibenden Frauen, bislang jedenfalls, hervorgebracht haben, ist keine ‘ ganz andere ’ Literatur, sondern die Einführung von anderen Interessen, Sichtweisen, Ausdrucksformen und damit

Elementen der Kritik, der Revision, der Umarbeitung [...] “ 11

Ebendiese anderen Sichtweisen vermittelt Laura Esquivels Roman. Sie bietet eine Vielzahl von weiblichen Akteuren an, die alle auf verschiedenen Art und Weise versuchen eine eigene Identität zu konstruieren, sowohl als Frauen, als auch als Mexikanerinnen. Dabei gelingt es aber nur zwei von ihnen, den Schwestern Gertrudis und Tita, dem tradierten Rollenklischee der treusorgenden Mutter und Gefährtin zu entfliehen.

3.1 Mamá Elena - die Un-Mutter

Die früh verwitwete Mutter der drei Schwestern, Mamá Elena, spielt für die Entwicklung der Handlung eine große Rolle. Als einer der zwiespältigsten Charaktere des Romans ist sie es eigentlich erst, die ihre jüngste Tochter Tita zu einer derart (für das Mexiko der damaligen Zeit) radikalen Identitätskonzeption veranlaßt, indem sie ihr aufgrund einer unmenschlichen und selbst zum damaligen Zeitpunkt überkommenen Familientradition Heirat und selbstbestimmtes Leben vorenthalten will. Tita, so verlangt sie, solle als jüngste Tochter bis zu ihrem Tode bei ihr bleiben, um sie zu bedienen und im Alter zu pflegen.

„ Du weiß t sehr wohl, daß dir als dem jüngsten weiblichen Familienmitglied die Aufgabe zufällt, mich bis zu meinem Tode zu pflegen. “ 12

Mamá Elena stellt sich uns als eine harte, mitleidslose Frau dar. Als Herrin des Gutes führt sie ein strenges Regiment, tyrannisiert ihre Töchter ebenso wie ihre Angestellten. Mamá Elena duldet keinerlei Widerspruch und versucht systematisch „ den Widerstand der Kinder zu brechen und jegliches Rebellentum gegen [ihre] Normen und Befehle auszuschalten. “ 13 Zu diesem Zweck schreckt sie selbst vor körperlicher Gewalt nicht zurück.14 Dies ist die eine Seite der Figur. Nach Mamá Elenas Ableben stellt sich jedoch heraus, daß sie selbst einmal aus der repressiven Gesellschaft ihrer Zeit ausbrechen wollte. Tita findet beim Ordnen ihrer Hinterlassenschaft eine Schatulle mit Photos und Briefen, die ihr eine vor- und später außereheliche Liebschaft ihrer Mutter offenbaren. Arroganz und Unverständnis ihrer Umwelt führten aber schließlich zu der Ermordung ihres Liebhabers und drängten Mamá Elena in die Ehe mit Rosauras und Titas Vater.

„ Mama Elena hatte versucht, mit Jos é gemeinsam zu fliehen, nachdem sie ihre Schwangerschaft bemerkt hatte, doch in der Nacht, als sie ihn auf dem dunklen Balkon erwartete, war sie Zeugin geworden, wie ein unbekannter Mann ohne erkennbaren Grund im Schutz der finsteren Nacht Jos é angriff und tötete. Nachdem sie eine

[...]


1 Peters (1999), S. 53

2 Peters (1998), S.157

3 Esquivel, S. 223

4 ebnd., S. 61

5 Thies, S. 13

6 vgl. ebnd., S. 16

7 Lieber, S.151

8 ebnd., S. 153

9 Küppers, S. 453

10 Peters, S. 21

11 Burmeister, S. 167

12 Esquivel, S. 16

13 Lieber, S. 148

14 vgl. Esquivel, S. 34

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zwischen Rollenklischee und Emanzipation: Identitätssuche und Identitätsfindung in Laura Esquivels Roman -Como agua para chocolate-
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Romanistische Philologien)
Veranstaltung
Seminar: Lateinamerikanische Identitätskonstruktionen im 20. Jahrhundert: Das Beispiel Mexikos
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V8815
ISBN (eBook)
9783638156875
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Rollenklischee, Emanzipation, Identitätssuche, Identitätsfindung, Laura, Esquivels, Roman, Seminar, Lateinamerikanische, Identitätskonstruktionen, Jahrhundert, Beispiel, Mexikos
Arbeit zitieren
Julia Irsch (Autor), 2000, Zwischen Rollenklischee und Emanzipation: Identitätssuche und Identitätsfindung in Laura Esquivels Roman -Como agua para chocolate-, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8815

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