1. Einleitung
„Wenn wir den Mund aufmachen, reden immer
Zehntausende Tote mit“
Dieses Zitat von Hugo von Hofmannsthal soll das historische Wachsen unserer Sprache deutlich machen. Viele Eigenschaften dieser Sprache haben sich im Verlauf der Geschichte grundlegend verändert, andere hingegen sind relativ stabil geblieben. Vorliegende Hausarbeit analysiert in diesem Kontext wichtige Aspekte des Sprachwandels der deutschen Sprache ausgehend vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen.
Das Mittelhochdeutsche war keine überregional einheitliche Sprache wie das Schriftneuhochdeutsche, sondern war ebenso wie das heute gesprochene Deutsch gekennzeichnet durch starke regionale bzw. dialektale Unterschiede. Auch eine einheitliche Orthografie gab es im Mittelalter noch nicht.
Doch warum ist es eigentlich wichtig, dieses Mittelhochdeutsch näher zu betrachten und den Sprachwandelzum heutigen Deutsch genauer zu untersuchen? Sind die Sprachzustände des Deutschen vor ca. 500 bis 1000 Jahren für den heutigen Sprachbenutzer denn nicht völlig uninteressant? Mögliche Antworten auf diese Fragen könnten lauten: Viele Phänomene des heutigen Schriftdeutsch erscheinen dem Sprachbenutzer unnötig kompliziert oder unsinnig. Es lassen sich jedoch viele dieser Erscheinungen nur erklären, wenn man historische Entwicklungen beobachtet und so tiefere Einblicke in dieses Sprachsystem gewinnt. Auch im sprachlichen Alltag wird oft über Sprache reflektiert, d.h. Menschen denken über die Mittel ihrer sprachlichen Kommunikation nach. Gerade im Bereich Wortbedeutung und Wortgeschichte lassen sich hierbei viele Phänomene nur durch sprachhistorische Zusammenhänge erklären. Darüber hinaus haben viele Sprachbenutzer ein Bedürfnis Einblicke in die Geschichte ihrer Sprache zu bekommen, denn z.B. Kultur und Identität von Menschen sind nicht zuletzt auch durch sprachgeschichtliche Entwicklungen zu erklären.
Im ersten Abschnitt meiner Hausarbeit gebe ich einen systematischen Überblick über ausgewählte Regeln, die sowohl den Laut- wie auch den Schreibwandel vom Mhd. zum Nhd. kennzeichnen. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf all den grammatischen Erscheinungen, die im zweiten Teil dieser Arbeit anhand eines Textes näher beschrieben und erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Vokalveränderungen vom Mhd. zum Nhd.
2.1.1 Nhd. Monophthongierung, nhd. Diphthongierung und nhd. Diphthongwandel
2.1.2 Dehnung und Kürzung
2.1.3 Rundung und Entrundung
2.1.4 Apokope, Synkope und Elision
2.2 Konsonantenveränderungen von Mhd. zum Nhd.
2.2.1 Grammatischer Wechsel
2.2.2 Assimilation
2.2.3 Stimmtonverlust im Auslaut
2.2.4 Mittelhochdeutsches <w>
2.2.5 Veränderungen von Mhd. <s> und <z>
2.2.6 Veränderungen von Mhd. <f> und <v>
2.3 Veränderungen der Verben
2.3.1 Die starken Verben
2.3.2 Präterito Präsentien
2.4 Sonstige Veränderungen
2.4.1 Majuskulierung der Substantive
2.4.2 Bezeichnung der Vokalquantität
2.4.3 Das morphologische Prinzip im Neuhochdeutschen
2.4.4 Analogieausgleich
2.5 Analyse eines Mhd. Textes
2.5.1 Walther von der Vogelweide „Kreuzigungsstrophe“
2.5.2 Untersuchung des Laut- und Schreibwandels im Text
2.5.3 Nhd. Übersetzung des Textes
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit analysiert den historischen Sprachwandel vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen anhand von ausgewählten phonologischen und graphematischen Merkmalen, wobei ein zentraler Aspekt auf der Anwendung dieser Erkenntnisse bei der Untersuchung eines konkreten lyrischen Textes liegt.
- Historische Entwicklung der deutschen Sprache
- Phonologischer und graphematischer Wandel (Vokale und Konsonanten)
- Systematische Analyse starker Verben und Präterito-Präsentien
- Wirkweise des morphologischen Prinzips und der Analogiebildung
- Praktische linguistische Analyse eines Textbeispiels von Walther von der Vogelweide
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Dehnung und Kürzung
a) Dehnung
(1) Dehnung der Vokale in offener Tonsilbe
Eine offene Tonsilbe ist eine Akzent tragende Silbe, die mit einem Vokal abgeschlossen ist. Im Mhd. waren diese Vokale kurz. Im Nhd. sind sie auch ohne Kennzeichnung lang auszusprechen. Diese Länge kann jedoch auch grafisch gekennzeichnet sein (siehe auch Abschnitt 2.4.2). Diese Dehnung wird jedoch im Nhd. nicht immer durchgeführt, z.B. vor <sch> und <ch> (<waschen> und <machen>). Unterbleibt die Dehnung, wird die Silbengrenze zum Nhd. hin auch oft durch Konsonantendopplung verlegt (Beispiel Mhd. <hamer> > Nhd. <Hammer>).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Sprachwandels und Begründung der Relevanz einer historischen Betrachtung der deutschen Sprache.
2. Hauptteil: Systematische Untersuchung von Vokal- und Konsonantenveränderungen, Veränderungen bei den Verben, sonstigen Phänomenen sowie die praktische Anwendung durch eine Textanalyse.
2.1 Vokalveränderungen vom Mhd. zum Nhd.: Darstellung der Prozesse wie Monophthongierung, Diphthongierung, Dehnung und Kürzung sowie Rundungserscheinungen.
2.2 Konsonantenveränderungen von Mhd. zum Nhd.: Analyse lautlicher Anpassungen inklusive grammatischem Wechsel, Assimilation und Stimmtonverlust im Auslaut.
2.3 Veränderungen der Verben: Klassifizierung und Untersuchung der starken Verben sowie der Präterito-Präsentien hinsichtlich ihrer Formenbildung.
2.4 Sonstige Veränderungen: Erläuterung von Majuskulierung, Vokalquantitätskennzeichnung, morphologischem Prinzip und Analogieausgleichen.
2.5 Analyse eines Mhd. Textes: Konkrete Anwendung der erarbeiteten Regeln auf die „Kreuzigungsstrophe“ von Walther von der Vogelweide.
3. Schlussbetrachtung: Zusammenfassendes Fazit über die Notwendigkeit der Erforschung des Sprachwandels zum Verständnis der Gegenwartssprache.
Schlüsselwörter
Sprachwandel, Mittelhochdeutsch, Neuhochdeutsch, Phonologie, Graphematik, Vokaländerung, Konsonantenänderung, starke Verben, Präterito-Präsentien, Dehnung, Kürzung, Assimilation, Analogieausgleich, Walther von der Vogelweide, Sprachgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit behandelt die systematische Analyse der sprachlichen Entwicklung vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen Lautwandel, Schreibwandel, die morphologische Analyse von Verbgruppen sowie die orthografische Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den historischen Sprachwandel durch die Untersuchung ausgewählter Regeln darzulegen und diese anhand eines lyrischen Textes von Walther von der Vogelweide praktisch anzuwenden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diachrone sprachwissenschaftliche Analyse, bei der historische Sprachzustände mit neuhochdeutschen Formen verglichen werden.
Was wird im Hauptteil ausführlich behandelt?
Behandelt werden Vokal- und Konsonantenverschiebungen, die Systematik starker Verben, das morphologische Prinzip und die Majuskulierung von Substantiven.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Sprachwandel, Mittelhochdeutsch, Neuhochdeutsch, Phonologie, Graphematik und historische Grammatik.
Warum spielt die „Kreuzigungsstrophe“ eine besondere Rolle?
Sie dient als konkretes Textbeispiel, um die im ersten Teil theoretisch erläuterten Sprachwandelprozesse direkt am historischen Wortmaterial zu demonstrieren.
Was besagt das morphologische Prinzip im Neuhochdeutschen?
Es besagt, dass die Schreibweise eines Morphems in verschiedenen Wortformen konstant bleiben sollte, um die schnelle Zuordnung zum Lexem zu erleichtern.
Wie verändert sich die Schreibweise von Verben durch das morphologische Prinzip?
Durch das Prinzip wird beispielsweise die Auslautverhärtung in der Schrift oft nicht mehr dargestellt, damit die Stammsilbe visuell einheitlich bleibt.
Welche Bedeutung hat das Dehnungs-h?
Ursprünglich im Mittelhochdeutschen ein Lautzeichen, wurde es im Neuhochdeutschen funktional zur Kennzeichnung vokalischer Länge umgedeutet.
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- Thomas Ostertag (Author), 2006, Sprachwandel vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen anhand ausgewählter Merkmale und Texte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88188