Fantasie und Realität: Untersuchung der Auffälligkeiten in den Figurenkonstellationen von François Ozons Filmen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ozons Figuren- und Themenwahl

3. Sexualität im Diskurs
3.1 Fantasie und Realität
3.2 Gewohnheit und Zwang
3.3 Die Sehnsucht nach Unerreichbarem

4. Der Blick der Kamera
4.1 Sehen und gesehen werden – Ozons Blickdramaturgie
4.2 Ozons Bildsprache

5. Ozons Figuren als philosophische Modelle

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Filmverzeichnis

1. Einleitung

François Ozon selbst betrachtet die filmwissenschaftliche Interpretation seiner Filme distanziert: „Ich versuche eher, poetische Gefühle zu finden“[1], sagt er. „In Frankreich gibt es eine große Tradition, Filme zu analysieren und zu interpretieren. [...] Ich wollte dem Publikum die Möglichkeit geben, sich selbst auszumalen, was hier passiert ist.“[2] Ozon verfolgt also primär das Ziel, Gefühle zu wecken. Er hat jedoch auch die Freiheit, mit eigenen Drehbüchern filmische Themen relativ unbeeinflusst darzustellen, zu denen die Zuschauer einen eigenen Zugang finden müssen. Aus seiner persönlichen Art des Filmemachens ergeben sich psychologisch fein durchkonstruierte Filme, die oftmals ein hohes Maß an symbolischen Darstellungen aufweisen. Ozon diskutiert immer wieder ähnliche Themen mit ähnlichen Figuren. Oftmals scheinen all seine Figuren derselben Familie anzugehören. Er betrachtet diese jedoch aus immer wieder neuen Blickwinkeln und zeigt verschiedene lebensphilosophische Motive. Die von Ozon erschaffenen Figuren und Motive sollen in dieser Arbeit zunächst auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht werden, wodurch eine Analyse der Vernetzung von Ozons Filmen angestrebt wird.

Im Mittelpunkt der Filme scheint stets ein Diskurs über die Sexualität der Filmfiguren zu stehen. Diese sind oftmals in einer Fantasiewelt gefangen, welche sie nicht mit ihrer Realität vereinen können. Das Verständnis der Figurenperspektiven scheint essentiell für das Verständnis der Filme zu sein. Allein aus den Wünschen und Vorstellungen der Protagonisten lässt sich oft auf filmische Aussagen schließen. Auffällig ist hierbei, dass Ozon häufig stereotypische Figuren verwendet, um sexuelle Spielarten und unterschiedliche Lebenseinstellungen miteinander zu konfrontieren. Die Cha­rak­te­risie­rung soll hier ein zentraler Untersuchungsgegenstand sein. Letztlich findet der Blick der Kamera in Ozons Inszenierungstechniken eine besondere Beachtung. Die Darstellung der Bilder bietet für Ozon ein Mittel, um seine Aussagen miteinander zu verknüpfen und neue Zusammenhänge aufzuzeigen.

Da Ozons Filme in der jüngeren Vergangenheit entstanden sind, gibt es zu diesen nur eine geringe Anzahl von Untersuchungen. Viele Beobachtungen der vorliegenden Arbeit gründen sich deshalb auf eigenständige Filmanalysen. Von großer Hilfe sind hierbei allerdings Berichte über Ozons Filme aus den Cahiers du Cinéma, Filmkritiken aus diversen Publikationen sowie veröffentlichte Interviews mit dem Regisseur.

2. Ozons Figuren- und Themenwahl

Jusqu’ici, les films de François Ozon n’ont raconté de deux histoires: l’omnipotence de pères abusifs (l’ogre pédophile des Amants Criminels, Bernard Giraudeau régnant sur une famille-harem assujettie dans Gouttes d’eau...), ou au contraire le principe de la folie et de chaos qu’entraîne leur disparition (Sitcom, Sous le Sable et maintenant Huit Femmes)[3]

Jean-Marc Lalanne unterteilt die Plots von Ozons Filmen in zwei Kategorien: Geschichten, die vom Machtmissbrauch eines allmächtigen Vaters erzählen und Geschichten, die das nach seinem Verschwinden entstehende Chaos schildern. Spätere Filme wie 5x2 oder Le temps qui reste lassen sich jedoch nur schwer in diese Kategorien einordnen, da hier die Vaterfiguren als machtlos (5x2) oder als sanft und unsicher (Le temps qui reste) gekennzeichnet sind. Auch in Swimming Pool wird eine solche dominante männliche Figur (in Form eines Verlegers) nur angedeutet. Obwohl sich in Ozons Filmen oftmals gleiche Handlungsmuster und Figuren wiederfinden, lassen sich diese scheinbar nur schwer kategorisieren. Es ist deshalb erforderlich, zunächst Auffälligkeiten in den Figurencharakterisierungen zusammenzutragen.

Ozon wird von einigen Kritikern vorgeworfen, in Sitcom zu verallgemeinernd mit Stereotypen zu arbeiten.

What is fundamentally problematic in Sitcom is not so much its intention to shock, but rather that in this plethora of perversions, homosexuality is treated on the same level as paedophilia, group sex and other perversions, thus reinforcing the already firmly established homophobic stereotype that gay men have loose morals and are all sexually turned on by young boys.[4]

Thibaut Schilt findet auch in 8 Femmes eine ähnliche, kritische Typisierung. Als sich die Haushälterin Madame Chanel zur Homosexualität bekennt, singt sie über ihre persönliche Lebensplanung.

Her musical number follows, as she, alone in the kitchen, sings a song entitled “Pour ne pas vivre seul” (So as not to live alone). The song is about lonely people who would do anything not to be on their own (some get a dog, some worship a cross, etc.). The second verse acknowledges that same-sex relationships occur for the same reason: “Pour ne pas vivre seul, des filles aiment des filles, et l'on voit des garçons épouser des garçons” (So as not to live alone, girls love girls, and sometimes, boys marry boys). Most of the musical numbers appear to be aimed at revealing the characters' true inner thoughts. However, it remains unclear whether the film seems to suggest that Madame Chanel herself became a lesbian out of sheer loneliness, or whether the line pokes fun at assumptions about homosexual desire.[5]

In der Tat stehen hier dem Zuschauer mehrfache Interpretationsmöglichkeiten offen, indem die Figuren nur mit einer vordergründigen Handlungsmotivation vorgestellt werden. Ozon besetzt seine Geschichten mit universell verwendbaren Typen, um einerseits die Allgemeingültigkeit der Story aufrecht zu halten, aber auch um die Figuren freier miteinander kombinieren zu können. Zudem eröffnet die Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten die Option, Ozons Filme im Anschluss an einen Kinobesuch aus verschiedenen Sichtweisen zu diskutieren. Die Filme erhalten somit eine lang anhaltende Nachwirkung und Ozons Themen werden bewusst ‚von der Leinwand auf die Straße’ getragen.

Besonders in der Typisierung von schwulen Paaren bedient Ozon die Erwartung des Zuschauers. So wie der Sohn in Sitcom von einem starken, schwarzen Mann (der sich zudem noch auf die sexuellen Gegebenheiten des antiken Griechenlands beruft) in die Sexualität eingeführt wird, so geschieht dies auch mit Franz in Gouttes d’eau sur pierres brûlantes durch den weißen, aber ebenfalls stark maskulinen Léopold. Im Gegensatz zu Sitcom wird in Gouttes d’eau sur pierres brûlantes der sexuelle Akt gezeigt und wir sehen, dass der eher feminin konnotierte Franz den passiven Part einnimmt. Gleiches gilt für Sasha in Le temps qui reste. Zwar handelt es sich hier um eine gleichaltrige Beziehung, dennoch erhält der femininer erscheinende Sasha die ihm offensichtlich zugewiesene Rolle. Wo der Sex in Sitcom ausgeblendet wird, gehen die erwähnten Szenen in Gouttes d’eau sur pierres brûlantes und Le temps qui reste weiter. Trotzdem erzählen diese nichts Neues über die Figuren, sondern bestärken lediglich die Vermutung des Zuschauers. Ozons hieraus resultierendes Verständnis von Dominanz und Unterwürfigkeit in Bezug auf die Sexualität seiner Figuren wird unter Berücksichtigung der filmischen Ästhetik noch an späterer Stelle zu untersuchen sein.

Es scheint Ozon jedoch auch zu gefallen, mit der Zuschauererwartung zu spielen und filmisch zu überraschen. Als die Mutter in Sitcom das Zimmer ihres Sohnes betritt, erwarten sie und der Zuschauer eine Orgie vorzufinden. Stattdessen sitzen der Sohn und seine Gäste auf dem Boden und spielen Roulette (welches freilich eine symbolische Bebilderung der tatsächlich stattfindenden Orgien darstellt). In 8 Femmes kommt es schließlich zwischen Madame Chanels Freundin Pierette und der Hausherrin Gaby zum Kampf mit einem anschließenden leidenschaftlichen Kuss. Ozon bezieht sich hier auf Hitchcock und inszeniert eine Liebesszene aus einem Kampf heraus. „Sobald ich eine Liebesszene drehe, denke ich an Hitchcock, der sagte: ‚Liebesszenen muss man wie Mordszenen und Mordszenen wie Liebesszenen drehen’“[6] Getreu dieser Maxime inszeniert Ozon in Les Amants Criminels aus einer Liebesszene einen Mord. Hier locken Alice und Luc ihren Klassenkameraden Saïd in eine Falle. Alice täuscht Saïd vor, mit ihm schlafen zu wollen. Als sie sich zu einer Verabredung treffen und mit dem Geschlechtsakt beginnen, kommt Luc aus seinem Versteck hervor und sticht Saïd nieder. Die Szene wird in einer Rückblende erzählt und wir hören Alice als Voiceover sprechen:

Saïd’s body, brown and strong. Skin indecent and hairless, light scent of sweat. Fresh, salty, warm, spicy. Skin soft and smooth, veins showing under tense, tight muscles. When blade penetrates flesh, the body shakes, twists and writhes. Dark red blood spurts like sperm. Burning stain, last jolt, breath of life extinguished. Then nothing. Empty eyes, staring white. Saliva, frozen, cold invades. Saïd’s body, dead, killed, assassinated. We look at each other, breathless. Luc, I love you.[7]

In Alices Vorstellung wird der Mord zu Sex. Zuerst bewundert sie Saïds männlichen Körperbau. Wie bei sexueller Erregung zittert beim Mord der Körper, nur dass hier eine Klinge in diesen eindringt und Blut wie Sperma spritzt. Anschließend ist das Leben ausgehaucht. Die Körperspannungen während des Todeskampfes und während sexuellen Kontaktes werden gleichgesetzt. Die sinnbildliche Betrachtung des Orgasmus als „kleiner Tod“ wird somit als realer Tod umgesetzt. Dieser Thematik widmet Ozon mit La petite mort zudem einen Kurzfilm, indem er einen jungen Fotografen begleitet, der die Gesichter von Menschen beim Orgasmus fotografiert.

In Les Amants Criminels verwendet Ozon ein weiteres Hitchcocksches Element. Er zwingt den Zuschauer, sich mit Luc zu identifizieren, indem er lange Zeit aus seiner Perspektive erzählt und zudem mit einer Mörderin und einem unzurechnungsfähigen Waldmenschen keine sympathischen Figuren als Alternative bietet. Luc erinnert hierin an Norman Bates aus Psycho, indem er zwar unsympathisch und suspekt, aber dennoch bemitleidenswert erscheint. Eine ähnliche Form der Zwangsidentifikation verwendet Ozon auch in 5x2. In der Eröffnung des Films vergewaltigt der Ehemann Gilles seine Exfrau Marion. Erst im Rückblick beginnen wir, an Gilles menschliche Züge zu erkennen und mit ihm zu fühlen. Die Identifikation mit zwiespältigen Figuren kann erreichen, dass der Zuschauer einen ungewohnten, verstörenden Standpunkt zum filmischen Sujet einnimmt und zunächst oberflächliche Charakterzeichnungen aus einem anderen Blickwinkel an Tiefe gewinnen.

In Les Amants Criminels begegnen Alice und Luc einem Waldmenschen, der in einer Hütte lebt. Dieser sperrt sie zusammen mit der Leiche Saïds in einen Keller, und lässt sie für ihren Mord büßen. Bald schon zeigt der Mann sexuelles Interesse an dem Jungen und gibt ihm viel zu essen. Er erklärt, dass er Jungen üppig und Mädchen dünn möge.

Luc: I don’t like rabbit ...

Mann: Eat! You need to fatten up.

Luc: If you want to eat us, you’ll need to fatten Alice, too.

Mann: Listen, kid. You need to understand this. I like my girls dry, with just muscle and skin on their bones. Whereas I prefer my boys nice and plump. So eat![8]

[...]


[1] François Ozon in: Greuling 2003, 3.

[2] François Ozon über Swimming Pool in: Greuling 2003, 3.

[3] Lalanne 2002, 82.

[4] Schilt 2006, 2.

[5] Schilt 2006, 4f.

[6] François Ozon in: Schumacher 2002, 1f.

[7] Alice in Les Amants Criminels (engl. UT), 01:08:00.

[8] Les Amants Criminels (engl. UT), 00:47:30.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Fantasie und Realität: Untersuchung der Auffälligkeiten in den Figurenkonstellationen von François Ozons Filmen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Filmwissenschaft)
Veranstaltung
Film als poetische Philosophie. Das neue französische Kino.
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V88213
ISBN (eBook)
9783638034210
ISBN (Buch)
9783638932370
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fantasie, Realität, Untersuchung, Auffälligkeiten, Figurenkonstellationen, François, Ozons, Filmen, Film, Philosophie, Kino
Arbeit zitieren
Julius Pöhnert (Autor), 2007, Fantasie und Realität: Untersuchung der Auffälligkeiten in den Figurenkonstellationen von François Ozons Filmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88213

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