Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von hybriden Kriegen nach Clausewitz

Eine Analyse mit Fallstudie zum sogenannten Islamischen Staat (IS)


Masterarbeit, 2018

50 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Theorie des Carl von Clausewitz
1.1. Die wunderliche Dreifaltigkeit
1.2. Die Zweck-Ziel-Mittel-Relation
1.3. Friktionen, Wahrscheinlichkeiten, Zufälle

2. Clausewitz’ Theorie als Instrumentarium

3. Zwischenfazit

4. Aktuelle Konflikte: Hybride Kriege und Gray-Zone-Areas
4.1. Definition und Wesen
4.2. Die Anwendbarkeit der Clausewitz-Theorie

5. Fallstudie zum ‚Islamischen Staat‘ (IS)
5.1. Der islamische Staat als Akteur
5.2. Anwendung des Clausewitz-Instrumentariums auf den IS

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Kurzreferat

In der vorliegenden Arbeit wird die Relevanz der Clausewitz-Theorie für die aktuellen Konfliktformen, die sogenannten ,hybriden Kriege´, untersucht.

Dabei werden zunächst die drei Hauptbestandteile der Theorie, nämlich die ‚wunderliche Dreifaltigkeit‘, die ‚Zweck-Ziel-Mittel-Relation‘ sowie ‚Friktionen, Wahrscheinlichkeiten und Zufälle‘ näher beleuchtet und definiert. Aus diesen wird in der Folge ein Instrumentarium zur praktischen Anwendung der Theorie entwickelt und dargestellt.

In einer Fallstudie wird der Akteur ‚Islamischer Staat‘ (IS) mithilfe dieses Instrumentariums bewertet und es werden Folgerungen für das eigene strategische Handeln gezogen. Dabei zeigt die Arbeit die Möglichkeiten und Grenzen der Clausewitz-Theorie in der Analyse von modernen Konflikten auf.

Einleitung

Über kaum einen Militärtheoretiker ist in der Vergangenheit mehr geschrieben worden als über Carl von Clausewitz. Van Creveld, Paret und viele mehr haben versucht, die Clausewitz-Theorie zu erklären und zu beurteilen. Dabei waren die Einschätzungen – vor allem jene über die Aktualität und Gültigkeit seiner Theorie in Gegenwart und Zukunft – einem ständigem Auf und Ab unterworfen. Dies hat zum einen mit der Komplexität des Werkes Vom Kriege zu tun, das zwar als inhaltlich abgeschlossen betrachtet werden kann, jedoch von Clausewitz abschließend nicht ‚geordnet‘ werden konnte. Dies gestaltet den geistigen Zugang schwieriger. Hinzu kommt eine deutlich ins Philosophische ragende Sprache und Gedankenwelt, die zweifellos Clausewitz’ Nähe zur Gedankenwelt der Philosophen seiner Tage Rechnung trägt. Zum anderen wird gerade in Deutschland die Diskussion über Strategie seit dem Ende der Kriege des 20. Jahrhunderts nicht in der breiten Öffentlichkeit geführt. Selbst innerhalb des Militärs werden die Thesen des Carl von Clausewitz allzu häufig auf die operative Ebene beschränkt. Diese Sichtweise wird ihm jedoch nicht gerecht; sie verzerrt auch den wesentlichen Kern seiner Theorie, in der er sich mit dem Wesen des Krieges an sich beschäftigt. Dabei adressiert er nicht die operative oder taktische Ebene. Er richtet sich vielmehr an strategische Entscheidungsträger.

Zweifelsfrei haben sich die Formen und Arten von Kriegen in der Geschichte gewandelt. Aktuell ist häufig von hybrider Kriegführung und ‚Gray-Zone-Areas‘ die Rede, beispielsweise wenn es um die Beschreibung des russischen Vorgehens auf der Krim und in der Ostukraine oder eine mögliche Bedrohung des Baltikums geht.

Kann jedoch, zumal sich die Clausewitz-Theorie mit dem Wesen des Krieges an sich beschäftigt, postuliert werden, dass ihre Inhalte als zeitlos gelten? Und wenn ja, wie können sie in heutigen Konflikten genutzt werden?

Unter Berücksichtigung dieser grundsätzlichen Frage verfolgt die vorliegende Arbeit das Ziel, die Möglichkeiten und Grenzen der Clausewitz-Strategie zur Analyse von hybriden Kriegen zu analysieren.

Dazu kann sie grob in zwei Hauptteile eingeteilt werden:

Im ersten Teil sollen zunächst die Clausewitz-Theorie sowie das Wesen aktueller Kriegsformen theoretisch analysiert und definiert werden; im zweiten Teil sollen die so gewonnenen Erkenntnisse in einer Fallstudie einer praktischen Überprüfung unterzogen werden.

Dabei soll zunächst auf die drei wesentlichen Bestandteile der Clausewitz-Theorie eingegangen werden. Diese sind die ‚wunderliche Dreifaltigkeit‘, die ‚Zweck-Ziel-Mittel-Relation‘ sowie das Zusammenspiel von ‚Friktionen, Wahrscheinlichkeiten und Zufällen‘.

Sind diese drei Begriffe definiert und erläutert, soll darauf aufbauend ein Instrumentarium geschaffen werden, das es ermöglicht, auch in aktuellen und zukünftigen Konflikten bzw. Kriegen mithilfe der Clausewitz-Theorie eine Analyse durchzuführen, an deren Ende erste Folgerungen für das eigene strategische Handeln stehen.

Dieses Instrumentarium wird nach Möglichkeiten und Grenzen in einem Zwischenfazit beurteilt und eingeschätzt.

Um es praktisch an aktuellen Konflikten zu erproben, müssen diese zunächst genauer untersucht werden. Dazu wird der Fokus auf die Begriffe der ‚hybriden Kriege‘ und der ‚Gray-Zone-Areas‘ gelegt.

Anschließend werden – aufbauend auf das erarbeitete Instrumentarium der Clausewitz-Theorie und die gewonnenen Erkenntnisse über die aktuellen Kriegs- und Konfliktformen – anhand einer Fallstudie zum sogenannten Islamischen Staat (IS) die Theorie und das Instrumentarium auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, aufzuzeigen ob sich die Theorie des Carl von Clausewitz über das Wesen des Krieges eignet, um aktuelle und zukünftige Konflikte zu beurteilen und Folgerungen für das eigene strategische Handeln daraus zu ziehen.

Sie soll damit unter anderem einen Beitrag zur Diskussion über die Relevanz der Clausewitz-Theorie in der heutigen Zeit liefern.

1. Die Theorie des Carl von Clausewitz

Die Theorie des Carl von Clausewitz fußt auf dessen Hauptwerk Vom Kriege. Die Entstehungsgeschichte dieses Werkes in Gänze zu beschreiben sowie auf die Hintergründe und äußeren Einflüsse der Entstehung einzugehen, ist nicht der Gegenstand dieser Arbeit und wird daher im Folgenden nur in der gebotenen Kürze erfolgen, die erforderlich ist, um die wesentlichen Punkte der Theorie besser zu verstehen und einordnen zu können.

Vom Kriege ist ein nicht vollendetes Werk – wobei sich die Vollendung nicht auf den Inhalt, sondern auf die Darstellung und die Chronologie bzw. den logischen Aufbau bezieht.1 Carl von Clausewitz blieb es aufgrund seines relativ frühen Todes versagt, sein Werk eigenständig so zu überarbeiten, dass daraus ein leicht nachvollziehbares, aufeinander aufbauendes und von ihm selbst reflektiertes Gesamtwerk entstehen konnte. Dies macht es im Vergleich zu anderen theoretischen Werken schwieriger, den Gedankengängen des Verfassers zu folgen und diese nachzuvollziehen. Dabei können vereinfacht zwei große Themenblöcke oder Überbegriffe definiert werden, nach denen sich das Werk einteilen lässt: erstens Clausewitz’ Theorie über den Krieg in seiner Gesamtheit sowie über die Natur des Krieges an sich und zweitens seine Gedanken zur operativen Führung von (Land-)Streitkräften.2 Letztere sind aus heutiger Sicht nur noch für Studenten der Geschichtswissenschaften relevant, da sich die Streitkräfte der modernen Zeit und damit ihre Einsatzgrundsätze schlichtweg nicht mit jenen von damals vergleichen lassen. Leider ist auffällig, dass Clausewitz oftmals auf diese Gedanken reduziert wird. Ein Grund hierfür mag in der Konzentration auf operative Planungen bei Ausklammerung der politisch-strategischen Dimension liegen, die besonders in der militärischen Ausbildung in Deutschland zu beobachten ist. Wer diese Reduzierung jedoch zulässt, der übersieht den eigentlichen Kern des Werkes Vom Kriege, nämlich Clausewitz’ Gedanken über den Krieg an sich. Diese sind zeitlos, da sie sich vollkommen von der operativen Ebene lösen und sich im Fokus auf die strategische Ebene richten. Diese Ebene und die Betrachtung des Wesens des Krieges ermöglicht es, Clausewitz aus dem Kontext seiner Zeit zu lösen und ihn zeitlos zu betrachten. Eben hier und nicht bei seinen Gedanken zur operativen Ebene zeigt sich die enorme geistige Kapazität eines Carl von Clausewitz, die bis heute noch nicht an Bedeutung verloren hat.

Wird nun dieser Teil seines Werkes fokussiert betrachtet, so kann seine Theorie zum Wesen des Krieges in drei wesentliche Bestandteile aufgeteilt werden, die untrennbar miteinander verbunden sind:

1. Die wunderliche Dreifaltigkeit
2. Die Zweck-Ziel-Mittel-Relation
3. Die Bedeutung von Friktionen, Wahrscheinlichkeiten und Zufällen

Im folgenden Kapitel sollen diese drei Bestandteile nun erläutert und analysiert werden.

1.1. Die wunderliche Dreifaltigkeit

Der Name dieses Bestandteils der Clausewitz-Theorie mutet aus heutiger Sicht zunächst eigentümlich an. Er ist jedoch im historischen Kontext zu erfassen. Bei der Namensgebung hat sich Clausewitz vermutlich sowohl des religiösen Vorbildes als auch des philosophischen Sprachgebrauchs bedient. Gerade die deutschen Philosophen jener Zeit scheinen auf ihn und sein Denken einen starken Einfluss gehabt zu haben.3

Was hat es nun mit diesem Bestandteil seiner Theorie auf sich, dass Clausewitz ihm einen so bedeutenden Namen gibt?

Er schafft es, einen gedanklichen Raum zu konstruieren, in dem sich Kriege bewegen, mit dessen Hilfe diese analysiert werden können. Dazu muss zunächst folgende Feststellung getroffen und verstanden werden: Kriege verändern ihren Charakter im zeitlichen Verlauf.4 Diese Feststellung scheint bereits auf den ersten Blick einzuleuchten, dazu gilt es nur die unzähligen historischen Beispiele aus der Geschichte der Menschheit zu betrachten. Andererseits ist sie aber auch verblüffend, da aus dieser Feststellung bereits Folgerungen für das Analysieren von Kriegen gezogen werden können und gezogen werden müssen. Wenn es in der Folge als gegeben betrachtet werden kann, dass Kriege ihren Charakter verändern, so bedingt dies zwangsläufig, dass eine einmalige Analyse und Betrachtung eines Krieges niemals ausreichen wird, um zweckmäßige Folgerungen ziehen und diesen Krieg dadurch erfolgreich führen oder auf ihn einzuwirken zu können. Ein Krieg muss also in seinem zeitlichen Verlauf mehrfach analytisch betrachtet werden.

Was führt aber dazu, dass ein Krieg seinen Charakter verändert, und wie kann dies überhaupt analysiert werden? Clausewitz bietet genau zu dieser Fragestellung seine Idee der wunderlichen Dreifaltigkeit an. Er hebt damit jeden Krieg in einen schwebenden Zustand zwischen drei großen Tendenzen, die den maßgeblichen Einfluss auf den Charakter des Krieges ausüben. Diese sind erstens der bloße Verstand, zweitens der blinde Naturtrieb und drittens Wahrscheinlichkeiten und Zufälle.5

Jeder dieser drei Tendenzen ordnet Clausewitz einen Akteur oder eine Institution zu, dem oder der diese Tendenz innewohnt.6

Der bloße Verstand ist hierbei als rationale, einer Logik folgenden Tendenz zu verstehen. Diese Tendenz ordnet Clausewitz der Politik bzw. der Regierung zu. Wie Lennart Souchon herausgearbeitet hat, kann sie stattdessen auch der jeweiligen Führung einer Konfliktpartei zugeordnet werden.7 Dies gilt für die Führung der Taliban ebenso wie für jene des Islamischen Staates. Entscheidend ist, dass hierbei der Akteur bzw. die Institution gemeint ist, die den Zweck eines Krieges bestimmen oder die entscheiden, wofür ein Krieg geführt wird.

Die zweite Tendenz in der Idee der wunderlichen Dreifaltigkeit – der blinde Naturtrieb – beschreibt die emotionale Ebene, in der Gefühle wie Hass oder auch Lethargie anzusiedeln sind. Clausewitz ordnet diese dem Volk zu.8 Dieses agiert in seiner Unterstützung oder Ablehnung eines Krieges auf Grundlage von Emotionen und hat einen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang und den Verlauf einer kriegerischen Auseinandersetzung.

Wahrscheinlichkeiten und Zufälle bilden die dritte Tendenz.9 Die Kriegs- und Militärgeschichte ist reich an Beispielen, in denen Wahrscheinlichkeiten und Zufälle den Verlauf von Kriegen entscheidend beeinflusst haben. Nicht umsonst gibt es im Militär das Sprichwort: ‚Nichts verläuft jemals nach Plan.‘ Clausewitz ordnet diese Tendenz den Streitkräften und ihren Feldherrn zu, da es maßgeblich auf deren Fähigkeiten ankommt, mit diesen Wahrscheinlichkeiten und Zufällen umzugehen bzw. sie durch gute Ausbildung und Übung bereits im Vorfeld zu minimieren.10

Kein Krieg lässt sich einer dieser drei Tendenzen in Gänze zuordnen. Jeder Krieg schwebt zwischen diesen drei Tendenzen, sein jeweiliger Charakter bemisst sich daran, zu welcher der drei Tendenzen er eher neigt. Lennart Souchon hat dieses theoretische Konstrukt des von Clausewitz in eine visuelle Form gebracht, indem er die wunderliche Dreifaltigkeit in ein Tetraeder-Modell umfunktioniert hat.11 Dadurch wird das theoretische Konstrukt visuell greifbar und um ein Vielfaches verständlicher.

Ändert sich nun im Verlaufe eines Krieges die Ausprägung der Tendenzen, die auf ihn wirken, so ändert sich auch die Position des Kriegs im Tetraeder, d. h. er verändert sein Wesen, seinen Charakter, seine Erscheinungsform. Lennart Souchon spricht daher zu Recht vom Krieg als Chamäleon.12 Dabei ist eine Veränderung der Ausprägung der drei Tendenzen im Verlauf eines Krieges umso wahrscheinlicher, je länger er andauert. Regierungen können wechseln; das Volk kann kriegsmüde oder durch einzelne Ereignisse einem Krieg geneigter werden; die Streitkräfte können sich durch neue Feldherren oder bessere Ausbildung und/oder Ausrüstung verändern.

Dabei ist es entscheidend, zu verstehen, dass die Einordnung in den Raum zwischen den drei Tendenzen für jede Kriegspartei separat zu erfolgen hat. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass der Charakter eines Krieges für jede Kriegspartei unterschiedlich sein kann und sogar sein muss.13

Obwohl kein Krieg gleich ist, kann jeder in dieses Theoriemodell eingefügt werden. Es weist eine derart hohe Abstraktionsebene auf, dass es als zeitlos angesehen werden kann. Alle Einflussfaktoren, die auf einen Krieg wirken, können einer der drei Tendenzen zugeordnet werden. Damit spielt es keine Rolle, ob vergangene Kriege und deren Einflussfaktoren oder aktuelle mit zum Teil unterschiedlichen Einflussfaktoren betrachtet werden. Selbst neue und moderne Entwicklungen in Kriegen und Konflikten heutiger Zeit wie der sogenannte Cyberraum lassen sich problemlos diesen Tendenzen zuordnen. Damit hat Clausewitz ein Konflikt-Analysemodell geschaffen, das in seiner Abstraktionsebene und eng damit verbunden in seiner Zeitlosigkeit weiterhin seinesgleichen sucht.

Entscheidend und zugleich begrenzend für die Möglichkeit, einen Krieg mithilfe der Idee der wunderlichen Dreifaltigkeit einordnen zu können, ist der Zugang zu Informationen über die Ausprägung der drei Tendenzen bei der jeweiligen Kriegspartei. Da die wunderliche Dreifaltigkeit auf jede Kriegspartei angewandt werden muss, sind die Qualität und die Nutzbarkeit ihrer Aussagen maßgeblich von der Quantität und Qualität der dem Anwender zur Verfügung stehenden Informationen abhängig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wunderliche Dreifaltigkeit als Tetraeder. Souchon, Lennart (2015), S. 82

1.2. Die Zweck-Ziel-Mittel-Relation

Aufbauend auf den Erkenntnissen aus der Analyse der wunderlichen Dreifaltigkeit stellt Carl von Clausewitz die Theorie über die Relation zwischen dem Zweck eines Krieges, den zu erreichenden Zielen und den notwendigen Mitteln auf.

Um diese zu beschreiben, ist es zunächst notwendig, die einzelnen Begriffe der Relation zu definieren.

Der Zweck ist der eigentliche Grund, weshalb ein Krieg überhaupt geführt wird. In Clausewitz’ Vorstellungswelt wird dieser Zweck von der politischen Führung vorgegeben.14 Wie bereits in der Beschreibung der wunderlichen Dreifaltigkeit erwähnt, hat Lennart Souchon herausgearbeitet, dass die politische Führung bei Clausewitz mit jeder Art von Führung gleichbedeutend ist, also auch mit jener der Taliban, des IS oder vergleichbarer Kriegsparteien. Wie im Falle der wunderlichen Dreifaltigkeit und ihrer Tendenzen kann sich auch der Zweck eines Krieges in dessen Verlauf verändern. Dies kann aus vielerlei Gründen erfolgen, beispielsweise durch einen Wechsel der Führung, durch Änderungen im geplanten Kriegsverlauf etc. Eine solche Veränderung bewirkt maßgebliche Folgerungen für das Ziel und die Mittel.

Das Ziel oder die Ziele leiten sich als logische Folgerungen aus dem Zweck des Krieges ab.15 Sie sind die Antwort auf die Frage: Was muss getan werden, um den Zweck des Krieges zu erreichen? Ist das Ziel oder sind die Ziele definiert, kann betrachtet werden, welche Mittel erforderlich sind, um diese zu erreichen. Bei der Beschreibung der erforderlichen Mittel führt Clausewitz einen weiteren Begriff in seine Theorie ein: die „Widerstandskraft des Gegners“.16 Diese ist das Produkt aus der Größe der Mittel und der Stärke der Willenskraft. Da sich die Größe der Mittel als reines (meist geschätztes) Zahlenwerk darstellt und darüber hinaus die Stärke der Willenskraft gänzlich der Schätzung unterliegt, ist die Widerstandskraft des Gegners insgesamt ein sehr theoretisches Konstrukt. Clausewitz sieht beim Versuch ihrer Einschätzung regelmäßig eine Tendenz dazu, sie zu hoch einzuschätzen und begründet damit seine Ansicht, dass ohne regelnden Einfluss stets zu viele und zu kräftige Mittel eingesetzt werden.17 Hier sieht er die politische Führung, die den Zweck des Krieges bestimmt, in einer regulierenden Verantwortung.

„So wird also der politische Zweck […] das Maß sein […] für die Anstrengungen, die erforderlich sind.“18

(Anstrengungen hier gleich Mittel; Anm. d. Verf.)

Die Zweck-Ziel-Mittel-Relation bringt darüber hinaus militärische und politische Planungen miteinander in Einklang. Die Politik, die den Zweck des Krieges festlegt, und das Militär, das über die Mittel bestimmt, treffen sich – bildlich gesprochen – in der Mitte, also bei der Festlegung der Ziele, die notwendig sind, um den Zweck des Krieges zu erfüllen. Es ist offensichtlich, dass dabei Wechselwirkungen entstehen, bei denen beide Seiten auf die jeweils andere einwirken. So sollte das Militär bereits bei der Festlegung des Zwecks eines Krieges beratend tätig sein, wie auch die Politik über die einzusetzenden Mittel mitbestimmen sollte, um den Zweck des Krieges nicht durch einen falschen, dem Zweck nicht dienlichen Einsatz von Mittel zu gefährden. Diese Feststellung ist von grundlegender Bedeutung. Es kann vorkommen, dass der Zweck eines Krieges so gewählt wurde, dass er durch die eingesetzten Mittel und über die definierten Ziele gar nicht erreicht werden kann. Ebenso ist es möglich, dass ein Mittel zwar äußerst geeignet erscheint, um ein Ziel zu erreichen, damit aber den Zweck eines Krieges eher gefährdet. Als leicht verständliches Beispiel sei an dieser Stelle der Einsatz von Massenvernichtungswaffen genannt, wodurch ein bestimmtes Ziel auf kurze Sicht zwar schneller erreicht (Neutralisierung eines Gegners), der Zweck des Krieges aber langfristig gefährdet wird, da der Einsatz dieser Waffen eine vergleichbare Gegenreaktion oder weitere Konfliktparteien auf den Plan rufen kann.

Wie bereits bei der wunderlichen Dreifaltigkeit festgestellt, lebt auch die Zweck-Ziel-Mittel-Relation in nicht unerheblicher Weise von den verfügbaren Informationen über den Gegner. Liegen diese nur unzureichend vor, besteht die Gefahr, die Widerstandskraft des Gegners zu überschätzen und damit zu große eigene Mittel oder Anstrengungen vorzusehen. Es besteht die Gefahr einer verfrühten Eskalation. Es zeigt sich ferner deutlich, welch große Bedeutung Clausewitz einer sehr frühen und vor allem von Politik und Militär gemeinsam durchgeführten Planung von Kriegen zuschreibt – mit einem eindeutigen Primat der Politik.

Die konsequente Anwendung der Zweck-Ziel-Mittel-Relation, wie Clausewitz sie definiert hat, verhindert folgenschwere Lücken zwischen militärischen und politischen Zielen. Sie stellt die Brücke zwischen beiden her. In der Geschichte finden sich unzählige Beispiele, bei denen diese Brücke entweder eingerissen oder gar niemals errichtet wurde. Dies bedeutete nicht selten verheerende Konsequenzen für die betroffene Kriegspartei.

1.3. Friktionen, Wahrscheinlichkeiten, Zufälle

Den dritten großen Baustein seiner Strategie bezeichnet Clausewitz als das Zusammenspiel von Friktionen, Wahrscheinlichkeiten und Zufällen.19

Da der Begriff ‚Friktion‘ aus der Physik bzw. aus der Mechanik stammt, ist es zielführend, seine Bedeutung im militärischen Kontext zunächst genauer zu beleuchten. Lennart Souchon fasst den Begriff wie folgt zusammen:

„Der Begriff Friktion summiert alle nicht vorhersehbaren Widerstände, die Verwirrung und Chaos stiften und bei den Soldaten Gefühle der Unsicherheit, Angst, Desorientierung und Hilflosigkeit erzeugen. Sie droht den Krieg in einen Zustand zu verändern, der in Instabilität, Ohnmacht und in einer Niederlage endet.“20

Damit erfüllen Friktionen die Funktion einer Unbekannten, die trotz genauer und vorausschauender Planung nicht beseitigt werden kann. Selbst eine gute Kenntnis des Gegners und der zu erwartenden Verhältnisse, wie sie auf den vorangegangenen Seiten als zwingend notwendig beschrieben wurde, wird das Auftreten von Friktionen nicht gänzlich verhindern können. Ein oft genutztes Beispiel, um die Bedeutung von Friktionen in einem Kriege zu erläutern, ist das Wetter. So schreibt Carl von Clausewitz selbst:

„Diese entsetzliche Friktion […] ist deswegen überall im Kontakt mit dem Zufall und bringst dann Erscheinungen hervor, die sich gar nicht berechnen lassen, eben weil sie zum großen Teil dem Zufall angehören. Ein solcher Zufall ist z.B. das Wetter. Hier verhindert der Nebel, dass der Feind zu gehöriger Zeit entdeckt wird […], dort der Regen, dass ein Bataillon ankommt.“21

Beim Studium der Militärgeschichte lassen sich unzählige Belege für das Vorhandensein und die Bedeutung von Friktionen finden. Diese reichen von der Verschiebung des Invasionsbeginns in der Normandie im Jahre 1944 bis zu technischen Problemen, die das Führungs- und Informationssystem des Heeres (FüInfoSysH) in Afghanistan im Jahre 2011 aufwies.22

Wie gelingt es nun, diese Friktionen zu überwinden bzw. mit diesen so umzugehen, dass ein Krieg trotzdem gewonnen werden kann? Clausewitz sieht den Grund hierfür zum einen in den Fähigkeiten einer Armee, mit Friktionen umzugehen, die er unter dem Begriff der kriegerischen Tugenden einer Armee zusammenfasst.23 Zum anderen erkennt er den Grund diesbezüglich in den Fähigkeiten des Feldherrn. Diese bezeichnet er als „die moralischen Größen eines Feldherrn.“24

Nachdem aufgezeigt wurde, dass Friktionen einen festen, nicht auszuschließenden Bestandteil von Kriegen darstellen, ist es folgerichtig, die schon besprochene Zweck-Ziel-Mittel-Relation um den Effekt der Friktionen zu erweitern. Praktisch heißt dies, dass trotz der klaren Festlegung des Zwecks, der dafür zu erreichenden Ziele und der notwendigen Mittel ein Bewusstsein dafür entstehen muss, dass es zu nicht planbaren Umständen kommen wird. Diese können von den bereits als Beispiel bemühten Wettererscheinungen und technischen Schwierigkeiten bis zu den nicht klar berechenbaren Gegenreaktionen des Feindes reichen. Gemein ist allen Friktionen deren überraschendes Auftreten.

Clausewitz begnügt sich jedoch nicht mit dem alleinigen Begriff der Friktionen, sondern unterteilt diesen noch einmal in die sogenannten inneren und äußeren Friktionen.25 Innere Friktionen beschreiben hierbei jene Friktionen, die in allen Armeen oder vergleichbaren Organisationen auftreten und daher zum größten Teil bekannt sind. Sie werden beispielsweise durch Grenzbelastungen verursacht und können durch Planung und Ausbildung bekämpft werden. Hier zeigen sich unter anderem die kriegerischen Tugenden einer Armee. Eine Armee, die so nahe wie möglich an der kriegerischen Wirklichkeit ausbildet, beispielsweise die Übungen mit ‚Volltruppe‘ im Gegensatz zu reinen Planübungen abhält, wird eine Vielzahl von möglichen inneren Friktionen bereits zu Friedenszeiten kennen und im Kriegsfall nicht von diesen überrascht sein. Anders stellt sich dies bei den äußeren Friktionen dar.26 Unter diesem Begriff lassen sich alle unvorhersehbaren Ereignisse (etwa Handlungen des Gegners) zusammenfassen, die – wenn überhaupt – immer nur zu einem gewissen Grad vorhergesagt werden können. Auch bei diesen spielen die kriegerischen Tugenden der Armee zwar eine Rolle, jedoch sind im Umgang mit dieser Art von Friktionen die Fähigkeiten des Feldherrn, die moralischen Größen, der entscheidende Faktor. Somit kann festgehalten werden, dass eine gut ausgebildete und erfahrene Armee innere Friktionen meistert, ohne dass dies eine besondere Anstrengung des Feldherrn erfordert. Bei äußeren Friktionen zeigt sich jedoch die Qualität und die Güte des Feldherrn selbst. Hierbei wird deutlich, warum der Krieg für Clausewitz keine mathematisch zu erfassende Wissenschaft ist, die logischen Regeln folgt, welche berechnet werden können. Denn im Umgang mit äußeren Friktionen reicht es nicht aus, Bücherwissen und Formeln bzw. Vorschriften anzuwenden, sondern es ist notwendig, eine freie Seelentätigkeit, eine Kreativität zu entwickeln. Darin zeigen sich die von Clausewitz beschriebenen moralischen Größen des Feldherrn deutlich.

[...]


1 Vgl. Souchon, Lennart (2012), S. 177 ff.

2 Vgl. Ebd., S. 119 ff.

3 Vgl. Souchon, Lennart (2012), S. 63.

4 Vgl. Ebd., S. 73.

5 Vgl. Ebd., S. 74 ff.

6 Vgl. Zolfagharieh, Mehran (2015), S.20 f.

7 Vgl. Souchon, Lennart (2012), S. 168 f.

8 Vgl. Zolfagharieh, Mehran (2015), S. 20 f.

9 Vgl. Ebd.

10 Vgl. Souchon, Lennart (2012), S. 94 ff.

11 Vgl. Souchon, Lennart (2012), S. 83.

12 Vgl. Ebd., S. 73.

13 Vgl. Ebd., S. 81

14 Vgl. Zolfagharieh, Mehran (2015), S. 22 f.

15 Vgl. Ebd., S. 23 f.

16 von Clausewitz, Carl (1980), S. 952 ff.

17 Vgl. Souchon, Lennart (2012), S. 93.

18 von Clausewitz, Carl (1980), S. 200.

19 Vgl. von Clausewitz, Carl (1980), S. 261 ff.

20 Souchon, Lennart (2012), S. 94.

21 von Clausewitz, Carl (1980), S. 262.

22 Hier verweist der Verfasser auf seine eigenen Erfahrungen in Afghanistan 2011.

23 Vgl. Zolfagharieh, Mehran (2015), S. 31.

24 Ebd.

25 Vgl. Souchon, Lennart (2012), S. 95.

26 Vgl. Souchon, Lennart (2012), S. 95 ff.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von hybriden Kriegen nach Clausewitz
Untertitel
Eine Analyse mit Fallstudie zum sogenannten Islamischen Staat (IS)
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (University of the Federal Armed Foces)
Note
1.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
50
Katalognummer
V882440
ISBN (eBook)
9783346174918
ISBN (Buch)
9783346174925
Sprache
Deutsch
Schlagworte
clausewitz, IS, Islamischer Staat, Carl von Clausewitz, Hybride Kriege, Strategie, Krieg, Moderne Kriege, Wunderliche Dreifaltigkeit, syrien, Daesh, Mittlerer Osten, Naher Osten, Irak, Strategy, War, hybrid, greyzone, Militärgeschichte, offizier, Napoleonische Kriege, napoleon
Arbeit zitieren
Sebastian Hagen (Autor), 2018, Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von hybriden Kriegen nach Clausewitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/882440

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