Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas

Probleme und Perspektiven


Diplomarbeit, 2007

113 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Vorgehensweise
1.2 Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse

2 Reformen und Wirtschaftswachstum
2.1 Der Ausgangspunkt für Reformen
2.2 Die Reformen 1978 – 1992
2.2.1 Erste Reformen im Agrarsektor
2.2.2 Dual Track System
2.2.3 Öffnung der Märkte
2.3 Der weitere Gang der Reformen 1989 – heute

3 Das chinesische Wirtschaftswachstum
3.1 Die Zusammensetzung des chinesischen Wirtschaftswachstums
3.2 Faktor Kapital
3.2.1 Sparen
3.2.2 Auslandirektinvestitionen
3.3 Technischer Fortschritt und Faktorproduktivität

4 Weiterer Reformbedarf
4.1 Die staatlichen Unternehmen
4.2 Der Bankensektor
4.3 Regionale Disparität und Armut
4.4 Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit
4.5 Ungenügendes Rechtssystem und Korruption
4.6 Umwelt

5 Perspektiven für Chinas Zukunft
5.1 Der Ansatz von Perkins und Rawski
5.2 Der Ansatz von Holz
5.3 Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung für nachhaltiges Wachstum
5.4 Gefahren für das zukünftige Wachstum und Schocks
5.4.1 Die Gefahr von Finanzkrisen
5.4.2 Soziale Probleme
5.4.3 Energieknappheit
5.5 Die Rolle der Regierung für zukünftiges Wachstum

6 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Beiträge zum BIP Wachstum (in % des BIP)

Tabelle 2: Verteilung der Assets im chinesischen Bankenmarkt (2005)

Tabelle 3: HDI nach Provinzen (2003)

Tabelle 4: Erwerbsbevölkerung in China 2005-2025

Tabelle 5: Prognose des Inputwachstums

Tabelle 6: Aufteilung des BIP-Wachstums

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Jährliches Wachstum des BIP

Abbildung 2: Bruttoinvestitionen

Abbildung 3: Zufluss von FDI

Abbildung 4: Herkunft der ausländischen Direktinvestitionen in China

Abbildung 5: Strukturelle Beschäftigungsveränderungen

Abbildung 6: Auswirkungen der Reallokation von Arbeit auf das BIP-Wachstum

Abbildung 7: Finanzielle Entwicklung der SOE

Abbildung 8: Not leidende Kredite im Verhältnis zu Gesamtkrediten bei den Big Four Banks

Abbildung 9: Vergleich der Profitabilität internationaler Banken

Abbildung 10: Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze

Abbildung 11: Regionales pro-Kopf BIP nach Bevölkerungszahlen

Abbildung 12: Ginikoeffizient der Einkommensverteilung 1980

Abbildung 13: Freigestellte und arbeitslose Arbeiter

Abbildung 14: Aufteilung der Erwerbsbevölkerung nach Bildung

Abbildung 15: Vergleich SSE - NYSE

Abbildung 16: Altersstruktur der chinesischen Bevölkerung

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Vorgehensweise

China ist derzeit in aller Munde. Die einen sehen einen riesigen Absatzmarkt für ihre Produkte, während andere nicht müde werden, vor den Gefahren der wirtschaftlichen Supermacht China zu warnen. Die Zahl der Produkte, die „Made in China“ zu uns kommen wächst stetig und sobald der Weltmarktpreis für ein Gut steigt, wird oft steigende Nachfrage in China dafür verantwortlich gemacht.

Aus makroökonomischer Sicht ist China höchst interessant. Die Wirtschaft des bevölkerungsreichsten Lands der Welt wächst seit 1978 mit fast 10% pro Jahr, ein Wert, der im historischen Vergleich mit anderen Staaten unerreicht ist. Heute ist China die viertgrößte Volkswirtschaft und die drittgrößte Handelsnation der Welt (Naughton 2007, S. 3).

Das Land, das einst vollständig von den Weltmärkten abgeschottet war, ist heute einer der wichtigsten Treiber der Globalisierung und hat stark vom Welthandel profitiert.

Betrachtet man die Einzigartigkeit der Entwicklung, die China in den letzten 30 Jahren durchlaufen hat, so kann man sagen, dass das Land aus seinem sozialistischen Tiefschlaf aufgewacht ist und mit großen Schritten in Richtung einer modernen Industrienation unterwegs ist. Dabei hat sich China im inneren wie auch nach außen dramatisch verändert.

Die vorliegende Diplomarbeit geht der Frage nach, wie ein solch beeindruckendes Wachstum möglich war, welche Probleme im Prozess der Transformation von Plan- zu Marktwirtschaft auftraten und wie die Perspektiven für zukünftiges Wachstum in China sind.

Wenn von dem Terminus China die Rede ist, ist damit stets die Volksrepublik China gemeint. Die Insel Taiwan, deren politischer Status nicht abschließend geklärt ist, sowie die Sonderverwaltungszonen Hong Kong und Macau sind in der Betrachtung ausgeklammert.

Zunächst soll in Kapitel 2 der Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung in der Vergangenheit dargestellt werden, die den Boden für die Reformen bereiteten. Ausgehend von den ersten Reformen im Jahr 1978 zeigt Kapitel 3 auf, aufgrund welcher Faktoren China ein so bemerkenswertes Wachstum schaffen konnte. Dann werden in Kapitel 4 einzelne Problembereiche für die weitere Entwicklung herausgegriffen, die Schwächen im Transformationsprozess aufzeigen. Abschließend stellt Kapitel 5 Modelle vor, die versuchen, das zukünftige Wirtschaftswachstum zu prognostizieren. Außerdem wird auf mögliche Risiken und Schocks hingewiesen, die die Entwicklung beeinträchtigen könnten.

Die vorliegende Arbeit soll sich dabei auf ökonomische Aspekte beschränken. Es kann darüber hinaus keine politikwissenschaftliche Analyse etwa der Stabilität der chinesischen Regierung erfolgen und beispielsweise Aussagen über potenzielle Bewegungen hin zu mehr Demokratie gemacht werden.

1.2 Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse

Das spektakuläre Wirtschaftswachstum fand seinen Ursprung in ersten Liberalisierungen der Märkte. Die konsequente Öffnung der Wirtschaft und Kontinuität im Prozess der Umstrukturierung waren die Grundpfeiler für den Erfolg. Die Reformen begannen in der Landwirtschaft und waren notwendig geworden, da das vorherrschende System immer größere Schwächen offenbarte. Ermuntert durch die Erfolge der ersten Reformen behielt die Regierung ihren Kurs der Erneuerung bei. Schließlich wurde die Planwirtschaft endgültig abgeschafft und marktwirtschaftlichen Prinzipien die oberste Bedeutung gegeben.

Durch Analyse der Produktionsfaktoren können Aussagen über die Zusammensetzung des Wirtschaftswachstums getroffen werden. Bei den Inputfaktoren Kapital und Arbeit hat das Kapital den größeren Anteil am Wachstum. Die konstant hohe Sparquote und steigende Auslandsinvestitionen hielten die Investitionen auf einem hohen Niveau. Gleichzeitig erlebte die chinesische Wirtschaft ein starkes Produktivitätswachstum, u.a. da immer mehr Menschen produktiviere Berufe ausübten.

Trotz der unbestreitbaren Erfolge zeichnen sich auch einige Probleme ab:

- Die staatlichen Unternehmen, die noch immer einen Großteil der Arbeitnehmer beschäftigen, arbeiten oft ineffizient und wurden in ihren Strukturen nicht ausreichend an die Marktwirtschaft angepasst.
- Das chinesische Bankensystem ist marode und instabil. Die staatlichen Banken haben mit massiven Kreditausfällen und steigender Konkurrenz aus dem Ausland zu kämpfen.
- Durch das starke Wachstum seiner Wirtschaft konnte China einen Großteil der Bevölkerung aus der Armut holen doch es existieren erhebliche Einkommens- und Entwicklungsunterschiede zwischen einzelnen Regionen und städtischen und ländlichen Bereichen.
- Im Verlauf der Reformen entstand mehr und mehr Arbeitslosigkeit. Dies lag an strukturellen Problemen des Arbeitsmarkts und an der Freistellung vieler Arbeiter durch insolvente Staatsfirmen. Da keine funktionierende Arbeitslosenversicherung existiert ist die neue Massenarbeitslosigkeit eine Gefahr für den sozialen Frieden im Land.
- Das chinesische Rechtssystem ist nur unzureichend geeignet, ein verlässlicher Rahmen für wirtschaftliches Handeln zu sein. In allen Bereichen der Wirtschaft grassiert Korruption, was u.a. durch das schwache Rechtssystem begünstigt wird.
- Umweltverschmutzung ist ein immer größer werdendes Problem. Die Luft insbesondere in den Städten ist sehr schlecht und in einigen Bereichen des Landes zeichnet sich bereits Trinkwasserknappheit ab.

China hat die Basis für weitere Jahre soliden Wirtschaftswachstums. Unter den heutigen Bedingungen kann das zukünftige Wachstum geschätzt werden. Ergebnis zweier Modelle ist, dass China noch etwa 10 Jahre hohe Wachstumsraten erleben wird, bis sich das Wachstum leicht abschwächt. Dabei wird viel von der weiteren Entwicklung des technischen Fortschritts abhängen. Das Potenzial ist aber vorhanden.

Drei wesentliche Gefahren sind für diese positive Wachstumsprognose zu nennen:

- Es gibt Anzeichen einer drohenden Finanzkrise in China, die das Wachstum empfindlich stören könnte.
- Aufgrund seiner demografischen Entwicklung wird China in der Zukunft Probleme bekommen, da die erwerbsfähige Bevölkerung langfristig schrumpft.
- Es wird für China immer schwerer, den Energiebedarf seiner boomenden Wirtschaft zu decken.

Die Regierung hat auch zukünftig eine wichtige Rolle, damit die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft stabil bleiben und die Dynamik der bisherigen Entwicklung nicht abgebremst wird. Wenn es gelingt, ein stabiles Umfeld zu gewährleisten und Anstrengungen unternommen werden um die genannten Probleme zu lösen, dann kann auch für die nächste Dekade stabiles Wachstum erwartet werden.

2 Reformen und Wirtschaftswachstum

2.1 Der Ausgangspunkt für Reformen

Nachdem die von Mao Zedong angeführte Kommunistische Partei Chinas (KPCh) 1949 die Macht in China übernommen hatte, begann diese, die Wirtschaft in ein planwirtschaftliches System nach sowjetischem Vorbild umzugestalten. Das politische und wirtschaftliche System sollte gekennzeichnet sein durch ungeteilte Macht für die marxistisch-leninistische Partei, Dominanz von staatlichen Unternehmen und bürokratischer Koordination durch zentrale Planung (Quian 2000, S. 164). Dieser Prozess war etwa zur Mitte der 50er Jahre abgeschlossen (Wu 2005, S. 31ff.). Schon bald erkannte man jedoch Reformbedarf und beschloss, 1958 mehr administrative Macht von der zentralen, an lokale Regierungen abzugeben. Dies geschah zusammen mit dem Aufruf zum „Großen Sprung nach vorne“, der China innerhalb kürzester Zeit auf Augenhöhe mit den großen Industrienationen bringen sollte, das Land jedoch durch Fehlplanungen und Fehleinschätzungen in die größte Hungersnot stürzte, die die Welt im 20. Jahrhundert erlebt hat (Naughton 2007, S. 71f). Mit den Auswirkungen der Katastrophe hatte China lange zu kämpfen und bis in die 1960/70er Jahre hinein konnte sich die ökonomische Situation nicht verbessern. Der Staat konzentrierte sich auf die Durchführung einer Kulturrevolution, die eine Ideologisierung der Bevölkerung und Rückbesinnung auf einen fundamentalistischen Kommunismus erreichen sollte (im Folgenden Naughton 2007, S. 74ff.). Es handelte sich dabei zwar mehr um einen politischen Prozess, der nicht direkt Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen nahm, dennoch war die wirtschaftliche Entwicklung gebremst. Nach einer kurzen Phase der Erholung, die dem Desaster des „Großen Sprungs nach vorne“ folgte, kam es nun wieder zu einer ausgeprägten Stagnationsphase. Mit der Stagnation wuchs die Unzufriedenheit in der Bevölkerung und bei einigen Kadern der KPCh. Als Mao 1976 starb und die Kulturrevolution ihr Ende fand, konnte die ideologische und politische Lähmung langsam überwunden und der Boden für weitreichende Reformen bereitet werden.

2.2 Die Reformen 1978 – 1992

Es gab vier Gründe, weshalb zum Ende der 1970er Jahre die Zeit für Reformen gekommen war (Chow 2007, S. 47f). Erstens musste sich die neue Regierung unter Premierminister Deng Xiaoping von der unpopulären Kulturrevolution distanzieren, zweitens hatte die Führung lange genug Erfahrungen mit der Planwirtschaft sammeln können, um deren Schwächen zu kennen. Als dritten Grund ist die erfolgreiche Entwicklung der „Tigerstaaten[1]“ in Ostasien zu nennen, die zeigte, dass eine Marktwirtschaft den Lebensstandard der Menschen deutlich anheben kann[2]. Der vierte Grund ist wohl der Wichtigste: Die Chinesen waren bereit für Veränderungen und wollten diese unterstützen.

2.2.1 Erste Reformen im Agrarsektor

Als Startdatum für Chinas Öffnung hin zu mehr Marktwirtschaft gilt der elfte Kongress der KPCh im Dezember 1978. Nach langen Debatten konnte sich die von Deng Xiaoping vertretene Neuausrichtung der Politik durchsetzen, die als Novum nicht mehr nur die Planwirtschaft als einzige Form der Wirtschaftsordnung ansah. Zwar sollte Planung das zentrale Element bleiben, jedoch ergänzt um marktwirtschaftliche Elemente (Quian, 2000, S. 153).

Der Kongress beschloss auch, nach Jahren, die von steigenden Mengenanforderungen und gleichzeitig fallenden Preisen geprägt waren, den planwirtschaftlichen Druck auf die Landwirtschaft zu reduzieren. Um den Bauern mehr Verantwortung geben zu können, wurden die Produktionsgemeinschaften aufgelöst, das Land aufgeteilt und den Menschen Verantwortung für eine bestimmte Fläche übertragen. Von den mit dieser Fläche erzielten Erträgen hatten sie dann eine vertraglich geregelte Menge an den Staat abzuführen. Somit war die Versorgung der Bevölkerung weiterhin gesichert. Die über dem Plan liegende Menge konnte von den Bauern gehandelt werden (Naughton 2007, S. 89). Der Erfolg dieser Umstrukturierung war überraschend. Bereits Anfang 1982 hatten 70% der ländlichen Gemeinden das so genannte „household responsibility system“ übernommen (Chai 1997, S. 11). Die Agrarreform gilt als die erste erfolgreiche Reform Chinas, auch deshalb, weil sie eine deutliche Produktivitätssteigerung auslösen konnte. In der Zeit von 1978 bis 1984 wuchs die Getreideproduktion pro Kopf um fast 26% von 319kg auf 400kg (Quian 2000, S 154ff).

Durch die Liberalisierung ergab sich mehr und mehr Spielraum für die Gründung kollektivistischer Unternehmen, die landwirtschaftliche Produkte weiterverarbeiteten und dann eigenständig vermarkteten (im Folgenden Naughton 2007, S. 274f). Diese Town and Village Enterprises (TVE) entwickelten sehr schnell eine bis dato unbekannte Dynamik und wurden zu einer wichtigen Säule für das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren. Betrug der Anteil der TVE am BIP 1978 weniger als 6%, so waren es 1996 verhältnismäßig hohe 26%. Außerdem erhöhten sie den Druck auf die staatlichen Firmen, da sie sich zu einer echten Konkurrenz entwickelten.

2.2.2 Dual Track System

Ermuntert durch die erfolgreichen Reformen der Landwirtschaft sollten die Reformbemühungen auch auf andere Sektoren ausgeweitet werden. Das Grundkonzept der weiteren Reformen war das Dual Track System, welches - wie schon bei der Agrarreform - die Existenz eines marktwirtschaftlichen Systems neben einer Planwirtschaft ermöglichen sollte (Naughton 2007, S. 90).

In der Planwirtschaft haben die Agenten bestimmte Rechte und Pflichten, eine bestimmte Menge Güter zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Haben sie die vorher festgelegte Menge erreicht, können sie am Markt auftreten und die über dem Soll liegende Menge zu freien Marktpreisen verkaufen. Durch das Dual Track System entstand auch ein duales Preissystem mit zwei Preisen für dasselbe Gut: ein staatlich bestimmter Preis und ein normalerweise höherer Marktpreis (Lau et al 2000, S. 121ff).

Einzig durch Existenz eines Dual Track Systems kann jedoch kein Übergang von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft erfolgen. Im gewissen Sinne gab es in jeder Planwirtschaft ein Dual Track System, da immer auch ein illegaler Schwarzmarkt außerhalb des Plans existierte, au dem Waren gehandelt wurden. Für die chinesische Entwicklung war wichtig, dass die Regierung 1984 entschied, die Planmengen in absoluten Größen konstant zu lassen. Die Wirtschaft wuchs in den folgenden Jahren stark weiter, so dass es immer einfacher wurde, den Plan zu erfüllen und immer mehr Güter auf den freien Märkten gehandelt werden konnten. So konnte die Wirtschaft aus dem Plan „herauswachsen“ (Naughton 2007, S 92).

Im Vergleich zu einem ad hoc Übergang von Plan- zu Marktwirtschaft wie etwa in Russland 1991 hat das Dual Track System den Vorteil, dass eine „Reform ohne Verlierer“ durchgeführt werden kann (Lau et al 2000, S. 122). Ein Teil der Wirtschaft wurde durch die Planelemente geschützt, während mehr und mehr Güter einem Markt zugeführt werden konnten. Dies war wichtig für die soziale Stabilität in China. Massenentlassungen nicht-konkurrenzfähiger staatlicher Betriebe konnten vorerst ausbleiben.

Durch das Dual Track System wurden auch nicht-staatliche Firmen gefördert. Da jetzt ein Markt außerhalb des von staatlichen Firmen dominierten Plans existierte, hatten diese Firmen einen Anreiz, ihre Produktion zu steigern. Lokalregierungen erhielten im Zuge von Fiskalreformen mehr Einnahmen, so wurde es für sie interessant, Firmen außerhalb der Planwirtschaft zu fördern. Dies galt für private und gemeinschaftliche[3] Unternehmen. (Quian 2000, S. 156ff). Ein großes Problem des Dual Track Systems war, dass es großen Spielraum für Korruption schuf. Transferierte man ein Gut vom Plan- in den Marksektor konnte man den Preis leicht um 50-100% steigern (zur Korruption siehe Kapitel 4.5) (Lardy 1998, S. 23)

2.2.3 Öffnung der Märkte

Zu Beginn der Reformen gehörte China zu den am meisten abgeschotteten Wirtschaftssystemen der Welt, doch schon 1979 begann man mit der Einrichtung Sonderwirtschaftszonen (SWZ) zu experimentieren, um eine Öffnung der Wirtschaft zu erreichen (im Folgenden Quian 2000, S. 158). In diesen SWZ sollten sich marktwirtschaftliche Strukturen entwickeln können, während im Rest des Landes die Planwirtschaft dominierte. Die lokalen Behörden erhielten dazu weitreichende Befugnisse, konnten z. B. Steuern festsetzen und selbst Direktinvestitionen anwerben. Der Erfolg der ursprünglich vier SWZ[4] ermöglichte es 1984, weitere 14 Städte entlang der Westküste in wirtschaftlicher Hinsicht zu öffnen.

Doch nicht nur nach außen wurden die Märkte geöffnet. Was mit den TVE begann, setzte sich in den Städten fort. Die Struktur des chinesischen Marktes veränderte sich schnell, als schließlich mehr und mehr private oder teilprivate Firmen außerhalb des Plans entstanden, die mit effizienteren Strukturen zu ernsthafter Konkurrenz für die staatlichen Firmen wurden.

2.3 Der weitere Gang der Reformen 1989 – heute

Von 1989 bis 1992 verlangsamten sich die Reformen. Makroökonomische Instabilitäten, wie eine hohe Inflationsrate und Unzufriedenheit über den Verlauf der Reformen, führten 1989 zu politischen Instabilitäten, die schließlich in einer politischen Krise und dem Tian’anmen-Massaker[5] endeten (Naughton 2007, S. 98).

In dieser Zeit gewannen konservative Kräfte mehr Einfluss und es wurde versucht, die Wirtschaft durch ein striktes Sparprogramm abzukühlen, sogar die Rücknahme einzelner Reformschritte wurde erwogen. Dies scheiterte letztendlich jedoch an starken Kräften in den Provinzen, die nicht bereit waren, der Zentralregierung Macht und Einfluss zurückzugeben (Quian 2000, S. 159).

Den Wendepunkt der Situation markierte eine Reise Deng Xiaopings in die SWZ im Süden des Landes. Hier gab er ein klares Bekenntnis zu mehr Reformen ab. Die KPCh folgte ihm und bekannte sich im Oktober 1992 zur „sozialistischen Marktwirtschaft“, in der Märkte nicht mehr nur ein Zusatz zum Plan sein sollten (Naughton 2007, S. 99f).

Vor diesem Hintergrund begannen weitreichende Reformen, die China unumkehrbar in Richtung Marktwirtschaft führten (im Folgenden Quian 2000, S. 159ff).

Der erste deutliche Schritt war die Abschaffung der Planpreise. Schon 1993 war das Dual Track System landesweit eingestellt worden. Dies geschah in dem Risiko, dass es nun auch Reformverlierer geben könnte, erhöhte aber den Druck auf die Agenten, ökonomisch also nach den Gesetzen des Marktes zu handeln.

Auch die Öffnung des Landes nach außen wurde vorangetrieben. Grenznahe Regionen wurden im großen Maße zu Sonderwirtschaftszonen erklärt und auch weniger günstig gelegenen Regionen im Landesinneren wurde Teilautonomie in wirtschaftlichen Entscheidungen gewährt, sodass immer größere Teile des Landes Auslandsdirektinvestitionen empfangen und mit der Welt handeln konnten. Diese strukturellen Veränderungen beschleunigten das Wachstum der nicht-staatlichen Firmen, deren Dynamik das weitere Wirtschaftswachstum trug. Dies erkannte auch die Politik. 1997 waren die nicht-staatlichen Firmen im offiziellen Sprachgebrauch „ein wichtiger Teil der Wirtschaft“, wohingegen sie 1993 noch als „ergänzender Teil“ bezeichnet worden waren.

Weitreichende Reformen betrafen auch das Finanz- und Steuersystem, das Unternehmensrecht, den Bankensektor und die staatlichen Unternehmen (zu weiteren sektorspezifischen Reformen siehe auch Kapitel 4). Einen Meilenstein für den Handel markierte schließlich der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) im Dezember 2001.

Alle Reformen hatten das Ziel, Chinas Wirtschaft Schritt für Schritt von der Plan- zur Marktwirtschaft zu führen. Die Art und Weise der Reformen unterscheidet sich deutlich von den Reformen in anderen vormals planwirtschaftlich organisierten Ländern etwa in Osteuropa (im Folgenden McMillan/Naughton 1992, S. 130ff). Im Gegensatz zu diesen Ländern werden die Reformanstrengungen in China als koordinierten Prozess gesehen und nicht als eine Umstellung, die in kurzer Zeit erfolgen kann. China hatte keinen definitiven Plan, sondern handelte Schritt für Schritt und aus jedem politschen Schritt erwuchs eine Eigendynamik, die das Wachstum trug. McMillan und Naughton sprechen von einer „evolutionären Reform“ (McMillan/Naughton 1992, S. 131). Der Schlüssel zum Erfolg war, dass sich Märkte langsam entwickeln konnten, während der Staat wichtige Bereiche kontrollierte. So blieb über lange Zeit die soziale Stabilität erhalten. Die Reformen sind auch heute noch nicht abgeschlossen. Kapitel 4 zeigt Bereiche der Volkswirtschaft auf, in denen noch dringender Reformbedarf besteht, wenn die chinesischen Anstrengungen, sich zu einer modernen Marktwirtschaft zu entwickeln, auch weiterhin erfolgreich sein sollen.

3 Das chinesische Wirtschaftswachstum

Die dargestellten Reformen haben China ein beeindruckendes wirtschaftliches Wachstum ermöglicht. Im Durchschnitt wuchs die Wirtschaft seit 1978 um 9,8%.

Abbildung 1 : Jährliches Wachstum des BIP in % von 1978-2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Worldbank (2007), World Development Indicators Online. Aufruf am 1.11.2007.

Abbildung 1 stellt die Entwicklung des Wirtschaftswachstums dar. Es zeigt sich ein zyklischer Verlauf mit hohen Wachstumsraten, gefolgt von Phasen der Abschwächung. Am deutlichsten ist der Abschwung 1989/1990, der Zeit der Proteste am Platz des Himmlischen Friedens und deren Nachwirkungen. Erkennbar ist, dass China zwar gewissen makroökonomischen Schwankungen unterlag, es jedoch seit Beginn der Reformen zu keiner Rezession kam und auf jede Phase der wirtschaftlichen Abkühlung immer wieder ein kräftiger Aufschwung folgte (Naughton 2007, S. 143). Dieser zeigt sich insbesondere seit 1998 relativ konstant.

Faktoren, die Wirtschaftswachstum auslösen, haben verschiedene Effekte (im Folgenden Hu 2007, S. 18f). Als „horizontalen Effekt“ bezeichnet man einen kurzfristigen Wachstumseffekt, der nur über erhöhten Kapitalinput bei gleich bleibenden Strukturen funktioniert. Solange das Kapital erhöht wird, wächst die Wirtschaft. Wichtig für langfristiges Wachstum sind aber auch andere Faktoren. Nur wenn technologische Fortschritte gemacht werden und die Wirtschaft restrukturiert wird, kann langfristig ein hohes Wachstumsniveau gehalten werden. Dabei fällt es sogenannten Nachzüglern, die im Vergleich zu den bereits hoch entwickelten Staaten Nachholbedarf haben, leichter, hohe Wachstumsraten zu erreichen, da sie von den Erfahrungen der anderen profitieren können. Es ist einfacher, Technologien, die bereits entwickelt, wurden zu kopieren, als neue zu entwickeln (Holz 2006, S. 9). Außerdem ist es wichtig, dass ein Land sich nach außen öffnet, da es eine stark positive Korrelation zwischen der Offenheit für Handel und BIP-Wachstum gibt (Sachs/Warner 1997, S. 187).

Nun soll der Frage nachgegangen werden, wie sich das chinesische Wachstum zusammensetzt und welche Faktoren ein so starkes Wachstum über eine vergleichsweise lange Zeit ermöglicht haben.

3.1 Die Zusammensetzung des chinesischen Wirtschaftswachstums

Im Folgenden soll der Versuch von Heytens und Zebregs (2003, S. 12ff) nachvollzogen werden, die Determinanten des chinesischen Wirtschaftswachstums zu analysieren. Als Ausgangpunkt dient dabei eine aggregierte Produktionsfunktion:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

mit Y = BIP, K = Faktor Kapital, L = Faktor Arbeit, A = technischer Fortschritt. Für diese Produktionsfunktion gelten die üblichen Annahmen positiver, abnehmender Grenzerträge und konstanter Skalenerträge.

Diese Produktionsfunktion zeigt, wo Wachstum entstehen kann. Entweder verändert sich die Faktorakkumulation (d.h., es wird mehr Kapital oder Arbeit eingesetzt), oder aber die Volkswirtschaft erhöht ihre Produktivität (technischer Fortschritt).

Für diese drei möglichen Einflussfaktoren erstellen Heytens/Zebregs eine Regressionsanalyse mit drei verschiedenen Produktionsfunktionen. Demnach ergibt sich folgende Zusammensetzung des Wachstums[6]:

Tabelle 1 : Beiträge zum BIP-Wachstum (in % des BIP)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heytens/Zebregs (2003, S 16).

Die Ergebnisse erlauben einen tieferen Einblick in die Zusammensetzung des Wachstums. Vor Beginn der Reformen basierte das Wirtschaftswachstum zum Großteil auf Kapitalakkumulation. Produktivitätsfortschritte gab es nicht, erst in der Reformperiode konnte die Wirtschaft ihre Produktivität deutlich steigern. Das Wachstum des Arbeitsangebots scheint einen kleineren Beitrag von etwa 1% im Zeitverlauf beigetragen zu haben. Da beim Arbeitsangebot keine besondere Veränderung durch die Reformen zu erkenn ist, kann festgehalten werden, dass Kapital und technischer Fortschritt die Treiber für Wirtschaftswachstum waren. Beide Faktoren sollen im Folgenden weiter untersucht werden.

3.2 Faktor Kapital

Der Faktor Kapital hat grundsätzlich zwei Bestandteile. Entweder, das Kapital kommt „von innen“, d.h. Unternehmen oder Haushalten sparen, und dieses Kapital kann der Volkswirtschaft wieder in Form von Investitionen zufließen. Oder es gibt einen Kapitalzufluss von außen, also Auslandsdirektinvestitionen. Für das chinesische Wachstum waren beide Faktoren von Relevanz. China konnte so schnell wachsen, weil es so viel investierte (Naughton 2007, S. 144). Die Bruttoanlageinvestitionen stiegen im Verlauf der Reformen und waren im gesamten Reformzeitraum bis heute hoch. China investiert über 40% seines BIP. Es ist im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften ungewöhnlich, dass China die hohe Investitionsquote über eine lange Zeit halten konnte (vgl. Abbildung 2). Selbst in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten wie 1989/90 fiel die Quote nicht unter 25% (Naughton 2007, S. 148).

Abbildung 2 : Bruttoinvestitionen 1978 – 2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Naughton 2007, S. 145.

3.2.1 Sparen

Wenn China so viel investieren kann, dann muss es auch viel sparen, um genügend Kapital bereitstellen zu können. In der Tat lag die Sparquote ab 1978 im Schnitt über 37%. Im Gegensatz zu anderen Ländern, die im Übergang von Plan- zu Marktwirtschaft waren, blieb die Sparquote hoch. (Nehru/Kray 1997, S. 4). Wie aber kam es zu dieser hohen Sparquote? In der Planwirtschaft war die Sparquote durch die gesetzten Rahmenbedingungen bestimmt. Preise für landwirtschaftliche Produkte und Rohmaterialien wurden künstlich niedrig gehalten, während Endprodukte künstlich hohe Preise hatten. Dies sammelte die Gewinne in den staatlichen Firmen. Durch die Reformen änderten sich jedoch die Rollen von Firmen und Haushalten (Nehru/Kray 1997, S. 5). Im Jahr 1978 hatten die Haushalte eine Sparquote von etwa einem Prozent, heute sparen sie fast 30% und halten ca. 50% der Gesamtersparnisse (He/Cao 2007, S. 5). Zunächst einmal hatten die Haushalte durch die verbesserte wirtschaftliche Situation mehr verfügbares Einkommen, d.h., sie hatten jetzt erst die Möglichkeit zu sparen. Hinzu kommt die immer größer werdende Notwendigkeit zu sparen, denn die Menschen müssen sparen, um sich gegen die Risiken der veränderten Umgebung abzusichern. Für städtische Arbeitnehmer, die bei einer staatlichen Firma beschäftigt waren, gab es früher allumfassende staatliche Fürsorge. Heute sehen sich diese Menschen einer ungewissen Zukunft gegenüber (Kraay 2000, S. 546). Da sie dem staatlichen Pensionssystem nicht vertrauen, verlassen sie sich lieber auf ihre eigenen Ersparnisse als Alterssicherung (Kraay 2000, S. 555). Neben den Motiven zur Absicherung spielt aber auch eine immer höhere Konsumneigung eine Rolle. Mehr und mehr Familien in den Städten möchten etwa Wohneigentum oder ein Automobil erwerben. Für diese Wünsche gibt das nicht ausreichend entwickelte Finanzsystem nicht genügend Möglichkeiten zur Fremdfinanzierung, so dass die Menschen auf das Sparen angewiesen sind, um zukünftigen Konsum zu ermöglichen (Perkins/Rawski 2006, S. 21). Noch höher als in den urbanen Bereichen ist die Sparquote bei der Landbevölkerung, da diese noch schlechteren Zugang zu Sozialsystemen wie Renten- oder Krankenversicherungen hat und die traditionellen familiären Strukturen immer mehr aufbrechen (Kraay 2000, S. 563).

Aus makroökonomischer Sicht könnte eine Sparquote von über 40% als zu hoch betrachtet werden (im Folgenden Blanchard/Giavazzi 2006, S. 9). In der üblichen neoklassischen Wachstumstheorie gilt die goldene Regel, dass der Konsum im Steady State, also wenn die Sparquote gleich der Produktionselastizität des Kapitals ist, maximal wird. Aus dieser Sicht wäre die Sparquote Chinas zu hoch. Da sich China jedoch noch nicht im Steady State befindet, ist eine höhere Sparquote in der momentanen Übergangssituation der Volkswirtschaft unkritisch.

3.2.2 Auslandirektinvestitionen

In der Zeit vor 1978 gab es in China fast keine Auslandsdirektinvestitionen, da China sich komplett von der Außenwelt abschottete und FDI als „Betteln um Kapital bei kapitalistischen Ländern“ betrachtet wurde (Wei/Liu 2001, S. 10). Ab 1978 steigerte sich das FDI langsam. Der Damm brach für China mit der weiteren Öffnung 1992 (vgl. Abbildung 3). China wurde nun zum zweitgrößten Empfänger von FDI weltweit.

Abbildung 3 : Zufluss von FDI 1982 – 2005

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Quelle: eigene Darstellung nach China Statistical Yearbook, verschiedene Ausgaben.

Die Grafik zeigt, dass durch die Verpflichtung zu mehr Marktwirtschaft, die Deng Xiaoping 1992 abgab, das Vertrauen der Welt in China wuchs und das Land attraktiver wurde. Zwar gab es bedingt durch die Asienkrise eine Abschwächung, aber ab 2000 wuchs das FDI wieder stetig. Dies lag sicher auch an Chinas Betritt zur WTO.

Das ausländische Investitionsvolumen setzt dich dabei wie folgt zusammen:

Abbildung 4 : Herkunft der ausländischen Direktinvestitionen in China

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: nach Naughton 2007, S. 403.

Der größte Teil des ausländischen Kapitals kommt aus den SVZ Hong Kong und Macau sowie aus Taiwan. Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand. Verlässt ein Investor die Stadt Hong Kong, um außerhalb der Stadtgrenzen in der SWZ Guangdong eine Fabrik zu eröffnen, so entsteht FDI. Hinzu kommt, dass viele chinesische Unternehmen zur Nutung der Vorteile ausländischer Investoren, Gelder über Tochterfirmen erst nach Hong Kong transferieren, um diese dann als FDI in China zu investieren. (Naughton 2007, S. 415). Abbildung 3 zeigt auch, dass die Investoren aus den SVZ deutlich früher versuchten, in China zu investieren. Dies mag an geringerer Unsicherheit, besserer Information und niedrigeren kulturellen Hürden liegen.

Wie wichtig aber war dieser starke und plötzlich einsetzende Zufluss an FDI für die wirtschaftliche Entwicklung?

Der positive Zusammenhang zwischen FDI und wirtschaftlichem Wachstum ist nicht chinaspezifisch, sondern lässt sich für alle Volkswirtschaften zeigen (de Mello, 1997, S. 30f). Dabei sind zwei unterschiedliche Effekte zu unterscheiden. Zum einen erhöht das FDI direkt den Kapitalstock, zum anderen kann FDI indirekt[7] auch die Faktorproduktivität, da ausländisches Know-how in Form neuer Technologien oder Managementtechniken in das Land kommen (Zebregs 2003, S. 89). Der Zusammenhang zwischen FDI und Wachstum wird verkompliziert, da sich Kausalitäten in zwei Richtungen bewegen. Zum einen führt ein hohes FDI zu einem Wachstum. Zum anderen motiviert ein hohes BIP-Wachstum ausländische Anleger zu Investitionen. Somit führt ein hohes Wachstum zu mehr FDI (Zebregs 2003, S. 92).

Um die direkten Auswirkungen auf den Kapitalstock zu zeigen, sei eine einfache Cobb-Douglas Produktionsfunktion angenommen (vgl. Zebregs 2003, S. 92):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

mit [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]= realer Output, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]= Anteil der Löhne am BIP, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]= TFP, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]= Arbeit und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]der aus binnenländischem [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und ausländischem [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Kapital bestehende Kapitalstock[8]. Außerdem wird angenommen, dass die Ableitungen der Produktionsfunktion nach [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]bzw. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] identisch sind. Nach Ableitung von (3.2.1) nach [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ergibt sich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Punkt über der Variablen gibt eine prozentuelle Veränderung an, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]sind die Netto-Anlageinvestitionen inländischer Investoren, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]die der ausländischen Investoren. Somit gibt sich der direkte Einfluss ausländischer Investoren durch:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Variable [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] wird von Zebregs mit Daten der chinesischen VGR auf etwa 0,54 geschätzt, somit kann für [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] etwa 0,46 angenommen werden. Nun ist noch zu beachten, dass nicht alle Anlageinvestitionen aus den VGR betrachtet werden dürfen. Portfolio Investments beispielsweise bewirken eine Umverteilung von Kapital, jedoch keine Erhöhung des Kapitalstocks. FDI ist also nicht gleich [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten].

In der Zeit von 1990-1999 betrug das FDI im Durchschnitt 1,7% des gesamten Kapitalstocks, Anlageinvestitionen von Ausländern machten etwa 0,9% aus. Daraus ergibt sich ein direkter Beitrag der FDI auf das Gesamtwachstum von 0,4% pro Jahr in diesem Zeitraum (Zebregs 2003, S. 92f).

3.3 Technischer Fortschritt und Faktorproduktivität

Der Grundgedanke der Faktorproduktivität ist einfach. Vergleicht man das Wachstum der Inputs mit dem Wachstum der Outputs in konstanten Preisen und stellt fest, dass der Output schneller wächst als der Input, so ist die Faktorproduktivität gestiegen (Lardy, 1998, S. 31). Die Faktorproduktivität wächst entweder durch Verbesserungen in der Effizienz der Prozesse oder durch innovative neue Prozesse. Der Produktivitätsfortschritt ist dann die Summe dieser beiden Entwicklungen (Wu 2000, S. 279).

Eine der ersten Studien über die Rolle der totalen Faktorproduktivität (TFP) für das chinesische Wachstum wurde 1993 von Chow vorgestellt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Wachstum in der Zeit von 1952 bis 1980 ausschließlich mit Kapitalbildung zu erklären ist und dass technischer Fortschritt fehlte (Chow 1993, S. 841).

Weitere Studien konzentrierten sich auf die Zeit nach den ersten Reformen.

In einer Erweiterung der ersten Untersuchung von 1993 können Chow/Li (2002, S. 249) zeigen, dass ab 1978 die TFP gewachsen ist; ihren Ergebnissen nach im Durchschnitt um 2,6% von 1978 bis 1998. Zu ähnlichen Resultaten kommen Borensztein/Ostry (1996, S. 225), die eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,8% (von 1979 – 1994) errechnet haben.

Da er den offiziellen Daten für nicht vertrauenswürdig hält, bemühte sich Young (2003, S. 1221ff) um eine andere Modellierung. Er benutzte die offiziellen Daten mit einem angepassten BIP-Deflator zu bestimmung der Wachstumsraten. Damit kam er zu wesentlich niedrigeren Werten[9], nämlich ein TFP Wachstum von nur 1,4% für einen Zeitraum von zehn Jahren (1978 – 1998). Dies, so Young sei beachtlich aber keinesfalls herausragend (Young 2003, S. 1221).

Eines lässt sich in allen vorgestellten Studien erkennen. Wie hoch auch immer das tatsächliche Wachstum gewesen ist, die TFP hat seit Beginn der Reformen eine Rolle gespielt. Islam et al gingen darüber hinaus der Frage nach, wie sich das Wachstum über die Zeit veränderte, oder ob es konstant geblieben ist. Dazu werden zwei Perioden (1978 – 1984 und 1991 – 2002) verglichen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich das Wachstum von 5,73% auf 2,98% abgeschwächt hat. Dennoch bleibt es ein wichtiger Teil des Outputwachstums.

Produktivitätswachstum ist auch wichtig, da es die Produktivität des eingesetzten Kapitals erhöht. Kapital- und Faktorproduktivität sind keine voneinander unabhängigen Größen (Perkins/Rawski 2006, S. 17).

Woher kommt dieser plötzliche Produktivitätssprung seit 1978? Produktivitätswachstum lässt sich immer auch mit Strukturveränderungen erklären. Im Übergang von einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft zu einer Industriegesellschaft entstehen mehr und mehr vergleichsweise produktivere Jobs. Dies trifft auch für China zu:

Abbildung 5 zeigt die Entwicklung der Erwerbstätigenverteilung im Verlauf der Reformperiode. So waren 1978 noch 71% der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig. Über die Jahre ist dieser Anteil auf fast 40% gefallen. Auch die wachsende Bedeutung des Dienstleistungssektors wird hier deutlich. Mittlerweile beschäftigt dieser mehr Menschen als der Industriesektor. Diese Werte entsprechen zwar noch lange nicht denen einer modernen Dienstleistungsgesellschaft, aber eine deutliche Tendenz in Richtung einer veränderten Beschäftigungsstruktur ist erkennbar.

Abbildung 5 : Strukturelle Beschäftigungsveränderungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: China Statistical Yearbook 2006, 5-2.

Um die Wirkung der Arbeitsreallokation zu zeigen, soll im Folgenden ein einfaches Modell von Jefferson et al (2006, S. 26) aufgegriffen werden.

Es existiere eine Volkswirtschaft mit zwei Sektoren. Die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft sei [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], die der Industrie [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Unter der Annahme, dass sich keine der beiden Produktivitätsraten verändert, wenn Arbeit umverteilt wird, erhöht sich der Output um [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], wenn eine Einheit Arbeit von der Landwirtschaft zur Industrie wechselt. Setzt man dann das gesamte Arbeitsangebot [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] als gegeben, mit [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] als den Teil des Arbeitsangebots [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] in der Landwirtschaft, so ergibt sich für den aggregierten Output:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn pro Jahr Arbeit in einer Größenordnung von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Prozent den niedrig produktiven Sektor verlässt, ist die prozentuale Änderung von Q:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Formel (3.3.2) kann nun die Veränderung des Outputs durch Arbeitsreallokation berechnet werden. Verändert man [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], können die Auswirkungen verschiedener Anteile von Landarbeit an der Gesamtarbeit verglichen werden. Abbildung 6 stellt - unter der Annahme b = 1% - dar, wie sich Strukturveränderung für verschiedene [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] auswirken.

Abbildung 6 : Auswirkungen der Reallokation von Arbeit auf das BIP-Wachstum

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Jefferson et al 2006, S. 27

Offensichtlich ist das Wachstumspotenzial größer, je mehr Menschen im primären Sektor arbeiten. Dies ist logisch, da die Volkswirtschaft so das höchste Entwicklungspotenzial hat.

Zum heutigen Zeitpunkt kann angenommen werden, dass ein Industriearbeiter eine 5mal höhere Produktivität hat als ein Landarbeiter (Jefferson et al 2006, S. 12). In Verbindung mit den Ergebnissen aus Abbildung 6 kann mit der Kurve für[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]= 0,5 die aktuellen Auswirkungen der Strukturveränderungen auf ca. 0,6 – 0,7 % des jährlichen BIP-Wachstums geschätzt werden. Da der Anteil der Beschäftigten im primären Sektor zu Beginn der Reformen deutlich größer war, ist anzunehmen, dass die hier vorgestellten Effekte in der Vergangenheit einen größeren Beitrag zum Outputwachstum geleistet haben.

[...]


[1] Taiwan, Hong Kong, Singapur und Süd-Korea

[2] Besonders eindringlich war dies an der unterschiedlichen Entwicklung von Nord- und Südkorea zu erkennen.

[3] Kollektivistisch geführte Firmen unterstanden den Lokalregierungen.

[4] Drei der SWZ lagen in der an Hong Kong angrenzenden Provinz Guangdong, die vierte in unmittelbarer Nähe zu Taiwan (Provinz Fujian).

[5] Gewaltsame Niederschlagung einer Demokratiebewegung. Für Details u.a. Sandschneider 2007, S. 7ff.

[6] Zu den Annahmen des Modells und dessen Herleitung siehe Anhang XXXX.

[7] Zu den indirekten Auswirkungen des FDI auf TFP siehe Kapitel 3.4.

[8] Dies impliziert die Annahme, dass inländisches und ausländisches Kapital perfekt substituierbar sind.

[9] Zu beachten ist, dass Young den Agrarsektor bei seinen Analysen ausgeklammert hat und sich nur auf den Industriesektor konzentriert hat (Young 2003, S 1222).

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas
Untertitel
Probleme und Perspektiven
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
113
Katalognummer
V88253
ISBN (eBook)
9783638023917
ISBN (Buch)
9783638922869
Dateigröße
989 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Chinas, Probleme, Perspektiven
Arbeit zitieren
Lennart Kübler (Autor), 2007, Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88253

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