Zum Verhältnis von naturwissenschaftlicher und religiöser Erkenntnis


Studienarbeit, 2008

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

„Begriffsklärung“
Das Naturgesetz
Exkurs: Operationalisierbarkeit
Der Begriff

Wie und was können wir erkennen?
Anthropozentrischer Realismus à Intersubjektivität
Illusion à Subjektivität
Wirklichkeit à Objektivität

Literaturverzeichnis
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„Der christliche Glaube beruht also nicht auf Poesie und Politik, diesen beiden Quellen der Religion; er beruht auf Erkenntnis.“[1] Den meisten Naturwissenschaftlern wird diese Aussage von Kardinal Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI. nur ein müdes Lächeln abringen. Ja, ich glaube sogar, dass diese Aussage nicht einmal mehr von einen Großteil der heutigen Theologen als ‚richtig’ angesehen wird. Kann ein religiöses System überhaupt Erkenntnis haben? Was bedeutet ‚Erkenntnis’ überhaupt? Es ist doch alles relativ, lehrt uns Einstein. Und wenn wir heute den Pluralismus der Religionen sehen, dann kann man doch nicht ernsthaft behaupten, dass eine Religion, respektive das Christentum auf Erkenntnis beruht, die mit der Erkenntnis von Naturwissenschaftlern gleich zu setzten sei! Solche und ähnliche Aussagen hört man immer wieder und nicht nur von Menschen, die dem Christentum fern stehen.

Bei einen flüchtigen Blick in die Geschichte kann man den Eindruck bekommen, dass seit der Zeit der Aufklärung Naturwissenschaft und Glaube unversöhnlich nebeneinander stehen. Die Verurteilung Galileo Galileis durch die Inquisition gilt bis heute als Paradebeispiel der Wissenschaftsfeindlichkeit der katholischen Kirche. Viele Menschen, ob gläubiger Christ, Atheist oder Naturwissenschaftler wollen mit diesem Verweis auf Galileo zeigen, dass Religion und Naturwissenschaft nicht zusammenpassen. War es doch der Glaube, der die Erkenntnisse von Galileo unterdrückte und sogar verurteilte. In dieser Arbeit kann hier leider nicht näher auf den Fall Galileo eingegangen werden. Angemerkt sei hier nur, dass es sich lohnt, einen näheren Blick in die Geschichtsforschung zu diesem Thema zu werfen. Viele Vorurteile würden damit beseitigt werden.

Zweifelsohne gibt es Unterschiede in der Methode und der Art und Weise wie Naturwissenschaft und Glaube zu Erkenntnissen kommen. In der vorliegenden Arbeit möchte ich diesen unterschiedlichen Methoden nachgehen, und versuchen herauszustellen, ob und inwieweit diese zu vereinbaren sind.

In einem ersten Kapitel werden zu erst unterschiedliche Begriffe geklärt um, mit diesen Begriffen im zweiten Kapitel zu fragen, wie wir Menschen Erkenntnis betreiben und welche Unterschiede zwischen naturwissenschaftlicher und religiöser Erkenntnis bestehen.

Werner Heisenberg sagte einmal: „Wirkliches Neuland in einer Wissenschaft kann wohl nur gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissenschaft ruht, und gewissermaßen ins Leere zu springen.“[2] Getreu diesem Motto möchte ich den bisherigen Grund ein wenig verlassen um die Frage nach der Erkenntnis und der Wahrheit im Hinblick auf das Wissen der Relativitätstheorie hin bearbeiten.

„Begriffsklärung“

In der Kritik der reinen Vernunft sieht Kant das Interesse der Vernunft in drei Fragen kompromittiert, die erste lautet: „Was kann ich Wissen?[3] Seit es denkende Lebewesen gibt, stellt man sich immer wieder die Frage, was der Mensch wissen kann. Diese Frage fällt in den erkenntnistheoretischen Bereich. Oftmals wird aber in der Erkenntnistheorie der Begriff „Wissen“ vorausgesetzt. Was bedeutet es, wenn wir von Wissen sprechen? Umgangssprachlich sagt man oft: Wissen hat man, oder man hat es nicht. Aus dieser trivialen Aussage wird jedoch sofort klar, dass Wissen einen Träger benötigt. „Wissen ist (relativ) vollendete, abgeschlossene und sichere Erkenntnis (s. d.), der Erfolg des Erkennens für das Bewußtsein, das feste, eindeutig bestimmte Bewußtsein um oder von etwas, die Darstellung des Objectiven, des Seins im Bewußtsein.“[4] Wissen ist also ein Besitz von Erkenntnis im Sinne eines Vermögens. Träger eines Wissens können demnach nur Lebewesen sein, die Erkenntnisfähigkeit haben. (Da uns bis jetzt noch keine anderen Lebewesen bekannt sind, die fähig zur Erkenntnis sind, als wir Menschen, soll im Folgenden nur noch von Menschen die Rede sein.)

Wissen von a habe ich genau dann, wenn ich a erkannt habe, folglich lässt sich ein vollständiger Begriff vom Wissen nur bilden, mit dem Begriff des Erkennens. Ganz trivial lässt sich mit v. Kutschera sagen: „Erkennen ist der Schritt vom Nichtwissen zum Wissen.“[5] Damit erklären wir einen Begriff, mit einem anderen Begriff, der wiederum mit dem Begriff geklärt werden sollte, den er erklärt. Letzten Endes haben wir damit nichts gewonnen. Die Antwort auf die Frage des Erkennens möchte ich noch zurückstellen und mit weiteren Begriffsdefinitionen fortfahren.

Im Rahmen der Geisteswissenschaften wird oft von Verstehen, und im Rahmen von naturwissenschaftlichen Theorien von Erklären gesprochen. In Anlehnung an Dilthey, der die begriffliche Unterscheidung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften einführte, definiert Jürgen Habermas erklären und verstehen folgendermaßen: „Eine ‚Erklärung’ verlangt die Anwendung theoretischer Sätze auf Tatsachen, die in systematischer Beobachtung unabhängig von Theorien festgestellt sind. Da ‚Verstehen’ hingegen ist ein Akt, in dem Erfahrung und theoretisches Erfassen verschmelzen.“[6] Die kognitiven Leistungen von Geistes- und Naturwissenschaften unterscheiden sich demzufolge. In den Geisteswissenschaften versuchen wir Zusammenhänge nachzuvollziehen, sich denkend hineinzuversetzen und somit diese zu verstehen. In den Naturwissenschaften geht es um ein Erklären von bestimmten Prozessen. Wir versuchen diese Prozesse durch Beobachtung der Natur in mathematische Formeln und Gesetze zu bringen. Diese Gesetze nennen wir dann Naturgesetze.

Das Naturgesetz

Zunächst wird als Naturgesetz eine ungeschriebene Tätigkeit der menschlichen Natur gesehen, erst die Stoiker übertragen den Begriff auf die Natur. „Die Natur- und Seelengesetze sind Formeln für die Stetigkeit des Geschehens in der Natur und in der Seele, für die Resultate gewisser bleibender Verhältnisse; in ihnen fällt Notwendigkeit und Tatsächlichkeit zusammen.“[7] In der Vorrede zu Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft definiert Immanuel Kant Naturgesetze als Prinzipien der Notwendigkeit dessen, was zum Dasein eines Dinges gehört. Naturgesetze sind Ausdruck der objektiven Verhältnisse und müssen mit Notwendigkeit befolgt werden. Sie werden durch Beobachtung der Naturprozesse und –abläufe auf induktivem Wege gewonnen. In den Prolegomena lehrt uns Kant, dass „die oberste Gesetzgebung der Natur in uns selbst, d.i. in unserm Verstande liegen müsse, und daß wir die allgemeinen Gesetze derselben nicht von der Natur vermittelst der Erfahrung, sondern umgekehrt die Natur, ihrer allgemeinen Gesetzmäßigkeit nach, bloß aus den in unserer Sinnlichkeit und dem Verstande liegenden Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung suchen müssen;“[8]. In Anlehnung an Kant zieht Nietzsche die radikale Konsequenz; für ihn sind Gesetze nur subjektive Fiktionen, die wir in die Natur hineinlegen. Der Begründer des Positivismus, Auguste Comte betont die Unveränderlichkeit und Beständigkeit der Naturgesetze.

Ich möchte hier einen kleinen Exkurs einfügen, der auf ein Problem im Hinblick auf die Thematik des Naturgesetzes eingehen soll.

Exkurs: Operationalisierbarkeit

Auguste Comtes logischer Positivismus ist eine Verschärfung des Empirismus. Comte verneint prinzipiell die Erkenntnis von nicht beobachtbaren Dingen. Damit führte er eine radikale Metaphysikkritik ein. Rudolph Carnap gibt dem Positivismus eine sprachphilosophische Wendung. Er interessiert sich nicht mehr für die Existenz bzw. Nicht-Existenz von nicht beobachtbaren Dingen, sondern nur noch, ob in formal korrekter Sprache hierüber gesprochen werden kann. Nach Carnap, kann man jedes formal korrektes Sprechen in der Wissenschaft auf Protokollsätze zurückführen. In der Physik sieht er dies verwirklicht. Alle Wissenschaften sollten sich daher auf eine physikalische Sprache reduzieren lassen können. Carnaps Position bezeichnet man als methodischen Positivismus. Eine praktische wissenschaftstheoretische Anwendung des methodischen Positivismus kann man im Konzept der Operationalisierbarkeit von wissenschaftlichen Begriffen sehen. Was versteht man unter Operationalisierbarkeit von Begriffen? Die allgemeine Vorstellung ist, dass bestimmte Objekte oder Ereignisse in der Natur Eigenschaften besitzen, die von Forschern mit bestimmten Begriffen versehen werden. Der Wissenschaftler sucht nach Methoden, um diese Eigenschaften messen zu können. Operationalisierbarkeit von Begriffen heißt nun, dass erst durch die jeweilige Messmethode der jeweilige Begriff definiert wird. Wissenschaftliche Begriffe beziehen sich auf die Messmethode nicht auf die Eigenschaften der Objekte bzw. Ereignisse in der Natur.[9]

[...]


[1] Ratzinger/d’Arcais; Gibt es Gott?, S. 9

[2] zitiert nach: http://mpg.de/pdf/redenPraesidenten/050612einsteinJahrFestkolloquium.pdf

[3] Immanuel Kant; KrV,II, 2.Hauptstück, 2.Abschnitt

[4] Eisler; Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Geschichte der Philosophie, S.16476 (vgl. Eisler-Begriffe Bd. 2, S.793-794)

[5] v. Kutschera; Grundfragen der Erkenntnistheorie, S.9

[6] Jürgen Habermas; Erkenntnis und Interesse, S.184

[7] Kirchner/Michaelis; Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Geschichte der Philosophie, S.11386

(vgl. Kirchner/Michaelis, S.237)

[8] Kant; Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S.24774 (vgl. Kant-W Bd. 5, S.188)

[9] Bei den Ausführungen orientiere ich mich an der Vorlesung in Wissenschaftstheorie, die ich im WS 03/04 an der HfPh in München bei Dr. Bauberger, SJ gehört hatte.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zum Verhältnis von naturwissenschaftlicher und religiöser Erkenntnis
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V88263
ISBN (eBook)
9783638017565
ISBN (Buch)
9783638918732
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Erkenntnis, Seminar, Religion, Naturwissenschaft
Arbeit zitieren
Thomas Bauer (Autor), 2008, Zum Verhältnis von naturwissenschaftlicher und religiöser Erkenntnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88263

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