Das Schwa im Deutschen und dessen Vermittlung an arabischsprachige Deutschlerner

Eine vergleichende Studie der arabischen und deutschen Vokale


Masterarbeit, 2016

114 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zur Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Was ist Phonetik?
2.1 Allgemeines
2.2 Vokalsystem des Deutschen
2.2.1 Monophthonge
2.2.2 Diphthonge des Deutschen
2.2.3 Verwendung von langen und kurzen Vokalen
2.2.4 Reduzierte Vokale im Deutschen

3 Die Silbenstruktur im Deutschen

4 Die Akzentuierung im Deutschen

5 Der Schwa-Laut im Deutschen
5.1 Allgemeines
5.2 Der Schwa-Laut in monomorphemischen Wörtern
5.3 Der Schwa-Laut in morphologisch komplexen Wörtern
5.4 Der Schwa-Laut am Wortende

6 Kontrastive Phonetik Arabisch-Deutsch in Bezug auf das Vokalsystem der beiden Sprachen

7 Ausspracheschwierigkeit bei arabischen Deutschlernenden auf der vokalischen Ebene mit besonderem Augenmerk auf dem Schwa

8 Einflussfaktoren auf das Lernen und Lehren von Aussprache

9 Methodik und Didaktik der Vermittlung phonologisch-phonetischen Wissens an arabischsprachige Deutschlerner am Beispiel des Schwa-Lautes
9.1 Allgemeines
9.2 Mittel zur Fehlerbewusstmachung
9.3 Methodische Überlegungen zum Ausspracheunterricht am Beispiel des Schwas an arabischsprachigen Deutschlernern

10 Zusammenfassung und Ausblick

1. Einleitung

1.1 Zur Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Die Aussprache gilt als ein sehr bedeutender Bereich des Fremdsprachenlernens, denn das Sprachniveau eines Lerners wird meistens danach beurteilt, wie gut seine Aussprache und wie stark sein Akzent ist. An dem Akzent erkennt man „den Nichtmuttersprachler“ zuletzt. Durch eine gute Aussprache wird der Sprecher sozial aufgewertet, bei schlechter Aussprache hingegen sozial abgewertet. Überdies kann eine schlechte oder abweichende Aussprache der Verständlichkeit einer Aussage und somit dem Kommunizieren zwischen Mitmenschen wesentlich im Wege stehen. Man stellt immer wieder fest, dass die meisten Lerner des Deutschen, besonders aus der arabischen Welt, sehr auffällige Ausspracheabweichungen haben, trotz der größten für die Aneignung einer guten Aussprache aufgewendeten Kraft und Mühe. Es ist immer wieder gesagt worden, dass man, wenn man im Zielspracheland mehr als 10 Jahre weilt, die gelernte Sprache so sprechen könne, als wäre man ein Muttersprachler. Es gibt aber Menschen, die sich seit Langem im Zielspracheland aufhalten und trotzdem eine auffällig abweichende Aussprache haben. Ist der Erwerb einer fremden Aussprache besonders schwer? Und wie schafft man es als Lehrkraft eine richtige Aussprache zu vermitteln und die Aussprache der Lerner möglichst zu optimieren?

Die Zahl der Deutschlerner in der arabischen Welt hat beträchtlich zugenommen. Im Jahr 2013 stieg beispielsweise die Zahl der Studierenden im Fach Deutsch nach Angaben der Deutschen Abteilung der Universität Bagdad auf etwa 400 und auch in den nach der Aufhebung der seit 1990 gegen den Irak verhängten US-Sanktionen neu eröffneten Sprachzentren.1 Darüber hinaus hat die sich weiterhin verschlechternde politische und wirtschaftliche Lage in den arabischen Ländern, z. B. in Syrien und im Irak, es mit sich gebracht, dass unglaublich viele Araber (Syrer und Iraker etc.) aus ihren Heimatländern nach Europa, besonders nach Deutschland, flüchten müssen. Das heißt, aufgrund des ausgebrochenen Bürgerkrieges in Syrien und des von der Terrormiliz „Islamischer Staat IS“ durch ihre verhängnisvollen Übeltaten ausgelösten chaotischen Zustandes im Irak und in Syrien machten sich viele Leute aus Kriegsgebieten auf die Suche nach einer neuen Heimat. Merkels Willkommenspolitik hat ungeheuer viele Geflüchtete ins Land eingeladen. Die Zahl der in Deutschland aufgenommenen und registrierten, im Land Schutz und Sicherheit Suchende wird auf ca. 1,1 Mio. beziffert.2 Trotz des steigenden Interesses an der deutschen Sprache in der arabischen Welt und des für Geflüchtete nötigen Erlernens des Deutschen wird ein systematisches Aussprachetraining generell nicht in Anspruch genommen. Außer Acht gelassen wird die Beeinflussung durch die Muttersprache und die schon gelernten Sprachen, wie etwa die englische Sprache in den meisten arabischen Ländern und die französische Sprache in den Maghreb-Staaten, auf die Aussprache des Deutschen. Diese Beeinflussung wirkt sich wegen der hochautomatisierten und sich nicht einfach beeinflussen lassenden muttersprachlichen Hör- und Sprechgewohnheiten in Bezug auf die Prosodie und die Artikulation hier stärker aus als in anderen sprachlichen Gebieten.3 Demzufolge übertragen viele arabische Lerner des Deutschen unbeabsichtigt segmentale und suprasegmentale Eigenschaften des Arabischen in die deutsche Sprache. Sprachsystematisch vorausgesetzte Interferenzen arabischer Lerner des Deutschen werden in den wenigen Ausspracheübungen der beispielsweise an der Universität von Bagdad verwendeten Grammatiken, die meistens für italienische Deutschlerner erstellt wurden, nicht aus dem Weg geräumt.4 Des Weiteren gibt es bislang keine wissenschaftlichen Untersuchungen, welche sich mit der Aneignung der deutschen Aussprache bei arabischsprachigen Deutschlernern und mit den didaktisch-methodischen Ansätzen des Aussprachetrainings auseinandersetzt. Abweichende Aussprache hat in mannigfaltiger Weise eine negative Wirkung auf das mündliche Kommunizieren, „so dass es (…) zu einer Abwertung der Persönlichkeitseigenschaften des Sprechers mit daraus resultierenden Sprechhemmungen kommen kann“.5 Wer eine gute oder ausgezeichnete Aussprache hat, den betrachtet man als intelligenter und sein Sprachniveau wird auch als besser eingeschätzt. Jedem, der Unterrichtserfahrungen mit Geflüchteten oder auch Studierenden aus der arabischen Welt gemacht hat, fällt auf, dass sie Probleme mit der Differenzierung zwischen den E-Lauten und eine Ausspracheabweichung bei dem sogenannten Schwa-Laut [ə] haben.

Diese Arbeit stellt sich also die Aufgabe, das Schwa [ə] in der deutschen Sprache und dessen phonetisch-phonologische sowie grammatikalische Merkmale darzustellen und die Ausspracheabweichungen arabischer Deutschlernende in Bezug auf den Schwa-Laut [ə] zu zeigen. Darüber hinaus soll untersucht werden, welche Ursachen diesen phonologischen und phonetischen Abweichungen zugrunde liegen, wie man solche Abweichungen durch didaktisch-methodische Überlegungen und Vorschläge für den Ausspracheunterricht im DaF-Unterricht korrigieren und die richtige Aussprache dieses Lautes arabischen Lernern am besten vermitteln kann. Die Schwerpunkte dieser Arbeit liegen demzufolge auf den nachfolgenden Punkten:

- einer ausführlichen Betrachtung des Vokalsystems des Deutschen und dessen Merkmalen mit besonderem Augenmerk auf dem Schwa-Laut,
- einer kontrastiven Analyse des modernen Hocharabischen und der deutschen Sprache auf vokalischer Ebene mit besonderer Aufmerksamkeit auf dem Schwa, um Ähnlichkeiten und Unterschiede der beiden Sprachen diesbezüglich herauszuarbeiten und mögliche sprachsystematisch vorausgesetzte Interferenzen auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnisse vorauszusagen,
- Aufdeckung der Einflussfaktoren auf das Lernen und Lehren von Artikulation und Aussprache,
- Didaktische Vorschläge zur Vermittlung des Schwa-Lautes an arabischsprachige Deutschlerner, zur Bewusstmachung der abweichenden Aussprache des Lautes [ə] und der Optimierung der Aussprache.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in theoretische Analyse, Analyse der schon durchgeführten empirischen Untersuchungen und didaktische Analysen und Überlegungen auf. Das zweite Kapitel befasst sich theoretisch mit dem Vokalsystem des Deutschen (Monophthongen, Diphthongen und reduzierten Vokalen). Das nachfolgende dritte Kapitel setzt sich mit der Silbenstruktur des Deutschen auseinander. Im fünften Kapitel wird auf die Akzentuierung in der deutschen Sprache eingegangen. Ausführlich wird im sechsten Kapitel der Schwa-Laut erklärt und dessen Merkmale und Eigenschaften beleuchtet und hervorgehoben. Im siebten Kapitel werden die arabische und die deutsche Sprache auf einer vokalischen Ebene verglichen und die Unterschiede ihres Phoneminventars und der Allophone untersucht. Die beiden vokalischen Systeme werden also untersucht und deren Abweichungen festgestellt. Im achten Kapitel werden die zu erwartenden Ausspracheabweichungen in Bezug auf die vorangegangene vergleichende Analyse der deutschen und der arabischen Vokalsysteme mit einem besonderen Hinblick auf das Schwa prognostiziert. Das neunte Kapitel ist den Einflussfaktoren auf das Lehren und Lernen einer fremden Aussprache gewidmet. Anhand der vergleichenden phonetisch-phonologischen Analyse der Vokalsysteme und des Schwa-Lautes beider Sprachen und der Ergebnisse der schon durchgeführten auditiven Fehleranalyse werden im zehnten Kapitel didaktische Überlegungen zur Bewältigung der Abweichungen in der Aussprache und der Vermittlung des Schwa-Lautes an arabischsprachige Deutschlerner vorgestellt. Das elfte Kapitel fasst diese linguistische Arbeit zusammen und gibt einen Ausblick auf potenzielle weiterführende Schwerpunkte. Die zwölften und dreizehnten Kapitel beinhalten das Literatur-Abbildungs- und Tabellenverzeichnis.

2. Was ist Phonetik?

2.1 Allgemeines

Bevor man sich mit den artikulatorischen und akustischen Merkmalen der Laute und der Lautgebilde, mit der Erzeugung und dem Gebrauch von Lauten und mit den meist als dem kleinsten Bedeutungsunterscheidenden Sprachlaut definierten Phonem im Deutschen auseinandersetzt, ist es von großem Belang, darüber Klarheit zu verschaffen, was genau Phonetik ist und was ihre Interessengebiete sind. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das aus dem Griechischen entlehnte Wort „Phonetik“ etwa „zum Tönen, Sprechen gehörig“6. Die als eine der wichtigsten Teilgebiete der Sprachwissenschaft angesehene Disziplin befasst sich auch mit nicht-lautlichen Erscheinungen, wie etwa einer Pause während des Redens, welche in einer Kommunikationssituation etwas Bestimmtes ausdrücken kann. Prosodische Eigenschaften, so wie Lautstärke, Stärkeabstufung, Tempo, Stimmlage, Tonhöhenverlauf, Intonation und Akzentuierung, welche verschiedene Äußerungen zum Ausdruck bringen können, sind von großer Bedeutsamkeit im phonetischen Forschungsfeld. Schon seit langer Zeit beschäftigten sich die Menschen mit der Frage, wie es dazu kommt, dass wir durch eine Lautsprache miteinander reden, kommunizieren, unserer Wut und unserer Freude Ausdruck verleihen können. Im 17. und 18. Jahrhundert nimmt der Wissensdrang, diese und andere phonetische Fragen zu beantworten, beträchtlich zu. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden die zwei wichtigsten bahnbrechenden Werke bezüglich des menschlichen Lautsystems veröffentlicht, und zwar die Abhandlung von Hellwag über die Systematik der Laute, in welcher das dreieckige Modell der Anordnung deutscher Vokale (das Vokaldreieck) erstmals aufs Papier gebracht wurde, und Kempelens Mechanismus der Menschlichen Sprache (1791). Letzterer hat neben der Untersuchung physiologischer Faktoren beim Artikulieren auch mit der von ihm gebauten ersten „sprechenden Maschine“ einen neuen Weg der technischen Sprachproduktion beschritten, der es möglich macht, phonetische Ereignisse durch das Experiment genau zu untersuchen.7 Weitergeführt wurde diese Hinwendung zur experimentellen Untersuchung phonetischer Ereignisse im 19. und 20. Jahrhundert. Veröffentlicht wurde eine große Menge grundlegender physiologischen Lehrbücher (Merkel, Brükke, John, Müller), die eine ausführliche Anatomie der produktiven Sprechwerkzeuge enthalten. Darüber hinaus wurden im 19. Jahrhundert die ersten Fundamente für die akustischen Qualitäten der Laute bearbeitet, besonders von Helmholz, der in seinem Werk zum ersten Mal Analyse und Synthese von Sprachlauten mit dem Hörvorgang verknüpfend vorstellte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine Disziplin, welche als die Grundlage der Phonetik als ein eigenständiges wissenschaftliches Teilgebiet zu betrachten ist: die Experimentalphonetik. So führten die Divergenzen in den Zielsetzungen für die Experimentalphonetik und die sprachwissenschaftlich orientierte Phonetik zur Aufspaltung der Disziplin in die sprachwissenschaftlich orientierte Phonologie und die naturwissenschaftlich orientierte Experimentalphonetik.8 Mit Hilfe der in den Experimentalphonetik eingesetzten mechanischen Methoden wurden sowohl die Lauterzeugungsvorgänge als auch die Stimme und die Atmung erforscht. Des Weiteren wurden die ersten analytischen Untersuchungen von sprachlichen Klängen durchgeführt.

Die Phonetik befasst sich also mit der lautsprachlichen Aktivität des Menschen, mit den präzisen artikulatorischen, akustischen und sensorischen Merkmalen der existierenden Laute aller Sprachen und den mit ihrer Erzeugung verknüpften Vorgängen. Sie sieht ihre Aufgabe in der Erforschung aller lautlichen Aspekte der menschlichen Kommunikation und die Beschreibung und Klassifikation der vom Sprechapparat des Menschen erzeugten Laute, wobei das Beschreiben und das Klassifizieren der menschlichen Laute nicht auf eine einzige Sprache beschränkt ist, sondern so gut wie die Gesamtheit aller menschlichen Lautproduktion zu berücksichtigen sucht. Die Klassifikation von Lauten vollzieht sich durch die Schilderung der physiologischen Mechanismen, welche für die Lautbildung verantwortlich sind. Des Weiteren wird ergründet, wie das Zusammenwirken von verschiedenen Artikulationsorganen, also dem Kehlkopf, der Zunge, den Lippen usw. das Hervorbringen eines Lautes zur Folge hat. Es sind mannigfaltige Berufsfelder zu finden, in denen der Phonetik große Bedeutung beigemessen wird, als da sind: forensische Sachverständige, Sprecherzieher, Fremdsprachlehrer, Logopäden usw. Um einen Verbrecher durch Stimmanalysen zu identifizieren, die phonetische Fehler von Fremdsprachlernenden zu korrigieren oder die Sprachstörungen eines Betroffenen behandeln zu können, muss man darüber im Bilde sein, wie man Laute hervorbringt, überträgt und zur Kenntnis nimmt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: die drei Teilgebiete der Phonetik9

In dieser Graphik werden die unterschiedlichen Zweige der Phonetik dargestellt: die Artikulatorische Phonetik, die Akustische Phonetik und die Auditive Phonetik. Die Artikulatorische Phonetik ergründet menschliche Laute in Hinsicht auf die Lautproduktion. Hierbei handelt es sich um physiologische Prozesse, welche bei der Lauterzeugung erfolgen. Die Akustische Phonetik hingegen erforscht menschliche Sprachlaute in Hinsicht auf die Lautübertragung. Das heißt, sie befasst sich mit dem physikalisch-akustischen Aufbau der Sprachlaute. Bei der Auditiven Phonetik geht es um Sprachlaute unter dem Aspekt der Lautwahrnehmung. Hierbei werden die anatomischen und neurophysiologischen Vorgänge bei der Rezeption von Sprachlauten erforscht. Überdies untersucht die Auditive Phonetik die für die Lautrezeption essentielle Anatomie des Gehörs. Der Hauptgegenstand der Phonetik ist das Schallereignis der sprachlichen zwischenmenschlichen Kommunikation in all ihren unterschiedlichen Aspekten, also Spracherzeugung, Sprachübertragung und Sprachwahrnehmung von Sprachschall zusammen mit den zwischen Sprechern und Hörern bestehenden psychologischen und soziologischen Bedingungen, wobei die Symbol- und messphonetischen Beobachtungsweisen dieses Objekt bestimmen.10 In der Phonetik werden sowohl naturwissenschaftliche Methoden in die Praxis umgesetzt, d. h. empirische Proben von Datenmaterial nach Maßzahlskalen, als auch geistwissenschaftliche Vorgehensweisen, welche auf einer qualitativen Beschreibung beruhen. Die Phonetik ist demgemäß ein rein empirisches Fachgebiet, dessen Gegenstand das Phon ist.

Die phonetische Erforschung von menschlicher Lautgestalt muss eine Art und Weise finden, wie man das Lautliche zu Papier bringen kann. Um das Lautliche in Büchern zu behandeln, bedarf man eines Verschriftungsverfahrens, welches ermöglicht, das Lautliche in eine Schriftsprache wiederzugeben. Es kommt sehr häufig vor, dass dasselbe beim Schreiben benutzte Zeichen unterschiedliche Laute verschriften kann. Beobachtet man zum Beispiel den Buchstaben <o> in doch und in wog (Präteritum des Verbums wiegen), stellt man fest, dass derselbe Buchstabe in den beiden Wörtern anders ausgesprochen wird. Das erwähnte Beispiel veranschaulicht also, dass ein Laut – hier der Laut <o> – zwei verschiedene Aussprachen (o-Laute) haben kann. Ferner ist es üblich, dass derselbe Laut verschiedene graphematische Realisierung haben kann, wie etwa der Laut <s> in lassen <ss>, heißen <ß> und Last <s>. Die hier eingeführten Beispiele bestätigen die Behauptung, dass es nicht möglich ist, durch das deutsche Alphabet das Lautliche zu transkribieren. Demzufolge ist man sich über ein Zeichensystem einig geworden, mit dessen Hilfe es möglich ist, Laute zu verschriftlichen. Dieses Zeichensystem ist nichts anders als das IPA (Internationales Phonetisches Alphabet).

2.2 Vokalsystem des Deutschen

2.2.1 Monophthonge

Die zwecks Kommunikation verwendeten Sprachlaute teilen sich von jeher in zwei Kategorien, und zwar Vokale und Konsonanten. Vokale bezeichnet man als Öffnungslaute. Bei deren Erzeugung ist „der Ansatzraum in der sagittalen Mittellinie geöffnet, und der Ansatzraum wirkt als Resonator, indem er den vom Kehlkopf gelieferten akustischen Anregungseffekt (der ein Stimmklang oder ein Flüstergeräusch sein kann) resonatorisch überformt. In der mit Stimme geführten Kommunikation sind daher die Vokale diejenigen Sprachlaute, die Träger der Intonation und als Silbenkerne Zentren höherer Struktureinheiten sind.“11 In der deutschen Sprache sind folgende Vokalphoneme zu finden: (Monophthonge) ​[i:], ​[i], ​[y:]​, [y], [e:], ​[ø], ​[ø:], [ɛ:], [u:], [u], [o:], [o], [a:], [a], (Diphthonge) [ai], [oi], [au] und (Reduktionsvokal in unbetonten Silben) [ə].12 Vokale sind genauso wie Konsonanten stabile Gegenstände des lautlichen Zeichens, dass sie von dem persönlichen Gepräge des Sprechers, dessen regionaler Abstammung und emotionaler Expression abgesehen werden können. Vokale können damit ihre kommunikative Aufgabe problemlos erfüllen. Die Invarianten haben sich also als selbständige Merkmale des einzelnen Lautes aufzeigen zu lassen. Das ist insoweit nicht ganz einfach, weil jeder Laut – sei er isoliert betrachtet oder in einem bestimmten Zusammenhang vorkommend, von irgendeinem Sprecher in seiner Muttersprache und in einer bestimmten Lage artikuliert worden ist und somit meist Träger von allgemeinen und besonderen Eigenschaften ist.13 Da die Vokale stabile Elemente im Kommunikationsverlauf sind, lassen sie sich in den drei Aspekten des Kommunikationsverlaufs (genetisch, akustisch und perzeptiv) ergründen.14 Die Vokale ​[i:], ​[i], ​[y:]​, [y], [e:], ​[ø], ​[ø:], [ɛ:] zeichnen sich durch eine lineare Senkung der Zunge und eine ähnlich lineare Verkürzung des Abstandes zwischen den deutlich entfernten Formanten 1 und 2 aus. Die Vokale [u:], [u], [o:], [o], [a:], [a] hingegen sind durch eine fortschrittlich sich von unten an hinten bewegende Engbildung zwischen der Zunge und der oberen Wölbung der Mundhöhle (Gaumen) gekennzeichnet, wobei die Formanten 1 und 2 nicht sehr entfernt voneinander sind und eine nach unten steigende Frequenzskala formt. In dieser Unterklasse bilden die Vokale mit Ausnahme von [a:], [a] und [ɛ:] in jedem Fall Paare, in welchen „unter gleichen Kontextbedingungen ein längerer und geschlossener Vokal einem kürzeren und offeneren gegenübersteht.“15 Bei [a:] und [a] ist nur die Qualität wichtig. Die Trennung zwischen [e:] und [ɛ:] ist eine Schriftaussprache zum Differenzieren der Schreibweise <e> und <ä> und wird größtenteils, besonders im Norddeutschen, durch [e:] ersetzt: Gewehr: Gewähr, Ehre: Ähre, sehe: sähe.16 Die Entscheidung für den monophonemischen Status der Vokale wird belegt durch Wörter wie heroisch/täuschen, algebraisch/Fleisch, Naivität/Taifun.17 In diesen Wörtern lässt sich erkennen, dass bei wirklichen Vokalfolgen der ersten Vokal lang sein soll. Vokalfolgen, besonders mit dem Akzent auf dem zweiten Vokal, kommen meist in aus einer fremden Sprache entlehnten Wörtern vor, so wie in Kloake [oa:] und speziell [ie]. Die phonetische Realisierung der Vokale wird in den vorliegenden Kardinalvokaldiagrammen dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Realisierung von Monophthongen in der deutschen Sprache18

Der Vokal [i] wie im Nomen <Trieb> wird mit einer Zungenstellung gebildet, bei der der vordere Bereich der Zunge relativ stark nach oben gehoben und nach vorne gezogen wird, jedoch nicht so hoch, dass in der Luftsäule durch Wirbel ein Geräusch erzeugt wird. Verglichen mit anderen Vokalen gilt der Vokal [i] als ein hoher, vorderer Vokal. Die Buchstaben [i] und [y] werden als Paare dargestellt. Der Buchstabe [y] wird danach zu einem „rounded vowel“. Diese Vokalrundung ist oft die Folge der Vorstülpung des oberen und unteren Randes des Mundes. Man sieht hier ganz deutlich, dass die meisten Vokale als Paare von gerundeten und nicht gerundeten Vokalen aufgeführt werden. Den in der rechten oberen Ecke, als [ɰ] präsentierten Vokal gibt es nicht in der deutschen Sprache.19 Der sich daneben befindende Vokal [u] ist genauso wie der Vokal [u] im Wort <Buch>. Die Problematik bei der Beschreibung von Vokalen ist, dass er sich ganz deutlich kontinuierliche Bewegungen verschafft. Man sieht daher keine klaren Grenzen zwischen der Zungenstellung für [i] und der der Zungenstellung für [e], sondern einen dauernden Übergang von der Stellung für einen Vokal zu der für den weiteren. Andererseits gibt die waagerechte Dimension des Vokaldiagramms das Gebiet der Zunge wider, welches an der Hebung teilnimmt. Für die Vokale von [i] bis [a] ist das vordere Gebiet des Zungenkörpers daran beteiligt, für die Vokale von [u] bis [ɒ] hingegen das hintere Gebiet des Zungenkörpers. Aber auch ein zentrales Gebiet zwischen diesen kann angewendet werden, um einen sich von anderen unterscheiden lassenden Vokal zu bilden. Betrachtet man die vorderen Vokale von [i] bis [a] und die hinteren Vokale von [u] bis [ɒ]20, stellt man fest, dass die erste Gruppe ungerundete Vokale enthält, die zweite hingegen gerundete Vokale. In beiden Reihen sind zwei Paare von gerundeten und ungerundeten Vokalen zu finden. Die hinteren Vokale sind im Besonderen gerundet, die vorderen Vokale dagegen sind ungerundet. Aus den im Zentrum gruppierten Vokalen sollen zwei besonders genau betrachtet werden: [ə] und [ɐ]. Ersterer steht in der Mitte des vorausgesetzten Vokalraumes. Es ist der Vokal, welcher gebildet wird, wenn die Sprechwerkzeuge, vor allem die Zunge, in Ruhestellung sind und dann ein Vokal ausgesprochen wird. Er entsteht auch als Pausenlaut oder Füll-Laut, wie etwa <äh>, <ähm> usw. Im Deutschen ist dieser Vokal von großer Bedeutung. Er kommt sehr oft am Ende von Wörtern vor, so wie in <bitte> [ˈbɪtə], <sehe> [ˈzeːə], <Käse> [ˈkɛːzə].21 Den Vokal [ɐ] bezeichnet man des Öfteren als Tiefschwa, da er dem Vokal Schwa sehr ähnelt, aber mit relativ einem größeren Öffnungsgrad ausgesprochen wird. Diesen Vokal findet man im Deutschen besonders am Ende von Wörtern, wie beispielsweise in <immer> [ˈɪmɐ], <öfter> [ˈœftɐ], <Folter>[ˈfɔltɐ] usw. Bei den absolut offenen Vokalen, wie etwa den a-Lauten, ist oft nicht klar, wo sie auf der waagerechten Achse zu positionieren sind. Beobachten wir dazu die Vokale der deutschen Wörter <wann> und <Wahn>: Viele Linguisten teilen die a-Laute in <wann> [a] und <Wahn> [a:] auf, also in vorderen kurzen Vokal [a] und in hinteren langen Vokal [a:]. Andere Linguisten sehen diese qualitative Klassifizierung (vorne und hinten) als ungerechtfertigt an und fassen die a-Laute, als [a] kurz und [a:] lang transkribiert, als zentrale, tiefe Vokale auf, die in diesem Trapez unterhalb des Tiefschwa [ɐ] zu stehen hätten.22 Festzuhalten ist, dass Vokale durch ihre Einteilung auf drei artikulatorischen Dimensionen geschildert werden können, und zwar durch die Höhe/Öffnung des Vokals, den Zustand der Zunge auf der waagerechten Achse und die Teilnahme oder Nichtteilnahme der Lippenrundung.23 Die in dem Vokaltrapez dargestellten vorderen und hinteren Vokale sind ferner als die extremen Punkte, d. h. außerhalb der Linien, verzeichnet. „Diese Beschreibung der vokalinternen Parameter auf drei Dimensionen kann ergänzt werden durch eine andere, gleichsam den Vokal übergreifende Faktoren, von denen wir bereits die Länge kennengelernt haben. Der Vokal [ɑ] zum Beispiel ist danach zu klassifizieren als ein hinterer, offener, ungerundeter Vokal, der nicht lang ist.“24 Auch Nasalvokale, wie etwa die französischen Wörter <teint> und <fond>, sind zu finden. Sie werden in die Phonetische Umschrift durch eine Tilde wie [õ] für nasales <o> und [ɛ̃] für nasales <e> übertragen.25 Im Falle der nasalen Vokale ist der weiche Gaumen nach unten gezogen. Dabei wird der Vokal gebildet. Deswegen kann die nach außen gelangende Luft den Mund- und Nasalraum als Kanal benutzen. Es sind auch Vokale zu finden, für die dies nicht zutrifft, weil während ihrer Lautbildung die Zungenstellung eindeutig seine Stelle ändert. Bei solchen Vokalen fängt die Artikulation an einer Stelle im Vokalraum an und endet an einer anderen. So ist es möglich, dass ein Vokal in der Bildung für [a] beginnt und in der für [i] endet. Dadurch bildet sich der sogenannte Diphthong, ein Vokal, welcher sich von einer Stelle zu einer anderen bewegt, so wie [aɪ̯] im wort <Leiter> oder [ɔɪ̯] im Wort <Eule>. Der Bogen unter den Symbolen dient dazu, die einheitliche Artikulation anzugeben und den Schwerpunkt des Diphthongs zu kennzeichnen. Im Beispiel von [ɔɪ̯] ist dies [ɔ], und der andere [ɪ]. Des Weiteren formen im Vokalsystem gespannte Vokale [i y e ø o u a] und die ungespannte Vokale [ɪ ʏ ɛ œ ɔ ʊ a] eine Opposition in nicht akzentuierten Silben.26 Die gespannten Vokale lassen sich durch ihre Qualität sowie durch ihre Quantität von ungespannten trennen, da sie an einer akzentuierten Stelle stehen und zusätzlich lang artikuliert werden, so wie die [diː]die Frau [f'ʀaʊ] – Leben [ˈleːbn̩] usw. Dementsprechend ist in der Hochlautung diese Opposition von langen und kurzen Vokalen in der Regel ausschließlich in der Tonsilbe zu finden.27 Die Begriffe gespannt und ungespannt hängen mit dem unterschiedlichen Spannungsgrad des Phonationsapparats beim Vorgang der Artikulation zusammen. In rein phonetischer Hinsicht ist der artikulatorische Spannungsgrad umgekehrt proportional zum Grad der Öffnung des Vokales. Deswegen trennt sich [aː] und [a] weniger durch die für ihre Artikulation wichtige Spannung als durch ihre Quantität. „Dies ändert nichts an der Tatsache, daß im hochlautlichen Phonemsystem die Gespanntheit/Ungespanntheit als primäres Oppositionsmerkmal angesehen werden sollte.“28 Als Beispiel für Minimalpaare mit der Opposition von gespannten und nicht gespannten Vokalen können folgende Wörter sehr gut dienen: Bann vs. Bahn, bitten vs. bieten, offen vs. Ofen, füllen und fühlen. In Bezug auf die Opposition gespannt vs. ungespannt ist es nicht einfach, in das hochlautliche Phonemsystem den Laut [ɛː] anzupassen. Er ist nämlich der alleinige lang gesprochene Vokal in der Gruppe der kurzen ungespannten Vokale und dem offenen [ɛ] artikulatorisch sehr ähnlich. Die phonematische schwere Zuordnung dieses Vokales geht darauf zurück, dass [ɛː] zwar zur Trennung zwischen Minimalpaaren, so wie bei Ehre vs. Ähre, Gewehr vs. Gewähr, verwendet wird, dass aber die Opposition /ä/ vs. /a/ in der normierten Aussprache des Hochdeutschen nur von orthoepisch geschulten Menschen beobachtet wird.29 Selbst in der Dichtung gibt es Reime wie Mär : Meer, Gebärde : Erde, Ähre : Beere usw.30 Betrachtet man den Vokal [ɛː] als ein separates Phonem /ä/, sollte man auch vermuten, dass der Opposition gespannt vs. ungespannt in der standarisierten Aussprache des Deutschen keinen primären Kontrast innerhalb des vokalischen Phonemsystems formt, wofür jedoch genügend Beispiele, die das Gegenteil zeigen, zu finden sind. Man erkennt den Einfluss des graphematischen Systems auf die Entwicklung der neuhochdeutschen Aussprache und auf ihre lautliche Realisierung hinsichtlich des Lautes [ɛː] ganz deutlich.31 „Da die von der Kodifizierungskommission geforderte [ɛː]-Aussprache für <ä> nicht auf eine kontinuierliche Entwicklung im Rahmen eines bestimmten Lautsystems zurückgeht, sondern lediglich von der Graphie bestimmt wird, ist dadurch das Equilibrum des hochlautlichen Phonemsystems gefährdet, was besonders die niederdeutschen Benutzer der Hochlautung intuitiv wahrgenommen haben, indem sie in der gehobenen Umgangssprache statt des offenen [ɛː] das geschlossene [ɛː] einsetzten, während hochdeutsche Sprecher dazu neigten, ungeachtet der Schreibung in Anlehnung an die Mundart ihrer engeren Heimat [ɛː] bzw. [eː] zu realisieren; z. B. legen [ˈleːɡən] (kmhd. legen) aber: nehmen (kmhd. nëmen).“32 Die Realisierung des Lautes [ɛː] erfolgt aber – anders beim Muttersprachler des Hochdeutschen – nicht durch die Orientierung an dem adäquaten mundartlichen Laut, sondern durch die Ausdehnung des kurzen offenen [ɛ]. Daraus ist gut ersichtlich, warum sich [ǟ] in das phonologische System nicht integrieren lässt und von der Mehrheit der Sprecher durch [ē] ausgetauscht wird. Die außersprachliche Kausalität ist auch für den lautlichen Kontrast gespannt vs. ungespannt anzunehmen, denn nur in den niederdeutschen Dialekten ist der offene, weniger gespannte kurze Vokal zu finden. Anders als in den meisten hochdeutschen Mundarten, in welchen Langvokale offene Varianten besitzen können. Erwähnenswert ist, dass Vollvokale in betonten und in unbetonten Silben vorkommen können, Reduktionsvokale hingegen nur in unbetonten Silben. Die Benutzten IPA-Zeichen sind nur als Kennzeichnung für potentielle Phoneme zu erfassen33 Hierbei nimmt man als Erstes eine sogenannte phonetisch-phonematische Schreibweise, die es möglich macht, auch die phonemischen Eigenschaften mit aufzuschreiben, die schließlich nicht als distinktive Eigenschaften betrachtet werden sollen. Diese bezieht sich in diesem Fall auf die Dauer, die durch das Längenzeichen bei ​[i:], ​[y:]​, [e:], ​[ø:], [ɛ:], [a:] und [o:] hervorgehoben werden. Die Aufstellung in dem schon dargestellten Vokalviereck des IPA legt nahe, einige artikulatorische Merkmalsdimensionen für die Feststellung der distinktiven Eigenschaften herauszuziehen: Zungenhöhe (hoch - tief) sowie Öffnungsgrad (geschlossen - offen), Zungenlage (vorn - hinten) und Gerundetheit (gerundet - ungerundet).34 Die Wörter biete – bete (​[i:] - [e:]), Grüße – Größe (​[y:]​ - ​[ø:]), bitte – bette ([I] [ɛ]) und lese – läse ([e:] und [ɛ:]) sind nur durch die Zungenhöhe unterscheidbar. Hierbei bleibt noch nicht berücksichtigt, dass „sich der Vokalraum in der Darstellung nach IPA mit zunehmender Zungenhöhe verbreitert und entsprechend bei den vorderen Vokalen mit zunehmender Geschlossenheit auch eine Langeänderung einhergeht.“35 [i:], [u:] und [y:] trennen sich in Bezug auf die Zungenhöhe sowie der Geschlossenheit nicht nur von den Langvokalen [e:], [ø:] und [o:], sondern auch von [I], [Y] und [ʊ]. Des Weiteren unterscheiden sich [i:], [u:], [y:] und [I], [Y], [ʊ] voneinander auch wegen der Zungenlage. [I] und [Y] werden – verglichen mit [i:], [y:] – etwas weniger geschlossen und etwas weiter hinten artikuliert. Die Vokale [I], [Y] und [ʊ] stehen näher an dem Zentrum des Vokalvierecks als die Vokale [i:], [y:] und [u:], und deswegen betrachtet man sie als stärker zentralisierte Vokale. Durch die Zungenlage sind die Vokale [y:] - [u:], [Y] - [ʊ], [ø:] - [o:], und [œ] - [ɔ] gegeneinander abzugrenzen. Die ersten Vokale werden vorn gebildet, also mit vorverlagertem Rücken der Zunge, die zweiten Vokale hingegen hinten. Die Vokale [i:] - [u:]. [I] - [ʊ], [e:] - [o:] sowie [ɛ] - [ɔ] lassen sich durch die Zungenlage gegeneinander abgrenzen. Bei den folgenden Wörtern lässt sich die Minimalpaare für die sich gegeneinander durch die Zungenlage abgrenzen lassenden Vokale sehr gut erkennen: Brüder – Bruder, Wüsste – wusste usw.36 Im IPA gibt es zwei a-Laute, welche als Kardinalvokale betrachtet worden sind: ein vorderes [a] und ein hinteres [ɑ]. Für die phonemische Schilderung der entsprechenden Vokale in der deutschen Sprache wird nur ein Vokalzeichen gebraucht, weil die waagerechte Position der Zunge in der Normallautung phonemisch nicht wichtig ist. Die Position der Zunge unterscheidet sich voneinander beim kurzen und langen a-Laut je nach den lautlichen Merkmalen des Milieus. In den Wörtern da [da:] und dann [dan] wird [a] in der Tat eher vorn artikuliert, bei den Wörtern Gas [ga:s] und Gang [ɡaŋ] hingegen weiter hinten, woran sich die Wirkung des Artikulationsortes des vorankommenden Konsonanten (alveolar vs. velar) erkennen lässt.37 „Im Folgenden benutzen wir das Zeichen /a/ und kennzeichnen damit einen offenen a-Laut, der allophonische Varianten zwischen [ɑ] und [a] aufweist. Da aber /a/ auch in Formen wie da und dann nicht mit vorverlagertem Zungenrücken artikuliert wird wie die vorderen nicht-offenen Vokale, werden wir /a/ im Folgenden als nichtvorn charakterisieren.“38 Die Vokale in folgenden Beispielwörtern Gerichte – Gerüchte, lese – löse, kennen – können lassen sich nur durch ihre Gerundetheit gegeneinander abgrenzen. Die Eigenschaft der Gerundetheit ist in der Normallautung nur hinsichtlich der vorderen Vokale zu unterscheiden. Die hinteren Vokale bezeichnen sich alle durch ihre Gerundetheit.

2.2.2 Diphthonge des Deutschen

Ergänzt wird das Vokalsystem des Deutschen durch Diphthonge. Die deutsche Sprache enthält drei Diphthonge [aɪ], [aʊ] und [ɔɪ̯], welche dadurch bekannt sind, dass sie je zwei Lautzeichen beinhalten. Die Definition der Phoneme bedingt aber, dass nur minimale Laute, welche sich nicht in kleinere Einheiten teilen lassen, als Phoneme zu betrachten sind. Hier stellt sich die Frage, ob die sich aus je zwei Vokalen zusammensetzenden drei Diphthonge des Deutschen als minimale Einheiten anzusehen sind. Wenn man die Diphthonge der deutschen Sprache betrachtet, fällt einem auf, dass die drei Diphthonge jeweils zwei als Phoneme für die deutsche Sprache identifizierte Laute beinhaltet, und zwar [a], [ɪ], [ʊ] und [ɔ]. Diphthonge des Deutschen weichen in einigen Einheiten von Langvokalen ab. Das lässt sich deutlich in den folgenden Beispielwörtern zeigen: Bein vs. Bahn, fahl vs. feil, Rahm vs. Raum und Bühne vs. Bäume.39 Da Langvokale als Phoneme betrachtet werden und Diphthonge im gleichen Zusammenhang vorkommen wie Langvokale, sollten sie ebenso sein. In den deutschen Dialekten und aus ihnen entstandenen Umgangssprachen kommen noch andere Diphthonge vor. In einigen Dialekten werden auch Langvokale diphthongiert.40 Diphthonge zeichnen sich also dadurch aus, dass die vokalische Lautbildung in der Position eines Vokales anfängt und in der eines anderen sein Ende hat. „Andererseits sind Artikulationsbewegungen während der Dauer eines Lautes nichts außergewöhnliches; es sei hier nur an die Verschlußlaute erinnert. Daher ist es wohl möglich, die Diphthonge phonetisch und phonologisch als einheitliche Laute zu betrachten.“41 Diphthonge haben die gleichen Eigenschaften wie lange Vokale und werden von den für diese geltenden Kombinationsregeln bestimmt. [ŋ] steht beispielsweise nur nach Kurzvokalen, niemals nach langen Vokalen, aber auch nicht nach einem Diphthong. Des Weiteren erfolgt während der Erzeugung von Diphthongen physiologisch-artikulatorisch eine Bewegung der Sprechwerkzeuge, die auch für die Erzeugung von Vokalen charakteristisch sind, also von Lippen, Zunge und Unterkiefer.42 Beim [ao] vollführt sich diese Gleitbewegung in der ganzen Länge von dunklen Vokalen hin, aber ohne ihre Endstelle zu erreichen, beim [ae], vom [a] beginnend, längs der hellen Vokale.43 Der Diphthong [oɔ] wird artikuliert, indem „vom offenen [ɔ] zu einer Einstellung übergangen wird, die zwischen [ø] und [ʏ] liegt.“44 Für die drei Diphthonge des Deutschen sind die folgenden Ähnlichkeiten zu erkennen: Alle Diphthonge des Deutschen sind mit einer Schließbewegung des Lautbildungsraumes verknüpft; der zweite Teil des Doppelvokales ist mit geringerer Öffnung gebildet als der erste. Alle drei Diphthonge werden mit fallender Dynamik erzeugt, der zweite Teil ist weniger dynamisch als der erste.45 „Wenn der zweite Teil mit Dynamikanstieg produziert wird, zerfällt der Diphthong eindrucksmäßig, verliert seine Einheitlichkeit und wird als zweivokalig, weil zweisilbig, empfunden.“46 Die Teilung der Diphthonge in zwei Vokale ist unmöglich und würde gegen den Regel verstoßen, dass der Kern jeder Silbe ein Vokal ist oder in reduzierten Silben keinen Vokal vorhanden ist, aber niemals ein zweiter zu finden ist.

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Abbildung 3: Die Realisierung von Diphthongen47

Durch die Vokalisierung von [r] treten in der phonetischen Realisierung andere, auf das Zentrum ausrichtende Diphthonge in Erscheinung:

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Abbildung 4: Diphthong [ɐ]48

Neben den aufgezählten monophthongischen Vokalen hat das hochlautliche Phonemsystem des Deutschen – wie bereits erwähnt – noch eine andere Kategorie von Vokalen, welche als Diphthonge bezeichnet werden. Die Gruppe von Diphthongen formen untereinander Oppositionen. In der phonetischen Transkription werden sie neben [ae], [ao] und [oe] meistens auch mit [aɪ], [au] und [ɔɪ] oder auch mit [ai], [au] und [oi] transkribiert.49 Typisch für diese vokalische Gruppe ist, dass der Akzent auf den ersten vokalischen Komponenten liegt, der andere Teil des Diphthongs hingegen eine unsilbische Aussprache aufweist.50 Die immer noch nicht gelöste Frage ist, ob es hier aus phonologischer Hinsicht um eine phonematische Ein- bzw. Zweiwertigkeit geht.51 Für den Kernwortschatz im Deutschen sieht man also sehr üblich die drei schließenden Diphthonge [aɪ], [ɔɪ] und [aʊ] als distinktiv.52 „Im Rahmen der Minimalpaaranalyse erweisen sich diese Diphthonge sowohl als untereinander austauschbar als auch als austauschbar mit gespannten (langen) Vokalen und mit Sequenzen aus ungespanntem Vokal und Konsonant.“53 Marginal kommt der Diphthong [ʊɪ] in Interjektionen vor, wie etwa hui und Pfui. Bei den folgenden Wörtern leide – lande ([aɪ] und [an]), kaute – Kante ([aʊ], [an]) und käute - konnte ([ɔɪ], [ɔn]) lassen sich die Minimalpaare für die Diphthonge des Deutschen sehr deutlich erkennen. Bei auf [ɐ] endenden Wörtern geht es um phonetische Diphthonge und nicht um phonologische Diphthonge. Phonologisch gesehen sind sie als Realisierung einer Sequenz eines Vokalphonems erfasst. Für die Gruppe der Diphthonge, welche einen Vokal als erstes Glied haben, sind folgende Phonemfolgen zu finden: /i:R/ (z. B. bei wir), /IR/ (z. B. bei wirr), /e:R/ (z. B. wer), / ɛːR/ (z. B. bei Bär), /y:R/ (z. B. bei Tür), /YR/ (z. B. bei dürr), /øːR/ (z. B. bei hör), /œR/ (z. B. dörr), /a:R/ (z. B. bei Star), /aR/ (z.B. bei starr), /u:R/ (z. B. Uhr), / ʊR/ (z. B. bei schnurre), /o:R/ (z. B. bei Moor) und /ɔR/ (z. B. bei schnorre).54 In aus einer fremden Sprache übernommenen Wörtern kommen andere Diphthonge zum Vorschein. Die steigenden Diphthonge, deren Schwerpunkt beim zweiten Glied liegt, sind von besonderem Interesse. Diphthonge in Fremdwörtern, deren erstes Glied ein i-Laut ist, so wie in Spezial, speziell, Hygiene und Region, werden meistens an das Lautsystem des Deutschen integriert, so dass [i] durch den Approximenten [j] remplaciert wird.55 „Bei steigenden Diphthongen [y̆i] und [u̯a] in Etui und Guano wird der erste Laut häufig durch den labiodentalen oder den labialen Approximanten [v] bzw. [ß] ersetzt. Bei Quark und Quelle dürfte die Aussprache mit Approximant, eventuell auch mit Frikativ, der nach [k] entstimmt sein kann, den Regelfall darstellen: [kva:ɐk] und [kvɛlə] oder [kv̥a:ɐk] und [kv̥ɛlə].“56 Die Vokalfolgen in Etui, Guano erlauben eine Verteilung in zwei Silben. In diesem Fall vermittelt das Wort Etui den Eindruck, mit [u] statt mit [y] artikuliert zu werden [ɛtuˈ(ʔ)iː]. Eine Aufteilung der Diphthonge [i̯a], [i̯ɛ], [i̯o] in zwei Silben ist im Rahmen der Überlautung zu finden.57 Die Vokalfolgen [uɛ] in Duell, [ui:] in Ruin, [uo:] in virtuos, [oa:] in Kroate, [iʊ] in Triumph, [yɛ:] in Hyäne, [ua:] in Dual werden normalerweise heterosyllabisch gebildet, d. h. in zwei Silben aufgeteilt. Demzufolge sind sie nicht als Diphthonge zu betrachten. Diese Vokalfolgen unterscheiden sich je nach Struktur der Betonung leicht voneinander. Die steigenden Diphthonge erfasst man phonologisch als aus Gleitlaut und Vokal bestehende Abfolgen und nicht als Abfolgen aus zwei Vokalen. Gleitlaute können die Qualität eines Vokales aufzeigen, verhalten sich aber hinsichtlich deren Distribution in der Silbe genauso wie ein konsonantischer Laut.

Wie wir schon gesehen haben, finden sich in der Literatur unterschiedliche Betrachtungen und Meinungsstreite bezüglich des phonologischen Status der als „eine Folge von zwei Vokalen, die gemeinsamen Silbenkern bilden, wovon meistens ein Teil etwas prominenter ist und vom anderen Teil begleitet wird“58 definierten Diphthonge des Deutschen. Dabei geht es um die Frage, ob der Diphthong über eine monophonematische oder eine biphonematische Wertung verfügt. Meinhold/Stock sind der Auffassung, dass die Diphthonge in der deutschen Sprache [aɛ aɔ ɔœ uI] als einsilbige Verknüpfungen von zwei kurzen Vokalen, so wie in den Wörtern Reis [ʀaɛs], raus [ʁaɔs], Reuß [ʁɔœs] und Pfui [pfʊɪ̯], zu betrachten sind . Sie empfinden im Gegensatz dazu die in aus einer anderen Fremdsprache entlehnten Wörtern zu findenden Kombinationen von zwei Vokalen, wie etwa in Chaos oder Aeroport, als nicht einsilbige Verknüpfung. Des Weiteren werden ihnen zufolge die aus langem und kurzem Vokal und einer vokalisierten Variante des / ʁ / bestehenden Kombinationen wie in wir, Uhr, seh r usw. nicht als deutsche Diphthonge angesehen. Genauso wird die Kombination der vokalischen Buchstaben [ɛɐ] in den folgenden Vorsilben bzw. Präfixen <er->, <her->, <ver-> und <zer-> nicht den Diphthongen des Deutschen zugeordnet, weil das silbische [ɐ] sowie das unsilbische [ᵄ] als vokalisierte Varietäten des [ʁ] zu betrachten sind. Genauso wird die durch das unsilbische [i] und dem danach kommenden vokalischen Laut resultierende Kombination wie in den folgenden Beispielwörtern Nation, Familie usw. nicht als Diphthonge in der deutschen Sprache angesehen.59 Andere Linguisten, wie Altmann/Zigenhain haben, sich auf die Darstellung von Hirschfeld/Stock stützend, das erste Glied als „stationär“ und das zweite als „Gleitlaut“ gekennzeichnet.60 Das bedeutet, dass das erste Element größere Lautheit besitzt. Ternes61 und Werner62 sehen, dass Diphthonge in der deutschen Sprache zwei Phoneme beinhalten, phonologisch aber sind sie als Einheit zu betrachten.63 Gemäß dieser Betrachtung der Diphthonge des Deutschen wird das Phoneminventar um drei Einheiten erweitert. Ihr Argument für die monophonematische Einschätzung beruht auf der Vermeidung des phonologischen Problems bei der Klassifikation des zweiten Glieds der Diphthonge.

2.2.3 Verwendung von langen und kurzen Vokalen

Lange Vokale formen untereinander ein einheitliches Subsystem, dessen Ordnungsprinzipien nach ihrer Klangverwandtschaft zum ersten Mal von Hellwag zur Darstellung gebracht worden sind. Hellwag hat die Vokale in Dreiecksform aufgestellt. Die Ecken dieses Dreieckmodells sind [a:], [u:] und [i]. Der Doppelpunkt im Internationalen Phonetischen Alphabet bedeutet, dass diese Vokale lang ausgesprochen werden müssen. Historisch gesehen ist diese Ordnung der Vokale aus der Grundlage der Klangentwicklung entstanden. Vom [a:] ausgehend ist eine helle Vokalreihe zu finden. Dazu werden die Vokale [e:] und [i:] gezählt. Jeder Vokal dieser Reihe ist in seinem Ton heller als der vorhergehende Vokal. In der anderen Richtung, in der die Vokale immer dunkler, tiefer und gedämpfter werden, liegen die dunkle Vokalreihe mit den Vokalen [o:] und [u:]. Außerdem wird die Lauteigenart dieser als dumpf bezeichneten Vokale in der Tonmalerei für das Charakterisieren von Trauer benutzt.64 Die Umlaute [θ:] und [y:] besitzen in der Phänomenologie der meist als kleinstes akustisches Element der Sprache Definierenden Laute einen mittleren Standort, so dass diese Laute auch als Linie in der Mitte zwischen den beiden Schenkeln des Vokaldreieckes aufgestellt worden sind. Die phänomenologische Aufstellung kann zwar die Klänge dieses Subsystems von Langvokalen in Bezug auf den Eindruck darlegen, ist aber nicht fähig, die Verbindungen zwischen diesen Lauten, außer in Bezug auf den Eindruck ihrer Klangverwandtschaften, zu erklären.65 Infolgedessen wurde mithilfe von Experimenten versucht, die Voraussetzungen für die Vokalerzeugung präzise darzulegen. Dafür kam in erster Linie die Lautphysiologie in Betracht. Es ist aber nicht ganz einfach, die Sprechorgane bei der Vokalerzeugung zu analysieren. Des Weiteren kann man die Zunge nur bei den Vokalen klar und deutlich betrachten, bei denen die Lippen während der Artikulation offen sind und einen klaren Einblick geben. Dies ist aber nur bei manchen Vokalen der Fall, nämlich bei Vokalen mit mindestens mittlerem Kieferwinkel.66 Aus solchen Betrachtungen wurden aber schon ziemlich früh die wichtigsten Umformungen der Zunge bei der Vokalerzeugung aufgeklärt. Die Betrachtung der Zunge in der Zeit der Artikulation ist allerdings durch direkte Einsicht nur bezüglich des Mundraums durchzuführen, weil der Resonanzraum dann zum Rachenraum nach unten geknickt ist. „Der Rachenraum ist jeder direkten Einsicht entzogen. Wenn deshalb von Zungenartikulation gesprochen wird, so beziehen sich die eingebürgerten Termini immer nur auf den Mundraum, nicht aber auf das gesamte Ansatzrohr, das, wie wir heute wissen, als Ganzes akustisch an der Klangformung und daher auch an der Vokalbildung beteiligt ist. Die Termini zur Charakterisierung der Vokalartikulation stammen – das sei hier ausdrücklich festgestellt – aus einer Periode, die noch nicht die aus heutiger Sicht unerlässlichen Einsichten hatte.“67 In der Tat umfasst der Mundraum nur das vordere Halbteil der ganzen Luftsäule des Ansatzrohres. Aber in diesem vorderen Halbteil geschehen ausschlaggebende Hohlraumveränderungen, die mit den Klangmerkmalen der Vokale übereinstimmen können.68 Die möglichen Veränderungen in dem hinteren Halbteil der Luftsäule des Ansatzrohres sind nicht so groß wie in der vorderen Hälfte. Sie sind aber festzustellen und ihr Einfluss darf nicht außer Acht gelassen werden. Der Zustand der Zunge bei den einzelnen Vokalen ist durch unmittelbare Betrachtung, ins Besondere bei engem Kieferwinkel, nicht feststellbar. Dementsprechend setzte man zu dessen Ermittlung schon früh die Röntgentechnik ein; Anfangs zur Feststellung des Zungenzustandes bei separaten, lang angehaltenen Vokalen, die eher mit dem Singen äquivalent sind als mit dem Sprechen, aber die wesentlichen Einsichten vermitteln. Sie haben sich durch weiterlaufende Betrachtungen auch des kohärenten Sprechens bewahrheitet. Ausschließend ist die Zunge bei der dunklen Vokalreihe nach oben gegangen. Diese Anhebung der Zunge ist „umso stärker, je weiter der Vokal auf den Endpunkt der dunklen Vokalreihe zurückt, beim [u:] also stärker als beim [o:].“69 Diese Zungenrückbewegung korreliert mit dem Bewegen des Kiefers. Die Kieferbewegung wird dann nach dem Ausgang der dunklen Vokalreihe enger, und eine Vorstülpung der Lippen erfolgt, die über eine Wölbung beim [o:] zu einer Vorstülpung mit kleiner Öffnung beim [u:] intensiviert wird. Der Vokal [u:] als Schlusspunkt der dunklen Vokalreihe ist also durch drei artikulatorisch-organgenetische Eigenschaften gekennzeichnet, nämlich Kiefer-, Lippen- und Zungenartikulation. Diese drei wirken gemeinsam und koordiniert, indem die Rückenhebung der Zunge, die Verengung des Kieferwinkels und die Vorstülpung der Lippen aufeinander abgestimmt sind.70 Bei den hellen Vokalen [e:] und [i:] geht die Zunge prädorsal nach oben, bei dem Vokal [i:] stärker als beim Vokal [e:]. Zudem wirkt hierbei die Bewegung der Lippen und des Kiefers zusammen. Das ist am stärksten und am deutlichsten beim [i:], da der Kieferwinkel sehr eng ist. Die Lippen werden nicht rund gemacht und werden mit einer Bewegung des Kiefers flach einförmig. Beim Vokal [a:] ist der Kieferwinkel relativ groß entfernt; im Mundraum ist die Zunge in einem flachen Zustand. Nicht erkennbar ist die pharyngeale Bewegung der Zunge, welche den pharyngealen Bestandteil des Zungenrückens an die hintere Rachenwand heranbringt. Die Lippen sind mit der weiten Öffnung des Kiefers in Bewegung gebracht, so dass sie eine große Öffnung formen. Bei allen Vokalen befindet sich die Spitze der Zunge hinter den räumlich tiefer liegenden Schneidezähnen, oder sie liegt direkt hinter den unteren Alveolen. Der Kontakt mit der Zungenspitze ist nötig, damit es nicht zu einem Verlagertwerden des Zungenrückens in den Rachenraum kommt.71 Zu dem Zweck, dass die Vokalklänge phänomenologisch sowie organgenetisch eingeordnet werden können, wurde auf der Kopenhagener Konferenz der Internationalen Gesellschaft für Phonetik des Jahres 1925 das Vokalviereck als Orientierungskonzept aufgenommen, welches als Hauptform ein unregelmäßiges Viereck besitzt:

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Abbildung 5: Vokalviereck des Deutschen72

Seine Dimensionen sind aus dem Zustand der Zunge hergleitet. Die waagerechte Achse spiegelt das Verlagern der Zunge im vorderen Teil links oder im hinteren rechts wider, die senkrechte Achse zeigt das Ausmaß der Zungenanhebung in den Hauptpositionen eben, mittel und hoch. In diesem Konzept ist es möglich, die Vokale des Deutschen so einzusortieren, dass die dunklen Vokale auf der hinteren Position stehen und die hellen Vokale auf dem Strich der Vorderzungenvokale. Die umgelauteten Vokale [θ:] und [y:] sind bezüglich des Zustands der Zunge, den Vorderzungenvokalen und von der Artikulation der Lippen den Hinterzungenvokalen sehr ähnlich.73 Diese Umlaute werden im Vokaldreieck in die Nähe von den Vorderzungenvokalen gerückt, was die Wichtigkeit der Zungenartikulation bei ihrer Erzeugung hervorhebt. In diesem Vokaldreieck werden die Vokale, abgesehen von der Gesamtheit aller Merkmale des Sprechers und seines Alters, vorgestellt. „Es stellt die Abstraktion aus vielen Beobachtungen dar, die mit sehr großer Akribie gemacht wurde, so daß die physiologischen und phänomenologischen Relationen, soweit sie die Verhältnisse im Mundraum beschrieben und soweit sie sich auf die Zungenartikulation beziehen, sehr gut wiedergegeben werden.“74 Die Gruppe der kurzen Vokale stellt die zweite Gruppe der deutschen Vokale dar, welche im der Orthographie der Silben der deutschen Vokabeln vorkommen, die nicht auf einem Vokal schließen, und die in etwa die Hälfte der zeitlichen Länge in Anspruch nehmen wie die langen Vokale. Es ist aber unmöglich, hier absolute Zahlen zu erwarten, da die zeitliche Länge der langen und kurzen Vokale durch die Sprechgeschwindigkeit bedingt ist. In betonten Silben ist die Relation zwischen kurzen und langen Vokalen ungefähr 2:1, in unbetonten Silben hingegen wird der Unterschied verringert.75 Für die sogenannten langen Vokale gibt es die äquivalenten kurzen Vokale. Sie sind von den Langvokalen nicht nur durch die zeitliche Länge der Realisierung, sondern auch durch den Ton unterscheidbar. Der Ansatzraum ist bei kurzen Vokalen verglichen mit den äquivalenten langen Vokalen offener, was sich an der größeren Öffnung des Kiefers und einer etwas geringeren Stärke der Zungen- und Lippenartikulation erkennen lässt. Dieses Artikulationsprinzip ist aus der Topologie der Bewegung verständlich zu machen; „bei den kurzen wird ebenso wie bei den langen Vokalen eine bestimmte Hebungsbewegung des Zungenrückens intendiert, aber wegen der kürzeren Zeit, die dafür im artikulatorischen Kontext zur Verfügung steht, nicht bis zur letzten Konsequenz ausgeführt, sondern eben nur angedeutet.“76 Durch die spezielle Artikulationsbewegung wird ein Klang hervorgerufen, welcher die kurzen Vokalen von den ihnen gemäßen langen Vokalen trennt. Die genaue Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen des Deutschen erfolgt auch klanglich.77 Am stärksten ist diese klangliche Differenzierung zwischen den beiden Subsystemen bei den Vokalen <o> und <e> zu erkennen. Weil bei langen Vokalen der Ansatzraum mehr verschlossen ist, bei kurzen Vokalen hingegen eher offen, nennt man die langen Vokale die geschlossenen Vokale und die kurzen die offenen Vokale. Bei deutschen Vokalen sind in den meisten Fällen die Qualität und Quantität streng miteinander in Korrelation stehend; die langen Vokale werden verschlossen ausgesprochen, die kurzen dagegen offen. In anderen Sprachen ist diese korrelative Beziehung zwischen kurzen und langen Vokalen nicht zu finden.78 In unbetonten Silben wird die strenge, zwischen Qualität und Quantität bestehende, wechselseitige Beziehung in zunehmendem Maße aufgehoben. Diese Aufhebung bezieht sich vor allem auf die Dauerunterscheidung, während sich die Unterscheidung der Qualität zunächst nicht ändert, bevor auch sie auf einem weiteren Reduzierungsgrad fortgeht und an deren Stelle einer Nebensilben- oder Murmelvokal tritt.79 Die offenen Vokale haben, im Vergleich zu den geschlossenen, die gleichen klanglich und artikulatorisch unterschiedlichen Merkmale. Dementsprechend darf man sie in das gleiche Vokalviereck aufstellen wie die geschlossenen Vokale. Diese Ordnung ermöglicht dann, einige besondere Merkmale des Monophthongssystems des Deutschen aufzuklären. Bei den e-Lauten treffen der kurze, offene e-Laut [ɛ] und der lange und kurze ä-Laut klanglich und artikulatorisch zusammen. Dementsprechend werden sie durch eine gemeinsame Stelle im Vokalviereck dargestellt. Entsprechend der Viereckformung des Vokalvierecks sind drei a-Laute voneinander zu trennen, welche nicht durch größere oder geringere Weite ihrer Artikulation unterscheidbar sind, sondern bei denen man erkennen kann, dass die Anhebung der Zunge mehr nach vorne oder mehr nach hinten verlegt ist.80 Deshalb redet man hier von einem vorderen, helleren kurzen a-Laut und einem dunkleren, hinteren langen a-Laut. Im Deutschen sind in der Regel geschlossene Vokale lang und offene Vokale kurz. Es sind aber einige Ausnahmen zu finden. Die von diesem Regel abweichenden Wörter sind meist Fremdwörter, deren gültige Korrelation für die deutsche Sprache nicht gewöhnlich ist, wie etwa das Wort Physiologie.81 Dieses Problem der geschlossenen Kürzen haben eine große Bedeutung für die Standardisierung der deutschen Hochsprache, „denn die Aufhebung der für das Deutsche gültigen Korrelation gilt nur so lange, wie die entsprechenden Wörter den Charakter von Fremdwörtern haben; sind sie vollkommen eingedeutscht, unterliegen sie auch den Regeln der Aussprache für deutsche Wörter.“82 Dass es hierbei um von der Norm abweichende Vokabeln geht, sei mit der von Menzerath über die Architektur der deutschen Vokabeln erstelltelten Statistik verdeutlicht. Hieraus ist gut zu ersehen, dass das häufige Vorkommen von kurzen Vokalen, welche in größerer Zahl vertreten sind als die langen, aber auch, dass die Aufhebung der korrelativen Beziehung zwischen Qualität und Quantität wirklich die Sonderfälle gegenüber der Regel zur Darstellung bringt. Die Einzelfälle beziehen sich nur auf 0,5% aller untersuchten Vokale.83

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Abbildung 6: Statistik bezüglich der deutschen Vokabeln nach Menzerath84

Die Vokale des Deutschen werden folgendermaßen gebraucht: Die langen, geschlossenen Vokale kommen in orthographischen Silben vor, welche auf einem Vokal enden. Am Silbenende ist demzufolge der Ansatzraum offen beibehalten, die Silben werden dann offene Silben genannt. Die als kurz bezeichneten Vokale hingegen kommen bei geschlossenen Silben vor, das heißt bei den Silben, an deren Ende der Ansatzraum nicht offen ist, da sie auf einem Konsonanten enden. Allerdings gibt es eine ganze Reihe, die von dieser Regel abweichen; „Sie muß vor allem dahingehend ergänzt werden, daß die Vokalquantität auch dann erhalten bleibt, wenn es zu der Wortform andere Formen gibt, wo der Vokal auch Flexion in die offene Silbe tritt (z. B. Weg; der Vokal ist lang, weil die Flexionsform Wege existiert.).“85 Der lange Vokal bleibt dann bestehen, wenn die Beugung mit einem Ablaut zusammenhängt. Bei „gibt“ ist beispielsweise der i-Laut lang, obwohl keine Beugungsform mit offener Silbe zu finden ist, in der es einen i-Laut gibt, aber andere Beugungsformen, die den Vokal in offener Silbe positionieren: geben, gaben.86

2.2.4 Reduzierte Vokale im Deutschen

Das System der Monophthonge in der deutschen Sprache wird durch die sogenannten reduzierten Vokale ergänzt, nämlich durch den Nebensilbenvokal (auch Murmelvokal genannt) [ɘ] und den vokalisierten r-Laut [ɐ]. Der Murmelvokal [ə] und der vokalisierte R-Laut [ɐ] sind beide deutlich vokalische Formen, obwohl der Tradition gemäß nur der Nebensilbenvokal in der Gruppe von Vokalen eingeordnet wird. Darüber hinaus kommt er ausschließlich in unbetonten Silben vor. Der Nebensilbenvokal „hat eine den e, eventuell auch dem ö zuneigende Klangfarbe; seine artikulatorischen und klanglichen Eigenschaften sind deshalb schwer zu bestimmen, weil er in der Intensität schwächer ist als voll realisierte Vokale, weil er nicht isoliert produziert werden kann, weil er sehr stark koartikulatorischen Einflüssen der benachbarten Konsonanten unterliegt, und weil er oft so weit reduziert wird, daß er ganz ausfällt.“87 Sein wirklicher Unterschied, durch den er sich von anderen Vokalen trennen lässt, besteht in seiner minderen Intensität und in der nicht intendierten Artikulationsbewegung. Phonetisch betrachtet der vokalisierte r-Laut [ɐ] zweifelsohne als Vokal anzusehen, da dieser mit geöffnetem Ansatzraum ausgesprochen wird und seine klangliche Eigenschaft durch Hohlraumresonanz ausgezeichnet ist.88 Phonologisch betrachtet gilt er als nur eine optionale Variante der Lautfolge „-er“ in nicht betonter Position. Der vokalisierte r-Laut [ɐ] steht genauso wie der Murmelvokal nur in unbetonter Stellung. Er weist aber – verglichen mit dem Murmelvokal – vom Klang und von der Phonologie des Lautes her unterschiedliche Merkmale auf, wie etwa in Opposition bitte – bitter. Indes gibt es zwischen den beiden unbetonten Lauten einen Klangunterschied, der artikulatorisch durch eine postdorsale mit einer größeren pharyngealen Annäherung verknüpfte Anhebung der Zunge verursacht wird.89 „Als Reduktionsvokale des Deutschen gelten [ə] und [ɐ], denn diese Vokale treten normalerweise nicht in betonten Silben auf. Besonders häufig treten sie in den Endsilben nativer zweisilbiger Wörter des Deutschen auf, [ə] z. B. in Lehre und lehren, [ɐ] in Lehrer.“90

3 Die Silbenstruktur im Deutschen

Durch Silben werden Buchstaben, die im kohärierenden Sprechen als kontinuierliche Folge erzeugt sind, zu einer konstruierten, komponierten und einer bestimmten Struktur entsprechenden Gruppe zusammengefasst. Es besteht kein Zweifel darüber, dass der Begriff Silbe existiert und dass es in ihm um eine Struktur der lautsprachlichen Zeichen von großer Bedeutung geht. Doch wird es sehr kompliziert, den Begriff Silbe zu definieren. Silben sind ein genauso grundlegender Begriff der Phonetik wie der Laut. Aber je nach dem Kontext, in dem man den Laut als „die kleinste Einheit der sprachlichen Zeichen“ begreift, hat man dafür verschiedene Bezeichnung gebildet. Bestimmt ist es bereits ein herausragender Vorgang, einen Unterschied zwischen dem Laut als dem kleinsten Element der lautsprachlichen Form der Realisierung und dem Buchstaben als dem kleinsten Element der schriftsprachlichen Form der Realisierung zu machen. Diesem folgt ein weiterer, größerer Vorgang, und zwar die Trennung zwischen dem Laut auf der lautlichen Ebene der Realisierung und dem Phonem als Systemelement der Bedeutung. Eine Trennung des objektiv selben Falls je nach dem Kontext, dem er zugeordnet wird, ist bei der Silbe bislang noch nicht vollzogen. Den Terminus Silbe benutzt man in der Realisierungsform der Schriftsprache sowie in der Lautsprache. Es gibt zwar zwischen diesen beiden Verwendungsweisen desselben Begriffs sehr enge Ähnlichkeiten, es besteht aber sicherlich zwischen den beiden Gebrauchsweisen des Begriffs in der Schreib- und Sprechaktivität keine völlige Übereinstimmung in allen Merkmalen.91 Überdies gibt es keine terminologische Unterscheidung für die Einteilung der Silbe in die lautsprachliche Ebene der Realisierung und die Ebene der Bedeutung. Das Problem der Silbenunterscheidung und die ziemlich spät gewonnene Erkenntnis, dass keine generellen und grundlegenden sprachübergreifenden Regeln für die Trennung der Silben zu finden sind, haben es bis jetzt zum Scheitern gebracht, dass es zahlreiche Untersuchungen hinsichtlich der Silbenstruktur in der deutschen Sprache gibt. Genau untersucht wurde allerdings von Menzerath eine ganze Reihe von einsilbigen Wörtern. Dabei wurde nicht ihre Häufigkeit beurteilt, sondern nur ihr Auftreten im Wörterbuch. Mehr als 2245 einsilbige Wörter umfasst die durch Menzerath durchgeführte Betrachtung (Abb. 7). Aus Menzeraths Beobachtung ist gut ersichtlich, dass es Einsilbige gibt, bei denen lange und kurze Vokale sowie Diphthonge als Silbenkern auftreten. Bei mehrsilbigen Wörtern treten dann reduzierte Vokale als Silbenkern in Erscheinung. Merzeraths Untersuchung zufolge muss nicht jede Silbe unbedingt einen Vokal enthalten. Unter den untersuchten Wörtern gibt es mehr als 12 einsilbige Wörter, die keinen Vokal haben. Bei der Form der Silbenstruktur der deutschen Wörter sind drei Bereiche festzustellen: Silbenanlautstruktur, Kernauslautstruktur und Silbenauslautstruktur.92 Die An- und Auslautstruktur ist bei unterschiedlichen Silbentypen vollständig entfallen, meistens aber besitzen sie eine An- sowie eine Auslautstruktur, welche verschieden geartet sein kann. Meist wird die ganze Struktur vor oder nach dem Vokal ausschließlich durch einen Konsonanten aufgebaut.93 Bei einsilbigen Wörtern und bei betonten Silben kommen sowohl die Laute [x], [ʒ] und [ŋ] sowie der vokalisierte r-Laut nicht im Anlaut von Silben vor. „Im unmittelbaren Auslaut von Einsilbern sind dagegen nicht möglich: die stimmhaften Verschluss- und Engelaute sowie das h, obwohl sie die Fähigkeit behalten, bei Wortveränderungen (Flexion) ihre Auslautverhärtung wieder aufzugeben.“94 Menzerath ist zur Kenntnis gekommen, dass die Zeit für die Realisierung eines Vokales mit der Länge der nach nachgipfligen Konsonantenstruktur verbunden ist. Wenn kein Konsonant nach den vokalischen Kernen kommt, dann wird den Vokal immer lang ausgesprochen. Je länger die Folge der nachgipfligen Konsonanten ist, desto größer ist der Prozentsatz der in derselben Silbenstrukturgruppe beinhalteten kurzen Vokale. Die Anzahl der kurzvokaligen einsilbigen Wörter erhöhen sich mit der Zahl der nachgipfligen Konsonanten: Kommt nach dem Vokal kein Konsonant, so wird der Vokal lang artikuliert; kommt einer, dann wird fast die Hälfte lang artikuliert. Wenn zwei Endkonsonanten dem Vokal folgen, so sind über 9/10 der beobachteten Beispiele kurz artikuliert.95 Außerdem erfasst man Silben als Sprecheinheiten, welche sich voneinander unterscheidbare Laute beinhalten. So setzt sich beispielsweise das Wort <Phonetik> aus drei Silben, nämlich [fo.neː.tɪk], zusammen. Die hier verwendeten Punkte deuten laut der IPA-Transkriptionen auf die Grenzen zwischen Silben hin. Bei den Silben handelt es sich nicht um die Trennung zwischen Wörtern in die Schriftsprache, sondern eher um die Worttrennung am Zeilenende in der gesprochenen Sprache. In der 2006 erneuerten Form der deutschen Orthographie sind die Worttrennungsregeln wie folgt: Die Wörter, die mehr als eine Silbe enthalten, können am Zeilenende getrennt werden. Dabei weisen die Grenzen der Silben, in welche man die geschriebenen Vokabeln bei langsamem Rezitieren aufteilen kann, keinen Unterschied zu den gewöhnlichen Trennstellen auf. Für die Zuordnung von Text und Melodie interessiert sich die Sprachwissenschaft. Diese Zuordnung vollzieht sich ganz klar nach allgemeinen Grundregeln: Jeder als Note aufgezeichnete Ton stimmt mit einer Einheit des Textes überein, welche aber nicht den bislang betrachteten Lauten entspricht, sondern die größere Einheit, die wir als Silbe erfassen. Andere Einheiten, wie etwa Morpheme, kleinste akustische Einheiten und Wörter, sind hingegen nicht entscheidend für diese Zuordnung von Text und Melodie. Silben sind also von großem Belang in der Vertonung der Sprache. In eine einzige Silbe kann man auch mehrere Noten einordnen (z. B. in den Koloraturen der Kunstmusik). Weitere Untersuchungen erweisen es als zutreffend, dass Silben eine ausschlaggebende Rolle im Sprechverhalten haben. Die Silbe ist ein bedeutsames Element in unserem üblichen alltäglichen Sprachverhalten. Sie wird ganz spontan und natürlich in der Kindersprache über die Poesie und Vertonung bis zur Rechtschreibung verwendet. Obendrein hat die Silbe eine systematische Rolle in phonologischen Verhältnissen, denen wir jetzt unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Als Erstes kann man sagen, dass Silben einfach oder komplex gebildet sein können, und dass wir eine relativ eindeutige Vorstellung davon haben, was für einfach und was für komplex hinsichtlich der Silbenbildung gehalten wird. Die als einfach betrachteten Silben setzen sich, wie viele Untersuchungen gezeigt haben, aus einem Konsonanten und einem Vokal (CV) zusammen. Dafür spricht, dass Kinder im frühen Spracherwerb in der Lage sind, als Erstes Silben mit dem Schema CV zu bilden. So sagen sie anstelle des Wortes <Dach> ein aus einem Konsonanten und einem Vokal bestehendes, einsilbiges Wort [da]. Darüber hinaus ist es ganz deutlich, dass CV-Silben die am meisten vorkommenden Silbentypen in der Erwachsensprache sind. Das Wort <Bonus> besteht beispielsweise aus zwei Silben, nämlich [bo:] und [nʊs]. 96 Der mittlere Konsonant [n] stellt hier den Anfang der zweiten Silbe dar. Dies macht deutlich, dass, wenn man in einem Wort die Wahl zwischen einer VC-Silbe und einer CV-Silbe hat, man sich für die CV-Silbe entscheidet.97 Überdies ist festzustellen, dass für komplex gebildete Silben nur gewisse Lautkombinationen als Reihenfolge am Anfang und am Schluss der Silben auftreten. Es gibt Phonemsequenzen, welche zwar auszusprechen sind, aber für einen Muttersprachler nicht akzeptierbar, da die Kombinationen initialer Konsonanten nicht annehmbar sind, so wie <Tfauk>, <Fnäus> und <Wdat> usw. Über Silbengrenzen hinweg können diese Kombinationen manchmal vorkommen, wie beispielsweise bei den Wörtern <Otfried> [tf], <Schaffner> [fn] usw. Solche Kombinationen von Konsonanten kommen in anderen Sprachen vor, so wie im Russischen.98 Die schon zitierten, im Deutschen nicht erlaubtem Kombinationen verdeutlichen es, dass es im Deutschen eine Gesetzmäßigkeit für die Bildung von Silben gibt, welche jeder Sprecher des Deutschen unbewusst kennt. „Tatsächlich findet sich, dass Silben, wenn vor oder nach dem Vokal mehr als ein Konsonant erscheint, in erster Linie solche Cluster akzeptieren, die mit einem engen Verschluss am Außenrand und einer weiteren Öffnung zum Vokal hin gebildet werden.“99 Das zeigt sich im Wort <Prost> ganz deutlich. Der komplette Verschluss am Anfang wird zum laut <R> geöffnet, danach zum Vokal noch weiter. Im Nachhinein kommt eine Schließung zum Konsonanten <S> und eine nächste komplette Schließung zum Konsonanten <t>.100 Daraus ergibt sich dann ein Muster von Silben mit der zentralen Aussage. Diese Silben sind so gebildet, dass sich ihre Schallfülle vom Anfang zum Vokal in der Mitte hin erhöht und sich von dort hin verringert. Diese inhärente Schallfülle bezeichnet man als Sonorität. Das soeben erwähnte Beispielwort stellt demzufolge das Sonoritätsmuster der Silbe dar. Es bezeichnet die Silbe als eine Gruppierung von Lauten, in welcher sich die Sonorität vom Anfang der Silbe zur Mitte hin verstärkt und zum Schluss der Silbe noch mal verringert. Weil Vokale im Allgemeinen Aufgrund des Grades der Öffnung die größte Sonorität haben, liegt bei ihnen der Schwerpunkt der Silbe. Bei einem weiteren klassischen Muster von Silben handelt es sich um Reime, also ein aus verschiedenen Teilen strukturiertes, in den Schlusssilben gleich klingendes Gebilde. Mindestens bei sich aus einer einzigen Silbe zusammensetzenden Wörtern sieht man ganz deutlich, dass man dann von Reimwörtern reden kann, wenn die Reihenfolge der Laute vom Vokal der Silbe an gleich geartet ist. Als Beispiel hierfür könnten die Wörter <Bier>, <Papier> und <vier> sehr gut dienen. Hier zeigt sich also, dass die Anfangssequenz in einer Silbe von deren anderen Bestandteilen unterscheidbar ist. Dies bestätigt die Tatsache, dass es sehr nützlich ist, die Silben in zwei Teile einzuordnen, welche öfter als Ansatz und Reim bezeichnet werden. Weitere Belege erweisen diese Analyse dadurch als zutreffend, dass eine Gesetzmäßigkeit zu finden ist, welche sich besonders auf den Reim und den Ansatz bezieht.101 Es kann jedoch in gleicher Weise nachgewiesen werden, dass sich der Reim aus zwei Teilen zusammensetzt, und zwar dem Kern beziehungsweise Nukleus und Koda. Der Silbenkern zeichnet sich dadurch aus, dass er das einzige obligatorische Glied der Silbe ist. Ansatz und Koda hingegen sind nicht obligatorisch. Der Kern muss aus Segmenten, die öfter Vokale sind, bestehen. Bei diesem Muster der Silben ist es möglich, die Lautkombinationen für Ansatz, Kern und Koda voneinander separiert darzulegen. Diese Unterscheidung könnte auch adäquat sein, da es „starke Beschränkungen für die Kombinierbarkeit innerhalb dieser drei Silbenkonstituenten gibt, aber nur schwache Beschränkungen zwischen ihnen.“102 Das zeigt sich in den folgenden Beispielwörtern: <springen>, <sprechen>, <sprang>, <Sprudel>, <Sprotte>, <spreizen> usw. Bei diesen Wörtern fällt auf, dass der aus drei Buchstaben bestehenden Konsonantencluster [ʃpR] mit fast allen folgenden Vokalen kombinierbar ist. Man kann also die Schlussfolgerung ziehen, dass keine systematischen Beschränkungen zwischen Ansatz und Kern in einer Silbe bestehen, sondern nur eine auf Zufall beruhende lexikalische leere Stelle.103 Im Prinzip werden Konsonanten vor einem Vokal dem Silbenansatz zugeordnet, Vokale dem Silbenkern und Konsonanten der Silbenkoda. In nach dem Muster (CV) gebildeten Silben ist die Koda leer. Solche Silben werden als offene Silben bezeichnet. In einem solchem Silbenmodell ist es möglich, lange Vokale als Vokale, welche zwei Stellen im Kern der Silbe haben, zu untersuchen. So tritt in die Silbe eine weitere Subklasse, in welche sich der Kern auch aufgliedern lässt. Lange Vokale haben also – genauso wie Diphthonge – zwei Positionen. Eine der schwer zu behandelnden Fragen bezüglich der Silbenphonologie ist die genaue Trennung der Silben voneinander, besonders, wenn es verschiedene Konsonanten zwischen zwei Vokalen gibt. Betrachtet man die Wörter <Australien> und <Fenster>, stellt man fest, dass es nicht ganz klar ist, welcher der intervokalischen Konsonanten zu welcher Silbe zählt.104 Auffällig ist, dass viele Wörter diesen Typs den Buchstaben <s> enthalten. Eine ähnliche Frage tritt bei Kurzvokalen und nur einem als nächstes kommenden Konsonanten, gefolgt von einem anderen Vokal, auf. Feststellbar ist, dass Wörter des Deutschen nicht einen kurzen ungespannten Vokal am Schluss haben können. Also: kein Wort in der deutschen Sprache endet auf [ I, Y, ɛ, œ, a, ɔ, ʊ].

[...]


1 Vgl. Omar Mahmood 2014, S. 11.

2 Bundesministerium des Innern (2016): 2015: Mehr Asylanträge in Deutschland als jemals zuvor. – <www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/01/asylantraege-dezember-2015.html> (Stand: 2016) (Zugriff: 05.08.2016)

3 Vgl. Hirschfeld 2011, S. 12.

4 Vgl. Omar Mahmood 2014, S. 12.

5 Omar Mahmood 2014, S. 12.

6 Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache: Phonetik – <http://www.uni-marburg.de/administration/satzung/fehlverhalten>. (Zugriff: 16.02.2016).

7 Vgl. Linder 1981, S. 2.

8 Vgl. Linder 1981, S. 3.

9 Universität Kiel (2006): – <http://www.ipds.uni-kiel.de/lehre/wasndasei.de.html> (Stand: 2006) (Zugriff: 20.7.2016).

10 Vgl. Kohler 1977, S. 25.

11 Linder 1981, S. 220.

12 Vgl. Kohler 1977, S. 173.

13 Vgl. Linder 1981, S. 220

14 Genetisch betrachtet man die Vokale als Öffnungslaute. Akustisch können bei den Vokalen die Formanten durch Nachforschen herausgefunden werden. Perzeptiv hat das akustische Signal einen Einfluss auf den Analysator, dessen Analyseweise sich vor allem auf die intensitätsstärken Gebiete des Spektrums richtet.

15 Kohler 1977, S. 174.

16 Vgl. Kohler 1977, S. 175.

17 Vgl. Kohler 1977, S. 175.

18 Kohler 1977, S. 176.

19 Die türkische Sprache ist eine der Sprachen, bei denen dieser Vokal zu finden ist.

20 Dieser Vokal entspricht dem englischen Vokal wie im Wort <rod>

21 In der hebräischen Sprache bezeichnet man diesen Vokal als „Schwa“. Im fünften Kapitel wurde dieser Vokal ausführlich behandelt.

22 Vgl. Wiese 2011, S. 37.

23 Vgl. Wiese 2011, S. 37.

24 Wiese 2011, S. 38.

25 Vgl. Wiese 2011, S. 38.

26 Vgl. Szulc 2002, S. 207.

27 Vgl. Szulc 2002, S. 207.

28 Vgl. Szulc 2002, S. 208.

29 Vgl. Szulc 2002, S. 208.

30 Vgl. Szulc 2002, S. 208.

31 Vgl. Szulc 2002, S. 210.

32 Vgl. Szulc 2002, S. 210.

33 Fuhrhop/Peters 2013. S.46, zit. nach Kohler 1995, S. 140.

34 Vgl. Fuhrhop/Peters 2013, S.46.

35 Vgl. Fuhrhop/Peters 2013, S.46 f.

36 Vgl. Fuhrhop/Peters 2013, S. 47.

37 Vgl. Fuhrhop/Peters 2013, S. 47.

38 Fuhrhop/Peters 2013, S. 47.

39 Vgl. Wiese 2011, S. 50.

40 Vgl. Linder 1981, S. 239.

41 Linder 1981, S. 239.

42 Vgl. Linder 1981, S.239.

43 Als helle Vokale betrachtet werden im Deutschen <i> und <e> und die Diphthonge <ei>, <eu> und <äu>, als dunkle Vokale hingegen <a> und <o> und der Diphthong <au>.

44 Linder 1981, S. 239.

45 Vgl. Linder 1981, S. 239.

46 Linder 1981. S. 239, zit. nach Menzerath 1935, S. 241-260.

47 Kohler (1977), S. 176.

48 Kohler (1977), S. 177.

49 Vgl. Szulc 2002, S. 212.

50 Vgl. Szulc 2002, S. 212.

51 Vgl. Szulc 2002, S. 212.

52 Vgl. Fuhrhop/Peters 2013, S. 54.

53 Fuhrhop/Peters 2013, S. 54.

54 Vgl. Fuhrhop/Peters 2013, S. 55.

55 Vgl. Fuhrhop/Peters 2013, S. 56.

56 Fuhrhop/Peters 2013, S. 56.

57 Vgl. Fuhrhop/Peters 2013, S. 56.

58 Redecker 2010, S. 57.

59 Vgl. Hirschfeld/Stock 2011, S. 36.

60 Vgl. Altmann/Zigenhain 2010. S. 47, zit. nach Omar Mahmood 2014, S. 88.

61 Ternes 2012, S. 102 f.

62 Werner 1972, S. 32 ff.

63 Vgl. Ternes 2012, S 102 f. und Werner 1972. S. 32 ff., zit. nach Omar Mahmood 2014, S. 88.

64 Vgl. Linder 1981, S. 233.

65 Vgl. Linder 1981, S. 233.

66 Vgl. Linder 1981, S. 233.

67 Linder 1981, S. 233.

68 Vgl. Linder 1981, S. 233.

69 Linder 1981, S. 234.

70 Vgl. Linder 1981, S. 234.

71 Vgl. Linder 1981, S. 234.

72 Linder 1981, S. 235.

73 Vgl. Linder 1981, S. 235.

74 Linder 1981, S. 235.

75 Vgl. Linder 1981, S. 236.

76 Linder 1981, S. 236.

77 Vgl. Linder 1981, S. 236.

78 Vgl. Linder 1981, S. 236.

79 Vgl. Linder 1981, S. 236.

80 Vgl. Linder 1981, S. 236.

81 Vgl. Linder 1981, S. 237.

82 Vgl. Linder 1981, S. 237.

83 Vgl. Linder 1981, S. 237.

84 Linder 1981, S. 237.

85 Linder 1981, S. 238.

86 Vgl. Linder 1981, S. 238.

87 Linder 1981, S. 238.

88 Vgl. Linder 1981, S. 238.

89 Vgl. Linder 1981, S. 239.

90 Fuhrhop/Peters 2013, S. 45.

91 Vgl. Linder 1981, S. 286.

92 Vgl. Linder 1981, S. 293.

93 Vgl. Linder 1981, S. 294.

94 Linder 1981, S. 295.

95 Vgl. Linder 1981, S. 294.

96 Vgl. Wiese 2011, S. 69.

97 Vgl. Wiese 2011, S. 69.

98 Vgl. Wiese 2011, S. 70.

99 Wiese 2011, S. 71.

100 Vgl. Wiese 2011, S. 71.

101 Vgl. Wiese 2011, S. 73.

102 Wiese 2011, S. 73.

103 Vgl. Wiese 2011, S. 73.

104 Vgl. Wiese 2011, S. 75.

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Das Schwa im Deutschen und dessen Vermittlung an arabischsprachige Deutschlerner
Untertitel
Eine vergleichende Studie der arabischen und deutschen Vokale
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
3
Autor
Jahr
2016
Seiten
114
Katalognummer
V882735
ISBN (eBook)
9783346207531
ISBN (Buch)
9783346207548
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phonetik, phonologie, vergleichende Sprachwissenschaft, Vokale des Arabischen, Deutsche Vokale, Laute, Deutsche und Arabischen Laute, Vergleich der arabischen und deutschen Sprache
Arbeit zitieren
Salem Fares Massaoudi (Autor), 2016, Das Schwa im Deutschen und dessen Vermittlung an arabischsprachige Deutschlerner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/882735

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