Sozialer Vergleich auf Sozialen Medien. Wie beeinflusst die Nutzung sozialer Medien das Körperbild?


Bachelorarbeit, 2019

51 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie
2.1 Theorie des sozialen Vergleichs
2.1.1 Einflussfaktoren
2.1.2 Auswahl des Vergleichsstandards
2.1.3 Vergleichsrichtungen
2.1.4 Assimilation und Kontrastbildung
2.2 Körperbild
2.2.1 Physische Attraktivität aus wissenschaftlicher Sicht
2.2.2 Erscheinungsformen des Körperbildes
2.3 Soziale Medien
2.3.1 Inhaltsselektion
2.3.2 Interessengemeinschaften
2.3.3 Soziale Nähe
2.3.4 Mediatoren und Moderatoren

3 Methode
3.1 Rechercheverfahren
3.2 Literaturauswahl
3.3 Kategorienraster

4 Forschung
4.1 Medium
4.2 Körperideal
4.3 Nutzungshäufigkeit und -intensität
4.4 Körperbefinden
4.5 Medienkompetenz
4.6 Elternverhältnis
4.7 Ähnlichkeit und Nähe des Vergleichsstandards
4.8 Geschlecht
4.9 Alter
4.10 Selbstwertgefühl
4.11 Likes
4.12 Fotobearbeitung

5 Diskussion

6 Kritik und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Tabellenverzeichnis

9 Eidesstattliche Erklärung

Abstract

Diese Literatursynopse setzt bei den neugeschöpften digitalen Möglichkeiten für Ver-gleichsprozesse an. Soziale Netzwerke verzeichnen ein neuartiges Vergleichspotential, das sich maßgeblich auf oberflächliche sowie Körper-ästhetische Inhalte bezieht. Dieser neugewonnenen Umstände wird die Vermutung entgegengebracht, dass inszenierte und gefilterte Profile soziokulturellen Druck auf das Körperbild junger Nutzer ausüben. Dies-bezüglich wird in der folgenden Arbeit die Forschungsfrage beantwortet, welche Ein-flussfaktoren sich auf die Beziehung zwischen der Nutzung sozialer Medien und dem Körperbild der Nutzer auswirken.

Das Ziel dieser Forschung ist es, in Bezugnahme der sich stetig wandelnden Dynamik sozialer Plattformen, den bisherigen Forschungsstand zu analysieren und die untersuch-ten Einflussfaktoren in ein Kategorienschema einzuteilen. Um die Forschungsfrage zu beantworten, werden Unterschiede der sozialen Plattformen, das betrachtete Körperideal, potentielle Schutzmechanismen, soziodemographische Aspekte sowie der Einfluss von Likes und Fotobearbeitung analysiert.

Diese Forschung wird letztlich mit einer kritischen Auseinandersetzung der sich aufge-zeigten Forschungslücken und weiterführendem Untersuchungspotential abgeschlossen. Diesbezüglich erweisen sich zusammenfassend geschlechtliche Differenzierung, das Ein-beziehen sexueller Orientierung sowie intervenierende Faktoren der Diversität von Kör-peridealen als potentielle Forschungsansätze.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1

Tabelle 2

1 Einleitung

Schönheitsflecken werden beseitigt, die Haut gestrafft, Muskeln definiert, die Taille ver-schmälert und der Kiefer geschärft. So oder so ähnlich verläuft möglicherweise der Be-arbeitungsaufwands eines Fotos, bevor es in den Weiten des digitalen Netzes geteilt wird. Bildbearbeitung anhand diverser Weichzeichner, Filtermöglichkeiten sowie digitaler Werkzeuge des Verformens sind anscheinend keine exklusiven Angelegenheiten von Werbeagenturen und Fotographen mehr. Die neugeschöpften Möglichkeiten des digitalen Zeitalters eröffnen jedem Smartphone-Besitzer, sich ganz bequem auf der Couch von Zu-hause den Traumkörper hinzuformen. Die Illusion einer optisch scheinbar verbesserten Version des eigenen Selbst erweist sich wohlmöglich als neue Richtlinie der Selbstprä-sentation im Netz. So verzeichnet sich gegenwärtig das Potential sich selbst zu inszenie-ren und die gesamte Welt daran Teil haben zu lassen. Vergleichsprozesse verhelfen uns, die unmittelbare Umgebung zu kategorisieren und soziale Realität herzustellen (Toma-sello, 2013: 774). Soziale Vergleiche verschaffen weiterführend eine Einschätzung der Handlungs- sowie Denkmöglichkeiten (Festinger, 1954: 117). Doch was passiert, wenn der Mensch sich potentiell mit jeder Person vergleichen kann und das auf Basis eines inszenierten und gefilterten Profils im digitalen Raum. Visuell-zentrierte Netzwerke wie Instagram und Facebook werden primär von jungen Leuten genutzt und erweisen sich als Kommunikationskanal der neuen Zeit (Singh, Abraham & Pandey, 2019: 90). Die primär oberflächlichen Inhalte beziehen sich oftmalig auf Körper-ästhetische Inhalte, die ein Be-wusstsein von Fitness und Gesundheit vermitteln sollen. Jenen Umständen wird die Ver-mutung unterlegt, dass sich ein gewisser soziokultureller Druck auf das Körperbild junger Nutzer ausübt. In Bezugnahme der gegenwärtig populären Bildbearbeitung und Selbstin-szenierung erweist sich die mögliche Anforderung einem bestimmten Körperideal ge-recht zu werden. In Anbetracht der sich stetig wandelnden Dynamik sozialer Plattformen und Empirie des Forschungsfeldes soll eine Literatursynopse den bisherigen Forschungs-stand aufbereiten und die Erkenntnisse folgender Forschungsfrage darlegen: Welche Ein-flussfaktoren ergeben sich auf die Beziehung zwischen der Nutzung sozialer Medien und dem Körperbild der Nutzer?

Anhand der Theoriebildung von Festinger (1954) wird ein theoretisches Grundfundament der sozialen, körperlichen sowie technischen Aspekte der Thematik aufgestellt werden. Entlang der Grundinformationen von Vergleichsprozessen folgt eine Ausdifferenzierung des Körperbildes, sowie des digitalen Vergleichspotentials. Fundiert auf jenem Grund-konstrukt wird ein Kategorienraster hergeleitet, das die bisherige Forschung systemati-siert und die jeweiligen Befunde innerhalb von zwölf Dimensionen eingliedert. Abschlie-ßend werden jene Erkenntnisse zusammengeführt und mit einer Literaturkritik sowie zu-künftigen Forschungsansätzen abgerundet.

2 Theorie

Dieses Kapitel dient voranstellend als Aufbereitung des theoretischen Fundaments des Forschungsgegenstandes und stellt die wissenschaftliche Differenzierung her. Jene theo-retische Rahmung wird entlang der ursprünglichen Theorieentwicklung des sozialen Ver-gleichs nach Leon Festinger, der weiterführenden Ausdifferenzierung des Körperbildes, sowie der Kernelemente des digitalen Vergleichspotentials, dargelegt.

2.1 Theorie des sozialen Vergleichs

Die Konfrontation mit idealisierten Körperdarstellungen im digitalen Raum weist die Theorie des sozialen Vergleichs als theoretischen Ursprung auf. Jene Theorie wurde von dem US-amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger im Jahre 1954, nahezu 40 Jahre vor der Etablierung des World Wide Webs (Berners-Lee & Fischetti, 2000: 18f), in seiner Schrift A Theory of Social Comparison Processes, begründet (Schachter, 1994: 101ff). Festingers Grundkonstrukt der Theorie wurde folglich in anknüpfenden Forschun-gen weiterentwickelt sowie gleichermaßen, primär bezüglich der betrachteten Hypothe-sen, partiell revidiert sowie widerlegt. Forschungen in Bezug auf Meinungsvergleich so-wie Meinungsführerschaft werden hinsichtlich des Forschungsfokus dieser Arbeit ver-nachlässigt.

“Human judgment is comparative in nature“ (Mussweiler, 2003: 472) und erklärt die Wahrnehmung des Menschen als spezifische Kategorisierung und relative Einordnung seiner Umgebung (Tomasello, 2013: 774). Durch den primären Vergleich der eigenen Meinungen, Fähigkeiten und Leistungen mit anderen Personen, erfährt der Mensch spe-zifische Informationen über sich selbst. Jener elementare Informationsgewinn erklärt den Grundansatz von Festingers Forschungserkenntnissen und verweist auf die menschliche Begierde nach einem realistischen Bild der Welt (Festinger, 1954: 117). Damit sich eine Person beispielsweise selbst als athletisch charakterisieren kann, benötigt sie die verglei-chende Grundansicht, dass bestimmte Personen athletischer sind als andere (Huttenlocher & Higgins, 1971: 487ff). Jegliche Evaluation ist relativ und verknüpft die evaluierte Per­son mit korrespondierenden Normen und Standards, die für den Vergleich herangezogen werden (Mussweiler, 2003: 472). Hinsichtlich dessen erklärt sich das menschliche Be-dürfnis bezüglich einer „subjektive[n] Gewißheit [sic], über die Korrektheit der eigenen Einschätzungen über Meinungen und Fähigkeiten zu erlangen und falsche Informationen und Kognitionen zu vermeiden“ (Frey, Dauenheimer, Parge & Haisch, 1993: 87). Die individuellen Ziele der betrachteten Person kennzeichnen diesbezüglich das persönliche Anspruchsniveau, welches begleitend den Vergleichsprozess prägt (Raab, Unger & Un-ger, 2010: 30).

2.1.1 Einflussfaktoren

Der soziale Vergleich wird nach Festinger maßgeblich dann in Betrachtung gezogen, ob-wohl objektive Kriterien nicht zur Verfügung stehen (1954: 118). Jene These wurde ge-mäß der gegenwärtigen Forschung mit der Relevanz der Attraktivität und Popularität der jeweiligen Bezugspersonen- oder Gruppen erweitert. Diese werden objektiven Kriterien situationsbedingt sogar vorzogen, auch wenn diese durchaus präsent sind (Miller, 1977: 354). Bezüglich der Quelle valider Informationen, variieren demnach „preferences for comparison mode (…) depending upon (…) the underlying interpersonal orientation of the individual, and his perceived competence relative to the comparison group” (ebd., 1977: 353).

Es differenziert sich ebenso eine gewisse menschliche Motivation, die eigenen Fähigkei-ten und Kompetenzen durch den sozialen Vergleich zu verbessern (Wheeler & Suls, 2007: 13). Festinger inspizierte dementsprechend die Hypothese des „unidirectional drive upward“ (1954: 124), welche folglich mittels gegendarstellenden Forschungen weiterent-wickelt wurde. Es erklärte sich der Konsens, dass „people not only wish to evaluate their abilities, they also feel pressure to continually improve them” (Wood, 1989: 232).

Demgemäß erschließt sich folglich der Druck nach sozialer Uniformität. Jene Erschei-nung erklärt sich vordergründig aus dem Bedürfnis nach sozialer Realität, sowie der Fä-higkeit, anhand anderer Personen das gesamte Spektrum an Handlungs- sowie Denkmög-lichkeiten einschätzen zu können (Wheeler & Suls, 2007: 13). Darauf aufbauend ergibt sich somit das fortschreitende Potential des sozialen Wettbewerbs, welches innerhalb des digitalen Raums gegenwärtig neue Anschlussmöglichkeiten findet. Die jeweilige kontex-tuelle Einbettung des sozialen Vergleichs, innerhalb der korrespondierenden Umgebung, erklärt ergo ein auf sich aufbauendes Reaktionskonstrukt: „social comparison leads to affiliation, (…) similar comparison (…) leads to pressures toward uniformity (…), and the unidirectional drive upward leads to competition” (Wood, 1989: 232).

2.1.2 Auswahl des Vergleichsstandards

Würden soziale Vergleichsprozesse lediglich als autonome Reaktionen auf die bloße Prä-senz anderer Personen betrachten werden, so wäre ein triebhaft permanenter Vergleich mit jedem anwesenden Individuum die potentielle Folge (Gilbert, Giesler & Morris, 1995: 240). Doch hinsichtlich der Forschungsergebnisse nach Festinger und darauf fol-genden Studien vergleichen sich Individuen lediglich mit bestimmten Personen.

Zurückgreifend ist einem sozialen Vergleich fortlaufend das potentielle Ziel übergeord-net, ein hohes Maß an Informationen hinsichtlich der persönlichen Einschätzung sowie der Auffassung der Umgebung offen zu legen. Die Auswahl der Vergleichsperson lässt sich folglich danach näher präzisieren, „that people restrict such comparisons to those whom they consider sources of diagnostic information” (ebd., 1995: 227). Bei einer ge-gebenen Auswahl an potentiellen Vergleichspersonen liefern diejenigen mit ähnlichem Hintergrund, Fähigkeiten und Meinungen die überwiegend essentiellen Informationen. Demgemäß tendieren Individuen dazu, primär Personen aus dem engen sozialen Umfeld für den Vergleich auszuwählen (Festinger, 1954: 120ff). So differenziert sich beispiels-weise der Vergleich junger Frauen mit professionellen Models entgegen weiblicher Per-sonen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld, da jene einer anderen Personenschicht zugeordnet werden (Cash, Cash & Butters, 1983: 354f).

In Anbetracht der Evaluation spezifischer Attribute erklärt sich der soziale Vergleich be-züglich Individuen mit related attributes als ausdrücklich informativ (Miller, Turnbull & McFarland, 1988: 908). Hinsichtlich dessen zeigen sich spezifisch geteilte Attribute , die eine Person für einen Vergleich vorzieht, selbst wenn diese nicht in Verbindung zu dem eigentlich zu vergleichenden Attribut stehen (Wood, 1989: 236). So vergleichen bei-spielsweise Schüler ihre Noten mit Mitschülern von ähnlicher physischer Attraktivität, obwohl diese nicht mit der Note direkt verknüpft ist (Marks & Miller, 1982: 732f). Jene Related-Attributes Hypothesis begründet ebenso die bevorzugte Personenselektion des gleichen Geschlechts und angleichender Altersschicht. Die unterliegende Motivation für den Vergleich erklärt sich demgemäß primär auf Basis von sozialer Identifikation (Locke, 2014: 4).

2.1.3 Vergleichsrichtungen

Fundiert auf den dargelegten Auswahlkriterien der Vergleichspersonen, müsste ein ge-wisser Grad an potentieller Kontrolle über den Vergleichsprozess vermutet werden (Mi-chinov, 2005: 109). In Anbetracht der theoretischen Ausgangsebene nach Festinger, erklärt seine Einsicht in die Materie „the process, and not the processor [as] the active agent (…) he was thinking of social comparison as a reaction to the environment rather than as an action played on it” (Gilbert et al., 1995: 229). Die aktive Kontrolle des Ver-gleichenden wird dennoch in weiterführenden Studien präziser beleuchtet und erklärt „a lack of complete control (...) not [as] a complete lack of control. Indeed, even a person (…) can control (…) which others to encounter, and (…) choosing which conclusions to revise (ebd., 1995: 239). Hinsichtlich jenes gegebenen Kontrollzuspruchs, verknüpft mit der soziale Umgebung, differenzieren sich drei mögliche Vergleichsrichtungen.

Der Horizontalvergleich vollzieht sich mit Gleichgestellten zwecks der Zielsetzung von Selbsteinschätzung und emotionalem Wohlbefinden (Festinger, 1954: 112). Der abwärts-gerichtete Vergleich charakterisiert jene Ausprägung des sozialen Vergleichsprozesses, durch den Personen „enhance their own subjective well-being through comparison with less fortunate others“ (Wills, 1981: 264). Jene Form agiert hinsichtlich der Funktion, den eigenen Selbstwert zu stärken sowie gleichermaßen zu schützen (Wood, 1989: 241). Die-ser Schutz- sowie Steigerungsprozess erfolgt potentiell auf einer passiven oder aktiven Basis und wird wissenschaftlich verknüpft mit „specific evidence of [a] tension-reducing effect“ (Wills, 1981: 264).

Abschließend differenziert sich der aufwärtsgerichtete Vergleich mittels der Auswahl an Vergleichspersonen, die dem vergleichenden Individuum potentiell überlegen zu sein scheinen. Jene Überlegenheit verweist auf „illustrating an ideal, desired self, highlighting possible achievements that one can strive for” (Lockwood, Jordan & Kunda, 2002: 854) und bezieht sich auf optischer Aspekte, physische Leistung sowie materielle Güter. Der Vergleichsstandard fungiert diesbezüglich als Vorbild wünschenswerter Ziele und gesell-schaftlicher Positionierung (Lockwood et al., 2002: 854ff). Dementsprechend öffnet sich das Potential für Selbstverbesserung und Motivation, durch Inspiration der positiv ange-sehenen Attribute, eigene Ziele und Optimierungen zu erreichen (Wood, 1989: 239). Jener potentiellen Selbstverbesserung stehen gleichermaßen negativen Auswirkungen entgegen, die gegebenenfalls das Selbstwertgefühl und die Körperwahrnehmung beeinflussen (Gilbert et al., 1995: 241f). Demgemäß erklärt sich die Differenzierung zwi-schen „inspiring versus threatening upward comparisons. One's concerns for self-im­provement may conflict with one's concerns for self-enhancement” (Wood, 1989: 239). Jener Auswirkungskonflikt des aufwärtsgerichteten Vergleichs wird anschließend hin-sichtlich des Körperbildes näher beleuchtet. Die Richtung des jeweiligen Vergleichs- so-wie Bewertungsprozesses resultiert dennoch nach der von außen einwirkenden Sozial-komponente und der individuellen Intention des sich Vergleichenden.

2.1.4 Assimilation und Kontrastbildung

Hinsichtlich des Selective-Accessibility Model, fördert die jeweilige Vergleichsrichtung das Potential für Kontrastbildung oder Assimilationseffekte (Mussweiler, 2003: 473). Diesbezüglich beschreibt die Kontrastbildung die Distanzierung des Selbst von dem Ver-gleichsstandard. Jenes Phänomen entsteht primär bei hohen Leistungswerten oder Aus-prägungen des vergleichenden Standards, so dass sich diesbezüglich die sich verglei-chende Person von diesem distanziert (Mussweiler, Rüter & Epstude, 2005: 832). Assim­ilation charakterisiert dementgegen die Annäherung des Selbst` an den Vergleichsstand-ard und “requires a self-evaluative movement toward the comparison target (…) having an intelligent friend does not necessarily make one feel more intelligent” (Wheeler & Suls, 2007: 34). Demgemäß eröffnet sich ein erhöhtes Potential von Kontrasteffekten, da Vergleichsprozesse bezüglich mittelwertiger Standards nur beschränkt eintreten.

2.2 K örperbild

Auf Basis der gewonnenen theoretischen Grundlagen sozialer Vergleiche beschränkt sich an dieser Stelle der Fokus auf das Forschungsgebiet des Körperbildes. Folgend gliedert sich dieser in wesentliche Definitionsbildung, wissenschaftliche Spezifizierung der phy-sischen Attraktivität sowie Ausprägungsrichtungen des Körperbildes.

Der österreichische Psychiater und Psychoanalytiker Paul Schilder erschloss erstmals den Begriff des Body Image und kennzeichnete diesen als die innere Sicht des eigenen Kör-pers, sowie der damit verknüpfte Einfluss spezifischer Informationsverarbeitung und Verhaltensweisen (1935: 20f). Die daraus resultierende Definitionsentwicklung der Be-zeichnung differenzierte sich hinsichtlich der wissenschaftlichen Disziplinen und „en-compasses one’s body-related self-perceptions and self-attitudes, including thoughts, be­liefs, feelings, and behaviors” (Cash, 2004: 1f). Demgemäß erwies sich im deutschen Sprachraum ebenso die unpräzise Abgrenzung zwischen Körperschema, -bild und -erfah-rung (Lüdeke, 2010: 27). Entgegen der diversen Definitionsansätze wird in dem Kontext dieser Arbeit das Körperbild als die Wahrnehmung einer Person der Ästhetik und physi-sche Attraktivität des eignen Körpers betrachtet (Noles, Cash & Winstead, 1985: 8). Jene Wahrnehmung steht im Verhältnis mit dem gesellschaftlich erwünschten Standard und unterliegt einem stetigen Wandel hinsichtlich der Darstellungsweise sowie dem Darstel-lungsmedium (Cash & Smolak, 2011: 5f).

2.2.1 Physische Attraktivit ät aus wissenschaftlicher Sicht

Die folgende wissenschaftliche Perspektive hinsichtlich der physischen Attraktivität dient einer potentiell objektiven Einordnung des gegenwärtigen Schönheitsideals, so dass dieses für die folgende Forschung intersubjektiv nachvollziehbar ist.

Physische Attraktivität bei Frauen wurde in der Vergangenheit primär auf Basis des Ge-wichts orientiert und verzeichnete einen schlanken bis dünnen Körper als erstrebenswer-tes Ideal (Dittmar, Halliwell & Stirling, 2009: 69f). Gefolgt des modernen Körperideals der Frau erschließen sich gegenwärtig ebenso die Körperattribute kurvig und athletisch als wünschenswerte Optik. Dabei gliedern sich daraufhin eine schmale Taille, geformte Hüften und trainierte Bauchmuskeln neben der grundlegend schlanken Körperform ein (Betz & Ramsey, 2017: 28f). Hinsichtlich des generalisierten Körperideals der Männer zeigt sich eine dominierende Tendenz zu einer definierten Muskelausprägung, sowie ei-nem betonten Oberkörper mit dennoch schlanker Taillenform (Boyd & Murnen, 2017: 1). Jene wünschenswerte Optik des männlichen Körpers „demonstrated that although ide­alized images of men exist, they are perceived as more flexible and heterogeneous“ (Wat­son & Murnen, 2019: 7). Weiterführend erschließt sich eine hohe zugerechnete Signifi-kanz der ästhetischen Verfassung des eigenen Körpers bei Personen im 50. bis 70. Le-bensjahr (Bailey, Cline & Gammage, 2016: 95f).

2.2.2 Erscheinungsformen des K örperbildes

Das subjektive Körperbild eines Individuums verschiebt sich dennoch infolge von sozio-kultureller Einwirkung, entgegen der denkbar objektiven und realen Erscheinung des Körpers (Watson, Lewis & Moody, 2019: 281). Jene Wahrnehmungsdifferenz erklärt sich in Anbetracht der Self-Discrepancy Theory von Tory Higgins (1987). Diesbezüglich er-fährt die subjektive Einschätzung des eigenen Körpers und dem damit vernetzten Wohl-befinden eine potentielle Diskrepanz in Anbetracht dessen, was eine Person denkt zu sein und dem, was sie denkt sein zu müssen, respektive sein zu wollen (Higgins, 1987: 335f).

Dementsprechend differenziert sich das Potential für Body Appreciation sowie Body Dis­satisfaction. Letzteres charakterisiert sich hinsichtlich negativer Ausprägungen des eige-nen Körperbildes, welche wissenschaftlich ein verstärktes Forschungsvolumen aufweisen (Winter & Satinsky, 2014: 39). Die negative Evaluation des eigenen Körpers segmentiert sich nach diversen Dimensionen (vgl. Clark, Skouteris, Wertheim, Paxton & Milgrom, 2009: 28f) und ist häufig assoziiert mit „anxiety and depression symptoms, and post-partum depression symptoms“ (Chan, Lee, Koh, Lam, Lee, Leung & Tang, 2019: 9). Je-ner versetzte Fokus auf die ästhetisch unvorteilhaft empfundenen Körperbereiche (Clark et al., 2009: 32f) mündet etwa in einer überwiegenden Einnahme von Steroide und alter-nativen Substanzen für einen unterstützten Muskelaufbau, sowie das Übertrainieren des Körpers entgegen seiner physischen Grenzen (Karazsia & Crowther, 2009: 105).

Dementgegen verweist Body Appreciation auf eine grundlegende Akzeptanz und Form der Wertschätzung gegenüber des eigenen Körpers. Dies bezieht sich auf eine positiv konnotierte Betrachtung der Körperform, Größe, Gewicht sowie vermeintliche Makel im Sinne der eigenen Individualität (Avalos, Tylka, & Wood-Barcalow, 2005: 286f). Jene Ausprägung des Körperbildes erklärt eine „potential relationship between multiple aspects of holistic sexual health behavior among various communities” (Ramseyer Win­ter & Satinsky, 2014: 41), sowie mögliche Schutzmechanismen des eigenen Körperbil-des. Bezüglich aufwärtsgerichteter Vergleiche mit vermeintlich überlegenen Individuen, wird deren physische Attraktivität nicht auf die eigene bezogen (Avalos et al., 2005: 286f). Jenes Phänomen zeigt sich gleichermaßen hinsichtlich eines niedrigeren Eintretens der Self-Objectification (Clark et al., 2009: 32) . Jenes Konzept verweist auf die vorwie-gende Priorisierung des physischen Aussehens, entgegen anderer Aspekte, wie beispiels-weise mentaler Gesundheit (Fredrickson & Roberts, 1997: 180ff). Dies führt zu der po-tentiellen Betrachtung des Körpers als Objekt, mittels dessen soziokultureller Erwartun-gen erfüllt werden sollen (Watson et al., 2019: 281f).

2.3 Soziale Medien

In näherer Betrachtung der genannten soziokulturellen Erwartungen erweitert sich jene Dimension hinsichtlich des neugeschöpften Potentials sozialer Netzwerke (Ivcevic & Ambady, 2012: 42f). Im Sinne einer gerahmten Analyse der digitalen Plattformen, benö-tigt es zunächst eine Abgrenzung und Charakterisierung dieser selbst. Die technischen Differenzen hinsichtlich der Interaktionsdynamik sowie Inhaltstruktur der jeweiligen Ap-plikationen verfließen gradweise und unterscheiden sich zunehmend lediglich in ihrer Handhabung (Mörl & Groß, 2008: 46ff). Dennoch erweist sich eine getrennte Betrach-tung der signifikanten Plattformen als forschungsrelevant, da sich die zugeordneten Nut-zergruppen sowie Nutzungsintentionen unterscheiden.

Audiovisuelle Plattformen, wie beispielsweise Instagram, besitzen hinsichtlich des tech-nischen Fokus` auf Video und Bildmaterial eine erhöhte Relevanz in Betrachtung des Körperbildes (Burnette, Kwitowski & Mazzeo, 2017: 122). Microblogging Netzwerke sowie maßgeblich Text-orientierte Applikationen, wie Twitter und ebenso Facebook, er-weisen sich als gleichermaßen forschungsrelevant, sollten aber dennoch aufgrund ihrer differenzierten Interaktionsdynamik separat betrachtet werden. Auf Grund der primär un-terhaltungsorientierten Inhalte gestalten sich bearbeitete und inszenierte Körperdarstel-lung auf dem Videoportal YouTube eher umständlich. Jener Algorithmus priorisiert Vi­deos mit unterhaltsamen sowie werbefreundlichen Inhalten entgegen perfektionierten Körperdarstellungen. Grundlegend vereinen jene Plattformen übergreifend eine hohe Ak-tivität junger Nutzer (Seyfert & Roberge, 2017: 79). Seit der Markteinführung von Insta-gram im Jahr 2010 erweisen sich gegenwärtig monatlich 700 Millionen aktive Profile mit hauptsächlich jungen Nutzern (Singh, Abraham & Pandey, 2019: 90). Personen jener Al-tersklasse befinden sich innerhalb des Selbstfindungsprozesses und nutzen soziale Platt-formen demnach gleichermaßen für Identitätsbildung, welche rückblickend essentiell für den sozialen Vergleich gekennzeichnet wurde (Wheeler & Suls, 2007: 13). Jene neu eröffneten Umstände für soziale Vergleiche werden folgend entlang der Dimen-sionen der Selbstinszenierung, Interessengemeinschaften sowie der vermeintlichen sozi-alen Nähe dargelegt.

2.3.1 Inhaltsselektion

Medial vermittelte Vergleichsprozesse erzeugen neue Einflusskomponenten, die entge-gen der direkten Kommunikation nicht gegenwärtig waren (Ivcevic & Ambady, 2012: 42f). Jene Einflusskriterien der online-Kommunikation eröffnen ein neu gewonnenes Kontrollpotential, nach dem soziale Netzwerke von deren Nutzern absichtlich für soziale Vergleiche herangezogen werden (Lee, 2014: 257f).

Digitale Plattformen lassen deren Nutzer personalisierte Profile mit einer ergiebigen aber dennoch selektiven Offenlegung persönlicher Informationen erstellen (Mörl & Groß, 2008: 25ff). Demgemäß ergibt sich nicht nur das Potential über andere zu lernen, sondern gleichermaßen eine weitläufige Anzahl von Personen, über die wir lernen können (Acar, 2008: 62f). Jene Selektion persönlicher Informationen wird dennoch primär entlang ge-sellschaftlich akzeptierter sowie positiv eingeschätzter Attribute ausgewählt, „which can limit the diagnostic power of stated preferences in personality judgments“ (Ivcevic & Ambady, 2012: 39). Jene Tendenz, primär positive Informationen und Momente auf so-zialen Netzwerken zu teilen, erzeugt ein selbstinszeniertes Erscheinungsbild. Jene Nutzer sammeln scheinbar lediglich positive Lebenserfahrungen und wirken vordergründig glücklicher, als die sich vergleichenden Personen (Vogel, Rose, Okdie, & Eckles, 2015: 255). Jene spezifische Betrachtung funktioniert primär bei “attributions about people whom they have never met before” (Chou & Edge, 2012:118). Jene selektive Informati-onsaufnahme festigt demnach die Vorstellung von durchwegs bestehendem Wohlbefin-den (Vogel et al., 2015: 254f).

Diesbezüglich erklärt das Positivity-bias Concept eine Wechselwirkung zwischen Au-thentizität und dem eigenen Wohlbefinden der Nutzer sozialer Plattformen. Jene Kom-munikation „demands positive forms of authenticity. Persons with lower levels of well-being (…) face difficulties to meet this expectation” (Reinecke & Trepte, 2014: 100). Die spezifische Selbstrepräsentation auf sozialen Netzwerken erfolgt diesbezüglich nach ei-ner grundlegend positiven, aber dennoch authentischen Darstellung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Sozialer Vergleich auf Sozialen Medien. Wie beeinflusst die Nutzung sozialer Medien das Körperbild?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Kommunikationswissenschaft-Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
51
Katalognummer
V882742
ISBN (eBook)
9783346198211
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Instagram, Körperbild, Sozialer Vergleich, Selbstwahrnehmung, Social Media, Körperwahrnehmung, Fitness, Fitnesswahn, Körperideal, Photoshop, Fotobearbeitung, Selbstwertgefühl, Soziale Medien
Arbeit zitieren
Manuel Kreis (Autor), 2019, Sozialer Vergleich auf Sozialen Medien. Wie beeinflusst die Nutzung sozialer Medien das Körperbild?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/882742

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