Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer Sportart stellt sich als problematisch dar, da die Schwelle zur populärwissenschaftlichen Methodik nur allzu leicht überschritten werden kann. Es sind deshalb Ansätze zu finden, die die Geschichte einer Sportart in einen bereits etablierten Bereich der Geschichtswissenschaft einordnet. So wird beispielsweise verhindert, dass die Beschäftigung mit einem bestimmten Verein in der Wiedergabe einer Vereinschronik mündet. Dies ist besonders wichtig, auch wenn einige Elemente der Vereins- und Institutionsgeschichte nicht vollständig ausgeklammert werden konnten. Deshalb wird hier ein sozialgeschichtlicher, mit sportwissenschaftlichen Elementen versehener, Ansatz gewählt, um der Thematik mit einer differenzierten Betrachtungsweise gerecht zu werden. Es wird in dieser Arbeit der Frage nachgegangen, ob der Einfluss der Nationalsozialisten oder die allgemeine sportliche Entwicklung für einen Aufstieg des Fußballs im Deutschen Reich bzw. im Ruhrgebiet ausschlaggebend war und inwieweit der Verein Borussia Dortmund als repräsentativ für diese Entwicklung gelten kann.
Die Relevanz einer Arbeit über die Geschichte des Fußballs gerade im Ruhrgebiet des Dritten Reiches ist deshalb hoch, da dieser Zeitraum von offizieller Seite des DFB und auch der Vereine oft stiefmütterlich behandelt worden ist, was nicht zuletzt im Zusammenhang mit deren Begünstigungen im eben erwähnten Zeitraum steht. Das heißt nicht, dass Vereine mit weniger aufbereiteter Vergangenheit gleichzeitig Günstlinge des Regimes gewesen seien, sondern vielmehr, dass die Auseinandersetzung auch in der oft als unpolitisch gehandelten Welt des Sports in der Verantwortung derer liegt, die Teil dieser Welt sind. Im Bereich von Borussia Dortmund geschah dies in ausführlicher Form in zwei Werken von Gerd Kolbe und Dietrich Schulze-Marmeling, die bei der Anfertigung dieser Arbeit herangezogen wurden. Da die reine Betrachtung des Vereins als Mikrokosmos bereits ausgeschlossen wurde, muss in den Bereich der Analyse auch die Sozialgeschichte des Dritten Reiches allgemein und des Ruhrbietes im speziellen mit einbezogen werden. Für eine weitere Betrachtung einzelner Städte oder des Ruhrgebiets über diese Arbeit hinaus wird auf die entsprechende Literatur verwiesen, da sonst der Umfang der Arbeit überschritten worden wäre.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Fußball im Deutschen Reich
2.1. Institutionalisierung bis 1933
2.2. Organisation ab 1933
2.3. Taktische Entwicklung bis 1939
3. Fußball im Ruhrgebiet
3.1. Das gesellschaftliche Umfeld
3.2. Einfluss des Nationalsozialismus
3.3. Die Bedeutung von Schalke 04
4. Sportliche Entwicklung des BVB
4.1. Vereinsgründung und Entwicklung bis 1935
4.2. Sportliche Entwicklung bis 1945
4.3. Bedeutung der Taktik
4.4. Bedeutung handelnder Persönlichkeiten
5. Der BVB zwischen Widerstand und Anpassung
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die taktische Entwicklung sowie die gesellschaftliche Einordnung des Fußballs im Ruhrgebiet während des Dritten Reiches, wobei der Verein Borussia Dortmund als zentrales Fallbeispiel dient. Ziel ist es zu analysieren, inwiefern der Verein als repräsentativ für die allgemeine sportliche Entwicklung der Epoche gelten kann und wie er sich im Spannungsfeld zwischen nationalsozialistischer Gleichschaltung, Anpassung und internem Widerstand positionierte.
- Fußball im Deutschen Reich und dessen institutionelle Veränderungen ab 1933.
- Die soziokulturelle Bedeutung des Fußballs im industriell geprägten Ruhrgebiet.
- Sportliche Professionalisierung und taktische Neuerungen, insbesondere durch Einflüsse aus England und Österreich.
- Der Fall Borussia Dortmund: Vereinsführung, Personalpolitik und das Verhältnis zum NS-Regime.
Auszug aus dem Buch
3.2. Einfluss des Nationalsozialismus
Im Rahmen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 und den hohen Arbeitslosenzahlen kam es vor allem im Ruhrgebiet zu einer höheren Aufnahmebereitschaft eines großen Teils der dort ansässigen Bevölkerung für eine Radikalisierung der Politik, sowohl nach Links als auch nach Rechts. Dies führte nicht selten zu Zusammenstößen der Angehörigen der jeweiligen Lager von NSDAP und KPD, deren regionale Unterstützung sich selbst in den Städten als äußerst heterogen erwies und sich oft in den Untergrund verlagerte.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30.01.1933 und dem schon im Juli 1932 durch den Preußenschlag ermöglichten Einfluss der Reichsregierung auf das Land Preußen, zu dem die das Ruhrgebiet umschließenden Provinzen Westfalen und Rheinland gehörten, kam es noch einmal zu einem letzten Aufbegehren der KPD vor allem in Dortmund, welches durch seine Intensität eine hohe Polizeipräsenz und das Auftreten der Nationalsozialisten in zivil nötig machte. Trotzdem wurde dadurch eine politische Einflussnahme auf Organisationen und Zusammenkünfte jeglicher Art nicht verhindert. Im Zeitraum von 1933 bis 1940 erfolgte die Auflösung vieler Vereine mit Fußballabteilungen im Ruhrgebiet, was zum einen auf die Gleichschaltung der Jugend- und Nachwuchsarbeit sowie auf die Einführung der Betriebssportgemeinschaften zurückführt werden kann, aber zum anderen war es auch eine Beseitigung von Regimegegnern, wie der im Ruhrgebiet verbreiteten KPD und SPD, wenn diese auch in entsprechenden Vereinen organisiert waren. Das galt vor allem für Arbeitersportvereine und auch für kirchliche Vereine, deren Betätigung über das kirchliche Zusammenleben hinaus, etwa in sportlicher Hinsicht, 1935 per Verordnung untersagt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Diese Einleitung erläutert die methodische Herangehensweise und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der repräsentativen Rolle von Borussia Dortmund im Kontext der gesellschaftlichen und sportlichen Bedingungen des Dritten Reiches.
2. Fußball im Deutschen Reich: Das Kapitel behandelt die Institutionalisierung des DFB, die Gleichschaltungsprozesse nach 1933 sowie die taktischen Entwicklungen des Fußballs, insbesondere die Einführung des WM-Systems.
3. Fußball im Ruhrgebiet: Hier wird das gesellschaftliche Umfeld des Ruhrgebiets, der Einfluss des Nationalsozialismus auf die Vereinsstrukturen und die sportliche Sonderstellung des FC Schalke 04 analysiert.
4. Sportliche Entwicklung des BVB: Dieses Kapitel widmet sich der Geschichte von Borussia Dortmund, der personellen Neuaufstellung der Vereinsführung, taktischen Neuerungen durch Trainer und dem sportlichen Aufstieg in die höchste Spielklasse.
5. Der BVB zwischen Widerstand und Anpassung: Die Analyse beleuchtet die ambivalente Identität des Vereins, der zwischen organisatorischer Anpassung an das Regime und vereinsinternen, oft informellen oder persönlichen Widerstands- bzw. Unterstützungsstrukturen oszillierte.
6. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese, die betont, dass der BVB ein Fallbeispiel für einen in der Arbeiterschaft verwurzelten Verein darstellt, dessen „Schizophrenie“ zwischen Anpassung und Widerstand historisch singulär aufzuarbeiten ist.
Schlüsselwörter
Fußball, Borussia Dortmund, Ruhrgebiet, Drittes Reich, Nationalsozialismus, Gleichschaltung, Vereinsgeschichte, WM-System, Amateurismus, Arbeitersport, FC Schalke 04, Sportgeschichte, Widerstand, Anpassung, August Busse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung des Fußballs im Ruhrgebiet während des Nationalsozialismus, wobei der Fokus auf dem Verein Borussia Dortmund liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Fußballtaktik, den institutionellen Veränderungen durch die Gleichschaltung und der soziokulturellen Verankerung von Vereinen in der Arbeiterbewegung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Borussia Dortmund repräsentativ für die allgemeine sportliche Entwicklung im Ruhrgebiet war und wie sich die politische Situation auf den Verein auswirkte.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es wird ein sozialgeschichtlicher Ansatz gewählt, der mit sportwissenschaftlichen Elementen kombiniert wird, um eine differenzierte Einordnung der Ereignisse zu ermöglichen.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert die Umbrüche im Vereinswesen ab 1933, die taktischen Neuerungen, den Einfluss von Schlüsselfiguren wie August Busse und das komplexe Spannungsfeld zwischen Anpassung und Widerstand.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Fußball, NS-Zeit, Ruhrgebiet, Vereinsstruktur, sportlicher Erfolg, Anpassung und die Einbindung in das politische System des Dritten Reiches.
Warum spielt Schalke 04 eine so bedeutende Rolle im Vergleich zum BVB?
Schalke 04 war in dieser Zeit sportlich überlegen und diente dem NS-Regime aufgrund seines massiven Erfolgs als Vorzeigeverein, was den BVB als Konkurrenten in den Schatten stellte.
Wie positionierte sich Borussia Dortmund gegenüber dem NS-Regime?
Der Verein passte sich organisatorisch an die Anforderungen des Regimes an, bewahrte sich jedoch durch eine apolitische Kameradschaft und personelle Entscheidungen eine gewisse, wenn auch zweckorientierte, Eigenständigkeit.
- Citation du texte
- Benjamin Pommer (Auteur), 2008, Schwarz-Gelb unterm Hakenkreuz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88311