Der "wîpsaelige" - zur Gestaltung der Lanzelet-Figur bei Ulrich von Zatzikhoven


Magisterarbeit, 2005
75 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Position der Forschung

3. Der Aufbau des Lanzelet

4. Zur Gestaltung der Lanzelet-Figur
4.1 Die Funktion der Namenlosigkeit
4.2 Der Aufbau der Ritterfigur
4.3 Das Verhältnis zu den Frauen – Lanzelet als wîpsaeliger Minneritter?
4.3.1 Die erste Frauenbegegnung – Die Galagandreiz-Tochter
4.3.2 Die zweite Frauenbegegnung – Ade
4.3.3 Die dritte Frauenbegegnung – Iblis
4.3.4 Die vierte Frauenbegegnung – Die Pluris-Königin
4.3.5 Lanzelet als „Erlöser“ in der Drachenkuss-Aventiure?
4.4 Lanzelet als Artusritter und die Rettung der Königin im Lanzelet.
4.5 Lanzelet als Herrscher

5. Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Lanzelet[1] des Ulrichs von Zatzikhoven musste eine lange Zeit ein literarisches Schattendasein fristen, da die Altgermanistik ihn für einen zwar frühen, aber eindeutig trivialen Roman unter den Artusdichtungen hielt. Bei dem Werk über den Musterritter Lanzelet handelt es sich um die erste deutsche Bearbeitung des Lancelot-Stoffes, wobei das Werk jedoch signifikant von seinem berühmten Namensvetter und literarischen Vorläufer, dem Lancelot des Chrétiens des Troyes, abweicht. Vordergründig wurde das Werk des Zatzikhoveners daher zumeist im kritischen Vergleich mit dem altfranzösischen Lancelot betrachtet und auch die Gegenüberstellungen mit den deutschen „Klassikern“ verhärtete die Kritik sowie das Unverständnis an diesem Text – mit seiner krisenlosen, wîpsaeligen Ritterfigur – nur umso mehr. So vertraten selbst bekannte und renommierte Altgermanisten die Meinung, dass der Lanzelet als „ein trüber Spiegel“ des Iwein die „niedere Artusepik“ (Hugo Kuhn) widerspiegelte, nur durch „reine Stofflichkeit“, ohne erkennbaren Sinn wie Struktur, bestimmt sei und dabei einen wîpsaeligen Helden zeige, dem „sittliche Läuterung“ (Helmut de Boor) völlig fern bleibe. Sogar im Verfasserlexikon (erste Aufl.) wurde behauptetet, dass es sich hierbei um eine bedenkenlose „Kompilation von verschiedenartigem Strandgut barbarischer Herkunft“ handle und die Heldenfigur lediglich ein „unersättlicher Buhler“ sei.[2]

Entscheidend ist aber, dass sich die Meinungen und das Verständnis für diesen Text und seinen Titelhelden seit den 70er Jahren allmählich gewandelt haben und das Interesse sowie die Diskussion um dieses Werk erneut aufgekommen und vor allem gestiegen ist. Insbesondere in den letzten 15 Jahren strebten die literarischen Untersuchungen und Analysen nicht nur eine Rehabilitation des Textes, sondern ferner eine neue Sichtweise auf das Gesamtwerk und seine Figuren an. So wurde der Lanzelet nun teilweise unabhängig, aber insbesondere differenzierter von der „klassischen“ Artusdichtung betrachtet, wodurch das Werk und seine Lanzelet-Figur eine positive Aufwertung erfuhren. Allerdings bleiben trotz all dieser Bemühungen noch viele Fragen offen.

Diese Arbeit setzt sich mit der Gestaltung der Lanzelet-Figur bei Ulrich von Zatzikhoven auseinander, weshalb im hierauf folgenden Punkt – nach einer kurzen Vorstellung der „Andersartigkeit“ des Lanzelet – einzelne Forschungsergebnisse zu Werk und Figur vorgestellt sind, die den kontroversen Umgang mit diesem Text und die bestehende Forschungsproblematik verdeutlichen. Wie sich unter diesem Punkt weiterhin zeigen wird, ist als eine der größten „Besonderheiten“ oder „Abweichungen“ von der „klassischen“ Artusdichtung die andere oder veränderte Aufbaustruktur des Werkes zu bezeichnen, die sich vor allem durch einen krisenlosen Titelhelden und dessen biographische Lebensdarstellung äußert. Hierzu erfolgt ein gesonderter Punkt, der den Aufbau des Lanzelet anhand dieser Merkmale vorstellt und in die Gattung als Artusroman setzt.

Neben der Zeichnung eines krisenlosen Lebens beinhaltet die Lanzelet-Figur des Zatzikhoveners aber weitere Merkmale, die in die Gestaltung der Heldenfigur mit einfließen und daher als Bestandteile hiervon identifiziert werden können. Um diese Merkmale zu isolieren und gesondert vorzustellen ist zunächst angeführt, wie der Autor selbst das „glückselige Leben“ und den Erfolg seines Musterritters begründet und folgend, in welchem Zusammenhang die von Ulrich konstruierte Namenlosigkeit des Helden der „ersten Romanhälfte“[3] mit dessen Aventiure-Weg steht. Hierauf schließt sich der Aufbau der Ritterfigur an, insbesondere im Vergleich zu den anderen Helden des Werkes – sowohl aus der arthurischen Welt, wie „außerhalb“ von dieser –, um den Hintergrund bzw. die Funktion einer vollkommenen Ritterfigur für die Romanhandlung darzustellen.

Bei der Auseinandersetzung mit der Lanzelet-Figur ist aber, trotz des krisenlosen Lebens, der zweckorientierten Namenlosigkeit und vollkommenen Ritterfigur, an erster Stelle seine „wîpsaelikheit“ zu nennen. Diese „Besonderheit“ stellt wohl das prägnanteste wie auch bezeichnenste Merkmal der Lanzelet-Figur dar und ist dementsprechend als fester Bestandteil der Figur in die Forschung eingegangen.

So nimmt das Verhältnis des Titelhelden zu den ihm begegnenden Frauen einen besonderen Stellenwert im Lanzelet ein. Dies ist ein weiterer Punkt, der häufig Anlass für Kritik fand, denn der Musterritter erlebt mit allen vier weiblichen Hauptfiguren leidenschaftliche Momente und heiratet darüber hinaus, nacheinander gleich alle vier. Deshalb finden diese Begegnungen des Helden, die jeweilige Darstellung der weiblichen Figuren und die dazugehörigen Minneverhältnisse eine besondere Betrachtung in dieser Ausarbeitung.

Da sich die „höfischen“ Darstellungen der ersten drei Frauenfiguren stark voneinander abgrenzen, soll dabei gezeigt werden, dass Ulrich die jeweilige Zeichnung der weiblichen Figuren und das Minneverhältnis zum Helden kontinuierlich steigert und auch die vierte Frauenbegegnung im Kontrast zu den anderen weiblichen Figuren steht.

Allerdings stellt Ulrich von Zatzikhoven so nicht nur verschiedene Frauenfiguren dar, sondern verbindet mit ihnen gleichzeitig den âventiure -Weg seines Musterritters. Deshalb wird unter Punkt 4.3 das Verhältnis von Lanzelet zu den Frauen anhand ihrer Darstellung, der jeweiligen Minnebindung und parallel hierzu der Qualität der kämpferischen Auseinandersetzungen des Titelhelden analysiert und einander gegenübergestellt. Die jeweiligen Unterschiede dieser Verhältnisse, ihre Bedeutung für den weiteren Handlungsverlauf und die Lanzelet-Figur werden so hervorgehoben. Dies erfolgt in der chronologischen Reihenfolge der einzelnen Eroberungen des wîpsaeligen Lanzelets.

Zuerst wird somit die „prekäre“ Begegnung mit der namenlosen Galagandreiz-Tochter und hierauf dann das höfischere Verhältnis zu Ade dargestellt. Danach ist der idealtypische Erwerb der makellosen Iblis – Lanzelets „bleibender“ Ehefrau – insbesondere im Vergleich zu den vorherigen Frauenfiguren abgebildet. Anschließend wird die Pluris-Episode, ihre namenlose Königin – die vierte Eroberung – und die umstrittene Stellung dieser Episode in der Forschung vorgestellt. Die Analyse zeigt dabei, dass der Episode eine ganz bestimmte Funktion im Romangeschehen zugedacht ist und besondere Qualitäten des Helden demonstriert. Zu guter Letzt wird noch Lanzelets letztes Frauenabenteuer – die Drachenkuss-Aventiure – den unterschiedlichen Forschungsergebnissen gegenübergestellt und ihre Funktion für die Lanzelet-Figur dargestellt. Hierbei sind die Position dieser Episode, die Darstellung sowie die Funktion der Drachendame berücksichtigt.

Da der Lanzelet in seiner Thematik aber ebenfalls die Figuren der arthurischen Romanwelt beinhaltet und die Lanzelet-Figur in der „zweiten Romanhälfte“ auch als Artusritter agiert, schließt sich im nächsten Punkt die Darstellung von Lanzelets Aventiuren in der Funktion eines Tafelrundenritters an. Dass der Titelheld selbst in dieser Position eine Sonderstellung einnimmt und entgegen mancher Forschungsmeinung als Protagonist nicht in den erzählerischen Hintergrund tritt, wird hierbei gezeigt. Bei dieser Vertiefung wird dann ebenfalls die Rettung der Artuskönigin behandelt, da es sich um eine „altertümliche“ Befreiungsdarstellung handelt, die einen bestimmten Zweck für die Handlung aber auch für die Figur des Musterritters Lanzelet verfolgt.

Als letzter Bearbeitungspunkt wird der prophezeite Machtantritt des wîpsaeligen Lanzelets dargestellt, in dem das Leben und die Figur des Musterhelden ihren glorreichen Abschluss finden.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der untersuchten und vorgestellten Merkmale der Gestaltung der Lanzelet-Figur und ihrem Zusammenhang mit den Frauenfiguren. Darüber hinaus gibt dieser Punkt einen Ausblick und Anregungen für weitere Auseinandersetzungen mit diesem Werk und seiner Heldenfigur.

2. Die Position der Forschung

Zu Beginn der Lanzelet -Forschung stand das Urteil über diesen „andersartig“ anmutenden Artusroman recht schnell fest. Wie oben bereits angeführt, wurde der Lanzelet vordergründig als ein Trivial-, Epigonen- und seichter Unterhaltungsroman gegenüber den Artusepen der „zweiten“ Generation abgestempelt, in dem die Handlungsstränge „nur lose aneinander gereihte Bilder“[4] seien. Folglich stand die ältere Altgermanistik dem Lanzelet mit Unverständnis und großem Unbehagen gegenüber, da sie moralischen Anstoß an der Gestaltung der wîpsaeligen Lanzelet-Figur mit seinen „inakzeptablen“ Wiederverheiratungen und den scheinbar generell im Text enthaltenen unmoralischen Ausschweifungen nahm.[5]

Allerdings ist das biographische Werk um den Musterritter Lanzelet aufgrund einer Vielzahl von außergewöhnlichen Faktoren nicht einfach aus der Literaturgeschichtsschreibung wegzudenken. Wie bereits aufgezeigt, stellt der Lanzelet die erste deutsche Bearbeitung des Lancelot-Stoffes dar und weicht hierbei sowohl von der „klassischen“ Werkstruktur als auch dem Inhalt des chrétienschen Lancelot ab: So fehlt dem Lanzelet nicht nur das prekäre Motiv der Ehebruchsliebe zur Artus-Königin, sondern durch die Gestaltung eines krisenlosen Titelhelden auch der – von der deutschen Altgermanistik geschaffene – „Doppelte Kursus“.[6] Hinzu kommt weiterhin, das Fehlen der von Ulrich in Vers 9324 angegebenen Vorlage des welschen buoches, wodurch nicht geprüft werden kann, ob Ulrich eine andere „Lancelot-Fassung“ als die von Chrétien de Troyes in Augenschein genommen hat.

Unvermeidlich führte dies in der Forschung zu strukturalistischen Überlegungen, ob Ulrich von Zatzikhoven mit seinem vom chrétienschen Schema abweichenden Werk entweder ein Gegenmodell zum Lancelot verfasste[7] oder seinem Lanzelet ein anderes Modell des Artusromans – mit oder ohne Kenntnis des Lancelot[8] – zugrunde legte.[9]

All diese Überlegungen mussten zudem noch mit einem weiteren außergewöhnlichen Faktum gekoppelt werden: Der relativ frühen Entstehungszeit des Werkes ca. um bzw. nach 1194.[10] So steht der Lanzelet mit seiner „Andersartigkeit“ am Beginn der deutschsprachigen Artusliteratur und fordert nicht nur seinen Platz in der Chronologie der deutschsprachigen Artusromane heraus, sondern auch die Frage einer möglichen literarischen „Abhängigkeit“ zwischen den Werken von Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach.[11]

Prinzipiell reichen die hier angeführten Punkte für einen kontroversen Umgang mit dem Lanzelet längst aus, aber im Zatzikhovener Werk liegen darüber hinaus noch weitere „Stolperfallen“: Sprachliche Stileigentümlichkeiten, die sich im Gesamtwerk durch verstreute Aphorismen, Sprüche, Redensarten und zahlreiche Publikumsanreden äußern,[12] ein großes Repertoire an volkstümlich märchen- und zauberhaften Elementen sowie eine ungewöhnliche Darstellung des Minneerwerbs und der im Werk auftretenden Frauenfiguren.

In Konsequenz all dieser besonderen Faktoren und Überlegungen zum Lanzelet kam es unweigerlich zu ausführlichen Vergleichsdiskussionen mit dem Aufbau und Wertgehalt (Sinn) der chrétienschen Artusromane und dementsprechend auch der deutschen „Klassiker“. Das umstrittene Werk konnte diesen Diskussionen allerdings nicht standhalten.[13]

Schon früh machte René Pérennec darauf aufmerksam, dass die Lanzelet -Forschung hierdurch „offensichtlich in den Sog einer anderen Diskussion […] geraten [ist]: Kann Chrestien als der Schöpfer des Artusromans gelten?“[14] Aber neben dieser Grundsatzfrage war die Forschung generell gezwungen einen neuen Zugang zum Autor und dessen Text zu finden.

Da das Augenmerk der Forschung zunächst vordergründig auf der „Rehabilitierung“ des Werkes bezüglich Sinn, Gehalt und Struktur – gegenüber den chrétienschen und deutschen Artusromanen – lag, liegen nur einige, detaillierte Bearbeitung über die Gestaltung der Lanzelet-Figur vor. Aus der mittlerweile großen Fülle verschiedener Ausarbeitungen, folgt an dieser Stelle deshalb nur ein kurzer Auszug einzelner Positionen der altgermanistischen Forschung, die in ihren Arbeiten auch einen Bezug zur Lanzelet-Figur bieten.[15]

Unter den ersten einschlägigen „Rehabilitierungsversuchen“ ist insbesondere die Arbeit von Kurt Ruh[16] zu nennen, der den „Sinn“ im Werk als ein Programm der Identitätsfindung (Namensuche) und Herrscherbewährung des Titelhelden identifizierte sowie einen zweigeteilten (chrétienschen) Aufbau zugrunde legte.[17] Hierbei sah er weiterhin den ersten Handlungsteil von der „Artuswürdigkeit“ und den zweiten Handlungsteil von der „Bewährung der Artuswürdigkeit“ bestimmt. Anders beurteilten René Pérennec[18] und etwas später Barbara Thoran[19] das umstrittene Werk, denn sie legten dem Lanzelet ein konservativ-dynastisches Herrschaftsmodell zugrunde, dessen Grundstruktur auf dem „Verlust-und-Wiedergewinn-Schema“ des Helden im Sinne der französischen Enfances beruht. So ging René Pérennec hierbei von einer Zirkelstruktur aus, die eine vollbiographische Variante der Exil-Rückkehr-Fabel darstellt. Darüber hinaus stellte er dem „Doppelten Kursus“ einen Vier-Stationen-Weg (Exil – Familiensuche – Integration – Rückkehr) des Helden gegenüber. Barbara Thoran sah dagegen zwei parallel verlaufende Handlungsstränge ohne chrétiensche Zweiteilung, die jeweils nach dem „Verlust – Rittertüchtigkeit – Wiedergewinn“-Schema mit einem ausgedehnten Aventiurenweg aufgebaut sind. Das Thema des Werkes bestimmte sie dabei als den „Fall und Wiederaufstieg der Könige von Genewîs“.[20] Auch Ulrike Zellmann[21] griff dieses konservativ-dynastische Herrschaftsmodell auf und sah im Lanzelet einen Roman adliger Wissensbildung, bzw. durch die biographische Lebensdarstellung des Titelhelden eine Vermittlung von dynastischem Elementarwissen speziell für junge Adelssöhne. Hierbei ging sie von einem linearen Aufbau von Episode zu Episode ohne Krise des Helden aus, wobei sie allerdings entgegen René Pérennecs Ansicht kein konterkarierendes Gegenmodell zu Chrétien identifizierte.

Demgegenüber plädierte James A. Schultz[22] für symmetrische Aufbauprinzipien durch eine dreifache Stabilität; der Stabilität der Heldenfigur, der Politik und der Struktur. Er sah eine ausgeglichene Korrespondenz zwischen dem vollkommenen Helden und seiner statischen Welt und identifizierte so eine von Chrétien unabhängige, beständige literarische Form. Bei seiner Interpretation stellte er insbesondere die Stärke der politischen Interessen in den Vordergrund. Dagegen wiesen Helga Schüppert[23] und Klaus M. Schmidt[24] insbesondere Lanzelets Frauenbegegnungen und der Minnethematik des Werkes eine tragende Struktur zu.

Als letzte Arbeit ist noch die Monographie von Nicola McLelland[25] zu nennen, da sie die Lanzelet -Forschung auf deren Ausgangsposition zurücklenkte. So bezeichnet sie den Lanzelet als den ersten deutschen „Unterhaltungsroman“, jedoch unter veränderten Vorzeichen.[26] Hierbei übernimmt sie zwar inhaltlich diesen Begriff, legt ihm aber eine positive Definition zugrunde und füllt ihn auf der stilistischen Ebene neu aus. Den Lanzelet identifiziert sie darüber hinaus als ein eigenständig literarisches Produkt des Zatzikhoveners, welches der Autor „mit Blick auf den zeitgenössischen literarischen Kontext und die Erwartungen eines deutschen Publikums“[27] autark verfasste. Daneben finden in ihrer Arbeit auch alle bisherigen Andeutungen der Forschung über eine ironisierende und unterhaltene Funktion des Werkes ihren umfassendsten Ausdruck.

Wie sich an all diesen unterschiedlichen Ansätzen und kontroversen Ergebnissen über den Lanzelet des Ulrichs von Zatzikhoven zeigt, konnte die Forschung keinen einheitlichen Konsens finden. So sind viele Probleme und Fragen[28] um das Werk bis heute nicht eindeutig gelöst bzw. geklärt. Beispielsweise ist sich die Altgermanistik immer noch „nicht einig über seinen Platz innerhalb der Gattung des Artusromans.“[29]

3. Der Aufbau des Lanzelet

Wie bereits angeführt besteht der grundlegende Unterschied zwischen dem Lanzelet und den „klassischen“ Artusromanen in der Werkstruktur. So wird in den Artusroman der „ersten“ Generation ein für die Gattung typischer Ausschnitt aus dem Leben des Helden erzählt.[30] Die Geschichte des „klassischen“ Artushelden setzt in einer scheinbar willkürlich gewählten Situation seines Lebens ein, um ihn in mehrere aufeinander folgende Abenteuer bzw. eine Kette von Aventiuren zu verwickeln, in denen er sich als ehrenhafter Artusritter erweisen und der höfischen Idealgesellschaft als entsprechend würdig bewähren muss. Nach geglückter Bewährung erfolgt die epentypische, unabdingbare Krise des Helden, die mitunter als arthurische Krise bezeichnet wird. Im scharfen Kontrast zu diesen Werken steht hierbei die Erzählung vom Musterritter Lanzelet, denn dieses Versepos entspricht einer der ersten Biographien[31] eines ritterlichen Helden, in der ausschließlich das Leben des „Hauptdarstellers“ Gegenstand des Werkes ist.[32]

So beginnt Ulrich seinen Lanzelet nach dem Prolog (V. 1-40)[33] mit der Vorstellung der Eltern, künec Pant und Königin Clârîne, Lanzelets Geburt, dem Aufstand der Vasallen, dem Tod seines Vaters und dem Kinderraub durch die wîsiu merminne. Daraufhin folgt die Schilderung seiner glückseligen Kindheit âne riuwe unter den 10.000 Jungfrauen des Meerfeenlandes, seiner höfischen Ausbildung bezüglich der angemessenen Konversation mit Frauen und die unentbehrliche Entdeckungsreise in die gesellschaftlich-höfische Welt. Den größten Teil nehmen die darauf folgenden Abenteuerepisoden ein, die mit Lanzelets Doppelkrönung (Genewis und Dodone) und der Heirat mit Iblis enden. Zu guter Letzt berichtet der Autor über das lange und glückliche Leben des idealen Ehepaares, ihrer Kinder und Enkelkinder einschließlich der neu erworbenen Reiche. Erst dann kommt er zum Schluss des Romans mit dem gleichzeitigen Tod von Lanzelet und Iblis, so sterben beidiu sampt an eime tage (V. 9425).

Eine Besonderheit im Lanzelet ist weiterhin, dass die zuvor dargestellte obligatorische Existenzkrise der chrétien-hartmannschen Protagonisten gänzlich fehlt. Der Held Lanzelet erfährt zu keinem Zeitpunkt seines Daseins eine lebensbedrohliche innere Verzweiflung oder Zerrüttung. Er bleibt den gesamten Roman über der (wîp -) saelige Lanzelet, dessen Leben von Freude und Glück durchströmt ist. Isolde Neugart etwa merkt im Verfasserlexikon hierzu an, dass Lanzelet zwar einen Weg vom Kind zum ausgezeichneten Ritter absolviert, allerdings ohne eine zuvor durchlaufene Krise. Er ist ein außergewöhnlicher Ritter aus Bestimmung.[34]

Somit entspricht das Werk um den Helden Lanzelet nicht dem zyklischen Schema der Artusromane, es folgt interessanterweise eher den linearen Strukturen der zeitlich später entstehenden Artusepen.[35]

Zur besseren Übersicht wird dieser Arbeit allerdings eine thematische Zweiteilung zugrunde gelegt, die auf der veränderten Rolle der Ritterfigur beruht. In den ersten drei Aventiuren – der Galagandreiz-, Linier- und Iweret-Episode –, mit denen jeweils auch wiederholter Frauenerwerb verbunden ist, agiert Lanzelet zunächst als namenloser Einzelritter. Diese drei Abenteuer sowie die ungefähr in der Romanmitte erfolgende Namensnennung werden im Folgenden daher als die erste Romanhälfte bezeichnet. Die zweite Romanhälfte beginnt kurz nach der Namensnennung, also noch vor dem Valerin-Kampf, und ist gekennzeichnet durch die sich verändernde Rolle des Helden. Denn in dieser Hälfte agiert die Lanzelet-Figur als Artusritter in der Gemeinschaft, dessen weitere Aventiuren vom Artushof ausgehen bzw. mit ihm verbunden sind.

Bezüglich der Instanz Artushof muss im Lanzelet allerdings beachtet werden, dass der Artushof zwar auch in diesem Werk eine wichtige Rolle einnimmt, jedoch ist Lanzelet entgegen Kurt Ruhs[36] Ansicht „kein Artusritter, der sich für den Artushof bewähren und als dessen Mitglied bestätigen muß.“[37] Anders als in den „klassischen“ Artusromanen sucht Lanzelet selbst nicht die Nähe zum Artushof, die ursprüngliche Bewegung verkehrt sich eher. Die Instanz Artushof tritt in den Agenten des Hofes – Orphilet, Walwein und König Artus höchstpersönlich – an den für sie längst würdigen Ritter heran, um ihn nach Kardigan einzuladen. Lanzelet lehnt diese Werbungen jedoch erst einmal ab. Erst nachdem er seine von der Meerfee initiierte Aufgabe erfüllt hat, seinen Namen und sein Geschlecht kennt, somit eine „vollständige“ Person ist und nun seines Erachtens ein perfekter Artusritter sein kann, kehrt er aus eigenem Antrieb beim Artushof ein.

Es lässt sich also festhalten, dass es sich beim Lanzelet um die Biographie eines Helden handelt, der sich zwar im arthurischen Umfeld bewegt, von ihm jedoch nicht prinzipiell abhängig ist. Somit repräsentiert der Lanzelet als erster Roman eine Alternative zum Episodenmodell.

4. Zur Gestaltung der Lanzelet-Figur

James A. Schulz trifft die Gestaltung der Lanzelet-Figur in seinem Aufsatz „Lanzelet. A flawless hero in a symmetrical world“[38] wohl am Besten: So erschuf Ulrich einen unveränderlichen, fehlerlosen Helden, ein Muster an königlicher Tugend. Einen „statischen“ Helden ohne innere und somit äußere soziale Entwicklung.[39]

Ulrich gründet die Vollkommenheit seines Helden dabei auf das „Glück“ und dessen vorbestimmte „Auserwähltheit“. Lanzelet ist ein Günstling des Glücks – ze tugenden hât er blüende kraft, / der selbe saelige man, / wan er nie ze laster muot gewan. (V. 38-40) sowie ein kint, daz maneger saelden wielt (V. 87). Auf die Essenz dieser Vollkommenheit greift Ulrich in seinem Text auch immer wieder zurück und führt das Glück oder die saelde[40] nach gelungener Aventiure oder Eroberungen einer Frau häufig mit als eine Begründung hierfür an: So begleitet seinen Ausritt in die ritterliche Welt das Glück (Gelücke was der wîse sin. V. 413; sîner saelikheit er gnôz V. 418). Im Bericht über Lanzelet, sowohl des Orphilet am Artushof als auch von Walwein während des Turniers in Djofle, wird dann Lanzelets saelikheit zu einem Charakteristikum (Orphilet: im vert vil saelekheit mite. / sô ist daz ein hübscher site, / er enweiz niht waz trûren ist. V. 1339-1341; Walwein: ûf der erden lebet niht sîn gelîch: / er ist küene und aller saelden rîch. V. 3021-3022). Auch die freundliche Aufnahme von Ades Vater ist hierauf zurückzuführen (dâ schein wol sîn saelikheit, / als ich iuch berihten sol. V. 2748-2749; des leibt der gast [Lanzelet] ân argen zorn, wan er was saelic geborn. V. 2755-2756). Das Glück begleitet Lanzelets Rettung und seinen Kampf in der Linier-Episode:

diu saelde het zuo im gesworn / zeimt staeten ingesinde.

siu huote sîn von kinde / durch daz er tugent an sich las. (V. 1582ff.)

swâ guoten liuten wol geschiht / da gefüeget sich Wîlsaelde zuo. (V. 1600f.)

der staeten Saelden holde, / der leit ouch sîn gewaefen an. (V. 1996f.)

Und auch den Sieg über Iweret verdankt der saelige wieder seinem gelücke: „wan daz der saelige man, / Lanzelet, dervor genas, / als sîn gelücke guot was.“ (V. 8502-8504). Das Herz der idealen Iblis erkennt beim Anblick von Lanzelet sofort den saeldehaften man (V. 4343) in ihm und die Botin der Meerfee bestätigt dies bei der späteren Namensnennung abermals öffentlich dem Publikum: „ir sint geheizen Lanzilete, / von gebürte saelic unde grôz.“ (V. 4706-4707), wobei die Botin diese Vollkommenheit auf die Tugendhaftigkeit seiner Mutter zurückführt:

iwer muoter hât gedienet wol / an allen dingen mit ir tugent,

daz ir an alter und an jugent / von rehte müezet saelic sîn (V. 4720ff.)

Nachdem die Artusritter den Aufenthaltsort des verschwundenen Lanzelet bei der schönen Pluris-Königin und von dessen dortiger „Minnehaft“ erfahren, diskutieren die Ritter sogar über seine unfassbar große „saelde“ (dô huop sich rede manicvalt, / wie Lanzelet dem helde balt / die saelde got gefuogte, / der tûsent man genuogte. V. 6203-6206). Zu guter Letzt stellt dann der gesamte Hofstaat nach Lanzelets eigens geleiteter wie geglückter Befreiung der Geiseln Walwein und Erec fest:

daz Lanzelet von kinde / waer ein der saeligste man

über al die welt. swes er began, / dar an behart er wol den strît.

sîn heil verdruht im ouch den nît, / daz seltsaen ist und unvernomen,

wan die boesen hazzent ie die fromen. / gelücke huote sîn dar an.

(V. 7800ff.)

Und auch Lanzelets eigenes Volk dient gerne einem so vom Glück Begünstigten und Auserwählten, wie Ulrich mittels eines Aphorismus feststellt (ez ist ein alt gewonheit, / daz man dem saeligen ie / gerne diende, swie manz an gevie. / Sus behabete saelde unde prîs / der junge künec von Genewîs, / der wol gezogen wîgant. V. 8436-8441).

Neben dem gelücke, der saelde und seiner saelikheit beinhaltet die Lanzelet-Figur aber noch weitere Merkmale, die als Gestaltungspunkte der Figur identifiziert werden können. Dies sind zum einen die Funktion der Namenlosigkeit der Figur im ersten Handlungsteil, sein Aufbau als vollkommener, einzigartiger Ritter – speziell auch im wiederholten Vergleich zu allen anderen (Artus-)Rittern – und insbesondere die Gestaltung der „wîpsaelikheit“.

Im Folgenden werden diese Merkmale genauer betrachtet und in ihrer Funktion für die Gesamtgestaltung der Lanzelet-Figur dargestellt.

4.1 Die Funktion der Namenlosigkeit

Lanzelet, als Säugling seiner Mutter geraubt, wächst im magischen Reich der merminne auf, ohne seinen Namen, sein Geschlecht und dementsprechend seine Herkunft zu kennen. Elisabeth Schmid deutet diesen Umstand dahingehend, dass „der mütterlichen Instanz die symbolische Funktion der Namengebung abgesprochen“[41] wird. Die Funktion der Namengebung obliegt somit nun der Meerfee, aber diese verweigert sie, als der Jüngling ihr Land wegen turnieren unde rîten (V. 305) verlassen möchte. Bezüglich Lanzelets Frage nach seinem Namen muss dabei beachtet werden, dass Lanzelet erst nach seiner Familie – mîne mâge (V. 314) – und danach erst nach seinem eigentlichen Namen fragt (ich enweiz niht mînes namen V. 318). Hierdurch kommt den Verwandtschaftsverhältnissen ebenfalls eine hohe Bedeutung zu.

Dementsprechend ist die Namensuche von Lanzelet nicht nur eine Suche nach dem eigenen Namen, sondern auch eine Suche nach der Familie. René Pérennec beurteilt diese Suche deshalb nicht als eine Wesensuche, sondern als eine Suche nach familiärer Information,[42] die letztlich auch eine ganz bestimmte strukturelle Funktion erfüllt. Die Namensuche leitet nämlich, durch ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse und deren Bedeutsamkeit für den Protagonisten, zu den Abenteuern des zweiten Handlungsteils, die Lanzelet größtenteils mit seinen und für seine Verwandten bestreitet, über.

Neben dieser Überleitungsfunktion ist die Namensuche des Helden aber noch mit einer prägnanten Aufgabe im ersten Handlungsteil verbunden: Die Meerfee will Lanzelet nur seinen Namen nennen, wenn er Iweret von dem Schoenen walde besiegt. Und da es sich bei der Person Iweret um den Vater von Lanzelets späterer Ehefrau Iblis handelt, ist diese Bedingung von Ulrich geschickt mit dem weiteren Handlungs- und âventiure -Ablauf verknüpft worden. Lanzelet besteht erst einige Abenteuer, in denen er die Qualität seiner ritterlichen Kampfkunst kontinuierlich steigert, bis er den Weg zum besten Ritter – der jemals lebte – findet. Darüber hinaus zeigt sich noch eine weitere Besonderheit, denn mit den âventiuren sind auch Eroberungen von Frauen verbunden. So koppelt sich an die Namensfindung gleichzeitig ein stetiger Frauenerwerb, auf den unter Punkt 4.3 noch genauer eingegangen wird.

Schließlich reist der fünfzehnjährige Lanzelet auf der Suche nach seinem Namen und seinem Geschlecht unbekümmert in die noch unbekannte ritterliche Welt. Auffallend ist hierbei die Tatsache, dass sich Lanzelet zunächst nur im Land der Meerfee seiner Namenlosigkeit schämt (V. 317 u. 322). In der höfischen Welt erwähnt Ulrich erst beim Turnier zu Djofle (V. 2649-3474) ein beiläufiges Schamgefühl:

wan daz in dûhte eine schande, / daz ern selbe niht erkande“ (V. 3227f.)

Ansonsten leidet Lanzelet weder unter seiner Namenlosigkeit, noch verleugnet er sich selbst, für ihn ist ez allez zeime spil (V. 1882). Seine Umwelt stellt diese Gelassenheit mit Neugier und Irritierung fest, so amüsiert sich zum Beispiel Johfriet de Liez sehr über Lanzelets simpel angeführte Kindheitsgeschichte, weshalb ihm die Kunst des Reitens fehle.[43] Selbst gegenüber dem zornigen Linier antwortet Lanzelet ehrlich und furchtlos auf die Frage, wer er sei: „und enweiz nu wer ich bin“ (V. 1675). Linier ist die einzige Figur des Romans, die sich durch die Namenlosigkeit des Helden provoziert und verhöhnt fühlt, wodurch seine Konzipierung als zornig-bösartiger König, speziell in diesem Vergleich, offensichtlich hervorgehoben wird.

Dieser Gleichmütigkeit des Helden entsprechend, erfährt Lanzelet so auch zu keinem Zeitpunkt eine öffentliche Schmach, selbst für seine ritterliche Karriere ist die Namenlosigkeit kein Hindernis. Im Gegenteil, seine Anonymität wird sogar zu einem „Markenzeichen“, einem „auszeichnenden Attribut“[44] als außergewöhnlicher Ritter, von dem die Kunde über dessen Heldentaten bis zum Artushof reicht. Und dann geht Lanzelet sogar noch einen Schritt weiter: Im Turnier zu Djofle versucht er seine Anonymität durch täglich wechselnde Rüstungen zu verstärken, was seinem Ansehen jedoch nicht abträglich ist. Das Gegenteil ist hierbei der Fall, seine Anonymität wird zu einem „exotische[n] Charakteristikum des erfolgreichsten teilnehmenden Ritters“.[45] Vom Turnier in Djofle aber einmal abgesehen, fällt seine Person auch generell durch ganz bestimmte Identifikationsmerkmale auf, die für die Außenwelt eindeutig zu erkennen sind und registriert werden:

der helt [Walwein] von Britâne, / der wartet im vaste,

daz im ein are glaste / von golde ab dem schilte.

dô dâhte der milte / „ditz mac wol sîn der wîgant

durch den ich ûz bin gesant.“ (V. 2370ff.)

Hierbei betitelt der Autor selbst seinen namenlosen Helden dann des Öfteren als der namelôse (V. 2045, 2295), der selbe niht sîns namen weiz (V. 2269) oder der ritter âne namen (V. 1685, 2059). Signifikanterweise aber, legt Ulrich gerade König Artus die namentliche Kennzeichnung „wan der stolze degen vonme Sê“ (V. 2294) für seinen Helden in den Mund. Hieran wird offensichtlich, dass die Öffentlichkeit – von höchster Stelle aus – Lanzelet spätestens nach der Linier-Episode (V. 1357-2249) bereits einen „Namen“ und somit auch öffentliche Anerkennung verliehen hat. Dem Titelhelden reicht diese öffentliche Auszeichnung aber längst nicht, denn hiermit ist sein persönliches Ziel nicht erreicht: Erst nach dem Tod Iwerets ist seine Aufgabe erfüllt.

Als Lanzelet dann den Sieg (V. 4447-4557) über den besten ritter der ie wart (V. 329) erringt, nutzt Ulrich dies als erneute Bestätigung der Außergewöhnlichkeit seines Helden und lässt ihn parallel hierzu dessen Idealfrau Iblis gewinnen. Jetzt kann die Namensnennung erfolgen, und wie auf Bestellung tritt eine Botin der Meerfee auf, sie teilt Lanzelet selbst und damit auch dem Publikum seinen Namen und sein Geschlecht mit:[46]

„sît ir mîn vrowen hânt gewert / des si uch bat“ sprach der bote,

„sô dankent ir unde gote, / daz ir sît sus wol gedigen.

iwer name was iuch ê verswigen: / den vernement durch mîne bete:

ir sint geheizen Lanzilete, / von gebürte saelic unde grôz.

[...]


[1] Diese Arbeit folgt der Lanzelet -Ausgabe von Wolfgang Spiewok, die auf der älteren Ausgabe von K. A. Hahn beruht. Ulrich von Zatzikhoven: Lanzelet, mhd./nhd., hg. v. Wolfgang Spiewok, Greifswald 1997 (Wodan 71, Texte des Mittelalters Serie 1, Bd. 16).

[2] Kuhn, Hugo in: Annalen der deutschen Literatur, Stuttgart 19712, S. 135-136; de Boor, Helmut in: Geschichte der deutschen Literatur II, München 199111, S. 80-86, hier S. 81 u. 82; Eis, Gustav: Ulrich von Zatzikhoven, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Berlin 1953, Sp. 621-624, hier Sp. 622 u. 624.

[3] Zur Bedeutung des Begriffes „erste und zweite Romanhälfte“ in dieser Arbeit, siehe Punkt 3. „Der Aufbau des Lanzelet“.

[4] Behre: Adolf: Die Kunst der Personenbeschreibung bei Ulrich von Zatzikhoven, Greifswald 1913, hier S. 21.

[5] Vgl. hierzu z. B. die Bewertung von Ehrismann, Gustav in: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters, 2. Teil: Die mittelhochdeutsche Literatur, München2 1955, S. 6-7.

[6] Die Symbolstruktur des Doppelwegs steht in der Forschung mittlerweile zur Disposition, siehe Elisabeth Schmid: Weg mit dem Doppelweg. Wieder eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung, in: Erzählstrukturen der Artusliteratur. Forschungsgeschichte und neue Ansätze. Tagung der Artusgesellschaft, hg. v. Friedrich Wolfzettel, Tübingen 1999, S. 69-85.

[7] So sieht z. B. Wolfgang Spiewok im Lanzelet ein Gegenmodell zur „Fin amor“, in dem Ulrich Chrétien korrigiert und sich von dessen Werk abgrenzt, vgl. Spiewok (Anm. 1), S. XXVII-XXIX.

[8] Nicola McLelland meint z. B. die Entstehung des Lanzelet habe ohne Kenntnis vom Lancelot stattgefunden, darüber hinaus identifiziert sie im Lanzelet eine Vereinigung des „klassischen“ Modells im ersten Handlungsteil mit dem „nach-klassischen“ Modell des zweiten Teils. Siehe Nicola McLelland: Ulrich von Zatzikhoven’s Lanzelet. Narrative Style and Entertainment, Cambridge 2000 (Arthurian studies 46), bes. Part I u. II.

[9] Besonders René Pérennec und Kurt Ruh versuchten als Erste in ihren einschlägigen Arbeiten ein anderes Modell nachzuweisen. René Pérennec führte dabei den Lanzelet -Text auf die Ursprünge der französischen Enfances zurück und sah im Lanzelet ein bewusst konstruiertes, ironisierendes Gegenmodell zum Lancelot. Siehe René Pérennec: Artusroman und Familie, in: Acta Germanica 11 (1979), S. 1-51. Demgegenüber identifizierte Kurt Ruh ein neues Modell des Artusromans, einen „Typus sui generis“, der jedoch den chrétienschen Artusroman „genealogisch“ und „im Sinne der Konnotation“ (S. 54) voraussetze. Siehe Kurt Ruh: Der ‘Lanzelet’ Ulrichs von Zatzikhoven. Modell oder Kompilation? In: Deutsche Literatur des späten Mittelalters, hg. v. Wolfgang Harms und L. Peter Johnson, Berlin 1975, S. 47-55. Dagegen sah James A. Schulz den Lanzelet als ein von Chrétien vollständig unabhängiges Modell des Artusromans an und identifizierte eine symmetrisch ausgeglichene Struktur mit einem statischen Thema. Siehe James A. Schulz: „Lanzelet“: A flawless hero in a symmetrical world, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 102 (1980), S. 160-188, bes. S. 183ff.

[10] Der terminus a quo ist durch Ulrichs Angaben in den Versen 9322-9341 über die historischen Ereignisse der Gefangennahme des englischen Königs Richard Löwenherz, der folgenden politischen Ereignisse und dem Erhalt seiner Vorlage, recht sicher auf das Jahre 1194 festzulegen.

[11] Vgl. zur Prioritätenfrage Gruhn, Albert: Erek und Lanzelet, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 43/N. F. 31 (1899), S. 265-302; Jellinek, M. H.: Erec und Lanzelet, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 47/N. F. 35 (1904), S. 267-270 und Leitzmann, Albert: Zu Ulrichs Lanzelet, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 55 (1931), S. 293-305.

[12] Vgl. hierzu die beiden sich konträr gegenüberstehenden Monographien von Ulrike Zellmann: Lanzelet. Der biographische Artusroman als Auslegungsschema dynastischer Wissensbildung, Düsseldorf 1996 (Studia humaniora 28), die in den zahlreichen Aphorismen, Sprüchen und Redensarten eine inhaltliche Funktion der „Wissensvermittlung“ sieht, gegenüber der Ansicht von Nicola McLelland (Anm. 8), die in diesen sprachlichen Mitteln eine kommunikative Funktion der reinen „Unterhaltung“ sieht.

[13] Einzelne Negativurteile waren z. B. die nachgesagten defizitären Moralbegriffe, eine zu freizügige Darstellung des Minnegewinns, ein lediglich „eindimensionaler“ Held ohne Krise, ein „niederer“ linearer Aufbau des Werkes sowie eine stofforientierte Erzählweise ohne Überhöhung durch ein ethisches Programm oder eine Entwicklung.

[14] Pérennec (Anm. 9), S. 2.

[15] Einen gesamten Überblick der bisherigen Forschungsergebnisse findet sich z. B. bei Roßbacher, Roland F.: Artusroman und Herrschaftsfolge. Darstellungsform und Aussagekategorien in Ulrichs von Zatzikhoven „Lanzelet“, Strickers „Daniel von dem Blühenden Tal“, und Pleiers „Garel von dem Blühenden Tal“, Göppingen 1998, (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 649), hier S. 53-57.

[16] Vgl. hierzu Ruh (Anm. 9), bes. 50ff.

[17] So auch Walter Haug, der allerdings das „mehrschichtige Chrétiensche System […] über eine einzige Ebene gefächert“ (S. 62) sieht, in dem der sich wiederholende Stationenweg durch eine Variation von Episoden, die sich mittels Steigerung selbst überbieten, ersetzt wurde. Siehe Haug, Walter: »Das Land, von welchem niemand wiederkehrt«: Mythos, Fiktion und Wahrheit in Chrétiens »Chevalier de la Charrete«, im »Lanzelet« Ulrichs von Zatzikhoven und im »Lancelot«-Prosaroman, Tübingen 1978 (Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, 21).

[18] Siehe Pérennec (Anm. 9), bes. S. 37ff.

[19] Siehe Thoran, Barbara: Zur Struktur des ‚Lanzelet‘, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 103 (1984), S. 52-77.

[20] Thoran, ebd., S. 77.

[21] Allerdings sieht Ulrike Zellmann (Anm. 12), ebenso wie René Pérennec, die Werkstruktur des Lanzelet durch die Exil-und-Rückkehr-Fabeln bestimmt, wobei sie diese Struktur in einer „biographischen“ Lektüre mit den „Familienromanen“ verbindet.

[22] Schultz (Anm. 9).

[23] Schüppert, Helga: Minneszenen und Struktur im ‘Lanzelet’ Ulrichs von Zatzikhoven, in: Würzburger Prosastudien II Untersuchungen zur Literatur und Sprache des Mittelalters. Kurt Ruh zum 60. Geburtstag, hg. v. Peter Kestin, München 1975 (Philologische Studien 313), S. 123-138.

[24] Schmidt, Klaus M.: Frauenritter oder Artusritter? Über Struktur und Gehalt von Ulrichs von Zatzikhoven ‚Lanzelet‘, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 98 (1979), S. 1-18.

[25] McLelland (Anm. 8).

[26] Vgl. hierzu McLelland, ebd., bes. Part I., No. 2 und ihre Definition des Begriffs „style“, S. 83-89 u. 165ff. sowie McLelland, Nicola: Stil und Dialog: Stilistische Variation im ›Lanzelet‹, in: Dialoge. Sprachliche Kommunikation in und zwischen Texten im deutschen Mittelalter, hg. v. Nikolaus Henkel u. a., Tübingen 2003 (Hamburger Colloquium 1999), S. 41-59.

[27] McLelland, (Anm. 26), S. 45.

[28] Vgl. z. B. zur Person „Ulrich von Zatzikhoven“ Bächtold, Jakob: Ulrich von Zatzikhoven, in: Germania 19 (1874) S. 424-426 gegenüber Bärmann, Michael: Ulrich von Zatzikhoven und die Entstehung des mittelhochdeutschen Lanzelet-Romans. Überlegungen zur Herkunft des Dichters und zur Gönnerschaft, in: Das Markgräferland. Beiträge zu seiner Geschichte und Kultur, H. 2 (1989), S. 62-84. Sowie die bestehende Datierungsproblematik zur Entstehungszeit, auch bezüglich des terminus ad quem, bei Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München 2002, hier S. 25f.; McLelland (Anm. 8), S. 20-27 und Neugart, Isolde: Ulrich von Zatzikhoven, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 10, 2. völlig neu bearb. Aufl., Berlin u. a. 1999, Sp. 61-68, hier Sp. 65f.

[29] McLelland (Anm. 26), S. 42.

[30] Als Beispiel sei an dieser Stelle auf den Iwein - und Erec -Roman von Hartmann von Aue verwiesen. Hartmann von Aue: Iwein, mhd./nhd., mit Anmerk. u. einem Nachw. vers. v. Max Wehrli, Zürich 1988 sowie ders.: Erec, mhd./nhd., Text u. Übertr. v. Thomas Cramer, Frankfurt a. M. 200023.

[31] Vgl. dazu Zellmann (Anm. 12).

[32] Eine vergleichbare Biographie stellt hier nur der Parzival von Wolfram von Eschenbach dar, der allerdings später entstanden ist (≈1200-1210) und in dem zusätzlich die Gâwân -Bücher eingebettet sind. Wolfram von Eschenbach: Parzival, Buch 1-8 u. 9-16, Bd. 1 u. 2, mhd./nhd., nach d. Ausg. v. Karl Lachmann, Übers. u. Nachwort v. Wolfgang Spiewok, Stuttgart 2000/2001 (Universal-Bibliothek 3681/3682).

[33] Vgl. zur Bedeutung des Prologs für den Gesamtroman Zellmann (Anm. 12), S. 67-74; McLelland (Anm. 8), S. 31-61 und Schulz (Anm. 9), S. 160-164.

[34] Neugart (Anm. 28), bes. Sp. 67.

[35] Die unterschiedlichen Ansichten der Forschung zu Aufbau und Struktur des Lanzelet sind bereits unter Punkt 2 dargestellt.

[36] Vgl. Ruh (Anm. 9), bes. S. 50.

[37] Schmidt (Anm. 24), S. 14.

[38] Schulz (Anm. 9).

[39] Vgl. zum Zusammenhang zwischen Inner- und Äußerlichkeit im Mittelalter, z. B. Bumke (Anm. 28), Kap. V.

[40]Saelde“ bedeutet sowohl Wohlgeartetheit wie auch Segen, Heil und Glück, aber mit ihr wird auch personifizierte „Vollkommenheit“ ausgedrückt. Vgl. hierzu Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 2. Nachdr. d. 3. Aufl., Stuttgart 1992, Sp. 206.

[41] Schmid, Elisabeth: Mutterrecht und Vaterliebe. Spekulationen über Eltern und Kinder im Lanzelet des Ulrich von Zatzikhoven, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 229 (1992), S. 241-254, hier S. 242.

[42] Pérennec (Anm. 9), S. 14ff.

[43] Vgl. hierzu auch Zellmann (Anm. 12), S. 114.

[44] Vgl. dazu Zellmann, ebd., S. 217.

[45] Roßbacher (Anm. 15), S. 90.

[46] Die Namensnennung (V. 4700-4737) erfolgt fast in der mathematischen Mitte des Werkes, wodurch an dieser Stelle in der Forschung häufig eine Zweiteilung des Werkes vorgenommen wurde. Vgl. hierzu z. B. Ruh, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters II, ,Reinhart Fuchs’, ‚Lanzelet’, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Berlin 1980 (Grundlagen der Germanistik 25), S. 34-49, hier S. 40 und Haug (Anm. 17), S. 55ff.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Der "wîpsaelige" - zur Gestaltung der Lanzelet-Figur bei Ulrich von Zatzikhoven
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
75
Katalognummer
V88319
ISBN (eBook)
9783638028110
ISBN (Buch)
9783638926263
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gestaltung, Lanzelet-Figur, Ulrich, Zatzikhoven
Arbeit zitieren
Magistra Artium Andrea Böhle (Autor), 2005, Der "wîpsaelige" - zur Gestaltung der Lanzelet-Figur bei Ulrich von Zatzikhoven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88319

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