Minnekonzepte in mittelalterlicher Literatur


Seminararbeit, 2006

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Dido’s Minne

Eurialus’ und Nisus’ Minne

Eneas und Lavinia
Lavinia’s Minne
Eneas’s Minne

Fazit

Literaturverzeichnis
Primärtext
Sekundärtexte

Einleitung

Saget mir ieman, waz ist minne?, fragte sich einst schon Walther von der Vogelweide und das zu einer Zeit, in der die Minnethematik literaturgeschichtlich betrachtet eine sehr große Rolle einzunehmen schien.

Den Begriff Minne mag der Eine oder Andere mit dem nhd. Wort Liebe übersetzen. Ähnlich sind sich die Begriffe Liebe und Minne in gewisser Weise. Beide Begriffe können unterschiedlich aufgefasst werden und sich außerdem auf unterschiedliche Objekte und Subjekte beziehen. Tatsache ist wohl, dass der neuhochdeutsche Begriff den mittelhochdeutschen Minnebegriff vollständig abgelöst hat. Fraglich ist, ob dadurch nicht nur ein bloßer Begriff sondern mehr noch ein Bedeutungsinhalt verloren gegangen ist. Liest man mittelalterliche Texte, vor allem Mären (oder auch den Minnesang selbst), fällt auf, dass das Phänomen der Minne die Zeit des Mittelalters sehr prägte, um nicht zu sagen, dominierte. Man findet selten ein mhd. Wort, welches dem nhd. Wort Liebe ähnelte. Jede zwischenmenschliche Beziehung wird mit minneclîchen Begriffen beschrieben. Ursprünglich übersetzt als „liebendes Gedenken“ entwickelte sich daraus das Wort Liebe, behält jedoch nicht den Status, den die Minne in mhd. Texten erlangt.

Die Minne ist nach Umfang und Inhalt betrachtet ein sehr komplexer Begriff. Er bezieht sich nicht nur auf die Liebe zwischen Mann und Frau, deckt somit nicht nur den sexuellen Sektor ab, sondern beschreibt zum Beispiel auch die Liebe zu Gott (die helfende, schenkende, erbarmende Liebe) oder umgekehrt die Liebe Gottes zu den Menschen. Die Minne bezieht sich auf jede mögliche Erscheinungsform der Eintracht, Verbundenheit oder des gütlichen Übereinkommens. Somit kann das innige Verhältnis zweier Brüder ausgedrückt werden (Brüderlichkeit), die Treue des Vasallen zu seinem Lehnsherrn oder auch die verlangende, begehrende Liebe zwischen dem Ritter und einer Dame. Die Bedeutungsskala reicht von der rein geistigen bis zur rein sinnlichen Liebe.[1]

Es ist jedoch auffällig, dass in vielen Mären, die Minne als sinnliche Liebe bevorzugt wird. So bezieht sich die lûterlîchiu minne, wie in Herzmäre von Konrad von Würzburg auf die sinnliche Liebe zwischen Mann und Frau. Jedoch ist in diesem Zusammenhang keine sexuelle Beziehung relevant. So wird in der Herzmäre nicht genannt, ob zwischen den beiden Hauptcharakteren eine körperliche Vereinigung statt gefunden hat oder nicht. Dies ist in der Minne auch nicht unbedingt von Bedeutung, viel wichtiger ist die Rolle, die das Herz der Beteiligten dabei spielt. Die beiden Liebenden sind durch ihre Herzen miteinander verbunden. Diese Art der Verbindung, zwei Menschen in wahrer, von Herzen reiner Liebe zueinander entbrannt, spielt am Hofe der feinen Gesellschaft des Mittelalters anscheinend zunehmend seltener eine Rolle. Die Hohe Minne oder auch höfische Liebe genannt, dient am Hofe mehr der Repräsentation eines Status’, weniger hat sie mit dem Geständnis der Liebe als eine personale Beziehung zu tun. Die Hohe Minne spielt sich vermeintlich zwischen dem Ritter (ritter) und der Dame (vrouwe) ab. Die angesungene Dame wird als Objekt der Begierde in den Mittelpunkt gestellt. Der Ritter gesteht ihr vor versammeltem Hofe seine Liebe und Verehrung in einem formvollendeten Minnesang. Da es sich bei der angesungenen Dame entweder um die Gemahlin des Königs selbst oder auch eines anderen höhergestellten Edelmanns handelt, sie daher in jedem Fall verheiratet ist, bleibt sie für den Ritter immer unerreichbar. Da mehrere Ritter um die holde Schönheit buhlen, übertrumpfen sie sich gegenseitig musikalisch und dichterisch. Die Unerreichbarkeit der Dame rückt plötzlich in den Hintergrund. Dem Ritter ist weder daran gelegen, die Dame tatsächlich für sich zu gewinnen, noch besteht eine emotionale Bindung zu ihr. Es wird eine Fassade aufgebaut. Nicht das Herz ist zu gewinnen, sondern der Wettkampf und damit verbunden auch die Gunst des Königs. Der Ritter ist seinem König sehr verbunden. Die Treue zu ihm sichert ihm seine Ehre (êre). Man könnte auch sagen, der Ritter ist dem König minniclîch verbunden.

In der Herzmäre ist dies keineswegs der Fall. Der Ritter verzehrt sich nach einer für ihn unerreichbaren Dame, die mit einem angesehenen Mann verheiratet ist. Die Dame erwidert seine Liebe. Beide empfinden so stark füreinander, dass sie große Herzensqualen erleiden. Hier sieht man also schon mal einen bedeutsamen Unterschied. Während sich die Hohe Minne im Allgemeinen an der Oberfläche abspielt, wird sie hier durchstoßen. Gefühle spielen eine große Rolle. Vor allem die negativen, die die Liebe nicht ausschließen: Liebeskummer. Davor dürften die Ritter am Hofe verschont bleiben, da die umworbene Dame lediglich als Statussymbol fungiert. Die Liebe besitzt eine so große Macht, dass sie die beiden am Ende sogar dahin rafft. Dies vermag im Alltag eines Ritters gewöhnlich nur der Krieg. Die Minne spielt im höfischen Leben eine spezielle Rolle. Vor allem erhält sie dabei eine Fassade aufrecht. Aus diesem Grund sondert sich die in der Herzmäre publizierte Minnedarstellung von der „otto-normal-höfischen“ ab.

Auch die Treue spielt eine wichtige Rolle. Trotz ihrer Unerreichbarkeit, kann und will sein Herz nicht ohne sie leben. So geschieht es dann auch, am Ende dieser tragischen Geschichte. Sein Herz verkraftet die Trennung nicht, so dass er am Ende vor Liebe vergeht bzw. an gebrochenem Herzen (im wahrsten Sinne des Wortes) stirbt.

Dieses Schicksal bleibt dem Otto-Normal-Ritter erspart. Er läuft höchstens Gefahr, an gebrochener êre zu sterben.

Für diese Hausarbeit habe ich mich mit einem besonderen Stoff beschäftigt, nämlich mit dem Eneasroman von Heinrich von Veldeke. Warum dieser Text so unglaublich interessant für diese Thematik ist, liegt daran, dass Heinrich in diesem Roman eine Vielzahl von unterschiedlichen Minnekonzeptionen eingefädelt hat. Eigentlich könnte man schon fast behaupten, es handele sich hierbei weniger um einen historischen Roman, als um eine Liebesgeschichte bzw. um ein Minneepos. Wir wollen dem werten Heinrich natürlich nichts unterstellen, aber da es sich bei dem Auftraggeber um eine Frau handelte, nämlich der Gräfin Agnes von Loon, sollte dieser Denkansatz vielleicht nicht ganz unberücksichtigt bleiben. Weiterhin ist zu bemerken, dass das Wesen der Minne kaum vielseitiger darzustellen ist, als in jenem Roman. Von der unglücklichen, unerwiderten Minne bis hin zur erfüllten, sinnlichen Minne, wird selbst die gleichgeschlechtliche Minne nicht ausgelassen. Trotz dieses bemerkenswerten Gehaltes ist das Werk weder langatmig noch verläuft es sich in detaillierten Umschreibungen. Heinrich konzentriert sich im Allgemeinen auf das Wesentliche und verweilt nur bei den verschiedenen Figuren bzw. Charakteren bei der Umschreibung einiger Details. (so z.B. die Kampfausrüstung der Camilla) Die Figuren scheinen sowieso den höchsten Stellenwert einzunehmen. Umgebungen werden weniger detailreich beschrieben, als Charakter, Tugenden und Äußerlichkeiten der Personen. Auch die Monologe und Dialoge erstrecken sich über viele Seiten hinweg. Interessant sollen an dieser Stelle vor allem die Minnemonologe- und Dialoge sein.

Im Verlauf dieser Arbeit sollen sich folgende Fragen erschließen: Zum einen möchte ich erläutern, ob die Minne eine Krankheit ist –oder ist sie etwas Magisches, Übersinnliches, etwas außerhalb der beiden sich Minnenden stehendes? Des Weiteren erscheint es mir anhand dieses Romans interessant, ob für die „wahre Minne“ nur zwei adäquate Körper füreinander bestimmt sind?

Warum sich mir die Frage nach der Adäquanz stellt, lässt sich mit der Minne von Dido und Eneas erklären. Hierbei ist außerdem interessant, ob es sich tatsächlich um die Minne von Dido und Eneas handelt oder ob man nicht lieber mit der Formulierung Dido’s Minne verfahren sollte.

Dido’s Minne

Denn fraglich bleibt, ob Eneas Dido überhaupt jemals wirklich geliebt hat oder konnte er es vielleicht gar nicht? Gab es wahrscheinlich niemals eine Chance für die beiden, da sie schließlich nicht für einander bestimmt waren? Eneas wusste ja längst, was sich die Götter für ihn gedacht hatten. Sein Vater hatte es ihm ja prophezeit, als er ihn mit Hilfe der Frau Sibylle in der Unterwelt aufsuchte. Warum er dennoch die Ehe mit Dido einging, darüber kann man nur spekulieren. Wahrscheinlich glaubte er, dass er für eine Weile mit ihr glücklich sein könnte bevor er weiterzog. Es sich bis zur Abreise „ein bisschen gemütlich machen“, den Augenblick genießen. Ganz klar muss spätestens an der Stelle werden, dass es Eneas nicht ernst war mit seiner Minne, als er beschloss, dem Ruf seiner Götter zu folgen und weiter zu ziehen. Wie es dabei Dido ging rührte ihn nicht sonderlich und auch all ihr Betteln und Flehen ließ ihn scheinbar kalt. Natürlich mochte er sie, allerdings reichte seine Zuneigung nicht aus, um sie zumindest zu bitten, ihn zu begleiten. Er nahm sie nicht einmal wirklich ernst, wie es bei ebenbürtigen Liebenden sein sollte, denn ihren Drohungen, sich umzubringen schenkte er keinen Glauben. Was Dido nicht wusste, ist, dass Eneas seine Zukunft und seine wahre Bestimmung längst kannte. Und die lag nicht in Karthago. Auch war ihm klar, dass Dido nicht die richtige Frau für ihn war, trotz ihres anziehenden Äußeren. Was Dido anging, war die Lage völlig umgekehrt. Für sie gab es nun keine Zukunft mehr. Sie hatte bisher alle Freier verschmäht und sich dadurch viele Feinde gemacht. Nun wurde sie öffentlich von ihrem Gemahl verlassen und blieb schutzlos und ohne Perspektive zurück. Nochmals heiraten kam für sie nicht in Frage. Außerdem war sie nun zu ihrer Schande öffentlich bloß gestellt. Des Weiteren konnte sie ohne Eneas nicht mehr leben, da ihre Minne zu ihm so stark war, dass jede Sekunde ohne ihn ihr großen Schmerz zufügte. Sie sah also für sich keine andere Alternative mehr, als sich selbst zu töten. Es handelt sich hier um eine sehr interessante Minnekonzeption. Nicht ganz unerwidert aber auch nicht wirklich erwidert. Vielleicht könnte man sagen, die Minne der beiden ist sehr ungleich verteilt. Der Eine minnt sehr viel stärker als der Andere. Schon zu Anfang wird gesagt,

daz in div frôwe Dido

starche minnen began,

daz nie wib einen man

harter mohte geminnen.[2]

Dass diese Art der Minne sehr „ungesund“ ist, wird gleich darauf erwähnt:

ir minne div was ze groz,

wande siv dar vmbe m°vse geben

ze aller ivigst ir leben.[3] (S.50 Z.12-14)

[...]


[1] vgl. Hilkert Weddige, Einführung in die germanistische Mediavistik, 5. Aufl., S. 346

[2] Alle Zitate beziehen sich auf Hans Fromm (Hg.), Heinrich von Veldeke, Eneasroman, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main, 1992, hier: S. 50, Z. 2-5

[3] S. 50, Z. 8-10

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Minnekonzepte in mittelalterlicher Literatur
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Minnekonzeptionen in der Literatur des Mittelalters
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V88322
ISBN (eBook)
9783638024174
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnekonzepte, Literatur, Minnekonzeptionen, Literatur, Mittelalters
Arbeit zitieren
Julia Sonntag (Autor), 2006, Minnekonzepte in mittelalterlicher Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88322

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