Chancen und Risiken von Kleinbetrieben


Magisterarbeit, 2007

101 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entfremdung
2.1 Der Entfremdungsbegriff bei Emile Durkheim
2.2 Der Entfremdungsbegriff bei Erich Fromm
2.3 Der Entfremdungsbegriff bei Michel Crozier
2.4 Kritik der entfremdungstheoretischen Ansätze bei May
2.5 Ein einheitlicher Entfremdungsbegriff

3 Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Thema Kleinbetriebe
3.1 Sozialwissenschaftliche Forschung
3.2 Wirtschaftswissenschaftliche Mittelstandsforschung

4 Zur Definition von Kleinbetrieben
4.1 Qualitative Definitionskriterien
4.2 Quantitative Definitionskriterien
4.3 Betriebsgrößenklassen
4.3.1 Institutionelle Klassifizierung von Betriebsgrößenklassen
4.3.2 Klassifizierung in der Wissenschaft
4.4 Kleinbetriebe im Verständnis der vorliegenden Arbeit

5 Die Bedeutung von Kleinbetrieben in beschäftigungspolitischer und volkswirtschaftlicher Hinsicht

6 Typologien von Kleinbetrieben
6.1 Die Typologie von Brussig et al
6.1.1 Offene Betriebe
6.1.2 Determinierte Betriebe
6.1.3 Prägende Betriebe
6.2 Die Typologie von Weimer
6.2.1 „Der handwerkliche oder handwerksnahe Kleinbetrieb“
6.2.2 „Der unterentwickelte Industriebetrieb“
6.2.3 „Problemlöser“
6.3 Erkenntnisgewinn für das Thema dieser Arbeit

7 Sozialbeziehungen in Kleinbetrieben
7.1 Das Konzept der betriebliche Sozialordnung
7.1.1 Die gemeinschaftliche Sozialordnung
7.1.2 instrumentalistische Sozialordnung
7.1.3 Einflussfaktoren auf die Sozialordnung
7.1.4 Erkenntnisgewinn für das Thema dieser Arbeit
7.2 Die Person des Unternehmers
7.3 Mitbestimmung und Beteiligung der Beschäftigten im Betrieb
7.3.1 Institutionalisierte Interessenvertretung (Gewerkschaft und Betriebsrat)
7.3.1.1 Der Betriebsrat
7.3.1.2 Der gewerkschaftliche Einfluss in Kleinbetrieben
7.3.1.3 Bewertung der geringen Betriebsratsquote
7.3.2 Mitarbeiterbeteiligung
7.4 Entlohnungsbedingungen in Kleinbetrieben

8 Die Attraktivität der Arbeit im Kleinbetrieb

9 Spezifische Vor- und Nachteile von Kleinbetrieben
9.1 Vorteile
9.2 Nachteile

10 Beschäftigungsstabilität in Kleinbetrieben

11 Zukünftige Entwicklungstendenzen

12 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der hier vorliegenden Arbeit soll es gemäß dem Titel um Chancen und Risiken von deutschen Kleinbetrieben gehen. Chancen und Risiken beziehen sich dabei vorrangig auf die Qualität und Attraktivität der Arbeit, die sich in Kleinbetrieben für die Beschäftigten bieten.

Ausgangspunkt dieser Arbeit bildet die Theorie der Entfremdung von Arbeit. Ent-fremdungsphänomene können sich auf verschiedene Weise einstellen, für die vorliegende Arbeit ist aber lediglich die Entfremdung von (Erwerbs-) Arbeit interessant. Im Zuge einer zunehmenden Industrialisierung, entfremdet sich der Mensch zunehmend von seiner Arbeit. Arbeitsteilung und Technisierung trennen den Menschen vom Produkt seiner Arbeit. Der Sinnbezug seiner Tätigkeit geht zunehmend verloren, Vereinzelung und psychische Probleme sind die Folge. Der Mensch entfernt sich im Prozess der Entfremdung aber nicht nur von seiner Arbeit, sondern auch von seinen Mitmenschen. Ein Bestandteil dieser Überlegungen ist die Einschätzung, dass die Arbeit einen entscheidenden Beitrag zur Lebenswelt des Menschen leistet. Er verbringt einen großen Teil seines Lebens notwendigerweise mit Arbeit. In Deutschland befindet sich der durchschnittliche Arbeiter ca. 40 Stunden pro Woche an seinem Arbeitsplatz. Hier tritt er in Beziehung zu seinen Mitmenschen, hier findet er einen Großteil seiner sozialen Kontakte, hier wird er sozialisiert. Sozialisierung von Erwachsenen findet freilich nicht ausschließlich im Arbeitsleben statt, der Mensch findet soziale Kontakte auch in seiner Freizeit, in der Familie und beim Ausüben von Hobbys. Sozialisierung in der Arbeitswelt nimmt aber einen großen Anteil ein und wirkt damit zu einem Teil identitätsstiftend. Der Mensch identifiziert sich mit seiner Arbeit, er begreift sich als Arbeiter, Angestellter oder Manager, als Zahnarzt, Architekt oder Kellner. Selbst die negative Ausprägung von Arbeit, die Arbeitslosigkeit kann vergemeinschaftend wirken und so kann auch der Status der Arbeitslosigkeit Teil der Identität des einzelnen werden. Lernen zwei sich vorher unbekannte Menschen kennen, ist eine der ersten Fragen meist auch die Frage nach der Arbeit. Alter, Wohnort und Arbeitsstelle sind Fakten die uns beim anderen interessieren, die uns helfen einzuschätzen „wer“ der andere ist. Arbeit nimmt also einen großen Stellenwert ein.

Entfremdet sich der Mensch von seiner Arbeit, so ist das mit gewissen Problemen und Konfliktlagen verbunden. Diese Probleme betreffen zum einen das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, und zum anderen das Verhältnis von Menschen untereinander. Damit ist auch eine Kernfrage der Soziologie berührt, nämlich: „Wie ist Gesellschaft möglich?“ und zwar in dem Sinne, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft, als ein konstitutives Merkmal erklärungsbedürftig ist. Führt man diesen Gedanken weiter, dann könnte die Gesellschaft an sich schlechthin zusammenbrechen bzw. ihre Weiterexistenz unmöglich sein, wenn ein bestimmter Grad an Entfremdung erreicht wird, da dann der Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht mehr in einem ausreichenden Maße gegeben sein könnte.

Die Theorie der Entfremdung ist in der Wissenschaft allerdings nicht unumstritten. Sowohl ihre Existenz an sich, als auch ihr Bedrohungspotenzial für die Gesellschaft werden unterschiedlich eingeschätzt. Die vorliegende Magisterarbeit geht von der Prämisse aus, dass es Entfremdungstendenzen im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit gibt und diese die Gesellschaft gefährden. Entfremdung von Arbeit reproduziert sich aber in erster Linie in Großbetrieben. Die Merkmale der Arbeitsteilung, in den meisten Theorien ursächlich für Entfremdung angesehen, finden sich meist in größeren wirtschaftlichen Einheiten. Meine These lautet daher, dass die Strukturen in Kleinbetrieben die Entfremdung von Arbeit negativ beeinflussen, Entfremdung in Kleinbetrieben also, wenn überhaupt, in weitaus geringerem und für die Gesellschaft und den einzelnen nicht bedrohendem Maße stattfindet.

Die Tatsache, dass Kleinbetriebe in ihrer Gesamtheit quantitativ weit mehr Beschäftigte ausweisen als Großbetriebe, wie in Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit zu sehen sein wird, könnte Teil der Antwort auf die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt sein. Durch Entfremdung bedingte, gesellschaftliche Konflikte, würden nämlich dann nicht existieren, weil durch die Kleinbetriebe das gesamtgesellschaftliche Ausmaß von Entfremdung begrenzt würde. Damit wäre auch eine besondere Bedeutung der Kleinbetriebe herausgestellt (welche in der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Kleinbetriebe, wenn überhaupt, dann nur selten und nicht in dieser konsequenten Form gesehen wird).

Eng in Verbindung mit den Strukturen der Entfremdung stehen auch Fragen der Qualität und der Attraktivität der Arbeit, sowie der Arbeitszufriedenheit. Diese Themen lassen sich meiner Ansicht nach nicht strikt voneinander trennen. Das eher abstrakte „Wohlbefinden“ der Beschäftigten im Betrieb ist meiner Meinung nach ein wichtiger Indikator für die Qualität der Arbeit in Kleinbetrieben. Offen bleibt dabei, ob Entfremdung lediglich ein Be¬reich des Themas Arbeitszufriedenheit ist, oder ob umgedreht, ein hohes Maß an Arbeits¬zufriedenheit zu einer Abschwächung von Entfremdungstendenzen führen kann.

Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich zunächst die These der Entfremdung von Arbeit vorstellen. Ausgehend vom Entfremdungsbegriff von Emile Durkheim werde ich mich dazu auf verschiedene andere Theoretiker berufen. In der Folge soll es dann um den Kleinbetrieb gehen. Dieser Bereich wird den größten Teil dieser Magisterarbeit einnehmen. Ziel ist es, den Kleinbetrieb zu definieren, seine (im engeren Sinne wirtschaftliche) Bedeutung zu verdeutlichen und in gewisser Weise das „Wesen“ und die Besonderheit des Kleinbetriebs herauszustellen. Implizit geschieht dies immer auch in Abgrenzung vom Großbetrieb. In einem nächsten Schritt soll dann der Untersuchungs¬gegenstand, die Kleinbetriebe, definiert werden. Dabei werden sich einige Schwierigkeiten zeigen die im Rahmen dieser Arbeit gelöst werden sollen. Anschließend wird herausgearbeitet werden inwiefern Kleinbetriebe in beschäftigungspolitischer und volkswirtschaftlicher Hinsicht für die Welt der deutschen Betriebe bedeutsam sind. Die Heterogenität der Kleinbetriebe macht die Entwicklung von Typologien notwendig, von denen zwei im 6. Kapitel vorgestellt werden sollen. Eine dritte Typologie, die eher in Zusammenhang mit den Sozialbeziehungen in Kleinbetrieben zu sehen ist, findet im darauf folgenden Kapitel Erwähnung. Zudem sollen in Kapitel 7 die handelnden Hauptakteure der Kleinbetriebe, der Unternehmer und die Belegschaft, näher beleuchtet werden. Die Attraktivität der Arbeit in Kleinbetrieben, die in ihrer besonderen Qualität dazu beitragen soll, Entfremdungserscheinungen entgegenzuwirken ist Gegenstand des 8. Kapitels. In Kapitel 9 sollen die verschiedenen spezifischen Vor- und Nachteile, die sich Klein¬betrieben sowohl in punkto Arbeitsqualität, als auch aus einer eher ökonomischen Perspektive heraus bieten, aufgezeigt werden. Fragen der Beschäftigungsstabilität in Kleinbetrieben werden in Kapitel 10 kurz erörtert. Daran anschließend werden zukünftige Entwicklungstendenzen der Kleinbetriebe vorgestellt, bevor im abschließenden 11. Kapitel auf die Ausgangsthesen zurückgegriffen wird, wobei die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst und interpretiert werden.

2 Entfremdung

Das Entfremdungsphänomen ist vielschichtig, eine einheitliche Begriffsdefinition existiert nicht. Unterschiedliche Autoren können Unterschiedliches meinen, wenn sie über Ent¬fremdung sprechen. Daher ist für die vorliegende Arbeit eine Spezifizierung des hier verwendeten Entfremdungsbegriffs nötig. Dazu werde ich zunächst das Entfremdungs¬phänomen in seinen Grundzügen erläutern. Ich gehe dabei unter anderem auf Ursachen, Bedingungen, Folgen und die Essenz von Entfremdung ein. Daran anschließend werde ich drei theoretische Modelle des Entfremdungsphänomens vorstellen. Mit Hilfe dieser Vorgehensweise soll dann ein einheitlicher Begriff entwickelt werden, um das Entfremdungsphänomen für die Zwecke der vorliegenden Arbeit fassbar zu machen. An dieser Stelle ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Theorie von Durkheim immer Ausgangspunkt meiner entfremdungstheoretischen Überlegungen bleibt.

Von zentraler Bedeutung für die Beschreibung des Entfremdungsphänomens ist der Begriff der Arbeitsteilung, welche als Ursache von Entfremdung betrachtet wird. Dabei lässt sich zwischen gesellschaftlicher und technischer Arbeitsteilung unterscheiden. Gesell¬schaftliche Arbeitsteilung meint die Aufteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf spezialisierte Fachkräfte, bezieht sich also auf die Ausbildung spezifizierter Berufe. Während die technische Arbeitsteilung eher innerhalb der jeweiligen Berufe oder Tätigkeiten anzusiedeln ist, sie fraktioniert ganzheitliche Arbeitsvorgänge in Teilver¬richtungen.

Entfremdung lässt sich weiterhin aus soziologischer und psychologischer Sicht betrachten. Psychologische Entfremdung bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das Individuum und beinhaltet seine Isolation und Selbstentfremdung, verbunden mit seiner Machtlosigkeit und der Sinnlosigkeit seiner Tätigkeit. Aus soziologischer Sicht kann Entfremdung als ein gesellschaftlicher Prozess interpretiert werden, in dem sich die Arbeit der Beschäftigten verselbständigt und zu einer reinen Tätigkeit ohne schöpferische Qualität verkommt. Aus der Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit folgt dann die Entfremdung des Menschen von seinen Mitmenschen und damit von der Gesellschaft.

Die soziologische Form der Entfremdung hat subjektive und objektive Komponenten. Subjektive Entfremdung bezeichnet individuelle Entfremdungserfahrungen und wird in der soziologischen Theorie vielfach als Entfremdung im engeren Sinne aufgefasst. Objektive Entfremdung bezieht sich hingegen auf bestimmte gesellschaftliche Bedingungen und Prozesse. In der Literatur wird sie meist als Entfremdung im weiteren Sinne, mit dem Begriff der „Anomie“ bezeichnet. Die subjektive Komponente der soziologischen Entfremdung entspricht also weitestgehend der Entfremdung aus psychologischer Sicht.

Weiterhin treffen Entfremdungstheorien immer auch Aussagen (bzw. Hypothesen) über die Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Dabei wird zunächst grundsätzlich von Konfliktsituationen ausgegangen. Über diese Konfliktsituationen werden jedoch einander ausschließende Annahmen getroffen, die Entfremdung einerseits als individualinduziert und andererseits als gesellschaftsinduziert betrachten. Individualinduziert betrachtet, wird Entfremdung als ein gesellschaftlicher Entwicklungs¬prozess interpretiert, in dem das Individuum einen ursprünglichen Gleichgewichtszustand ändert, um über gesellschaftliche Veränderungen einen neuen zu erreichen. Bei mangelnder Anpassung des Individuums an die Gesellschaft spricht man hingegen von gesellschaftsinduzierter Entfremdung. Beide Annahmen haben aber gemein, dass Entfremdung als Entfernung von einem als normal angesehenen Zustand verstanden wird. Ein als normal angesehener Zustand kann dabei entweder normativ durch vorgegebene Wertprämissen, oder statistisch, als Durchschnitt definiert sein.

Weiterhin kann Entfremdung auch in Verbindung mit dem Begriff der Arbeitszufriedenheit gesehen werden. Beide Begriffe weisen Gemeinsamkeiten auf, sie beinhalten eine Reaktion des Individuums auf Anforderungen, Erfahrungen und Erwartungen am Arbeitsplatz. Im Unterschied aber zum immer auch negativ konnotierten Entfremdungsbegriff, ist der relativ komplexe, affektive Zustand der Arbeitszufriedenheit nicht im Vorhinein festgelegt. Arbeitszufriedenheit kann sowohl positive, als auch negative Ausprägungen annehmen.

In der modernen industriellen Gesellschaft gewinnt Entfremdung eine neue Qualität. Die sozialen Strukturverhältnisse sind hier von einer großbetrieblichen Produktionsweise geprägt, welche nur mit der Trennung von Betrieb und Familie möglich ist. Soziale Konflikte werden dabei (im Idealfall) von einer Vielzahl von Interessengruppen und –verbänden mittels institutionalisierten Regeln gelöst. Die Tatsache, dass großbetriebliche Strukturen in modernen Industriegesellschaften auf soziale Strukturverhältnisse großen Einfluss haben, mag unbestritten sein, dennoch muss dieser Einfluss relativiert werden. An dieser Stelle sei vorweggenommen, dass in Kapitel 5 dieser Arbeit auf die Bedeutung der Kleinbetriebe eingegangen wird, dabei kann unter anderem gezeigt werden, dass der Einfluss kleinbetrieblicher Strukturen nicht unterschätzt werden sollte. Entfremdungs¬erscheinungen werden also zumeist als eine Folge großbetrieblicher Arbeitsteilung dargestellt. Entfremdung ist damit hauptsächlich durch großbetriebliche Strukturen bedingt, die durch eine arbeitsteilige Produktionsweise geprägt sind. Dadurch wird in der entfremdungstheoretischen Diskussion schon implizit darauf verwiesen, dass Ent¬fremdungserscheinungen in Kleinbetrieben wahrscheinlich vergleichsweise selten auftreten. Diese Interpretation lässt sich freilich nur halten, wenn es gelingt, die Besonder¬heit kleinbetrieblicher Strukturen als etwas von Großbetrieben verschiedenes heraus¬zustellen, was in der vorliegenden Arbeit geschehen soll.

Im Folgenden werden nun, ausgehend von Durkheim, verschiedene Entfremdungstheorien vorgestellt. Dabei wird zunächst immer erst der jeweilige Arbeitsbegriff beziehungsweise die jeweilige Auffassung von Arbeitsteilung dargestellt, bevor der Begriff der Entfremdung und die spezifischen Besonderheiten der jeweiligen Theorie präsentiert werden.

2.1 Der Entfremdungsbegriff bei Emile Durkheim

Durkheim versteht Arbeitsteilung als Grundlage sozialer Solidarität. Kann aus Arbeitsteilung keine Solidarität entstehen, dann ist sie für ihn „anormal“ und somit pathologisch. Das Verhältnis des Individuums zu eben dieser sozialen Solidarität ist dann ein ungeregeltes, es ist „anomisch“.

Durkheims Arbeitsbegriff ist für das Soziale offen gehalten, er umfasst menschliches Handeln verschiedenster Bereiche. Durkheim spricht darum auch von „sozialer Arbeit“. Arbeitsteilung vollzieht sich für ihn auf der Ebene der Rollen und Berufe. Durkheim versteht Arbeitsteilung zunächst also als gesellschaftliche Arbeitsteilung, auf die bereits eingegangen wurde. Die Zerlegung des Arbeitsprozesses, eingangs als technische Arbeitsteilung beschrieben, ist dabei eine anomische Form der sozialen Arbeitsteilung. Damit will Durkheim die sozial-pathologischen Auswirkungen der technischen Arbeits¬teilung verdeutlichen, die er im Zuge der Industrialisierung im Zunehmen begriffen sieht. Dadurch sieht er die Bindungen des einzelnen an die Gruppe belastet und im Aufbrechen begriffen. Durch mangelnde Anpassung kommt es zu einem Spannungszustand zwischen dem Individuum und den gesellschaftlichen Normen und damit mit der Gesellschaft an sich, der „Anomie“. Individualinduzierte Entfremdungserscheinungen kennzeichnen bei Durkheim also den gesellschaftlichen Krisenzustand.

Durkheim unterscheidet segmentäre und arbeitsteilige Gesellschaften mit jeweils spezifischen Formen sozialer Solidarität, mechanischer Solidarität bei segmentären, und organischer Solidarität bei arbeitsteiligen Gesellschaften.

Segmentäre Gesellschaften stellen archaische Sozialgebilde dar. Ihr Zusammenhalt basiert auf der Ähnlichkeit der Individuen. Ein starkes Kollektivbewusstsein überlagert dabei individuelle Eigenheiten. Mit der modernen Industriegesellschaft hat diese Gesellschaftsform nichts gemein.

Der Zusammenhalt arbeitsteiliger Gesellschaften, zu denen die moderne Industriegesellschaft gerechnet werden muss, basiert im Gegensatz dazu auf der Verschiedenheit der Individuen. Während die mechanische Solidarität durch ein Kollektivbewusstsein der Individuen entsteht, lässt sich die organische Solidarität auf eine zunehmende Individualisierung der Einzelbewusstseine zurückführen. Grund dafür ist die entstehende berufliche Arbeitsteilung und Spezialisierung, die zu einer wesentlichen Quelle dieser Solidarität wird. In der Folge gestaltet sich die Arbeit individueller, gleichzeitig erhöht sich aber auch die soziale Abhängigkeit des Einzelnen.

Diese Entwicklung sieht Durkheim mit einer Reihe von Gefahren verbunden. So kann hochgradige Arbeitsteilung zu erzwungener Spezialisierung führen, das heißt der einzelne kann seine Arbeit nicht mehr spontan wählen, sie wird ihm gewissermaßen aufgezwungen. Das wiederum führt nach Durkheim zu einem Schwinden der sozialen Solidarität und zwar dann, wenn die dem Einzelnen zugewiesene Arbeit nicht seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht und ihm damit die Identifikation mit seiner Tätigkeit erschwert wird. Weiterhin besteht die Gefahr einer unzureichenden Integration verschiedener Arbeitsfunktionen, was in einem Extrem zu Wirtschaftskrisen und Arbeitskämpfen führen kann.

Die skizzierten Gefahren führen dann zu Zuständen sozialer Desorganisation und Desintegration, für Durkheim verwirklicht in der anomischen Arbeitsteilung. Er erkennt darin die Folge zu schnellen sozialen Wandels im Übergang von der handwerklichen zur industriellen Produktionsweise. Anomische Arbeitsteilung macht er für drei Problembereiche verantwortlich, den Bereich der Wirtschaftskrisen, den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit und den Verlust der Einheit der Wissenschaft.

Wirtschaftliche Krisen entstehen dadurch, dass bestimmte soziale Funktionen nicht mehr ausreichend aufeinander abgestimmt sind. Durch die Produktion des Industriebetriebs für den anonymen Markt (im Gegensatz zur auftragsbezogenen Produktion des Handwerksbetriebs) verliert der Produzent an Marktübersicht und die Produktion verliert jeglichen Bezug zu den Bedürfnissen der Kunden. Die Folgen dieser Entwicklung sind für Durkheim in industriellen und kommerziellen Krisen und Konkursen einzelner Unternehmen sichtbar.

Die industrielle Produktionsweise und damit die Wahrscheinlichkeit anomischer Arbeitsteilung verändert auch die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, also zwischen Kapital und Arbeit, nachhaltig. Durkheim sieht die Arbeit der Menschen zunehmend von der Arbeit der Maschinen ersetzt und konstatiert zunehmende psychische Beeinträchtigungen. Durch die Bindung an die Fabrik wird der Mensch seiner Familie und damit seiner ursprünglichen Lebenswelt entzogen und separiert. Der immer schon bestehende Konflikt zwischen Kapital und Arbeit verschärft sich.

Außerdem kommt es Durkheim zufolge zu einer Zersplitterung innerhalb der Wissenschaft, wobei sich die Wissenschaftler zunehmend spezialisieren und dadurch zunehmend voneinander entfernen. Durkheim sieht in diesem Fall die Einheit der Wissenschaft aber nicht als grundlegend gefährdet an, da sich die einzelnen Wissen¬schaftler aufgrund ihrer Forschungen wieder einander annähern werden.

Zunächst sah Durkheim in seinem Werk „Über soziale Arbeitsteilung“ (im Original: „De la division du travail social“) die anomische Arbeitsteilung und ihre pathologischen Folgen nur als vorübergehenden Ausnahmezustand und unter außergewöhnlichen Umständen auftretend an. In „Der Selbstmord“ (im Original „Le suicide“) ging er aber 4 Jahre später insbesondere für den Handels- und Industriebereich (also dem für den hier vorliegenden Problembereich der Arbeitsbeziehungen relevanten Bereich) von einem chronischen Dauerzustand aus, der in gewisser Weise „normal“ geworden war.

Eine Lösung für das Problem der anomischen Arbeitsteilung (und damit die Bewältigung des Entfremdungsphänomens) sieht Durkheim in der Bildung von Berufskorporationen. Diese Vereinigungen und Organisationen von Inhabern gleicher Professionen sind für ihn eine soziale Notwendigkeit und Beleg dafür, dass Menschen nur integriert in sozialen Gruppen handlungsfähig sind.

May meint, dass sich die heutige Arbeitswelt, folgt man der Auffassung Durkheims, als weitgehend pathologisch und anormal darstellt, also Entfremdungstendenzen zu beobachten wären.

Entfremdung ist bei Durkheim also ein Problembereich, der aus der Arbeitsteilung folgt. Primär ergibt sich dieser Problembereich aus der technischen, der anomischen Arbeitsteilung, wie Durkheim betont. Ich leite daraus ab, dass nach Durkheim arbeitsteilige Gesellschaften nicht zwangsweise mit Entfremdungserscheinungen zu kämpfen haben, sieht er doch in den Berufskorporationen eine Möglichkeit Entfremdung zu überwinden. Gesellschaftliche Arbeitsteilung stellt demzufolge also kein Problem dar. Das ist für die vorliegende Arbeit insofern relevant, als gesellschaftliche Arbeitsteilung elementarer Bestandteil moderner Industriegesellschaften ist. Technische Arbeitsteilung ist hingegen lediglich in Großbetrieben von elementarer Bedeutung, Kleinbetriebe zeichnen sich aber, wie zu zeigen sein wird, durch ein signifikantes Weniger an technischer Arbeitsteilung aus.

2.2 Der Entfremdungsbegriff bei Erich Fromm

Auch Fromm versteht Entfremdung, die für ihn ein psycho- und sozialpathologisches Phänomen darstellt, als ein zentrales Problem industrieller Gesellschaften. In kapitalistischen Gesellschaften bleiben stets wesentliche Bedürfnisse der Individuen unbefriedigt, daraus ergibt sich ein Konflikt zwischen individuellen und gesellschaftlichen Ansprüchen, mithin ein Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft. Der Arbeiter wird zu einem bloßen Produktionsfaktor reduziert und sieht sich der Autorität einer Maschine unterworfen, die für ihn nicht nachvollziehbar ist. Die Arbeit wird zum Zwang.

Arbeit bei Fromm ist zunächst einmal zweckgerichtetes Handeln, zum Ziele der Existenzsicherung. Daneben bietet Arbeit dem Menschen aber auch die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken. Fromm unterscheidet also zwischen einer technischen und einer sozialen Dimension der Arbeit. Die technische Dimension sieht er vom Prinzip der Arbeitsteilung bestimmt, während sich die soziale Dimension in den im Arbeitshandeln entstehenden, zwischenmenschlichen Beziehungen zeigt.

Durch technische Arbeitsteilung (für Fromm dominantes Prinzip industrieller Arbeit) werden der Arbeit kreative und kooperative Elemente entzogen. Der Arbeiter verliert den Gesamtüberblick über den Produktionsprozess, die zwischenmenschlichen Kontakte zu den in gleicher Weise eingebundenen Mitarbeitern gehen verloren. Der Einzelne wird austauschbar und verliert seine Individualität.

Entfremdung wird von Fromm in erster Linie als ein subjektives Phänomen verstanden. Der Mensch empfindet sich selbst als fremd, verbunden aber auch mit dem Verlust zwischenmenschlicher Beziehungen. Weiterhin begreift Fromm Entfremdung als einen Erfahrungsprozess, der mit der Arbeitsteilung und der Privatisierung der Produktionsmittel begann. Ausgelöst wird Entfremdung durch den Widerspruch zwischen individuellen Ansprüchen an die Arbeit und der konkreten Arbeitssituation. Die soziale Wirklichkeit steht individuellen Bedürfnissen gegenüber, in diesem Sinne ist Entfremdung bei Fromm also gesellschaftsinduziert.

Entfremdung ist für Fromm, wie bereits erwähnt, ein zentrales Problem der Menschen, dass sich in der industriellen Produktionsweise durch exzessive (technische) Arbeitsteilung immer weiter verstärkt. Dabei beschränkt sich Entfremdung nicht nur auf den Produktionsbereich, sie wirkt auch mittelbar in Bereiche des Konsums und der Freizeitgestaltung hinein. Die Überwindung von Entfremdung durch alle Mitglieder der Gesellschaft ist für Fromm eine existenziell bedeutsame Aufgabe.

Maßgeblich bestimmt wird Entfremdung von bestimmten betriebswirtschaftlichen Verhaltensmustern, die sich aus Sachzwängen der industriellen Produktionsweise ergeben. Für Fromm sind die wichtigsten dabei Quantifizierung und Abstraktion. Die Umwandlung vom Konkreten ins Abstrakte umfasst neben dem materiellen Bereich des Betriebes auch den personellen. Die konkrete Beziehung des Arbeiters zum Endprodukt und zu seinen Mitarbeitern wird auch für ihn abstrakt, wobei er sich selbst und die anderen als Verkörperungen eines quantitativen Tauschwertes erlebt.

Entfremdete Arbeit zeigt sich nach Fromm an einer Reihe von Symptomen. Zunächst wird sie ganz allgemein als unbefriedigend und langweilig empfunden. Daraus erwächst für die Betroffenen eine immer stärkere Unzufriedenheit, die zu einer tiefsitzenden, häufig unbewussten, ablehnenden Einstellung gegenüber der Arbeit führt. Gleichzeitig wächst der Drang nach Faulheit und Nichtstun. Für Fromm bedeutet die Befriedigung des Bedürfnisses nach Faulheit aber auch keinen Ausweg, denn dann verfällt der Mensch erst recht in chronische Depressionen. Neben der Faulheit liegt auch im zwanghaften Aktionismus eine Reaktion auf entfremdete Arbeit vor. Diese Form der Überaktivität erstreckt sich dann meist auch auf den Freizeitbereich, in dem der Mensch über größere Freiheiten als im Arbeitsbereich zu verfügen glaubt. Entspannung wird vernachlässigt. Daneben ist auch eine gewisse Gleichgültigkeit der Arbeitskollegen untereinander, aber auch gegenüber ihren Mitmenschen im außerbetrieblichen Bereich ein Symptom ent¬fremdeter Arbeit.

Entfremdung bedroht weiterhin die Existenz der Gesellschaft. Darum ist es für Fromm von besonderer Wichtigkeit, dieses Problem zu lösen und Entfremdung aufzuheben. Überwindung der Entfremdung ist für ihn nur durch eine Veränderung der Industriegesellschaft möglich und zwar auf wirtschaftlicher, politischer und kultureller Ebene. Nur eine neue Gesellschaftsform, der „kommunitäre Sozialismus“ kann das leisten. Eine umfassende Darstellung dieser Gesellschaftsutopie muss an dieser Stelle entfallen, sie ist nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

2.3 Der Entfremdungsbegriff bei Michel Crozier

Während die meisten anderen Entfremdungstheorien den Industriearbeiter in den Fokus ihrer Betrachtungen stellen, untersucht Crozier das Entfremdungsphänomen unter dem Aspekt der Bürokratie und vermutet Entfremdungserscheinungen auch in bürokratischen Arbeitssystemen,. Für Crozier ist der wachsende Anteil von Verwaltungsarbeiten an den gesamten Arbeitsaktivitäten ein zentrales Merkmal der Entwicklung moderner Industriegesellschaften. Bürokratische Arbeitssysteme zeichnen sich im Wesentlichen durch unpersönliche Regeln, zentralisierte Entscheidungen, Isolierung der hierarchischen Ebenen und parallele Machtbeziehungen in unsicheren Bereichen aus.

Arbeit ist bei Crozier vorrangig eine Beziehung zwischen Mensch und Gesellschaft, wobei betriebliche Arbeit für ihn der bedeutendste Aspekt des sozialen Lebens ist. Da Crozier sich in seinen Untersuchungen vorrangig auf Erwerbsarbeit in bürokratischen Arbeitssystemen konzentriert, verengt sich sein Arbeitsbegriff in der folgenden Darstellung hauptsächlich auf bürokratische Tätigkeiten. Die Arbeitszerlegung im Industriebereich findet nach Crozier ihre Entsprechung in der Bürokratisierung im Verwaltungsbereich. Die Arbeitnehmer verrichten ihre Arbeit aufgrund unpersönlicher Arbeitsanweisungen, wobei Inhalt, Umfang und Aufteilung der Arbeit weder von den Ausführenden, noch von den Vorgesetzten beeinflusst werden können. Innerhalb von Arbeitsgruppen sind allerdings gewisse Autonomiespielräume vorhanden, die Wechselbeziehungen unter den Beschäftigten einer Arbeitsgruppe sind dabei besonders ausgeprägt. In begrenztem Maße kann hier eine eigenverantwortliche Arbeitsteilung erfolgen.

Entfremdung bei Crozier bedeutet Isolation der Beschäftigten. Zwischen individuellem Arbeitsanspruch und betriebsorganisatorischen Zielsetzungen besteht ein Konflikt, individuelle und soziale Normen erweisen sich als verschieden und die Beschäftigen erleben einen Vorgang der Verdinglichung des Arbeitsprozesses. Im Ergebnis attestiert Crozier Verbitterung, Unzufriedenheit, Enttäuschung, Resignation, Passivität und Apathie als Folgen der Entfremdung. Seine Erkenntnisse gründet Crozier auf einer Reihe empirischer Analysen bürokratischer Apparate.

Die bürokratische Organisation in modernen Gesellschaften schlägt auch auf die Organisation großer Industrie- und Dienstleistungsunternehmen durch. Großbetriebe betrachtet Crozier als autonome Subsyteme der Gesellschaft. Er identifiziert in ihnen die Ausdehnung unpersönlicher Regelungen, die Zentralisierung von Entscheidungen (insofern sich nicht ohnehin von unpersönlichen Regelungen ersetzt wurden), die (auch räumliche) Isolierung der Beschäftigten (bzw. Gruppen von Beschäftigten), die Entwicklung paralleler Machtbeziehungen, sowie Abhängigkeitsphänomene und Konflikte. Unpersönliche Verhaltensanweisungen und zentrale Entscheidungsinstanzen sind in großen Unternehmen und in staatlichen Verwaltungsapparaten integrale Bestandteile des internen Gleichgewichts.

Crozier erkennt weiterhin eine Isolierung der hierarchischen Schichten, die zu Kommunikationsbarrieren der verschiedenen Ebenen untereinander führt. Der Isolierung verschiedener Gruppen nach außen entspricht ein spezifisches Verhältnis nach innen. Daraus ergibt sich eine Form von Gruppendruck unter den formal gleichgestellten Mitgliedern, der den nicht vorhanden äußeren Druck ersetzt. Da individuelle Arbeitsleistungen über die Gruppe hinaus keinen Vergleichsmöglichkeiten unterliegen, orientieren sich die Mitglieder an vorgegebenen unpersönlichen Regeln, der Gruppendruck garantiert hierbei ihre Einhaltung. Daraus ergeben sich für die Beschäftigten negative Befindlichkeiten und eine spezifische Form von Angst. Bei Crozier sind die in dieser Form Isolierten gleichzeitig unabhängig und entfremdet.

Auch er sieht Entfremdung als ein zentrales Problem moderner Gesellschaften. Zu seiner Lösung ist für ihn ein Wandel bürokratischer Organisationsformen notwendig. Darauf soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, da er (der Wandel) die Intention dieser Arbeit nicht berührt.

Neben den genannten Autoren haben sich auch eine Reihe weiterer Theoretiker mit dem Entfremdungsphänomen auseinander gesetzt. An erster Stelle wäre hier Karl Marx zu nennen, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Hegelsche Entfremdungsidee aufgriff und auf das kapitalistische Gesellschafts- und Wirtschaftssystem bezogen anwendete. Im 20. Jahrhundert setzten sich dann beispielsweise Hans Freyer, Goetz Briefs, Georges Friedmann, Arnold Gehlen, Pierre Naville und Alain Touraine mit dem Thema Entfremdung auseinander. Ihnen allen ist gemein, dass sie Entfremdungserscheinungen in der arbeitsteiligen Produktionsweise moderner Industriegesellschaften begründet sehen. Darüber hinaus betonen sie ihre negativen Folgen und veranschaulichen die Gefahr die dabei für die Gesellschaft entsteht. Die Strukturen die zu Entfremdung führen, lassen sich bei allen nahezu ausschließlich in Großbetrieben finden, auf die Besonderheit der Kleinbetriebe wird dabei nur selten eingegangen.

2.4 Kritik der entfremdungstheoretischen Ansätze bei May

May meint, bei seiner Analyse ausgewählter Entfremdungstheorien ein dialektisches Schema zu erkennen. Ein positiver Urzustand, die ganzheitliche, handwerklich geprägte Arbeit, wird durch Arbeitsteilung zu einem negativen und zu überwindenden Zustand. Er kritisiert in diesem Zusammenhang, dass dabei der Anschein einer zwangsläufigen Entwicklung entstehen könnte. Probleme bei der empirischen Erfassung des Entfremdungsbegriffs führen zur Gefahr einer ideologisch geprägten Auseinandersetzung mit dem Thema. Die relative Abstraktheit des Begriffs macht eine Operationalisierung schwierig, häufig kommt es zu einer Psychologisierung des Phänomens.

Aussagen zum individuellen Empfinden am Arbeitsplatz sind meist in Verbindung mit einer Reihe von Störvariablen zu sehen.

Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass Entfremdungserscheinungen zu einem Verlust an Arbeitszufriedenheit bei den Betroffenen führen. Wie schon beschrieben gestaltet sich die empirische Erfassung von Arbeitszufriedenheit als schwierig, dennoch gibt es einige Untersuchungen zu dem Thema. Deren Ergebnisse zeigen, dass seit Ende der sechziger Jahre die Arbeitszufriedenheit in allen Branchen und Berufen im sinken begriffen ist und dass, obwohl sich die Arbeitsverhältnisse aus Arbeitnehmersicht angeblich verbesserten. Diese Diskrepanz wird von Noelle-Neumann mit einer veränderten Medienkultur erklärt. Sinkende Arbeitszufriedenheit wäre ihr zufolge nicht in der Entfremdung begründet, sondern in einer veränderten Berichterstattung der Massenmedien. Dieser Zusammenhang bleibt aber spekulativ, empirisch konnte Noelle-Neumann ihn nicht nachweisen.

2.5 Ein einheitlicher Entfremdungsbegriff

An dieser Stelle soll nun gezeigt werden, in welcher Form Entfremdung im Sinne der vorliegenden Arbeit zu verstehen ist. Wie bereits erwähnt wurde gibt es kein einheitliches Verständnis von Entfremdung, dennoch verfügen die verschiedenen Entfremdungstheorien über viele Gemeinsamkeiten. So betrachten, ausgehend von Durkheim, die meisten Theoretiker die Arbeitsteilung als Ursache von Entfremdung. An anderer Stelle wurde bereits auf den Unterschied zwischen gesellschaftlicher und technischer Arbeitsteilung hingewiesen. Dabei ist es nun die technische Arbeitsteilung, also die Zerlegung von ganzheitlichen Tätigkeiten in verschiedene Teilverrichtungen, die Entfremdung als Problem erscheinen lässt. Nahezu alle genannten Theoretiker machen großbetriebliche Strukturen dafür verantwortlich. Auf die im Vergleich dazu besonderen Eigenheiten in Kleinbetrieben wird dabei nicht eingegangen. Diese Lücke soll mit dieser Arbeit geschlossen werden. Entfremdung wird in diesem Zusammenhang grundsätzlich als etwas Negatives betrachtet. Hierbei soll in erster Linie die psychologische bzw. subjektive Sichtweise von Entfremdung betont werden. Ihren Ausdruck findet Entfremdung in der Arbeitsunzufriedenheit der Beschäftigten.

Der Entfremdungsbegriff enthält also zu einem wesentlichen Teil auch psychologische Komponenten und kann daher auch in Verbindung mit Grundannahmen über die menschliche Natur gebracht werden. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Forschungsergebnisse von A.H. Maslow. Er setzt menschliche Bedürfnisse und ihre Bedeutung für die Motivation menschlichen Handelns in eine hierarchische Beziehung und entwickelte dazu die so genannte Bedürfnispyramide. Dabei unterscheidet er primäre und sekundäre Bedürfnisse. Primäre Bedürfnisse sind physiologische Bedürfnisse, also bspw. Nahrung, Kleidung und Schlaf. Darauf aufbauend folgen in dieser Reihenfolge Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse, Selbstachtung und gesellschaftliche Wertschätzung und schließlich Selbstverwirklichung als sekundäre Bedürfnisse. Ist einmal ein Bedürfnis befriedigt, dann wird nach Maslows Theorie automatisch das nächste Bedürfnis geweckt. Das bedeutet also, dass immer Bedürfnisse unbefriedigt bleiben, solange die Stufe der Selbstverwirklichung nicht erreicht ist. Wenn sich Menschen (auf Individualebene) nicht selbst verwirklichen können (bspw. bei der Arbeit), dann bleiben sie Maslow zufolge unbefriedigt (und damit unzufrieden). Bringt man Maslows Theorie in Zusammenhang mit meiner These, so ergibt sich für die Beschäftigten von Kleinbetrieben eine höhere Zufriedenheit, da ich davon ausgehe, dass Selbstverwirklichung bezogen auf das Arbeitsumfeld eher in Kleinbetrieben möglich ist.

3 Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Thema Kleinbetriebe

Hier soll nun zunächst einmal grob zwischen sozialwissenschaftlicher und wirtschaftswissenschaftlicher Forschung unterschieden werden, da beide Disziplinen doch recht unterschiedliche Schwerpunkte setzen und sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven nähern.

3.1 Sozialwissenschaftliche Forschung

Die sozialwissenschaftliche Kleinbetriebsforschung fällt zu großen Teilen in die Bereiche der Industriesoziologie und der Betriebssoziologie. In diesen Bereichen hat sie in der Vergangenheit jedoch eher ein Schattendasein geführt. Ein Großteil der sozialwissenschaftlichen Untersuchungen von Kleinbetrieben wurde abseits der etablierten Industriesoziologie durchgeführt. Kleinbetriebe galten lange Zeit, nicht zuletzt aufgrund ihrer großen Heterogenität, als „thematisch und konzeptionell sperrig“, so dass die Industriesoziologie ihren Fokus lange Zeit auf die Erforschung von Großbetrieben richtete, wobei es aber speziell ab den 80er Jahren auch Ausnahmen gab.

Auch Kotthoff/Reindl sehen ein deutliches Defizit in der industriesoziologischen Auseinandersetzung mit dem Thema Kleinbetriebe. Informationen wurden meist der amtlichen Wirtschafts- und Sozialstatistik entnommen, systematische Untersuchungen fanden praktisch bis Anfang der 80er Jahre nicht statt. Wenn Aussagen über spezielle Aspekte der Kleinbetriebe getroffen wurden, dann fast immer aus der Perspektive von Großbetrieben. Kleinbetriebe galten lange Zeit lediglich als „kleine Großbetriebe“, ihre Eigenständigkeit wurde kaum berücksichtigt (eine Auffassung, die auch in der wirtschafts-wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema auftrat).

Als die Kleinbetriebe zunehmend in das öffentliche Interesse rückten, nahm auch die sozialwissenschaftliche Forschung zum Thema an Fahrt auf. Es konnte gezeigt werden, dass Kleinbetriebe in bestimmten Bereichen, Krisen besser bewältigen konnten als Großbetriebe. Verschiedene Untersuchungen bescheinigten Klein- und Mittelbetrieben eine hohe Innovationskraft, eine überlegene Beschäftigungsdynamik und günstige Flexibilitätschancen.

Insbesondere der Bereich des „Sozialen“ im Kleinbetrieb wurde aber weiterhin lange Zeit vernachlässigt. Der Kleinbetrieb als soziale Organisation, in der Arbeitnehmer und Arbeitgeber in eine wechselseitige Beziehung treten, mit eigenen Regelungs- und Integrationsmechanismen, sowie speziellen Handlungskoordinationen, fanden zunächst weder das Interesse der Industrie- noch der Betriebssoziologie. Wobei aber auch hier seit den 80er Jahren eine leichte Verbesserung des wissenschaftlichen Forschungsstandes zu beobachten war.

Berger sieht die sozialwissenschaftliche Forschung in einem Zwiespalt. Während in einem Extrem der Kleinbetrieb als wichtiges Element wirtschaftlicher und beschäftigungspolitischer Prosperität gesehen wird, so wird in einem anderen Extrem ein Absterben des Kleinbetriebs vorausgesagt. Ein Absterben deshalb, weil der Kleinbetrieb einerseits hinsichtlich Effizienz und Rentabilität den Großbetrieben unterlegen wäre und seine Existenz andererseits nicht im Interesse der Beschäftigten sei. In diesem Zusammenhang wird auch häufig darauf hingewiesen, dass die Löhne in Kleinbetrieben im Allgemeinen niedriger wären und die Arbeitsplätze unsicherer.

Auch Wassermann konstatiert eine mangelhafte soziologische Auseinandersetzung mit Kleinbetrieben. Kleinbetriebe galten in der Soziologie lange Zeit als unentfaltet und zurückgeblieben. Gesellschaftlicher und technischer Fortschritt schien nur in Großbetrieben möglich.

Das Entfremdungsphänomen wird von Tichy mit Kleinbetrieben in Verbindung gebracht. In der Diskussion um Klein- und Mittelbetriebe identifiziert er immer auch eine „ideologische Komponente“ in die Begriffe wie Meisterstolz, Anonymität, Effizienz, Flexibilität, Selbstverwirklichung oder eben Entfremdung einfließen.

Seit Anfang der 80er Jahre kam es also zu der schon erwähnten Intensivierung der Kleinbetriebsforschung. Nachdem zunächst identifizierte Beschäftigungseffekte die Aufmerksamkeit auf neu gegründete Unternehmen lenkten, wandte sich die Wissenschaft nach und nach explizit den Kleinbetrieben zu. Es zeigte sich, dass in Kleinbetrieben durchaus eigene Organisations- und Arbeitsformen zu finden waren. Während Kleinbetriebe bis zu diesem Zeitpunkt eher als in der Entwicklung „rückständig“ gegenüber Großbetrieben gesehen wurden, wandelte sich nun das Bild. Kleinbetriebe wurden in einem zunehmenden Maße als „alternativ“ zu Großbetrieben gesehen, ihnen wurde eine Eigenständigkeit zugestanden.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass sich die sozialwissenschaftliche Forschung lange Zeit nur unzureichend mit dem Thema Kleinbetriebe befasste. In den 1980er Jahren war aber eine spürbare Verbesserung des Forschungsstandes zu verzeichnen. In der Folgezeit rückten Kleinbetriebe mehr und mehr in das Interesse sozialwissenschaftlicher Forschung. Erwähnenswert seien an dieser Stelle auch die Arbeiten von Brussig, der sich im Zuge der Wiedervereinigung speziell mit den neu entstehenden kleinbetrieblichen Strukturen in Ostdeutschland auseinandersetzt.

3.2 Wirtschaftswissenschaftliche Mittelstandsforschung

Im Gegensatz zur sozialwissenschaftlichen Forschung haben sich die Wirtschaftwissenschaften immer schon auch den Mittel- und Kleinbetrieben gewidmet. Kleinbetriebe werden dabei häufig gemeinsam mit Betrieben mittlerer Größe unter dem Begriff des Mittelstandes oder der KMU (kleine und mittelständische Unternehmen) untersucht. Im englischen Sprachgebrauch dominiert der Begriff der „Small and Medium-sized Enterprises“ (SME).

Verschiedentlich wird allerdings die Meinung vertreten, dass auch in den Wirtschafts-wissenschaften die Kleinbetriebe lange Zeit vernachlässigt worden sind. Behringer erkennt beispielsweise noch heute eine Forschungslücke zur Betriebswirtschaftslehre der Gro߬betriebe. Fehlendes Interesse hängt seiner Meinung nach mit der irrigen Annahme zusammen, dass kleine und mittlere Unternehmen von ihrem Wesen her keine grundlegenden Unterschiede zu Großunternehmen aufweisen würden. In der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung gilt aber die eigene Qualität der Kleinbetriebe, die mehr als nur kleine Großbetriebe sind, als Konsens. Es wird mittlerweile davon ausgegangen, dass der Kleinbetrieb nicht lediglich ein verkleinertes Abbild des Großbetriebs ist.

In der wirtschaftswissenschaftlichen Mittelstandsforschung liegen andere Bezugsgrößen vor, als das in der sozialwissenschaftlichen Forschung der Fall ist. So zählen teilweise auch noch Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten zum „industriellen Mittelstand“. Die deutsche Mittelstandsforschung wird vor allem durch das Bonner Institut für Mittelstandsforschung repräsentiert. Thematisch deckt die wirtschaftswissenschaftliche Mittelstandsforschung ein breites Spektrum ab. So zählen wirtschaftlicher Strukturwandel, Konjunkturberichterstattung, Gründungsforschung und Untersuchungen zur Unternehmensentwicklung zu ihren Themen. Typisch industriesoziologische Sachverhalte wie beispielsweise Arbeitsmarktprobleme, Fragen des innerbetrieblichen Personaleinsatzes und Arbeitsbeziehungen sind hingegen eher randständig.

Werner Krämer tritt für einen interdisziplinären Ansatz ein, indem er versucht Erkenntnisse aus BWL, VWL, Soziologie und Psychologie in einer „Mittelstandsökonomik“ zu verknüpfen. Seine Methode soll praxisnah, anwendungsbezogen und allgemein verständlich sein. Bei vielen wirtschaftswissenschaftlichen Forschern sieht er ein theoretisch-konzeptionelles Forschungsdefizit, da sie meist ihre Hypothesen erst aus erhobenem Datenmaterial ableiten, wobei die Arbeitsschritte eigentlich umgedreht sein müssten. Für die Mittelstandsforschung relevante Daten sollten in erster Linie von der empirischen Sozialforschung kommen, da Krämer amtliche Statistiken für häufig zu grob und unzuverlässig hält. Ein weiteres Argument für einen interdisziplinären Ansatz, ist für ihn die Tatsache, dass Unternehmenserfolg und Wirtschaftlichkeit immer auch von menschlichem Verhalten abhängig sind und bestimmt werden. Den Begriff der KMU sieht er einem ständigen Wandel durch sich ändernde Umfeldbedingungen unterworfen. Mittelstandsökonomik muss daher auch stets die Definition und Operationalisierung des Begriffs KMU den sich ändernden äußeren Bedingungen anpassen.

4 Zur Definition von Kleinbetrieben

Im vorangegangenen Kapitel wurde bereits darauf hingewiesen, dass in der Literatur Kleinbetriebe teilweise nicht gesondert thematisiert werden, einige Autoren definieren eine gemeinsame Gruppe von kleinen und mittelgroßen Unternehmen, diesem Umstand muss auch im vorliegenden Kapitel Rechnung getragen werden.

Zunächst muss einmal festgehalten werden, dass es eine einheitliche, allgemein akzeptierte Definition von kleinen und mittleren Betrieben nicht gibt. Auch Behringer betont den Mangel einer einheitlichen Definition. Krämer attestiert ebenfalls das Fehlen einer theoretischen, idealen Nominaldefinition für mittelständische Unternehmen. Solch eine Definition müsste die persönliche Überschaubarkeit und die wirtschaftliche Autonomie eines Unternehmens, sowie das persönliche finanzielle Engagement der Unternehmenseigentümer berücksichtigen. Aufgrund der großen Heterogenität mittelständischer Unternehmen, hält Krämer das aber nicht für möglich, besonders im Hinblick auf empirische Forschung.

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Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Chancen und Risiken von Kleinbetrieben
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Soziologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
101
Katalognummer
V88389
ISBN (eBook)
9783638028202
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Gutachters u. a.: "Die Arbeit stellt eine überdurchschnittliche Leistung dar. Sie ist ausgesprochen mutig, kreativ und gut recherchiert. Leider weist sie auch eine Reihe von formalen und inhaltlichen Schwächen auf."
Schlagworte
Chancen, Risiken, Kleinbetrieben
Arbeit zitieren
Christian Pooch (Autor:in), 2007, Chancen und Risiken von Kleinbetrieben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88389

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