Afroamerikanisches Gruppenbewusstsein und afroamerikanische Musik


Hausarbeit, 2001

27 Seiten, Note: 1


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Gliederung

1. Problemumriss, Darstellung des diskutierten Bereiches

2. Chronologischer Überblick
2.1. Ante-Bellum
2.2. Post-Bellum

3. Betrachtung der Bedeutung der Musik im Hinblick auf das Bewusstsein der Afroamerikaner
3.1. Musik in der Ante-Bellum Ära
3.1.1. Herkunft afroamerikanischer Musik und die Frage nach dem afrikanischen Erbe
3.1.2. Spirituelle Musik (spirituals)
3.1.3. Säkulare Musik (work songs, Field hollers etc)
3.2. Musik in der Post-Bellum Ära
3.2.1. Gospel
3.2.2. Blues
3.2.3. Rhythm & Blues und die Entwicklung zum Rock´n´Roll
3.2.4. Musik nach den 1960er Jahren

4. Resümee

1. Problemumriss, Darstellung des diskutierten Bereiches

Die Frage, wie sich bei in Amerika lebenden Afrikanern ein Gruppenbewusstsein entwickeln konnte, ist sicher auf vielen Ebenen zu beantworten. Die Ebene die in diesem Text diskutiert werden soll, ist die der Musik. Wie konnte sich Musik auf das Bewusstsein von Afroamerikanern auswirken und in wiefern beeinflusste sie ihr Bild von der Welt und sich selbst? Inwiefern trug Musik einen Teil zur Bildung eines Gruppenbewusstseins dieser Menschen bei oder inwiefern kann ein solches Gruppenbewusstsein aus der Musik erkannt werden?

Um einen generellen Überblick über die Entwicklung der Lebensbedingungen von Afroamerikanern zu gewinnen, wird unter Punkt 2. zunächst ein chronologischer Ablauf der Entwicklung von der Kolonialzeit und dem Eintreffen erster schwarzer Sklaven in Amerika bis hin zur heutigen Zeit dargestellt. Auch hierbei soll die Frage nach der Entwicklung des Gruppenbewusstseins bzw. der Kultur von Afroamerikanern zu der jeweiligen Zeit im Mittelpunkt stehen.

Nachdem so ein allgemeiner Überblick gegeben wurde, wird im Schwerpunktteil des Textes die Frage nach der Entwicklung von Afroamerikanischer Musik, deren Einfluss auf Amerikanische und Populäre Musik allgemein und besonders auf das Bewusstsein von Afroamerikanern bzw. ihre außermusikalische Funktion stehen. Um in diesem Teil trotz der Komplexität der musikalischen Entwicklung und der vielen verschieden Musikstile und Unterstile, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben eine übersichtliche Struktur beizubehalten, wird hier exemplarisch auf einige – aber nicht alle – große Musikrichtungen eingegangen, die einen wichtigen Einfluss auf das Bewusstsein von Afroamerikanern hatten, oder eine gewisse Einstellung wiederspiegeln.

2. Chronologischer Überblick

2.1. Ante-Bellum

Die ersten Afrikanischen Sklaven trafen im Jahr 1619 in der Englischen Kolonie Virginia ein. Der Grund für den Sklavenhandel kann im Merkantilismus gesehen werden. Es entstand ein Dreieckshandel, bei dem Sklaven aus Afrika gekauft oder einfach gefangen wurden, welche dann in den neuen Kolonien gewinnbringend verkauft wurden. Vom Erlös wurden dort dann Rohstoffe gekauft, die wieder in Großbritannien gewinnbringend verkauft werden konnten. Von dort aus zogen Händler mit Geld und Waren beladen wieder nach Afrika. Die Einführung von Sklaven in Amerika basiert also zum großen Teil auf rein ökonomische Gründe. Während in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts noch recht wenige Sklaven nach Amerika importiert wurden, stieg deren Zahl mit der Einführung des Feldsystems in Südamerika stark an. Ebenfalls auf einen steigenden Import von Sklaven wirkte sich der Vertrag von Utrecht aus, in welchem Großbritannien das Exklusivrecht für den Import von Sklaven nach Amerika zugestanden wurde. So konnte Britannien wann immer Geld benötigt wurde Sklaven an die neuen Kolonien verkaufen, selbst wenn nicht so viele benötigt wurden.

Zu Beginn war der Status der Sklaven in Amerika der der limitid servitude, was bedeutete, dass sie nach sieben Jahren, die sie als Sklaven gedient hatten die Freiheit erlangten. Auch weiße, die sich die Reise in die neuen Kolonien sonst nicht hätten leisten können, erkauften sich ihre Reise indem sie für sieben Jahre als limited servitude arbeiteten. Zunächst wurden nur wenige Sklaven nach Amerika gebracht, so schien es nicht erforderlich, ihre Rechtsstellung näher zu regeln. 1641 wurden dann aber in Massachusetts, 1650 in Connecticut und 1661 in Virginia Gesetze erlassen, die ausdrücklich die Sklaverei betrafen; es ging dabei meist um entlaufene Sklaven. So vollzog sich über Zeit ein Wechsel vom common law, den ungeschriebenen Gesetzen hin zu statutes, Beschlüsse, in welchem gesetzlich verbindliche Regelungen festgehalten waren. Dies wurde zum Beispiel auch aufgrund der Vermischung von Weißen und Schwarzen nötig, um zu klären, ob Kinder aus einer solchen Beziehung als frei oder als Sklaven gelten. So wurde geregelt dass die Kinder einer weißen Frau frei waren, während Kinder einer Schwarzen Frau auch weiterhin Sklaven waren. Das Ergebnis dieser Beschlüsse war, dass Sklaven als Besitz und als bewegliches Vermögen angesehen wurden (worauf sich auch der Dred Scott Beschluss 1857 beruft) und keine Rechte hatten.

Die Sicht der Weißen gegenüber Schwarzen zu dieser Zeit kann allgemein als paternalistisch bezeichnet werden. Schwarze wurden als Kinder angesehen, die ohne die Hilfe und die Fürsorge weißer Menschen auf sich allein gestellt nicht überleben könnten. Diese Einstellung kann man etwa in Rudyard Kiplings Gedicht „The white mans burden“ (????) erkennen, in welchem er von der Aufgabe der Weißen schreibt den Schwarzen bei ihrer Entwicklung zu helfen und dies als die Last des weißen Mannes ansieht, oder in Fitzhughs Text „Sociology for the south“, (1854) in welchem er versucht, empirisch zu begründen, dass Schwarze sich in Jahrhunderten nicht weiterentwickelt haben, von der Hand zum Mund leben und daher wie Kinder zu behandeln seinen.

Wie konnte sich während der Zeit der Sklaverei etwas wie ein Gruppenbewusstsein oder gar ein kulturelles Bewusstsein unter der Schwarzen Bevölkerung bilden? Die Vorraussetzungen hierfür waren sehr schlecht. Die reiche Kultur, die in Afrika vorzufinden ist konnte aus verschiedenen Gründen während der Sklaverei nicht erhalten bleiben. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass es in Afrika nicht eine einheitliche Kultur gab, sondern den vielen Stämmen entsprechend viele unterschiedliche Kulturen, Sprachen, und Gewohnheiten. Die Afrikaner in Amerika konnten aufgrund ihrer unterschiedlichen Stammesangehörigkeiten kein gemeinsames Erbe teilen, auch teilten nicht alle die gleiche Sprache. Was das Erhalten einer gemeinsamen afrikanischen Kultur ebenfalls nahezu unmöglich machte, war die Tatsache, dass die Weitergabe eines solchen Erbes durch die Zersplittung von Familien erschwert wurde, da jedes Familienmitglied einzeln verkauft werden konnte. Das wenige was vom ursprünglichen Afrikanischen Lebensstil beibehalten werden konnte (meist, weil es mit dem weißen Lebensstil vereinbar war) wurde mit der Kultur der Weißen aufgefüllt, die dem täglichen Überleben half. Die Kultur, die die Sklaven entwickelten, kann als Überlebenskultur bezeichnet werden, was das Überleben erleichterte wurde aufgenommen. So wurde die Sprache der Weißen übernommen (vermischt mit einem kleinen Rest Afrikanischer Spracheigenschaften) um zu kommunizieren, in Camp meetings wurde Schwarzen die Religion der Weißen beigebracht, die dann einen hohen Stellenwert in deren Lebenswelt einnahm, da hier erstens ein Element aus afrikanischer Kultur enthalten war (das Ekstatische, welches sich sowohl in afrikanischer Folklore als auch in den Camp meetings wiederfand), und da die Religion zweitens die Botschaft von Hoffnung in schweren Zeiten verkündete, die in der Lage der Sklaven unbedingt notwendig war. Auch Musik war etwas, dass von Sklaven übernommen werden konnte, die Weißen ermutigten sie sogar sehr dazu, jedoch war hier das Ergebnis eine Musik die stärker vom Afrikanischen als vom Europäischen beeinflusst war (siehe Punkt 3.1.1).

Zur Zeit der Amerikanischen Revolution (1776-1783) schien erste Hoffnung für ein Ende der Sklaverei zu bestehen. Die Tatsache, dass die Briten ihre Armee für schwarze öffneten, zwang auch Amerika zu diesem Schritt; den Sklaven, die in der Armee mitkämpften wurde Freiheit geboten. Ebenfalls wirkte sich der Unabhängigkeitskrieg auf das Bewusstsein der Menschen aus, wenn eine Unterdrückung der neuen Kolonien durch Großbritannien als ungerecht und zu bekämpfen anzusehen war, konnte eine Sklavenhaltung durch Amerikaner ebenfalls nicht positiv gewertet werden. Als weiteren Faktor, der auf die Einstellung zur Sklaverei einwirkte, kann die Aufklärung angesehen werde, mit deren Ideen die Institution der Sklaverei als Verletzung der Menschenrechte nicht vereinbar war.

So bildeten bereits in den 1770er Jahren die ersten Abolitionisten, die in Amerika für die Abschaffung der Sklaverei kämpften und so etwa die underground railway (ein Netz von Fluchtwegen für Sklaven) gründeten und die Bevölkerung auf ihre Sache aufmerksam machten, wie etwa durch die 1831 von William Lloyd Garrison gegründete Zeitung „ The Liberator “ oder durch den von Douglas gegründeten „ North Star “ .

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dass die Sklaverei im Süden noch bis zum Bürgerkrieg weiterbestand, obwohl sie in vielen anderen Ländern bereits abgeschafft war, liegt zum großen Teil daran, dass sich der Süden zu einer one-crop Region entwickelte, da ein Großteil des Landeseinkommens durch die Herstellung und Verarbeitung von Baumwolle verdient wurde. Nach der Erfindung des Cotton Gin (1793) einem Gerät, welches die maschinelle Trennung der Baumwollfasern von Samen und anderen Fremdstoffen und somit eine wesentlich schnellere Verarbeitung ermöglichte, wurden entsprechend viel mehr Feldsklaven benötigt, um die großen Mengen von Rohmaterial zu ernten. Auf die Sklaverei zu verzichten, war daher, trotz der oben genannten Gründe für deren Abschaffung, für den Süden nicht denkbar. Daher war nur eine Verfassung denkbar, die an der Institution der Sklaverei nichts änderte. In der Verfassung der USA, die 1789 in Kraft trat, wurde versucht durch Kompromisse die verschiedenen Interessen zu vereinigen. So wurde in der Verfassung der Kompromiss geschlossen, dass nach zwanzig Jahren jeder weitere Import von Sklaven aufhören sollte, wofür dem Süden mehr Repräsentanten zugestanden werden sollten. Es entwickelte sich ein System in dem die Nordstaaten die Sklaverei abgeschafft hatten, während im Süden die Sklaverei weiterbestand.

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Der Interessenkonflikt zwischen Nord und Südstaaten über die Institution der Sklaverei führte letztendlich zum Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865).

2.2 Post-Bellum

Die vorläufige Proklamation zur Sklavenbefreiung verkündete Lincoln im September 1862. In ihr wurde festgelegt, dass per 1. Januar 1863 in denjenigen Einzelstaaten oder in deren Teilen, die immer noch an der Rebellion teilnähmen, die dortigen Sklaven „auf immer frei” sein würden. Dies geschah zum Teil aus militärischen Gründen, da hierdurch die Südstaaten, die auf die Sklavenarbeit wirtschaftlich angewiesen waren, stark geschwächt wurden. Außerdem wurde dieser Schritt nötig, weil nach einsetzen des Bürgerkrieges sehr viele Sklaven in aus dem Süden in den Norden flohen und als Verstärkung für die Armee der Union sehr willkommen waren, weshalb auch ein Zurückführen dieser an deren Besitzer im Süden (wie es der fugitive slave act vorgeschrieben hätte) für die Nordstaaten nicht sinnvoll war. So kämpften im Bürgerkrieg ca. 186 000 schwarze Männer auf der Seite der Union.

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Mit Inkrafttreten des 13. Zusatzes zur US-Verfassung am 18. Dezember 1865, nach der Kapitulation der Südstaaten, wurde die Sklaverei vollständig abgeschafft.

Dem Krieg folgte die Phase der Reconstruction in welcher versucht wurde die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme der Südstaaten, die einer Wiedereingliederung in die Union verhinderten zu bewältigen. Die Besetzung des Südens führte jedoch nicht zu dem erhofften Erfolg, es bildeten sich Gegengruppen wie etwa der Ku Klux Klan, welcher sich gegen die Besatzer und gegen die Emanzipation von Schwarzen richtete. Sie terrorisierten nordstaatliche Beamte, um sie aus ihren Ämtern zu drängen, und Schwarze, um sie daran zu hindern, zur Wahl zu gehen, ein Amt einzunehmen oder in anderer Weise von ihren neu erworbenen politischen Rechten Gebrauch zu machen.

Gegen 1877 wurde die Phase der Reconstruction nach dem Abzug der Besatzungstruppen als offiziell beendet erklärt.

Nach der Rekonstruktion verschlechterte sich die Lage der Sklaven jedoch schnell wieder. Es wurden Gesetze erlassen, die den Status der Afroamerikaner praktisch wieder zu dem von rechtlosen Sklaven machten. So wurde etwa ein Literacy test eingeführt, mit der Begründung, das Recht zu wählen sei mit der Fähigkeit verbunden Lesen zu können. Da die meisten Afroamerikaner gerade erst begonnen in Schulen die Schriftsprache zu erlernen, wären sie somit ihres neuen Rechtes zu wählen, wieder beraubt gewesen. Da aber auch viele Weiße zu dieser Zeit nicht richtig lesen und Schreiben konnten, wurde der sogenannte Grandfather clause eingeführt, die besagte, dass jeder Mann, der einen Großvater gehabt hatte der wählen durfte (was bei den ehemaligen Sklaven natürlich unmöglich war), unabhängig vom Literacy test das Recht zu wählen hatte. Diese und andere offensichtlich diskriminierende Gesetze und Einstellung (wie etwa der Grundsatz des Seperate but equal der zu formaler aber nicht sozialer Gleichheit führte), führten zu einer Landflucht (wobei auch andere Faktoren noch eine Rolle spielten) die schließlich in die Bildung von Ghettos in den Städten hinauslief.

Wie unter Punkt (3.2.1) deutlich wird, hatte die Desillusionierung durch die neu gewonnene Freiheit, die so gar nicht dem Paradies entsprach, welches in Religion und in Spirituals (die zusammen das Bewusstsein der Schwarzen zu Sklavenzeiten dominierten) immer wieder verheißen wurde, auf das Bewusstsein der Afroamerikaner starke Wirkung. Wie Levine schreibt verschwand allmählich die sacred world der Schwarzen, womit er deren Weltanschauung beschreibt, in welcher sie sich mit dem Volk Israels verglichen und auf Gott hofften, der eine bessere Welt für sie schaffen würde. Durch den Vergleich zwischen Spirituals zu Sklavenzeiten und Gospels in der Antebellum Ära lassen sich hier veränderte Sichtweisen erkennen (siehe Punkt 3.2.1). Ebenfalls wichtig für die Entwicklung eines gemeinsamen Bewussteins der Afroamerikaner war die Tatsache, dass sich zwei unterschiedliche Denkrichtungen entwickelten, verkörpert durch Booker T Washington und W.E.B. Du Bois. Beide versuchten die schlechte Lage der Afroamerikaner zu verbessern und können aufgrund ihrer Position als Führer so als wichtige Grundlage eines gemeinsamen afroamerikanischen Bewusstseins angesehen werden. Während W.E.B. Du Bois versuchte, das System zu bekämpfen und die Afroamerikanische Bevölkerung dazu zu bringen sich gegen das System zu wehren und für ihre Rechte zu kämpfen, versuchte Washington einen Weg zu zeigen, bei dem sich Afroamerikaner als für das System nützlich und wertvoll erweisen so dass nicht das System geändert werden muss, sondern stattdessen Schwarze im System aufsteigen können. Während sich die beiden Anschauungen stark wiedersprechen und Du Bois als radikal und Washington als pragmatisch angesehen werden kann, haben sie doch gemein, dass sie eine wichtige Voraussetzung für etwas wie black leadership waren.

Obwohl die Konditionen in den Ghettos die sich durch die Landflucht der Afroamerikaner in den Städten bildeten sehr schlecht waren, konnte sich dort ein gemeinsames Bewusstsein, allein schon wegen der Nähe zu anderen Schwarzen wesentlich besser entwickeln als dies auf den weiten Flächen der Plantagen möglich gewesen war. Die Tatsache, dass sich während der Harlem Renaissance ein neues kulturelles Bewustsein entwickelte, währe ohne diese Nähe sicher nicht möglich gewesen. Weitere Faktoren spielten eine Rolle. Die Tatsache, dass Harlem der Ausgangspunkt für die neue Selbstsicht der Schwarzen war kann schon damit begründet werden, dass in diesem Viertel New Yorks Wohnungen zu Konditionen vermietet wurden, die für andere nicht akzeptabel waren und somit ein Platz für Schwarze bereitstand. Als weiterer Faktor kann die Teilnahme vieler Schwarzer am ersten Weltkrieg angesehen werden. Obwohl sie sich als Patrioten für ihr Land fühlten, wurden sie von dem Land noch immer nicht angenommen. Da Anpassung an und Identifizierung mit der Kultur der Weißen nicht zur gewünschten Akzeptanz führte, wurde in einer bewussten Entscheidung die eigene Kulturelle Identität anders definiert. Wichtig waren nun die Eigenschaften, die sich von der weißen Kultur unterschieden und so lag die Betonung bei der Kultur des new negroes auf dessen Andersartigkeit. So wurde etwa die Hautfarbe als wichtig erachtet, die eigene kulturelle Autonomität und die eigenen Traditionen (wie Musik, Tanz, aus Afrika übriggebliebene Riten etc.) waren Hauptmerkmale dieser neuen Andersartigkeit. Dieses Finden einer neuen Identität kann als bewusster Akt angesehen werden, dessen Ergebnis ein dualistisches Bewusstsein war: Afroamerikaner hatten die Identität als Amerikaner und die Identität als Schwarzer, als new negro. Auch die Einstellung der Weißen trug ihren Teil zur Harlem Renaissance bei. Die neue Konsumeinstellung in den 20er Jahren führte dazu, dass Weiße oft nach Harlems gingen, um in Theatern und Shows die Vorführungen von Schwarzen zu konsumieren, so dass ein Publikum gegeben war. Desweiteren stand zu dieser Zeit die Verehrung des Primitiven (vgl. z.B. auch Freud: Über-ich, Ich, und Es), wodurch die Schwarzen zu einem Symbol des neuen Zeitgefühls waren. Wie auch in allen anderen Bereichen wurde auch in der Musik während der Harlem-reanaissance nach Elementen gesucht, die typisch Afrikanisch waren.

Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart brachte für Afroamerikaner (wenn auch über Zeit) viele Verbesserungen des Lebensstandards. Inzwischen ist in der schwarzen Bevölkerung Amerikas nahezu jeder Lebensstandard anzutreffen, und obgleich es noch immer viele gibt, die am untersten Niveau leben und von sozialer Hilfe abhängig sind, gibt es auch viele besserverdienende und bestverdienende. Auf vielen Ebenen des täglichen Lebens sind Schwarze mit in der Spitze der Gesellschaft, so etwa in der Politik, im Sport oder in der Musik. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg versuchte auch die Regierung der Vereinigten Staaten durch affirmative action die Lebensbedingungen von Schwarzen zu verbessern. Die Gründe hierfür können in der Position der USA nach dem Weltkrieg gesehen werden. Als Supermacht hatte Amerika eine Vorbildrolle für die restlichen Staaten der Welt eingenommen, weshalb eine Akzeptanz der Diskriminierung von Schwarzen nicht weiter geduldet werden konnte. Affirmative action kann verstanden werden als Aktionen, die die schlechte Lebenssituation von Afroamerikanern durch konkretes Eingreifen zu verbessern versuchen. Als Beispiele können Aktionen wie etwa das Bussing angeführt werden, bei welchem Schwarze Schüler aus schlechteren Wohngegenden mit Bussen in Schulen in besseren Wohngegenden gebracht wurden, um dort besser gefördert werden zu können. Als weitere Beispiele können das housing project oder operation headstart genannt werden. Viel diskutiert wurde auch die Praxis, dass Firmen nur dann gefördert werden, wenn ein bestimmter Prozentsatz der Mitarbeiter aus Schwarzen besteht. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte diese Praxis besonders durch den Bakke Fall, in welchem ein Student gegen die Entscheidung einer Universität klagte, die ihn nicht aufnehmen wollte, weil auch hier ein gewisser Prozentsatz an Schwarzen vergeschrieben war. Obgleich seine Leistungen besser waren, wurde er aufgrund dieses Prozentsatzes nicht aufgenommen. Man sprach von einer positive discrimination, also einer nun umgekehrten Diskriminierung, die weiße vor Schwarzen diskriminiert. Viele Verbesserungen ergaben sich für Afroamerikaner auch durch Trumans fair deal. Die Idee der affirmative action kann mit der der kompenstatorischen Erziehung verglichen werden, da die öffentliche Meinung durch gezielten Einsatz von Aktionen, die der unerwünschten Meinung stark widersprechen, geändert werden soll.

3. Betrachtung der Bedeutung der Musik im Hinblick auf das Bewusstsein der Afroamerikaner

3.1. Musik in der Ante-Bellum Ära

3.1.1. Herkunft afroamerikanischer Musik und die Frage nach dem afrikanischen Erbe

Bevor die Frage gestellt werden kann, wie sich die Musik der afrikanischen Sklaven in Amerika auf ihr Bewusstsein, ihre Weltsicht und ihre Einstellung auswirken konnte und ausgewirkt hat, muss zuerst dessen Ursprung geklärt werden. Wie bereits unter Punkt 2.1 dargestellt worden ist, ging nahezu das gesamte Afrikanische Erbe in den Tagen der Sklaverei verloren. Auch wenn in der Harlem Renaissance versucht wurde auf Afrikanische Traditionen besondere Betonung zu legen und versucht wurde, eine Kontinuität herzustellen, ist diese doch in den meisten Bereichen des Lebens kaum gegeben. Zu diesem Verlust des kulturell reichen Erbes kam es aufgrund der unter Punkt 2.1 dargestellten Gründe der Heterogenität der Sklaven und aufgrund deren Isolation, die eine Weitergabe alter Kultur verhinderte.

So konnten auch im Bereich der Musik keine Lieder, Texte oder Ähnliches aus dem großen Fundus Afrikanischer Musik weitergegeben werden. Jedoch ist der Musikstil afrikanischer Musik während der Zeit der Sklaverei nicht verlorengegangen und kann in nahezu allen dargestellten afro-amerikanischen Musikstilen leicht erkannt werden. Die Frage, warum die viele afrikanische musikalische Elemente im Gegensatz zu afrikanischen Traditionen, Bräuchen, Geschichten etc erhalten geblieben sind, kann durch viele Hinweise versucht werden zu klären. Ein wichtiger Grund für das weiterbestehen, afrikanischer Musikkultur ist sicher die Tatsache, dass die Weißen die Sklaven aus Afrika in diesem Bereich nicht eingeschränkt hatten, wie es in nahezu allen anderen Lebensbereichen der Sklaven üblich war. Das Singen und musizieren von Sklaven wurde sogar sehr gelobt und gefördert. In damaligen Anzeigen finden häufig Betonungen dieser Fähigkeiten von Sklaven:

“TO BE SOLD. A young healthy Negro fellow who has been used to wait on a Gentlemen and plays extremely well on the French horn [March 1766 Virginia Gazette]”

“RUN AWAY: Negro man named Zack … speaks good English plays on the fife and German flute, had a fife with him.[Poughkeepsie Journal 1791]

(zitiert nach SOUTHERN S 25-27 WINDLEY 1983)

Die musikalischen Fähigkeiten von Schwarzen wurden nicht unterdrückt, sondern in vielen Fällen auch gefördert. Des weiteren führt Southern an, dass schwarze Sklaven zu dieser Zeit auch häufig als Tanzmusiker eingesetzt wurden (SOUTHERN S45).

Ein weiterer wichtiger Grund für das Fortbestehen eines Musikstils afrikanischer Herkunft ist die Tatsache, dass eine Heterogenität, die das Weiterbestehen von afrikanischen Sprachen, Bräuchen, Religionen, etc. stark eingeschränkt hatte, im musikalischen Bereich kaum vorhanden war. Obgleich in jedem Stamm unterschiedliche Lieder gesungen wurden und in ihnen von verschiedenen Begebenheiten berichtet wurde (weshalb sowohl Lieder als auch Lieder bald vergessen wurden), war doch das Basismaterial, die zugrunde liegenden Strukturen der Musik sehr einheitlich. So wie auch von einer europäischen Musikkultur gesprochen werden kann, obwohl sich in einzelnen Ländern durchaus unterschiedliche Lieder, Praktiken und Stile entwickelt haben, kann hier von einer Afrikanischen Musikkultur gesprochen werden, die von allen Stämmen, aus denen die Sklaven stammten, geteilt wurde. Als typische Elemente dieser Musikkultur können etwa das Call and Response Muster angesehen werden, bei welchem eine Musikalische Phrase (z.B. Sologesang) von einer anderen beantwortet wird (z.B. Choreinsatz), die starke Synkopierung über einem durchgehenden Rhythmus (der in Afrika mit Trommeln erzeugt wurde, während in Amerika, da hier Trommeln verboten waren, das Stampfen der Füße und das Klatschen der Hände zu Hilfe genommen werden. Diese Elemente findet man z.B. auch im Spiritual und im Gospel), oder die Betonung auf den Zählzeiten 2 und 4 (während bei europäischer Musik normalerweise die Zählzeiten 1 und 3 betont werden).

Neben der Homogenität des Musikstils und der Toleranz der Weißen kann das Fortbestehen Afrikanischer Musikkultur auch mit der Tatsache begründet werden, dass trotz vieler Unterschiedlichkeiten zwischen europäischer und afrikanischer Musik die Musik, die den Afrikanern in Amerika begegnete, nichts für sie völlig Fremdes enthielt und sogar einige wichtige Analogien zu ihrer eigenen aufwies.

Aus all diesen Hinweisen folgert Levine:

A good deal of the integrity of the slaves own musical heritage could be retained while compatible elements of Euro-American music were fused to it. The result was a hybrid with strong African base.

(LEVINE S 24)

3.1.2. Spirituelle Musik (Spirituals)

Die Negro Spirituals waren während der Sklaverei in Amerika die am weitesten verbreitete Musikform unter Afroamerikanern. Diese Lieder waren eine Mischung aus den von Weißen gesungenen Spiritual Songs, welche sich an evangelischen Kirchenliedern, religiösen Balladen und säkularisierter Volksliedern orientierten, und der Emotionalität und den spezifischen Gestaltungsmerkmalen Afrikanischer Musik (Beispiel: Down to the River to pray) Besonders melodisch und rhythmisch orientierten sich diese Lieder stark an Afrikanischer Musik. Hinzu kommen Elemente, wie etwa das Call and Response Muster (ein Song Leader singt eine erste Phrase und wird von der Gemeinde mit einer zweiten Phrase beantwortet), was bei Negro Spirituals meist strukturgebend angewandt wurde. Negro Spirituals wurden ursprünglich einstimmig gesungen, später kamen polyrhythmische Begleitung mit diversen Instrumenten sowie Fingerschnippen, Händeklatschen und Fußstampfen dazu. Obgleich vielfach auf die starke Beeinflussung dieser Musik durch Afrikanische Musiktradition hingewiesen wird (LEVINE, FLOYD, SOUTHERN) ist auch der Einfluss der „weißen“ Spirituals nicht zu vernachlässigen; Aussagen, nach welchen z.B. die Emotionalität dieser Stücke rein durch die starke Betonung der Gefühlswelt in afrikanischen Kulturen begründet wird, lassen außer acht, dass auch die religiöse Erweckungsbewegung einen großen Teil hierzu beigetragen hat.

Der Text der Spirituals stammte größtenteils aus der Bibel (größtenteils aus dem alten Testament) und handelte von Helden (wie David in der Löwengrube oder Josua, der bei Jericho kämpfte) oder von Geschichten oder der Befreiung Israels aus Ägypten und dem Leiden des Israelischen Volkes. Die Spirituals orientierten sich auch stark an der Realität des Sklavenlebens. Die Unzufriedenheit über ihren Zustand, die die Sklaven nicht öffentlich äußern durften, konnte in diesen Liedern ausgedrückt werden die W.E.B. Du Bois deswegen auch „the sorrow songs“ nannte. Lieder wie „Nobody knows the trouble I´ve seen” oder “Deep River” drücken deutlich Gefühle der unterdrückten Sklaven aus, auch wenn diese in biblische Motive verpackt sind. Jedoch waren Spirituals nicht ausschließlich sorrow songs sondern handelten auch von Helden, die sich gegen die Unterdrückung Israels wehrten. Floyd unterscheidet daher sorrow songs und jubilees (FLOYD S41). Jubilees entsprechen der frohen Erwartung eines besseren Lebens in Zukunft. Beispiele sind etwa „Little David Play on Your Harp“ oder When the Saints Go Marching´ In“ Die Befreiung Israels wurde häufig als Analogie für die Hoffnung der Befreiung von der Sklaverei verwendet. In den Spirituals fand sich also nicht nur die Trauer und Unzufriedenheit über den momentanen Zustand wieder, sondern auch die Hoffnung und das Vertrauen auf eine (von Gott bewirkte) Veränderung und auf Freiheit.

Durch die Spirituals konnte ein erstes Gruppenbewusstsein afroamerikanischer Sklaven entstehen. Die Situation, in welcher sich die Sklaven befanden, konnte mit der des Israelischen Volkes während der Unterdrückung durch die Ägypter verglichen werden, und die Spirituals zeugen davon, dass diese Analogie auch wahrgenommen wurde. So konnten sich Afroamerikaner mit einer Gruppe vergleichen, sich als die modernen Kinder Israels wahrnehmen, und sich so erstmals als Gruppe verstehen. Neben dieser wichtigen Funktion der Spirituals waren sie eine wichtige Quelle der Hoffnung für die Sklaven, die auf Gott und ein besseres Schicksal in der Zukunft vertauten. Levine hält diese Weltanschauung, die in den Spirituals deutlich wird für ein Kernelement der Kulturellen Identität der Afroamerikaner dieser Zeit (LEVINE S 3-81). Der Glaube und die Hoffnung richteten sich auf Veränderungen in der Lebenswelt der Schwarzen, wodurch sich das Spiritual stark vom Gospel unterscheidet, in welchem die Erlösung durch Gott erst in einem Leben nach dem Tod erhofft wird. Im Spiritual hingegen wird deutlich, dass die Sklaven auf ein Eingreifen Gottes vertrauten, dass direkt ihre Lebenssituation verändern würde, wie es in vielen Geschichten im alten Testament nachzulesen ist. So schreibt auch Levine über das Vertrauen auf eine Göttliche Fügung zum Ende des Bürgerkrieges:

Shortly before Lee´s surrender, slaves on an Alabama plantation gathered in their church to sing of „good old Daniel“ who had been cast in the lion´s den but was “Safe now in the promised land,” and assured themselves that “By and by we´ll go home to meet him. / Way over in the promised land”. The passion and certainty of their refrain filled a whit auditor with a sense of foreboding: “I … seemed to see the mantle of our lost cause descending” [zitiert in Bell Irvin Wiley, Southern Negroes, 1861-1865 (New Haven, 1965), p 109]. The South´s lost cause was the fulfillment of a prophecy the slaves had been singing of for more than half a century.

(LEVINE S 136-137)

3.1.3. Säkulare Musik (work songs, Field hollers etc)

Neben geistlicher Musik ist auch die säkulare Musik von Bedeutung für das Gruppenempfinden und das Überleben schwarzer Amerikaner während der Sklaverei, obwohl betont werden muss, dass die vorherrschende Musikrichtung die der Spirituals war. Die weltliche Musik der Sklaven wurde größtenteils bei der Arbeit gesungen. Diese Work Songs halfen den Sklaven ihr Arbeitstempo aneinander anzupassen, wenn sie zu mehreren arbeiteten. Dies kann als ein fortbestehen der in Afrika üblichen Tradition angesehen werden, die Arbeit durch Gesang zu erleichtern und aufeinander abzustimmen. So zitiert Levine die Aussage eines Ex-sklaven Fannie Berry, der von der Sklavenarbeit im Wald in den 1850 Jahren berichtete, bei der gesungen wurde:

”A col´ frosty mo´nin´

De niggers feelin´ good

Take yo´ ax upon yo´ shoulder

Nigger, talk to de wood”

(…) Dey be paired up to a tree, an´ dey mark de blows by de song. Fus´ one chop, den his partner, an´ when dey sing TALK dey all chop togedder; an´purty soon dey git de tree ready for to fall an´ dey yell “Hi” an´ de slaves all scramble out de way

(LEVINE S7)

Aus diesen Gründen wurde beim Kauf von Sklaven für die Arbeit auch mehr Geld für Sklaven mit guter lauter Stimme gezahlt (SOUTHERN S25), da diese sich gut als Lead-sänger eigneten und andere mit ihrer Stimme führen konnten.

Neben diesen Worksongs erfüllte säkulare Musik auch noch andere Funktionen. Als weitere Gattung sind die Field Hollers zu nennen. Diese begannen als einfache Ausrufe auf den Feldern, mit welchen die Sklaven ihren Gefühlen Ausdruck verliehen. Kurze Phrasen die gerufen wurden, um die Langeweile und die Einsamkeit auf den Feldern zu verringern. Aus diesen einfachen Rufen entwickelten sich teils längere Phrasen und Verse. Neben dieser Funktion dienten Field Hollers größtenteils der Kommunikation, um mit anderen auf den Plantagen des Südens arbeitenden Sklaven auf diese Weise in Kontakt zu treten. Diese einfache musikalische Ausdrucksform ist ein wichtiger Vorgänger des späteren Blues, in welchem auch eigene Gefühle und Nachrichten über das eigene Selbst stark in den Vordergrund traten.

Als weitere Möglichkeit der Sklaven zu musizieren führt Southern an, dass oft Schwarze von ihren weißen Herren dazu angehalten wurden auf feiern zu spielen (SOUTHERN S43), wodurch deren Musikalität auch weiter gefördert wurde (siehe Punkt 3.1.1).

Als sonstige Gattung sind die Wiegenlieder zu erwähnen, in welchen die oral tradition fortgeführt werden konnte. Viele Geschichten wurden in Lieder verpackt und an die Kinder weitergegeben. Auch die Wiegenlieder waren von Einfluss auf den Blues.

3.2. Musik in der Post-Bellum Ära

In der Zeit nach dem Bürgerkrieg bis zur heutigen Zeit entwickelten sich immer mehr und immer feiner zu unterscheidende verschiedene Musikstile. Obwohl sicherlich viele davon für eine Untersuchung überaus interessant wären, muss hier begrenzt werden und an einigen exemplarisch das untersucht werden, was bei vielen Richtungen deutlich werden würde. In den folgenden Unterpunkten werden die Stilrichtungen Gospel, Blues und Rock´n´Roll untersucht da diese entweder Einfluss auf die Entwicklung einer Kulturellen Identität Afroamerikanischer Menschen hatten oder diese in Text, Musik und Form deutlich wiederspiegeln. Auf eine durchgehende, chronologische Entwicklung schwarzer Musik wird ebenfalls verzichtet, da die Untersuchung einzelner Stile (obwohl auch diese sich immer weiter entwickelt haben und somit der typische Blues oder das Gospelstück nicht existiert) aufschlussreicher für den Gegenstand dieses Textes, das Gruppenbewusstsein und die kulturelle Identität afrikanischer Amerikaner, ist.

3.2.1. Gospel

Nach dem Bürgerkrieg und der Befreiung der Sklaven gab es eine starke Teilung zwischen weltlicher und geistlicher Musik. Während sich aus der weltlichen Musik der ehemaligen Sklaven der Ragtime und später der Blues entwickelte, die anfangs vorrangig in Bordellen und Saloons gespielt wurden entwickelte sich aus den Spirituals und geistlichen Hymnen der Gospel. Das Wort Gospel setzt sich zusammen aus „Good spell“ und kann übersetzt werden mit „Gute Nachricht“, und die Texte dieser Lieder beschäftigen sich auch zu großen Teilen mit der guten Nachricht des neuen Testaments, der Hoffnung auf eine Errettung durch Gott oder Jesus. Die starke Trennung dieser beiden Richtungen reichte bis in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts hinein. So berichtet Levine:

In the early 1870s Helen Ludlow asked Harry Jarvis, a forty-year-old ex-slave and one-legged veteran of the Civil War, if he would sing some songs other than spirituals - songs he had used to accompany himself at work. His reply was to become familiar to scores of folkrorists in the ensuing decades: “Not o´ dem corn shuckin´songs, madam. Neber sung none o´ dem sence I ´sperienced religion. Dem´s wicked songs… Nuffin´s good dat ain´t religious, madam. Nobody sings dem cornshuckin´ songs arter dey´s done got religion.” [zitiert in Armstrong and Ludlow, Hampton and Its Students, S 113]

(…)

In 1933 John Lomax asked a cotton picker in Texas to sing the ballad of the boll weevil and was told: „Boss, dat a reel. If you wants to get that song sung, you´ll have to git one of dese worl´ly niggers to sing it. I belongs to de church.”

(LEVINE S 177 - 178)

Eine starke Identifizierung mit der einen oder anderen Musik ist hier deutlich erkennbar und deutet auf eine bewusste Entscheidung und Hinwendung zu der jeweiligen Gruppe hin. Jedoch war es auch nicht unüblich, dass Musiker von der einen zur anderen Richtung wechselten und so mit Elementen des einen den anderen Stil bereicherten. Als Beispiel hierfür sind hier etwa Mahalia Jackson (im Bild rechts) oder Thomas A. Dorsey (1899-????) zu nennen, der seine ersten Erfolge mit Blues und anderen weltlichen Liedern hatte. Obwohl seine ersten Beiträge zur Gospelmusik zu Anfang nicht angenommen wurden schrieb er schließlich so viele Gospelsongs, die auch sehr bekannt wurden, dass diese Gattung teilweise auch als „Dorseys“ bezeichnet wurden. Erwähnenswert ist auch die Überzeugung mit der sich viele Schreiber von Gospelstücken mit der Hoffnung der Botschaft und dem Gottvertrauen dieser Stücke identifizierten. Diese Einstellung wird zum Beispiel in Dorsey´s berühmt gewordenen Vorwort zu seinem Stück „Precious Lord take my Hand“ das in zweiunddreißig Sprachen übersetzt wurde deutlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A week after the death of his wife and infant son, he sat before a piano seeking for consolation: „There in my solitude I began to browse over the keys like a gentle herd pasturing on tender turf. Something happened to me there. I had strange feeling inside. A sudden calm - a quite stillness. As my fingers began to manipulate over the keys, words began to fall in place on the melody like drops of water falling from the crevices of a rock.”

(zitiert nach LEVINE S 182-183)

So kann als eine wichtige Funktion der Gospels, die sich von den Spirituals nicht unterschied, die der Hoffnung genannt werden. Obgleich diese Funktion gleich geblieben ist, kann an ihr doch auch eine starke Veränderung der allgemeinen Weltanschauung der Afroamerikanischen Bevölkerung erkannt werden, die Levine als allmähliches Verschwinden der Wichtigkeit der „sacred world“ der Schwarzen bezeichnet.

(...) never again was it to occupy the central position of the antebellum years.

(LEVINE S 191)

Noch immer spielte die Religion und das Vertrauen auf Gott eine zentrale Rolle sowohl in Gospels als auch im Leben vielen Afroamerikaner, jedoch ist in den Themen der Gospelsongs eine andere Sichtweise dieser Religion, eine neue Richtung der Hoffnung zu erkennen. Im Gegensatz zu den Spirituals, die Themen des alten Testaments behandelten, bedienten sich diese nun stärker des neuen Testaments, Gleichnissen von Jesus und Ähnlichem. Nur noch wenige Stücke berichteten von Heldentaten, von durch Gott bewirkten Veränderungen oder der Befreiung Israels aus der Unterdrückung. Die neue Hoffnung besann sich vielmehr auf ein Leben nach dem Tod, als auf tatsächliche Veränderungen und ein Paradies auf Erden, wie es im alten Testament versprochen wurde: Für die Leiden auf dieser Welt wurde man nach dem Tod mit dem Paradies belohnt. Sieht man die Entstehung der Gospels - und somit die Entwicklung geistlicher schwarzer Musik weg vom Vertrauen auf eine (dem alten Testament entsprechende) Verbesserung der Welt durch Gott hin zur Hoffnung auf Erlösung nach dem Tod - im Zusammenhang mit der Befreiung der Sklaven und der sich an die Rekonstruktion anschließende Verschlechterung derer Lebensverhältnisse, so kann ersichtlich werden, warum eine Weltanschauung, wie sie in den Spirituals deutlich wurde, nicht länger weiterbestehen konnte. Die Hoffnung auf einen Gott, der die Schwarzen wie die Kinder Israels aus der Unterdrückung in dieser Welt führte wäre enttäuscht worden. Eine Hoffnung jedoch, welche sich auf eine Erlösung nach dem Leben besann, konnte nicht enttäuscht werden, und da eine solche Hoffnung eher dem neuen Testament entsprach, fand eine stärkere Identifizierung mit diesem statt, und diese Veränderung ist in der Veränderung der geistlichen schwarzen Musik vom Spiritual zum Gospel deutlich nachvollziehbar. Die Musik spiegelt hier die Veränderungen der Weltanschauung Afrikanischer Amerikaner wieder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als weitere bemerkenswerte Eigenschaft der Gospels hebt Levine hervor, dass sie die Distanz zwischen Akteuren und Publikum vergrößerten. Während bei Spirituals noch größtenteils die gesamte Gemeinde beteiligt war, gab es im Gospel Darbietende und Publikum (LEVINE S 187)

3.2.2. Blues

Nach dem Bürgerkrieg verschob sich die Wichtigkeit und die Popularität der beiden unter Punkt 3.1.2 und 3.1.3 diskutierten Musikrichtungen. War es während der Zeit der Sklaverei noch die geistliche Musik, die im Vordergrund stand und sie weltliche Musik, nur ein Schattendasein derer fristete, so verkehrte sich dieses Verhältnis nach dem Bürgerkrieg in einem allmählichen Prozess. Der Aufstieg der säkularen schwarzen Musik allgemein ist nicht allein dem Blues zuzuschreiben. Vor dem Blues waren die bekanntesten Musikstile schwarzen Ursprungs die Ragtimes und die Minstrels. Ragtimes wurden häufig in Salloons und Bordellen gespielt und wurden daher von geistlicher Seite her als Teufelsmusik angesehen (vergleiche Punkt 3.2.1). Diese Art der Musik wurde möglich, da nach dem Bürgerkrieg Instrumente, die zuvor in Militärkapellen benötigt wurden zu billigen Preisen verkauft wurden und so frühere Sklaven auf tragbaren Saiteninstrumenten aber auch teils auf Klavieren ihre Musik machen konnten. Zur Perfektion brachten den Ragtime Komponisten und Pianisten wie etwa Scott Joplin (im Bild rechts Beispiele: The Entertainer und Maple Leaf Rag). Die Minstrels hingegen waren Stücke, die von weißen in Blackface also mit durch Rußgeschwärzten Gesichtern dargeboten waren. Diese Darbietungen waren eine Mischung aus Musik und Kabarett über Schwarze. Durch diese Art von Unterhaltung wurden Stereotype über Schwarze gefestigt und auch neu geschaffen, die sich viele Jahrzehnte lang in den Köpfen der Menschen hielten (wie etwa der typische Jim Crow oder Zip Coon, Charaktere, die bestimmte Stereotypen in sich vereinigten ). Trotz dieser Tatsache waren die Minstrels für die Entwicklung der Musik afrikanischer Amerikaner hilfreich, da das musikalisch Material das bei den Minstrels verwendet wurde, dem von Sklaven und Ex-Sklaven nachgeahmt war. So konnten Schwarze Menschen selber auf diese Weise bekannt und berühmt werden und vor allem schwarze Musik berühmt machen, was späteren Formen wie dem Blues ihren Aufstieg erst ermöglichte. Southern fasst die negativen und auch positiven Folgen der Minstrels zusammen:

The practices of “Ethiopian” minstrels in the nineteenth century established unfortunate stereotypes of black men - as shiftless irresponsible, thieving, happy-go-lucky “plantation darkies” - that persisted into the twentieth century on the vaudeville stage, in musical comedy, on the movie screen, radio and television. And yet, blackface minstrelsy was a tribute to the black man´s music and dance, in that the leading figures of the entertainment world spent the better part of the nieteenth century imitating his style.

(SOUTHERN S 96)

Der Blues wird hier stellvertretend für viele weltliche Musikstile, die sich nach dem Bürgerkrieg und besonders während der Harlem Renaissance entwickelten, untersucht. Ihnen allen gemein sind die Wurzeln, aus denen sich so vielfältige Formen wie der Blues, Jazz, Bebop, Freejazz, Rock etc. entwickeln konnten. Elemente aus Field Hollers, Work Songs, Wiegenliedern und auch Spirituals finden sich in all diesen unterschiedlichen Stilen in verschieden starker Ausprägung wieder. Und allen gemein ist auch die Tatsache, dass diese Musik der Afroamerikanischen Bevölkerung wiederum zum übergroßen Teil die Grundlage für moderne Pop-musik bildet, und somit im Laufe der Zeit überaus populär geworden ist.

Der Blues entwickelte sich nach dem Bürgerkrieg und war vorrangig beeinflusst von den kurzen Ausrufen der Field Hollers. Diese finden sich in den Bluestypischen kurzen Phrasen wieder, die über wechselnden Akkorden mehrfach wiederholt werden (Riff).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In seiner Ursprungsform wurde der Blues meist von Männlichen Sängern die sich selbst auf der Gitarre begleiteten gesungen. Als Beispiele für diese ursprüngliche Form des Blues können Stücke von Blind Lemon Jefferson (Beispiel: Hangman Blues. In diesem Stück ist deutlich die Abstammung von den Field Hollers erkennbar) oder Leadbelly (im Bild rechts Beispiel: Good Morning Blues. In diesem Beispiel ist der damals sehr beliebte Walking Bass erkennbar. Dieser wurde im späteren Rock´n´Roll stark verwendet ). Um 1900 wuchs die Beliebtheit des Blues, als W.C.Handy Blues Songs veröffentlichte, die großen Erfolg hatten. Auch die Einführung der Schallplatte als Medium für die neue weltliche Musik der Schwarzen half diese weiter zu Verbreiten. In den 1920er Jahren wurde die starke Nachfrage dieser Musik auch endlich von den Plattenfirmen entdeckt: Schwarze Menschen wollten Schwarze Musik hören und dieser neue Markt für schwarze Musik ließneue Plattenfirmen entstehen, die sich auf diese „race music“ spezialisierten. So wurden in den 1920er Jahren einige Blues Sängerinnen überaus berühmt und auch bei Weißen sehr beliebt. Diese Art des Blues, der sehr stark am Jazz orientiert war wurde „classic blues“ genannt und wurde berühmt durch Sängerinnen wie Bessie Smith (im Bild rechts. Beispiel: Empty Bed Blues ) oder Ma Rainey (Beispiel: See See Rider Blues).

Neben der immensen Bedeutung des Blues für die moderne Populärmusik, ist auch seine Bedeutung für die Kultur und das Gruppenbewusstsein afrikanischer Amerikaner hervorzuheben. Das weltliche Pendant zur Gospelmusik vereinigt in sich verschiedene Funktionen. So konnten in dieser Musikform Traditionen, die ihren Ursprung in Afrika hatten, weiterleben, wie etwa alte Geschichten, die in der Musik erzählte wurden (womit die oral tradition fortgesetzt wurde), oder das Ausdrücken eigener Gefühle, wie es in den Field Hollers üblich war. Diese überlebenden Afrikanismen, auch wenn sie längst durch andere Einflüsse verändert und teils auch bereichert wurden, wurden in der Harlem Renaissance besonders hervorgehoben. Wie in allen anderen Bereichen Afro-Amerikanischer Kultur, wurde versucht auch in der Musik die Afrikanischen Wurzeln zu finden, und auch hier wurden sie benutzt, um ein Pan-Afrikanisches Bewusstsein zu erzeugen. Einflüsse durch Weiße auf die Schwarze Musik wurden als nicht relevant dargestellt, obwohl die Musik definitiv eine Mischung aus beiden Abstammungen war, wenn auch mit einer starken afrikanischen Basis.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein besonders wichtiges Element in der Bluesmusik ist die Besinnung auf das Individuum. Erstmals wird der Gesang nicht mehr von einem Chor oder einem Vorsänger und einer Chorantwort übernommen, sondern von einer einzelnen Person. Diese Element der Selbstdarstellung noch verstärkend wirkt der Text der meisten Blueslieder. Es geht in ihnen meist um Probleme oder Lebenssituationen einzelner Menschen, wie zum Beispiel in Bessy Smiths Empty Bed Blues:

I woke up this morning with a awful aching head

I woke up this morning with a awful aching head

My new man had left me, just a room and a empty bed

Bessie Smith 1928

Alltägliche Probleme und persönliche Gefühle sind das Thema der meisten Blues texte. Diese Tendenz, eigene Gefühle in der Musik zu artikulieren geht direkt auf die Field Hollers zurück. Levine erkennt die Wichtigkeit dieser Tendenz in der Musik und bezeichnet dieses Charaktermerkmal des Blues als

...what Abbe Niles referred to as „ element of pure self “. The blues were solo music not only in performance but in content. The persona of the individual performer entirely dominated the song, which centered upon the singer´s own feelings, experiences fears, dreams, acquaintances idiosyncrasies.

(zitiert nach LEVINE S 222 NILES S292)

Die Tatsache, dass etwa zur gleichen Zeit eine eher personalisierte, individualorientierte Lebenseinstellung im Bewusstsein der afrikanischen Menschen in Amerika wuchs, kann sowohl als Folge als auch als Ursache der wachsenden Beliebtheit des Blues angesehen werden. Diese neue Musikform mit ihrer Betonung auf der individuellen Person, mit ihrer Betonung des selbst und natürlich auch mit ihren Vorbildern, Idealen, zu denen viele aufschauen und mit denen sich viele identifizieren konnten, trug sicher einen großen Teil zu dem neuen Gruppenbewusstsein bei. Auf der anderen Seite spiegelt die Musik auch hier wieder die Entwicklung in der Welt der Schwarzen wieder, so dass sich die wachsende Individualisierung auch deshalb in ihr wiederfindet. Eine beidseitige Beeinflussung ist anzunehmen. Levine sieht hier auch Parallelen zu Booker T. Washington´s Lehren:

There was a direct relatioship between the national ideological emphasis upon the individual, the popularity of Booker T. Washington´s teachings, and the rise of the blues.

(LEVINE S 223)

3.2.3. Rhythm & Blues und die Entwicklung zum Rock´n´Roll

Seit den 1920er Jahren wurde der Term race records für jegliche Art von Aufnahmen von schwarzen Künstlern benutzt (Southern S513), ungeachtet, wie unterschiedlich die verschiedenen Stile waren. In den späten vierziger und den folgenden fünfziger Jahren wurde dann der Begriff des Rhythm & Blues geprägt. Mit ihm wurde ein Genre mit bestimmten charakteristischen Zügen bezeichnet: Die Musik des Rhythm & Blues bestand aus eine Choreinheit (solo oder Gesang) einer Rhythmuseinheit (Elekrische Gitarre und/oder Bass, Schlagzeug, Klavier) und einer zusätzlichen Einheit (z.B. Saxophon oder andere Blasinstrumente). Zu den vorigen Elementen des Blues kam ein starker Beat, der sich vom Boogie Woogie ableitete und die Intensität und Emotionen der Gospel Musik. Diese neue städtische Musik war der Stil des Rhythm & Blues. Mehr Plattenfirmen wurden gegründet, die in diesem neuen Bereich neue Talente suchten und förderten. Der Erfolg der Rhythm & Blues Musik war nicht mehr länger nur auf Schwarze Abnehmer beschränkt, auch Weiße zeigten größeres Interesse an dieser Afroamerikanischen Musik. Das bestehen einer eigenen Musik, wie es seit den 1920er Jahren als race records existierte kann als wichtiger Bestandteil eines gemeinsamen Gruppenbewusstseins angesehen werden, da Afroamerikaner sich so mit ihrer Musik identifizieren konnten, eine Gruppe mit einer gemeinsamen Kultur bildeten. Diese afroamerikanische Kultur bezog sich natürlich nicht lediglich auf die Musik, sondern auch auf Tanz, Kunst etc., die Musik trug lediglich einen Teil zur Festigung dieses Gruppenbewusstseins bei. Die Tatsache, dass mit dem Aufteilen des Sammelbegriffes race records Untergruppen wie Jazz, Rhythm & Blues, Blues etc. entstanden hatte zur Folge, dass auch innerhalb der Afroamerikanischen Bevölkerung Amerikas Untergruppen entstanden, die sich mehr oder weniger mit der einen oder anderen Musikrichtung identifizierten. Das gesamte Gruppenbewusstsein wurde hierdurch nicht geschwächt.

Im Jahr 1954 schrieb die Rhythm & Blues Gruppe The Chords mit ihrem Stück Sh-Boom einen Hit, der als erstes Rock´n´Roll Stück die Rock´n´Roll Ära einleitete. Das Stück erreichte auf Anhieb die Top Ten der Popliste (als erstes Rhythm & Blues Stück), und viele Gruppen versuchten nun, es zu covern (in anderer Besetzung, leicht variiert nachzuspielen) um an dem großen Erfolg teil zu haben. Das erfolgreichste Coverstück Sh-Boom von den Crew Cuts, einer weißen kanadischen Gruppe überholte schnell die Verkaufszahlen des Originals und am Ende des Jahres war es unter den Top Five des Jahres 1954. Southern zitiert Carl Belz um den Erfolg des weißen Covers über das schwarze Original zu begründen:

[The Chord´s record] projected a fabric of sound in which everything struck the listener at once - instrumental sounds, lyrics, fragmentary or improvised lyrics, and all with a powerfull incessant beat. … This immediate totality of impact … probably sounded strange to many listeners. … They were accustomed to a cleaner kind of music in which the separate parts were more easily perceptible, where lyrics were distinctly enunciated, where voices were either individualized or precisely unified, and where vocal and instrumental sections did not impose on one another. The Crew Cuts “cleaned up” Sh-Boom. …

(zitiert nach SOUTHERN S 519, BELZ S 29-30)

Nach dem gleichen Prinzip folgten weitere erste Rock´n´Roll Hits: Ein Blues oder Rhythm & Blues Stück einer (zumindest außerhalb der schwarzen Gemeinde) unbekannten schwarzen Gruppe wurde zu einem Bestseller, etablierte weiße Popsänger coverten dieses und das Cover wurde bekannter und verkaufte sich besser als das Original. Es entstand durch diese Vermischung weißer und schwarzer Musik ein neuer Stil. Schwarzer Rhythm & Blues verschmolz mit weißer Country Musik zu Rock´n´Roll.

Dieses Verschmelzen zweier Musikstile hat nicht nur musikalisch große Bedeutung. Rock´n´Roll war erstmals eine Musik, die sowohl von Schwarzen als auch von weißen Artisten aufgeführt wurde. Als Beispiele sind hier schwarze wie Chuck Berry zu nennen, die von der weißen Country Musik beeinflusst waren, oder weiße wie Elvis Presley oder Buddy Holly, die versuchten Musikrichtungen wie den Rhythm and Blues in ihre Stücke zu integrieren. Und nicht nur die Künstler waren nicht mehr nach Rassen getrennt, auch das Publikum bestand erstmals aus Weißen und Schwarzen. Für das Gruppenbewusstsein beider Gruppen ist der Rock´n´Roll ein entscheidendes Element, denn erstmals teilten Schwarze und weiße eine gemeinsame Musik, und für beide Gruppen war es ihre Musik. Dieses gemeinsame Element, das im Bewusstsein beider Gruppen eine große Rolle spielte vereinte sie auch zu einem gewissen Grad; Schwarze und Weiße teilten erstmals eine gemeinsame Kultur.

3.2.4. Musik nach den 1960er Jahren

Die Entwicklung schwarzer Musik, oder vielmehr Musik, die ihren Ursprung in Afroamerikanischen Stilen hat, ist auch nach der wichtigen Rock´n´Roll Ära ein interessantes und das Gruppenbewusstsein afrikanischer wie auch anderer Amerikaner beeinflussendes und wiederspiegelndes Element. Da sich jedoch die Untergliederung zwischen den Stilen im Laufe der Zeit immer weiter entwickelte und immer mehr neue Stile auftauchten ist eine umfassende Untersuchung hier nicht möglich. Abschließend wird jedoch noch auf einige größere Strömungen kurz eingegangen, die besonders erwähnenswert sind.

In den 1960 Jahren entwickelte sich die Soul Musik, und mit ihr die ganze Soul Ära. Während das Thema in Rhythm & Blues Stücken häufig Liebe oder Beziehungen zwischen Menschen waren, behandelten Soul Stücke Themen wie soziale Ungerechtigkeit, Rassenstolz, Formen des Protests und schwarze Militanz. Auch die Musik war härter, intensiver und explosiver als in Rhythm & Blues Stücken. Es wurde bewusst ein Schwerpunkt auf Elemente aus traditioneller schwarzer Musik gelegt. Entsprechend dem Zeitgefühl wurde auch die Musik bewusst schwarz gestaltet. Die Musik wurde benutzt um eine Botschaft zu übermitteln, um ein Gruppengefühl herzustellen, dass Schwarz zu sein nicht mehr nur bewusst akzeptierte (wie dies in der Harlem Renaissance und bei den race records der Fall war), sondern stolz darauf war. Die Musik des Soul reflektiert in diesem Sinne den Wandel in der Selbstsicht schwarzer Amerikaner. Entsprechend kann als Symbol für die Zeit und die Musik des Soul der von James Brown (Bild links), der auch als „Godfather of Soul“ und „Soulbrother No 1“ bezeichnet wurde, in Musik umgesetzte Ausspruch: Black is Beautiful: Say It Loud: I´m Black and I´m Proud! (1968) stehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den 70er Jahren waren die dominanten Musikstile Disco und Funk, welche beide den Schwerpunkt von einer Botschaft oder Harmonien weg auf den Rhythmus legten. Das Ziel dieser Musik war es größtenteils die Menschen zum tanzen zu bringen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die momentan aktuelle Musik schwarzen Ursprungs ist der Rap (Bild rechts), der mit dem Hit der Sugar Hill Gang 1979 weltweit bekannt wurde. Diese Musikrichtung geht zurück auf die Eigenart von DJs (discjockeys) in Diskotheken über bekannten Stücken rhythmisch zu sprechen; zu rappen. Rap zeichnet sich durch starke Rhythmen und Synkopen aus, ein meist durchgehender Rhythmus wurde benutzt, um darüber mit der Stimme in Synkopen mit und gegen den Takt zu sprechen. Der Gesang wird als Rhythmusinstrument eingesetzt. Diese Hinwendung zum Rhythmus kann als Hinwendung zur afrikanischen Musik verstanden werden, in der dieses Element des Rhythmus und des freien rhythmischen Singens über einem durchgehenden Hintergrundrhythmus stark hervortritt. Auf jeden Fall war diese Art von Musik gerade aufgrund ihrer Rhythmik zu Erfolg bestimmt, besonders im Bereich der Tanzmusik. Inzwischen wird im Rap über alle möglichen Themen gesprochen, wobei aufgrund der Dichte des Textes viel gesagt werden kann, in den Anfängen jedoch waren die vorrangig behandelten Themen die der Rassendiskriminierung und des gewaltsamen Widerstandes. Die Leitfigur vieler junger Rapper war die des Malcolm X. Das Bewusstsein, das sich in dieser Musik wiederspiegelt und durch sie geformt wird, ist wesentlich aggressiver, wie auch die Musik selbst (obwohl gesagt werden muss, dass inzwischen zu viele unterschiedliche Richtungen existieren, um eine Aussage über den Rap oder dessen Botschaft zu machen). Rap kann als Musik der Jugend bezeichnet werden, und mit ihm identifizieren sich viele jugendliche Afroamerikaner (aber inzwischen auch viele Weiße). Im Rap finden sich viele Zitate, aus anderen Musikstücken, aber auch aus Nichtmusikalischen Quellen. Die Technik, bei der aus anderen Stücken oder aus anderen Quellen Teile herausgeschnitten und in den neuen Song eingefügt werden, wird sampeln genannt. Hierdurch kann sehr direkt Bezug auf die reale Lebenswelt der Songschreiber aber auch auf ihnen wichtige Zitate und Vorbilder genommen werden (Beipiel: Fight the power und Rebel Without a Pause von Public Enemy). Als neue Musik der Stadt findet sich im Rap auch oft die Verworrenheit und das Chaos, der Lärm des städtischen Lebens wieder, über das sich jedoch der Rapgesang legt und sozusagen durch das Chaos führt (Beispiel: 911 is a Joke von Public enemy). Durch den Rap ist eine neue Jugendkultur entstanden und viele der Werte, die diesen Jugendlichen wichtig sind, finden sich in den Texten des Rap wieder.

4. Resümee

Der Einfluss der Musik auf das Bewusstsein afrikanischer Amerikaner ist deutlich erkennbar anhand von Beispielen wie den Spirituals oder dem Rock´n´Roll, mit welchen direkt in deren Lebenswelt etwas verändert wurde, sei es durch das Bilden einer geistlichen Welt, die als Zuflucht vor dem Alltag der Sklaverei genutzt werden konnte, oder durch den Erfolg, die Anerkennung und die Vereinigung zweier Bevölkerungsgruppen, die der Aufstieg des Rock´n´Roll mit sich brachte. Aber auch in anderen Situationen war die Musik ein Mittel, mit welcher Bedürfnisse des täglichen Lebens erfüllt wurden, und mit welcher die Lebensumstände etwas erträglicher wurden. Der Einfluss von Musik afroamerikanischen Ursprungs auf die heutige Popularmusik ist ebenfalls unumstritten, ein Großteil der Elemente in heutiger Musik, die aus der Popularmusik nicht mehr wegzudenken wären, basiert auf Traditionen Afroamerikanischen Ursprungs, wie den Spirituals, den Work Songs oder den Field Hollers. Die Musik kann aber auch als effizientes Mittel genutzt werden, um das Gruppenbewusstsein und das kulturelle Bewusstsein einer Bevölkerungsgruppe (wie hier der Afroamerikaner) zu erkennen. In der Musik einer Zeit und einer Gruppe spiegelt sich auch immer die Weltsicht dieser Gruppe wieder. So erzeugt die Musik nicht nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb dieser Gruppe zu einer bestimmten Zeit (wie etwa die Bluesmusik, die sich bewusst von weißer Musik unterschied), oder trägt eine Botschaft für diese Gruppe, beeinflusst sie also (wie etwa in der Soul-Musik), sondern zeigt in ihren Texten, ihrer Form und ihren Eigenschaften immer ein Bild vom Bewusstsein und von der Weltanschauung dieser Gruppe.

5. Quellen:

Southern, Eileen (1997). The Music of Black America. New York: W.W. Norton & Coompany, inc.

Levine, Lawrence W (1977). Black Culture and Black Consciousness. Oxford: Oxford University Press

Floyd Samuel A. Jr. (1995). The Power of Black Music. Oxford: Oxford University Press

Belz, Carl. (1972). The Story of Rock. 2nd ed. New York: Oxford university Press

Niles, Abbe (1926) “Blue Notes” New Republic.

Windley, Lathan N. (1983). Runaway Slave Advertisements. A Documentary History from the 1730s to 1790s. Westport, CT: Greenwood Press

Wiley, Bell Irvin. (1965) Southern Negroes, 1861-1865. New Haven

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Afroamerikanisches Gruppenbewusstsein und afroamerikanische Musik
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Amerikanistik)
Veranstaltung
Black Aesthetics
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
27
Katalognummer
V8840
Dateigröße
1052 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Oliver Brunotte (Autor), 2001, Afroamerikanisches Gruppenbewusstsein und afroamerikanische Musik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8840

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