Als eine Schülerin Michael Ende die Frage gestellt hatte, wie er denn seine Geschichten schreibe, da antwortete er so:
Bei den Jim-Knopf-Büchern habe ich tatsächlich einfach los geschrieben… Natürlich habe ich dann nachträglich alles noch mehrmals überarbeitet, gekürzt oder erweitert oder umgeschrieben… Die wichtigste Sache in einem Schriftstellerzimmer ist ja der Papierkorb. Das meiste von dem, was man schreibt, wirft man fort. Wenn ihr ein fertiges Buch seht, dann müsst ihr euch vorstellen, dass der Schriftsteller ungefähr zehnmal soviel geschrieben hat. Das, was im Buch steht, ist nur das, was ausgewählt wurde, um gedruckt zu werden"(vgl. Ende 1994).
Die Antwort wird diejenigen, die bereits über ausgiebige Schreiberfahrung verfügen, wenig überraschen. Beginnt man einen Text zu verfassen, kann man diesen ‚Schauplatz’ mit dem einer Baustelle vergleichen, auf der viele Arbeiten zugleich stattfinden. Ein sinnvolles Ineinandergreifen der verschiedenen Aktionen, wie zum Beispiel das Planen und das anschließende Formulieren, werden den ‚Bauvorgang’ beschleunigen, eine unüberlegte Arbeitsplanung hingegen verhindert ein Vorwärtskommen. In diesem Sinne bietet Michael Endes Herangehensweise kein Paradebeispiel einer durchdachten Textproduktion. Fest steht aber auch hier, dass zu jedem Zeitpunkt Überarbeitungsaufgaben vorkommen. Ein Autor muss ständig schreiben und verwerfen. Aussagen werden auf das anfangs intendierte Schreibziel hin überprüft, neue Ideen in den Text integriert, ggf. angepasst, stilistische Mittel auf Tauglichkeit überprüft, Formulierungen verworfen und neu kreiert, Rechtschreibfehler korrigiert etc.. Feilke (2004, S.26) stellte in einem Beitrag der Zeitschrift „Praxis Deutsch“ sogar die Gleichung „Schreiben ist Überarbeiten“ auf. Dabei wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Revisionsarbeiten nicht als separater Prozess am Ende einer Schreibarbeit stehen. Vielmehr beginnen Überarbeitungen bereits da, wo wir anfangen zu formulieren.Wenn man sich dieser Tatsache bewusst wird, dann fällt es nicht schwer zu begreifen, warum der Papierkorb die wichtigste Sache im Schriftstellerzimmer ist. Schreibanfängern sind sich dieser Tatsache jedoch in der Regel nur bedingt bewusst oder verfügen noch nicht über die nötigen Mittel für eine planvolle Revision (vgl. Baurmann 2002, S. 93).
Inhaltsverzeichnis
1. Ein Blick auf die Überschrift
2. Wie erstelle ich einen Text? - Aspekte der Schreibkompetenz
2.1 Wissen-Fähigkeiten-Kombination
2.2 Überarbeitungen
3. Didaktische Überlegungen zum Überarbeiten – Ein Blick in das Kerncurriculum der Klassen 5-10
3.1 Überarbeitungen im Unterricht
3.1.1 Die Genese eines kritischen Textbewusstseins unterstützen
3.1.2 Die Textlupe
3.1.3 Die Schreibkonferenz
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit setzt sich mit der Bedeutung von Überarbeitungsprozessen in der Schreibdidaktik auseinander, mit dem Ziel, den hohen Stellenwert von Revisionen für den Aufbau von Schreibkompetenz bei Schülern der Sekundarstufe I zu verdeutlichen und methodische Ansätze für den Unterricht aufzuzeigen.
- Grundlagen der Schreibkompetenz und deren Teilkomponenten
- Differenzierung zwischen verschiedenen Arten von Textrevisionen
- Prozessorientierte Schreibdidaktik im Vergleich zur Produktorientierung
- Didaktische Methoden zur Unterstützung von Überarbeitungsprozessen (Textlupe, Schreibkonferenz)
- Die Rolle von Lehrern bei der Vermittlung von Revisionsstrategien
Auszug aus dem Buch
1. Ein Blick auf die Überschrift
Als eine Schülerin Michael Ende die Frage gestellt hatte, wie er denn seine Geschichten schreibe, da antwortete er so:
Bei den Jim-Knopf-Büchern habe ich tatsächlich einfach los geschrieben… Natürlich habe ich dann nachträglich alles noch mehrmals überarbeitet, gekürzt oder erweitert oder umgeschrieben… Die wichtigste Sache in einem Schriftstellerzimmer ist ja der Papierkorb. Das meiste von dem, was man schreibt, wirft man fort. Wenn ihr ein fertiges Buch seht, dann müsst ihr euch vorstellen, dass der Schriftsteller ungefähr zehnmal soviel geschrieben hat. Das, was im Buch steht, ist nur das, was ausgewählt wurde, um gedruckt zu werden"(vgl. Ende 1994).1
Die Antwort wird diejenigen, die bereits über ausgiebige Schreiberfahrung verfügen, wenig überraschen. Beginnt man einen Text zu verfassen, kann man diesen ‚Schauplatz’ mit dem einer Baustelle vergleichen, auf der viele Arbeiten zugleich stattfinden. Ein sinnvolles Ineinandergreifen der verschiedenen Aktionen, wie zum Beispiel das Planen und das anschließende Formulieren, werden den ‚Bauvorgang’ beschleunigen, eine unüberlegte Arbeitsplanung hingegen verhindert ein Vorwärtskommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ein Blick auf die Überschrift: Dieses Kapitel führt anhand eines Zitats von Michael Ende in die zentrale Bedeutung des Überarbeitens als integralen Bestandteil des Schreibprozesses ein.
2. Wie erstelle ich einen Text? - Aspekte der Schreibkompetenz: Es werden die verschiedenen kognitiven und prozeduralen Anforderungen an einen schreibenden Autor analysiert und zu einem Modell der Schreibkompetenz zusammengeführt.
2.1 Wissen-Fähigkeiten-Kombination: Dieser Abschnitt erläutert die verschiedenen interdependente Kompetenzbereiche, wie Zielsetzung, inhaltliche Gestaltung und Strukturierung, die für eine gelungene Textproduktion notwendig sind.
2.2 Überarbeitungen: Hier wird der Begriff der Revision definiert und von rein oberflächlichen Korrekturen abgegrenzt, um den existentiellen Stellenwert für den Schreibprozess zu unterstreichen.
3. Didaktische Überlegungen zum Überarbeiten – Ein Blick in das Kerncurriculum der Klassen 5-10: Das Kapitel verknüpft die theoretischen Erkenntnisse mit den curricularen Anforderungen an einen prozessorientierten Schreibunterricht in der Schule.
3.1 Überarbeitungen im Unterricht: Es werden konkrete Rahmenbedingungen für die Integration von Schreibphasen und die Förderung der Distanzierungsfähigkeit bei Schülern diskutiert.
3.1.1 Die Genese eines kritischen Textbewusstseins unterstützen: Dieser Abschnitt beschreibt, wie Lehrkräfte durch gezielte Rückmeldungen und Hilfsmittel wie Checklisten Schüler dazu befähigen können, ihre Texte selbstständig zu reflektieren.
3.1.2 Die Textlupe: Die Methode der Textlupe wird als strukturiertes schülerzentriertes Verfahren vorgestellt, um durch gegenseitiges Feedback die Schreibkompetenz zu stärken.
3.1.3 Die Schreibkonferenz: Dieses Kapitel beleuchtet die Anforderungen an ein günstiges Klassenklima und die Rolle der Lehrkraft als Moderator für konstruktive Diskussionsrunden.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Relevanz der Überarbeitungsmethoden zusammen und kritisiert die Diskrepanz zwischen prozessorientiertem Lernen und produktorientierter Leistungsbewertung in Prüfungen.
Schlüsselwörter
Schreibdidaktik, Überarbeitung, Schreibkompetenz, Revision, prozessorientierter Unterricht, Textlupe, Schreibkonferenz, Schreibprozess, Textproduktion, Lernförderung, Kerncurriculum, Schreibanfänger, Textbewusstsein, Sekundarstufe I, Leistungsbewertung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle des Überarbeitens als essenziellen, oft unsichtbaren Teil des Schreibprozesses und wie dieser didaktisch im Schulunterricht nutzbar gemacht werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind der Aufbau von Schreibkompetenz, die Unterscheidung zwischen verschiedenen Revisionsarten sowie die praktische Umsetzung von Methoden wie der Textlupe und Schreibkonferenzen im Deutschunterricht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, wie Schüler gezielt bei der Aneignung von Überarbeitungspraktiken unterstützt werden können, um vom reinen Produktfokus zu einem reflektierten Schreibprozess zu gelangen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse der schreibdidaktischen Fachliteratur und gleicht diese mit den Anforderungen und Vorgaben des Kerncurriculums für das Gymnasium ab.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Schreibkompetenz, die Abgrenzung verschiedener Korrektur- und Revisionsbegriffe sowie die Darstellung didaktischer Unterrichtsmethoden zur Förderung der Textüberarbeitung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Schreibdidaktik, Prozessorientierung, Revision, Schreibkompetenz und Textlupe.
Warum wird der Papierkorb als wichtigstes Möbelstück im Schriftstellerzimmer bezeichnet?
Der Papierkorb symbolisiert den notwendigen Prozess des Verwerfens und Auswählens, da ein guter Text das Ergebnis vielfacher Überarbeitungen und zahlreicher verworfener Entwürfe ist.
Welche Herausforderung stellt die Leistungsbewertung laut Autor dar?
Die Herausforderung besteht darin, dass klassische Prüfungssituationen oft eine sofortige Produktqualität unter Druck verlangen, was der notwendigen Zeit für Distanzierung und prozesshafte Überarbeitung im Schreibunterricht entgegensteht.
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- Björn Sengutta (Author), 2006, Der Text und seine unsichtbare Baustelle - Überarbeitungen in der Schreibdidaktik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88460