Beinahe 200 Jahre nach der Veröffentlichung von Lessings Laokoon scheint eine Neuformulierung ästhetischer Gestaltungsmöglichkeiten unter modernen Gesichtspunkten virulent zu werden. Denn völlig unabhängig voneinander erscheinen zunächst 1938 Rudolf Arnheims "Neuer Laokoon", der über die relativ neue mediale Form des Sprechfilms reflektiert, und im Jahre 1940 die Schrift "Towards a newer Laokoon" des amerikanischen Kunstkritikers Clement Greenberg. Was beide Texte mit dem Laokoon der Aufklärung verbindet ist die Methode, die ästhetischen Möglichkeiten und Grenzen der jeweils einzelnen Darstellungsform auf semiotischer und medialer Ebene zu bestimmen. Während bei Greenberg jedoch stärker der mediale Aspekt der Malerei hervorgekehrt wird, so verharrt Arnheim in seiner Argumentation auf der semiotischen Ebene des Films. Das Ausbleiben einer Reflexion der medialen Bedingungen muss bei einem Autor wie Arnheim jedoch verwundern, da er bereits zuvor ausführlich genau jene zu systematisieren versuchte. Die Beschränkung auf die Semiotik des Films lässt sich jedoch mit der Tendenz des Neuen Laokoon erklären. Denn Arnheims „Gefühl des Unbehangens“ am Sprechfilm entrollt eine Argumentation, die Belege dafür liefern will, „den Bereich des Dialogs künstlich“ einzuschränken und damit den Sprechfilm auf die Funktion des „getreuen Festhalten[s] der von Natur und Mensch hervorgebrachten optischen und akustischen Erscheinungen“ zu reduzieren.
Im Folgenden wird nun zu zeigen sein, wie diese normative Tendenz unter Berücksichtigung der materiell-medialen Bedingungen nicht aufrecht zu halten wäre. Arnheims semiotisch fundierte Beschneidung des Sprechfilms soll deshalb anhand der drei Bereiche Produktion, Werk und Rezeption mit einer damals schon möglichen Reflexion über die Medialität des Films abgeglichen werden, die in Form von Benjamins Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" vorliegt. Dieser Ausschluss einer Reflexion über die Medialität befördert also bei Arnheim die Vorbehalte gegenüber dem Sprechfilm, die um 1930 auch bei anderen Theoretikern zu verzeichnen sind. 1938 jedoch, im Erscheinungsjahr des Neuen Laokoon, kommt die intendierte Abwertung des Sprechfilms einem rückwärtsgewandten Wiederbelebungsversuch der durchaus künstlerischen Avantgarden der 20er Jahre gleich. Arnheim wiederholt im Neuen Laokoon somit abermals eine Nostalgie für die Ära des Stummfilms, die er bereits 1932 in seinem Buch "Film als Kunst" formuliert hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Konjunktur des Laokoon
2. Rudolf Arnheims Neuer Laokoon und die Kritik am Sprechfilm
2.1. Produktion
2.2. Werk
2.3. Rezeption
3. Der Neue Laokoon, der Sprechfilm und der Pessimismus
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Rudolf Arnheims theoretische Auseinandersetzung mit dem Sprechfilm in seinem Werk "Neuer Laokoon". Ziel ist es, Arnheims semiotisch begründete Ablehnung des Sprechfilms kritisch zu hinterfragen und im Kontext zeitgenössischer Medientheorien, insbesondere unter Einbeziehung von Walter Benjamin, auf ihre theoretische Haltbarkeit zu prüfen.
- Die semiotische vs. mediale Analyse des Films
- Arnheims elitäres Künstlersubjekt im Gegensatz zum technischen Apparat
- Die Auswirkungen der industriellen Massenproduktion auf den Kunstbegriff
- Die Diskrepanz zwischen traditioneller Rezeption und filmischer Moderne
Auszug aus dem Buch
2.1. Produktion
Um Kunst beschreiben zu können, braucht man Begriffe, die den ästhetischen Standards eines Künstlers, verschiedener Werke oder einer Epoche angemessen erscheinen. Bei der Moderne verhält es sich da nicht anders. Silvio Vietta schlägt deshalb in Abgrenzung zu Niklas Luhmanns Begriff der „Beobachtung“ folgende Paradigmen vor: „Der eigentliche Schlüsselbegriff für die Ästhetische Moderne ist […] der Begriff der Produktion und der Konstruktion.“ Auch Arnheim räumt diesen Begriffen bezüglich des Films einen großen Stellenwert ein, wenn er z. B. vom „Kunstschaffen“ (S. 101) oder vom „schöpferischen Menschen“ (S. 111) spricht. Der Unterschied zwischen Viettas „Ästhetik der Moderne“ und Arnheims Laokoon besteht allerdings darin, dass sich Vietta auf Malerei und Literatur bezieht, während Arnheims Produktionsbegriff auf das Medium Film abzielt.
Diese einfache, aber fundamentale Unterscheidung hat jedoch weit reichende Konsequenzen für den Begriff der Produktion. Vietta kann von der romantischen Selbstreflexivität der Literatur auf den „permanenten Prozeß der experimentellen Selbsterforschung der Subjektivität“ in der literarischen Moderne schließen. Dies ist jedoch nur möglich, da zwischen Subjektivität und der Medialität der Literatur ein enger Zusammenhang besteht: Von möglichen experimentellen Versuchen einmal abgesehen produziert in der Regel ein Subjekt einen literarischen Text. Beim Film hingegen muss prinzipiell von einem arbeitsteiligen, höchst ausdifferenzierten Herstellungsprozess ausgegangen werden, der noch weniger Rückschlüsse auf die Subjektivität der Autoren zulässt als ein literarischer Text. Arnheim hintergeht jedoch dieses mediale A priori des Films jedes Mal, wenn er bei der Produktion vom singulären „Künstler“ spricht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Konjunktur des Laokoon: Dieses Kapitel vergleicht Arnheims "Neuer Laokoon" mit Clement Greenbergs "Towards a Newer Laokoon" und stellt fest, dass beide Autoren die Methoden der Aufklärung nutzen, um die Grenzen einzelner Kunstformen zu bestimmen.
2. Rudolf Arnheims Neuer Laokoon und die Kritik am Sprechfilm: Der Hauptteil analysiert Arnheims Ablehnung des Sprechfilms anhand der drei Bereiche Produktion, Werk und Rezeption, wobei eine kritische Gegenüberstellung zu Walter Benjamins Medientheorie erfolgt.
3. Der Neue Laokoon, der Sprechfilm und der Pessimismus: Abschließend wird Arnheims Kritik als ein anachronistischer Versuch gewertet, dem Film seinen Kunstcharakter durch die Rückbindung an überholte ästhetische Traditionen zu retten, anstatt die neuen Möglichkeiten der Moderne anzuerkennen.
Schlüsselwörter
Rudolf Arnheim, Neuer Laokoon, Sprechfilm, Medientheorie, Film als Kunst, Walter Benjamin, Semiotik, Produktion, Rezeption, Moderne, Kulturpessimismus, Avantgarde, Stummfilm, Medialität, Apparat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Filmtheorie von Rudolf Arnheim, speziell mit seiner 1938 erschienenen Schrift "Neuer Laokoon" und seiner damit verbundenen, strikten Ablehnung des Sprechfilms.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Filmkunst gegenüber industrieller Massenproduktion, die Rolle der Medialität, die Bedeutung des Künstlersubjekts und die kognitiven Herausforderungen der Filmrezeption.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Arnheims normative Tendenz gegen den Sprechfilm aufzuzeigen und zu demonstrieren, dass seine Argumentation die materiellen und medialen Bedingungen des Films ignoriert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine medienwissenschaftliche und kulturtheoretische Analyse angewandt, die Arnheims Thesen durch den Vergleich mit Theoretikern wie Walter Benjamin und Siegfried Kracauer kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Produktion, Werk und Rezeption, um Arnheims "Neuen Laokoon" systematisch in den Kontext der Avantgarde und der Moderne einzuordnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Arnheims "Neuer Laokoon", die Medialität des Films, der Unterschied zwischen Stumm- und Sprechfilm sowie die Auseinandersetzung mit kulturindustriellen Entwicklungen.
Warum lehnt Arnheim den Sprechfilm laut dem Autor ab?
Arnheim lehnt den Sprechfilm ab, weil er in der technischen Verbindung von Bild und Ton eine "künstliche Einschränkung" sieht, die den schöpferischen Menschen unterdrückt und die Aufmerksamkeit des Zuschauers unnatürlich spaltet.
Inwiefern gilt Arnheims Argumentation als anachronistisch?
Da Arnheim den Film mit den Maßstäben der traditionellen Kunst des 19. Jahrhunderts misst und dabei die spezifischen technischen und sozialen Neuerungen der Moderne ausblendet, erscheint seine Kritik laut dem Verfasser nicht mehr zeitgemäß.
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- Frank Dersch (Author), 2008, Film ohne Medium - Rudolf Arnheims Neuer Laokoon und die Kritik am Sprechfilm, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88486