Theodor Storms "Immensee" - Liebe zwischen Dichtertum und bürgerlicher Ordnung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Skizzierung des Handlungsablaufs

3 Historischer Hintergrund

4 Personencharakterisierung
4.1 Reinhard
4.2 Elisabeth

5 Verlauf der Beziehung in der Novelle
5.1 „Der Alte“
5.2 „Die Kinder“
5.3 „Im Walde“
5.4 „Da stand das Kind am Wege“
5.5 „Daheim“
5.6 „Ein Brief“
5.7 „Immensee“
5.8 „Meine Mutter hats gewollt“
5.9 „Elisabeth“
5.10 „Der Alte“

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Theodor Storms 1851 erschienener Novelle „Immensee“. Besonderes Augenmerk wird dabei auf das Verhältnis von Mensch zu Dichtertum und bürgerlicher Ordnung gerichtet sein. Ziel der Arbeit ist es herauszustellen, wer oder was für das Scheitern einer glücklichen Liebesbeziehung zwischen den beiden Hauptpersonen verantwortlich ist.

Ich beginne die Arbeit mit einer kurzen Skizzierung des Handlungsablaufs der Novelle, was nicht nur einen vereinfachten Einstieg in das Thema ermöglicht, sondern auch den schnelleren Zugriff auf bestimmte Szenen im Laufe der Arbeit erleichtert. Um allerdings nachfolgende Wiederholungen so gering wie möglich zu halten, wird die „Skizze“ sich dabei auf das Wesentlichste beschränken.

Der historische Hintergrund der Entstehungszeit der Novelle wird dann im anschließenden Kapitel behandelt. Es soll einen Umriss der Hintergründe liefern und somit dem allgemeinen Verständnis des Werkes dienen. Hierbei werden zum einen gesellschaftliche und politische Bedingungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts beleuchtet und zum anderen ein kleiner epochenspezifischer Einblick in diese Zeit gegeben. Allerdings wird auch dieser Abschnitt – aus Platzgründen und um den Schwerpunkt der Arbeit nicht allzu sehr vom „Immensee“ zu entfernen – sehr kurz gehalten werden und sich zum Grossteil mit Andeutungen begnügen müssen.

Im folgenden Kapitel geht es dann (endlich) spezifisch um den „Immensee“. Ich beginne die Interpretation des Werkes mit einer Charakterisierung der beiden Hauptpersonen Reinhard und Elisabeth. Diese Gegenüberstellung bildet die Grundlage für die weitere Forschung und bietet außerdem bereits einen Ausblick auf das weitere Geschehen. Nachzuweisen gilt es hier, ob in der Anlage der beiden Personen bereits das Scheitern der Beziehung impliziert ist.

Den Hauptteil der Arbeit bildet dann Kapitel 5, in dem der Verlauf der Beziehung dargestellt werden soll. Um diesen übersichtlich und dem wirklichen Verlauf der Novelle folgend aufzuzeichnen, werde ich die gesamte Novelle „Kapitel für Kapitel“ durchgehen und „chronologisch“ interpretieren, um am Schluss der Arbeit eine „Schuldzuweisung“ vornehmen zu können. Das bedeutet also, ich beginne und ende mit „Der Alte“ – dem Rahmen, der die eigentliche Geschichte (von „Die Kinder bis „Elisabeth“) umklammert.

Formal möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich in meiner Arbeit ausschließlich auf die zweite Fassung beziehe, die 1851 in der Sammlung „Sommergeschichten und Lieder“ erschienen ist, und somit die ursprüngliche, ein Jahr früher in Biernatzkis „Volksbuch auf das Jahr 1850“ gedruckte Fassung völlig außer Acht lassen werde, da eine Betrachtung bzw. ein Vergleich beider Fassungen in Bezug auf das gewählte Thema den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen würde. Außerdem ist schließlich die zweite Fassung die von Storm als endgültig betrachtete und somit auch die bis heute maßgebliche. Folgt man McCormick unterschieden sich die beiden Fassungen auch nur in einigen wenigen Merkmalen: So ist die zweite Fassung eine wesentlich kürzere, die „durch leitmotivische und symbolische Wiederholungen einerseits und Streichung von zusammenfassenden Übergängen andererseits“[1] minimiert wurde; weiterhin sei die Endfassung objektiver geworden und die Technik der Andeutung noch weiter verfeinert. Glaubt man diesen Ausführungen, ist die Beschränkung auf die endgültige, zweite Fassung sicher nachvollziehbar.

Weiterhin möchte ich darauf hinweisen, dass ich, ebenfalls aus Platzgründen, gezwungen war, aufeinander folgende Fußnoten, die sich auf dieselbe Seite beziehen (meist im „Immensee“) mit derselben Fußnote zu versehen.

Natürlich ist mir klar, dass ich das von mir gewählte Thema nicht erschöpfend behandeln kann, da es einfach zu weitreichend und zu ergiebig für eine solche Arbeit ist[2]. Ich hoffe allerdings, wenigstens einen Über- oder besser einen Einblick in dieses doch sehr spannende (und ausbaufähige) Thema geben zu können.

2 Skizzierung des Handlungsablaufs

Storms „Immensee“ ist, wie so viele andere seiner Novellen auch, eine Rahmennovelle. So beginnt das Werk mit der Öffnung des Rahmens, in dem der gealterte Reinhard von einem Spaziergang heimkehrt („Der Alte“). Man erfährt in diesem ersten Rahmenteil nicht wirklich viel: weder Namen noch Zeit oder genauen Ort, keine Personenvorstellung oder ähnliches. Alles was deutlich wird, ist, dass Reinhard ein alter, gebildeter, wohlsituierter, aber dennoch Fremder in seinem Ort ist, der allein mit seiner Haushälterin lebt. Am Ende dieses ersten Kapitels zieht sich Reinhard allein in ein Zimmer zurück und betrachtet gedankenverloren ein altes Porträt. „´Elisabeth!´, sagte der Alte leise; und wie er das Wort gesprochen, war die Zeit verwandelt – er war wieder in seiner Jugend.“[3]

An diese Rahmeneröffnung schließen sich nun acht kleinere Episoden, in denen das Leben von Reinhard und Elisabeth geschildert wird. Vom gemeinsamen Heranwachsen im Kindesalter („Die Kinder“) über die zusammen verbrachte Jugend bis zum Abschied, als Reinhard die Stadt verlässt, um zu studieren („Im Walde“). Während dieser Studiumszeit kühlt das Verhältnis stark ab und Reinhard macht die interessante Bekanntschaft mit einem Zigeunermädchen („Da stand das Kind am Wege“). Bei einem Heimatbesuch versuchen beide das gewohnte Verhältnis wieder aufleben zu lassen – doch es gelingt nicht so recht („Daheim“). Kurze Zeit später erfährt Reinhard dann durch einen Brief von der Heirat zwischen Elisabeth und Erich, einem alten Freund Reinhards („Ein Brief“). Einer Einladung Erichs folgend, besucht Reinhard das Ehepaar Jahre später auf ihrem Hof („Immensee“). Anfänglich noch voller Hoffnung erkennen Reinhard und Elisabeth letztlich die Endgültigkeit ihrer Entscheidung, aus der es kein zurück mehr gibt („Meine Mutter hats gewollt“). Reinhards alleiniges Verlassen des Hofes beendet schließlich die Binnenerzählung („Elisabeth“). Der Rahmen wird dann geschlossen durch die Rückkehr in die Gegenwart und damit der Rückkehr zu dem gealterten Reinhard („Der Alte“).

Eine genauere, thematische Interpretation der einzelnen Episoden folgt später in Kapitel 5, doch vorher eine kurzer Ausflug in die Geschichte.

3 Historischer Hintergrund

Storms Novelle entsteht in der Mitte des 19. Jahrhunderts, also in einer Zeit wichtiger geschichtlicher Einschnitte. Die bürgerliche Revolution war gerade gescheitert und die Vereinigung der deutschen Kleinstaaten zu einem gesamten Deutschen Reich hatte ebenfalls nicht funktioniert. So blieb dem Bürger weiterhin eine politische Mitgestaltung oder ein Mitspracherecht verwehrt. „Seine Initiative und sein Unternehmergeist waren aber dort gefragt, wo es darum ging, Wirtschaft und Handel zu steigern. Von den Schaltstellen der Macht ferngehalten, blieben ihm Geld und Geschäfte.“[4] Der Materialismus hielt Einzug und verdrängte Ideale, Träume und alles, was sich nicht konkret und direkt auf die Realität bezog. Wichtig waren jetzt vorrangig Erfolg und Gewinn – in kommerzieller Hinsicht.

Literaturgeschichtlich befinden wir uns, nach der Epoche der Romantik und des Biedermeiers, im Realismus. „Wie fließend allerdings die Grenzen literarischer Epochen sind, erhellt der Umstand, dass die verschiedenen Literaturhistoriker keineswegs der gleichen Meinung sind, wenn die Frage gestellt wird, in welchen größeren Zusammenhang Dichter und Schriftsteller wie z.B. Mörike, Vischer, Lenau, Hebbel, Nestroy einzureihen sind.“[5] So ist es also auch im vorliegenden Fall nicht möglich, diese Novelle einfach aus einer zeitlichen Perspektive heraus dem Realismus zuzuordnen.

Festzuhalten gilt es aber auf jeden Fall, dass Storm seine Novelle in einer Zeit des Umbruchs und der Veränderungen schreibt – sowohl gesellschaftlich (Materialismus, Industrialisierung, Entstehung des Proletariats etc.) als auch politisch (Märzrevolution, Nationalversammlung etc.) und literarisch (Tod Goethes, Ausklang der Romantik und des Biedermeier etc.).

Der eingetretene nüchterne bürgerliche Erwerbsalltag kollidiert dabei mit Storms Vorstellungen und Wünschen, so dass das „Schwergewicht des Erzählers Storm […] zweifellos auf der Durchdringung der von der Schönheit wie von der emotionalen Erfüllung gleichermaßen weit entfernten bürgerlichen Wirklichkeit [liegt]“[6] – was auch in dieser Arbeit zu sehen sein wird.

Widmen wir uns deshalb jetzt dem eigentlichen Thema – dem „Immensee“.

4 Personencharakterisierung

Um die Beziehung zwischen Reinhard und Elisabeth verstehen zu können, muss man sich zuerst mit den beiden unterschiedlichen Charakteren auseinandersetzen.

4.1 Reinhard

Reinhard lernen wir im Alter von zehn Jahren kennen (in der Binnenerzählung). Schon früh wird deutlich, dass Reinhards Talente und Stärken nicht auf dem praktischen, handwerklichen, „typisch männlichen“ Gebiet liegen („als Reinhard endlich trotz manches krummgeschlagenen Nagels seine Bank dennoch zustande gebracht hatte“[7] ), sondern eher im „geistigen“, poetischen Bereich („Ich erzähl dir etwas.“7). Auch die Geschichten, die er erzählt, lassen Rückschlüsse auf seinen Charakter zu. So könnte die Geschichte der „drei Spinnfrauen“7, die für die drei Göttinnen des Schicksals stehen, Reinhards Glauben an selbiges beweisen – was wiederum einige spätere Entscheidungen seinerseits verständlicher machen würde. In der Geschichte von „dem Mann in der Löwengrube“7, die sich auf die alttestamentliche Erzählung von Daniel bezieht, wird eine gewisse desillusionierende Aufgeklärtheit deutlich, da Reinhard schon im Kindesalter die Existenz von Engeln bestreitet – schließlich sei dies „nur so eine Geschichte [und] es gibt ja gar keine Engel“7. Im Gegensatz zu diesem nüchternen, für sein Alter erstaunlich kritischen Charakterzug steht allerdings Reinhards fast unrealistischer Wunsch nach der Ferne und dem Reisen, der ebenfalls schon im Kindesalter stark ausgeprägt ist („Wenn ich groß bin, will ich einmal selber [nach Indien]. Da ist es vieltausendmal schöner als hier bei uns.“[8] ). Im weiteren Verlauf der Erzählung wird Reinhard als „ein Mensch der Phantasie, des Traumes und der Sehnsucht“[9] geschildert, der sich statt praktischer Aufgaben lieber seinen Gedichten und der dadurch entstehenden Phantasiewelt widmet.

Wir finden also hier in Reinhard eine Person vor, die abenteuerlustig ist, künstlerische Neigungen und eine rege Phantasie hat, sich jedoch in der praktisch veranlagten, nüchternen Welt kaum zu Recht findet.

4.2 Elisabeth

Quasi als Gegenstück zu Reinhard ist Elisabeths Figur konzipiert. Sie, fünf Jahre jünger als er, ist gewissermaßen in seine Obhut gegeben und ihm somit „untergeordnet“. Die beiden Kinder verbringen fast jede freie Minute zusammen – „winters in den beschränkten Zimmern ihrer Mütter, sommers in Busch und Feld“[10].

Elisabeth schaut beinahe bewundernd zu Reinhard auf, wie etwa zu einem älteren, beschützenden Bruder, und ist gehorsam und bereit sich dem stärkeren Willen unterzuordnen. Vor allem in Bezug auf ihre Mutter ist dies besonders deutlich: sie ist geradezu das Paradebeispiel einer folgsamen Tochter und somit das „Ebenbild eines ´vernünftigen´ Bürgermädchens“[11]. Schon früh ist diese „Abhängigkeit“ von der Mutter zu beobachten: Als Reinhard mit ihr nach Indien auswandern will, ist Elisabeths erster Gedanke der an ihre Mutter, die unbedingt mit auf diese Reise soll – was einen heftigen Zornausbruch Reinhards zur Folge hat.

[...]


[1] Zitiert nach Betz, S. 48

[2] s. auch Kapitel 6 „Resümee“

[3] Immensee, S. 4

[4] Freund, S. 12

[5] Salzer, S. 86

[6] Freund, S. 16

[7] Immensee, S. 5

[8] Immensee, S. 6

[9] Ebersold, S. 63

[10] Immensee, S. 7

[11] Chowanietz, S. 217

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Theodor Storms "Immensee" - Liebe zwischen Dichtertum und bürgerlicher Ordnung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V88529
ISBN (eBook)
9783638024891
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor, Storms, Immensee, Liebe, Dichtertum, Ordnung
Arbeit zitieren
Maria Lang (Autor), 2005, Theodor Storms "Immensee" - Liebe zwischen Dichtertum und bürgerlicher Ordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88529

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