Italienisch-Ostafrika (1936-1941)


Seminararbeit, 2008
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Gründe für die Kolonialisierung

2. Der italienisch-äthiopische Krieg 1935/36
2.1 Zur Vorgeschichte
2.2 Kriegsverlauf
2.3 Die Auswirkungen des Krieges

3. Africa Orientale Italiana 1936-1941
3.1 Das „neue römische Imperium“
3.2 Terror und Besatzungsverbrechen
3.3 Der Zusammenbruch

4. Schluss: Fazit

5. Quellenangaben:

1. Einleitung: Gründe für die Kolonialisierung

“Venti milioni di italiani sono in questo momento raccolti nelle piazze di tutta Italia. È la più gigantesca dimostrazione che la storia del genere umano ricordi”[1].

Am 2.Oktober 1935, am Tag der Kriegserklärung Italiens an das damalige Kaiserreich Äthiopien, fanden, wie Benito Mussolini in diesem Zitat feierlich ausrief, in der Tat im gesamten faschistischen Italien große Versammlungen und Aufmärsche statt. Nachdem sich das Regime des Duce bis 1931 intern konsolidieren konnte, fanden bereits 1932 die ersten kolonialen Sondierungen am Horn von Afrika statt.[2] Italien, dass zu Beginn der 30er Jahre bereits im Besitz der Kolonien Libyen und italienisch Somaliland war, wollte seinen “Platz an der Sonne”[3] weiter ausbauen und sein Territorium auf das noch unabhängige Kaiserreich Äthiopien ausdehnen. Nach einem Grenzzwischenfall bei Ual-Ual an der Grenze zwischen Äthiopien und Italienisch Somaliland beschließt Mussolini ab Oktober 1935 einen Krieg gegen das Nachbarland führen zu wollen. Gründe hierfür gab es für das faschistische Italien deren viele, neben der Tilgung der Niederlage von Adua 1896[4], waren Mussolinis expansionistische Träume eines Nuovo Impero Romano[5] die Hauptursachen für die Kriegserklärung. Das Ende der Schmach einer Niederlage gegen das Äthiopische Kaiserreich sollte zeitgleich als Symbol für die Stärke des Italienischen Volkes sowie als Ausgangspunkt für ein faschistisches Weltreich dienen. Der Machtgewinnung des eigenen faschistischen Regimes sollte zudem die Stählung des italienischen „faschistischen“ Menschen an der Front dienen und Lebensraum[6] für das eigene Volk schaffen. Das überlegene faschistische Volk sollte, laut Ideologie, die unterentwickelte afrikanische Bevölkerung kolonialisieren und zudem missionieren und sich selbst aus einer misslichen geopolitischen Lage befreien.[7] In Mussolinis Ozeantheorie befände sich Italien nämlich in einer äußerst ungünstigen Lage am Mittelmeer, zwischen expandierenden, verfeindeten Völkern eingeklemmt und müsse somit alles Erdenkliche versuchen um aus dem prigione mediterranea[8] herauskommen zu können.[9] Als Ausweg aus diesem geographischen Gefangenendilemma biete sich, so Mussolini, die Kontrolle des Suezkanals und der Länder die diesen umgeben an, um eine zukünftige Fortentwicklung der italienischen Volkes zu gewährleisten.[10] Nebst all diesen bereits erwähnten Gründen für eine Kriegserklärung an Äthiopien, konnte der Duce den daraufhin entstehenden Hurra Patriotismus auch gut als Verdeckung innenpolitischer Schwächen und Spannungen gebrauchen, um dessen politischen, katalytischen Effekt zur Ablenkung von anderen Problemen zu nutzen.

Die Ursachen für eine Kriegserklärung, wie sie der Duce am 2. Oktober 1935 in seiner Radioansprache an das italienische Volk proklamiert, sind offenbar so überwältigend oder überzeugend, dass sich in den kommenden Jahren eine entgrenzte Kriegs und Kolonialpolitik von entsetzlichen Ausmaßen entwickeln sollte.[11] Die folgende Hausarbeit zur Kolonialzeit in Italienisch Ostafrika soll, nach einer kürzeren Beschreibung der Kriegsphasen, vor allem auf die Kolonialzeit von 1936-1941 eingehen und das Ende des Nuovo Impero Romano[12] chronologisch erläutern. Hierfür soll nun zu allererst eine Beschreibung des italienisch-äthiopischen Krieges erfolgen.

2. Der italienisch-äthiopische Krieg 1935/36

Der italienisch-äthiopische Krieg, der auch als Abessinienkrieg bezeichnet werden kann, dauerte von Anfang Oktober 1935 bis zum 9.Mai 1936 und endete mit der Annexion des Kaiserreichs Äthiopien und der Gründung von Africa Orientale Italiana durch Mussolinis Italien.[13]

2.1 Zur Vorgeschichte

Wie bereits erwähnt versuchte Italien schon gegen Ende des 19.Jahrhunderts Äthiopien zu kolonialisieren, was 1896 in der Niederlage bei Adua endete. Schon 1882 bzw. 1885 wurden Assab und Massaua besetzt, was letzten Endes zu einem ersten Konflikt mit dem Kaiserreich Äthiopien führte. Italien nutzte damals die militärische Schwäche Ägyptens, welches bemüht war den Mahdi Aufstand im Sudan zu bekämpfen, um Eritrea zu besetzen.[14] Dies provozierte den Krieg mit Äthiopien, der jedoch nach der Niederlag bei Adua 1896 zum ersten Sieg eines afrikanischen Staates gegen eine Kolonialmacht führte. Nach der Niederlage von Adua 1896 musste Italien Äthiopien unter Kaiser Menelik II die Souveränität zugestehen und den Versuch das Land als Protektorat anzusehen aufgeben. Der erste militärische Sieg eines afrikanischen Staates gegen eine Kolonialmacht, führte zum einen zu einer Konsolidierung des Herrschaft des Negus in Äthiopien, verursachte jedoch auf italienischer Seite ein tiefes nationales Trauma, das vielleicht mit der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs im 1.Weltkrieg zu vergleichen ist.[15] Eine logische Schlussfolgerung daraus war, dass sich bei der Planung der Wiedererrichtung des Imperium Romanum unter Benito Mussolini das Kaiserreich Abessinien als Gründungsbasis anbot. Zum einen konnte damit die Schmach der Niederlage revidiert werden, zum anderen hatte man mit den Kolonien Eritrea und italienisch Somaliland bereits eine gute strategische Ausgangsbasis für einen Angriff. Abessinien, neben Liberia der noch einzige freie Staat in Afrika sollte sowohl territorial als auch tiefenpsychologisch als Instrument des neuen römischen Reiches dienen.[16] Bereits 1932 ließ der Duce durch Emilio De Bono, die Verteidigungskraft der äthiopischen Armee untersuchen, was letzten Endes 1934 nach dem oben erwähnten Grenzzwischenfall bei Ual-Ual zum Überfall auf Äthiopien führte.[17]

2.2 Kriegsverlauf

„Überall, unter allen Bäumen, liegen Menschen. Zu tausenden liegen sie da. Ich trete näher, erschüttert. An ihren Füßen, an ihren abgezehrten Gliedern sehe ich grauenhafte, blutende Brandwunden. Das Leben entflieht schon aus ihren von Yperit verseuchten Leibern.“[18]

Wie der Zeitzeuge und Mitarbeiter der Roten Kreuzes Marcel Junod hier in erschreckender Weise berichtet, war der Angriff Italiens, welcher zudem ohne Kriegserklärung stattfand, von einer Gewalt und Konfliktdimension, die von Aram Mattioli zurecht als eine neue Art des Krieges, als entgrenzter Krieg bezeichnet wurde.[19] Mit 330.000 Soldaten und 87.000 schwarzen Askaris, bot Italien die größte Streitmacht auf, welche jemals auf dem afrikanischen Kontinent aktiv war, um völkerrechtswidrig einen souveränen Staat zu annektieren. Von De Bono angeführt, drangen die Truppen am 3.Oktober 1935 in Abessinien ein und konnten sehr schnell die wichtigen Städte Adua und Aksum erobern. Der militärisch geplante Blitzkrieg geriet jedoch besonders durch die schwierigen topographischen Verhältnisse des äthiopischen Hochlandes schnell ins Stocken, was zu einem immer rigoroseren und brutaleren Handeln von italienischer Seite her führte.[20] Die technisch völlig unterlegenen, teilweise barfuß mit mittelalterlichen Waffen kämpfenden Äthiopier gingen hingegen sogar zum Gegenangriff über. Erst Mitte Oktober, als Mussolini General de Bono wegen Misserfolges entließ, verhängte der Völkerbund Sanktionen gegen Italien, die jedoch nur halbherzig implementiert wurden und somit nicht zum Ende des Konfliktes führen konnten. Unter dem neuen Feldmarschall Pietro Badoglio, der sich schon durch besondere Skrupellosigkeit beim Eroberungsfeldzug in der Cyrenaika hervortat, wendete sich dass Blatt. „ Io i miei nemici li strangolo lentamente col guanto di velluto,”[21] ein Zitat Badoglios aus den 30er Jahren, zeigt dass der „Schlächter“[22] Badoglio im Krieg zu allem Bereit war um die Befehle seines Führers zu erfüllen. Neben pausenlosen Angriffen wurde nun, wie Junod als Augenzeuge berichtet, auch Giftgas und Luftbombardements genutzt, um einen Sieg zu erreichen.[23] Was das Genfer Protokoll eigentlich im Krieg verbot, wurde von Italien nicht nur im Luftkrieg gegen reguläre äthiopische Truppen genutzt, nein, Senfgas wurde auch gegen die Zivilbevölkerung und zur Zerstörung der Landwirtschaft eingesetzt.[24] Neben der Zerstörung ganzer Dörfer wurden auch gezielt Lazarette des roten Halbmonds angegriffen und Massenexekutionen durchgeführt. Die Auswirkungen auf die äthiopischen Soldaten müssen sowohl physisch als auch psychisch verheerend gewesen sein.

„Before they meet the Europeans, they will endure five levels of hells. The bombs from the air. The shelling from the long-range howitzers. The deadly splutter of machine guns. The tanks. The Askaris.“[25]

Diese neue, totale Form eines Kolonialkrieges, wurde jedoch von westlicher Seite kaum wahrgenommen geschweige denn verurteilt, da die anderen Kolonialmächte natürlich nicht an einer Einmischung in ihre eigenen Angelegenheiten interessiert waren und mit dem Völkerbund nur eine schwache internationale Organisation gegeben war. Nicht einmal Kaiser Haile Selassies bewegender Auftritt vor dem von den Großmächten instrumentalisierten Völkerbund, konnte die Weltgemeinschaft 1935 zu einer Intervention bewegen, zumal Italien wegen internationaler Proteste bereits aus dem Völkerbund ausgetreten war. Er spielte keine Rolle, dass Selassie von einem alarmierenden Krieg berichtete, einem "ungleichen Kampf zwischen einem Staat mit mehr als 42 Millionen Einwohnern, der über die finanziellen, industriellen und technischen Mittel verfügt, um todbringende Waffen in unbeschränkter Zahl herzustellen, und auf der anderen Seite einem kleinen Volk von zwölf Millionen ohne Waffen und ohne Ressourcen."[26] Das Schicksal Äthiopiens war nun besiegelt. So kam es, dass die unterlegene Äthiopische Armee trotz tapferer Verteidigung Niederlage um Niederlage erfuhr und Feldmarschall Badoglios Truppen am 5.Mai 1936 in Adis Abeba einzogen.[27] Zwischen 55.000 und 275.000 getöteten Abessiniern standen zirka 9000 Gefallenen auf italienischer Seite gegenüber, unter denen sich auch 5000 afrikanische Askaris befanden. Der Kolonialkrieg war zu Ende und der Völkerbund hob schon im Juli 1936 seine halbherzigen Sanktionen gegen Italien auf, welches trotz alledem, wie Nazideutschland, diese internationale Organisation verließ.[28]

[...]


[1] Benito Mussolini in einer Radioansprache nach der Kriegserklärung an Äthiopien am 2.Oktober 1935; http://it.wikiquote.org/wiki/Benito_Mussolini; 14.01.2008 16.45 Uhr

[2] Mattioli, Aram: Experimentierfeld der Gewalt – Der , Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935-1941 S.79; Zürich 2005

[3] Penzler, Johannes: Reden und Urkundliche Beiträge des Staatssekretärs Bernhard von Bülow . I. Band 1897-1903, S.6-8; Berlin 1907

[4] http://www.warfare.it/storie/adua.html; 14.01.2008; 17.00 Uhr

[5] Collier, Richard: Mussolini – Aufstieg und Fall des Duce, S.154; München 1995

[6] Anm. d. Verf.: Dieser Begriff im geopolitischen Sinne wird erstmals von Friedrich Ratzel 1901 erwähnt und erst 1924 von Hitler in „mein Kampf genutzt“

Ratzel, Friedrich: Der Lebensraum – eine biogeographische Studie; Tübingen 1901

[7] Matthies, Volker: Kriege am Horn von Afrika, S. 75-93; Berlin 2005

[8] http://www.icsm.it/articoli/ri/delusionedeserto.html; 15.01.2008; 12.15 Uhr

[9] images.encarta.msn-ppe.com/Media/iencmed/Targets/illus/TMV/t979194a.xml; 15.01.2008; 12.22 Uhr

[10] Ansprenger, Franz: Geschichte Afrikas, S.88-103; München 2002

[11] Mattioli S.81 ff.

[12] Collier, S.225-269

[13] Matthies, S.75

[14] Matthies, Volker: Äthiopien, Eritrea, Somalia, Djibouti: S. 72ff.; München 1992

[15] Mattioli: Experimentierfeld der Gewalt – Der , Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935-1941 S.74ff.

[16] Matthies: Kriege am Horn von Afrika, S. 77f.

[17] Bockhorni, Reinhard: Äthiopien, S. 25; München 1995

[18] Junod, Marcel: Kämpfer beiderseits der Front, S.64; Zürich/Wien 1947

[19] Mattioli, Aram: Entgrenzte Kriegsgewalt. Der italienische Giftgaseinsatz in Abessinien 1935–1936. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 51/2003, S. 311-337; Oldenburg 2003

[20] Mattioli: Experimentierfeld der Gewalt, S.89

[21] http://it.wikiquote.org/wiki/Pietro_Badoglio; 15.01.2008; 11.35 Uhr

[22] http://www.neue-impulse-verlag.de/html/media/flugschriften/06.pdf; 16.01.2008; 08.14 Uhr

[23] Matthies: Kriege am Horn von Afrika, S.83

[24] http://www.gifte.de/B-%20und%20C-Waffen/historie.htm; 16.01.2006; 09.20 Uhr

[25] Zewde, Bahru: A History of modern Ethiopia, S.159; Adis Abeba 1991;

[26] http://www.wsws.org/de/2002/sep2002/volk-s26.shtml; 16.1.2008; 09.55 Uhr

[27] Mattioli: Experimentierfeld, S.91

[28] Matthies: Konflikte: S. 83f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Italienisch-Ostafrika (1936-1941)
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Konflikte am Horn von Afrika
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V88538
ISBN (eBook)
9783638024921
ISBN (Buch)
9783638925501
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der italienischen Kolonialzeit am Horn von Afrika zwischen 1935 und 1941. Dabei soll ins Besondere auf dei äthiopisch-italienischen Krieg eingegangen werden, der mit Zeitzeugenzitaten anschaulich analysiert und beschrieben wird. Im letzten Kapitel soll schließlich auf die brisante These Aram Matthiolis eingegangen werden, dass es sich beim engrenzten Krieg des faschistischen Italiens gegen das Kaiserreich Äthiopien um ein Experimentierfeld für den 2. Weltkrieg handelte.
Schlagworte
Italienisch-Ostafrika, Konflikte, Horn, Afrika, Äthiopien, Kaiser Haile Selassie, Somaila, Mussolini, Hitler, Italien, Kolonialismus, Römisches Reich, Imperialismus, Faschismus
Arbeit zitieren
Stefan Plenk (Autor), 2008, Italienisch-Ostafrika (1936-1941), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88538

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