Interaktionsmuster zwischen Personal und Bewohnern in der stationären Altenhilfe. Würde, Autonomie und Fremdbestimmung


Diplomarbeit, 2004

89 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorwort

II. Informationen bezüglich der Einrichtung
1. Strukturelle Informationen
2. Leitbild des Hauses
2.1 Wunsch
2.2 Wirklichkeit
3. Anzahl der Mitarbeiter – Tabellarischer Überblick
4. Der Wohnbereich.
4.1 Bewohner- und Mitarbeiterstruktur
4.2 Dienstzeiten
4.3 Tagesablauf

III. Stereotypen.
1. Allgemeines.
1.1 Was versteht man unter Stereotypen?
1.2 Warum neigen Menschen zu Stereotypisierungen? .
1.3 Möglichkeiten der Selbstkontrolle
2. Altersstereotype
2.1 stereotypgeleitete Bilder und Realität
2.2 Altersstereotype in der Altenpflege
2.3 Korrelation mit der Berufserfahrung.
2.4 Praxiseindrücke.
3. Anregungen zur Vermeidung von stereotypkonformen Verhaltensweisen

IV. Kommunikationsformen im Pflegealltag
1. Verbale Kommunikation
1.1 Vorbemerkungen zur verbalen Kommunikation im Pflegealltag
1.2 „Kommunikationsdürre“ - Strukturell bedingt oder Angst vor dem eigenen Alter?
1.2.1 Zeitliche Ressourcen
1.2.2 Gründe der individuellen Gesprächsvermeidung.
1.3 Babysprache
1.3.1 Überblick
1.3.2 Häufigkeit der Anwendung im stationären Alltag / Praxiseindrücke
1.4 Risiken & Verbesserungsmöglichkeiten der verbalen Kommunikation
2. Nonverbale Kommunikation
2.1 Einleitende Bemerkungen zur nonverbalen Kommunikation
2.2 Elemente der nonverbalen Kommunikation
2.3 Nonverbale Kommunikation im Pflegealltag
2.4 Häufigkeit der Anwendung im stationären Alltag / Praxiseindrücke
2.5 Verbesserungsmöglichkeiten der nonverbalen Kommunikation

V. Abhängigkeit und Unabhängigkeit
1. Gewinne und Verluste im Alter.
2. Abhängigkeits-Unterstützungs-Muster / Unabhängigkeits-Ignoranz-Muster
2.1 Was versteht man darunter?
2.2 Auferlegte und selbsterwählte Abhängigkeit
3. Praxiserfahrungen – Probleme des institutionellen Rahmens
4. Interventionsmöglichkeiten
4.1 Trainingsprogramm im Rahmen von Verhaltensmodifikation
4.2 weitere Trainings- bzw. Fortbildungsprogramme

VI. Würde, Autonomie und Fremdbestimmung.
1. “My home is my castle”.
2. Geschlechtsspezifische Pflege.
3. Körperpflege
4. Bekleidung
5. Weckzeiten
6. Ernährung

VII. Schlusswort

VIII. Anhang

IX. Literaturverzeichnis

X. Erklärung

I. Vorwort

Interaktion [… zion; aus -> inter… u. -> Aktion] die; -, -en:

aufeinander bezogenes Handeln zweier od. mehrerer Personen, Wechselbeziehung zwischen Partnern (Soziol.)[1]

Das Thema meiner nun vorgelegten Diplomarbeit nahm im Rahmen meiner Fachprüfungen an der Universität Siegen im Studiengang „Außerschulisches Erziehungs- und Sozialwesen“ (AES) konkrete Formen an.

Durch die Lektüre des Buches „Bilder des Alters“, welches die Grundlage für ein im Wintersemester 2003/2004 gehaltenes Referat im Rahmen des Seminars „Geragogik“ bei Frau Dipl. Päd. Christel Ruback bildete, war ich auf die Interaktionsmodelle „ Abhängigkeits-Unterstützungs-Muster (dependency-support script) “ und „ Unabhängigkeits-Ignoranz-Muster (independency-ignorance script) “ (nach Baltes) sowie insbesondere auf die Besonderheiten altersspezifischer Kommunikation aufmerksam geworden. Angeregt durch meine seit Februar 2002 in einem Siegener Altenpflegeheim ausgeübte Tätigkeit als Pflegeaushilfe wuchs mein Interesse, die theoretischen Erklärungsansätze mit meinen Erlebnissen im Pflegealltag zu vergleichen bzw. die vorherrschenden, dominierenden Interaktionsmuster darzustellen.

Dadurch, dass ich dem Personal als „Kollege“ vertraut war und als gleichberechtigtes Team-Mitglied akzeptiert wurde, konnte ich im Rahmen meiner Tätigkeit tief in die Strukturen des (Pflege-)Alltags einer stationären Altenhilfe-Einrichtung vordringen, ohne als „externer Forscher“ wie ein Fremdkörper behandelt zu werden und ohne sozial erwünschtes Verhalten bei den Mitarbeitern zu provozieren. Ansonsten hätte ich wohl ein verfälschtes Realitätsbild beobachtet und im Rahmen meiner Ausführungen reproduziert.

Obwohl ich keine (wie ich ausdrücklich betonen möchte) empirische Diplomarbeit vorlege, habe ich dennoch eigenständige Umfrageergebnisse und viele Eindrücke aus der Praxis einfließen lassen, da jener „Schatz“ an Hintergrundinformationen viel zu wertvoll ist, als dass man ihn unberücksichtigt lassen sollte.

Den Leser erwartet zu den von mir ausgewählten Unterthemen der Interaktionsmuster somit Fachwissen, welches ich mir durch die Lektüre spezifischer Literatur angeeignet habe, gepaart mit Praxiserfahrungen, die durch teilnehmende Beobachtung entstanden sind.

Die „Interaktion“ ist ein weites Forschungsfeld, so dass eine Konzentration auf die (meines Erachtens nach) wesentlichen Elemente notwendig wurde:

- Im ersten Teil der Arbeit werde ich auf Rahmenbedingungen eingehen. Dies bedeutet, dass ich strukturelle Hintergrundinformationen zu dem Altenpflegeheim, auf welches meine Praxiserfahrungen sich im Folgenden beziehen, anführen werde.
- Der zweite Teil widmet sich Stereotypen. Neben allgemeinen Erklärungen und Ausführungen, warum Menschen zu Stereotypisierungen neigen, werde ich Praxiserfahrungen anführen, sowie erste Anregungen geben, um stereotyp-konformes Verhalten zu vermeiden.
- Anschließend widme ich mich dem großen und sehr wichtigen Kapitel der verbalen und nonverbalen Kommunikation. Jene stellen – auch hinsichtlich meiner beruflichen Zukunftsvisionen – den Schwerpunkt meines persönlichen Interesses dar. Auch hier soll zunächst ein entsprechender Überblick vermittelt werden, bevor ich ausführlich auf Praxiserfahrungen eingehe und abschließend Verbesserungsmöglichkeiten des Kommunikationsverhaltens aufzeige.
- Meine Gedanken zu „Abhängigkeit und Unabhängigkeit“ widmen sich der Beschreibung von dem bereits eingangs erwähnten „ Abhängigkeits-Unterstützungs-Muster (dependency-support script) “ und „ Unabhängigkeits-Ignoranz-Muster (independency-ignorance script) “ (nach Baltes). Aufbauend auf dem Wissen der zuvor niedergelegten Inhalte wird der Frage nachgegangen, wie stark Autonomie und Selbständigkeit im institutionellen Kontext überhaupt gefördert wird. Spezielle Trainingsprogramme und Verbesserungsansätze für das Personal, die bei ungünstigem Interaktionsverhalten intervenierend verwendet werden können, runden die Ausführungen ab.

- „Würde, Autonomie und Fremdbestimmung“ im Kontext der stationären Altenhilfeeinrichtung wird in einem gesonderten Gliederungspunkt abgehandelt. Hierbei weise ich auf diverse „Eigentümlichkeiten“ im Pflegealltag hin, die zum Nachdenken anregen sollen.
- Schließlich werde ich am Ende meiner Diplomarbeit im „Schlusswort“ eine Bilanzierung vornehmen und den Blick in die Zukunft der stationären Altenhilfe schweifen lassen. Die anzustrebenden Ziele, den Bewohnern mehr Autonomie, Selbstbestimmung und generell ein „würdiges Altern“ zu ermöglichen, liegen auf der Hand.

Allgemeine Hinweise

Sämtliche Namen in dieser Arbeit sind anonymisiert. Auch der Name der Einrichtung bleibt unerwähnt. Dies sicherte ich der Heimleitung im Rahmen von informativen Gesprächen zu, eben um bei Bedarf auch kritische Worte verwenden zu können, gleichzeitig aber der Gefahr zu entgehen, der Einrichtung negative Folgen zu „bescheren“.

Verwendete Fotos entstammen entweder dem Internet, anderen Quellen („gescannt“ aus Büchern etc.) oder sind persönliche Aufnahmen des Heimes, die ich vor einigen Monaten gemacht habe. Jene Bilder habe ich mit entsprechender Bildbearbeitungs-Software „verfremdet“, so dass auch hier die Anonymität gewährleistet bleibt und keine Rückschlüsse auf die tatsächlich abgebildete Institution möglich sind.

Schließlich möchte ich ausdrücklich erwähnen, dass in meinen Ausführungen stets die männliche und die weibliche Form der Anrede als gleichwertig betrachtet werden soll. Wenn ich nur von dem „Mitarbeiter“ spreche, ist damit natürlich auch die „Mitarbeiterin“ gemeint ; der Leser soll keine Bevorzugung oder Benachteiligung von Geschlechtszugehörigkeit vermuten, da dies einen Trugschluss darstellen würde.

Danksagung

- An erster Stelle muss ich meiner Freundin Denise Koch für all ihr Verständnis bezüglich meiner angespannten Situation und den Entbehrungen, die auch sie im Rahmen der vergangenen drei Monate hinnehmen musste,danken. Ihren unermüdlichen Motivationsbemühungen ist ein nicht unwesentlicher Anteil an der Fertigstellung dieser Diplomarbeit beizumessen.
- Frau Dipl. Päd. Christel Ruback und Frau Prof. Dr. Insa Fooken, die als Referentin bzw. Koreferentin diese Diplomarbeit lesen und bewerten werden und mir somit die Möglichkeit gaben, die mich interessierenden Inhalte in dieser Form zu bearbeiten.
- Mein Dank gebührt auch der Heimleitung, dem Personal und den Bewohnern der Einrichtung, auf die sich meine Praxiserfahrungen beziehen. Die mir entgegengebrachte Unterstützung und Geduld in allgemeinen Fragen, die Hilfsbereitschaft im Rahmen der von mir durchgeführten Personalumfrage sowie viele prägende und bleibende Eindrücke, die ich im Rahmen des Arbeitsalltages als Pflegeaushilfe sammeln durfte machen diese Danksagung erforderlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

II. Informationen bezüglich der Einrichtung

1. Strukturelle Informationen

Die Wohn- und Pflegeeinrichtung wurde 1929 mit sechs Plätzen gegründet. In den nachfolgenden Jahrzehnten ist das Haus zunächst auf rund 100 Wohn- und Pflegeeinheiten erweitert worden bis der aktuelle Stand von insgesamt 119 Zimmern (fast ausschließlich Einzelzimmern) erreicht wurde. Das Gebäude ist vor wenigen Jahren komplett saniert und renoviert worden und macht sowohl von außen als auch von innen einen sehr freundlichen, hellen und „modernen“ Eindruck. Insgesamt genießt das Haus einen ausgezeichneten Ruf in der Bevölkerung und gehört vom Status her sicherlich zu den beliebtesten und besten Heimen im Umkreis. Das Haus erreichte darüber hinaus vor einigen Jahren die Zertifizierung nach der DIN EN ISO 9001-2000 mit Zusatzqualifikation für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit und konnte - auch bis heute - bei erneuten Überprüfungen diesen Standard halten ; ein entsprechendes Qualitätsmanagement ist in die Institution integriert.

Die Lage der Einrichtung ist infrastrukturell als sehr günstig zu beurteilen: Eine Bushaltestelle ist ca. 50 m vom Heim entfernt, Busse verkehren im 5 Minuten-Takt und ein Einkaufszentrum befindet sich in unmittelbarer Nähe.

Die Belegungsauslastung liegt laut Angaben des Heimleiters[2] nahezu kontinuierlich bei 100 Prozent. Wenn ein Bewohner verstirbt, vergehen meist nur wenige Tage bis das Zimmer erneut bezogen wird, die entsprechenden Wartelisten auf einen Heimplatz sind lang, die Wartezeiten entsprechend hoch.

Das Altenwohn- und -pflegeheim untergliedert sich in vier Wohnbereiche und einen zusätzlichen Geronto-Bereich für die Pflege dementiell veränderter Bewohner und Bewohnerinnen. Mein Einsatzbereich war hierbei der Wohnbereich, in dem die Bewohner mit den größten kognitiven und körperlichen Einschränkungen lebten. 65% der zum Teil sehr alten Menschen sind schwerstpflegebedürftig oder leiden unter psychischen Veränderungen. Dieser Wohnbereich war an den Geronto-Bereich angegliedert, in dem ich ebenfalls eingearbeitet und in gleichem Umfang als Pflegeaushilfe eingesetzt wurde.

“Unter besonderer Berücksichtigung geriatriewissenschaftlicher Erkenntnisse ist der gerontopsychiatrische Bereich besonders sensibel gestaltet. Echte Biedermeier-Möbel im Aufenthaltsraum unterstützen die erinnerungshaften Anmutungen der Bewohner dieses Bereichs, die dem Lebensgefühl nach oft wieder in ihrer Vergangenheit leben.
Ein spezieller “Snoezelen-Raum” (Snoezelen ist ein aus dem Niederländischen stammender Fachbegriff, der sich aus Snuffelen (Schnuppern) und Doezeleln (Dösen) zusammensetzt) und weitere Einrichtungsgegenstände bieten den Bewohnern sowohl anregende als auch beruhigende Elemente der Lebensgestaltung. Ein Brunnen im Flur und die Möglichkeit für den Bewohner, auf Bänken zu verweilen, unterstützt diese Atmosphäre. Die Zimmer sind vornehmlich mit persönlichen Möbeln und Erinnerungsstücken der 11 Bewohner ausgestattet, da diese persönlichen Gegenstände einen starken emotionalen Halt in der verstandesmäßig nicht mehr überschaubaren Lebenswirklichkeit dieser Menschen geben können.“

Quelle: Internetpräsenz der Einrichtung

Zu meinem Aufgabenbereich gehörten im Rahmen meiner Aushilfstätigkeit (laut Dienstvereinbarung):

- allgemeine Grundpflege und Mithilfe bei der Behandlungspflege
- unter Anleitung der Therapeuten: Beschäftigung, Betreuung und Aktivierung der beim Bewohner noch vorhandenen Kräfte
- Mithilfe in der Wohnbereichsküche
- Dokumentation und Mithilfe beim Führen der Bewohnerakten mittels EDV
- allgemeine Wohnbereichstätigkeiten
Bereits an dieser Stelle muss jedoch eine Korrektur meinerseits erfolgen: Die Aushilfstätigkeit beschränkte sich überwiegend auf körperlich-pflegerische Aufgabengebiete. Beschäftigungungstherapeutische Angebote wurden in der Regel vom „ Gruppenübergreifenden Dienst “ (GÜD) der Einrichtung angeboten und durchgeführt. Einen Überblick über die diesbezüglichen Programmpunkte soll Tabelle 1 auf der Folgeseite geben.

Programm des GÜD (Gruppenübergreifender Dienst)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Veranstaltungskalender – Gruppenübergreifender Dienst (Quelle: Einrichtung)

Betonen möchte ich an dieser Stelle, dass nur wenige Bewohner und Bewohnerinnen „meines“ Wohnbereiches jene Angebote nutzten – wie bereits erwähnt, war der überwiegende Teil der dort beheimateten Senioren schwerstpflegebedürftig oder kognitiv beeinträchtigt.

Hauptsächlich nahmen Menschen mit leichteren Einschränkungen oder jene, die das Heim als reines „Altenwohnheim“ nutzten - also noch völlig selbständig und nicht auf Pflege angewiesen waren - die aufgeführten Beschäftigungsangebote wahr.

Ziel der Einrichtung ist es, ein Leben im Alter in einer behaglichen Atmosphäre zu ermöglichen. Neben den erwähnten Einzelzimmern, die über separate Badezimmer verfügen, wirbt der Träger mit der großen Außenanlage, vorhandenen Gemeinschafts- und Therapieräumen und der Cafeteria, um nur einige Elemente an dieser Stelle beispielhaft zu erwähnen. Bewegungsspiele als soziale Komponente, Musikangebote zur Entspannung, Ausflüge und mehrtägige Reisen runden das Angebot ab. Wenn die Möglichkeit besteht, sollen die Angehörigen in die Betreuung eingebunden werden.

2. Leitbild des Hauses

2.1 Wunsch…

Voranstellen möchte ich ein Zitat des verantwortlichen Direktors der Einrichtung, dass einen guten Eindruck von dem Leitbild vermittelt, dem sich das Haus verpflichtet fühlt und nach dessen Erfüllung die Mitarbeiter streben sollen:

„Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, älteren Mitmenschen ein behagliches Zuhause zu geben, in dem sie Lebensqualität und Freude im Alter finden. Ältere Menschen stehen zu Recht mit allen ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen und ihrer Geschichte im Mittelpunkt des Handelns (…). Denn sie lassen sich nicht in Funktionen, Körperteile oder gar Pflegestufen untergliedern, sondern müssen als Mitmenschen betrachtet werden. Auch in Zeiten vorliegender Reformansätze ist das christliche Selbstverständnis Grundlage unserer Arbeit. Jeder Mensch hat seine ganz spezielle Lebensgeschichte, die ihn zu einem individuellen und liebenswerten Mitglied unserer Gesellschaft gemacht hat. Wir stellen uns der Einzigartigkeit und Verschiedenheit unserer Bewohnerinnen und Bewohner. Wir holen den Menschen mit seinen Erlebnissen dort ab, wo er sich lebensgeschichtlich befindet. Nur auf Basis der Biografie einer Bewohnerin oder eines Bewohners kann eine sinnvolle und ausgeglichene Pflege stattfinden.

Dies bedeutet, dass wir Wert darauf legen, dass der alte Mensch sich mit persönlichen Dingen umgeben kann und dass wir ihm ermöglichen, ihm wichtige Beziehungen aufrechtzuerhalten. Es darf nicht die Aufgabe von Pflegenden und Helfenden in Wohn- und Pflegeeinrichtungen sein, dem pflegebedürftigen Mitmenschen seine Selbstbestimmung abzunehmen. Die Bewohner in unseren Wohn- und Pflegeeinrichtungen bringen ihre eigene Person in den Pflegealltag mit ein und versuchen, unterstützt durch aktivierende Pflege, Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit in möglichst hohem Umfang zu bewahren. Und an dieser partnerschaftlichen Konzeption wird sich auch im laufenden Reformprozess nichts ändern. Unsere gemeinnützigen Einrichtungen werden mit der vielfach zu beobachtenden starken Unterstützung aus den Gemeinden ihren Auftrag erfüllen.(…)“

Quelle: Internetpräsenz der Einrichtung

2.2 …und Wirklichkeit

Inwiefern ist dieser Anspruch mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen? Wie ich eingangs bemerkte, handelt es sich gemäß meiner Einschätzung bei der Einrichtung um ein wirklich gutes Altenpflegeheim - den Vergleich mit weiteren ortsansässigen Häusern braucht es sicherlich nicht zu fürchten. Es ist somit nicht als Kritik an dem Pflegeheim zu verstehen, wenn ich die oben zitierte Aussage kritisch hinterfrage, sondern vielmehr als Frage nach allgemeinen Realisierungsmöglichkeiten solcher Ansprüche im Kontext der altenpflegerischen Rahmenbedingungen.

Selbständigkeit im institutionellen Kontext stellt, wie ich aufzeigen werde, eher die Ausnahme als die Regel dar; Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit wird durch bestehende Strukturen oftmals untergraben. Es ist nicht das Pflegeheim, das sich dem alten Menschen anpasst, sondern es ist der alte Mensch, der sich dem Pflegeheim anzupassen hat. In begrenztem Umfang kann sicherlich auf „Sonderwünsche“ Rücksicht genommen werden, doch muss sich jede Individualität unterordnen, sobald Grenzen des institutionellen Rahmens berührt werden. So kann „Frau Müller“ sicherlich auf ihren Wunsch hin länger im Bett liegen bleiben und ausschlafen - keineswegs aber bis 10:30 Uhr, wie sie es ihr Leben lang zu Hause praktiziert hat. Ansonsten würde das Pflegepersonal zu spät mit der morgendlichen Pflege fertig. Wie soll man rund 30 „individuellen und liebenswerten Mitgliedern der Gesellschaft“ gerecht werden, wenn alle gerne ausschlafen möchten, der Frühdienst und damit die Grundpflege aber bereits um 7 Uhr morgens beginnt?

Dies deutet schon an, dass durch die bestehenden Rahmenbedingungen der Anspruch auf Erhaltung der Individualität nicht in vollem Maße erfüllt werden kann.

Nochmals: Dieses Problem ist nicht einrichtungsspezifisch sondern altenpflegespezifisch !

Das angewandte Pflegekonzept der aktivierenden Pflege, die EDV-gestützte Dokumentation der Pflege, die durch das Qualitätsmanagement festgelegten hohen internen Standards sowie die hochmodernen Pflegebetten und Hilfsmittel (Lifter etc.) sind allesamt positiv zu bewerten und sicherlich für eine altengerechte Umgebung sinnvoll und hilfreich.

Doch solange die Strukturen und das gesamtgesellschaftliche Verständnis der stationären Altenhilfe unverändert bleiben, ist jede noch so „idealistische“ Konzeption zum Scheitern verurteilt. Bei den momentan vorhandenen zeitlichen und personellen Ressourcen wäre es zumindest eine Überlegung wert, Zuständigkeiten und Arbeitsabläufe zu optimieren und zu flexibilisieren. Dies setzt wiederum eine transparente Zerlegung des „Mikrokosmos Altenheim“ in seine kleinsten Bestandteile voraus, um sie anschließend in effektiverer Form wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Ich hoffe, dass ich mit meiner Diplomarbeit einige Ansätze, welche in diese Richtung gehen, aufzeigen kann, denn das erklärte Ziel muss sein: ein menschenwürdiges, individuelles Altern im Rahmen der stationären Altenhilfe zu ermöglichen!

Sollte auch nur eine minimale Verbesserung für die Bewohner und Bewohnerinnen einer Altenpflegeeinrichtung durch diese Diplomarbeit entstehen, so wird sich der Aufwand und die dahinterstehende Mühe für den Autor vollends bezahlt gemacht haben.

3. Anzahl der Mitarbeiter: Tabellarischer Überblick

In meinen Gesprächen mit dem Heimleiter, die ich als Quelle zusätzlicher Informationen zur Vorbereitung dieser Diplomarbeit wahrnahm, konnte ich auch den Personalbestand der Einrichtung in Erfahrung bringen.

(Stand: Anfang August 2004)

Personalverteilung der Einrichtung (Stand: August 2004)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Anzahl der Mitarbeiter getrennt nach Tätigkeiten (Quelle: Einrichtung)

Anmerkung: Hinzugerechnet werden müssen noch die Fremddienste (in den Planstellen mit dem Wert 5,5 berücksichtigt), hierzu zählt beispielsweise der externe Reinigungsdienst.

4. Der Wohnbereich

Abschließend möchte ich bezüglich der Rahmenbedingungen der Einrichtung noch etwas genauer auf den Wohnbereich eingehen, in dem ich eingesetzt wurde und der folglich die Grundlage für meine Praxiserfahrungen bildet.

Da ich, wie eingangs erwähnt (siehe auch Punkt 1: „Informationen bezüglich der Einrichtung“) auch im unmittelbar an den Wohnbereich angrenzenden Gerontobereich gearbeitet habe, wird auch jener hier entsprechend berücksichtigt werden.

4.1 Bewohner- und Mitarbeiterstruktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Anzahl der Bewohner und zuständige Mitarbeiter/Tag (Quelle: eigene Praxiserfahrung)

Hierbei ist zu beachten, dass die Anzahl der Mitarbeiter zusätzlich zwischen Werktagen und Wochenenden variiert. So wird am Wochenende im Wohnbereich der Spätdienst immer mit lediglich zwei Pflegekräften durchgeführt. Krankheitsausfälle und andere Engpässe - wie Urlaubszeiten (insbesondere, wenn die Pflegeaushilfen nicht „einspringen“ können) - können ebenfalls kurzfristigen Personalmangel zur Folge haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Ausbildung der Beschäftigten im Wohnbereich ; Stand August 2004

(Quelle: eigene Praxiserfahrung / Angaben des Personals)

Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Aushilfen, Jahrespraktikanten und Altenpflegeschülern (da insbesondere letztere immer wieder zum Blockunterricht für mehrere Wochen in die Schule gehen und in diesem Zeitraum in der Praxis fehlen) schwankt ebenfalls stark ; so gibt es Phasen, in denen der Wohnbereich personell relativ gut ausgestattet ist und auch auf mehr diesbezügliche, entlastende Ressourcen zurückgegriffen werden kann. Es kommen aber auch die eben erwähnten Engpässe vor, die das genaue Gegenteil bewirken, nämlich eine Verteilung derselben Menge an Arbeit auf wenige(r) Köpfe.

Der überwiegende Anteil der Mitarbeiter ist in Vollzeit beschäftigt, bei den Aushilfen muss zwischen fest eingestellten und geringfügig beschäftigten Mitarbeitern unterschieden werden, die auf Abruf arbeiten und an keine festen Arbeitszeiten gebunden sind. Diese werden bei personellen Engpässen angerufen und gebeten, „einzuspringen“. Eine (weibliche) Aushilfe, die im Rahmen einer geringfügigen Beschäftigung arbeitet, besitzt ein Stundenkontingent von 70 Stunden/Monat, die übrigen geringfügig beschäftigten Aushilfen dürfen maximal 40 Stunden/Monat arbeiten.

Die Fluktuation unter den Mitarbeitern ist relativ gering – zumindest der „harte Kern“ des Personalstammes blieb über die (mehr als) zwei Jahre, seitdem ich dort arbeite, stabil - von Umstrukturierungsmaßnahmen innerhalb der Einrichtung, die auch das Personal betrafen, abgesehen. Ein stärker frequentierter Wechsel ist unter den Aushilfen zu beobachten. Da jene nahezu jedes Wochenende arbeiten müssen (und dies auch als selbstverständlich seitens des „Stammpersonals“ und der Pflegedienstleitung vorausgesetzt wird – auch wegen einem entsprechendem Vermerk im Dienstvertrag der Aushilfen), kündigen einige bereits nach kurzer Zeit das Arbeitsverhältnis ; nur wenige arbeiten über Jahre hinweg in dieser Position.

Der Bewohneranteil ist ebenfalls von Fluktuationen betroffen. Obwohl fast immer eine Vollbelegung angestrebt und auch seitens der Heimleitung realisiert wird, bleiben ab und an Zimmer verstorbener Bewohner für mehrere Tage (seltener: Wochen) leer. Auch darf nicht vergessen werden, dass sich die alten Menschen mitunter für längere Zeit aus den unterschiedlichsten Gründen im Krankenhaus befinden ; im Gegensatz dazu konnte ich eher selten beobachten, dass Bewohner und Bewohnerinnen von ihren Angehörigen für mehrere Tage (beispielsweise über Feiertage) „nach Hause“ geholt wurden – doch auch dies kam zumindest in Einzelfällen vor.

4.2 Dienstzeiten

Frühdienst:

- 6:30 Uhr bis 14:00 Uhr: eine examinierte Fachkraft, die den Bewohnern morgens Flüssignahrung über die Ernährungspumpen verabreicht bzw. zunächst die entsprechenden Pumpensysteme wechselt.
- 7 Uhr bis 14:30 Uhr: das übrige Pflegepersonal ; Praktikanten (wobei die Zeiten bei jenen variieren können) ; Altenpflegeschüler ; hauswirtschaftliche Mitarbeiterin, die für die Zubereitung des Frühstücks zuständig ist.
- 7 Uhr bis 10 Uhr: Pflegepersonal mit einer halben Stelle oder Aushilfen, die nur halbtags eingesetzt werden.
- 7 Uhr bis 13 Uhr: Pflegeaushilfen.

Spätdienst:

- 13:30 Uhr bis 21:00 Uhr: das übrige Pflegepersonal ; Praktikanten (wobei die Zeiten bei jenen variieren können) ; Altenpflegeschüler.
- 14:30 Uhr bis 22 Uhr: eine examinierte Fachkraft, die im Rahmen des „späten Spätdienstes“ an Tagen, an denen die Nachtwachen ihren Dienst später antreten, entsprechend länger arbeiten muss. Dieses Dienstsystem „rotiert“ innerhalb der Wohnbereiche, zwei Wochen lang muss der „späte Spätdienst“ von einem Wohnbereich abgedeckt werden, bevor er für die folgenden 14 Tage von einem anderen Wohnbereich übernommen wird.
- 17 Uhr bis 20 Uhr: Pflegepersonal mit einer halben Stelle oder Aushilfen, die nur halbtags eingesetzt werden.
- 17:30 Uhr bis 20 Uhr: hauswirtschaftliche Aushilfe, die für die Zubereitung des Abendessens zuständig ist.
- 14 Uhr bis 20 Uhr: Pflegeaushilfen.
Nachtdienst:
- 20:30 Uhr bis 7 Uhr: im Haus werden zwei Nachtwachen parallel eingesetzt, die jeweils die Verantwortung für zwei der insgesamt vier Wohnbereiche besitzen.

Dienstübergaben:

- 6:45 bis 7 Uhr (Frühdienst)
- 13:30 bis 14 Uhr (Spätdienst)
- 20:30 Uhr bis 20:45 Uhr (Nachtdienst)

4.3 Tagesablauf

Frühdienst

- 6:30 Uhr: MitarbeiterIn, der/die den Bewohnern morgens Flüssignahrung über die Ernährungspumpen verabreicht bzw. zunächst die entsprechenden Pumpensysteme wechselt, beginnt den Frühdienst.
- 6:45 Uhr bis 7 Uhr: Dienstübergabe Frühdienst.
- 7 Uhr bis ca. 10:30 Uhr: Nach Abklärung, welcher Mitarbeiter auf welchem der „Flure“ tätig ist (die Aufteilung mittels „Fluren“ ist in der stationären Altenhilfe gängig), wird mit der Grund- und Behandlungspflege begonnen. Jene beinhaltet (unter anderem): beim Aufstehen helfen, zur Toilette führen, Waschen, Anziehen, gegebenenfalls Lagerung[3] des Bewohners, falls nötig Bett neu beziehen etc.

Parallel dazu wird den Bewohnern Frühstück zubereitet und die Medikamente werden von den Fachkräften verteilt. Einige Bewohner nehmen das Frühstück im Gemeinschaftsraum ein, anderen wird es auf das Zimmer gebracht, wo sie es selbständig zu sich nehmen, wiederum anderen alten Menschen muss die Nahrung angereicht werden.

- 10:30 Uhr bis 11:30 Uhr: Diese Zeit wird teilweise durch das „Quittieren“ der Pflegeleistungen, einem EDV-gestütztem Abrechnungssystem, genutzt. Medikamente und Tropfen für das Mittagessen müssen vorbereitet („gestellt“) werden und gegen 11 Uhr werden die bettlägerigen Bewohner nochmals gelagert. Da keine festen Pausenzeiten bestehen (aber den MitarbeiterInnen eine halbe Stunde Pause pro Arbeitstag zusteht) wird dieser Zeitraum meist auch für eine Zigaretten- oder Kaffeepause genutzt.
- 11:30 Uhr bis 12:00 Uhr: Mittagessen; Medikamentenvergabe; einigen Bewohnern wird das Essen wieder auf das Zimmer gebracht, einigen muss die Nahrung angereicht werden.
- 12:00 bis 13:00 Uhr: Toilettengänge (Kontinenztraining) , anschließend werden einige Bewohner auf ihr Zimmer gebracht ; ein Teil von ihnen wird in das Bett oder auf eine Couch gelegt, um einen Mittagsschlaf zu halten, andere ziehen sich selbständig auf ihr Zimmer zurück.
- 13:00 – bis 13:30 Uhr: Mitarbeiter, die noch nicht „quittiert“ haben (siehe oben), holen dies nun vor der Dienstübergabe nach.
- 13:30 bis 14:00 Uhr: Dienstübergabe Spätdienst.
Spätdienst
- 13:30 Uhr bis 14 Uhr: Dienstübergabe Spätdienst.
- 14 Uhr bis 15:30 Uhr: die Bewohner und Bewohnerinnen werden wieder aus ihren Zimmern in den Gemeinschaftsraum gebracht, Kaffee und Kuchen werden serviert ; einigen Bewohnern wird das Essen auf das Zimmer gebracht, wiederum anderen alten Menschen muss die Nahrung angereicht werden ; bettlägerige Bewohner werden nochmals umgelagert.
- 15:30 Uhr bis 16 Uhr: meist etwas ruhigerer Zeitraum, die Küche wird aufgeräumt, Bewohnerzimmer mit Pflegeutensilien aufgefüllt ; das Personal nutzt die Zeit für eine Zigaretten- oder Kaffeepause, sofern es die Hektik des Tages zulässt.
- 16 Uhr bis 17:30 Uhr: einige Bewohner werden bereits zu Bett gebracht, da sie auf ärztliche Anordnung nicht den gesamten Tag über mobilisiert werden sollen ; Tabletten und Tropfen für das Abendessen werden vorbereitet, übrige Stationsarbeiten werden verrichtet.
- 17:30 Uhr bis 18:30 Uhr: Abendessen, Medikamentenvergabe, anschließend Toilettengänge (Kontinenztraining).
- 18:30 Uhr bis 20:00 Uhr: Die Bewohner werden zu Bett gebracht ; Bewohner werden gelagert.
- 20:30 bis 20:45 Uhr: Dienstübergabe Nachtdienst.

Erledigungen wie Telefonate führen, Begleitung außerplanmäßiger Arztvisiten auf Grund plötzlich eintretender Veränderungen im Gesundheitszustand der Bewohner, Gespräche mit Angehörigen, Abholung der Post und der von Apotheken angelieferten Medikamente am Empfang sowie viele andere Aufgaben werden parallel zu diesem Tagesablauf durchgeführt und bedürfen dementsprechend eines zeitlichen (und wohl noch mehr nervlichen) Organisationsgeschickes seitens der verantwortlichen Mitarbeiter.

Bezüglich des Nachtdienstes kann ich keine detaillierten Aussagen machen, da ich ihn selbst nie begleitet / durchgeführt habe. Die Nachtwachen haben die Aufgabe, den Lagerungsrhythmus beizubehalten und - sofern notwendig - Einlagen und Windelhosen zu wechseln. Unterstützung bei Nutzung von Toilettenstühlen, Urinflaschen oder Bettpfannen fällt ebenfalls in ihren Aufgabenbereich - außerdem schauen sie regelmäßig bei den Bewohnern in die Zimmer, um sicherzustellen, dass die Vitalfunktionen (Atmung etc.) vorhanden sind und eilen jenen Menschen zu Hilfe, die die so genannte „Klingel“ (also den „Schwesternruf“) betätigen.

III. Stereotype und Stereotypisierungen

1. Allgemeines

1.1 Was versteht man unter Stereotypen ?

stereotyp [aus gleichbed. fr. stéréotype, eigtl. „mit feststehenden Typen gedruckt“,vgl. Type]:

1. feststehend, unveränderlich ;
2.ständig [wiederkehrend]; leer, abgedroschen[3]

Ein kleiner Exkurs in die Welt der Stereotype ist für meine Ausführungen unerlässlich da jene in allen Bereichen unseres Lebens existent sind und somit auch großen Einfluss auf die Interaktionsmuster im stationären Altenhilfebereich haben.

Bei meinen Erklärungen werde ich mich maßgeblich an dem Buch „ Bilder des Alters “ von Sigrun-Heide Filipp und Anne-Kathrin Mayer orientieren. Interessierten Lesern kann ich dieses Werk zur Lektüre uneingeschränkt weiterempfehlen, da darin Altersstereotype und intergenerationale Beziehungen aus jedem erdenklichen Blickwinkel untersucht und vorgestellt werden.

Stereotype wurden bereits 1922 von Lippmann als „Bilder in unseren Köpfen“ interpretiert, zeitgleich begann die diesbezügliche Forschungstätigkeit.

Sie stellen mentale Repräsentationen (=Bilder) sozialer Gruppen dar, in Form von Vorstellungen der für eine Gruppe typischen Eigenschaften (zum Beispiel „ die Franzosen sind ein genussvolles Volk “) oder über die Verteilung und Ausprägung ausgewählter Eigenschaften innerhalb dieser Gruppe. Allein schon die subjektiv empfundene Wahrscheinlichkeit, mit der Vertreter einer Gruppe bestimmte Eigenschaften aufweisen, begünstigt Stereotypisierungen.

Stereotype sind gekennzeichnet durch ein Höchstmaß an Subjektivität. Typische soziale Rollen, Verhaltensformen und biographische Verlaufsmuster werden in ihnen erfasst und sie enthalten Beispiele, die als Vergleichsobjekte bei der Wahrnehmung und Kategorisierung von Personen verwendet werden. Wesentliches Merkmal ist, dass sie sehr stark änderungsresistent sind.

Gründe hierfür:

- Stereotypgeleitete Urteile werden meistens durch „ second hand “-Daten ermittelt. Originaldaten werden seitens des Urteilers meist nicht in Erwägung gezogen, können also auch nicht zur Korrektur dienen; eine „Überprüfung“, inwiefern die Stereotype angemessen sind, findet somit weitestgehend nicht statt.
- Die Kosten möglicher falscher Stereotypen werden als gering angesehen, es besteht eine große soziale Distanz zu den entsprechenden „Rolleninhabern“ und somit keine Notwendigkeit, die Stereotype im Umgang mit konkreten Personen zu revidieren.
- Die Aufmerksamkeit der beurteilenden Person wird selektiv auf die mit dem Stereotyp zu vereinbarenden Informationen gelenkt (stereotypkongruentes Verhalten).

Andere Informationen werden „ausgefiltert“ und als unglaubwürdig abgestempelt.

Abgrenzung zwischen Vorurteilen und Einstellungen:

Einstellungen spiegeln innere Richtungs- und Verhaltensweisen gegenüber sozialen und nicht-sozialen Sachverhalten dar, Stereotype und Vorurteile beziehen sich ausschließlich auf soziale Gruppen.

Vorurteile sind rein gefühlsmäßige, eindeutig negative Stellungnahmen. An dieser Stelle möchte ich ein Zitat aus „Bilder des Alters“ anführen: „(Vorurteile sind eine) ablehnende oder feindselige Haltung gegenüber einer Person, die zu einer Gruppe gehört, einfach deswegen, weil sie zu dieser Gruppe gehört und deshalb dieselben zu beanstandenden Eigenschaften haben soll, die man dieser Gruppe zuschreibt[4]

Somit sind Vorurteile durch den affektiven (=gefühlsbetonten) Aspekt bestimmt, Stereotype umfassen vor allem kognitive (=die Erkenntnis betreffen) Bestandteile und beinhalten nicht selten negative und positive Elemente.

1.2 Warum neigen Menschen zu Stereotypisierungen?

An dieser Stelle möchte ich kurz vier unterschiedliche Perspektiven vorstellen, die als Erklärungsansätze für die Entstehung von Stereotypen dienen. Sie sind im Rahmen der Stereotypenforschung entwickelt worden und betrachten den Kontext aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Die sozialpsychologische Perspektive

Jene Perspektive betont die kulturelle Verankerung von Stereotypen und ihre Funktion für das Individuum als Mitglied sozialer Gruppen.

Stereotypen besitzen hierbei die Funktion, die soziale Identität des Einzelnen zu sichern und seine Integration in die eigenen Gruppe und Anerkennung durch die eigene Gruppe zu gewährleisten. Des weiteren dienen sie der Stabilisierung und Erhöhung des kollektiven und individuellen Selbstwertgefühls. Je umfangreicher außenstehende Gruppen (sogenannte „out-groups“) stereotypisiert werden, desto stärker erfolgt eine Aufwertung der eigenen Gruppe und der eigenen Person

Die konflikttheoretische Perspektive

Dieser Erklärungsansatz betont die Abgrenzung der eigenen Gruppe von anderen Gruppen im Wettbewerb um begrenzte Ressourcen. Stereotype dienen der Aufrechterhaltung dieser Abgrenzung und gehen einher mit Diskriminierungen und Abgrenzungen, die die Privilegien der eigenen Gruppe rechtfertigen und verteidigen sollen. Die konflikttheoretische Perspektive bietet eine leichte Möglichkeit, um „Sündenböcke“ auszumachen, beispielsweise bei Missständen in sozialen Strukturen. Auch im historischen Kontext hat sie immer wieder zu Diskriminierungen religiöser und ethnischer Gruppen geführt.

Die motivationspsychologische Perspektive

Im Rahmen dieses Ansatzes steht nicht die Gruppe, sondern das Individuum selbst im Mittelpunkt. Stereotypisierungen dienen der Abwehr von Angst, Selbstunsicherheit und Gefühlen der Unterlegenheit („Angstabwehrhypothese“). Stereotypgeleitete Urteile über alte Menschen beispielsweise resultieren somit aus der Furcht vor dem eigenen Altwerden und dem Tod – die Menschen wollen sich den „Glauben an die eigene Unverwundbarkeit erhalten“ (was übrigens auch bezogen auf den Umgang mit Behinderten Gültigkeit besitzt):

„ Je mehr für ein Individuum das hohe Alter eine angsterregende Situation darstellt, desto stärker und ausgeprägter wird das verwendete Altersstereotyp sein, um eine Abgrenzung zu den alten Menschen herzustellen “[5]

Die kognitionspsychologische Perspektive

Hiernach dienen Stereotypisierungen einer schnelleren Informationsverarbeitung. Stereotype helfen (wenn keine weiteren Daten vorliegen), Informationen zu strukturieren und Sicherheit im Umgang mit anderen zu erhalten. Es handelt sich somit um subjektiv entlastende (wenn auch objektiv unangemessene) Vereinfachungen, die Sicherheit vermitteln.

„Stereotype erlauben es, schnelle, klare und distinkte Aussagen über eine soziale Welt zu machen, die stets im Fluß ist[6]

Ich werde später im Text die kognitionspsychologische Sichtweise anwenden, um eine mögliche Erklärung für die Existenz der Fülle an Stereotypen im Alltag der stationären Altenhilfe abzugeben; gerade im Bereich der Altenpflege sollte man ja einen geringen Bestand an stereotypgeleiteten Interaktionsmustern vermuten, da die Mitarbeiter täglich mit der Individualität der Bewohner konfrontiert werden und nicht auf „second hand“ Daten zurückgreifen müssen (siehe „1.1 Was versteht man unter Stereotypen?“). Das dies nicht mit der Realität übereinstimmt, werde ich noch aufzeigen.

[...]


[1] einfach gehaltene Definition gemäß „Schüler-Duden Fremdwörterbuch“

[2] Quelle: eines von mehreren ausgiebigen, informativen Gesprächen mit dem Heimleiter

[3] Lagerung: Bewohner, die sich aus eigener Kraft nicht mehr im Bett umdrehen können, werden vom Personal in Zeitintervallen von 2-3 Stunden auf die entsprechend andere Körperseite gedreht, um ein Wundliegen zu vermeiden. Parallel dazu werden Einlagen und Windelhosen, falls durchnässt, gewechselt. Diese Dekubitusprophylaxe wird als „ Lagern “ bezeichnet.

[4] Relativ einfach gehaltene Definition gemäß „Schüler-Duden Fremdwörterbuch“

[5] S.-H. Filipp, „Bilder des Alters“

[6] S.-H. Filipp, „Bilder des Alters“ , S. 62

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Interaktionsmuster zwischen Personal und Bewohnern in der stationären Altenhilfe. Würde, Autonomie und Fremdbestimmung
Hochschule
Universität Siegen  (Fachbereich 2)
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
89
Katalognummer
V88570
ISBN (eBook)
9783638029605
ISBN (Buch)
9783638927697
Dateigröße
5421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interaktionsmuster, Personal, Bewohnern, Altenhilfe
Arbeit zitieren
Dipl.-Sozialpädagoge Bernd Hoffmann (Autor), 2004, Interaktionsmuster zwischen Personal und Bewohnern in der stationären Altenhilfe. Würde, Autonomie und Fremdbestimmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88570

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