Aufmerksam wurde ich auf das Thema durch einen kleinen Nebensatz in einem Buch über die Spieltherapie, in dem erwähnt wurde, dass dieses Therapieverfahren auch bei Kinder mit geistiger Behinderung angewandt wird. Ich hatte bis dahin wenig über Psychotherapien bei Menschen mit geistiger Behinderung gehört, fand den Gedanken darüber jedoch sehr einleuchtend und wollte mehr darüber erfahren. Mir kamen gute Bekannte in den Sinn, die geistig behindert sind, und ich fragte mich, ob eine Therapie, die auf die seelischen Bedürfnisse abzielt, jene Bekannte geholfen hätte, mit ihrer schwierigen Lebenslage besser zurecht zu kommen. Dieser Gedanke war mir Anlass genug, mich intensiver damit zu beschäftigen.
Im ersten Teil meiner Arbeit habe ich mich mit dem Wesen und Begriff der ‚Geistigen Behinderung’ befasst. Darüber hinaus habe ich untersucht, welchen erschwerten Lebensbedingungen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung im Laufe ihrer Lebensgeschichte, insbesondere in ihrer Kindheit, ausgesetzt sind, die zu seelischen Belastungen führen. Recherchen über Psychotherapieangebote für Menschen mit Behinderung in Deutschland waren für mich sehr aufschlussreich und ich habe eine Antwort darauf gefunden, warum ich bis dato wenig über dieses Themenfeld gehört habe. Im zweiten Teil starte ich einen Versuch, personenzentriertes, spieltherapeutisches Arbeiten bei Kindern mit geistiger Behinderung darzustellen. Anhand eines fiktiven Beispiels soll der Bezug zur Praxis und zur Heilpädagogik hergestellt werden. Das Spiel ist das Medium für seelische Befindlichkeiten schlechthin. Es ist Ausdrucksmittel und Kommunikationsmöglichkeit – gerade auch für Kinder mit geistiger Behinderung, deren verbale Fähigkeiten überwiegend schwächer ausgeprägt sind als die von normal entwickelten Kindern. Kinder, die geburtsbedingt eine geistige Behinderung aufweisen, sind oft schon im Säuglingsalter von seelischen Störungen bedroht. Das Kind wird oft schon als Neugeborener mit Ablehnung konfrontiert. Es ist für die Eltern normalerweise erst einmal ein Schock, ein Baby geboren zu haben, dass nicht ihren Vorstellungen entspricht. Der Annahmeprozess und die Bewältigung des unerwarteten Ereignisses für die Eltern werden häufig durch belastende Umstände seitens der sozialen Umwelt, aber auch innerhalb der Paarbeziehung, erschwert. Zahlreiche Untersuchungen und Krankenhausaufenthalte schon im frühen Säuglingsalter schwächen die sich aufbauende Beziehung zum Kind zusätzlich.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Warum Spieltherapie bei Kindern mit geistiger Behinderung – oder: warum eigentlich nicht?
2.1 Zur Definition des Begriffes: Geistige Behinderung
2.2 Menschen mit geistiger Behinderung sind besonders anfällig für psychische Störungen
2.3 Entwicklungspsychologische Aspekte bei Menschen mit geistiger Behinderung
2.4 Psychotherapie - Konzepte für Kinder mit geistiger Behinderung
2.5 Individuelle Voraussetzungen für eine Spieltherapie
2.6 Zusammenfassung
3. Personenzentrierter Umgang in der Spieltherapie bei Kindern mit geistiger Behinderung
3.1 Das Spiel – die Sprache des Kindes
3.2 Die personenzentrierte Spieltherapie
3.3 Spieltherapeutischer Umgang bei Kindern mit geistiger Behinderung: Sebastian – eine Fallanalyse
3.4 Die heilpädagogische Relevanz am Fallbeispiel Sebastian
3.5 Die personenzentrierte Spieltherapie in der Heilpädagogik
3.6 Zusammenfassung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Potenzial und die praktische Anwendung der personenzentrierten Spieltherapie bei Kindern mit geistiger Behinderung. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwieweit dieser therapeutische Ansatz, der ursprünglich auf non-direktiven Prinzipien beruht, dazu beitragen kann, seelische Belastungen abzubauen und die Persönlichkeitsentwicklung dieser Kinder trotz kognitiver Einschränkungen positiv zu unterstützen.
- Grundlagen und Definitionen zu geistiger Behinderung
- Entwicklungspsychologische Besonderheiten und psychische Vulnerabilität
- Stellenwert des Spiels als zentrales Kommunikationsmedium
- Therapeutische Variablen nach Carl Rogers im heilpädagogischen Kontext
- Fallanalyse zur Anwendung bei einem siebenjährigen Kind
Auszug aus dem Buch
Auszug aus der 7. Spieltherapiestunde:
Sebastian möchte, dass ich ihm ein Seil um den Bauch knote, damit er das Pferdchen spielen kann und ich soll sein Reiter sein. Er rennt durch den Raum und sagt mir, ich solle loslassen, worauf er wild im Raum umherspringt. „Jetzt musst du mich wieder einfangen!“ befiehlt er mir. Sobald ich ihn fange, will er, dass das Spiel wieder von Neuem beginnt. Ich verbalisiere das Spiel: „Oh nein, jetzt hab ich das Seil losgelassen, und jetzt ist auch das Pferdchen frei. Jetzt kann es herumspringen, wie es will und es scheint ihm Spaß zu machen.“ – „Jetzt hab ich das Pferdchen wieder. Jetzt kann ihm nichts mehr passieren. Bei mir ist es sicher.“ Das Spiel setzt er noch einige Male fort, bis er mich auffordert, ihn in den Stall zu bringen (auf die Matte). Dort schmeißt er sich hin und sagt, er will schlafen gehen, und steckt dabei den Daumen in den Mund. „Das Pferdchen ist ganz müde von dem anstrengenden Ritt. Es muß sich erst mal ausruhen. Es kuschelt sich ganz nah an das Heu ram.“
In diesem Beispiel sind Nähe und Distanz und das Gefühl von ‚Fallengelassensein’ und ‚Geborgenheit’ zentrale Themen. Das Pferdchen gerät ungewollt in die Freiheit durch das unabsichtliche Loslassen des Seils. Es ist zwar frei, aber sein wildes Umherspringen kann schnell in unkontrollierte Bahnen geraten. Sebastians Aufforderung, es wieder einzufangen, spiegelt sein Gefühl nach jemandem, der ihn ‚auffängt’, ihm Schutz bietet, wo er sich sicher fühlen kann. Ich versuche durch mein Spiegeln und Wiedergeben von vermutlichen Gefühlen ihm diese bewusst zu machen. Am Ende, als er sich in den imaginären Stall begibt und sich zur Ruhe legt, überwiegt das Bedürfnis nach Geborgensein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Verfasserin beschreibt ihre Motivation, sich mit der Spieltherapie bei geistig behinderten Kindern auseinanderzusetzen, und skizziert die methodische Vorgehensweise der Arbeit.
2. Warum Spieltherapie bei Kindern mit geistiger Behinderung – oder: warum eigentlich nicht?: Das Kapitel beleuchtet den Begriff der geistigen Behinderung, die psychische Anfälligkeit dieser Personengruppe und bewertet verschiedene psychotherapeutische Ansätze hinsichtlich ihrer Eignung.
3. Personenzentrierter Umgang in der Spieltherapie bei Kindern mit geistiger Behinderung: Hier wird der theoretische Rahmen der personenzentrierten Spieltherapie nach Rogers und Axline erläutert und anhand der fiktiven Fallanalyse von Sebastian auf die Praxis übertragen.
4. Fazit: Die Verfasserin resümiert, dass die personenzentrierte Spieltherapie ein geeigneter Ansatz ist, um Kindern mit geistiger Behinderung bei der Bewältigung ihrer emotionalen Belastungen zu helfen und ihre Entwicklung zu fördern.
Schlüsselwörter
Personenzentrierte Spieltherapie, geistige Behinderung, Heilpädagogik, Aktualisierungstendenz, therapeutische Variablen, Empathie, Wertschätzung, Kongruenz, Fallanalyse, seelische Belastung, kindliches Spiel, Selbstkonzept, emotional-soziale Entwicklung, non-direktive Beratung, Entwicklungspsychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Facharbeit untersucht den Einsatz und die heilpädagogische Relevanz der personenzentrierten Spieltherapie bei Kindern, die mit einer geistigen Behinderung leben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Fokus stehen die theoretischen Grundlagen der personenzentrierten Spieltherapie, die entwicklungspsychologischen Besonderheiten geistig behinderter Kinder sowie die praktische Anwendung therapeutischer Prinzipien im heilpädagogischen Alltag.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch eine wertschätzende, personenzentrierte Haltung seelische Belastungen bei geistig behinderten Kindern aufgearbeitet und ihre individuelle Persönlichkeitsentwicklung gestärkt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse zu entwicklungspsychologischen und psychotherapeutischen Theorien sowie einer fiktiven Fallanalyse zur Veranschaulichung der praktischen Anwendung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Definition geistiger Behinderung, den Risikofaktoren für psychische Störungen, den Grundlagen der Spieltherapie sowie einer ausführlichen Fallbeschreibung und deren Interpretation unter heilpädagogischen Gesichtspunkten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Personenzentrierte Spieltherapie, Heilpädagogik, Aktualisierungstendenz, Empathie und seelische Belastung definiert.
Welche Rolle spielt die Fallanalyse "Sebastian" in der Arbeit?
Das Fallbeispiel dient dazu, die theoretischen Konzepte wie das Spiegeln von Gefühlen und die Beziehungsgestaltung in einem konkreten, praxisnahen Szenario darzustellen und zu reflektieren.
Warum betont die Autorin die Bedeutung des "Spiels" bei geistig behinderten Kindern?
Sie sieht das Spiel als das zentrale Kommunikationsmedium für Kinder, die sich verbal nicht oder nur eingeschränkt ausdrücken können, um ihre Gefühle und Bedürfnisse symbolisch zu verarbeiten.
- Citar trabajo
- Maria Strunz (Autor), 2007, Personenzentrierte Spieltherapie bei Kindern mit geistiger Behinderung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88599