Hartmut Bitomsky "Der VW-Komplex"

Eine Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Autor

3. Zum Film „Der VW-Komplex“
3.1. Produktionsdaten
3.2. Der Inhalt des Films
3.3. Die Makrostruktur des Films
3.4. Inhaltliche Tendenzen und ihre filmische Umsetzung
3.5. Die Suche nach dem Menschen
3.6. Das Ende zweier Epochen

4. Fazit

5. Literatur
5.1. Informative Websites

1. Einleitung

Als Hartmut Bitomsky 1988 den Film „Der VW-Komplex“ drehte und montierte, feierte der Volkswagenkonzern sein 50-jähriges Bestehen. Ebenso beging die Stadt Wolfsburg, deren Anfänge auf den Bau des Volkswagenwerkes zurückgehen, ihre kurze Existenz. Anlässlich dieses Jubiläums gab der Vorstand und Gesamtbetriebsrat der Volkswagen AG ein Buch heraus, dass die Geschichte, den heutigen Entwicklungsstand sowie die zukünftigen Perspektiven des VW-Werkes an den sechs Standorten[1] in Deutschland beleuchtet. Im Klappentext des Buches heißt es, dass es kein Jubiläumsbuch sei, sondern ein Familienbuch.[2] „In der Familie“, so heißt es weiter im Text, „steht der Mensch im Vordergrund – und auch im modernen Unternehmen.“ Der Autor knüpft hier an die Unternehmensphilosophie Professor Heinrich Nordhoffs[3] an, der wie kaum ein anderer das Unternehmen nach dem Krieg prägte und folgenden Leitsatz formulierte: „Wertvoll an einem Unternehmen sind nur die Menschen, die dafür arbeiten, und der Geist, in dem sie es tun.“ ;

Hartmut Bitomsky stellt in seinem Film über den „VW-Komplex“, wie er bereits im Filmtitel das nunmehr weltweit operierende Unternehmen passend charakterisiert, diese Unternehmensphilosophie auf den Prüfstand. Welche Rolle spielt der Mensch tatsächlich für und in diesem komplexen Gefüge. In essayistischer Weise macht er sich auf die Suche nach den Menschen, die diesen Konzern ausmachen und auch in der Vergangenheit ausmachten und dem Geist, in dem sie arbeiten und leben. Dabei beschränkt sich seine Suche in der räumlichen Dimension auf die Stadt Wolfsburg und das dortige VW-Werk, in der zeitlichen Dimension jedoch umfasst sie nicht nur die Gegenwart sondern auch die Vergangenheit und die Zukunft. Während dieser Suche gerät er in ein verwirrendes Geflecht von Produktionsabläufen, Abteilungen, Erinnerungen, historischen Ereignissen etc., das er versucht, filmisch zu entwirren und seine Strukturen für den Zuschauer freizulegen. Wie er dabei vorgeht und inwiefern seine Suche nach dem Menschen einen befriedigenden Verlauf nimmt, soll die folgende Hausarbeit analysieren. Dabei wird zunächst die Makrostruktur des Films nachvollzogen und dann werden anhand von einzelnen Filmausschnitten spezielle Fragen erörtert.

2. Der Autor

Im Kriegsjahr 1942 in Bremen geboren, studierte Hartmut Bitomsky seit 1962 an der Freien Universität Berlin Germanistik und Theaterwissenschaften. An deren Bühne betätigte er sich auch als Darsteller und Regisseur. 1968 beendete er sein Studium an der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), weil er wegen politischer Aktivitäten relegiert wurde. West-Berlin war in der Bundesrepublik in jenen Jahren das Zentrum der Studentenbewegung. Die Stadt wurde zum Schmelztiegel der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, in der der Konflikt zwischen der „Neuen Linken“ und der Springer-Presse sowie den Bürgern der Stadt eskalierte.[4] Hier wurde der Student Benno Ohnesorg während der Anti-Schah-Demonstrationen 1967 von einem Berliner Polizisten erschossen, hier fand der Vietnam-Kongreß statt, der die Bevölkerung polarisierte und hier vielen auch 1968 die Schüsse auf Rudi Dutschke. Wie in keiner anderen Stadt wurden diese Ereignisse der Studentenbewegung auch im Film festgehalten. Die Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie hatten daran einen beträchtlichen Anteil; sie benutzten die dokumentarischen Aufnahmen als Ausgangsmaterial und entwickelten eigenständige filmische Formen aus einer Mischung von Dokumentation, Agitation und Reflexion.[5] Ihr politisches sowie ästhetisches Engagement führte auch zu Auseinandersetzungen mit dem aufsichtsführenden Kuratorium und der Direktion des DFFB über Studieninhalte und –ziele. 18 Studenten wurden daraufhin relegiert, darunter neben Hartmut Bitomsky auch Holger Meins, der später als RAF-Mitglied traurige Berühmtheit erlangte, und Harun Farocki, mit dem er seit jener Studienzeit befreundet ist und mehrere Filme gemeinsam gedreht hat. U. a. entstand 1970 als gemeinsames Filmprojekt Die Teilung aller Tage für den Westdeutschen Rundfunk, der eine filmische Einführung in die Grundbegriffe des Marxismus darstellt.[6] Einige der Relegierten, darunter auch Bitomsky und Farocki, kehrten später als Dozenten an die DFFB zurück. Hauptsächlich jedoch betätigte sich Bitomsky seit 1968 als Filmemacher und freier Autor. Seine filmische Arbeit begleitete er fortwährend auch filmtheoretisch. Er schrieb Essays und Porträts über verschiedene europäische und amerikanische Regisseure. 1972 erschien sein filmtheoretisches Buch Die Röte des Rots von Technicolor. Kinorealität und Produktionswirklichkeit. Außerdem gab er filmtheoretische Schriften von Béla Balázs (Der Geist des Films, 1972) und André Bazin (Was ist das Kino, 1975) erstmals in deutscher Übersetzung heraus. Von 1974 bis 1985 war er Herausgeber und Redakteur der Filmzeitschrift Filmkritik. 1973 gründete er seine eigene Produktionsfirma Big Sky Film, die seither die meisten seiner Filme produziert. In den 70ern und 80ern drehte er viele davon im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks, u. a. die vierteilige Dokumentation einer Amerikareise auf dem legendären nordamerikanischen Highway 40 West (1980/81). Aber auch Beiträge zur Vorschulsendung Sesamstraße waren darunter sowie ein Porträt des englischen Dokumentaristen Humphrey Jennings (1976) und eine Studie über John Ford (Der Schauplatz des Krieges. Das Kino von John Ford, 1976). Zwischen 1983 und 1989 entstand die Deutschlandtrilogie. Die beiden ersten Filme Deutschlandbilder (1983, in Zusammenarbeit mit Heiner Mühlenbrock) und Reichsautobahn (1986) spüren den Formen und Funktionsweisen der faschistischen Ästhetik nach und stellen einige der hartnäckigsten Mythen des Nationalsozialismus in Frage. Der VW-Komplex (1989) schließt die Trilogie thematisch und chronologisch ab. Hier werden Bilder aus der gegenwärtigen Golf II-Produktion mit dokumentarischen Filmbildern der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte der Käfer-Produktion in Beziehung gesetzt.[7] Bitomsky lenkt dabei den Blick des Betrachters auf vielfältige Fragen und Geschichten, u. a. auf das Verschwinden der industriellen Arbeit oder das Selbstverständnis des VW-Konzerns und dessen Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit. In seiner Arbeit bewegt sich Bitomsky zwischen den Genres Dokumentar- und Essayfilm. „Sein filmisches Interesse setzt da ein“, wie Jutta Pirschtat formuliert, „wo die Wirklichkeit und ihre Ereignisse bereits zu Geschichte und Geschichten verdichtet sind. Hartmut Bitomsky macht Filme über Filme.“[8] Für Reichsautobahn und Der VW-Komplex erhielt er den Grimme-Preis.

1993 wurde Hartmut Bitomsky ans California Institute of the Arts berufen, wo er neun Jahre lang als Dean die School of Film/Video leitete. In den USA entstand auch sein bisher letzter Film B-52. Ein Dokumentarfilm über die Geschichte des legendären Langstreckenflugzeug B-52, das im Kalten Krieg vom amerikanischen Militär entwickelt wurde und bis heute im Einsatz ist. Auch hier liegt sein Augenmerk besonders auf den Mythen, die das Flugzeug von Beginn an begleiteten und auf dessen symbolischer Dimension.

Im Januar 2006 ist der heute 63jährige Bitomsky nach Berlin zurückgekehrt. Als Nachfolger von Reinhard Hauff übernahm er die Direktion der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin.[9]

3. Zum Film „Der VW-Komplex“

3.1. Produktionsdaten

Regie, Drehbuch, Produzent, Kommentar,[10]

Interviews, Schnitt, Mitwirkung und Sprecher: Hartmut Bitomsky

Regieassistenz: Dietmar Klein

Kamera: Axel Block

Kameraassistenz: Sascha Mieke

Licht: Johannes Stankowski

Ton: Gerhard Metz

Mischung. Gerhard Jensen

Weitere Titel: Der VW-Komplex (O-Titel-D)

Le complex VW (O-Titel-F)

Produktionsfirmen: Big Sky Film Köln

Fas-Film Hamburg

Im Auftrag von: La Sept Paris

WDR Köln

Produzenten: Thierry Garrel u. H. Bitomsky

Redaktion: Werner Dütsch

Claire Doutriaux

Produktionsleitung: Albert Schwinges

Dreharbeiten: Wolfsburg, 1. Januar 1988

Format: 16mm, 1:1,66

Bild: Eastmancolor

Kinostart: 19. April 1990

3.2. Der Inhalt des Films

Thematisch knüpft Hartmut Bitomsky im VW-Komplex an den Vorgängerfilm Reichsautobahn an. Es geht um Autos und Straßen. Dort die betonierten Straßen der Reichsautobahn und hier die Produktionsstraßen von VW in Wolfsburg. Beide, der VW-Konzern sowie die Autobahnen sind in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden und galten als Prestigeobjekte der Nazionalsozialisten. Außerdem hing die Idee der Autobahnen eng mit der Erfindung des Volkswagens zusammen, also mit dem Auto, das die breite Masse der Deutschen sich leisten konnte. Es wurde im Rahmen des Konzeptes Kraft durch Freude (KdF) als Fahrzeug für das Volk von Ferdinand Porsche konzipiert.[11]

In seinem Film Der VW-Komplex verbindet Bitomsky Archivmaterial aus der Kriegs- und Nachkriegszeit mit gegenwärtigen selbstgedrehten Aufnahmen von der Produktionsstätte des VW-Golf in Wolfsburg. Anhand des selbstgedrehten Materials vollzieht er die Entstehung eines Golf II -des damals modernsten Modelles- nach und begleitet ihn auf dem Weg durch die jeweiligen Produktionsabteilungen. Von der Entwicklungsabteilung über das Blechlager, die „Taufe“, die „Hochzeit“, bis die Autos vom Band rollen und dem Vertrieb übergeben werden. Diesem widmet sich Bitomsky im letzten Abschnitt des Films. Im Fokus des Regisseurs steht bei allen Aufnahmen der Fabrikarbeiter, bzw. dessen Abwesenheit und die Dominanz der Maschinen. Doch nicht nur die Arbeitsbedingungen des VW-Arbeiters werden beleuchtet, auch dessen Lebensbedingungen sowie die Entwicklung und Geschichte der Stadt Wolfsburg im Zusammenhang mit dem Entstehen des VW-Konzerns. In der Gegenwart sucht er zeitweise nach Spuren der Vergangenheit. So führen ihn Ritzungen in kyrillischer Schrift an einem Baum in der Nähe des VW-Werkes in die nationalsozialistische Vergangenheit des VW-Konzerns, als dieser u. a. russische Zwangsarbeiter beschäftigte. Diese wohnten in Baracken, die nach dem Krieg wiederum von Gastarbeitern bewohnt wurden, was er anhand von Fotos dokumentieren lässt. Doch meistens „spickt“ Bitomsky das selbstgedrehte Filmmaterial mit Archivfilmbildern. Darunter u. a. Propagandafilmausschnitte der Nazionalsozialisten, die den Bau des VW-Werkes dokumentieren und Filmaufnahmen der Witschaftswunderzeit, die euphorisch die Produktionsjubiläen des VW-Käfers feiern. Die Verwendung des historischen Materials folgt inhaltlich einer zeitlichen Chronologie und endet nach ca. 2/3 des Films, als der Autor sich thematisch auf die Gegenwart und Zukunft des umfassenden VW-Konzerns konzentriert.

[...]


[1] Standorte: Braunschweig, Emden, Hannover, Kassel, Salzgitter und Wolfsburg.

[2] Vetten, Horst: Das Buch. Von Volkswagen 1938-1988, hrsg. v. Vorstand u. Gesamtbetriebsrat d. Volkswagen AG, Wolfsburg 1988.

[3] 1948-1960 Geschäftsführer und Generaldirektor der Volkswagenwerk GmbH. Nach der Privatisierung 1960 Vorsitzender des Vorstandes.

[4] Roth, Wilhelm: Der Dokumentarfilm seit 1960, München-Luzern 1982, S. 48.

[5] Ebd. S. 50.

[6] Pirschtat, Jutta (Hg.): Die Wirklichkeit der Bilder. Der Filmemacher Hartmut Bitomsky, Essen 1992, S. 5.

[7] Ebd. S. 5ff.

[8] Ebd. S. 6

[9] Berliner Morgenpost vom 20.12.2005.

[10] www.filmportal.de

[11] Der erste Volkswagen hieß demnach KdF. Erst später nannte man ihn Käfer.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Hartmut Bitomsky "Der VW-Komplex"
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Zeitgenössischer Dokumentar- und Essayfilm in Deutschland
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V88619
ISBN (eBook)
9783638029667
ISBN (Buch)
9783638927727
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Hervorragende Analyse der Filmstruktur
Schlagworte
Hartmut, Bitomsky, VW-Komplex, Zeitgenössischer, Dokumentar-, Essayfilm, Deutschland
Arbeit zitieren
M.A. Cordula Gries (Autor), 2006, Hartmut Bitomsky "Der VW-Komplex", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88619

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