Die Arbeit befasst sich sowohl mit den Theorien, die Wissenschaftler der verschiedenen Forschungsgebiete zur Gattung der Volksmärchen aufgestellt haben, als auch mit der Anwendbarkeit dieser Märchentheorien im Grundschulunterricht.
Als Märchenbeispiele werden hauptsächlich die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm verwendet, denn diese Märchen sind weitgehend bekannt und daher beispielgebend.
In den verschiedenen Wissenschaften wie der Literatur, der Volkskunde, der Ethnologie, der Politologie, der Soziologie, der Psychologie gab und gibt es Forschungsbemühungen um das Literaturgenre Märchen. In den unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten wurden verschiedene Analyse- und Interpretationsmodelle entwickelt, die dem Märchen zugrunde gelegt werden.
In dieser Arbeit werden drei Märchentheorien untersucht und dargestellt: Die Literaturwissenschaft, die Volkskunde und die Psychologie.
Diese Arbeit hat eine zentrale Leitfrage: Welche Bedeutung haben die verschiedenen Märchentheorien und wie kann man sie sinnvoll in den Deutschunterricht der Grundschule einbringen? Für die Beantwortung dieser Frage werden vier Unterfragen beantwortet: 1. Wie ist der Begriff des Märchens zu erklären?
Dabei stehen grundlegende definitorische Erläuterungen im Mittelpunkt.
Außerdem wird in diesem Abschnitt die Tätigkeit der Märchensammler dargestellt. 2. Wie stellen sich die drei ausgewählten Märchentheorien dar? Dafür werden die drei Theorien, ihre Interpretations- bzw. Analysemodelle dargestellt und miteinander verglichen. 3. Welche Konsequenzen werden aus den dargestellten Märchentheorien in didaktischer und methodischer Hinsicht gezogen bzw. welche Bedeutung haben die drei Märchentheorien für den Einsatz im Deutschunterricht der Grundschule? 4. Wie können die Lernziele und die didaktischen und methodischen Konsequenzen aus den Märchentheorien praktisch umgesetzt werden? Hier ist ein progressives Unterrichtskonzept für den Einsatz von Märchen im Deutschunterricht in den Klassen 1 bis 4 dargestellt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Zum Begriff des Märchens
1.1 Ethymologische Begriffsbestimmung
1.2 Die Arbeit der Märchensammler
1.2.1 Deutsche Märchensammler: Grimm und Bechstein
1.2.2 Internationale Märchensammler
2. Märchentheorien / Analyse- und Interpretationsmodelle
2.1 Literaturwissenschaftliche Theorie
2.1.1 Märchen als „Einfache Form“ nach André Jolles
2.1.2 Stilanalyse der Märchen nach Max Lüthi
2.1.3 Strukturalistische Analyse nach Vladimir Propp
2.2 Volkskundliche Theorie
2.2.1 Theorien zur Entstehung der Volksmärchen
2.2.2 Volkskundliche Analyse nach Lutz Röhrich
2.3 Psychologische Theorie
2.3.1 Tiefenpsychologische Analyse
2.3.1.1 Sigmund Freud und seine „Traumtheorie“
2.3.1.2 Carl Gustav Jung und seine „Archetypen“-Theorie
2.3.2 Entwicklungspsychologische Analyse
2.3.2.1 Entwicklungsphasen nach Charlotte Bühler
2.3.2.2 Der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim
2.4 Aktueller Ausblick zu den verschiedenen Märchentheorien
3. Didaktische und methodische Umsetzung der Märchentheorien im Deutschunterricht der Grundschule
3.1 Lernziele im Deutschunterricht für den Umgang mit Märchen
3.2 Verschiedenen Rezeptionsformen von Märchen
3.2.1 Sprachlichen Rezeptionsform Vorlesen
3.2.2 Sprachlichen Rezeptionsform Erzählen
3.2.3 Sprachlichen Rezeptionsform Besprechen
3.2.4 Sprachlichen Rezeptionsform Textbearbeitung
3.2.5 Außersprachlichen Rezeptionsform Gestalten
3.2.6 Außersprachlichen Rezeptionsform Spielen
3.3 Didaktische und methodische Konsequenzen aus den Märchentheorien
3.3.1 Literaturwissenschaftliche Theorie
3.3.2 Volkskundliche Theorie
3.3.3 Psychologische Theorie
3.3.4 Fazit zu den verschiedenen Theorien
4. Unterrichtsentwürfe unter Beachtung der Märchentheorien
4.1 Unterrichtsentwurf Klasse 1
4.2 Unterrichtsentwurf Klasse 2
4.3 Unterrichtsentwurf Klasse 3
4.4 Unterrichtsentwurf Klasse 4
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die wissenschaftlichen Märchentheorien aus Sicht der Literaturwissenschaft, Volkskunde und Psychologie und analysiert deren didaktische Anwendbarkeit im Grundschulunterricht, um eine fundierte, methodisch vielfältige Unterrichtsgestaltung zu ermöglichen.
- Vergleich zentraler theoretischer Ansätze zur Märchendeutung.
- Analyse der didaktischen Lernziele im Fach Deutsch beim Umgang mit Märchen.
- Darstellung verschiedener Rezeptionsformen (Vorlesen, Erzählen, Gestalten, Spielen).
- Praktische Unterrichtsentwürfe für die Klassenstufen 1 bis 4.
Auszug aus dem Buch
Märchen als „Einfache Form“ nach André Jolles
Literaturwissenschaftliche Ansätze zur Märchenanalyse gibt es schon seit 1900. Der erste Beitrag zur Herausstellung der speziellen Gestalt des Märchens und damit zu gattungsgeschichtlichen Grundlegungen kommt von dem Deutschen André Jolles (1874-1946). (Rölleke, 1992, 101) Jolles geht bei seiner Analyse nach der „morphologischen“ Methode vor, die vom Problem der Gestalt, der Form einer Sache ausgeht. Er abstrahiert damit von ästhetischen und historischen Dimensionen. Das Märchen gehört für Jolles zu den neun „Einfachen Formen“, die er in seinem gleichnamigen, 1929 erschienenen Buch untersucht.
Nach Jolles liegt den „Einfachen Formen“ eine bestimmte Absicht, eine Art „Geistesbeschäftigung“ zugrunde. Die Geistesbeschäftigung im Märchen liegt darin, dass das Märchen zeigt, wie es unserem Empfinden nach in der Welt zugehen müsste. Im Märchen wandelt sich die Welt nach einem speziellen Prinzip mit einer märchenhaften „naiven Moral“. Dementsprechend wird nicht gefragt: „Was muss ich tun?“ sondern: „Wie muss es in der Welt zugehen?“. Diese Haltung bezeichnet Jolles als „Ethik des Geschehens“ im Gegensatz zur „Ethik des Handelns“ bei Kant. Hieraus folgt, dass Märchen einen scharfen Kontrast zum realen Geschehen in der Welt bilden, in der oft die Ungerechtigkeit vorherrscht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt die wissenschaftliche Relevanz von Märchentheorien und deren gezielte Einbindung in den Grundschulunterricht.
1. Zum Begriff des Märchens: Erläutert die etymologische Herkunft des Wortbegriffs und die bedeutende Sammlertätigkeit der Brüder Grimm sowie internationaler Märchensammler.
2. Märchentheorien / Analyse- und Interpretationsmodelle: Untersucht die drei zentralen Ansätze: Literaturwissenschaft, Volkskunde und Psychologie hinsichtlich ihrer Modelle zur Märchendeutung.
3. Didaktische und methodische Umsetzung der Märchentheorien im Deutschunterricht der Grundschule: Verknüpft theoretische Forschungsergebnisse mit schulpraktischen Lehr- und Lernzielen sowie vielfältigen methodischen Rezeptionsformen.
4. Unterrichtsentwürfe unter Beachtung der Märchentheorien: Präsentiert konkret ausgearbeitete, progressive Unterrichtskonzepte für die Klassenstufen 1 bis 4.
Schlüsselwörter
Märchen, Märchentheorien, Volksmärchen, Gebrüder Grimm, Literaturdidaktik, Erzählpädagogik, Tiefenpsychologie, Strukturalismus, Rezeptionsformen, Grundschule, Märchenforschung, Unterrichtsentwurf, Volkskunde, Kindgerecht, Erzählkino.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie verschiedene wissenschaftliche Theorien – aus der Literaturwissenschaft, Volkskunde und Psychologie – das Genre Märchen interpretieren und wie diese Erkenntnisse in die Didaktik des Deutschunterrichts in der Grundschule integriert werden können.
Was sind die zentralen wissenschaftlichen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die literaturwissenschaftliche Stilanalyse und Strukturanalyse, die volkskundliche Entstehungsforschung sowie tiefen- und entwicklungspsychologische Ansätze zur Bedeutung von Märchen für die kindliche Entwicklung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Examensarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lehrer durch ein fundiertes Verständnis der verschiedenen Märchentheorien einen sinnvolleren und reflektierten Umgang mit Märchen im Unterricht der Klassen 1 bis 4 gestalten können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit nutzt eine umfassende Literaturanalyse, um verschiedene Forschungsansätze zusammenzutragen, zu vergleichen und deren Konsequenzen für die Unterrichtspraxis abzuleiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Märchentheorien detailliert vorgestellt, gefolgt von der didaktischen und methodischen Übertragung dieser Theorien in den Unterricht. Den Abschluss bilden konkrete Unterrichtsentwürfe für alle vier Grundschulklassen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Märchenforschung, didaktische Umsetzung, Grundschule, Rezeptionsformen, Interpretationsmodelle und Lernziele.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen „einfacher Form“ und „Kunstform“ für den Unterricht eine Rolle?
Diese Unterscheidung, wie sie etwa von Jolles und Lüthi diskutiert wird, hilft Lehrern, den Aufbau und den Charakter des Märchens zu verstehen, was wiederum die Auswahl geeigneter Arbeitsmethoden für die Schüler beeinflusst.
Inwiefern ist das Modell der „Lesephasen“ nach Charlotte Bühler für moderne Lehrer noch relevant?
Obwohl das Modell als veraltet gilt, bietet es historische Einblicke in die entwicklungspsychologische Märchenforschung und verdeutlicht, dass Märchen bis heute als Domäne der Grundschuldidaktik angesehen werden.
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- Manuela Raser (Author), 2004, Wissenschaftliche Märchentheorien und ihre didaktische Bedeutung für den Deutschunterricht in der Grundschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88718