Kinderarmut und Konsum als Thema im Sachunterricht?


Examensarbeit, 2005

88 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Klärung des Begriffes „Armut“
1.2 Definition des Begriffes „Armut“
1.1.1 Absolute und relative Armut
1.1.2 Bekämpfte und verdeckte Armut
1.1.3 Materielle, soziale und kulturelle Armut

2. Entstehung von Armut in unserer Gesellschaft
2.1 Zur Entstehung von Armut in unserer Gesellschaft
2.2 Welches sind die spezifischen Risikogruppen und wie kommen diese zustande?
2.2.1 Alleinerziehende
2.2.2 Familien mit Arbeitslosigkeit
2.2.3 Ausländische Familien / Familien nicht-deutscher Herkunft
2.2.4 Kinderreiche Familien / Familien mit Kindern
2.3. Definition des Begriffes „Kinderarmut“

3. Mögliche Folgen von Armut und deren Auswirkung auf Kinder
3.1 Mögliche psychische Unterversorgungen
3.2 Mögliche physische Unterversorgungen
3.3 Wie wirken sich die materiellen Einschränkungen auf das Sozialverhalten eines Kindes aus?
3.4 Mögliche Defizite im Bereich der Bildung

4. Konsum in der heutigen Gesellschaft
4.1 Definition des Begriffes „Konsum“
4.2 Kinder als Konsumenten
4.2.1 Was bedeutet Konsum für Kinder?
4.2.2 Wichtige Statussymbole
4.2.3 Was bedeutet Konsum für arme Kinder?

5. Zusammenführung der beiden Themenbereiche „Kinderarmut“ und „Konsum“

6. Behandlung des Themas „Kinderarmut und Konsum“ im Sachunterricht
6.1 Möglichkeiten und Probleme bei der Behandlung des Themas „Kinderar- mut und Konsum“ unter Berücksichtigung sachunterrichtsdidaktischer Lite- ratur
6.2 Betrachtung der Erprobungserfassung des Lehrplans NRW von 2003 unter Einbezug des alten Lehrplanes NRW von 1985
6.3 Die Bedeutung politischen Lernens im Sachunterricht
6.4 Einige Unterrichtsvorschläge zum Thema „Kinderarmut und Konsum“
6.4.1 Unterrichtsgespräch
6.4.2 Arbeit mit Kinderliteratur
6.4.3 Rollenspiel

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Armut in Deutschland ist für eine wachsende Zahl von Menschen eine bedrängende Realität geworden. Im deutschen sozialwissenschaftlichen Diskurs der vergangenen Jahre gewann die Problematik einer „Armut im Wohlstand“ und insbesondere auch die ansteigende Betroffenheit der Kinder in der Öffentlichkeit zunehmend an Aufmerksamkeit. Das Risiko einer zumindest Zeitweisen Verarmung der Menschen dringt derweil sogar bis in die mittleren sowie die höheren Gesellschaftsschichten vor. Dennoch legen die Wissenschaftler und Politiker großen Wert darauf, die Armut in unserer Gesellschaft von der vorliegenden Armut in der dritten Welt zu unterscheiden. Während die Menschen in den Entwicklungsländern täglich zahlreich um ihr Überleben kämpfen müssen, handelt es sich bei uns hauptsächlich um finanzielle Einschränkungen, gemessen am jeweiligen Wohlstandsniveau.

Gleichwohl kann auch die in unserer Wohlstandsgesellschaft vorliegende Armut fatale Auswirkungen auf das Leben eines Menschen, und an dieser Stelle sei die Aufmerksamkeit besonders den Kindern gewidmet, haben.

Zweifelsohne gibt es durchaus Menschen (so z.B. Walter Krämer, Dortmunder Wirtschaftswissenschaftler), die es für „hochgradig pervers“ halten, „...in einer Zeit, in der weltweit 18 Millionen Menschen jährlich verhungern, einen deutschen Halbstarken nur deshalb arm zu nennen, weil er anders als seine Klassenkameraden keine Diesel-Lederjacke oder Nike-Turnschuhe besitzt“[1]. Doch scheint der psychische Leidensdruck, dem ein Kind ausgesetzt sein kann, wenn ihm die Teilhabe an den gesellschaftlichen Standards verwehrt bleibt, hierbei völlig außer Acht gelassen zu werden.

Insbesondere in einer Gesellschaft wie der unseren, in der sich die Menschen zunehmend über den Zugang zum Massenkonsum und über eine gute schulische Ausbildung zu definieren scheinen, haben es viele Kinder, die aus finanziell benachteiligten Verhältnissen kommen, sehr schwer. Zwar spielen die finanziellen Aspekte hier eine gewichtige Rolle, doch können auch die gesundheitlichen Folgen, sowie die soziale Ausgrenzung aus den Gleichaltrigengruppen, um an dieser Stelle nur einige Folgen zu nennen, das Leben eines Kindes erheblich beeinträchtigen.

Meine Motivation, über die Behandlung des Themas „Kinderarmut und Konsum“ im Sachunterricht zu schreiben, rührt insbesondere daher, dass ich zum einen mit dieser Thematik bereits selbst im Grundschulalter in Berührung gekommen bin. Zum anderen habe ich während meiner Praktika an Grundschulen die Erfahrung machen müssen, dass deutlich mehr Kinder von Armut betroffen sind, als ich angenommen habe.

Die Intention, die ich in Verbindung mit diesem Thema verfolge, ist herauszufinden, wie ich als angehende Lehrerin in der Grundschule dieser Problematik begegnen kann und ob es überhaupt möglich ist, diesen Bereich „Kinderarmut und Konsum“ als einen Ganzen zu betrachten und entsprechend sachgemäß im Unterricht zu behandeln.

In diesem Zusammenhang erscheint es mir wichtig, herauszufinden, inwiefern der Sachunterricht einen Beitrag zu diesem Thema leisten kann und ob dieser darüber hinaus überhaupt eine Behandlung des Themas vorsieht.

Von grundlegender Bedeutung ist, dass die Schüler[2] nicht nur erfahren, dass die Armut in der dritten Welt existiert, sondern dass sie auch in Deutschland vorkommt; unmittelbar in ihrem Umfeld; vielleicht sogar in der eigenen Klasse. Des weiteren ist es von großer Bedeutung, dass den Kindern bereits in der Grundschule ein Bewusstsein darüber vermittelt wird, dass Armut nicht nur eindimensional, in Bezug auf den finanziellen Aspekt, sondern mehrdimensional, unter Einbezug weiterer wichtiger Lebensbereiche zu betrachten ist.

Das erste Kapitel der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit der Klärung des Armutsbegriffes im Allgemeinen. Armutslagen in Deutschland werden in mehrfacher Hinsicht als „relativ“ verstanden. In diesem Zusammenhang wird die Frage geklärt, ab welchem Grad einer Unterversorgung von „relativer Armut“ gesprochen werden kann und worin die Unterschiede zur „absoluten Armut“ liegen, die vorwiegend in den Entwicklungsländern und in der dritten Welt existiert.

Anknüpfend daran werden verschiedene Facetten des Armutsbegriffes aufgezeigt. Dies verdeutlicht, dass es sich bei dem Phänomen „Armut“ nicht ausschließlich um eine finanzielle Unterversorgung handelt, sondern dass Menschen auch in anderen Lebensbereichen, wie z.B. im sozialen oder kulturellen Bereich benachteiligt sein können.

Im zweiten Kapitel werden wichtige Ursachen für die Entstehung von Armut in unserer Gesellschaft aufgezeigt und erläutert. Anhand der Darstellung dieser Ursachen wird verdeutlicht, weshalb zunehmend mehr Menschen, trotz des hohen Wohlstandsniveaus, in Unterversorgungslagen geraten.

Im Anschluss daran werden die derzeitigen Hauptrisikogruppen vorgestellt. Aktuelle Forschungen und Untersuchungen zeigen, dass insbesondere für Alleinerziehende, Arbeitslose, kinderreiche Familien und für ausländischen Familien eine große Gefahr besteht, in eine Armutssituation zu gelangen.

Da auch die Kinder, und insbesondere diese ebenso wie die Erwachsenen immer häufiger von Armut betroffen sind, wird die Kinderarmut in einem darauffolgenden Unterkapitel thematisiert. Es wird dargelegt, weshalb es sich bei der Kinderarmut um ein eigenes Phänomen handelt und dieses daher getrennt von den anderen betrachtet werden muss.

Wie bei den Erwachsenen können auch bei betroffenen Kindern durch die finanzielle Armut weitere Lebenslagenbereiche in Mitleidenschaft gezogen werden. Auf die möglichen Auswirkungen und Folgen, die Armut auf das Leben eines Kindes haben kann, werde ich im dritten Kapitel dieser Arbeit eingehen. Hierbei werden sowohl die materielle Versorgung, als auch die Versorgung im kulturellen, im sozialen, im psychischen sowie im physischen Bereich berücksichtigt.

Im ersten Schritt des vierten Kapitels geht es zunächst darum, sich dem Bereich des Konsums begrifflich zu nähern. Im heutigen Zeitalter spielt der Konsum, insbesondere für Kinder eine sehr gewichtige Rolle. Sie kommen täglich damit in Berührung, sowohl in der Schule, als auch in der Freizeit. In einem weiteren Punkt dieses Kapitels habe ich mich damit auseinandergesetzt, inwiefern der Konsum für Kinder im Allgemeinen wichtig ist und weshalb der Besitz bestimmter Statussymbole bereits im Grundschulalter von enormer Bedeutung für die Heranwachsenden ist. Im letzten Punkt dieses Kapitels widme ich mein Interesse der Bedeutung des Konsums für Kinder aus finanziell benachteiligten Verhältnissen. Hierbei befasse ich mich mit den Folgen, denen die betroffenen Kinder aufgrund der verwehrten Teilhabe an den gesellschaftlichen Standards ausgesetzt sind.

In dem darauffolgenden Kapitel 5 erfolgt eine Begründung der gegenseitigen Bedingtheit von Kinderarmut und Konsum.

Den Schwerpunkt meiner Arbeit bilden Betrachtungen im Hinblick auf die Notwendigkeit der Behandlung des Themas „Kinderarmut und Konsum“ im Sachunterricht (Kapitel 6). Hierbei setzte ich mich sowohl mit den Möglichkeiten, die der Sachunterricht zu diesem Thema bietet, als auch mit den Schwierigkeiten, die bei einer nicht sachgemäßen Behandlung auftreten können, auseinander. Die Untersuchungen erfolgen unter Berücksichtigung sachunterrichtsdidaktischer Literatur. Anhand dieses Kapitels wird verdeutlicht, warum es wichtig ist, dass die beiden Bereiche Kinderarmut und Konsum nicht nur getrennt voneinander, sondern auch als ein gemeinsamer Themenkomplex gesehen und behandelt werden kann.

Die Schlussbetrachtung bildet das Ende meiner Arbeit.

1. Klärung des Begriffes „Armut“

Zu den wichtigsten Aspekten, die im Vorfeld dieser Arbeit zum Thema Kinderarmut und Konsum geklärt werden sollten, zählt der Begriff „Armut“ im Allgemeinen. Ziel der Definition ist es, die Mehrdimensionalität der Armut zu beleuchten und eine Verständnisbasis für die vorliegende Arbeit herzustellen.

1.1 Definition des Begriffes „Armut“

Eine absolut verbindliche Definition des Begriffes „Armut“, im Sinne einer Allgemeingültigkeit, existiert nicht. Bei der Durchsicht der wissenschaftlichen Literatur, die sich mit dem Thema Armut beschäftigt, sticht die Fülle an Definitionen zu diesem Themenkomplex sofort ins Auge. Hieraus resultiert, dass es eine allgemeingültige Definition nicht gibt. Wer arm ist und was unter Armut verstanden wird, ist in der öffentlichen, politischen, sowie in der wissenschaftlichen Diskussion umstritten. Fest steht jedoch, dass „Armut kein neues, sondern ein uraltes Phänomen ist, dessen Erscheinungsformen sich allerdings im Laufe der Menschheitsgeschichte tiefgreifend verändert haben[3]. Einig ist man sich in der Wissenschaft dennoch darüber, dass bei der Definition von Armut „zunächst zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden werden muss[4]. (siehe Punkt 1.1.1) Unter Berücksichtigung dieser Unterscheidung liegt die relative Armut in Deutschland dann vor, „wenn Menschen das sozial-kulturelle Existenzminimum unterschreiten[5].

In der Armutsforschung herrscht also weitestgehend Einigkeit darüber, dass die absolute Armut, womit das Leben unterhalb des physischen Existenzminimums verstanden wird, in hochentwickelten Gesellschaften, wie der Bundesrepublik Deutschland nicht vorliegt. Vielmehr gilt Armut hier als ein relatives Phänomen. Weiterhin steht fest, dass unter Armut nicht nur der Mangel an finanziellen Ressourcen zu verstehen ist. „Armut ist mehr, als wenig Geld zu haben. Sie beraubt Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit der Freiheit, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden[6]. Die materielle Armut ist nur ein Indikator. So legt die Armutsforschung ebenfalls beträchtlichen Wert darauf, zu überprüfen, inwieweit sich die Menschen aufgrund des Geldmangels beispielsweise aus wesentlichen Institutionen der Zivilgesellschaft, wie aus Schulen oder Vereinen, zurückziehen[7], bzw. auch aus Teilen der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Denn in der Armutsforschung, in der Politik und in den Medien wird zunehmend darüber diskutiert, dass bei der Messung von Armut nicht ausschließlich die finanziellen Mittel, sondern auch weitere Lebensbedingungen, „wie [...] Gesundheit, Bildung, Arbeitsplatz, Einkommen, Ansehen, Macht, Integration, Kommunikation, Freizeitchancen, Risiken, gesellschaftliche und politische Partizipation, etc.“[8] mit berücksichtigt werden sollten. Dessen ungeachtet erweisen sich die „Festlegung relevanter Lebensbereiche und ihrer Stellenwerte, sowie die Verfügung über Daten und Messverfahren als äußerst schwierig“[9]. Dies hat zur Folge, dass die Armut in verschiedenen Berichten fast ausschließlich als Einkommensarmut verstanden wird.

1.1.1 Absolute und relative Armut

Zahlreiche Definitionen und Methoden der Messung von Armut unterscheiden sich primär darin, ob der Armutsbegriff als absoluter oder relativer Begriff betrachtet wird. Diese Gliederungsmöglichkeit ist in der Fachliteratur sehr weit verbreitet. In der wissenschaftlichen Diskussion besteht jedoch überwiegend Einigkeit darüber, dass die Armut in den hochentwickelten Industriestaaten, wie der Bundesrepublik Deutschland fast ausschließlich als ein relatives Phänomen gelten kann. „Als relative Armut werden Mangelzustände bezeichnet, die sich am allgemeinen, bzw. durchschnittlichen Lebensstandard einer festgelegten Population orientieren[10]. Bei den Betroffenen in unserer Gesellschaft mangelt es nicht an existentiellen Dingen und das physische Überleben ist nicht gefährdet. Vielmehr handelt es sich hierbei um das angestrebte (Wieder-)Herstellen eines menschenwürdigen und chancengleichen Lebens, gemessen am Wohlstandsniveau der jeweiligen Gesellschaft. Ist ein Mensch relativ arm, so bedeutet dies, dass derjenige nicht an der in der Bundesrepublik Deutschland üblichen sozio-kulturellen Lebensweise teilhaben kann[11]. Bei der absoluten Armut hingegen ist vielen Fällen sogar die menschliche Existenz gefährdet. Daher findet sich diese Form der Armut überwiegend in Entwicklungsländern und in Krisengebieten. Die absolute Armut, bedingt durch ihre Orientierung an der physischen Existenz, „beginnt erst dann, wenn die Gefahr des Hungertods oder des Erfrierens droht[12]. Aufgrund der sozialen und ökonomischen Entwicklungen in den Industrieländern, wie bspw. der Bundesrepublik Deutschland wurde der absolute Armutsbegriff mehr und mehr durch den relativen Armutsbegriff ersetzt. Als relativ arm werden nun mehr diejenigen Menschen bezeichnet, die weniger als 50% des Pro-Kopf-Durchschnittseinkommens der Bevölkerung zur Verfügung haben[13] und somit das Existenzminimum unterschreiten. Ein Mangel an Nahrungsmitteln, Kleidung, Unterkunft und an Mitteln für die Gesundheitsfürsorge, wie er in den Entwicklungsländern sehr häufig festzustellen ist, ist sowohl in Deutschland, wie auch in den anderen Industriestaaten weitestgehend überwunden[14]. Innerhalb des relativen Armutsverständnisses wird ferner zwischen dem „Ressourcenansatz“ auf der einen und dem „Lebenslagenansatz“ auf der anderen Seite unterschieden. Der Ressourcenansatz ist ein eindimensionales Konzept, während es sich bei dem Lebenslagenansatz um ein mehrdimensionales Konzept handelt. Der zuerst genannte berücksichtigt lediglich die finanziellen Ressourcen, die einer Familie zur Verfügung stehen. Unter dem Gesichtspunkt des Ressourcenkonzeptes liegt Armut dann vor, „wenn keine ausreichenden Hilfsmittel des Handelns, wenn insbesondere zu geringe Geldmittel vorhanden sind[15]. Es ist offensichtlich, dass dieses Konzept überwiegend die materiellen Ressourcen bewertet. Der Lebenslagenansatz indessen erweitert das Konzept um Größen, wie „Gesundheit, Bildung, Erwerbsstatus, Wohnsituation, Freizeitaktivitäten, etc[16], um den verschiedenen Ursachen von Armut gerecht zu werden. Darüber hinaus „muss der Lebenslagenansatz berücksichtigen, ob die Menschen ausreichend am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben teilhaben können oder aber aus diesen Lebensbereichen ausgeschlossen sind[17]. So spielt natürlich der finanzielle Aspekt eine sehr wichtige Rolle, dennoch können ebenfalls auch Unterversorgungen bspw. im sozialen und kulturellen Bereich Armut hervorrufen (siehe Punkt 1.1.3). Als schwierig in diesem Zusammenhang erweist sich allerdings die Datenerhebung. Entsprechende Messverfahren müssen entworfen werden, welche alle relevanten Dimensionen von Lebenslagen mitsamt den spezifischen Unterkategorien berücksichtigen. „Weiterhin sind Gewichtungen und Kompensationsregeln festzulegen, die bestimmen, inwieweit die Unterversorgung in einer Dimension durch andere Lagebereiche kompensiert werden kann[18]. Denn zu klären gilt beispielshalber: Ist ein Mensch arm, wenn er zwar finanziell gut gestellt ist, im Bereich Bildung jedoch eine klare Unterversorgung aufweist? Können Unterversorgungen bspw. im kulturellen Bereich eventuell durch einen anderen, besser gestellten Bereich kompensiert werden? Deutlich wird, dass bei der Messung des Armutsbegriffes anhand des Lebenslagenansatzes die genannten Schwierigkeiten auftreten können. Daher bevorzugt ein Großteil der Armutsforscher die Messung unter Berücksichtigung des Ressourcenansatzes.

1.1.2 Bekämpfte und verdeckte Armut

Zu den vielen verschiedenen Facetten von Armut zählen auch die „bekämpfte“, sowie die „verdeckte“ Armut. „Als verdeckt arm werden jene Personen definiert, die zwar Anspruch auf laufende Hilfe zum Lebensunterhalt (HLU) haben, diesen Anspruch aber nicht geltend machen[19]. Die Gründe hierfür können viele Ursachen haben. Zum einen gibt es Menschen, die sich für ihr „Schicksal“, egal ob selbst verschuldet oder durch Fremdeinwirkung verursacht, schämen. Die Betroffenen haben Angst, in den Augen der Gesellschaft als Versager dazustehen. Lieber schweigen sie und beantragen oft nicht einmal die ihnen zustehende Sozialhilfe. Ein weiterer Grund für das Geheimhalten der eigenen schlechten Situation kann falscher Stolz sein, denn die Inanspruchnahme von Sozialhilfe bedeutet zugleich, dass jemand nur mit fremder Hilfe sein Leben finanzieren kann. Solch einen Niederschlag hinzunehmen, gerade wenn ein Mensch viele Jahre gearbeitet hat und niemals auf fremde Hilfe angewiesen war, kann für die Leidtragenden sehr schwierig sein. Auch die Angst davor, Bekannte oder Familienangehörige um Hilfe zu bitten, kann Menschen dazu veranlassen, ihre Armut geheim zu halten. Bei der Frage nach dem Umfang der in verdeckter Armut lebender Menschen erklärt die Schader-Stiftung, dass sich dieser nur schwer einschätzen lässt und zudem Unsicherheitsspielräume enthält[20]. Des weiteren führt die Stiftung in ihrem Bericht aus, „dass in den letzten drei Jahrzehnten nur weniger als die Hälfte der Sozialhilfeberechtigten ihre Ansprüche auf staatliche Unterstützung auch wirklich geltend gemacht haben[21]. Eindeutige Zahlen sind diesem Bericht jedoch nicht zu entnehmen.

Ein Forschungsprojekt im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung hingegen ergab, dass bereits im Jahre 1991 rund 3,7% der deutschen Bevölkerung in verdeckter Armut lebte[22]. Bezogen auf die jeweiligen Haushaltsformen hat sich herausgestellt, dass Paare mit Kindern unter und ab 16 Jahren und die Alleinerziehenden die beiden großen Problemgruppen darstellen[23]. In Westdeutschland betrug die Armutsquote der Paare mit Kindern unter und ab 16 Jahren 8,4%, die Armutsquote der Alleinerziehenden betrug 7,5%. Kinderlose Paare lagen mit 0,7% deutlich darunter[24].

Bei der Interpretation dieser Zahlen müssen viele Tücken der Sozialhilfestatistik beachtet werden[25], da unter anderem die sogenannte Dunkelziffer anhand der HLU-Daten nicht erfasst werden kann[26]. Hauser und Hübinger (1993) schätzen das Ausmaß der in der verdeckten Armut Lebenden sogar auf einen Anteil von 33% bis 50% der Anspruchsberechtigten auf Sozialhilfe[27].

In bekämpfter Armut hingegen leben diejenigen Menschen, die ihr Anrecht auf HLU geltend machen. Die Anzahl der Personen, die vorübergehend staatliche Hilfe zur Sicherung ihres soziokulturellen Existenzminimums in Anspruch nehmen, ist [...] dramatisch angestiegen: sie hat sich in den letzten drei Jahrzehnten mehr als vervierfacht und machte im Jahr 2000 3,4% der westdeutschen Gesamtbevölkerung aus...“[28].

Die nachfolgende Tabelle, erstellt von der Nationalen Armutskonferenz, verschafft einen genaueren Überblick über die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Sozialhilfeempfänger. Des weiteren ist sie unterteilt in verschiedene Familienkonstellationen (Ehepaare und Alleinerziehende) und gibt außerdem den geschätzten Anteil der in verdeckter Armut lebender Menschen wieder.

Tabelle 1: Sozialhilfebezug – verdeckte Armut – relative Armut (Unterschreitung von 50% der Äquivalenzeinkommensgrenze)

Gewisse Ungenauigkeiten ergeben sich durch Ergebnisse aus verschiedenen Jahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Statistisches Jahrbuch 2000 für die Bundesrepublik Deutschland

** SOEP, Querschnitt der 8. Welle, Berechnung und Bereinigung durch ISL Frankfurt 1997

*** Zahlen von Hanesch/Krause/Becker 2000, Datengrundlage SOEP

**** für 1995 hochgerechnet aus Datenbasis: SOEP 1984-1995 durch ISL Frankfurt

(Quelle: www.Nationale-Armutskonferenz.de: Sozialpolitische Bilanz. Armut von Kindern und Jugendlichen. April 2001)

Da sich die bisherigen Ausführungen ausschließlich auf die finanziellen Aspekte der Armut bezogen haben, werde ich im weiteren Verlauf dieses Kapitels die daraus resultierende materielle Armut intensiver darstellen. Darüber hinaus erfolgt eine Auseinandersetzung mit der sozialen und der kulturellen Armut.

1.1.3 Materielle, soziale und kulturelle Unterversorgung

Materielle Armut, bzw. Unterversorgung bedeutet, „dass keine existentielle, oder aber nur eine unzureichende Grundsicherung vorhanden ist“[29]. Die materielle Armut geht automatisch mit der finanziellen Armut einher, denn ein Haushalt kann beispielsweise nur mit lebensnotwendigen und anderen Gütern versorgt werden, wenn genügend finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen. Unter lebensnotwendigen Gütern werden unter anderem Nahrungsmittel, Kleidung und Unterkunft verstanden. Aber auch die Wohnumgebung spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Ist die Wohnung beispielshalber mit einem Herd, bzw. mit einer Küche ausgestattet, damit gekocht werden kann? Sind genügend Betten vorhanden, so dass jedes Familienmitglied ein eigenes besitzt? Verfügen die Kinder über ein eigenes Kinderzimmer, damit sie sich zurückziehen können, oder ihre Hausaufgaben in Ruhe machen können, ohne von den Eltern und Geschwistern gestört zu werden? Vielen von Armut betroffenen Familien bleibt aufgrund ihrer schlechten finanziellen Situation die Teilhabe an gesellschaftlichen Standards verwehrt. „Oftmals ist ein Wohnungswechsel in eine kleine, beengte Wohnung unvermeidbar[30], die Familien müssen versuchen zu sparen wo es nur geht. Nicht selten müssen die Kinder auf ein eigenes Zimmer, oft sogar auf ein eigenes Bett verzichten. Die Spielmöglichkeiten sowohl innerhalb der Wohnung, als auch in der Wohnumgebung sind begrenzt. Sabine Lang (1985) befasste sich mit einer Untersuchung in Bezug auf die Wohnung und das Wohnumfeld von Kindern, welche im folgenden dargestellt wird (siehe Tabelle 2).

Tabelle 2: Ausmaß von Belastungen in Wohnung und Wohnumgebung (% der befragten Kinder / Eltern) (nach Lang 1985: 222)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(* gekennzeichnete Variablen wurde bei den Eltern erhoben)

(Quelle: www.kinderpolitik.de: Olk, Thomas; Rentzsch, Doris: Die soziale Lage von Kindern. Anmerkungen zum Forschungsstand und aktuelle Befunde. Stand: 12.04.2004, S. 8.)

Allein 49,3% der Befragten wohnen in einem Mehrfamilienhaus, bzw. in einem Hochhaus und 36,7% der Kinder haben kein eigenes Zimmer.

Laut der Nationalen Armutskonferenz hat das Aufwachsen von Kindern in sozialen Brennpunkten Konsequenzen in allen Lebensbereichen.[31]

Doch nicht nur die Größe der Wohnungen und das Wohnumfeld verändern sich aufgrund der nicht vorhandenen finanziellen Mittel häufig zum Negativen. Sogar an Nahrungsmitteln muss in einigen Fällen gespart werden. Gleichwohl ist die Ernährung derjenige Bereich, bei dem am ehesten versucht wird, Einschränkungen zu vermeiden[32]. Dennoch lässt sich vereinzelt auch beobachten, „dass in finanziell besonders angespannten Situationen echte Versorgungsengpässe festzustellen sind“[33]. Besonders in Familien mit mehreren Kindern können die Nahrungsmittel dann schnell zur Mangelware werden. Die finanziellen Probleme nehmen innerhalb der Familie meist einen sehr zentralen Raum ein[34], dennoch versuchen die Eltern ihre Kinder zunächst von den materiellen Folgen zu verschonen, doch gelingt dies häufig nur über einen begrenzten Zeitraum, wenn es sich zum Beispiel um eine kurzfristige Arbeitslosigkeit eines Elternteils handelt. Hier kann die vorübergehend schlechte finanzielle Situation durch eventuelle Rücklagen der Eltern einigermaßen gut überspielt werden. Die Kinder erfahren in diesem Fall nur selten materielle Einschränkungen. Leben Familien dagegen über einen längeren Zeitraum hinweg in relativer Armut, also nahe oder unterhalb der Armutsgrenze, so müssen sowohl die Eltern, als auch die Kinder materielle Einschränkungen in Kauf nehmen. Erwiesen ist, dass sich die materiellen Defizite, wenn sie über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen bleiben, auch auf weitere Lebenslagenbereiche nicht nur der Erwachsenen, sondern insbesondere auch der Kinder negativ auswirken können. Rolf Geers, Bildungsreferent der Naturfreundejugend Westfalen vertritt die Ansicht, dass sich die materiellen Einschränkungen durchaus auf das soziale Leben der Kinder auswirkt und dieses somit eingeschränkt wird, da z.B. kein Geld für die Teilnahme an Kindergeburtstagen oder für Ausflüge vorhanden ist[35]. So ist auch Frank Bertsch der Meinung, dass die Einkommensarmut häufig eine Destabilisierung anderer Lebensbereiche, wie etwa der Gesundheit, der sozialen Integration und der Wohnverhältnisse nach sich zieht[36]. Auf die negativen Auswirkungen, die sowohl den materiellen, als auch den sozialen und kulturellen Bereich betreffen können, wird im Kapitel 3 jedoch noch näher eingehen.

Was die Erwachsenen betrifft, so scheiden sich in verschiedenen wissenschaftlichen Aufsätzen, zumindest was eine kurzfristige materielle Unterversorgung betrifft, die Meinungen darüber, wie gravierend sie diese materiellen Einbußen selbst empfinden. In einem Aufsatz von Andrea Krüger und Frank Thadeusz beispielshalber wird gesagt, dass „bei Erwachsenen finanzielle und materielle Krisenphasen [...] als kaum dramatisch eingeschätzt werden, so lange die Perspektive besteht, dass der Betroffene auf absehbare Zeit eine moderne, gesellschaftliche Normalbiografie ausfüllen kann“[37]. Selbstverständlich kann mit solch einem Zustand leichter umgegangen werden, wenn sichergestellt ist, dass sich die Situation in der nahen Zukunft wieder verbessern wird. Doch selbst wenn die kurzfristige Armut überwunden ist, so kann dieses Problem dennoch durchaus zu einem späteren Zeitpunkt wiederkehren. Allein diese Ungewissheit kann den Betroffenen schon große Sorgen bereiten, denn fest steht, dass in der heutigen Gesellschaft fast niemand mehr hundertprozentig vor der Armut sicher ist.

Personenkreise, die von längerfristiger Armut betroffen sind, werden in ihrer ursprünglichen Lebensweise erheblich eingeschränkt. „Ihnen wird ein diszipliniertes haushälterisches Verhalten abverlangt. Prioritäten müssen neu geordnet werden. Die Zwecke der Einkommensverwendung ändern sich“[38]. Dies hat zur Folge, dass nicht nur der materielle Bereich, sondern auch andere Lebenslagenbereiche in Mitleidenschaft gezogen werden. In vielen Fällen werden Familien aufgrund ihrer schlechten Wohnverhältnisse ausgegrenzt[39]. Die Ausgrenzung aus anderen Personenkreise kann wiederum fatale Folgen auf die Leidtragenden haben. Sie fühlen sich einsam und von der Umwelt diskriminiert. „Es ist nicht verwunderlich, dass ein wichtiges Ziel von Familien in Armut darin zu bestehen scheint, so lange wie möglich den äußeren Rahmen durchschnittlichen Lebens aufrechtzuerhalten“[40]. Des weiteren werden die Betroffenen oft aufgrund der fehlenden finanziellen Möglichkeiten von kulturellen Bildungsangeboten ausgeschlossen. Der Besuch eines Museums beispielsweise ist fast immer auch mit einem finanziellen Aufwand verbunden. Auch Bildungsreisen, sowie einfach ein Buch würden den finanziellen Rahmen einer von Armut betroffenen Familie sprengen. Zu wenig finanzielle und auch materielle Ressourcen können außerdem auch das Herstellen, sowie das Erhalten sozialer Kontakte erschweren. Die Betroffenen werden in ihrem Freizeitverhalten deutlich eingeschränkt. Genauso wie die kulturellen Angebote sind auch die Freizeitangebote fast immer mit hohen Ausgaben verbunden. Der Besuch eines Kinos oder eines Freizeitparks mit Freunden zum Beispiel gehört zu den Standards einer mittelständischen Gesellschaft, doch ist die Inanspruchnahme solcher Angebote für Menschen aus der sogenannten Unterschicht aufgrund des Geldaufwandes so gut wie unmöglich. Folglich ziehen sich die Betroffenen vielfach zurück und isolieren sich von ihrer Umwelt. Es wird deutlich, dass die Leidtragenden schnell in einen Teufelskreis geraten können, denn die materielle bzw. die finanzielle Armut kann somit auch sowohl die geistig-kulturelle, als auch die soziale Armut zur Folge haben.

2. Zur Entstehung von Armut in unserer Gesellschaft

2.1 Ursachen für die Entstehung von Armut in unserer Gesellschaft

Die Armut stellt nach wie vor ein erhebliches Problem unserer Gesellschaft dar. Trotz des hohen Wohlstandsniveaus Deutschlands steigt die Zahl der von Armut betroffenen Menschen immer mehr an. Ihre Entstehung kann jedoch viele Ursachen haben. Nicht zuletzt trägt die Arbeitslosigkeit und insbesondere die Langzeitarbeitslosigkeit dazu bei, dass Menschen immer häufiger in Armut geraten. „Schon seit Anfang der 1980er Jahre waren Haushalte mit mindestens einem arbeitslosen Mitglied etwa dreimal so oft arm wie der Rest der Bevölkerung[41]. Laut einer Definition der Bundesanstalt für Arbeit sind diejenigen als langzeitarbeitslos zu bezeichnen, „die mehr als ein Jahr ununterbrochen arbeitslos gemeldet sind“[42]. Insbesondere ältere Menschen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder einem geringen Qualifikationsniveau sind sehr häufig davon betroffen[43]. Eine Zusammenfassung Rainer Geißlers´ Sozialstruktur Deutschlands ergänzt die Frauen als eine weitere Risikogruppe[44].

Verfolgt man heute den Stellenmarkt in verschiedenen Tageszeitungen, so stellt man fest, dass zunehmend mehr junge Menschen gesucht werden. Aber auch hier hat längst nicht mehr jeder eine Chance. Reichte noch bis vor einigen Jahren ein ganz normaler Volksschulabschluss vollkommen aus, um bestimmte Berufe ausüben zu können, so werden heute für diese Berufe immer öfter qualifiziertere Schulabschlüsse, wie das Abitur oder gar ein abgeschlossenes Studium verlangt. Auslöser dafür ist unter anderem die „zunehmende Expansion des Bildungswesens“[45]. Doch was geschieht mit den Menschen, die besagten Schulabschluss nicht vorweisen können oder nicht den Altersvorstellungen der suchenden Firmen entsprechen? Die Langzeitarbeitslosigkeit hat in vielen Fällen eine materielle Verarmung zur Folge, was wiederum bedeutet, dass die Betroffenen dazu gezwungen werden, ihren Lebensstandard massiv einzuschränken. Immer seltener reicht die Arbeitslosenunterstützung aus, um das soziokulturelle Existenzminimum zu sichern. Es droht die Gefahr, in die Armut abzurutschen. Einen weiteren Grund für die permanent ansteigende Arbeitslosenzahl stellen die Rationalisierungsprozesse in den Firmen dar. Arbeitsplätze wurden und werden weiterhin aufgrund von technischen und wirtschaftlichen Modernisierungsprozessen verstärkt abgebaut und automatisiert. Ferner nahm die Zahl der Arbeitssuchenden in den 1980er Jahren stark zu, unter anderem bedingt durch den verstärkten Zustrom von Flüchtlingen und Asylbewerbern[46].

Ein Blick auf den Arbeitsmarkt lässt deutlich werden, dass gerade durch die einerseits bereits erwähnte Rationalisierung von Arbeitsplätzen und andererseits durch die Zuwanderungen der Ausländer ein Mangel an Arbeitsplätzen gegeben ist. Im April 2005 waren in Deutschland 4.967.592 Menschen arbeitslos, die Arbeitslosenquote lag bei 12%[47]. Ein Vergleich mit dem Vorjahresmonat ergab, dass bereits im April 2004 noch 524.208 weniger Arbeitslose in Deutschland zu verzeichnen waren[48].

Gleichwohl können auch weitere Ursachen den Abstieg in die Bedürftigkeit beschleunigen. Alleinerziehende bspw. „sind häufiger in unteren Einkommensschichten zu finden“[49]. Sie geraten nicht nur bedingt durch die fehlenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten, sondern auch aufgrund mangelnder Unterhaltszahlungen schnell in Einkommensarmut und Unterversorgungslagen[50].

Starke Determinanten für Armut bleiben nach wie vor die Lebensform, sowie die Haushaltsstruktur aber auch die Herkunft, denn auch die ausländischen Mitbürger sind verstärkt von Unterversorgungslagen betroffen.

Auf die verschiedenen Risikogruppen und deren Entstehung werde ich im nachfolgenden Kapitel noch detaillierter eingehen.

Zuletzt muss erwähnt werden, dass Armut zwar weitestgehend nicht durch eigene Verschuldung hervorgerufen wird, es dennoch einige wenige Fälle gibt, die das Abrutschen in die Armut selbst zu verantworten haben. Beispielshalber kann ein Mensch aufgrund eines Arbeitsunfalls in die Armut geraten, wenn hierfür keine Versicherung abgeschlossen wurde[51]. Auch Waghalsigkeit bei Aktiengeschäften und anderen unsicheren Investitionen[52] kann die Gefahr, in die Armut zu geraten, beschleunigen.

Selbstverständlich gibt es nach wie vor Politiker, die, so schreibt Dietmar Henning in seinem Bericht „Kinderarmut in Deutschland“, behaupten: „Arm seien die Menschen, die ungebildet und/oder faul sind“[53]. Auch Christoph Butterwegge betont in seinem Buch, dass Arbeitslose und Arme häufig genug als „Drückeberger“ und „Faulenzer“ dargestellt werden, die der Allgemeinheit zur Last fallen und dem Wirtschaftsstandort Deutschland schaden[54]. Des weiteren zitiert Butterwegge Thomas H. Marshall, der sagt, dass je mehr ein Mensch der Auffassung ist, Wohlstand mit Leistung gleichzusetzen, dieser auch eher dazu neigt, Armut als Zeichen des Versagens zu betrachten[55].

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Armut zwar auch durch Selbstverschuldung hervorgerufen werden kann, die hohe Armutsquote aber hauptsächlich ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Allgemeinsituation präsentiert.

In diesem Kontext werden im Folgenden diejenigen spezifischen Risikogruppen vorgestellt, die in unserer heutigen Gesellschaft am stärksten von Armut betroffen sind.

[...]


[1] Vgl. Toppe, S. (2001), S. 16.

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden ausschließlich die männliche Form verwendet, wenngleich damit aber auch immer die weibliche Form gemeint ist.

[3] Vgl. Butterwegge, C. (2000), S. 23.

[4] Vgl. Bäcker, G.

[5] Vgl. ebd.

[6] Butterwegge, C. (2000), S. 22.

[7] Vgl. Krüger, A.; Thadeusz, F. (02.03.2005).

[8] Vgl. Hradil (2001), S. 244.

[9] Vgl. Krüger, A.; Thadeusz, F. (02.03.2005).

[10] Palentien, C. (2004), S. 62.

[11] Vgl. ebd., S. 66.

[12] Hradil (2001), S. 244.

[13] Vgl. Toppe, S. (2004), S. 33.

[14] Vgl.Bäcker, G.

[15] Hradil (2001), S. 243.

[16] Vgl. Miller, S. (2004), S. 137.

[17] Vgl. Bäcker, G.

[18] Hradil (2001), S. 244.

[19] Verdeckte Armut in Deutschland.

[20] Vgl. Schader-Stiftung

[21] Vgl. Verdeckte Armut in Deutschland.

[22] Vgl. ebd.

[23] Vgl. Verdeckte Armut in Deutschland.

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. Schader-Stiftung

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. Palentien, C. (2004), S. 81.

[28] Schader-Stiftung

[29] Vgl. Holz/Hock (1999), S.12.

[30] Geers, Rolf (1999)

[31] Vgl. Nationale-Armutskonferenz (2001), S.6.

[32] Vgl. Chassé, Zander, Rasch (2003), S. 117.

[33] Vgl. ebd.

[34] Vgl. Geers, Rolf (1999).

[35] Vgl. ebd.

[36] Bertsch, F. (2002), S. 5.

[37] Vgl. Krüger, A.; Thadeusz, F. (02.03.2005).

[38] Bertsch, F. (2002), S. 5.

[39] Vgl. ebd.

[40] Fleßner, H. (2001), S. 19.

[41] Vgl. Hradil (2001), S. 253.

[42] Vgl. Butterwegge, C. (2000), S.198.

[43] Vgl. ebd. S. 200.

[44] Vgl. Sozialstruktur der Bundesrepublik

[45] Vgl. Palentien, C. (2004), S. 44.

[46] Vgl. Hradil (2001), S. 335.

[47] Vgl. Statistik Arbeitsamt

[48] Vgl. ebd.

[49] Vgl. Bertsch, F. (2002), S.3.

[50] Vgl. ebd. S.3, f.

[51] Vgl. Weber, C.(18.05.2005).

[52] Vgl. ebd.

[53] Henning, D. (30. 06. 2001), S. 4.

[54] Vgl. Butterwegge, C. (2000), S. 21.

[55] Vgl. ebd. S. 40.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Kinderarmut und Konsum als Thema im Sachunterricht?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
88
Katalognummer
V88722
ISBN (eBook)
9783638030366
ISBN (Buch)
9783638928359
Dateigröße
1127 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderarmut, Konsum, Thema, Sachunterricht
Arbeit zitieren
Julia Rehage (Autor), 2005, Kinderarmut und Konsum als Thema im Sachunterricht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88722

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