„Warum fließt Kapital nicht von allein von reichen zu armen Ländern?“ fragt Lucas in einem vielbeachteten Aufsatz. Die neoklassische Wachstumstheorie besagt, dass ein Land mit geringer Kapitalausstattung auf Grund höherer Grenzproduktivität eine höhere Kapitalverzinsung aufweisen und so mehr Kapital anziehen müsste. Dies hätte eigentlich zu einem massiven Kapitaltransfer von reichen in arme Ländern führen müssen, was in der Realität jedoch nicht einmal ansatzweise beobachtet werden konnte. Selbst in der heutigen Zeit von starkem Aufholwachstum vieler ehemaliger Entwicklungsländer hat sich dieses Phänomen noch verschärft. Anscheinend fließt Kapital sogar besonders aus schnell wachsenden Entwicklungsländern und eher in langsam wachsende:
„The paradox of international capital flows is worse than Lucas had imagined!“
Überträgt man den Gedanken auf die Kreditnehmerebene, lautet die Frage: „Warum
fließt Kapital nicht von reichen zu armen Menschen?“ Aufgrund ihrer geringeren Kapitalausstattung müssten Menschen mit wenig Kapital über eine höheres Kapitalgrenzprodukt verfügen und damit mehr Kapital anziehen.
Das Paradigma asymmetrischer Information liefert einen wichtigen Erklärungsansatz für
die Unvollkommenheiten des Kreditmarkts. Nach einer kurzen Erläuterung des Principal-
Agent-Modells, werden die wichtigsten Probleme der Kreditvergabe in Abschnitt 3 anhand verschiedener Modelle dargestellt. Während diese Probleme in Industrieländern weitestgehend gelöst sind, stellen sie Kreditnachfrager und -anbieter in Entwicklungsländern vor erhebliche Schwierigkeiten. Insbesondere trifft dies auf die besitzlosen, unteren Einkommensschichten zu. Segmentierungen zwischen formellem und informellem Sektor prägen bis heute weite Teile der Kreditmärkte in Entwicklungsländern. Ärmere Individuen haben hier oftmals keinen Zugang zum formellen Kreditmarkt und sind deshalb auf informelle Kreditgeber angewiesen, die vergleichsweise hohe Zinsen erheben und sich bei der Kundenauswahl außerdem sehr selektiv verhalten.
Die Zustände in den Kreditmärkten der Entwicklungsländer bewegten die Politik dazu,
subventionierte Kreditprogramme zu initiieren, deren Ziel vornehmlich darin bestand,
Kredite mit günstigen Zinsen anzubieten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
I Ineffizienzen des Kreditmarkts
2 Das Principal-Agent-Modell
3 Principal-Agent Probleme im Kreditmarkt
3.1 Adverse Selektion
3.1.1 Unterinvestition
3.1.2 Überinvestition
3.1.3 Kreditrationierungen
3.2 Moral Hazard
3.2.1 Ex-ante Moral Hazard
3.2.2 Ex-post Moral Hazard
3.2.3 Kreditrationierungen
4 Standardlösungen und Grenzen ihrer Anwendung in Entwicklungsländern
4.1 Informationssysteme
4.2 Kreditbesicherungen
4.2.1 Pfand
4.2.2 Bürgschaft
4.3 Folgen für die Kreditmärkte in Entwicklungsländern
II Mikrokredite
5 Entwicklung der Mikrokredite
5.1 Die Anfänge
5.2 Mikrokredite erster Generation
5.2.1 Ausgangspunkt
5.2.2 Programme und Resultate
5.3 Die Mikrokreditrevolution
6 Gruppenkredite
6.1 Lösung des adversen Selektionsproblems
6.1.1 Eigenschaften der Individuen sind untereinander bekannt
6.1.2 Eigenschaften der Individuen sind private Information
6.2 Lösung des Moral Hazard Problems
6.2.1 Projektwahl
6.2.2 Anstrengung
6.2.3 Durchsetzung
7 Jenseits von Gruppenkrediten
7.1 Dynamische Initiativen
7.2 Hochfrequentige Rückzahlungspläne
7.3 Cross-Reporting
7.4 Weitere Aspekte
7.4.1 Kreditvergabe überwiegend an Frauen
7.4.2 Flexible Handhabung von Kreditbesicherungen
7.4.3 Der Microloan Officer
III Eine kritische Bilanz
8 Gruppenkredite
8.1 Individuelle Kreditvergabe versus Gruppenkredite
8.2 Einfluss von sozialen Bindungen innerhalb der Gruppe
9 Zur Wirkamkeit von Mikrokreditprogrammen
10 Subventionen: Zielkonflikte und Trade-offs
10.1 Poverty Lending versus Financial Systems
10.2 Finanzielle Unabhängigkeit?
10.3 Trade-off von Profitabilität und Armutsbekämpfung
10.4 Kosten-Nutzen-Analysen
11 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die ökonomischen Grundlagen von Mikrokrediten, insbesondere im Kontext von asymmetrischen Informationen und Marktineffizienzen in Entwicklungsländern. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, wie Mikrokreditprogramme – insbesondere Gruppenkredite – trotz schwieriger institutioneller Rahmenbedingungen hohe Rückzahlungsraten erzielen und inwiefern sie zur Armutsbekämpfung beitragen können.
- Analyse asymmetrischer Information (Adverse Selektion und Moral Hazard) in Kreditmärkten
- Evaluation von Lösungsmechanismen wie Gruppenkrediten und gemeinsamen Haftungsmodellen
- Diskussion über die Rolle von sozialen Bindungen und Sanktionen für die Kreditrückzahlung
- Kritische Bilanz der Effektivität von Mikrokreditprogrammen und deren Subventionsabhängigkeit
Auszug aus dem Buch
3.1 Adverse Selektion
In einem vereinfachten, auf dem Modell von Stiglitz und Weiss aufbauenden Modell wird gezeigt, wie es aufgrund asymmetrischer Information zu einem Ausschluss von Individuen mit effizienten Projekten kommen kann. Die hier verwendete Darstellung des Modells ist an Armendáriz de Aghion und Gollier sowie Ghatak angelehnt.
Es gebe eine bestimmte Anzahl von risikoneutralen, besitzlosen Individuen, die in ein einperiodiges Projekt investieren können, dessen Kosten eine Geldeinheit beträgt. Um die Investition durchführen zu können, müssen sie mangels eigenen Kapitals einen Kredit aufnehmen. Alle Individuen sind durch beschränkte Haftung davor geschützt, mehr als ihre Einnahmen in einer Periode zahlen zu müssen. Es gibt Individuen mit risikoreichen Investitionsvorhaben (R-Individuen), die mit Wahrscheinlichkeit pr [1; 0] einen Erlös von Rr = H und mit Wahrscheinlichkeit (1 pr) einen Erlös von Rr = 0 erzielen. Ihre Erlösdichtefunktion lautet somit f(Rr) = pr falls Rr = H, 1 pr falls Rr = 0.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Paradoxon internationaler Kapitalströme und motiviert die Untersuchung von Mikrokrediten als Lösung für Marktineffizienzen durch asymmetrische Information.
2 Das Principal-Agent-Modell: Dieses Kapitel führt das theoretische Fundament der Principal-Agent-Theorie ein, um Probleme in vertraglichen Beziehungen bei unvollkommener Information zu analysieren.
3 Principal-Agent Probleme im Kreditmarkt: Hier werden adverse Selektion und Moral Hazard explizit auf Kreditmärkte angewendet und die daraus resultierenden Kreditrationierungen formal hergeleitet.
4 Standardlösungen und Grenzen ihrer Anwendung in Entwicklungsländern: Das Kapitel diskutiert, warum klassische Instrumente wie Kreditbüros und Sicherheiten in Entwicklungsländern oft versagen.
5 Entwicklung der Mikrokredite: Dieser Teil zeichnet den historischen Weg von frühen Genossenschaften hin zur modernen Mikrofinanzbewegung nach.
6 Gruppenkredite: Das Kapitel analysiert, wie gemeinsame Haftung und soziale Kontrolle das Problem der asymmetrischen Information innerhalb von Kreditgruppen lösen.
7 Jenseits von Gruppenkrediten: Hier werden innovative Mechanismen wie dynamische Initiativen und hochfrequente Rückzahlungspläne als alternative Erfolgsfaktoren vorgestellt.
8 Gruppenkredite: Eine kritische Bilanz, die Vor- und Nachteile von Gruppenkrediten gegenüber Individualkrediten abwägt.
9 Zur Wirkamkeit von Mikrokreditprogrammen: Dieses Kapitel bewertet die tatsächliche armutsreduzierende Wirkung von Mikrokrediten anhand von Fallbeispielen und empirischen Studien.
10 Subventionen: Zielkonflikte und Trade-offs: Hier wird der Konflikt zwischen finanzieller Nachhaltigkeit und dem Ziel, besonders arme Bevölkerungsschichten zu erreichen, intensiv diskutiert.
11 Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit kontextspezifischer Lösungen für eine effektive Mikrofinanzpolitik.
Schlüsselwörter
Mikrokredite, Mikrofinanz, Asymmetrische Information, Adverse Selektion, Moral Hazard, Gruppenkredite, Gemeinsame Haftung, Kreditrationierung, Entwicklungsökonomie, Armutsbekämpfung, Finanzielle Nachhaltigkeit, Subventionen, Principal-Agent-Modell, Soziales Kapital, Rückzahlungsraten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ökonomischen Mechanismen hinter dem Erfolg von Mikrokrediten, insbesondere deren Fähigkeit, Marktineffizienzen wie asymmetrische Information in Entwicklungsländern zu überwinden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Principal-Agent-Probleme (adverse Selektion und Moral Hazard), die Rolle von Kreditbesicherungen, die Funktionsweise von Gruppenkrediten und die Debatte um die finanzielle Unabhängigkeit von Mikrofinanzinstitutionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, theoretisch und empirisch zu untersuchen, wie durch spezifische Vertragsgestaltungen – wie Gruppenkredite mit gemeinsamer Haftung – hohe Rückzahlungsraten erzielt werden und welche Auswirkungen dies auf die Armutsbekämpfung hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt überwiegend theoretische mikroökonomische Modelle (Principal-Agent-Modelle) zur formalen Analyse der Kreditbeziehungen und ergänzt diese durch die Auswertung empirischer Studien zur Wirkungsanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Analyse von Ineffizienzen am Kreditmarkt, die Darstellung der Entwicklung und Funktionsweise von Gruppenkrediten sowie eine kritische Bilanz der Effektivität von Mikrokreditprogrammen hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit und Armutsreduktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind Mikrokredite, Adverse Selektion, Moral Hazard, Gemeinsame Haftung, Kreditrationierung und Finanzielle Nachhaltigkeit.
Warum scheitern klassische Sicherheiten in Entwicklungsländern oft?
In vielen Entwicklungsländern fehlen funktionierende rechtliche Rahmenbedingungen oder die Armen verfügen schlicht über keine verwertbaren Vermögenswerte, die als Pfand dienen könnten, was den Zugang zum formellen Kreditmarkt blockiert.
Gibt es einen Zielkonflikt bei Mikrokrediten?
Ja, es existiert ein oft diskutierter Trade-off zwischen der angestrebten finanziellen Unabhängigkeit der Mikrofinanzinstitutionen und dem Ziel, die ärmsten Schichten zu erreichen, da diese oft höhere Kosten in der Betreuung verursachen.
Was ist das "Mission Drift" Problem?
Unter "Mission Drift" versteht man die Tendenz von Mikrofinanzinstitutionen, sich bei zunehmender Kommerzialisierung eher wohlhabenderen Kunden zuzuwenden, um die Profitabilität zu steigern, was jedoch ihrem ursprünglichen sozialen Auftrag widerspricht.
Warum ist das soziale Kapital in Gruppenkrediten so wichtig?
Soziales Kapital ermöglicht Monitoring und soziale Sanktionen durch die Gruppenmitglieder selbst, wodurch die Bank Kosten für Überwachung und Durchsetzung einsparen kann.
- Quote paper
- Christoph Pfeiffer (Author), 2007, Mikrokredite: Eine ökonomische Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88740