Das Waldensertum im Kontext der Armutsbewegung des Mittelalters


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
26 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Suche nach den Ursprüngen des Ketzertums
2.1 Die Gregorianische Reform
2.2 Die Armutsbewegung
2.3 Wanderprediger und Ketzer
2.3.1 Begriffsklärung: Häresie und Ketzerei
2.3.2 Ein Vergleich der Bewegungen

3. Die Waldenser – eine Ketzergruppe?
3.1 Die Anfänge
3.1.1 Waldes von Lyon
3.1.2 Merkmale der Bewegung
3.1.3 Der erste Konflikt
3.1.4 Gruppenspaltung und Missgunst der Kirche
3.2 Die Waldenser im 13.Jh.
3.2.1 Das 4.Laterankonzil 1215
3.2.2 Die Konferenz von Bergamo
3.2.3 Inquisitorische Maßnahmen gegen die Waldenser
3.3 Das Überleben der Waldenser im 14.Jh
3.4 Die Verfolgungen des 15.Jh.
3.5 Bestandsaufnahme des Armutideals

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Internet

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich mich mit den Waldensern, einer Ketzergruppe des Mittelalters, beschäftigen. Dabei werde ich der Frage nachgehen, warum die Waldenser als Ketzer bezeichnet wurden. Wo liegen die Ursprünge der Gemeinschaft und wie lassen sie sich in den Kontext der Armutsbewegung einordnen und charakterisieren? Wo liegt der Unterschied zu den Wanderpredigern, die nicht verfolgt wurden? Warum wurden solch grausame Maßnahmen zur Beseitigung der Waldenser eingeführt? Wie konnten sie überleben? Es stellen sich viele Fragen, von denen ich die wichtigsten zu beantworten versuchen werde.

Im Folgenden werde ich auf die Ursprünge des „Ketzertums“ eingehen, indem ich die Haltung Gregors VII., die ihn zur Gregorianischen Reform veranlasste, erkläre und die daraus resultierende Bewegung charakterisiere. Im Anschluss folgt dann ein kurzer Vergleich zwischen Wanderpredigern und Ketzern, um die Reaktionen der Kirche zu verstehen. Diese wurzeln jedoch nicht nur in einem gravierenden Unterschied, sondern in mehreren, die ich, nach einer Einführung des Waldes und dem Beginn der Bewegung, angeben werde. Anschließend werde ich die weitere Entwicklung skizzieren, wobei ich mich vor allem am 13. und 14. Jahrhundert orientieren und besonders die Rolle der Inquisition herausstellen werde. Danach gehe ich der Frage nach, ob das Armutsideal, das zu Beginn der Bewegung stark in das Leben der Waldenser integriert war, auch noch zu Beginn der Neuzeit als einer der Grundpfeiler der Bewegung galt.

Am Ende meiner Arbeit werde ich in einer Schlussbemerkung die wichtigsten Tatsachen zusammenfassen und offene Fragen aufwerfen.

2. Suche nach den Ursprüngen des Ketzertums

2.1 Die Gregorianische Reform

Suchen wir nach den Ursprüngen der Wandergemeinschaft der Waldenser, so müssen wir bei den religiösen Armutsbewegungen des Mittelalters beginnen, aber auch diese haben ihren Ursprung - und zwar in der Gregorianischen Reform.

Durch den damaligen Papst, Gregor, den VII., entstand im 11./12. Jahrhundert eine Reformbewegung, die sich zu Beginn gegen den Kauf und Verkauf von Ämtern (Simonie), die Priesterehe und eheähnliche Gemeinschaften (Konkubinat) wandte, im weiteren Verlauf jedoch auch existierende Formen wie Laieninvestitur und Eigenkirchenwesen scharf kritisierte.[1] Um die Kritik des Eigenkirchenwesens zu verstehen, ist es wichtig, die damalige Situation der Kirche zu verdeutlichen: Der Kirchenbesitz gehörte nicht, wie etwa heute, der Kirche, sondern dem Staat, welcher die Bischöfe einstellte, so dass die Kirche in Abhängigkeit des Staates geriet und keinerlei Freiheiten genoss. Diese Freiheit versuchte nun Gregor, der VII., wiederzuerlangen, indem er sich darum bemühte, die Kirche von den politischen Zwängen zu befreien, indem er den kaiserlichen Einfluss einzudämmen versuchte.[2] Dies wird z.B. in seinem „Dictatus papae“ deutlich, in welchem er unter Punkt XII dem jeweiligen Papst, also auch sich selbst, die Erlaubnis gewährte, den jeweiligen Kaiser abzusetzen.[3]

Sein Grundgedanke bestand in der Annahme, dass nur würdige Priester, die also weder simonistisch noch unkeusch die heilige Messe vollzogen, wirksam die religiösen Funktionen erfüllen konnten. Aus diesem Gedanken heraus entwickelten sich bei den Menschen sodann Fragen gegen die kirchliche Ordination: Muss man kirchlich ordiniert sein, um das Heil zu erlangen? Sollte man sein Leben nach den apostolischen Normen ausrichten? Ist derjenige ein würdiger Priester, der nicht nach dem Vorbild der Apostel lebt? Gregor kam zu dem Schluss, dass Armut die beste Voraussetzung für einen würdigen Priester sei, und orientierte sich damit an der Urkirche („ecclesia primitiva“).[4]

Aus der Kritik der Kirche an ihrem Zustand, dem Grundgedanken Gregors und aus dem neu entstehenden Armutsideal heraus entstand als Folge eine Armutsbewegung, die, die Verweltlichung der Kirche kritisierend, nach dem Vorbild der Apostel zu leben beschloss.

2.2 Die Armutsbewegung

Betrachtet man die im Mittelalter existierende Armut, so muss man zunächst zwischen unfreiwilligen und freiwilligen Armen differenzieren.[5] Während unfreiwillige Armut als Unglück galt, das Betteln zum Lebensunterhalt als Verstoß gegen die bestehende Ordnung angesehen wurde und dieses Leben eine „erhöhte Gefahr für die Seele“ darstellte, galt die freiwillige Armut als Möglichkeit der Läuterung.[6] Diejenigen, die sich freiwillig für ein Leben in Armut entschieden, galten im Gegensatz zu den Unfreiwilligen nicht nur als Abbilder Jesu Christi, sondern sie verkörperten auch den „lebendigen, gegenwärtigen Christus“[7]. Ihre Armut sollte verdeutlichen, dass nicht materieller Besitz im Hinblick auf das Seelenheil des Einzelnen von Bedeutung ist, sondern nur die von den Aposteln vorgelebte Armut entscheidend ist und zur Tugend werden kann.

Zahlreiche Gruppen wollten zur apostolischen Einfachheit zurückkehren und Jesu Leben nachahmen, so dass im Kontext der Armutsbewegung eine neue religiöse Gesinnung entstand. Charakteristisch für diese Bewegung waren die Nachahmung Jesu Christi (Imitatio Christi), das Leben nach dem Vorbild der Apostel (Vita apostolica), der Verzicht auf jeglichen materiellen Besitz, der als Hindernis auf dem Weg zum Heil angesehen wurde, sowie das Gemeinschaftsleben als entscheidender Weg der Nachfolge Jesu Christi. Es ist nur verständlich, dass die weiter fortschreitende Verweltlichung und Prachtentfaltung der Kirche von Seiten dieser neuen Gesinnung zunehmend kritisiert wurde, da die Gruppe gerade das Gegenteil propagierte.[8] Man war davon überzeugt, dass die Kirche nicht mehr den einzigen Weg zum Heil darstellte, sondern dass man auch ohne diese, durch „Rückkehr zu den Idealen der alten Kirche“[9] Erlösung und Seelenheil erzielen könne.[10] Es wurde jedoch nicht nur heilsökonomisch gedacht: Auch die „Teilnahme an der Gemeinschaft der Heiligen“[11] gehörte zur festen Überzeugung vieler, die beschlossen, in Armut durch die Lande zu ziehen und das Evangelium zu predigen, um die Vollkommenheit zu erlangen.[12] Gegen diese Wanderprediger, die zuerst in Frankreich auftraten, sich mit der Zeit bis in die oberdeutschen Handelsstädte ausbreiteten und zunächst von ihrem Handwerk lebten, wurden Bedenken kund. Man bemängelte die Beteiligung von Frauen, kritisierte die apostolischen Predigten gegen die Sünden des Klerus und Verstöße gegen die kirchliche Ordnung und forderte infolgedessen Ordensgründungen, durch die die Wanderprediger Anerkennung ihres Wirkens bekamen. So entwickelten sich aus der Armutsbewegung der Wanderprediger apostolisch tätige Bettelorden (=Mendikanten), die sich gastweise verweilend um ständige Niederlassungen in allen größeren Städten bemühten.[13] Sie vermittelten zwischen Gläubigen und Armen, missionierten, kamen dem großen Bedürfnis nach Seelsorge nach und stießen mit ihrem Angebot in eine „Marktlücke“.[14]

2.3 Wanderprediger und Ketzer

Zu Anfang des 12.Jh. tauchten, etwa zeitgleich mit den Wanderpredigern, Gruppen mit den gleichen Ideen des evangeliengemäßen Lebens auf. Diese schienen sich zunächst nicht von den eigentlichen „legalen“ Wanderpredigern zu unterscheiden, im Laufe der Entwicklung bildeten sich jedoch unterschiedliche Merkmale heraus, die von Seiten der Kirche als häretisch angesehen wurden. Diese häretischen Gruppen, die gegen die kirchliche Ordnung verstießen, bezeichnete man als Ketzer.

2.3.1 Begriffsklärung: Häresie und Ketzerei

Der Begriff ‚Häresie’ stammt vom griechischen Begriff ‚hairesis’ ab und bezeichnet eigentlich „jede Art von Wahl und Auswahl, etwa aus einem größeren Ganzen“[15].Es kann aber auch als Ergebnis einer Entscheidung zwischen verschiedenen Elementen bezeichnet werden, so dass man im ursprünglichen Sinne von einem wertfreien Begriff sprechen muss.

Im Hinblick auf Bibelstellen ist 1Kor 11,18-19 zu nennen, in dem Paulus bestätigt, von Spaltungen innerhalb der Gemeinde gehört zu haben, und sagt, dass diese notwendig seien, um zu erkennen, wer rechtgläubig ist. Im Brief an Titus spricht Paulus direkt von Häretikern, die man meiden müsse, da diese sündigten und auf dem falschen Weg seien.[16]

Alle „Sonderlehren, die von der allgemeinen christlichen Wahrheit und Tradition abwichen“[17] erklärte man zu häretischen Lehren, wodurch der Begriff direkt negativ belastet wurde. Robert Grosseteste sprach im 13.Jh. hinsichtlich des Begriffes „Häresie“ von einer Auffassung, „‘für die sich die menschliche Erkenntnis im Widerspruch zur Heiligen Schrift entscheidet, sie öffentlich bekennt und hartnäckig verteidigt’“[18]. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dann aus dem allgemeineren Begriff der Häretiker der der Ketzer, welcher sich auf die häretische Gruppe der Katharer zurückführen lässt.

2.3.2 Ein Vergleich der Bewegungen

Vergleicht man die zeitgleich entstandenen Gruppen der Wanderprediger mit denen der Ketzer, so fallen zunächst die Gemeinsamkeiten auf. Beide Bewegungen lassen sich durch ein evangeliengemäßes Leben nach dem Vorbild der Apostel charakterisieren: Sie zogen von Ort zu Ort, ohne materiellen Besitz, beteten, predigten das Evangelium und lebten von ihrem Handwerk. Durch ein Leben nach dem Vorbild der Apostel beschlossen sie, die Nachfolge Christi anzutreten.[19] Sie hielten sich streng an das Bibelwort (Biblizismus) und bemühten sich um eigene Schriftkenntnisse. Ausgebreitet in allen sozialen Schichten und auch von Frauen aufgesucht, versuchten sie, den apostolischen Anspruch zu verwirklichen, jedoch ohne Legalisierung ihres Wirkens durch die Kirche. Da diese, im Gegensatz zu den Wanderpredigern, als Laien ohne Erlaubnis öffentlich für die Kirche sprachen, führte dies zu großer Missgunst der kirchlichen Autorität, die begann, die Ketzer zu bekämpfen.

[...]


[1] Vgl. http://www.eckhart.de/index.htm?begriffe.htm

[2] Vgl. http://www.martin-knust.de/mittelalter/rollekirche.php4

[3] Vgl. http://turba-delirantium.skyrocket.de/bibliotheca/gregor7_dictatus_papae_deu.htm

[4] Vgl. Grundmann, Herbert: Religiöse Bewegungen im Mittelalter,1977,S.14ff

[5] Vgl. Mollat, Michel: Die Armen im Mittelalter, 1984,

[6] Vgl. ebd.,

[7] ebd.,

[8] Vgl. http://eckhart.de/moench.htm

[9] Beck, Hans- Georg: Vom Umgang mit Ketzern,1993,

[10] Vgl. Lambert, Malcolm: Häresie im Mittelalter, 2001,

[11] Mollat, Michel: Die Armen im Mittelalter, 1984,

[12] Vgl. ebd.,

[13] Vgl. Hecker, Norbert: Bettelorden und Bürgertum, 1981, S.14 ff.

[14] Vgl. ebd.,

[15] Beck, Hans- Georg: Vom Umgang mit Ketzern, 1993,

[16] Vgl. ebd.,

[17] Mühlenberg, Ekkehard: Häretiker und Schismen,1983,

[18] Grosseteste, Robert zitiert nach Lambert, Malcolm: Häresie im Mittelalter, 1992,

[19] Vgl. Grundmann, Herbert: Religiöse Bewegungen im Mittelalter,1977,

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Waldensertum im Kontext der Armutsbewegung des Mittelalters
Hochschule
Universität zu Köln  (Erziehungswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Geschichte des Mönchtums
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V88803
ISBN (eBook)
9783638032216
ISBN (Buch)
9783638931106
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Waldensertum, Kontext, Armutsbewegung, Mittelalters, Geschichte, Mönchtums
Arbeit zitieren
Nicole Anton (Autor), 2005, Das Waldensertum im Kontext der Armutsbewegung des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88803

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